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	<title>Fantomzeit &#187; Artikel aus den ZS</title>
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	<description>Dunkelheit oder Leere im frühen Mittelalter?</description>
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		<title>Doppelter Gregor &#8211; fiktiver Benedikt</title>
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		<pubDate>Tue, 27 Apr 2010 16:11:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>ao</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel aus den ZS]]></category>
		<category><![CDATA[Frühmittelalter]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Pseudo-Papst erfindet Fegefeuer und einen Vater des Abendlandes</h3>
<h3>von Heribert Illig (aus <a title="http://www.mantis-verlag.de/?page_id=546" href="http://www.mantis-verlag.de/?page_id=546" target="_blank">Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart 2/1994</a>)</h3>
<p>Die Überschrift könnte auch lauten: Wie man Lawinen auslöst. Da bringt 1993 ein Regionalteil der Süddeutschen Zeitung einen beiläufigen Artikel aus Anlaß eines alljährlichen kirchlichen Feiertages, der die brisante Frage aufwirft, ob einer der größten Heiligen der Christenheit überhaupt gelebt habe [Reichold]. Da meine Rückfragen nach Literatur buchstäblich auf der Strecke bleiben, verfasse ich eine Kommentierung, in der ich auf noch sehr dünnem Boden den geschichtlichen Tod des zweiten &#8220;Vater des Abendlandes&#8221; nahelege [Illig 1993].<br />
<!--more--><br />
Mein Leser A.K. Gottwald kennt nun den Autor des ursprünglichen Benediktartikels und schafft Kontakt zwischen uns. Klaus Reichold, der schon vor der Magisterprüfung mehr Zivilcourage zeigt, als andere sich vergeblich durch sie erhoffen, weist mir den Weg zu jenen Benediktinermönchen, die &#8211; ob mit oder ohne Freud &#8211; Hand an ihren Über-, pardon, Ordensvater legen. Sein wichtigster Hinweis gilt dem Kirchenwissenschaftler Francis Clark, der sich am weitesten vorgearbeitet hat.</p>
<p>Und nun geht es Schlag auf Schlag. Der hl. Gregor verdoppelt sich zu Gregor + Pseudo-Gregor, die Geburt des Fegefeuers erlaubt eine neue Datierung dieses Pseudo-Gregors, die Fiktion des hl. Benedikts verflüchtigt sich, während schemenhaft die eigentliche Geschichte von Papsttum, Kurie und Benediktinerorden erkennbar wird.</p>
<h3>Benediktiner mäkeln am Hl. Benedikt</h3>
<p>Seit Jahrzehnten hinterfragen Benediktiner-Mönche sehr kritisch die Entstehung des eigenen Ordens und die Vita seines Gründers. Sie brachten so &#8211; zusammen mit Nicht-Mönchen &#8211; das Konstrukt ihrer eigenen Ordensgelehrten zu Fall. Hatte doch die methodisch orientierte Gruppierung von Saint-Maur, Mauriner genannt, von 1618 bis 1792 die geschichtlichen Hilfswissenschaften kreiert und dabei auch dekretiert, daß es im Europa des späten 6. Jhs. bereits ein Pan-Benediktinertum gegeben habe [zusammengefaßt bei C = Clark 190ff].Dieses und andere Desiderate bildeten &#8216;bis gestern&#8217; den Fundus der Benediktiner, wie die beiden Brockhaus-Passagen von 1967 zeigen. Ich habe fett-kursiv all jene &#8216;Fakten&#8217; hervorgehoben, die seitdem &#8216;amtlicherseits&#8217; ins Zwielicht geraten sind:</p>
<blockquote><p><em><strong>Benedikt von Nursia</strong></em>, Ordensgründer, * bei Nursia um 480, +| <em><strong>Monte Cassino 21.3.547</strong></em> (?). Die Nachrichten über sein Leben gehen hauptsächlich auf die legendar. Schilderungen <em><strong>Papst Gregors I</strong>. </em>zurück <strong>(<em>Einsiedlerleben in einer Höhle bei Subiaco, Leitung einer Mönchsgemeinschaft, Nachstellungen der Mönche). B. gründete bei Subiaco für die dort lebenden Eremiten 12 kleine Klöster</em></strong> und sammelte um 529 zu Monte Cassino (in Kampanien) eine Mönchsgemeinschaft, die mit der <em><strong>von ihm geschaffenen &#8216;Regula</strong></em>&#8216; zur <em><strong>Keimzelle</strong></em> des Benediktiner-Ordens und <em><strong>des abendländ. Mönchstums</strong></em> wurde.<em> </em><strong><em>Seine Gebeine wurden im 2. Weltkrieg in Monte Cassino nach der Zerstörung der Abtei aufgefunden</em>.</strong></p>
<p><em><strong>Benediktiner-Orden</strong></em>. G e s c h i c h t e. Der Orden wurde im 6. Jahrh. von BENEDIKT VON NURSIA gegründet;<em> </em><strong><em>seine Regel war bis in das 12. Jahrh. allein für das abendländ. Mönchtum maßgebend. Gregor d. Große (selbst ein Benediktiner) sandte 596 den Benediktinermönch Augustinus als Missionar nach England. Hier wie im fränkisch-karolingischen Reich (Bonifatius) wurde die Mission vom B. getragen</em>. </strong>Nach der Regel wandte er sich auch der Pflege der Kultur zu, seiner Tätigkeit vor allem ist die karolingische Renaissance zu danken. BENEDIKT VON ANIANE und vor allem das 910 gegr. Kloster Cluny belebten den Orden neu. Von Cluny wurde die Reform nach Gorze (bei Metz) getragen und von hier aus nach Sachsen, Bayern und Thüringen.</p></blockquote>
<p>Schon 1919 hatte R. EHWALD konstatiert, wie dürftig und zugleich spät die Anfänge benediktinischer Mission in England sind. 1947 bestätigte J. WINANDY OSB, daß die Missionare von Kent weder Benediktiner waren noch deren Regel mitbrachten [Winandy 244]. 1949 stellte H. TAUSCH OSB die benediktinischen Ursprünge in Österreich klar, während G. PENCO OSB 1957 zeigte, wie substanzlos die Annahmen über die rasche Verbreitung der Benediktiner-Regel gerade in Italien waren. Und der hl. Benedikt konnte ebensowenig römischer Abt gewesen sein, wie das Lateran-Kloster als Heimstätte der Benediktiner während der Zerstörungszeit von Monte Cassino (581-717) gedient haben konnte [C 225]. Penco deckte auch auf, daß gallische Klöster des 10. Jh. allzugerne ihre Gründung auf direkte Schüler des hl. Benedikts zurückführten, wie Pfarreien und Diözesen gerne von einem Apostel oder Apostelschüler abstammten. Dazu hatten sie in viele Gründungsurkunden Hinweise auf die Regel des hl. Benedikts (= RB) hineingefälscht [Penco 322f].</p>
<p>Im selben Jahr 1957 prüfte G. FERRARI, inwieweit Benediktiner-Klöster in Rom nach 600 vorherrschend waren, und kam zu dem überraschenden Schluß, daß vor dem 10. Jh. weder Orden noch Gründer nachweisbar sind  [Ferrari 379f].</p>
<p>Ebenfalls 1957 meldete Kassius HALLINGER OSB noch massivere Zweifel an. Er entlarvte jene Akten der römischen Synoden von 601 und 610 als Fälschungen, in denen Gregor I. und Bonifaz IV. der Regula Benedikti die päpstliche Anerkennung ausdrückten [Hallinger 235]. Ein weiteres Fälschungsverdikt traf einen äbtlichen Brief, der bislang als Beweis dafür galt, daß sich die RB rasch und vorrangig im Italien des späteren 6. Jhs. verbreitet hätte [Hallinger 236]. Weitere Fälschungen sind die Vita des Benedikt-Schülers St. Placidus, derzufolge Benediktinerklöster im Sizilien des 6. Jhs. gegründet worden wären, und die Vita von St. Maurus samt seiner Missionstätigkeit in Gallien [Hallinger 236]. Aufgeklärt wurde schließlich, daß keineswegs Gregor d. Gr. die RB der Kirche generell vorgeschrieben hat [Hallinger 235].</p>
<p>Darüber hinaus zeigte Hallinger, daß Papst Gregor d. Gr. weder Benediktiner gewesen war noch in seinem oder anderen Klöstern die RB eingeführt hat [Hallinger 271-277; C 195]. Ganz im Gegenteil: Wann immer Gregor von Ordensregeln spricht, ergeben sich Gegenpositionen zum hl. Benedikt und Anklänge an die Gesetzesgebung von Kaiser Justinian.</p>
<p>Last not least wird seit 1930 generell akzeptiert, daß die RB keineswegs die einzige und wegweisende Ordensregel war, sondern auf einer Regula magistri (vor 525) aufbaut. Die bis dahin propagierte umgekehrte Reihenfolge ließ sich nicht mehr halten [C 196].</p>
<p>Hier setzte nun Francis CLARK an, der sich 35 Jahre lang mit den Dialogen des hl. Gregor, also von Papst Gregor I. beschäftigt hat und 1987 auf 780 Seiten nachwies, daß sie keineswegs von diesem Papst stammen, sondern von einem späteren Autor! Die Bezüge zum hl. Benedikt werden sogleich klarwerden.</p>
<h3>Clarks Weg von Gregor zu Pseudo-Gregor</h3>
<p>Papst Gregor d. Gr. (* um 540; 590-604) ist als Briefe- und Buchschreiber gut belegt. Erhalten sind von ihm folgende Bücher: Moralia, Regula Pastoralis, die Homilien über Hezekiel, die Homilien über die Evangelien, der Kommentar zu 1 Regum und das Registrum Epistulorum. Deschner zieht aus ihnen den Schluß, daß seine Opera &#8220;jahrhundertelang das Abendland verblödeten&#8221;, während Dannenbauer über Gregors Hiob-Kommentar urteilt:</p>
<blockquote><p>Grausamer ist wohl in der ganzen Weltliteratur nie ein großes Dichtwerk mißhandelt worden [Deschner 1994, 208].</p></blockquote>
<p>Seine <em>Dialoge</em> nehmen seit langem eine Sonderstellung ein. Clark nahm die  Kritiken des 16. und 17. Jhs. &#8211; die erste stammte von Huldreich COCCIUS aus der Zeit um 1560 &#8211; an ihnen wieder auf und vertiefte sie entscheidend [C 30-45, 684]. Er beschäftigte sich dabei mit Stil und Inhalt der<em> Dialoge</em> genauso wie mit ihrer Einbettung in ihre vermeintliche Entstehungszeit und ihre Rezeptionsgeschichte.</p>
<p>Zunächst weist Clark minutiös nach, daß sich die <em>Dialoge</em> deutlich von Gregors sonstigen Werken unterscheiden. Breiten Raum in seiner Beweisführung nimmt die &#8220;immense Diskrepanz&#8221; im Stil zwischen Gregor und Pseudo-Gregor ein, die sich auf grammatikalische Phänomene, Wortschatz und Sprachmuster erstreckt [C 26f, 684-717]. Dieser Vergleich war noch relativ leicht, weil die Dialoge nur rund 5 % des erhaltenen Gregor-Oeuvres ausmachen und inzwischen der gesamte Wortschatz computermäßig erfaßt und statistisch ausgewertet ist. Wesentlich schwieriger und langwieriger war es, 80 originale Gregor-Passagen herauszufiltern, die in die Dialoge eingefügt worden sind [C 18f; minutiöser Nachweis C 431-579]</p>
<p>Damit gab sich Clark nicht zufrieden. Seine weiteren Prüfungen ergaben, daß Gregor in seinen sonstigen Äußerungen die Existenz &#8217;seiner&#8217; Dialoge nirgends erwähnt &#8211; einzige Ausnahme wäre ein Brief, doch den weist Clark als gefälscht nach [C 12, 65-93, insbes. 81]. Das konnte im Grunde nicht verwundern, weil Gregor aus seiner Vita heraus im Jahr 593 gar keine Zeit für die Abfassung der Dialoge gehabt haben konnte [C 12].</p>
<p>Ebensowenig wie Gregor sein &#8216;eigenes&#8217; Werk kennt, kennt es die ihm nachfolgende Zeit. Als ältester Hinweis galt eine berühmte Passage aus De viris illustribus von Ildephonsus von Toledo, doch sie stellte sich als mittelalterliche Interpolation, als eingeschmuggelt heraus [C 747]. Auch andere Zeugnisse, wie die Anthologien des Paterius und Tajo oder die Vitas Patrum Emeritensium oder die Vita Fructuosi hielten kritischer Befragung nicht stand, sondern erwiesen sich als gefälscht [C 747].</p>
<p>Damit stammen die frühesten historischen Belege für die Dialoge erst vom Ende des 7. Jhs. [C 15], von Aldhelm von Malmesbury (zwischen 688 und 693) und Julian von Toledo [C 112, 742, 744]. Ein Jahrhundert lang haben Zeitgenossen und Nachfolger &#8217;sehr beredt&#8217; über die Dialoge geschwiegen [C 49-64]. In dieses Bild paßt, daß die Dialoge aus Quellen schöpfen, die erst aus dem 7. Jh. stammen [C 22] und chronologische Fehler enthalten, die Gregor zu seiner Zeit nicht gemacht haben dürfte     [C 24]. Dazu nur zwei Beispiele: Die Gregor unterstellte Haltung gegenüber den seit 568 ins Land drängende Langobarden kann nicht der Realität um 600 entsprochen haben [C 63f]. Weiter sollen 440 Bauern im Jahre 578 den Märtyrertod durch die Langobarden erlitten haben, wie in den angeblich nur 15 Jahre später erschienen Dialogen berichtet wird. Trotzdem gab es noch lange Zeit später kein allgemeines Wissen um diese Märtyrer, keine zu ihrer Ehre geweihte Kirche und kein Wissen um den Ort ihres Todes   [C 669]. Überhaupt scheint die angebliche Grausamkeit der Langobarden vorwiegend den Dialogi zu entstammen [C 729]; denn ganz im Gegensatz dazu weiß man, daß in Rom trotz langobardisch-arianischer Eroberung viele Patrozinien überdauerten [C 738].</p>
<p>Diese Diskrepanz zwischen der eigentlichen gregorianischen Zeit, die sich in den päpstlichen Briefen widerspiegelt, und den Dialogen war 1978 schon V. RECCHIA aufgefallen:</p>
<blockquote><p>Es muß vor allem betont werden, daß sich das Bild einer Agrargesellschaft, wie es die Dialoge zeichnen, stark von dem unterscheidet, das sich in den Verwaltungsbriefen präsentiert [C 668; Recchia 6].</p></blockquote>
<p>Nachdem aber die Zeit nach 604 die vielleicht dunkelste der Papstgeschichte ist und das 7. Jh. generell als &#8220;dark age&#8221; bezeichnet werden muß, sind zahllose Geschichtslücken durch Informationen gefüllt worden, die aus den Dialogen gewonnen wurden [C 668].</p>
<h3>Pseudo-Gregor</h3>
<p>Clark hatte somit einen weiteren Pseudoepigraphen decouvriert: Sein Pseudo-Gregor reiht sich ein bei Pseudo-Ambrosius, der dem hl. Ambrosius u.a. fünf Passionen unterschoben hat [C 742], bei Pseudo-Athanasius, Pseudo-Dionysius, Pseudo-Hieronymus und Pseudo-Macarius [C 753], darf aber als &#8220;der talentierteste und erfolgreichste Legendenspinner von allen&#8221; bezeichnet werden [C 742]. Clark selbst benennt ihn meist als &#8220;dialogist&#8221; und fixiert ihn zeitlich wie örtlich. Da er Zugang zu den Gregor-Briefen gehabt haben muß und einen &#8220;Notar-Stil&#8221; schrieb, dürfte er am Lateran in der römischen Kurie gearbeitet haben [C 731]. Seine Erzählungen hat er teils früheren Autoren nachempfunden, teils frei erfunden [C 607]. Clark kann ihm zahlreiche Vorlagen nachweisen, mit denen er seiner Phantasie weiterhalf [C 585f], aber keineswegs nur ältere, sondern auch solche, die erst aus dem 7. Jh. stammen [C 609]. Trotz solcher Lapsi bemühte er sich als geübter Fälscher darum, seinen Erzählungen historische Konsistenz zu verleihen, indem er auf Namen und Personen zurückgriff, die auch in Gregors Werken genannt werden. Allerdings findet ein kritisches Auge schnell Diskrepanzen [C 659f, 670-683], wie es bei diesem Genre der &#8220;phantastischen Hagiographie&#8221; [C 750] zu erwarten ist.</p>
<p>Was war die Motivation für diesen Pseudo-Papst? Ihn muß der Wunsch  getrieben haben, anderen großen Wundertätern wie dem Hl. Antonius von Ägypten oder dem Hl. Martin von Gallien ein italienisches Pendant an die Seite zu stellen [C 726]. Dementsprechend wichtig sind ihm möglichst aufsehenerregende Wunder. Hier unterscheiden sich Gregor und Pseudo-Gregor beträchtlich. Hatte Gregor es abgelehnt, Wundererzählungen für die moralische Belehrung und Erziehung einzusetzen, bildeten sie für Pseudo-Gregor den Prüfstein für das Heilige [C 641]. Dabei bevorzugt er bizarre, alberne und &#8220;subchristliche&#8221; Geschehnisse, wie es Gregor selbst nie getan hat [C 23]. Der hielt sich noch an das Gelasianische Dekret, das vor 550 klarstellte: Märtyrergeschichten werden in der Kirche nicht gelesen, weil ihre Verfasser nicht bekannt sind, vor allem aber, weil dem schlichten Volk dadurch widersinnige und sehr unrealistische Dinge nahegebracht würden [C 601].</p>
<p>Dagegen sind die Vorstellungen Pseudo-Gregors über das Jenseits, wie er sie im vierten Dialogbuch vorträgt, nicht vereinbar mit der christlichen Orthodoxie der Zeit um 600 [C 23]. Durch ihn &#8211; doch das wird unten zu prüfen sein &#8211; fand das Seelengericht aus alten heidnischen Quellen Eingang in die christliche Lehre [C 645]. Gleichermaßen haben seine Dämonologie und seine Vorstellungen von Buße und vom Fegefeuer die kirchliche Lehrmeinung gegen die Intentionen Gregors stark beeinflußt [C 23]. Waren für Gregor die bösen Geister und der Teufel gefallene Engel, die fortwährend die Spiritualität der Menschen bedrohten, wandelt sich bei Pseudo-Gregor der Teufel zum, man könnte fast sagen, Goethe&#8217;schen Mephistopheles: Aus dem Bösen wird die Bosheit, aus dem Bedrohlichen ein Trickster, der mit Weihwasser oder einem Kreuzzeichen verjagbar ist und insofern keine existentielle Gefahr darstellt. Dieselbe Wandlung erfährt die Schar der nunmehr eher boshaften als bösartigen Dämonen [C 651f].</p>
<p>Aus den spektakulären Wundergeschichten Pseudo-Gregors leitet sich der von Adolf von Harnack so genannte &#8220;vulgäre Typus des romanischen Katholizismus&#8221; mit all den Dämonen und Zauberern ab, den er für den Untergang des wahren Christentums einschätzte [C 42; v. Harnack 333], getreu der mephistophelischen Einsicht: &#8220;Das Wunder ist des Glauben liebstes Kind&#8221;:</p>
<blockquote><p>Das Mirakel wurde das Kennzeichen der Religion. Diese lebt unter Engeln, Teufeln, Sakramenten, Opfern, Bußordnungen, Sündenstrafen, Furcht und Hoffnung, aber nicht in dem sicheren Vertrauen auf Gott in Christus und in der Liebe [v. Harnack 333].</p>
<p>So werden die Einbildungen eines ungebildeten Klerus wie des Laienstands in dogmatischen Formeln ausgedrückt; und die aktuellen Vorstellungen von Engeln, Heiligen, Dämonen, Wundern, Buße, Sühne, Fegefeuer, Himmel und Hölle wurden zu Ergänzungen der älteren Theologie [C 43].</p></blockquote>
<p>Für Th. Mommsen war Gregor der Große deshalb ein &#8220;recht kleiner großer Mann&#8221; [C 42], für v. Harnack &#8220;der Vater des (mittelalterlichen) Aberglaubens&#8221; [Deschner 1994, 219]. Während in Zukunft der hl. Gregor, um Pseudo-Gregor bereinigt, auch vor den Historikern bestehen könnte, werden wir aus diesem Vulgärkatholizismus Pseudo-Gregors eigentliche Datierung gewinnen.</p>
<p>Clark hatte also klargestellt, daß Gregor und Pseudo-Gregor zwei separate Geister waren. Wer von beiden mag den größeren Einfluß auf die Christenheit ausgeübt haben? Zwar wurde Gregor heiliggesprochen, als  der Große benannt, zum einzigen Kirchenvater auf dem Stuhl Petri erhoben und zusammen mit Leo d. Gr. als einziger Kirchenlehrer in dieser Position erachtet, doch ist er gegen Pseudo-Gregor und sein wundersüchtiges Christentum ins Hintertreffen geraten.</p>
<blockquote><p>Er hat fast ein halbes Jahrtausend die Dogmengeschichte im Abendland ohne Rivalen beherrscht und beherrscht im Grunde den Katholizismus noch eben [v. Harnack 333].</p></blockquote>
<p>Was v. Harnack schon 1891 geschrieben hat, gilt auch heute unverändert, da vermehrt Heiligenkalender publiziert werden, in denen penibel &#8211; ohne einen Hauch von Aufklärung &#8211; bizarre Wunder, widerwärtige Folterungen, sadomasochistische Qualen und satanische Blähungen einer Tausendschaft seltsamer Heiliger wiedergegeben werden [etwa Sellner 1993].</p>
<h3>Benedikt, der &#8220;kürzlich verschollene Mönch&#8221;</h3>
<p>Wir können damit zu jenem Heiligen zurückkehren, der &#8211; seltsame Vorstellung &#8211; ein Geschöpf, ein Homunkulus des Pseudo-Gregors zu sein scheint. Weil seine eigenen Mönche nichts über ihren Abt hinterlassen haben, stammt praktisch unser gesamtes Wissen über den hl. Benedikt von Nursia aus dem zweiten Band der Dialoge, der ihn zweifellos zum Patriarchen der Mönche im Westen gemacht hat [P. Battifol lt. C 186]. Wie steht es um den Gründer des Benediktinerordens, neben Karl dem Großen der zweite oder sogar erste &#8220;Vater des Abendlandes&#8221;?</p>
<p>Dieser Benedikt schrieb nicht nur die Benediktinerregel samt dem berühmten &#8220;ora et labora&#8221;, sondern er war auch einer der ganz großen Wundertäter. Wie Moses läßt er für seine Brüder Wasser aus dem Felsen strömen, wie Elias spendet er Öl bei einer Hungersnot, wie Jesus erweckt er Menschen vom Tod und läßt einen Jünger, den hl. Maurus, auf dem Wasser wandeln. Er kann Dämonen austreiben, Gifttränke (seiner Mitbrüder) erkennen und hat die  Gabe des Fernwissens und des Prophezeiens [Deschner 1990, 223].</p>
<p>Die Gründung seines Hauptklosters Monte Cassino fiel in dasselbe Jahr 529, in dem der byzantinische Kaiser die athenische Akademie auflöste; ihr Datum steht also für den geistigen Übergang von der Antike zum Mittelalter. Von da an hat sich der Geist der Benediktiner über Europa ausgebreitet und in verschiedenen Reformen &#8211; Cluny, Gorze, Hirsau &#8211; das Christentum auf seinem dornenreichen Weg vorangebracht. Solches galt bis dato.</p>
<p>Dem Tod des Heiligen, vorgeblich 547, folgen nicht nur keine Nachrufe und Erinnerungen von Seiten seiner Mönche, sondern überhaupt nur sehr wenige Hinweise auf ihn oder seine Nachfolger, was Le Goff zu einem kryptischen Satz veranlaßt hat:</p>
<blockquote><p>Für die Italiener schrieb er [Gregor] eine Hagiographie, in der er unter den italienischen Kirchenvätern einen gewissen Benedikt von Monte Cassino, einen kürzlich verschollenen Mönch hervorhob und zu einem großen christlichen Heiligen machte [Le Goff 1981, 111].</p></blockquote>
<p>Das mochte für die Hagiographie wenig oder auch schon sehr viel bedeuten. Clark, der Le Goffs Arbeit kannte, fügte geduldig weitere Puzzlesteine an, indem er vor allem klarstellte, daß auch der vom verschollenen Mönch zum großen Heiligen mutierte Benedikt keine meßbare Resonanz hervorrief.</p>
<blockquote><p>Es gibt ebensowenig die Spur einer biographischen Kenntnis des hl. Benedikts oder eines Kults oder einer liturgischen Erinnerung an ihn vor dem Ende des 7. Jhs. Sein Name fehlt in allen aufeinanderfolgenden Ausgaben des Martyrologium Hieronymianum bis zum frühen 8. Jahrhundert. Die Sakramentarien aus dem 7. Jahrhundert zeigen, daß es keinen Kult von ihm in Rom gab [C 16; ausgeführt 252f].</p></blockquote>
<p>In ganz Europa gibt es bis 700 keinen Festtag, keinen Jahrestag, keine ihm geweihte Kirche, keinen ihm geweihten Altar. Erst im frühen 8. Jh. wird Benedikt erstmals in einem liturgischen Dokument erwähnt [C 16]. Davor fehlt auch jeder Hinweis darauf, daß seine Regel irgendwo beachtet worden wäre (s.u.). Das benediktinische Mönchtum erlebt erst mit Papst Gregor II. und dem hl. Bonifaz im 8. Jh. eine erste Blüte [C 17].</p>
<p>Auf dem Weg zu diesem Ergebnis muß Clark endgültig ein Dokument verabschieden, das seit Jahrhunderten abwechselnd als falsch oder echt eingeschätzt wird: das sogenannte testamentum Sancti Leodegarii, unterzeichnet von 54 Bischöfen auf dem sogenannten Konzil von Autun, dessen Datierung zwischen 663 und 679 schwankt. Auf diesem &#8220;Konzil&#8221;, dessen Bezeichnung sich von St. Leodegar, dem Bischof von Autun, herleitet, wird die RB als einzige Mönchsregel dekretiert [C 236f]. Dieses Dokument, das ohnehin erst im 13. oder 14. Jh. Erwähnung findet, ist eine schlichte Fälschung, der in der  Realität nichts entsprochen hat, denn die alternative Columbansche Regel blieb in Gallien weiterhin dominierend [C 239].</p>
<p>Als weitere Fälschung stellte sich das Gedicht Mark&#8217;s von Monte Cassino heraus. Es schildert Details aus dem Benediktus-Leben, die in den Dialogen nicht erwähnt werden, und schließt die Lücke zwischen 6. und 8. Jh. Der frühere Glaube, daß es Mitte des 6. Jhs. geschrieben worden sei, muß der Einsicht weichen, daß es aus dem 8. Jh. stammt [C 293].</p>
<h3>Benedikt &#8211; zwibeleibt, einleibig, leiblos?</h3>
<p>Und was geschah mit Benedikts sterblichen Überresten? Nach der Zerstörung von Monte Cassino durch die Langobarden (aus den Dialogi auf 581 datiert, während Paulus Diaconus die Katastrophe erst nach 600 ansiedelt [C 739]) wurde das Kloster verlassen und aufgegeben. Gleichwohl wären die sterblichen Überreste von ihm und seiner Schwester, der hl. Scholastika, hundert lange Jahre unbeachtet in den Trümmern verblieben, während europaweit schwungvoller Reliquienhandel getrieben wurde. Gemäß der Überlieferung aus Cluny hätten dann französische Mönche die Reliquien zwischen 653 und 707 an die Loire verbracht [C 266]. Seitdem soll der Leib des hl. Benedikt in dem nach ihm benannten St. Benoît-sur-Loire liegen, der Leib der hl. Scholastika in Juvigny &#8211; nach einer Zwischenstation in Le Mans. Aber auch in Monte Cassino wurden beider Leiber nach den Zerstörungen von 1944 just dort entdeckt, wo sie gesucht und erwartet werden mußten: im Schrein unterm Hochaltar [C 262]. Die Montecassiner Tradition fühlte sich durch die Untersuchungen von 1951 bestätigt [C 272]. Clark bleibt da skeptischer:</p>
<blockquote><p>Der Schluß ist unausweichlich, daß irgendwann im frühen Mittelalter mindestens an einem der beiden Plätze &#8211; entweder in Montecassino oder in Frankreich &#8211; Überreste eines älteren Mannes und einer älteren Frau, die nicht die Überreste des hl. Benedikts und der hl. Scholastika waren, in einen Schrein gelegt und als die wahrhaftigen Reliquien dieser zwei Heiligen bezeichnet wurden [C 263].</p></blockquote>
<p>Der Befund braucht nicht zu verwundern, gelten doch 8. und 9. Jh. als die Blütezeit des Reliquienhandels, und kannte schon Gregor I. den Verkauf gefälschter Reliquien [C 273; Deschner 1990, 259]. Clark legt sich nicht fest, ob nur die Reliquien von St. Benoît-sur-Loire oder auch die von Montecassino gefälscht sind &#8211; beides wäre möglich, wie Fälschungen des 9. Jhs beweisen [Goffart]. Aber er stellt ganz klar, daß die angebliche Verbringung nach Frankreich einfach zu früh kommt: Benedikt war damals noch gar nicht bekannt [C 274].</p>
<h3>Zur Regel des hl. Benedikt</h3>
<p>Es läßt sich nun Aufklärendes zur Regula Benedicti sagen. Ihre Vorläuferin, die Regula magistri, stammt aus dem ersten Viertel des 6. Jhs., und die RB sollte ihr aus stilistischen Gründen nicht später als einige Dekaden folgen [C 222]. Aber vor 650 ist die RB weder in Rom noch im übrigen Italien, noch auf Mittelmeerinseln, noch in Spanien noch in England oder sonstwo auf den britischen Inseln anzutreffen &#8211; einzige Ausnahme ist eine Erwähnung im merowingischen Gallien um 625 [C 17, 222]. Vor den ersten Dekaden des 8. Jhs. blieb die RB &#8216;im Halbdunkel&#8217; und ließ nichts von dem meteorhaften Aufstieg erkennen, den sie in diesem Jahrhundert noch nehmen sollte [C 222]. Ebensowenig ist eine Verbindung von RB mit Monte Cassino [C 247] oder mit dem hl. Benedikt zu erkennen.</p>
<blockquote><p>Doch außerhalb der Seiten der &#8216;Dialoge&#8217; scheint es, als ob all diese Schüler und Nachfolger des großen Patriarchen der westlichen Mönche niemals existiert hätten &#8211; so total ist das Fehlen jeder verifizierbaren Spur von ihnen in der zeitgenössischen historischen Chroniken [...] Ist keiner von ihnen seinem [Benedikts] Beispiel gefolgt, ihrerseits Klöster zu gründen? Warum bringt die Hagiographie des sechsten, siebten und achten Jahrhunderts kein Echo ihrer Lebensläufe, ihrer Taten und Worte? Ansätze, diese Lücke zu füllen, beginnen erst im neunten Jahrhundert mit dem gefälschten Leben von St. Maurus, verfaßt von Abt Odo von Glanfeuil oder &#8216;St-Maur-sur-Loire&#8217; &#8211; denn auch der Körper des hl. Maurus soll, wie der seines Meisters, in ein Kloster an der Loire verbracht worden sein [C 248f].</p></blockquote>
<p>Der Vergleich mit der Hagiographie des hl. Columban, im 7. Jh. von Jonas von Bobbio verfaßt, zeigt, daß diese &#8220;fest in der verifizierbaren zeitgenössischen Geschichte verankert ist&#8221; [C 249]. So gehört für Clark zwar Columban, nicht aber Benedikt seiner eigenen Zeit an.</p>
<blockquote><p>Als die RB erstmals historisch berichtet wird, gibt es weder ein Anzeichen historischer Kontinuität noch irgendwo eine lebendige Tradition klösterlicher Observanz. Dies erscheint nicht wie ein religiöser Einfluß, der von einem berühmten Gründer durch seine verehrten Schüler weitergetragen wird, sondern wie ein vervielfältigter Text, der an einen Bischof und an Mönche verschickt worden ist, die bis dahin nichts von seiner Existenz wußten [C 250].</p></blockquote>
<p>Für Clark ist die RB &#8220;in der Praxis ein Jahrhundert und länger [nach Gregor] ignoriert&#8221; worden, obwohl sie schon im 6. Jh. weit verbreitet gewesen sein soll [C 221], und sie erlebt erst &#8220;nach einem Hiatus von über 150 Jahren historischer Dunkelheit&#8221; ihre triumphale Expansion [C 251].</p>
<h3>Abschied vom hl. Benedikt</h3>
<p>So viele Zweifel aber F. Clark rings um die Person des Benedikt gesät hat, so zurückhaltend ist er mit dessen endgültigen Streichung aus der Geschichte. Er hält die RB weiterhin für ein Produkt des 6. Jhs., datiert aber die Abfassung der gregorianischen Dialoge in die Zeit zwischen 671 und 688 [C 29, 172ff], während der eigentliche Gregor weiterhin 604 stirbt. Wirklich schlecht steht es um die hl. Scholastika, denn sie muß wohl als Fiktion Pseudo-Gregors verstanden werden [C 281; Cusack]. Doch ihren Bruder, von dem Clark nicht weiß, ob dieser Benedikt von Nursia und von Monte Cassino derselbe ist wie der Verfasser der Regula Benedicti, hält er keineswegs für völlig gefälscht:</p>
<blockquote><p>Aber trotz der Zweifel über die rivalisierenden Ansprüche auf die wahren Knochen und obwohl die Fakten seines Lebens in den legendenhaften Nebeln der Dialoge verborgen sind, steht sein wahres und andauerndes Denkmal wie ein Leuchtturm über den Gezeiten der Zeit. Die Klosterregel, die seinen Namen trägt, hat das Leben zahlloser Christen, Männern wie Frauen, über mehr als ein Jahrtausend hinweg geformt [C 281f].</p></blockquote>
<p>Er weicht also der ultimativen Antwort aus und rettet sich zu dem Sprichwort &#8216;Kein Rauch ohne Feuer&#8217;. Insofern erwartet er nur einen frischen Ansatz, um die zeitliche Position von Benedikt zu bestimmen [C 751].</p>
<p>Wir wollen hier den nächsten und endgültigen Schritt tun und den laut Reichold drohenden Sturz des Benedikts endgültig vollziehen. Es bleibe unbenommen, daß es ein &#8220;kürzlich verschollenes&#8221; Mönchlein dieses Namens im 6. Jh. gegeben haben mag, aber der kraftvolle Begründer seines Ordens und seiner Regel war dieser Benedikt mit Sicherheit nicht. Vollends fiktiv sind seine Konfratres, deren Lebensgeschichten sich insgesamt so in Luft auflösen wie die des Wasserwandlers Maurus, die als Fälschung entlarvt worden ist (s.o.).</p>
<h3>Pseudo-Gregor und das Fegefeuer</h3>
<p>Im Wissen darum, daß die Zeit von 604 bis 715 die dunkelste ist in der Geschichte des Christentums [C 745; le Bras 184], und im Lichte meiner These, daß die Zeit von 614 bis 911 künstlich erzeugt und deshalb streichenswert ist, stellt sich natürlich die Frage, wo Pseudo-Gregor in der realen Geschichte untergebracht werden kann, nachdem das von Clark vorgeschlagene späte 7. Jh. zu den fiktiven Zeiten gehört. Eine Antwort läßt sich ausgerechnet daraus gewinnen, daß das Fegefeuer die Gnade der späten Geburt für sich beanspruchen kann.</p>
<p>Der große Historiker Jacques Le Goff ist diesem katholischen Phänomen  nachgegangen und hat erforscht, wie sich die Fegefeuer-Vorstellung im Laufe der Zeiten entfaltet hat. In unserem Kreis hat bereits Hans-Ulrich Niemitz auf Le Goff und den Umstand verwiesen, daß das Fegefeuer verdächtig lange in Lethargie verharrte:</p>
<blockquote><p>In den fünf Jahrhunderten zwischen Gregor dem Großen [604] und dem 12. Jahrhundert entwickelten sich die Ansätze zum Purgatorium kaum weiter. [...] Die genannten fünf Jahrhunderte sind für uns eine lange Periode, in der das Nachdenken über das Jenseits anscheinend stagnierte [Le Goff 1990, 120; Illig-Niemitz 1991, 40]</p></blockquote>
<p>Dieser Verdacht wird nunmehr erhärtet und in eine Datierung ausgemünzt.</p>
<p>Das Fegefeuer, 1274 vom zweiten Konzil von Lyon als existent formuliert [Le Goff 287] und 1563 auf dem Trientiner Konzil dogmatisiert, hat vier viel ältere Väter: Die Begründer Clemens von Alexandria (+| 215) und Origenes (+| 254), den &#8220;wahren Vater&#8221; Augustinus (+| 430) und Gregor d. Gr. (+| 604) [Le Goff 72, 84, 110]. Doch diese Väter sprachen allenfalls vom <em>ignis purgatorius</em>, einem reinigenden Feuer, nicht von einem realen Ort, der wie Himmel und Hölle die Seele im Jenseits erwartet. Diese Wandlung vom ortslos brennenden Feuer zur realen Institution Fegefeuer, zum <em>Purgatorium</em>, erfolgte erst, &#8220;als sich zwischen 1150 und 1250 das Fegefeuer im Glauben der abendländischen Christenheit etablierte&#8221; [Le Goff 14]. (Im Deutschen werden beide Begriffe gleich übersetzt, ihre Unterschiede also verwischt).</p>
<blockquote><p>Für mich besteht kein Zweifel daran, daß in diesem Kreis, genauer gesagt in der Schule von Notre-Dame de Paris, das Purgatorium geboren wurde. [...] Am Schnittpunkt dieser beiden Kreise [der Schulen von Paris und Cîteaux] entstand zwischen 1170 und 1200, möglicherweise in den zehn Jahren zwischen 1170 und 1180, sicher aber spätestens im letzten Jahrzehnt des 12. Jahrhunderts das Purgatorium [Le Goff 191, 204].</p></blockquote>
<p>Francis Clark hat kurz nach Le Goff klargestellt, daß der vierte und letzte Fegefeuer-Vater nicht Gregor, sondern Pseudo-Gregor war, der erst um 680 geschrieben hätte. Damit wurde auch klar, warum Le Goff mit Gregor seine Schwierigkeiten hatte. Denn dieser Fegefeuervater</p>
<blockquote><p>brachte für diesen Glauben jedoch nur in zweiter Linie Interesse auf. Als entscheidend galt ihm, daß es am Tage des Jüngsten Gerichts nur zwei Kategorien von Seelen geben würde: Die Erwählten und die Verdammten [Le Goff 117f].</p></blockquote>
<p>Hier stört nicht die Schizophrenie eines Gregors, sondern die Diskrepanz zwischen Gregor und Pseudo-Gregor, die Le Goff entgangen war [C 650].</p>
<p>Nach meiner bisherigen These sind die Jahre zwischen 614 und 911 ersatzlos  zu streichen, weshalb Artefakte und Geschehnisse, die sich als real erweisen, in andere Zeiten umzudatieren sind. Pseudo-Gregor kann also nicht um 680, sondern frühestens ab 911 zur Feder gegriffen haben. Läge es nicht nahe, daß er in jenen Zeitraum gehört, in dem das Fegefeuer beginnt ortsgebunden zu brennen?</p>
<p>Dann müßte er der Zeit zwischen 1150 und 1190 angehören, weil er noch nicht den Begriff Purgatorium verwendet. Für diese beunruhigend späte Datierung gibt es ein starkes Indiz.</p>
<blockquote><p>Im IV. Buch der Dialogi vermittelt Gregor der Große [in Wahrheit also Pseudo-Gregor] anhand von Anekdoten &#8211; meist handelt es sich dabei um Visionen &#8211; einige Grundlehren des Christentums, wie z.B. die Unsterblichkeit der Seele, das Schicksal nach dem Tode und die Eucharistie. Die Anekdoten nennt er exempla und kündigt damit die exempla des 13. Jahrhunderts an, mit deren Hilfe der Glaube ans Fegefeuer verbreitet wurde. [...]<br />
Nach Gregors Geschichten [wurden] die Anekdoten zugeschnitten, mit deren Hilfe die Kirche im 13. Jahrhundert den Glauben an das nunmehr existente und klar definierte Fegefeuer verbreitete [Le Goff 113, 116].</p></blockquote>
<p>Die Forschung steht also vor einer fast unüberwindbaren Hürde: Der Gregor von 593 hätte eine literarische Gattung geprägt, die so futuristisch war, daß sie erst 600 Jahre später Früchte trug. Und die spätgezeugten exempla des 13. Jhs. dienten der Kirche vor allem dazu, &#8220;den Glauben an das nunmehr existente und klar definierte Fegefeuer&#8221; zu verbreiten [Le Goff 116], also fast demselben Zweck wie die Vorbilder von einst. Um diese Hürde regelwidrig zu umlaufen, formuliert Le Goff nur wenige Seiten weiter einen verräterischen Satz:</p>
<blockquote><p>Ich möchte zeigen, daß die geschichtliche Zeit weder immer gleich schnell läuft noch auf ein bestimmtes Ziel ausgerichtet ist [Le Goff 120].</p></blockquote>
<p>Er flüchtet sich also, weil er die 600-Jahres-Lücke bei den <em>exempla</em> wie bei der Fegefeuerentwicklung nicht motivieren kann, in eine peinliche Relativistik, die in ihrer Durchsichtigkeit umsomehr empört, als Le Goff sehr wohl geschichtliche Stoßkraft und -richtung herausarbeitet, solange sie ihm zugänglich sind. So hatte er das Problem, daß drei berühmte Christen seiner These im Wege standen. Sowohl Petrus Damiani (+| 1072) als auch Hildebert von Lavardin (+| 1133) wie der hl. Bernhard (+| 1153) sollten bereits &#8211; Le Goff zuwider &#8211; antizipatorisch vom Purgatorium gesprochen haben. Nun ist seit längerem Hildeberts vermeintlicher Satz dem Petrus Manducator zurückerstattet worden, der erst 1179 starb [Le Goff 444]. Weiter erkannten die Spezialisten O.J. Blum, J. Ryan und F. Dressler die Zuschreibung an Damiani als unhaltbar und wiesen die fragliche Predigt einem Pseudo-Damiani zu [Le  Goff 194f]. Le Goff selbst führte dann den Nachweis, daß beide anachronistisch anmutenden Texte von einer Hand stammen, die einem &#8220;gerissenen&#8221; und &#8220;notorischen Fälscher&#8221; [Le Goff 197, 442] zugehörte, der als Sekretär des Heiligen bekanntermaßen Bernhards-Texte produziert hatte:</p>
<blockquote><p>Ich nehme an, daß Nikolaus von Clairvaux beide Predigten schrieb und mit Fälschergenie aus der einen eine Damiani-Imitation, aus der anderen eine Imitation des heiligen Bernhard machte [Le Goff 197].</p></blockquote>
<p>Dieser Nikolaus starb nach 1176 [Le Goff 198] und damit für die Purgatoriumsthese spät genug. Le Goffs Relativierungen beginnen also erst dann, wenn er nicht mehr in der Lage ist, störende Zeitdiskrepanzen viel größeren Kalibers auszuräumen und eine &#8220;erstarrungsähnliche Reglosigkeit der Theologie und der Glaubenspraxis zwischen dem 8. und dem 11. Jahrhundert&#8221; akzeptieren muß [Le Goff 24]!</p>
<p>Wir betrachten noch kurz, wie ab 1200 die <em>exempla</em> den Glauben ans Fegefeuer intensivieren. Kurz nach dieser Jahrhundertwende schrieb etwa Konrad von Eberbach Gespenstergeschichten, durfte aber noch fast nichts vom Fegefeuer berichten, weil sein Werk als Geschichte des 12. Jhs. aufgemacht war [Le Goff 358]. Roger von Wendover erzählt in seinen <em>Flores historiarum</em> unter dem Jahr 1206 von einer Reise ins Jenseits, dessen Interieur stark an Pseudo-Gregor gemahnt. Denn das neben oberer und unterer Hölle und dem Paradies existierende Fegefeuer besteht für Roger aus dem Feuer, dem eisigen See und der Brücke [Le Goff 361]. Pseudo-Gregor hatte in zwei seiner Geschichten die Stätte der Buße auf dieser Welt an einem allgemein bekannten Ort angesiedelt: in den römischen Thermen! Die abwechselnde Wärme- und Kältebehandlung erschien ihm besonders charakteristisch für eine postmortale Reinigungsstätte [Le Goff 117]. Roger griff wohl auf dieses Bild zurück. Hervorgehoben muß werden: Daß schon (Pseudo-)Gregor einen realen Ort fürs Fegefeuer gesucht und gefunden hatte, mußte Le Goff ignorieren, während es hier als starkes Indiz für die Verpflanzung der <em>dialogi</em> dienen kann!</p>
<p>Nun setzten die Predigten der Bettelordensmönche ein, die mit ihren ausschmückenden <em>exempla</em> das Massenmedium für die Gläubigen bildeten. Herausragende Vertreter waren der Zisterzienser Cäsarius von Heisterbach (+| 1240) und der Dominikaner Stefan von Bourbon (+| 1261) [Le Goff 364-377], bei dem das Fegefeuer bereits infernalisiert, also höllisch heiß wird. Wir erkennen daran, daß die Dynamik der Fegefeuervorstellung nahtlos von einem Pseudo-Gregor und seinen<em> exempla</em> des 12. Jhs. hinüberführt zu den<em> exempla</em> der Predigermönche des 13. Jhs. So ist indizienmäßig abgesichert,  daß Pseudo-Gregor in der zweiten Hälfte des 12. Jhs, aber nicht später als 1190 geschrieben hat.</p>
<p>Dieser späten Datierung steht nicht entgegen, daß erst im 12. Jh. die Übersetzung der Gregors-<em>Dialoge</em> in einen französischen Dialekt erfolgte [Le Goff 172]. Geprüft werden muß noch, inwieweit andere Quellen, die auf Gregors <em>Dialoge</em> zurückgreifen, ihn de facto erst befruchtet haben [etwa Le Goff 451f]. Dann wird sich auch klären, ob Pseudo-Gregor z.B. noch als der Autor gelten kann, der ein heidnisches Sündengericht trotz der katholischen Orthodoxie einführte, oder ob dies ein nunmehr Früherer tat.Für die drastische Verjüngung spricht auf alle Fälle, daß so mancher Heilige der Spätantike nur zu sehr posthumem Ehren gelangte:</p>
<blockquote><p>Der künstliche Ruhm, den sie in einer Zeit erwarben, als die <em>Dialoge </em>bekannt wurden, kann nicht einfach über das Fehlen jeden Kultes und jeder Kenntnis in ihren angeblichen Heimatländern hinwegführen. Erst nach vielen Jahrhunderten wurde ihr Kult als ein langverzögertes Erbe der<em> Dialoge</em> eingeführt [C 668].</p></blockquote>
<p>Nachdem wir die <em>Dialoge</em> nunmehr viel später ansiedeln, bleibt einer ganzen Reihe von Heiligen das Schicksal von Benedikt nicht erspart, als Fiktionen entlarvt zu werden. Kaum zu retten sind Anastasius, der römische Märtyrer Bonifaz, Cerbonius, Equitius, Euthicius, Florentius, Fondi, Fortunatus, Honoratus, Libertinus, Nonnosus, Sabinus, Sanctulus und Suppentoma [C 668, 726]. Da laut G. Lucchesi alle Fiktionen umbrisch-toskanischer und römischer Heiliger aus einer &#8220;recognizable school&#8221; stammen, zu der Clark auch die Verfasser der Gesta Martyrum (5. bis spätes 7. Jh.) rechnet, kann diese Schule wohl auch ins 12. Jh. verpflanzt werden [C 741].</p>
<p>Wir verlassen damit den Entwicklungsweg des Fegefeuers, den Le Goff in Dantes Göttlicher Komödie seinen strahlenden Höhepunkt von 1319 finden läßt, den er aber deswegen anspricht, &#8220;um ein weiteres Mal zu zeigen, wie der Zufall arbeitet&#8221; [Le Goff 407]. Natürlich ist es ist nicht zwingend, daß am Ende dieser Entwicklung ein Poet das gesamte Material dichterisch überhöht; doch zwingend ist, daß dieser Dichter nur mit diesem Material sein Werk gestalten konnte. Le Goffs analytischer Nihilismus wird hier nachgerade peinlich.</p>
<h3>Benediktiner und Karolinger</h3>
<p>Wir wollen nun die Bezüge der Benediktiner zu den Karolingern ausleuchten und skizzieren dazu rasch die enge Verzahnung zwischen beiden gemäß herr schender Lehre. Nach dem Neubau von 717 blühte Montecassino erst unter dem Schutz der Karolinger auf. Karlmann, der älteste Sohn von Karl Martell, und Bonifatius brachten die &#8220;austrasische Bewegung&#8221; ins Rollen, die 743 im Dekret des Concilium Germanicum kulminierte. Ab diesem Konzil der ostfränkischen Kirche galt die RB als verbindliche Observanz für Mönche wie Nonnen, ein Beschluß, der 744 auch für den Westen gefaßt wurde. Nachdem er Bonifatius mit der Reform der fränkischen Kirche beauftragt hatte, zog sich Karlmann nach Monte Cassino zurück [C 290f].</p>
<p>Die Angelsachsen Bonifaz und Willibald christianisierten &#8216;Deutschland&#8217; [C 283], und die RB wurde zum Machtinstrument der Karolinger. Unter Karl d. Gr., dem &#8220;größten Patron benediktinischer Klösterlichkeit&#8221; [C 294] breitete sie sich über die gesame Christenheit aus. Drei Jahre nach seinem Tod wurde die Regel 817 auf dem Konzil zu Aachen durch das Capitulare monasticum zur Reichsregel erhoben [C 294].</p>
<p>Dieser innige Konnex von staatlicher und geistlicher Macht überlebte den Niedergang der Karolinger nicht. So wird Monte Cassino 883 von den Sarazenen erstürmt, zahlreiche nördliche Klöster der RB lösen sich auf. Eine Studie für Bayern zeigt, daß mehr Benediktinerklöster im 10. Jh. aufgelassen werden mußten, als überdauerten: 37 Schließungen stehen 26 überlebenden Gemeinschaften gegenüber. Was war hier geschehen? Eine rasche Antwort liegt parat.</p>
<blockquote><p>Aber kaum zwei Jahrhunderte waren diesen friedlichen und segensreichen Anfängen beschieden. Die nach Westen vorprellenden Ungarnhorden, aber auch die Habgier weltlicher wie geistlicher Großer, die in den Klöstern wertvolle Wirtschaftsobjekte und -werkzeuge sahen, machten den Frühklöstern ein frühes Ende. Die Jahrtausendwende sah nur mehr wenig von der alten Klosterkultur [Bauerreiß 88].</p></blockquote>
<p>Klingt das überzeugend? Schon ein halbes Jahrhundert vor diesem Niedergang in Bayern blühten zwei kraftvolle Reformideen unter benediktinischen Klosterdächern. Seit dem hl. Abt Odo (927-942) begann das burgundische Cluny über die romanische Christenheit auszustrahlen, das dann über Hirsau Einfluß auf die deutschen Klöster gewann. Gleichzeitig bildete das lothringische Gorze &#8211; seit Adalbero I. und seiner Reform von 933 &#8211; den Mittelpunkt einer gleichzeitigen zweiten benediktinischen Reformbewegung, die über Trier noch vor der Jahrtausendwende über den Rhein ausgriff. Gorze erfaßte rasch über 160 Abteien in Deutschland, darunter so prominente wie die Reichenau und St. Gallen, Prüm und Fulda, St. Emmeram zu Regensburg und Niederaltaich. Sie entsprach dem ottonischen Reichskirchensystem und  ermöglichte die weit über die Reichenau hinausgreifende ottonische Mal- und Buchkunst [vgl. Illig 1994, 293f].  &#8220;Ein Aufschwung der Kirche mußte daher der gesamten abendländischen Christenheit direkt zugut kommen. Dieser Aufschwung ist<strong> seit der Mitte des 10. Jahrhunderts</strong> eingetreten und hat bis zum 13. Jahrhundert fortgewirkt, in dem die Herrschaft der Kirche und das System der mittelalterlich-kirchlichen Weltanschauung vollendet ist&#8221; [v. Harnack 348].</p>
<p>Wenn die Zeit von 614 bis 911 streichenswert ist, erhalten wir ein ganz anderes Bild. Clark und seine Vorgänger haben klargestellt, daß es bis fast 700 weder Benediktinerklöster noch eine gelebte Regula Benedikti noch Erinnerungen an einen hl. Benedikt noch einen hl. Benedikt gab. Wann also konnte überhaupt ein erstes Benediktinerkloster entstanden sein? Wir werden direkt auf Cluny verwiesen, das 910 gegründet worden sein soll. Im Klostergebiet von Cluny liegt der Ort Fleury, zu dem die angeblichen Reliquien des hl. Benedikts aus Italien verbracht wurden und der seitdem St. Benoît-sur-Loire heißt. So wird in unserem Szenario Cluny zu jener treibenden Kraft, die sich durch einen fingierten italienischen Klostergründer an die Spitze einer damals weiß Gott nicht starken Kirche schiebt. Doch sofort spaltet sich die benediktinische Bewegung politisch auf: Cluny vertritt einen Kurs, der gegen die Bischöfe gerichtet ist und statt dessen auf einen Klosterverband mit Großabt hinsteuert oder, kurz gesagt, von &#8220;dem Ruf nach der &#8216;Freiheit der Kirche&#8217;&#8221; bestimmt ist [Bauerreiß 89]. Gorze tendiert hingegen zum Reichskirchensystem mit seinem Zusammenspiel von weltlicher und geistlicher Oberhoheit. Monte Cassino ist dagegen 950 von Abt Aligernus aus Capua erstmals gegründet, nicht wiederaufgebaut worden, womit sich das Fehlen karolingischer Reste erklärt. Warum Rom und die päpstliche Macht unerwähnt bleiben, wird uns im Rahmen der Neuschreibung der Kirchengeschichte beschäftigen.</p>
<h3>Literatur</h3>
<p>Bauerreiß, Roman OSB (1960): &#8220;Die Benediktiner in Bayern&#8221;; in H. Schnell (Hg): Bayerische Frömmigkeit. 1400 Jahre Christliches Bayern; München<br />
C = Clark, Francis (1987): The Pseudo-gregorian Dialogues; 2 Bände in der Reihe Studies in the History of Christian Thought; Leiden<br />
Cusack, P.A. (1974): &#8220;St. Scholastica: Myth or Real Person?&#8221;; in Downside Review 92, 145-159Deschner, Karlheinz (1990): Kriminalgeschichte des Christentums. Band 3/ Die alte Kirche. Fälschung, Verdummung, Ausbeutung, Vernichtung; Reinbek<br />
-  (1994): Kriminalgeschichte des Christentums. Band 4/ Frühmittelalter; Reinbek<br />
Ehwald, R. (1919): Aldhelmi Opera, Monumenta Germaniae Historica<br />
Ferrari, G. (1957): Early Roman Monasteries. Notes for the History of the Monasteries and Convents at Rome from the V through X Century; Rom<br />
Goffart, W. (1966): The Le Mans Forgeries: a Chapter form the History of Church Property in the Ninth Century; Cambridge Mass.<br />
Hallinger, Kassius (1957): &#8220;Papst Gregor der Große und der heilige Benedikt&#8221;; in B. Steidle (Hg): Commentationes in Regulam Sancti Benedicti; Rom<br />
Harnack, Adolf von (81991): Dogmengeschichte; Tübingen (11889/91)<br />
Illig, Heribert (1993): &#8220;Das Ende des Hl. Benedikts? Der andere &#8216;Vater des Abendlandes wird auch fiktiv&#8221;; in VFG  V (2) 23<br />
- (1994): Hat Karl der Große je gelebt?; Gräfelfing<br />
Illig, Heribert / Niemitz, Hans-Ulrich (1991): &#8220;<a title="http://www.fantomzeit.de/?p=1919" href="http://www.fantomzeit.de/?p=1919">Hat das dunkle Mittelalter nie existiert?</a>&#8220;; in VFG  III (1) 36<br />
Langosch, Karl (1990): Mittellatein und Europa. Führung in die Hauptliteratur des Mittelalters; Darmstadt<br />
Le Bras, G. (1958): &#8220;L&#8217;Eglise romaine et les grandes églises occidentales après la mort de Grégoire le Grand&#8221;; in Caratteri del secolo VII in Occidente; Spoleto<br />
Le Goff, Jacques (1990): Die Geburt des Fegefeuers. Vom Wandel des Weltbildes im Mittelalter; München (franz. erstmals 1981, überarbeitet)<br />
Penco, G. (1957): &#8220;La prima diffusione della Regola di S. Benedetto&#8221;; in Studia Anselmiana 42, S. 321<br />
Prinz, Friedrich (²1988): Frühes Mönchtum im Frankenreich. Kultur und Gesellschaft in Gallien, den Rheinlanden und Bayern am Beispiel der monastischen Entwicklung (4. bis 8. Jahrhundert); München (11965)<br />
Recchia, V. (1978): Gregorio Magno e la Società Agricola; Roma<br />
Reichold, Klaus (1993): &#8220;Ein Mann von zweifelhafter Herkunft. Am Sonntag [21.3.] feiert die Kirche den Todestag des Heiligen Benedikt&#8221;; in Neueste Nachrichten. Lokalteil der Süddeutschen Zeitung für den Landkreis München vom 20.3.1993, S. 2<br />
Richards, Jeffrey (1983): Gregor der Große. Sein Leben &#8211; seine Zeit; Leipzig<br />
Sellner, Albert Christian (1993): Immerwährender Heiligenkalender; Frankfurt/M.<br />
Tausch, H. (1949): Benediktinisches Mönchtum in Österreich; Wien<br />
Winandy, J. OSB (1947): Mélanges bénédictins; St. Wandrille</p>
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		<title>The Christian Era Is Too Long</title>
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		<pubDate>Fri, 23 Apr 2010 20:15:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>ao</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>by Heribert Illig</h3>
<p><em><strong>[This is an English translation from April 1991 by Birgit Liesching of the first article on the medieval phantom time published in </strong></em><a title="http://www.mantis-verlag.de/?page_id=520" href="http://www.mantis-verlag.de/?page_id=520" target="_blank"><strong>Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart 1/1991</strong></a><em><strong>, also available <a title="http://www.fantomzeit.de/?p=1892" href="http://www.fantomzeit.de/?p=1892">in German on this website</a>.]</strong></em></p>
<p>The quintessence of this article is as simple as it is far-reaching:</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Between the time of Caesar and Modern Times, our chronology carries about 350 years too many.</strong></p>
<p>This discovery results from a simple calculation and the vain attempts of earlier scholars to change their wrong result to a right one. The Gregorian Calendar continues the Julian; our calendar<a name="sdfootnote1anc" href="#sdfootnote1sym"><sup>1</sup></a>, therefore, links Antiquity and Modern Times, it includes the Roman Imperial Era as well as the entire Middle Ages. If the new calendar has been erroneously grafted on to the old one, then all dates and synchronisms between the time of Caesar and the Early Renaissance will have to be reviewed.<br />
<!--more-->A reminder: In -44<a name="sdfootnote2anc" href="#sdfootnote2sym"><sup>2</sup></a>, Pontifex Maximus Gaius Julius Caesar introduced the <strong>Julian Calendar</strong>, which was named after him, and in which every fourth year had 366 days instead of 365. This calendar was so good that a correction was only required 1626 years later. Pope Gregory XIII felt obliged, in 1582, to have the calendar brought back into harmony with the astronomical seasons. This was done by skipping ten days in the counting of the dates: 4th October 1582 was followed immediately by 15th October 1582. In order to avoid for the future a drifting apart of the calendar and the movement of the Earth around the Sun, the leap year rule was, moreover, refined. So the <strong>Gregorian Calendar</strong> is basically only a corrected and improved Julian Calendar. Whereas the Julian year showed a difference to the tropical year of 674 sec = 11 min + 14 sec, the Gregorian year gets as close as 26 sec to the tropical year and is therefore safe from corrections for millennia.</p>
<table align="center">
<tbody>
<tr>
<td>Julian year:</td>
<td>365.2500 days = 365 d 360 min</td>
<td>= 365 d 21,600 sec</td>
</tr>
<tr>
<td>Gregorian year:</td>
<td>365.2425 days = 365 d 349 min 12 sec</td>
<td>= 365 d 20,952 sec</td>
</tr>
<tr>
<td>Tropical year:</td>
<td>365.2422 days = 365 d 348 min 26 sec</td>
<td>= 365 d 20,926 sec</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p>The New Encyclopedia Britannica (1985) says under the heading “Calendar” on the subject of the Julian Calendar, which was used for the following approx. 1600 years:</p>
<p>“During that time, however, the disagreement between the Julian year of 365.25 days and the tropical year of 365.242199 days gradually produced significant errors. The discrepancy mounted at the rate of 11 minutes 14 seconds per year until it was a full ten days in 1545, when the Council of Trent authorized Pope Paul Ill to take corrective action”.</p>
<p>This correction was only carried out 37 years later under Pope Gregory XIII.</p>
<p>But this simple multiplication gives a wrong result:<br />
1626 years with an annual discrepancy of 674 sec results in 1,095,924 sec or, a day having 86,400 sec, approx. <strong>12.7</strong> days.</p>
<p>In 1626 years the Julian Calendar was slow by 12.7 days. As a correction was only possible in entire intercalary days<a name="sdfootnote3anc" href="#sdfootnote3sym"><sup>3</sup></a>, it would have been necessary, in 1582, to jump over <strong>13</strong> days (this is confirmed by Zemanek, 1984, p.126). In fact, however, only <strong>10</strong> days were cut out.</p>
<p>Having quoted the opinion of the Encyclopedia Britannica as representing that of numerous other works, an explanation must be found for this serious mistake. There are four possibilities to explain why the correction of 1582 came out clearly lower (some 20 %) than indicated by the calculation:</p>
<ol>
<li> the Papal Romans did not relate their correction to Caesar’s correction,</li>
<li> the Romans of antiquity had not determined the vernal equinox correctly,</li>
<li> the Papal Romans determined the vernal equinox differently from Caesar’s astronomers,</li>
<li> there were fewer than 1626 years between Caesar’s and Pope Gregory XIII&#8217;s reforms.</li>
</ol>
<h3 style="text-align: center;">Re 1) The Romans of the 16th Century AD</h3>
<p>When a calendar slowly drifts, a correction should bring it back to its original astronomical situation. One therefore tends to agree with the Encyclopedia Britannica. There is, however, an alternative in the specialist literature:</p>
<blockquote><p>As the date of the equinox at the time of the reform had moved away from the real one by ten days, i.e. it fell on 11th March instead of 21st March, the date was to be advanced “to the equinoctial day XIIth Calendae Aprilis = 21st March of the year 325 (Council of Nicaea) (Ginzel, 1914, III, 257).</p></blockquote>
<p>This reference to the first Council of Christendom would be an explanation for the discrepancy queried above of 2.7 or 3 full days, because the calculation for the 1257 years passed between Nicaea and Gregory XIII indeed results in 10 compensation days:</p>
<p>1257 years with an annual discrepancy of 674 results in 847,218 sec or, a day having 86,400 sec, approx. <strong>9.8</strong> days.</p>
<p>So one would have to assume that in 1582 the calendar was not related to that of Caesar, but that of the Council of Nicaea. An Abbé describes what is supposed to have happened: the experts agreed by “finally declaring they preferred to suppress 10 days in order to bring the equinox forward to the 21st of March where it had been since the Council of Nicaea.  This was to show respect to the Council and to bring as little change as possible into the liturgical books which had been revised by Pius V [Gregory XIII's direct predecessor]“ (Chauve-Bertrand, 1936, p.89).</p>
<p>It should be added that for all makers of calendars, including Gregory&#8217;s scholars, there were two possibilities for correction: either the calendar remained unchanged, in which case the astronomical equinox had to be given a new calendar date, or the equinox kept its calendar date, then the calendar had to be corrected. In more concrete terms: either the equinox no longer fell on 21st March, but on the 11th — or 10 days had to be jumped over in the calendar to ensure that the equinox again fell on 21st March. In 1582, it was decided to correct the calendar and to adjust 21st March. In 325, according to this theory, it was decided to adopt a new equinoctial date, which is the one valid now, namely 21st March instead of previously 25th March (see below).</p>
<h4 style="text-align: center;">The Council of Nicaea</h4>
<p>The early Church attributed an importance to Easter which is difficult for us to understand. In 325, there were not only disputes raging around Arian teaching, but there were real political parties fighting for a single Easter date for the entire Church. In trying to separate the highest Christian festivity from the Jewish Passover (which is always celebrated at the time of the first full Moon in spring), Protopaschites fought with Quartodecimians, and later Audians and Novatians joined in as well.</p>
<p>Finally, the Council “decided that Easter, which until then had been celebrated at different dates by Christians in Asia Minor and in Europe, was to take place from now on the first Sunday after the 14th day of the Moon (which, roughly, corresponds to the full Moon) on or after the beginning of spring: the date of the beginning of spring was set on 21st March” (Moyer, 1982, p.94).</p>
<p>This sounds plausible, but not necessarily true. “The <strong>wording</strong> of the acts of this Council regarding Easter is <strong>not known</strong>, but the letter from the Nicaean Synod to the Alexandrine Churches and Libyan Bishops is preserved, as is the letter which Emperor Constantine had circulated immediately after the Council among those who had not attended the Council” (Ginzel, 1914, III, pp.216f — emphasis added). But Ginzel points out that neither of the two letters contains a ruling for the determination of Easter or the date of 21st March for the vernal equinox<a name="sdfootnote4anc" href="#sdfootnote4sym"><sup>4</sup></a>; they only mention the need for unity over the date of Easter (ibid.).</p>
<p>That there cannot have been much unity is proven by the fact that after the Council of Nicaea, the custom of the free Easter date was introduced.</p>
<p>Faithful Christians seemed to think for a while it that would have been according to God&#8217;s plan that Christ should have died on the anniversary of his conception, i.e. on the day of the “Annunciation to Mary” (25th March), nine months before Christmas (not at all the day of “Immaculate Conception”, as this expression concerns the conception, free from original sin, of Mary on 8th December, nine months before the birth of Mary, on 8th September). This date of 25th March fixed Easter in the calendar and defined it as the immovable start of the year (Ginzel, 1914, III, p.164).</p>
<p>In fact, the Church only achieved a single Easter date in the 5th century; the reference point for the first spring full moon was the vernal equinox (Ginzel, 1914, III, p.252)<a name="sdfootnote5anc" href="#sdfootnote5sym"><sup>5</sup></a>.</p>
<p>This confirms the suspicion that a decision regarding the calculation of Easter and the date of the equinox was not taken at Nicaea. This Council is only supposed to have regulated the exact and definite Easter date, because the totally indubitable 10 compensation days skipped in 1582 refer to the year 325, but not -44.</p>
<p>Even more has been insinuated regarding this Council although, or because, we know so little about it, because “minutes were either not kept or the Church made them disappear” (Deschner, 1980, p.394). But the Abbé Chauve-Bertrand reports that the Council Fathers knew as early as 325 that the Julian Calendar was adrift. For this reason they not only fixed the Easter date and the beginning of spring, they also newly fixed the beginning of spring. According to him they decided on the opposite solution to the Gregorian reformers, leaving the calendar dates and moving the vernal equinox forward from 25th March to 21st March (both Julian) (Chauve-Bertrand, 1936, p.87).</p>
<p>All the foregoing is pure speculation:</p>
<ul>
<li>The wandering motion of the vernal equinox was mentioned for the first time in 1200 in a document by Master Chonrad; a very first hint is known from the 8th century, when Bede calculated his Easter Table until 1063 and remarked that the full Moon sometimes appeared earlier (Ginzel III, p.252),</li>
<li> the date of 25th March was gained by simple retrocalculation, because moving  the vernal equinox from 25th March to 21st March means three skipped days — this calculation is perfectly correct for the 369 years between Caesar and the Council of Nicaea:<br />
369 years with an annual discrepancy of 674 sec results in 248,706 sec or, one day having 86,400 sec, approx. 2.9 days.</li>
<li> Chauve-Bertrand took over the date of 21st March for the vernal equinox from the Gregorian reform.</li>
</ul>
<p>Precisely because there is not sufficient evidence as to the calendar day on which fell the vernal equinox of the year 325, it must be retrocalculated. Ginzel did that himself: “The correct astronomical entry into the vernal equinox in the year 325 was on 20th March 12 h 44 min Roman time, in the year 1582 on 11th March 0h 48m Roman time (counting the day from midnight to midnight)” (Ginzel, 1914, III, p.257). If this calculation was correct, then there would only have been a requirement of 8.5 days or 9 full days to be compensated between Nicaea and Gregory XIII. Whether he included in his calculation that the length of the tropical year decreases due to the slowing-down of the Earth’s rotation, so that the error in the Julian Calendar grows even faster than he imagined (Moyer, 1982, p.96) is impossible to guess from his result.</p>
<p>One should, however, not demand too much from this first Council, as it was the only one in which the Holy Ghost was unable to give sufficient support — because he achieved his divine status only in 381 (Deschner, 1980, p.384).</p>
<h3 style="text-align: center;">Re 2) The Romans of the -1st Century</h3>
<p>Is it possible that the Ancient Romans were unable to accurately determine the equinoxes, i.e. the East-West direction? The question sounds absurd since the required knowledge is said to have been available for more than 2000 years at the time of Caesar. Its visible proof is the Pyramid of Cheops, the incredibly precise orientation of whose base lines according to the cardinal points has always been admired. Even if meanwhile the -6th century is considered to be the time of its construction (Heinsohn/Illig 1990, p.115), the Romans would have had 500 years to learn Egyptian measuring methods. That they did in fact learn this lesson in good time can be shown on the inimitable sundial of Augustus.</p>
<p>On the Field of Mars in Rome, the first Emperor ordered to erect a subtly calculated combination of victory monument, birthday memorial, mausoleum, peace altar and sundial, the like of which is not known to have been built anywhere else in the Occident. Only the mausoleum is still on its original spot, the Ara Pacis and the obelisk have been displaced and there are only fragments of the network of lines to be found, deep below today&#8217;s street level. Quite recently, Edmund Buchner was able to reconstruct the entire set-up and evaluate it archaeologically (Buchner, 1982).</p>
<p>Augustus wanted to document his victory over the Egyptians by setting up an obelisk, the first one to have been brought all the way from Egypt. In the year -12 (ibid., p.48) the 50-year-old emperor decided, to use it as a gnomon, nearly 30 m high, the pin of a sundial whose network of lines, made of marble, was to cover a surface of more than 160 x 75 m. The Peace Altar (Ara Pacis) which was also ready and consecrated in -8, and the mausoleum, which had been erected previously, were of astronomical-astrological relevance.</p>
<p>The Emperor himself had been born precisely at the moment of the autumnal equinox. “On the Emperors birthday  &#8230;  the shadow wanders from morning to evening for about 150 m along the dead straight equinoctial line, precisely to the middle of the Ara Pacis; there is, thus, a direct line from this man&#8217;s birth to Peace which visibly demonstrates that he was “natus ad pacem” (Buchner, 1982, 37).</p>
<p>In order for this phenomenon to occur, the equinoctial line must run perfectly straight from West to East.</p>
<p>If it was possible, at that time, to orient the course of the shadow so accurately according to the equinoxes, then we can assume, with very high probability, that one generation earlier, at the time of Caesar, the determination of the equinoxes would not have caused any difficulties either. This means, however, that the vernal equinox in Rome fell on the same day it does now, i.e. 21st March (Gregorian, though!).</p>
<h3 style="text-align: center;">Re 3) The Spring Equinox</h3>
<p>The Ancient Romans, therefore, were able to determine the equinoxes very accurately. The close link between equinoxes and calendar is also proven by the sundial of Augustus.</p>
<p>In Caesar’s time, the beginning of spring was not yet fixed at the date of the vernal equinox. Only in late antiquity were the seasons linked with solstices and equinoxes (Buchner, 1982, p.79), in earlier times summer was extended, due to climatic factors, to five or more months. For this reason we know neither of Caesar nor of his contemporaries on what day of their calendar their vernal equinox fell. Columella and Pliny later calculated 24th March, a date which Ginzel describes as incorrect and which he corrects to 23rd March (Ginzel, 1911, II, p.285). Moving from 23rd March (Caesar) to 21st March (Nicaea), however, only demands one compensation day to be skipped, which would mean that there were only around 130 years between Caesar and Nicaea.</p>
<p>But we have another contemporary date which renders these retrocalculations and corrections superfluous: all the authorities agree that the <strong>birthday of Augustus was on 23rd September</strong>, with which they mean a Julian date, as confirmed by Bickerman (1980, pp.48f). Augustus, however, was born in -62 and thus before the Julian calendar reform of -44; his birth date, therefore, had to be recalculated in antiquity to give a Julian date. This fact makes this date particularly interesting.</p>
<p>The recalculation was inescapable because Caesar’s calendar reform had to give the year -45 a total of 445 days in order to bring the calendar in agreement with astronomical reality (Ekrutt, 1972, p.51). In the case of Augustus, it was impossible to make a mistake because his birthday fell precisely on the date of the autumnal equinox. Whether the recalculation is correct or whether the date of the autumnal equinox was simply chosen, one fact is certain:<strong> 23rd September is the date of the Julian autumnal equinox in the -1st century</strong>.</p>
<p>But the Gregorian autumnal equinox, too, is on 23rd September, as a glance at a calendar for 1991 will confirm. This leads to the inescapable conclusion that the Gregorian Calendar, which has fixed the beginning of autumn on that day since 1582, restored precisely the situation where the Julian Calendar was at its introduction.</p>
<p>Corresponding to the Gregorian beginning of autumn on 23rd September there is a beginning of spring on 21st march, as can again be seen in the calendar for 1991; this relationship is always valid. We can therefore be sure that at the time of Augustus (and therefore the time of the Julian calendar reform in -44) the vernal equinox was on the 21st March — originally Julian, but also from the Gregorian point of view.</p>
<p>The Gregorian Calendar Reform, therefore, restored the calendar situation obtaining in -44, at the time of Caesar’s reform. This totally contradicts the statement that in 325 the beginning of spring was on 21st March Julian, because the 369 years between Caesar and Nicaea must, as we have shown above, have led to a shift of 2.9 or 3 full days; the “slow” Julian Calendar would, after approx. 350 years, show the equinox on an earlier calendar day.</p>
<p>Chronologists have, nevertheless, found a way to lay <strong>two opaque veils</strong> over this absolute incompatibility, which has enormous consequences. The first has already been mentioned: in many current presentations (cf. above, quote from Encyclopedia Britannica) it is suggested that of course the Gregorian Calendar restored the astronomical situation at the beginning of the Julian Calendar. He who calculates this for himself and finds that 10 skipped days were not sufficient, is given the supplementary information in specialist literature that of course only the situation of Nicaea was restored.</p>
<p>&#8216;The beginning of spring in Caesar’s time (actual) and Nicaea (postulated) therefore both fall on 21st March, though between both dates there should be a full 3 days: if it was 21st March at the time of Nicaea, Caesar’s date would be 25th March, at the most 24th March.</p>
<p>E.J. Bickerman, under “practical suggestions” spreads a second veil: “In ancient (and medieval) chronology we use the Julian Calendar and not the Gregorian which is used now. Both coincide  c. AD 300; but then the Julian dates run behind the Gregorian Calendar by three days every four hundred years. In the reverse direction, from c. 100 BC, the Julian year is in advance of the Gregorian Calendar by three days every 400 years, so that, e.g., 29 December 102 BC (Gregorian) was already 1st January 101 BC” (Bickerman, 1980, p.89).</p>
<p>In this statement, Bickerman first confirms that the 10-day correction carried out in 1582 only reaches back to the Council of Nicaea, as this is the only way to explain why both calendars agree around AD 300. Then he says that after AD 300 and before 99 BC the calendars are drifting apart with a deviation of 1 day per 133.3 years (400 : 3). This value is useful as a rough guide, the correct figure is close to 128.2 years (86,400 sec : 674 sec).</p>
<p>But between -99 and +300, Bickerman creates a mysterious interval of 400 years in which both calendars are said to be totally synchronous. This is, of course, impossible: the cosmic clockwork shows, inexorably, a calendar difference of one day for every 133 (or better still, 128) years. If the Julian and Gregorian Calendars agreed around AD 300, then the Julian Calendar must in 172 have been in advance by one day, in 44 by 2, and in -84 by 3 days (which does not take into account that due to the rounding-off of full days the calendar would have been advanced in 236 by one day, in 106 by two, in -18 by three). A standstill period can only be considered to have existed if full days are taken into account and even then only for a maximum of 128 years.</p>
<p>This shows that Bickerman&#8217;s interval is meant to conceal a weak spot. If someone has accepted the rule of thumb whereby movements up and down happen within a 400-year period, then he may perhaps also accept the 400-year interval in which there is total standstill. Such a standstill period would then suggest that the vernal equinoxes of the time of Caesar’s reform and the Council of Nicaea, between which there lies a period of 369 years, could have fallen on the same 21st March<a name="sdfootnote6anc" href="#sdfootnote6sym"><sup>6</sup></a>.</p>
<p>These two veils hide the false seam which holds together the Julian and Gregorian Calendars in a way that falsifies history: the alternating reference of the Gregorian reformers to either Nicaea or Caesar silences the questioner who does not understand the matter, whereas those who insist further are asked to be satisfied with the standstill between Caesar and Nicaea. But this deception need not be deliberate: chronologists of the 16th to 20th centuries, who did not doubt the course of history, had to cope with the problem that by 1582 the calendar had become slow, astronomically speaking, by 10 days but should, in relation to Caesar’s correction, have been slow by 13 days. As stating the truth would have thrown entire centuries into Orcus, they used the veil.</p>
<h3 style="text-align: center;">Re 4) The New Past</h3>
<p>Dark Ages which never existed are well-known from antiquity. They were introduced in both Greek and Egyptian histories to account for the lack of synchronism between them and Biblical history (in this context, cf. Heinsohn, 1988, Illig, 1988, as well as Heinsohn/Illig, 1990, in each case passim). In analogy to this there are, between the end of antiquity and the High Middle Ages, so-called dark ages, which are called precisely the same as those of the pre-Christian Era, and which at present are being looked at again (e.g. by Wood, 1982/88, with his “Search for the Dark Ages”).</p>
<p>We can, therefore, start a new calculation with a clear conscience.  On the basis that the 10 skipped days really compensated the time discrepancy between Gregory and Caesar, as is being suggested, these ten years are the surest indication as to how many days separate Gregory XIII from the date when Caesar introduced his Julian Calendar:</p>
<p>10 days : 674 sec deviation/year = duration of calendar period. (10 x 86,400 sec) : 674 sec = 1281.899 years.</p>
<p>This means that the Julian Calendar had run for approx.<strong> 1282 years</strong> to accumulate a discrepancy of 10 days with regard to the solar year, or that Caesar introduced his calendar not 1626, but 1282 years before Gregory XIII, 345 years later, in the year of the Lord 300!</p>
<p>As, however, the calendar can only be corrected by full days, the correction of 10 days can indicate an observed deviation of between 9.5 and 10.5 days.  This uncertainty of an entire day, means:</p>
<p>86,400 sec : 674 sec = 128 (years of uncertainty interval)</p>
<p>The end result: Caesar carried out his reform 345 +/- 64 years later, i.e. between 281 and 409 years later. In the Christian Era this interval lies between the years AD 236 and 364, with the average figure around AD 300.</p>
<p><strong>If the premises of this calculation are corrects, from 281 to 409 years have to be eliminated from the Christian Era between Caesar and Gregory XIII.<a name="sdfootnote7anc" href="#sdfootnote7sym"><sup>7</sup></a></strong></p>
<h3 style="text-align: center;">The Consequences</h3>
<p>At this point, at the latest, innumerable questions are raised. Only three shall be dealt with at present.</p>
<p><strong>Where can the 300, 400 or maybe even more years be eliminated from the interval between Caesar and Gregory XIII?</strong></p>
<p>Some first indications are given in the present publication. Until at least 300, the Roman Imperial Era seems to be so solidly constructed that it is unlikely to find gaps in it. The same applies for the period starting with Early  Renaissance. This search is thus limited to the late Imperial Era and the Middle Ages. It is not expected that several centuries can simply be cut by distributing their (scarce) relics over the period before and after.</p>
<p>Medieval chronology is based on different sources which were combined in a synopsis only later: Byzantine history, Papal history, Frankish traditions, Celtic island memories, Gothic historiography, other traditions from the period of the peoples’ migrations, Islamic traditions, etc. In order to take all these synchronisms into account, it is possible that at various times “islands in a vacuum” were created. A comparable occurrence is known from the various countries of the ancient world. G. Heinsohn has shown that there are consistent gaps lasting 1500 years (Indus Valley, Central Asia, Iran, Southern Mesopotamia)  and that in Northern Mesopotamia, too, two smaller gaps were created because there are links with two unsynchronized chronologies for the Mitanni= Medes (Heinsohn/Illig, 1990, p.306).</p>
<p><strong>Why would such a serious mistake have been made, and why would it not have been exposed?</strong></p>
<p>Further references to the falsification of a non-existing past are to be found in H.U. Niemitz’s article in this journal. Lincoln/Baigent/Leigh, too, showed (1984) that usurping rulers (such as the Franks) might have had great interest in creating a better past after having overcome their kings (Merovingians). However, someone who created a better past had to ensure that in future, too, everything remained unchanged.</p>
<p><strong>How was it possible to pin a new past on the European population? Was their memory so weak?</strong></p>
<p>At the present moment it is impossible to judge how quickly confusion — and the confusing movements of many peoples are not necessarily to be eliminated —  could have led to an extensive loss of history for populations, some of whom may have been quite newly formed. In any case neither the Middle Ages nor the early Modern Times had an uncorrupted knowledge of chronology.</p>
<p>We tend to think that the Gregorian Era is observed worldwide, and may be surprised to learn that our year 1991 is the year 5751 for the Jews, for the Muslims it is 1410 (approx., due to their lunar calendar). At the time of Dionysius Exiguus (535) the known eras included the Byzantine Era (6043), Era of Panodorus (6027), Ab urbe condita (1288), Era after Pul (1281), Era of Augustus (564), and the Era of the Martyrs (251). The introduction of the Gregorian Calendar was not abrupt and uniform in Europe but lasted from 1582 in Italy to 1927 in Turkey, the calendars running parallel during these three-and-a-half centuries.</p>
<p>Moreover, there were local deviations: until Napoleon&#8217;s invasion, Venice started the year not on 1st January, but on 1st March; Florence and Pisa started theirs on 25th March, but a year out. Until the year 1749 it was possible to include one and the same day in three different years, depending on whether one was in Pisa, Venice or Florence (Ginzel, 1914, III, pp.160f). In this jumble of figures, the general public had to rely solely on conversions presented by the specialists. Calendar makers, therefore, were in a perfect position to manipulate, consciously or unconsciously, when converting one calendar into another.</p>
<h3 style="text-align: center;">Footnotes</h3>
<p><a name="sdfootnote1sym" href="#sdfootnote1anc">1)</a><strong> Further criteria for testing calendars</strong><br />
<strong>Continuous lists of rulers</strong> would supply such criteria. But neither the series of more than 250 Popes nor the sequence of Byzantine Emperors appear so irrefutable as to enable the absolute correctness of the chronological axis to be deduced from them.</p>
<p>The <strong>current Era</strong> since the birth of Christ alone cannot serve, for this anchor point was for the first time used by Dionysius Exiguus in 532, after the period of Antiquity as such. The popes did not take this over very quickly, anyway:  not till the 10th century, had John XIII had first documents dated AD, without, however, abolishing the official Era of Martyrs.  The Christian Era can only be shown to have been used regularly after 1431 (Ginzel, 1914, III, p.181).</p>
<p>The famous calculation of the <strong>precession</strong> used by astronomers and astrologers is not suitable, either. In the -2nd century, Hipparchus discovered that the sign of the Zodiac which rises at the beginning of spring does not always remain the same. Each of the twelve signs in succession moves into this position, after approx. 2160 years each. This is due to the movement of the Earth’s axis: not only is it tilted, it also moves around in a slow circle. In the course of roughly 26.000 years, the Platonic great year, it completes one full circular motion.</p>
<p>However, with all the fuss people are making about the change from one sign of the Zodiac to the other — at the moment we are moving from Pisces to Aquarius — the relevant figures are imprecise and contradictory. One of the reasons for this is that each of the signs of the Zodiac takes up a different amount of space in the sky. But even astrologers who have divided up the Zodiac into twelve equal parts of 30° are unable to agree on precise moments of change and prefer talking of broad overlapping zones.</p>
<p><a name="sdfootnote2sym" href="#sdfootnote2anc">2)</a><strong> Year-Dates with Minus Signs</strong><br />
The year-dates as used in this journal, with minus signs for years BC, follow a precisely defined astronomical practice which has not, so far, been used accurately. The calendar according to the Christian Era lacks the year zero which, however, is necessary to be able to calculate sums and differences quickly. For this reason, astronomers have declared the year 1 before the Birth of Christ to be the year 0, year 2 BC the year -1, and so forth. Year 45 BC is, therefore, the year -44. Until this issue, we would have simply written -45, because this difference of a year is irrelevant in considerations concerning some much greater uncertainties. As, however, it can be decisive in the present context, all the figures in this paper given with the minus sign will have to be increased by 1 to yield the correct BC date.</p>
<p><a name="sdfootnote3sym" href="#sdfootnote3anc">3)</a><strong> Calendar Correction by Way of a Leap Year</strong><br />
Building a calendar is an attempt to convert the actual, observable solar year into a scheme in such a way that there is not the slightest divergence between scheme and celestial motion, because each difference develops, in the course of the centuries, to a gaping hole.  The chief problem lies in the fact that the <strong>solar year</strong> (or <strong>tropical year</strong>, defined as the period between two subsequent passages of the Earth through the vernal equinox) cannot be expressed in entire days. At the end of the year, only about a quarter of the last day belongs to the old year. It took long for this problem to be solved by adding intercalary days which are added at certain intervals. (Entire months are required when, as with the Muslim and Jewish calendars, the lunar year with 355 days and the solar year with approx. 365 days are to be harmonized. It is unlikely that the revolution around the Sun ever corresponded to a complete number of days — no Sun-related calendar, therefore, can have been valid for a long time without a ruling concerning intercalary days.)</p>
<p><a name="sdfootnote4sym" href="#sdfootnote4anc">4)</a><strong> The vernal equinox</strong><br />
For the Christian calendar makers of the 16th century, the most important problem consisted in linking the astronomical vernal equinox again with the first day of spring, because the following first full Moon was decisive for the Easter date of the ecclesiastical year. The observation everyone was able to confirm for themselves, that Easter was drifting towards summer, emphasized the need to correct the calendar.</p>
<p>The <strong>vernal equinox</strong> is so called because on that day, in principle, the Sun rises at 6 a.m. and sets at 6 p.m.; day and night are, therefore, of equal length.  Furthermore, this is the moment when the Sun rises precisely in the East, an important phenomenon for determining the cardinal points (this is only the case on one other day, the autumnal equinox). Finally, it is also fixed astronomically:<br />
Due to the Earth’s axis being tilted, an observer standing on Earth lacks certainty. In addition to the plane of the Earth’s revolution around the Sun, which is described as the ecliptic (which is the apparent path of the Sun in the sky), there is the second plane of the celestial equator (the projection of the Earth’s equator onto the celestial sphere).  The points of intersection between ecliptic and celestial equator are the vernal and autumnal equinoxes. The Gregorian reform fixed the vernal equinox at 21st March. Since we have to use a calendar with leap days and as this leap day is introduced just before 21st March, on 29th February, the vernal equinox falls more often on the 20th March than on the 21st, on rare occasions even on 19th. This does not, however, change anything about the principle according to which it is fixed (Moyer, 1982, pp.94, 99).</p>
<p><a name="sdfootnote5sym" href="#sdfootnote5anc">5)</a><strong> Calculation of the Easter date</strong><br />
The disputes went on for much longer. Agreement between the Celtic and Roman churches was only reached in 663 at the Synod of Whitby. Until then, the Celts in the British Isles, but also on the Continent, calculated Easter according to an 84-year cycle which was recognized in 314 at the Council of Arles. “The Alexandrians, however, preferred the more precise 19-year cycle, which was taken over by Pope Leo I and all Roman churches in the middle of the 5th century” (Cunliffe, 1980, 193). These traditions are in noticeable contrast to the definitive decisions which were supposed to have been taken at Nicaea in 325.  When was the calculation of the Easter date really standardized?</p>
<p><a name="sdfootnote6sym" href="#sdfootnote6anc">6)</a><strong> Conversions Gregorian &#8211; Julian</strong><br />
Bickerman&#8217;s veil is luckily an exception, but the classical tables, such as Schram&#8217;s, 1908, also use this basic rule of one compensation day every 400 years. It was, and still is, practiced (Zemanek, 1984, p.126) because “the Gregorian Calendar is not generally back-calculated” (Schram, 1908, XVI). For this reason Schram permits his tables, which are otherwise precise to the day, not accurately to reflect the back-calculation — a further veil to be drawn. Schram shows for Gregorian 21st March -44 (the year of Caesar’s reform) the Julian date of 23rd March, but Grotefend (1891, p.90) seems to think that it ought to be on 25th March. In 1984, Zemanek seems to have gone back to Schram, for “originally on 23rd March, the vernal equinox had moved forward to 11th March. It was fixed on 21st March, which made it necessary to skip 10 days” (Zemanek, 1984, p.29). The constant changes in dates, i.e. the further uncertainties shown, are a sure indication of a weak point.</p>
<p>Today&#8217;s computer programs, like the old tables, go back to the “Julian calculation”. It was developed in the year after the Gregorian reform by Joseph Justus Scaliger (1540-1609) and is very simple: starting with 01.01.4713 BC, every day is given a consecutive number and is, therefore, unequivocally identifiable. But the calculation from a calendar day to this “Julian day” (which is nothing to do with the Julian Calendar) is made via the Gregorian correction factor and this, again, follows the old rule (Zemanek 1984, p.124).</p>
<p><strong><a name="sdfootnote7sym" href="#sdfootnote7anc">7)</a></strong> To be on the safe side, we want to admit that in the action of “pruning calendars” there may have been a discrepancy of up to a day, so that the interval to be taken out lies between 217 and 473 years. According to this calculation,<strong> the maximum number of calendar years to be eliminated is 473.</strong></p>
<h3>Bibliography:</h3>
<p>Bickerman, E.J.: Chronology of the Ancient World (London, 1980):<br />
Buchner, Edmund: Die Sonnenuhr des Augustus (Mainz, 1982)<br />
Chauve-Bertrand, Abbé: La Question de Pâques et du Calendrier (Paris 1936)<br />
Cunliffe, Barry: Die Kelten und ihre Geschichte(Bergisch-Gladbach, 1980)<br />
Deschner, Karlheinz: Abermals krähte der Hahn(Düsseldorf 1980, first published 1962)<br />
Ekrutt, Joachim W.: Der Kalender im Wandel der Zeiten. 5000 Jahre Zeitberechnung (Stuttgart, 1972)<br />
Ginzel, F.K.: Handbuch der mathematischen und technischen Chronologie. Das Zeitrechnungswesen der Völker. II and IIIrd volumes (Leipzig, 1911, 1914)<br />
Grotefend, H.: Zeitrechnung des deutschen Mittelalters und der Neuzeit.  lst Volume: Glossary and Tables (Hannover, 1891)<br />
Heinsohn,Gunnar: Die Sumerer gab es nicht (Frankfurt 1988); English edition (1988):Ghost Empires of the Past — Did the Sumerians Ever Really Exist?<br />
Heinsohn,G. /Illig, H.: Wann lebten die Pharaonen? (Frankfurt/Main 1990)<br />
Illig, Heribert: Die veraltete Vorzeit (Frankfurt/Main 1988)<br />
Lincoln, Henry /Baigent, Michael /Leigh, Richard: The Holy Blood and the Holy Grail (Corgi Books, Ealing, 1982)<br />
Moyer, Gordon (1982): Der gregorianische Kalender; in Spektrum der Wissenschaft, July 1982, p.92<br />
Schram, Robert: Kalendariologische und Chronologische Tafeln (Leipzig 1908)<br />
Wood, Michael: In Search of the Dark Ages (London 1982, 1988)<br />
Zemanek, Heinz: Kalender und Chronologie (München, 1984)</p>
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		<title>Hat das dunkle Mittelalter nie existiert?</title>
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		<pubDate>Mon, 01 Feb 2010 11:00:00 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[<h3>von Heribert Illig und Hans-Ulrich Niemitz</h3>
<p><em><strong>[Redaktionelle Notiz: </strong>Es handelt sich hierbei um den zweiten Beitrag zur mittelalterlichen Phantomzeit aus </em><a title="http://www.mantis-verlag.de/?page_id=520" href="http://www.mantis-verlag.de/?page_id=520" target="_blank">Zeitensprünge</a><em><a title="http://www.mantis-verlag.de/?page_id=520" href="http://www.mantis-verlag.de/?page_id=520" target="_blank"> 1/1991</a>. Gemeinsam mit zwei weiteren Beiträgen aus dem gleichen Heft markiert er den Beginn der Beschäftigung mit dem Mittelalter aus chronologischer Sicht in den </em>Zeitensprüngen<em>.<strong>]</strong></em></p>
<p>Das Mittelalter gilt nicht deshalb als dunkel, weil es eine finstere, unmenschliche, grausame Zeit gewesen wäre, sondern weil die Quellen es so schlecht erhellen. Das gilt insbesondere für das frühe Mittelalter, in viel geringerem Ausmaß für das späte Mittelalter.</p>
<p>Die beiden Autoren näherten sich dem Problem von verschiedenen Seiten. Dementsprechend können sie auch auf ganz verschiedene Quellen verweisen, die für jahrhundertelange Leerstellen im Mittelalter sprechen. Nachdem der komplexen Thematik nicht auf Anhieb Rechnung getragen werden kann, werden in einem ersten Anlauf nur knapp die ersten Befunde aufgelistet.<br />
<!--more--></p>
<h3 style="text-align: center;">Architektur  (il)</h3>
<p>In der neuen römischen Hauptstadt Ravenna werden noch im 5. Jh. fünf Kirchen, ein Baptisterium und ein Grabmal errichtet. Diese rege Bautätigkeit erlischt zur Mitte des 6. Jh.:</p>
<p>500  S. Apollinare Nuovo (ca.-Datum)<br />
500  Baptisterium der Arianer (ca.-Datum)<br />
500  S. Andrea (zw. 494 und 519)<br />
500  Spirito Santo (Arianischer Dom; ca.-Datum)<br />
520  Grab des Theoderichs<br />
526  S. Vitale (bis 546)<br />
535  S. Apollinare in Classe (bis 549)</p>
<p>In <strong>Venedig</strong>, das zu dieser Zeit in der Lagune gegründet wird, finden sich die ältesten Bauten sehr viel später. Die Kirche von Torcello wird, nach ihrer Gründung im Jahre 639, ab 1008 noch ganz in der Form einer frühchristlichen Basilika erbaut, die Kirche San Marco wird 1063 (oder 976?) nach einem 500 Jahre alten Vorbild begonnen, der Apostelkirche in Konstantinopel und/oder der Hagia Eirene, deren Baugeschichte schlecht datierbar ist (Wachmeier 1977, 107). Dieselbe Lücke zeigt sich bei Mosaiken (s.u.) noch deutlicher.</p>
<p><strong> Konstantinopel</strong>, das mit Bauten Ravennas und Venedig in direktem Kontakt steht, zeigt die Lücke, die zwischen Ravenna und Venedig klafft, innerhalb derselben Stadt (Daten stehen für den Baubeginn, wenn nicht anders angegeben):</p>
<p>527  Sergios- und Bakchoskirche<br />
532  Hagia Sophia (bis 537)<br />
537  Saray-Zisterne<br />
550  Hag. Eirene: Atrium u. Narthex<br />
550  Apostelkirche (ca.)<br />
558  Neue Kuppel der Hagia Sophia<br />
908 Konst.-Lips-Kloster, Weihe<br />
922 Myrelaionkirche<br />
922 Palast von Romanos I.<br />
1000 Marmorturm (ca.)<br />
1085 Pammakaristos-Kirche (ca)<br />
1090 Pantepoptes-Kirche<br />
1130 Pantokrator-Kirche (ca.)<br />
1180 Kyriotissakirche (ca.)</p>
<p>Zwischen 6. und 10. Jh. wird nur der Weiterbau der Hagia Eirene angesetzt, allerdings ganz vage mit &#8220;nach 740&#8243;.</p>
<p>Die Lücke wird bei Kreuzkuppelkirchen noch spürbarer: In Konstantinopel ab dem 10. Jh. gebaut, gehen sie auf armenische Vorbilder ab 500 zurück! (Brentjes u.a. 1982, 70ff.) Die Verwandtschaft der armenischen Architektur mit karolingischen und romanischen Bauten verdient vor allem deshalb mehr Aufmerksamkeit, weil seit 550 in Frankreich syrische und byzantinische Einflüsse gegenüber iranogotischen überwiegen (Pirenne 1963, 110).</p>
<p>San Vitale in Ravenna wurde 526 bis 546 erbaut. &#8220;Erster byzantinischer Zentralkuppelbau des Abendlandes, sechs Jahre vor der Hagia Sophia in Konstantinopel begonnen; Vorbild für die Palastkapelle Karls des Großen in Aachen&#8221; (Langewiesche 1964, 118). Weitere Vorbilder für Aachen waren St. Sergios und Bakchos in Konstantinopel (527) und das Oktogon in Hierapolis, heute Pamukkale (Zilkens 1983, 91). Der Rohbau des Aachener Oktogons war vermutlich 798 fertig, ein Teil des Baumaterials kam aus Ravenna (Weisweiler 1981, 28) &#8211; der zeitliche Abstand beträgt 250 Jahre. In der Mosaikkunst wird sich die direkte Aufeinanderfolge von ravennatischer und karolingischer Kunst bestätigen.</p>
<p>Unter Karl d.Gr. waren auch zwei Kirchen in Bau, die sich an der Peterskirche in Rom orientierten: Die Königsabtei in St. Denis (754-775) und die Fuldaer Klosterkirche (791-819). &#8220;Zum erstenmal im Mittelalter kopierte ein Bauwerk vom Range einer Königsabtei ein älteres Monument um seiner Bedeutung willen&#8221; (Zilkens 1983, 86). Die alte Peterskirche war 324 begonnen worden, stand aber bis ins 15. Jh.</p>
<h3 style="text-align: center;">Architekturglieder  (ni)</h3>
<p>Die im 10. Jh. gegründete Klosterkirche von Cluny war lange die größte in Europa. Ihre Ausschmückung war beispielgebend: Der &#8220;Fußboden war &#8211; wie alte römische Böden &#8211; mit figürlichem Mosaik geschmückt&#8221; (Clark 1961, 50). Die Steinskulpturen waren farbig gefaßt: &#8220;Wenn wir bedenken, daß sie in leuchtenden Farben angemalt waren, &lt;&#8230;&gt; dann stellen wir fest, daß sie ursprünglich sogar noch wilder &lt;&#8230;&gt; ausgesehen haben müssen&#8221; (Clark 1961; 51).</p>
<p>In Clunys Nachfolge waren Fassaden und Fassadenskulpturen der gotischen Kathedralen Frankreichs farbig gefaßt &#8211; genauso wie die antiken Tempel und Statuen.</p>
<h3 style="text-align: center;">Chiliasmus  (il)</h3>
<p>Im Christentum flammte immer wieder der Glaube an die Zahl 1000 auf: Ihmzufolge sollte Christus unmittelbar vor dem Ende dieser Weltzeit mit den auferweckten Gerechten ein Tausendjähriges Reich des Friedens errichten, vor dem aber der Teufel noch einmal herrsche. Augustinus und andere verkürzten dieses Bild zu der Annahme, daß von der Auferstehung Christi bis zum Ende der Welt 1000 Jahre vergehen würden. Wir finden sie bei frühen Kirchenvätern, judenchristlichen Sekten, aber auch bei apokalyptischen Sekten des Spätmittelalters.</p>
<p>Vor der Jahrtausendewende soll dieser Glaube ebenfalls grassiert haben. Neuere Forschungen ergaben, daß diese angsterfüllte Bewegung überschätzt worden ist. So muß das Jahr 1000 noch gar nicht durch die christliche Zeitrechnung hervorgehoben gewesen sein.</p>
<h3 style="text-align: center;">Geisteshaltung des Mittelalters  (ni)</h3>
<blockquote><p>&#8220;Gewiß sind die ersten Jahrhunderte des Mittelalters vorwiegend rezeptiv; die antike wie die christliche Kultur sind diesen Völkern nur verständlich, wenn sie in ihren einfachsten Formen und schlichtweg als Autoritäten gegeben werden. Aber vom 11. Jahrhundert an beginnt sich ein schöpferischer Geist zu regen, der ein Eindringen in die Überlieferungen und ein selbständiges Weiterführen zeigt&#8221; (Propyläen 1932, XXVI).</p></blockquote>
<p>Für die fragliche Zeit vor 1000 hat Le Goff einen fast psychopathologischen Charakterzug aufgedeckt: Der damalige Mensch habe krampfhaft etwas bewahrt, das er überhaupt nicht verstand:</p>
<blockquote><p>&#8220;Die Überlieferungen waren eher ein erstarrter Schatz &lt;&#8230;&gt; Frühmittelalterliche Menschen verstanden die kulturellen Überlieferungen der Vergangenheit nicht jeweils als Einheit, deren inneren Widersprüche wenn schon nicht aufgelöst, so doch wenigstens erklärt werden mußten; <em>für sie waren diese Überlieferungen eine Reihe von Texten ohne Kontext</em>&#8221; (Le Goff 1984, 59f.; kursiv durch ni).</p></blockquote>
<p>Weil dem &#8220;fortschrittsfeindlichen, verständnislos bewahrenden&#8221; Mensch des Mittelalters sicherlich auch unser Wissenschaftsverständnis fehlte, das immer die nächstfolgende Gelehrtengeneration unterstellt, könnte seine &#8220;retrospektive&#8221; Haltung von etwas ganz anderem herrühren: von künstlich geschaffenen Jahrhunderten oder gefälschten Quellen. Oder stimmt es doch, daß &#8220;die Menschen des Frühmittelalters &#8211; und besonders die &#8216;Intellektuellen&#8217;, die wir durch zeitgenössische Werke kennen &#8211; von dem Drang besessen waren, sich auf auctoritates der Vergangenheit zu stützen und sich in allen Gebieten damit abplagten, zu retten und zu erhalten, nicht etwa zu entwickeln oder neu zu schöpfen&#8221; (Le Goff 1984, 58)?</p>
<p>Die Wertvorstellungen Arbeit und Arbeiter (hauptsächlich Handwerker) fehlten noch im Mittelalter; dementsprechend wurden sie übergangen: &#8220;Wenn die Mentalitätsgeschichte stammelt, ist die Geschichte des Schweigens, der Vergessens und des historischen Dunkels, welche entscheidend für die Geschichte von morgen sein wird, noch stumm&#8221; (Le Goff 1984, 56f). &#8220;Es ist also legitim zu versuchen, sie &lt;die Einstellungen und Werurteile&gt; über Quellen, die wir besitzen, aufzuspüren und gewaltsam ans Licht zu ziehen&#8221; (Le Goff 1984, 57).</p>
<p>Bei einem derartigen Gewaltakt können richtige Quellen vergewaltigt, falsche aber als richtige gewertet werden. So plagt Le Goff bei seinem Vorgehen das schlechte Gewissen: &#8220;Dazu kommt noch, daß in dieser Periode die figürliche Kunst fast ganz verschwunden ist, desgleichen die Inschriften, so daß eine Interpretation des archäologischen Materials und besonders der Grabbeigaben für die Mentalitätsgeschichte nicht ganz unproblematisch ist&#8221; (Le Goff 1984, 65).</p>
<p>Da erleichtert es, wenn plötzlich Ähnlichkeiten mit Vertrautem sichtbar werden, wenn etwa das Kapitular von 806 für die missi in Nimwegen &#8220;bestimmte Einstellungen aus dem 13. Jahrhundert (Guillaume de Saint-Amour, Jean de Meung), vor allem aber aus dem Spätmittelalter und der Reformation ankündigt&#8221; (Le Goff 1984, 71). Hier wird aus dem Nachzügler plötzlich ein Vorläufer mit 400 Jahren Vorsprung.</p>
<h3 style="text-align: center;">Glaubenslehre  (ni)</h3>
<p>So unerbittlich die ersten Jahrhunderte über die Ausformung der Trinität und die Natur(en) Jesu innerhalb der Kirche gestritten worden ist, so still bleibt es das nächste halbe Jahrtausend:</p>
<blockquote><p>&#8220;In den fünf Jahrhunderten zwischen Gregor dem Großen &lt;604&gt; und dem 12. Jahrhundert entwickelten sich die Ansätze zum Purgatorium kaum weiter. &lt;&#8230;&gt; Die genannten fünf Jahrhunderte sind für uns eine lange Periode, in der das Nachdenken über das Jenseits anscheinend stagnierte&#8221; (Le Goff 1990, 120).</p></blockquote>
<p>Karl der Kahle hatte Chartres 876 die Tunika der Jungfrau Maria geschenkt. &#8220;Von Beginn an hatte diese Reliquie Wunder gewirkt, aber erst im 12. Jahrhundert drang der Kult der Jungfrau in die Vorstellungswelt des Volkes ein. Ich vermute, daß in früheren Jahrhunderten das Leben einfach zu unempfindlich dafür gewesen war. Jedenfalls spielte die Jungfrau &lt;&#8230;&gt; eine sehr geringe Rolle im Geist der Menschen des ganzen 9. und 10. Jahrhunderts&#8221; (Clark 1961, 72).</p>
<p>Aber auch im zweiten Jahrtausend geschah manch Unverstandenes: &#8220;Trotz seiner öffentlichen Ämter an der Hofschule unter Karl dem Kahlen war der Ire Johannes Scotus Eriguena &lt;810-877&gt; ein den mittelalterlichen Theologen fast gänzlich unbekannter Einzelgänger, und dies auch, bevor seine Lehre zwei Jahrhunderte nach seinem Tode im Jahr 1210 auf dem Konzil von Paris verurteilt wurde&#8221; (Le Goff 1990, 131). Er hat die hochmittelalterlichen Mystiker beeinflußt, weswegen ihn die Kirche genaugenommen 340 Jahre später verurteilte. Wann hat er wirklich gelebt?</p>
<h3 style="text-align: center;">Ikonoklasmus  (il)</h3>
<p>In der Ostkirche tobte von 725 bis 843 der Streit über die Zulässigkeit figürlicher Darstellung. &#8220;Schuf man Neues, so wählte man abstraktere Formen, stellte nicht Christus dar, sondern begnügte sich mit dem Kreuzeszeichen, wofür der Mosaikschmuck in der Apsis der Hagia Sophia ein charakteristisches Beispiel ist&#8221; (Wachmeier 1977, 13). Aber die Mosaikkunst von Ravenna dokumentiert diese Entwicklung bereits vor 550: S. Apollinare in Classe (535-549) ist die späteste der dortigen Kirchen. Ihr Mosaikschmuck ist drastisch reduziert, Prozessionsdarstellungen im Langhaus wie noch in S. Apollinare Nuovo fehlen ganz. Im alleinigen Apsismosaik werden die 12 Apostel gleich zweimal durch 12 Schafe symbolisiert, die Christusfigur ist durch ein großes Kreuz ersetzt, mit dem Haupt Christi im Zentrum. Erfolgte der Bildersturm (und damit verbunden die Ausbreitung des Islams) bereits im 6. Jh.?</p>
<h3 style="text-align: center;">Karolinger und Sachsenkaiser  (ni)</h3>
<p>&#8220;So gut die Historiker über Lage und geschichtliche Bedeutung der karolingischen Pfalzen informiert sind, so wenig wissen sie jedoch über ihr Aussehen, ihr bauliches Bild, ihre Struktur&#8221; (Pörtner 1964, 297). Sind etwa die karolingischen Pfalzen identisch mit den ottonischen und deshalb nicht erkennbar?</p>
<p>&#8220;J.M.J. von Olfers &lt;&#8230;&gt; suchte &lt;&#8230;&gt; im August 1843 &lt;&#8230;&gt; nach dem verschollenen Grabe Karls des Großen &#8211; ohne Erfolg übrigens&#8221; (Pörtner 1964, 298) &#8211; und das gilt bis heute. Aber der Sachsenkaiser Otto III. (983 &#8211; 1002) soll das Grab gefunden haben. Ist diese Auffindung oder einer der beiden Kaiser nur Legende?</p>
<p>Karolinger und Sachsen entsprechen sich auch in der Rechtsprechung auf seltsame Weise:</p>
<blockquote><p>&#8220;Die große Woge der Kapitulariengesetzgebung bei den Karolingern und die Quellenarmut der ottonischen Periode dürfen nicht über die inneren Gemeinsamkeiten beider Epochen hinwegtäuschen&#8221; (Kroeschell 1972, 72).</p></blockquote>
<blockquote><p>&#8220;Erst Kaiser wie Otto I. und Otto II. &lt;&#8230;&gt; haben sich der Form der Kapitularien noch einmal bedient&#8221; (Kroeschell 1972, 75).</p></blockquote>
<p>Der &#8220;Rechtspfleger&#8221; Karl aber wird sehr zwiespältig gesehen: &#8220;Man darf &lt;&#8230;&gt; die Leistung Karl des Großen auf dem Gebiet des Stammesrechtes nicht allzu hoch bewerten: Über eine sprachlich gereinigte Neufassung älterer Texte ist er kaum hinausgekommen&#8221; (Kroeschell 1972, 74).</p>
<p>Andererseits sind es die Kapitularien, &#8220;denen Karl der Große bei den modernen Historikern &lt;&#8230;&gt; seinen Ruhm als Gesetzgeber verdankt. Die große Woge der Anordnungen, die unter Karl rasch emporschwillt und unter seinen Enkeln schon wieder verebbt, ist eine eigenartige Erscheinung und hat der Forschung von jeher viele Rätsel aufgegeben. Ihren Namen tragen die Kapitularien nach ihrer Einteilung in Kapitel, und dies ist zugleich das einzige, was man über sie sagen kann, ohne auf Widerspruch zu stoßen&#8221; (Kroeschell 1972, 74).</p>
<h3 style="text-align: center;">Kirchengeschichtsschreibung  (il)</h3>
<p>Dem frühen Interesse der Christen an der Geschichte verdanken wir über Eusebius und seine Abschrift des Manetho sogar die Pharaonenfolge der Ägypter. Aber dieser frühe Impuls erlischt Ende des 6. Jh. (lt. Brockhaus):</p>
<p>325  Eusebius von Caesarea<br />
417  Orosius<br />
5./6. Jh. Fortsetzungen in Ost und West durch Rufinus, Skrates, Sozomenos,  Theodoret, Philostorgios,  Cassiodorus Sen., Euagrios, Johannes von Ephesos<br />
&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<br />
1559  M. Flacius<br />
1588  L. Baronius</p>
<h3 style="text-align: center;">Krankheiten  (ni)</h3>
<p>Die Pestepidemien in Europa sparen eine markante zeitliche Lücke aus: 164, 283, 535, 542 (erstmals nachgewiesenerweise Beulenpest, bis ca. 600), 1348-50, 1356 (im Rheinland bis 1667), 1449, 1562, 1576, 1598, 1611, 1631, 1633, 1665, 1713, 1721 (Stein 1987).</p>
<p>McNeill schreibt dazu: &#8220;Das leuchtet ein &lt;der Autor bezieht sich auf eine Argumentation zum Entstehungsort der Pest in Asien&gt;, wenn man die Geschichte der Pest nach ihrem ersten verheerenden Auftritt in Europa zur Zeit Justinians &lt;mit dem&gt; vergleicht, was nach 1346 beim Erscheinen des Schwarzen Todes passierte. Im ersten Fall verschwand die Pest schließlich vollständig aus dem christlichen Europa. Die letzte Erwähnung der Krankheit in christlichen Quellen stammt aus dem Jahr 767. Arabische Autoren erwähnten die Pest in den letzten 150 Jahren vor 1340 ebenfalls nirgends &lt;&#8230;&gt; Im Gegensatz dazu ist seit 1346 die Pest in Europa und im mittleren Osten bis in die Gegenwart hinein chronisch geblieben &lt;&#8230;&gt; Der Gegensatz zwischen den wiederholten Auftritten der Pest in Europa nach 1346 und der offensichtlichen Abwesenheit der Krankheit von europäischem Boden während mehr als fünfeinhalb Jahrhunderten vor 1346 deutet darauf hin, daß etwas Einschneidendes geschehen war, das die Anfälligkeit Europas für die Infektion erhöht hatte&#8221; (McNeill 1983, 202f.).</p>
<p>Vielleicht verdanken wir die &#8220;offensichtliche&#8221;, vorübergehende Immunisierung eines Erdteils einer künstlich geschaffenen oder gestreckten Ära, in der statt der Pest die aus der Bibel bekannte Lepra (=Aussatz, modern: Hansen&#8217;sche Krankheit) gewütet haben soll. &#8220;Die Hansen&#8217;sche Krankheit scheint sich in Europa und den Küstenländern des Mittelmeeres im 6. Jahrhundert verbreitet zu haben. Danach blieb sie zusammen mit anderen als leprös eingestuften Krankheiten bis zum 14. Jahrhundert von großer Bedeutung. Leprosenhäuser wurden außerhalb tausender von mittelalterlichen Städten eingerichtet. Eine Schätzung der Gesamtzahl solcher Häuser in der christlichen Welt des 13. Jahrhunderts beläuft sich auf nicht weniger als 19000&#8243; (McNeill 1983, 221).</p>
<p>Doch gemäß anderen Quellen wurde die Lepra erst 1230 mit den Kreuzzügen nach Europa eingeschleppt (Stein 1987) &#8211; eine signifikante Unsicherheit. Wo gibt es Überreste dieser zahllosen Häuser, deren Verschwinden keineswegs durch die Angst vor Ansteckung motiviert ist. Denn erst mußten die Kranken verschwunden sein, danach erst konnten die Krankenhäuser abgerissen werden.</p>
<h3 style="text-align: center;">Landwirtschaft  (ni)</h3>
<p>&#8220;Die <em>Dreifelderform des Fruchtwechsels</em> ist der größte Fortschritt der westeuropäischen Landwirtschaft im Mittelalter genannt worden. Sie <em>steht gegen Ende des 8. Jahrhunderts mit einem Mal vor uns</em>. Ihr erstes gesichertes Auftreten stammt aus dem Jahre 763, das nächste aus dem Jahre 783, das dritte aus dem Jahre 800. Danach sind die Belege so zahlreich, daß diejenigen Geschichtsforscher, die durchaus an dem Dogma festhalten wollen, im ländlichen Leben könne es nie einen schnellen Wandel geben, zu der <em>Annahme genötigt sind, die Dreifelderwirtschaft sei eine ältere Erfindung, die es fertig gebracht habe, jeder urkundlichen Erwähnung zu entwischen</em>&#8221; (White 1968, 63).</p>
<p>&#8220;Die Frage nach der Ausbreitung der Dreifelderwirtschaft von ihrem Ursprungsgebiet im Fränkischen Reich zwischen Seine und Rhein ist noch nicht planmäßig untersucht worden. &lt;&#8230;&gt; Selbst in Deutschland, wo auf diesem Gebiet mehr getan worden ist als sonst irgendwo, kann bisher niemand mehr aussagen, als daß<em> die Ausbreitung seit ihrem Beginn, kurz vor 800, mehrere Jahrhunderte in Anspruch genommen hat. Ungarn ist rätselhaft</em>: Eine Abtei scheint im Jahre 1086 auf ihren Gütern Dreifelderwirtschaft betrieben zu haben. Dann ist von Dreifelderwirtschaft keine Rede mehr, bis zum Jahre 1355&#8243; (White 1968, 66f.).</p>
<p>&#8220;Bis zum Ende des Mittelalters hat sich eine klare und feste Verbindung zwischen der Dreifelderwirtschaft und dem Gebrauch des Pferdes in der Landwirtschaft herausgebildet. Vielleicht kann <em>der dreihundertjährige Verzug vom Auftreten der neuen Anschirrung bis zum umfassenden Einsatz des Pferdes</em> für nichtkriegerische Zwecke mit den Schwierigkeiten erklärt werden, die bei der Umstellung eines Dorfes vom zweijährigen auf den dreijährigen Umlauf sicher zu überwinden gewesen sind&#8221; (White 1968, 66). Die Kursivsetzungen durch den Verfasser (ni) sprechen für sich, das Anschirren taucht noch einmal unter Technikgeschichte auf.</p>
<h3 style="text-align: center;">Mönchsorden  (il)</h3>
<p>Nachdem Basilius den Mönchsgedanken von Ägypten nach Europa gebracht hatte, wurden bis 600 nicht nur zahlreiche Klöster gegründet, sondern auch erste übergreifende Ordensregeln erlassen. Nach 600 stockt diese Entwicklung bis ins 11. Jh., um dann einen ungeheuren Aufschwung zu nehmen (Stein 1987 und Christoph 1960, 372):</p>
<p>379  Basilius&#8217; Tod; er entwickelte Mönchswesen in Griechenland<br />
380  Klosterartige Einrichtungen in Rom und Mailand<br />
400  Augustiner-Eremiten (Ca.-Datum)<br />
493  Brigida gründet erste Frauenklöster in Irland<br />
529  Benedikt erläßt seine Ordensregel und gründet Monte Cassino<br />
609  Columbanus gründet Kloster in den Vogesen mit strenger Regel<br />
&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<br />
1072  Reform von Cluny des Benediktinerordens<br />
1084  Kartäuser (1176 päpstlich bestätigt)<br />
1098  Trappisten<br />
1120  Zisterzienser trennen sich von den Benediktinern<br />
1120  Prämonstratenser<br />
1155  Karmeliten (1226 päpstlich bestätigt)<br />
13.Jh. Franziskaner (1209, 1221), Klarissinnen (Franziskanerinnen 1212), Dominikaner (1215), Tertiarier des Hl. Franz (1221), Serviten (1233), Cölestiner (ca. 1250), Augustiner (1256).</p>
<h3 style="text-align: center;">Mosaikkunst  (il)</h3>
<p>In Ravenna, dieser Stadt der Völkerwanderungszeit ist nach einem Jahrhundert der Blüte (440 bis 550) das letzte frühchristliche Mosaik Italiens an eine Kirchenwand geheftet worden (<em>S. Apollinare Nuovo</em>). Diese Blüte hatte im spätantiken Rom begonnen und sich in Ravenna, Thessaloniki und Konstantinopel fortgesetzt:</p>
<p>313  S. Giovanni in Laterano, (Rom)<br />
320  S. Costanza, (Rom)<br />
390  S. Pudenziana (bis 398); (Rom)<br />
400  Ajios Georgios (Thessaloniki)<br />
435  S. Maria Maggiore (Rom; erstmals Goldgrund)<br />
480  Ajia Paraskevi (Thessaloniki; ca.-Datierung)<br />
520  Ajios Dimitrios-Kirche (Thessaloniki; ca.-Datierung)<br />
530  Ajia Sophia (Thessaloniki)<br />
535  Basilica Eufrasiana; Porec (Istrien; bis 543)<br />
537  Hagia Sophia (Istanbul; bis 570)<br />
565  Katharinenkloster, Sinai (vor Justinians Tod, 565)</p>
<p>Nach Ravennas musivischem Ende um 550 geht es im 120 km entfernten Venedig erst nach der Jahrtausendwende weiter: Die frühesten Mosaike der Markuskirche und von Torcello, gut mit ravennatischen zu vergleichen, stammen aus dem späten 11. Jh. &#8211; eine Lücke von rund 500 Jahren, die auch im mosaikreichen Konstantinopel nur durch sehr wenige Datierungen unterbrochen wird (eigentlich nur durch im 9. Jh. angesiedelte neue Mosaike in der Hagia Sophia).</p>
<p>Die Kuppelmosaiken der Vorhalle von San Marco haben eine verwundernde Entstehungsgeschichte. Denn die erste Kuppel (Genesis) wurde bis 1220 nach einer Handschrift des 5. oder 6. Jh. gearbeitet, nach dem sogenannten Cotton-Kodex. Während die Künstler hier exakt dem Stil der rund 650 Jahre alten Vorlage folgten, kommen in den weiteren Kuppeln, die ebenfalls aus dem 13. Jh. stammen, &#8220;die Stiltendenzen der eigenen, der gotischen Zeit wesentlich stärker zum Ausdruck&#8221; (Hellenkemper 1986, 5).</p>
<p>Generell setzt die die musivische Kunst nach 1000 wieder auf breiter Front ein und blüht bis 1300:</p>
<p>1018  Torcello, Venedig<br />
1025  Hosios Lukas, Griechenland (Bau ab 1000)<br />
1071  S. Marco, Venedig<br />
11.Jh. Vatopedi (Athos; Bau ab 980)<br />
1100  Daphni bei Athen (Bau ab 1080)<br />
1100  S. Ambrogio, Mailand (um 1100 &#8211; um 1128)</p>
<p>Im 12. Jh. dann Sizilien (Palermo: Dom, Palastkapelle, La Martorana; Cefalù; Monreale), Florenz (Baptisterium, S. Miniato), Lucca (S. Frediano), Pisa (Dom), Rom (S. Maria in Trastevere).</p>
<p>Aber zwischen 6. und 11. Jh. können nur wenige römische und karolingische Mosaiken vermitteln, die wie Lückenbüßer zwischen den Zeiten stehen:</p>
<p>805  Pfalzkapelle Aachen (zerstört)<br />
817  S. Maria in Domnica, Rom (bis 824)<br />
817  S. Marco, Rom (bis 844)<br />
818  Germigny-des-Prés, Loire<br />
820  S. Prassede, Rom (bis 840).</p>
<h3 style="text-align: center;">Musikgeschichte  (ni)</h3>
<p>Papst Gregor der Große (540 &#8211; 604) gründete nicht nur um 575 ein Kloster (vgl. oben), sondern reformierte die Meßzeremonien und (vielleicht) den kirchlichen Gesang. &#8220;Viele Jahrhunderte lang blieb das große Buch, das sein Lebenswerk darstellte, mit einer Kette am Sankt Petrus Altar befestigt&#8221; (Pahlen o.J., 36). Ausgerechnet in den nachfolgenden Jahrhunderten der Wirren und Plünderungen Roms hätte sich eine derartige Aufbewahrungsart bewährt?</p>
<p>Der Gregoranische Gesang &#8220;ist die einzige sichtbare Musikform Europas während tausend Jahren&#8221; (Pahlen o.J., 40).</p>
<h3 style="text-align: center;">Philosophiegeschichte  (il)</h3>
<p>Wenn wir einem groben Schema von O. Neeracher (1967, 5) folgen, dann klafft in der Philosophiegeschichte eine beträchtliche Lücke:</p>
<p>1. &#8211;  4. Jh.  Augustinus; Neuplatonismus<br />
9. &#8211; 12. Jh.  Frühscholastik<br />
12. &#8211; 13. Jh.  Hochscholastik<br />
14. &#8211; 15. Jh.  Spätscholastik.</p>
<h3 style="text-align: center;">Sagen und Geschichte  (il)</h3>
<p>Wesentliches abendländisches Sagengut ist erst Jahrhunderte nach den jeweiligen Ereignissen niedergeschrieben worden. Das gilt vor allem für die <em>Artus</em>-Sage. Das früheste Buch darüber &#8220;wurde im England des frühen 12. Jh. geschrieben, 600 Jahre nach den beschriebenen Ereignissen&#8221; (Wood 1982, 54). &#8220;Der Name &lt;Camelot&gt; ist die Erfindung eines französischen Autors, der im 12. Jh. schrieb, und deshalb für den Historiker wertlos ist, ausgenommen als Symbol&#8221; (ebd., 51). Damit ist wohl Chrétien de Troyes gemeint, der als erster Parzival und den Gral mit König Artus&#8217; Tafelrunde in Verbindung brachte. Er starb um 1190.</p>
<p>Erzählungen über Alfred den Großen, König der Engländer bis 899, erschienen erstmals im frühen 12. Jh. (ebd., 109).</p>
<p>Das Rolandslied, dessen älteste überlieferte Form das altfranzösische Chanson de Roland ist, wurde gegen 1100 in Nordfrankreich aufgeschrieben, über 300 Jahre nach dem historischen Ereignis (778) (lt. Brockhaus). Diese Beispiele sprechen durchaus nicht für eine Beibehaltung der vollen Länge des Mittelalters.</p>
<h3 style="text-align: center;">Technikgeschichte  (ni)</h3>
<p>Für das frühe Mittelalter werden nur wenige Erfindungen gemeldet, die zum Teil in China viel früher gemacht worden sind (die Datierungen sind wohl anhand von Urkunden vorgenommen worden):</p>
<p>9./10. Jh.:<em> Kummet</em> (in China 5. Jh.), <em>Steigbügel, Hufeisen</em> (Klemm 1961, 11)</p>
<p>11./12. Jh.: <em>Heckruder</em> (in China schon im 8. Jh.; Klemm 1961, 13), <em>Gewölbebau</em>: &#8220;Die romanische Zeit des 11. Jahrhunderts nahm die antike Wölbetechnik wieder auf und übertrug sie ins Große des Kirchenbaus. Speyer ist hier leuchtendes Beispiel&#8221; (ebd., 15). Allerdings wurde nur noch das römische Haustein-, nicht mehr das Gußgewölbe beherrscht.</p>
<p>Das Mittelalter hat uns über viele Alltäglichkeiten im Dunklen gelassen: &#8220;Die Kunst liefert uns weder im byzantinischen Osten noch im römischen Westen bedeutsame Beiträge zur Frage der Verbreitung des Steigbügels. Durch das ganze Mittelalter haben die Künstler der gesamten Christenheit, von wenigen Ausnahmen abgesehen, der Darstellung der sichtbaren Gegenstände ihrer Umwelt wenig Aufmerksamkeit zugewandt. Für Naturalismus ist in ihrem Bewußtsein wenig Platz gewesen. Sie sind ganz der Darstellung überlieferter, oft vererbt-klassischer Vorbilder von sinnbildlichem Wert ergeben gewesen. Im Ergebnis blieb die bildliche Darstellung immer hinter der Wirklichkeit zurück, und Neues wurde selten in der Kunst wiedergegeben, ehe sein Neuwert sich abgetragen und das Neue sich eingelaufen hatte&#8221; (White 1968, 29).</p>
<p>Könnte sich dieser &#8220;abgetragene Neuwert&#8221; durch die zeitliche Dehnung erklären, könnten die fehlenden Details auf Wissenslücken späterer Fälscher verweisen?</p>
<p>Die dark ages Großbritanniens werden durch eine waffentechnische Beobachtung in Frage gestellt. 1066 griffen die Normannen England an. &#8220;Es war ein Zusammenstoß zwischen den Kampfformen des 7. mit denen des 11. Jahrhunderts&#8221; (White 1968, 38). Dies muß mehr als verwundern, denn beide Länder trennt nur der Kanal, der bis dahin von immer neuen Einwanderern überwunden worden ist. Unwillkürlich denkt man an die Ilias mit ihren gleichzeitig genannten Waffentechniken, die dennoch nach alter Chronologie 700 Jahre auseinanderliegen.</p>
<h3 style="text-align: center;">Wissenschaften  (ni)</h3>
<blockquote><p>&#8220;Wahrscheinlich hat der Gebrauch von Astrolabien sich im lateinischen Westen durch das ganze Mittelalter hindurch erhalten. Das ergibt sich aus der Unterscheidung der Astrolabien in zwei Familien, eine östlich-mohammedanische und eine westliche, zu der auch die Arbeiten der spanischen Moslim gehören. Die westliche Form ist auf den Tierkreiszeichen aufgebaut und nach dem Julianischen Kalender eingeteilt, der mit den Mondmonaten des Islam nicht zusammenstimmt. Außerdem zeigt die Stundenteilung der &#8220;Alidaden&#8221; spanischer Moslim entweder Herkunft oder Einflüsse aus dem Christentum. Unzweifelhaft haben die Sarazenen bei der Eroberung des westgotischen Spanien im 8. Jahrhundert westliche Astrolabien vorgefunden und haben später versäumt, sie dem islamischen Mondkalender anzupassen&#8221; (White 1968, 99).</p></blockquote>
<p>Jene Araber, die uns die antike Astronomie in wesentlich verbesserter Form überliefert haben, haben hier also jahrhundertelang ein &#8220;Versäumnis&#8221; begangen.</p>
<h3 style="text-align: center;">Zeitrechnung  (il)</h3>
<p>Die Einführung der christlichen Zeitrechnung verläuft ausgesprochen merkwürdig. Nach ihrer Definition durch Dionysius Exiguus im Jahre 525 wird sie bereits im 6. Jh. auch von anderen gebraucht; sie soll dann (noch einmal) von Beda Venerabilis (672-735) eingeführt worden sein (Stein 1987), um dann bis ins 10. Jh. zu ruhen. Die Päpste selbst machten ersten Gebrauch von ihr um 970, doch regelmäßigen erst ab 1431.</p>
<hr style="width: 30%;" />Wenn nun die Frage gestellt wird, wie es denn wirklich gewesen sei, dann ließe sich als erste Arbeitshypothese mutmaßen:</p>
<p style="padding-left: 30px;">Die herkömmlichen Jahreszahlen 550 und 1050 scheinen im byzantinischen Reich dicht beisammen zu liegen. Wegen der westlichen Entwicklung ist zu fragen, ob dazwischen noch ein Jahrhundert für die Karolinger ausgespart bleiben muß, oder ob die Karolinger unter anderen Namen ein zweites Mal geführt werden (und damit nach 1050 rangieren)?</p>
<h3>Bibliographie:</h3>
<p>Brentjes, Burchard / Mnazakanjan, Stepan / Stepanjan, Nona (1982): Kunst des Mittelalters in Armenien; Wien</p>
<p>Christoph, Alfred (1960): Ich sag Dir alles; Gütersloh</p>
<p>Clark, Kenneth (1970): Zivilisation; Reinbek</p>
<p>Hellenkemper Salies, Gisela (1986): Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Die Mosaiken in der Vorhalle des Markusdoms in Venedig; Freiburg</p>
<p>Klemm, Friedrich (1961): Der Beitrag des Mittelalters zur Entwicklung der abendländischen Technik, Wiesbaden</p>
<p>Kroeschell, Karl (1972): Deutsche Rechtsgeschichte bis 1250; Hamburg</p>
<p>Langewiesche, Marianne (1964): Ravenna &#8211; Stadt der Völkerwanderung; Reinbek</p>
<p>Le Goff, Jacques (1984): Für ein anderes Mittelalter. Zeit, Arbeit und Kultur im Europa des 5.-15. Jahrhunderts; Wien</p>
<p>Le Goff, Jacques (1990): Die Geburt des Fegefeuer; München</p>
<p>McNeill, H. Williams (1983): Die großen Epidemien; Bergisch Gladbach</p>
<p>Neeracher, Otto (1967): Florenz; Basel</p>
<p>Pahlen, Kurt (o.J.; ca. 1960): Musikgeschichte; Zürich</p>
<p>Pirenne, Henri (1963): Mahomet und Karl der Große; Frankfurt</p>
<p>Pörtner, Rudolf (1964): Die Erben Roms. Städte und Stätten des deutschen Früh-Mittelalters, Düsseldorf</p>
<p>Propyläen Weltgeschichte (1932): 3. Band: Das Mittelalter bis zum Ausgang der Staufer 400 &#8211; 1250; Berlin</p>
<p>Stein, Werner (1987): Der große Kulturfahrplan; München &#8211; Berlin</p>
<p>Wachmeier, Günter (1977): Istanbul; Zürich</p>
<p>Weisweiler, Hermann (1981): Das Geheimnis Karls des Großen. Astronomie in Stein: Der Aachener Dom; München</p>
<p>White jr., Lynn (1968): Die mittelalterliche Technik und der Wandel der Gesellschaft; München</p>
<p>Wood, Michael (1982): In Search of the Dark Ages; London</p>
<p>Zilkens, Iris (1983): Karolingische Kunst; in Aachen und die Eifel. HB-Kunstführer, Hamburg</p>
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		<title>Die christliche Zeitrechnung ist zu lang</title>
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		<pubDate>Mon, 04 Jan 2010 19:00:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>ao</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Fantomzeit]]></category>
		<category><![CDATA[Frühmittelalter]]></category>
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		<category><![CDATA[Illig]]></category>

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		<description><![CDATA[<h3>von Heribert Illig</h3>
<p><em><strong>[Redaktionelle Notiz: </strong>Es handelt sich hierbei um den ersten Beitrag zur mittelalterlichen Phantomzeit aus </em><a title="http://www.mantis-verlag.de/?page_id=520" href="http://www.mantis-verlag.de/?page_id=520" target="_blank">Zeitensprünge</a><em><a title="http://www.mantis-verlag.de/?page_id=520" href="http://www.mantis-verlag.de/?page_id=520" target="_blank"> 1/1991</a>. Gemeinsam mit zwei weiteren Beiträgen aus dem gleichen Heft markiert er den Beginn der Beschäftigung mit dem Mittelalter aus chronologischer Sicht in den </em>Zeitensprüngen<em>.<strong>]</strong></em></p>
<p>Die Quintessenz dieses Artikels ist ebenso einfach wie weitreichend:</p>
<p style="padding-left: 30px;"><strong>Zwischen Caesar und der Neuzeit werden rund 350 Jahre zuviel in unserer Chronologie geführt.</strong></p>
<p>Diese Erkenntnis ergibt sich aus einer einfachen Rechnung und aus den vergeblichen Versuchen der Vorgänger, ihr falsches Resultat in ein richtiges zu verwandeln. Der Gregorianische Kalender setzt den Julianischen fort; unsere kalendarische Leitschiene<a name="sdfootnote1anc" href="#sdfootnote1sym"><sup>1</sup></a> verbindet also Antike und Neuzeit und überbrückt römische Kaiserzeit ebenso wie das gesamte Mittelalter. Wenn der neue Kalender fehlerhaft auf den alten aufgepfropft worden ist, dann müssen sämtliche Datierungen und Synchronismen zwischen Caesar und der Frührenaissance einer Prüfung unterzogen werden.<br />
<!--more--><br />
Zur Erinnerung: Der Pontifex maximus Gaius Julius Caesar hat -44<a name="sdfootnote2anc" href="#sdfootnote2sym"><sup>2</sup></a> den nach ihm benannten <strong>Julianischen Kalender</strong> eingeführt, bei dem jedes vierte Jahr 366 statt 365 Tage zählt. Dieser Kalender war so gut, daß erst 1.626 Jahren später eine Nachbesserung notwendig wurde. Papst Gregor XIII. mußte 1582 den Kalender wieder in Gleichklang mit den astronomischen Jahreszeiten bringen lassen. Dies geschah durch Überspringen von 10 Tagen bei der Datumszählung: Auf den 4.10. 1582 folgte sofort der 15.10. 1582 ! Um für die Zukunft ein Auseinanderdriften zwischen Kalender und Sonnenumlauf der Erde zu vermeiden, wurde außerdem die Schaltregel verfeinert. So ist der <strong>Gregorianische Kalender</strong> im Grunde ein korrigierter und verbesserter Julianischer Kalender. Differierte das Julianische Jahr noch um 674 sec = 11 min + 14 sec vom Sonnenjahr, &#8220;paßt&#8221; das Gregorianische Jahr bis auf 26 sec genau und ist damit für Jahrtausende vor Korrekturen geschützt:</p>
<table border="0">
<tbody>
<tr>
<td valign="top">Julianisches Jahr:</td>
<td valign="top">365,2500 Tage = 365 d 360 min</td>
<td valign="top">= 365 d 21.600 sec</td>
</tr>
<tr>
<td valign="top">Gregorianisches Jahr:</td>
<td valign="top">365,2425 Tage = 365 d 349 min 12 sec</td>
<td valign="top">= 365 d 20.952 sec</td>
</tr>
<tr>
<td valign="top">Sonnenjahr:</td>
<td valign="top">365,2422 Tage = 365 d 348 min 46 sec</td>
<td valign="top">= 365 d 20.926 sec</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p>The New Encyclopaedia Britannica (1985) schreibt unter dem Stichwort <em>calendar </em>zum &#8220;Julianischen Kalender, der für die nächsten rund 1600 Jahre benutzt wurde&#8221;: &#8220;Doch während dieser Zeit produzierte die Unstimmigkeit zwischen dem Julianischen Jahr von 365,25 Tagen und dem Tropischen Jahr von 365,242199 Tagen allmählich signifikante Fehler. Die Differenz wuchs mit einer Rate von 11 Minuten 14 Sekunden pro Jahr, bis sie 1545 volle 10 Tage betrug und das Konzil von Trient Papst Paul III. zu einer Korrektur ermächtigte.&#8221; Ausgeführt wurde die Korrektur erst 37 Jahre später unter Gregor XIII.</p>
<p>Aber diese simple Multiplikation ergibt ein falsches Resultat:</p>
<p>1.626 Jahre mit einer jeweiligen Diskrepanz von 674 sec ergeben 1.095.924 sec bzw. (ein Tag hat 86.400 sec) ca. <strong>12,7 Tage</strong>!</p>
<p>Der Julianische Kalender ging also in 1.626 Jahren um 12,7 Tage nach. Weil eine Korrektur nur in ganzen Schalttagen<a name="sdfootnote3anc" href="#sdfootnote3sym"><sup>3</sup></a> erfolgen konnte, wäre 1582 ein Überspringen von <strong>13</strong> Tagen notwendig gewesen (dies bestätigt Zemanek 1984, 126). Tatsächlich sind aber nur<strong> 10</strong> Tage übersprungen worden.</p>
<p>Nachdem die Meinung der Encyclopaedia Britannica hier stellvertretend für die einer Vielzahl anderer Werke zitiert wurde, muß es eine Erklärung für diesen bösen Schnitzer geben. Vier Möglichkeiten sind vorstellbar, weshalb die Korrektur von 1582 deutlich kleiner (gut 20 %) ausgefallen ist, als die Rechnung vorgegeben hat:</p>
<ol>
<li>Die päpstlichen Römer haben ihr Korrektur nicht auf Caesars Korrektur bezogen,</li>
<li>die antiken Römer haben den Frühjahrspunkt noch nicht richtig bestimmt,</li>
<li>die päpstlichen Römer haben den Frühjahrspunkt anders bestimmt als Caesars Astronomen,</li>
<li>zwischen den Reformen von Caesar und Gregor XIII. liegen weniger als 1.626 Jahre.</li>
</ol>
<h3 style="text-align: center;">Zu 1) und den Römern des 16. Jh.</h3>
<p>Wenn ein Kalender langsam aus dem Ruder läuft, dann müßte eine Korrektur jene astronomische Situation wieder herbeiführen, der er ursprünglich entsprochen hat. Deshalb wäre man geneigt, den britischen Enzyklopädisten Recht zu geben. In der Spezialliteratur findet sich aber eine Alternative:</p>
<blockquote><p>&#8220;Da das Datum des Äquinoktiums zur Zeit der Reform um 10 Tage gegen das wirkliche zurückgewichen war, d.h. 1582 auf dem 11. März haftete statt auf dem 21. März, so sollte das Datum wieder auf den Äquinoktialtag XII. Kalendas Aprilis = 21. März des Jahres 325 (Konzil von Nicäa) zurückgebracht werden&#8221; (Ginzel 1914, III 257).</p></blockquote>
<p>Dieser Bezug auf das erste Konzil der Christenheit wäre eine Erklärung für die oben monierte Diskrepanz von 2,7 oder 3 vollen Tagen. Denn für die von Nicäa bis Gregor XIII. verstrichenen 1.257 Jahre erbringt die Rechnung tatsächlich 10 Ausgleichstage:</p>
<p>1.257 Jahre mit einer jeweiligen Diskrepanz von 674 sec ergeben 847.218 sec bzw. (nachdem ein Tag 86.400 sec hat) ca. <strong>9,8 Tage</strong>!</p>
<p>Man hätte sich also 1582 nicht an Caesar, sondern am Konzil von Nicäa orientiert. Ein Abbé beschreibt, was vorgegangen sein soll: Die Koryphäen einigten sich, indem &#8220;sie schließlich erklärten, lieber einfach 10 Tage zu unterdrücken, um das Äquinoktium wieder auf den 21. März zu bringen, wo es seit dem Konzil von Nicäa gewesen war. Damit wollte man diesem  Konzil Respekt zollen und möglichst wenige Veränderungen in die liturgischen Bücher bringen, die Pius V. &lt;direkter Vorgänger von Gregor XIII.&gt; überarbeitet hatte&#8221; (Chauve-Bertrand 1936, 89).</p>
<p>Zum besseren Verständnis muß nachgeschickt werden, daß es für alle Kalendermacher, also auch für Gregors Wissenschaftler zwei Korrekturmöglichkeiten gab: Entweder ließen sie die Kalenderzählung unverändert, dann erhielt das astronomische Äquinoktium ein neues Kalenderdatum, oder das Äquinoktium behielt sein kalendarisches Datum, dann mußte die Kalenderzählung korrigiert werden. Konkreter: Entweder fiel das Äquinoktium nicht mehr auf den 21.3., sondern auf den 11.3. &#8211; oder im Kalender mußten 10 Tage übersprungen werden, damit das Äquinoktium wieder auf den 21.3. fiel. 1582 entschied man sich für die Korrektur der Kalenderzählung und den 21.3., 325 hätte man sich für ein neues und damit unser geltendes Äquinoktialdatum entschieden, für den 21.3. anstelle des 25.3. (s.u.).</p>
<h4 style="text-align: center;">Das Konzil von Nicäa</h4>
<p>Die frühe Kirche hat dem exakten Zeitpunkt des Osterfestes eine Bedeutung beigemessen, die für uns schwer verständlich ist. 325 tobten nicht nur die Streitigkeiten um die arianische Lehrmeinung, sondern es kämpften regelrechte Parteien um einen einheitlichen Osterfesttermin für die gesamte Kirche. Im Bemühen, das höchste christliche Fest vom jüdischen Passahfest abzugrenzen (das immer auf den ersten Frühlingsvollmond fällt), stritten Protopaschiten und Quartodezimaner, später auch noch Audianer und Novatianer.</p>
<p>Schließlich hat das Konzil &#8220;verfügt, daß das von den Christen in Kleinasien und Europa bis dahin an unterschiedlichen Tagen gefeierte Osterfest von nun an stets am ersten Sonntag nach dem 14. Tag des Mondes (das entspricht etwa dem Vollmond) bei oder nach Frühlingsanfang stattfinden solle; zum Datum des Frühlingsbeginns bestimmte man den 21. März&#8221; (Moyer 1982, 94).</p>
<p>Das klingt plausibel, ist aber keineswegs gesicherte Wahrheit. &#8220;Der <strong>Wortlaut </strong>der Akten dieses Konzils betreffs des Osterfestes ist zwar <strong>nicht bekannt</strong>, aber das Schreiben der nicäischen Synode an die alexandrinischen Kirchen und libyschen Bischöfe ist erhalten, sowie dasjenige, welches Kaiser Konstantin unmittelbar nach dem Konzil bei denjenigen zirkulieren ließ, welche dem Konzil nicht beigewohnt hatten&#8221; (Ginzel 1914, III 216f.; Hervorhebung von H.I.). Doch Ginzel moniert, daß er in keinem der beiden Schreiben eine Regel für die Osterfestbestimmung oder das Datum 21.3. für den Frühlingspunkt<a name="sdfootnote4anc" href="#sdfootnote4sym"><sup>4</sup></a> findet; es wird lediglich von der Notwendigkeit der <em>Einigkeit</em> in der Osterfeier gesprochen (ebd.) !</p>
<p>Daß es mit dieser Einigkeit nicht weit her gewesen sein kann, beweist die Tatsache, daß <em>nach</em> dem nicäischen Konzil noch der Brauch des<em> festen Ostertermins</em> aufkam.</p>
<p>Frommen Christen schien es eine Zeitlang gottgemäß, daß Jesus am Jahrestag seiner Zeugung gestorben sei, also an &#8220;Mariä Verkündigung&#8221; (25.3.), neun Monate vor Weihnachten (keineswegs an &#8220;der Unbefleckten Empfängnis&#8221;, denn dieser unsägliche Begriff meint die Zeugung der von Erbsünde unbefleckten Maria am 8.12., neun Monate vor Mariä Geburt am 8.9.). Mit diesem Datum 25.3. wurde Ostern im Kalender fixiert und als unbeweglicher Jahresanfang definiert (Ginzel 1914, III 164).</p>
<p>Tatsächliche erreichte die Kirche erst im 6. Jh. den einheitlichen Ostertermin; als Bezugspunkt für den ersten Frühlingsvollmond galt das Frühlingsäquinoktium (Ginzel 1914, III 252)<a name="sdfootnote5anc" href="#sdfootnote5sym"><sup>5</sup></a>.</p>
<p>Damit erhärtet sich der Verdacht, daß zu Nicäa gar keine Entscheidung über die Osterfestberechnung und das Datum der Tagundnachtgleiche getroffen worden ist. Diesem Konzil wurde die exakte und definitive Osterregelung lediglich unterstellt, weil die völlig unbezweifelbaren 10 Ausgleichstage von 1582 zwar auf das Jahr 325, nicht aber auf -44 verwiesen!</p>
<p>Diesem Konzil ist sogar noch mehr unterstellt worden, obwohl oder weil wir so wenig über seinen Verlauf wissen, denn &#8220;Protokolle wurden entweder nicht gemacht oder die Kirche ließ sie verschwinden&#8221; (Deschner 1980, 394). Aber Abbé Chauve-Bertrand berichtet: Die Konzilsväter hätten bereits 325 gewußt, daß der Julianische Kalender gewissermaßen aus dem Ruder läuft. Deshalb hätten sie nicht nur den Ostertermin und den Frühlingsbeginn festgelegt, sondern den Frühlingsbeginn<em> neu</em> festgelegt. Sie hätten sich damals für die entgegengesetzte Lösung wie die gregorianischen Reformer entschlossen, indem sie die Kalendertageszählung beließen und den Frühlingspunkt vom 25.3. auf den 21.3. (beide julianisch) vorverlegten (Chauve-Bertrand 1936, 87).</p>
<p>All das ist pure Spekulation:</p>
<ul>
<li>Das Wandern des Frühlingspunktes hat erstmals Magister Chonrad in einer Schrift um 1200 angesprochen; ein allererster Hinweis ist aus dem 8. Jh. bekannt, als Beda seine Ostertafel bis 1063 errechnete und dabei anmerkte, daß sich der Vollmond manchmal früher zeige (Ginzel III, 252),</li>
<li>den 25.3. gewann man durch eine simple Rückrechnung. Denn das Vorrücken des Frühlingspunktes vom 25.3. auf den 21.3. entspricht drei übersprungenen Tagen &#8211; und diese Rechnung ist für die 369 Jahre von Caesar bis Nicäa vollkommen richtig:<br />
369 Jahre mit einer jeweiligen Diskrepanz von 674 sec ergeben 248.706 sec bzw. (nachdem ein Tag 86.400 sec hat) ca. 2,9 Tage!</li>
<li>den 21.3. als Frühlingsäquinoktium hat Chauve-Bertrand schließlich von der gregorianischen Fixierung übernommen.</li>
</ul>
<p>Gerade weil nicht hinreichend überliefert ist, auf welchen Kalendertag das Frühlingsäquinoktium des Jahres 325 gefallen ist, muß es rückgerechnet werden. Ginzel selbst hat dies getan: &#8220;Der richtige astronomische Eintritt des Frühlingsäquinoktiums war im Jahre 325 am 20. März 12<sup>h</sup> 44<sup>m</sup> m. Zt. Rom, im Jahre 1582 am 11. März 0<sup>h</sup> 48<sup>m</sup> m. Zt. Rom (den Tag von Mitternacht zu Mitternacht gerechnet)&#8221; (Ginzel 1914, III 257). Wenn diese Rechnung stimmte, dann wären zwischen Nicäa und Gregor sogar nur 8,5 Tage bzw. 9 volle Ausgleichstage &#8220;fällig&#8221; gewesen. Ob in seine Rechnung eingegangen ist, daß die Länge des tropischen Jahres wegen der sich verlangsamenden Erdrotation abnimmt, der Fehler im Julianischen Kalender also noch etwas schneller wächst als lange gedacht (Moyer 1982, 96), kann seinem Ergebnis leider nicht entnommen werden.</p>
<p>Man sollte jedoch nicht zuviel von diesem ersten Konzil verlangen, war es doch das einzige, dem der Heilige Geist nur unzureichend Beistand leisten konnte &#8211; denn er erlangte seine volle Gottheit erst 381 (Deschner 1980, 384).</p>
<h3 style="text-align: center;">Zu 2) und den Römern des -1. Jh.</h3>
<p>Kann es sein, daß die alten Römer die Äquinoktien, sprich die Ost-West-Richtung nicht exakt bestimmen konnten? Die Fragestellung muß absurd erscheinen, denn das dafür notwendige Wissen soll zu Caesars Zeiten schon gut 2.000 Jahre bereitgestanden haben. Sichtbarer Beweis dafür ist die Cheopspyramide, an der immer die ungeheuer präzise Ausrichtung ihrer Grundkanten nach den Himmelsrichtungen bewundert worden ist. Auch wenn mittlerweise als ihre Erbauungszeit das -6. Jh. gesehen wird (Heinsohn/Illig 1990, 115), hätten die Römer 500 Jahre Zeit gehabt, ägyptische Vermessungstechnik zu lernen. Daß sie diese Lektion rechtzeitig begriffen haben, beweist die unvergleichliche Sonnenuhr des Augustus.</p>
<p>Auf dem römischen Marsfeld ließ der erste Kaiser eine subtil berechnete Kombination von Siegesdenkmal, Geburtstagmemorial, Mausoleum, Friedensaltar und Sonnenuhr errichten, wie sie im Abendland wohl kein zweites Mal realisiert worden ist. Nur das Mausoleum steht noch heute an seinem ursprünglichen Platz, Ara Pacis und Obelisk sind versetzt worden und vom Liniennetz finden sich nur noch Fragmente tief unterm heutigen Straßenniveau. So konnte die Gesamtanlage erst vor wenigen Jahren von Edmund Buchner rekonstruiert und archäologisch belegt werden (Buchner 1982).</p>
<p>Augustus wollte seinen Sieg über Ägypten mit einem Obelisken bekunden, dem ersten, der aus Ägypten verschleppt worden ist. Im Jahre -12 (ebd., 48) beschloß der 50jährige Kaiser, ihn als fast 30 m hohen Gnomon, als Schattenzeiger einer Sonnenuhr zu benutzen, deren in Marmor ausgelegtes Liniennetz eine Fläche von mehr als 160 x 75 m abdecken sollte. Der -8 ebenfalls fertiggestellte und geweihte Friedensaltar (Ara Pacis)  und das schon früher errichtete Mausoleum standen in astronomisch-astrologischem Bezug.</p>
<p>Der Kaiser war exakt zur herbstlichen Tagundnachtgleiche geboren. &#8220;Am Geburtstag des Kaisers &lt;&#8230;&gt; wandert der Schatten von Morgen bis Abend etwa 150 m weit die schnurgerade Äquinoktienlinie entlang genau zur Mitte der Ara Pacis; es führt so eine direkte Linie von der Geburt dieses Mannes zu Pax, und es wird sichtbar demonstriert, daß er <em>natus ad pacem</em> ist&#8221; (Buchner 1982, 37).</p>
<p>Damit dieses Phänomen eintreten kann, muß die Äquinoktiallinie schnurgerade von West nach Ost führen!</p>
<p>Konnte damals der Lauf des Schattens so präzise nach den Äquinoktien ausgerichtet werden, dürfen wir mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit annehmen, daß nur eine Generation früher, zu Caesars Zeiten, die exakte Bestimmung der Äquinoktien gleichfalls keine Schwierigkeiten gemacht hat. Damit mußte aber das römische Frühlingsäquinoktium auf denselben Tag fallen wie heutzutage, also auf den (wohlgemerkt gregorianischen) 21. März.</p>
<h3 style="text-align: center;">Zu 3) und dem Frühlingspunkt</h3>
<p>Die alten Römer konnten demnach äußerst präzis die Äquinoktien bestimmen. Die Verzahnung von Äquinoktien und Kalender ist gleichfalls durch die Sonnenuhr des Augustus bewiesen.</p>
<p>Zu Zeiten Caesars wurde der Frühlingsbeginn noch nicht auf den Frühlingspunkt gelegt. Erst im späten Altertum sind die Jahreszeiten an Sonnwenden und Äquinoktien angeknüpft worden (Buchner 1982, 79), zuvor dehnte man den Sommer gemäß klimatischer Gegebenheiten auf fünf und mehr Monate aus. Deshalb wissen wir weder von Caesar selbst noch von seinen Zeitgenossen, auf welchen Tag seines Kalenders der Frühlingspunkt gefallen ist. Columella und Plinius haben später den 24.3. errechnet, ein Datum, das Ginzel als fehlerhaft bezeichnet und auf den 23.3. korrigiert (Ginzel 1911, II 285). Das Vorrücken vom 23.3. (Caesar) zum 21.3. (Nicäa) ergäbe aber nur einen einzigen zu überspringenden Ausgleichstag, weshalb zwischen Nicäa und Caesar nur rund 130 Jahre gelegen wären!</p>
<p>Aber wir haben ein anderes zeitgenössisches Datum, das diese Nachrechnungen und Nachbesserungen erübrigt. Übereinstimmend nennen alle Nachschlagewerke als <strong>Geburtstag des Augustus den 23.9.</strong> und sie meinen damit ein julianisches Datum, wie Bickerman 1980, 48f. bestätigt. Nun ist Augustus -62 und damit vor der julianischen Kalenderreform von -44 geboren; sein Geburtstagsdatum mußte also schon in der Antike in ein julianisches Datum umgerechnet werden. Gerade das macht dieses Datum besonders interessant.</p>
<p>Diese Umrechnung war unumgänglich, weil Caesar bei seiner Reform dem Jahr -45 volle 445 Tage zuweisen mußte, um den Kalender wieder in Einklang mit der astronomischen Realität zu bringen (Ekrutt 1972, 51). Man konnte sich aber im Falle von Augustus gar nicht irren, denn sein Geburtstag lag ja exakt auf dem Herbstäquinoktium. Gleich ob nun die Umrechnung stimmt oder einfach das Datum der herbstlichen Tagundnachtgleiche gewählt worden ist: <strong>Der 23.9. gibt das julianische Herbstäquinoktium des -1. Jh. wieder !</strong></p>
<p>Aber auch der gregorianische Herbstanfang liegt auf dem 23.9., wie uns bereits ein Blick auf den Kalender von 1991 belehrt. Daraus geht zwingend hervor, daß der gregorianische Kalender, der seit 1582 den Herbstanfang auf denselben Tag fixiert, genau jene Situation wiederherstellte, die der julianische Kalender bei seiner Einführung hatte.</p>
<p>Dem gregorianischen Herbstanfang am 23.9. entspricht ein Frühlingsanfang am 21.3., wie erneut der Kalender von 1991 bezeugt; diese Relation ist immer gültig. Wir können deshalb mit Sicherheit davon ausgehen, daß zu Lebzeiten von Augustus (und damit zur Zeit der Julianischen Kalenderreform -44) das Frühlingsäquinoktium auf dem Datum 21.3. gelegen ist &#8211; ursprünglich julianisch, gleichermaßen aber auch aus gregorianischer Sicht!</p>
<p>Die Gregorianische Reform hat also die kalendarische Situation von -44, von Caesars Reform wiederhergestellt. Dieser Tatbestand widerspricht aufs entschiedenste der Behauptung, daß auch 325 der Frühlingsbeginn auf dem julianischen 21.3. gelegen sei. Denn die 369 Jahre zwischen Caesar und Nicäa müssen, wie schon berechnet, zu einer Verschiebung von 2,9 oder 3 vollen Tagen geführt haben; der &#8220;nachgehende Julianische Kalender muß nach rund 350 Jahren das Äquinoktium einem früheren Kalendertag zuweisen.</p>
<p>Die Chronologen haben trotzdem eine Möglichkeit gefunden, über diese absolute Unverträglichkeit, die ungeheure Konsequenzen zeitigen müßte,<strong> zwei undurchsichtige Schleier</strong> zu legen. Der erste wurde bereits angesprochen: In vielen gängigen Darstellungen (vgl. oben Encyclopaedia Britannica) wird suggeriert, daß selbstverständlich der Gregorianische Kalender die astronomische Situation vom Anbeginn des Julianischen Kalenders wiederhergestellt habe. Wer das nachrechnet und feststellt, daß 10 Ausgleichstage dafür zuwenig waren, erhält in der Spezialliteratur die Zusatzauskunft, daß selbstverständlich nur die Situation von Nicäa wiederhergestellt worden sei.</p>
<p>Damit fallen die Frühlingsanfänge von Caesar (tatsächlich) und Nicäa (postuliert) gleichermaßen auf den 21.3., obwohl zwischen beiden Daten 3 volle Tage liegen  müßten: Bei einem 21.3. zu Nicäa muß Caesars Datum auf dem 25.3., allenfalls auf dem 24.3. liegen.</p>
<p>Hier breitet nun E.J. Bickerman unter &#8220;practical suggestions&#8221; (ergo Hinweise, aber auch Suggestionen) einen zweiten Schleier aus: &#8220;In der antiken (und mittelalterlichen) Chronologie benutzen wir den Julianischen Kalender, nicht den heute benutzten Gregorianischen. Beide stimmen ca. 300 n. Chr. überein; danach aber laufen die Julianischen Daten drei Tage für jeweils 400 Jahre hinter dem Gregorianischen Kalender her. In der umgekehrten Richtung ist das Julianische Jahr von ca. 100 v. Chr. an dem Gregorianischen Kalender drei Tage für jeweils 400 Jahre voraus, so daß z.B. der 29. Dezember 102 v. Chr. (gregorianisch) bereits der 1. Januar 101 v. Chr. war&#8221; (Bickerman 1980, 89).</p>
<p>Damit bestätigt Bickerman zunächst, daß die 10-Tage-Korrektur von 1582 nur bis zum Konzil von Nicäa zurückführt. Denn nur so ist zu erklären, daß beide Kalender um 300 übereinstimmen. Dann stellt er fest, daß nach 300 und vor -99 die Kalender mit einer Abweichung von 1 Tag je 133,3 Jahre (400 : 3) auseinanderlaufen. Dieser Wert ist als Faustregel nützlich, der rechnerisch exakte Wert liegt bei 128,2 Jahren (86.400 sec : 674 sec).</p>
<p>Aber zwischen -99 und 300 kreiert Bickerman ein geheimnisvolles Intervall von 400 Jahren, in dem beide Kalender vollkommen synchron laufen sollen. Dies ist natürlich unmöglich: Das kosmische Uhrwerk zeitigt unerbittlich binnen 133 oder (besser) 128 Jahren eine Kalenderdifferenz von exakt einem Tag. Wenn ums Jahr 300 Julianischer und Gregorianischer Kalender übereinstimmen, dann ist der Julianische im Jahr 172 zwangsläufig um 1 Tag voraus, im Jahr 44 um 2, im Jahr -84 um 3 Tage voraus (dabei blieb unberücksichtigt, daß wegen der Rundung auf volle Tage der Kalender bereits 236 um einen Tag, 106 um zwei, -18 um drei Tage vorgesetzt würde)! Eine Stillstandsperiode kann sich nur bei Berücksichtigung voller Tage und auch dann nur für maximal 128 Jahre ergeben.</p>
<p>Damit ist klar, daß dieses Bickerman-Intervall eine Schwachstelle verdecken soll. Wer die 400-Jahres-Faustregel akzeptiert hat, bei der vor- und rückläufige Verschiebungen passieren, akzeptiert vielleicht auch ein dazwischenliegendes 400-Jahres-Intervall, in dem völliger Stillstand herrscht. Und eine derartige Stillstandsperiode könnte einigermaßen zwanglos &#8220;suggerieren&#8221;, daß die 369 Jahre auseinanderliegenden Frühlingspunkte von Nicäa und Caesar auf denselben 21.3. fallen könnten<a name="sdfootnote6anc" href="#sdfootnote6sym"><sup>6</sup></a> !</p>
<p>Hinter diesen beiden Schleiern verläuft die falsche Naht, die Julianischen und Gregorianischen Kalender geschichtsverfälschend zusammenzurrt: Der abwechselnde Rückgriff der gregorianischen Reformer auf Nicäa oder Caesar läßt den nichts verstehenden Frager verstummen, weiter Insistierende werden durch das Caesar und  Nicäa verkoppelnde Stillstandsintervall zufriedengestellt. Doch dürfte es sich nicht um bewußte Täuschung handeln: Die am kulturellen Ablauf nicht zweifelnden Chronologen des 16. bis 20. Jahrhunderts mußten mit dem Problem fertigwerden, daß 1582 der Kalender aus astronomischer Sicht 10 Tage nachging, bezogen auf Caesars Korrektur aber 13 Tage nachgehen müßte. Weil bei eindeutiger Klarstellung ganze Jahrhunderte in den Orkus gestürzt wären, griffen sie zum Schleier.</p>
<h3 style="text-align: center;">Zu 4) und der neuen Vergangenheit</h3>
<p>Aber Dunkle Jahrhunderte, die niemals existierten, sind aus der Antike hinreichend bekannt. Sie wurden zum Beispiel in die griechische wie in die ägyptische Geschichte eingefügt, um den wenigen Synchronismen Rechnung zu tragen, die zwischen ihnen und der biblischen Geschichte bestehen (vgl. dazu Heinsohn 1988, Illig 1988 sowie Heinsohn/Illig 1990 jeweils passim). Analog dazu gibt es auch zwischen dem Ende der Antike und dem Hochmittelalter &#8220;dark ages&#8221;, die genauso benannt werden wie jene der vorchristlichen Zeit und derzeit wieder Beachtung finden (etwa Wood, 1982/88, mit seiner &#8220;Suche nach den dark ages&#8221;).Nunmehr darf guten Gewissens eine neue Rechnung aufgemacht werden. Bei ihr wird akzeptiert, daß die 10 Ausgleichstage wirklich die zeitliche Diskrepanz zwischen Gregor und Caesar kompensierten, wie ohnehin suggeriert wird. Dann sind die 10 Tage der sichere Hinweis darauf, wieviele Jahre vor Gregor XIII. Caesar seinen Julianischen Kalender eingeführt hat:</p>
<p>10 Tage : 674 sec Abweichung/Jahr = Laufzeit des Kalenders.</p>
<p>(10 x 86.400 sec) : 674 sec = 1281,899 (Jahre).</p>
<p>Der Julianische Kalender muß also rund <strong>1.282 Jahre</strong> gelaufen sein, damit sich eine Diskrepanz von 10 Tagen gegenüber dem Sonnenjahr kumuliert. Demnach hätte Caesar seinen Kalender nicht 1.626, sondern 1.282 Jahre vor Gregor XIII. eingeführt &#8211; 345 Jahre später, im Jahre des Herrn 300!</p>
<p>Nachdem aber der Kalender nur um volle Tage korrigierbar ist, kann hinter der Korrektur von 10 vollen Tagen eine beobachtete Abweichung zwischen 9,5 und 10,5 Tagen stehen. Diese Unsicherheit von einem ganzen Tag bedeutet analog:</p>
<p>86.400 sec : 674 sec = 128 (Jahre Unsicherheitsintervall).</p>
<p>Das Endergebnis: Caesar hat 345 + 64 Jahre später reformiert, also zwischen 281 und 409 Jahren später. Diesem Intervall entsprechen in der christlichen Zeitrechnung die Jahreszahlen 236 und 364, mit dem rechnerischen Mittelwert bei 300 u.Z.</p>
<p><strong>Ergo müssen, wenn die Prämissen dieser Rechnung korrekt sind, zwischen Caesar und Gregor XIII. 281 bis 409 Jahre aus der christlichen Zeitrechnung eliminiert werden</strong><a name="sdfootnote7anc" href="#sdfootnote7sym"><sup>7</sup></a>.</p>
<h3 style="text-align: center;">Die Konsequenzen</h3>
<p>Spätestens hier drängen sich eine Unzahl von Fragen auf. Nur auf drei kann an dieser Stelle eingegangen werden:</p>
<p><strong>Wo könnten 300, 400 oder vielleicht noch mehr Jahre aus dem Intervall zwischen Caesar und Gregor herausgeschnitten werden?</strong></p>
<p>Hierzu werden im vorliegenden Heft erste Indizien gesammelt. Bis mindestens 300 scheint die römische Kaiserzeit so fest gefügt zu sein, daß hier keine &#8220;Luft&#8221; zu erwarten ist. Dasselbe gilt ab der Frührenaissance. So beschränkt sich die Suche auf die späteste Kaiserzeit und das Mittelalter. Zu erwarten ist nicht, daß einfach mehrere Jahrhunderte entfallen, indem ihre (spärlichen) Relikte auf die Zeit davor und danach verteilt werden. Die mittelalterliche Chronologie entspringt verschiedenen Quellen, die erst später zu einer Synopse verzahnt worden sind: Byzantinische Geschichte, Papstgeschichte, fränkische Überlieferungen, inselkeltische Erinnerungen, gotische Geschichtsschreibung, sonstige Völkerwanderungsüberlieferungen, islamische Tradition etc. Um all diesen Synchronismen Rechnung zu tragen, dürften zu verschiedenen Zeiten &#8220;Inseln im Vakuum&#8221; geschaffen worden sein. Eine analoge Erscheinung kennen wir von den stratigraphischen Lücken in verschiedenen Ländern der alten Welt. G. Heinsohn hat gezeigt, daß es 1.500 Jahre währende durchgehende Lücken gibt (Industal, Zentralasien, Iran, Südmesopotamien), daß sich aber in Nordmesopotamien zwei kleinere Lücken ergeben, weil für die Mitanni=Meder Verzahnungen mit zwei asynchronen Chronologien erreicht werden mußten (Heinsohn/Illig 1990, 306).</p>
<p><strong>Warum könnte dieser gravierende Fehler gemacht worden sein, warum wäre er nicht aufgedeckt worden?</strong></p>
<p>Hinweise auf das Zusammenfälschen einer niemals existiert habenden Vergangenheit gibt H.U. Niemitz in diesem Heft. Auch Lincoln/Baigent/Leigh zeigten (1984), daß usurpatorische Herrscher (Franken) ein lebhaftes Interesse daran haben konnten, sich nach Überwindung ihrer Könige (Merowinger) eine bessere Vergangenheit zu wünschen. Wer sich aber eine bessere Vergangenheit kreierte, mußte dafür sorgen, daß auch in Zukunft alles beim neuen Alten blieb.</p>
<p><strong>Wie hätte man der europäischen Bevölkerung eine neue Vergangenheit unterjubeln können? War die Rückerinnerung so schwach?</strong></p>
<p>Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist noch nicht übersehbar, wie rasch Wirren &#8211; und die verwirrenden Züge vieler Völkerschaften sollen ja nicht ohne weiteres gestrichen werden &#8211; zu einem weitreichenden Geschichtsverlust bei möglicherweise ganz neuen  Bevölkerungsschichten geführt haben. Auf jeden Fall hatte weder Mittelalter noch frühe Neuzeit ein klares, unkorrumpierbares Wissen um Chronologie.</p>
<p>Für uns herrscht weltweit die gregorianische Zeitrechnung. Umso erstaunter müssen wir feststellen, daß unser Jahr 1991 bei den Juden als 5751 gezählt wird, bei den Moslems als 1410 (Ca.-Werte wg. Mondjahrrechnung). Zu Dionysius Exiguus&#8217; Zeiten (535) rechnete man u.a. nach Byzantinischer Ära (6043), Ära des Panodorus (6027), Ab urbe condita (1288), Ära nach Pul (1281), Ära des Augustus (564), Märtyrerära (251). Die Einführung des Gregorianischen Kalenders erfolgte in Europa keineswegs abrupt und einheitlich, sondern dauerte von 1582 in Italien bis 1927 in der Türkei &#8211; während dieser dreieinhalb Jahrhunderte liefen verschiedene Kalender parallel.</p>
<p>Darüberhinaus gab es lokale Spezialitäten: Venedig begann bis zu Napoleons Eindringen das Jahr nicht am 1.1., sondern am 1.3.; Florenz und Pisa begannen das ihre am 25.3., aber um ein ganzes Jahr versetzt. So konnte bis zum Jahre 1749 ein und derselbe Tag in Pisa, Venedig und Florenz zu drei verschiedenen Jahren gezählt werden (Ginzel 1914, III 160f.). In diesem Wirrwarr war die Allgemeinheit voll und ganz auf Umrechnungen angewiesen, die ihr von Spezialisten vorgelegt wurden. So hatten Kalendermacher durchaus die Möglichkeit, bei Kalenderumstellungen bewußt oder unbewußt zu manipulieren.</p>
<h3 style="text-align: center;">Ergänzungen</h3>
<p><a name="sdfootnote1sym" href="#sdfootnote1anc">1)</a> <strong>Weitere Kriterien für die Kalenderprüfung:</strong></p>
<p>Durchlaufende <strong>Regentenlisten</strong> wären derartige Kriterien. Aber weder die Reihe der über 250 Päpste noch die Abfolge byzantinischer Kaiser wirken in allen Jahrhunderten so unumstößlich, daß aus ihnen auf die absolute Richtigkeit der Zeitachse geschlossen werden könnte.</p>
<p>Die herrschende <strong>Zeitrechnung</strong> nach Christi Geburt kann allein nicht dienen, denn dieser Bezugspunkt wurde erstmals 532, also nachantik von Dionysius Exiguus benutzt. Die Päpste übernahmen ihn keineswegs überhastet: Johann XIII. ließ im 10. Jh. erste Urkunden nach Christi Geburt datieren, ohne die offizielle Märtyrerära abzuschaffen. Der regelmäßige Gebrauch der christlichen Zeitrechnung ist bei den Päpsten erst ab 1431 belegt (Ginzel 1914, III 181).</p>
<p>Die berühmte <strong>Präzessionsrechnung</strong> der Astronomen und Astrologen ist ebensowenig geeignet. Hipparch hatte im -2. Jh. entdeckt, daß das Tierkreiszeichen, das zu Frühlingsbeginn aufgeht, nicht immer dasselbe bleibt. Sukzessive rückt jedes der 12 Zeichen in diese Position, nach jeweils ca. 2160 Jahren. Schuld daran ist die Erdachse: Sie steht nicht nur schief, sondern kreiselt auch noch ganz langsam. Im Verlauf von grob  26.000 Jahren (12 x 2160), dem großen Platonischen Jahr, absolviert sie eine vollständige Kreisbewegung.</p>
<p>So viel Aufhebens aber um den Wechsel von einem Tierkreiszeichen zum nächsten gemacht wird &#8211; gegenwärtig schreiten wir von den &#8220;Fischen&#8221; ins &#8220;Wassermannzeitalter&#8221; &#8211; so unpräzise und widersprüchlich sind die dazugehörigen Zahlenangaben. Ein Grund dafür sind die Sternbilder, die am Himmel ganz unterschiedlich viel Platz einnehmen. Doch auch die Astrologen, die den Tierkreis in zwölf gleichgroße 30°-Sternzeichen eingeteilt haben, konnten sich auf keine präzisen Übergangszeitpunkte einigen, sondern sprechen lieber von breiten Überlappungszonen.</p>
<p><a name="sdfootnote2sym" href="#sdfootnote2anc">2)</a> <strong>Jahreszahlen mit Minuszeichen:</strong></p>
<p>Bei den in dieser Zeitschrift gebräuchlichen Jahreszahlen mit Minuszeichen handelt es sich um eine exakt definierte astronomische Schreibweise, die hier bislang ungenau benutzt worden ist. Der christlichen Zeitrechnung fehlt das Jahr Null; um aber rasch Summen und Differenzen berechnen zu können, braucht es ein solches. Die Astronomen haben deshalb das Jahr 1 v. Chr. zum Jahr 0 erklärt, das Jahr 2 v. Chr. zum Jahr -1 und so fort. Das Jahr 45 v. Chr. ist also das Jahr -44. Bislang wäre dafür im Heft einfach -45 geschrieben worden, weil diese Einjahresdifferenz bei Betrachtungen, die mit (zum Teil) sehr viel größeren Unsicherheiten behaftet sind, irrelevant ist. Nachdem sie aber hier entscheidend sein kann, muß jeder Minuswert dieses Aufsatzes um 1 erhöht werden, um den korrekten Wert &#8220;v.Chr.&#8221; zu ergeben.</p>
<p><a name="sdfootnote3sym" href="#sdfootnote3anc">3)</a> <strong>Kalenderkorrektur mittels Schaltjahr:</strong></p>
<p>Einen Kalender festzulegen, bedeutet den Versuch, das tatsächliche, beobachtbare Sonnenjahr so in ein Schema umzusetzen, daß zwischen Schema und Himmelsvorgang keine noch so kleine Lücke bleibt. Denn jede Differenz entwickelt sich im Lauf der Jahrhunderte zu einem klaffenden Loch. Das Hauptproblem liegt nun darin, daß sich das <strong>Sonnenjahr</strong> (das <strong>Tropische Jahr</strong>, definiert als die Zeit zwischen zwei aufeinanderfolgenden Durchgängen der Erde durch den Frühlingspunkt) nicht in ganzen Tagen ausdrücken läßt. Am Jahresende gehört nur ein rundes Viertel des letzten Tages noch zum alten Jahr. Es dauerte lange, bis man dieses Problem durch Zusatztage löste, die in bestimmten Zeitabständen eingeschaltet werden. (Es braucht ganze Schaltmonate, wenn, wie noch bei Moslems und Juden, das Mondjahr mit ca. 355 Tagen und das Sonnenjahr mit ca. 365 Tagen aufeinander abgestimmt werden müssen. Daß überhaupt jemals der Sonnenumlauf einer glatten Tagesanzahl entsprochen hat, ist unwahrscheinlich &#8211; also kann kein sonnenjahrbezogener Kalender längere Zeit ohne Schaltregel gegolten haben!)</p>
<p><a name="sdfootnote4sym" href="#sdfootnote4anc">4)</a> <strong>Der Frühlingspunkt:</strong></p>
<p>Den christlichen Kalendermachern des 16. Jh. ging es vorrangig darum, den astronomischen Frühlingspunkt wieder mit dem ersten Frühlingstag zu verknüpfen, denn  der darauffolgende erste Vollmond bestimmte das jeweilige Osterdatum des Kirchenjahres. Gerade die von jedem zu machende Beobachtung, daß das Osterfest Richtung Sommer driftet, erzeugte das Bedürfnis nach einer Kalenderkorrektur.</p>
<p>Der sogenannte <strong>Frühlingspunkt</strong> ist auf verschiedene Weise definiert. Er wird als <strong>Frühlingsbeginn</strong>, <strong>Tagundnachtgleiche</strong> oder <strong>Frühlingsäquinoktium </strong>bezeichnet, weil an diesem Tag die Sonne &#8220;im Prinzip&#8221; um 6 Uhr auf- und um 18 Uhr untergeht, &#8220;Tag&#8221; und &#8220;Nacht&#8221; also gleich lang sind. Weiter ist er jener Zeitpunkt, zu dem die Sonne exakt im Osten aufgeht, ein für die Bestimmung wichtiges Phänomen (nur beim Herbstäquinoktium ist dies noch einmal der Fall). Schließlich ist er astronomisch festgelegt:</p>
<p>Weil die Erdachse schief steht, verliert der erdgebundene Beobachter den eindeutigen Bezug. Zur Ebene der Erdumlaufbahn um die Sonne, die als Ekliptik bezeichnet wird (also die scheinbare Sonnenbahn am Himmel), tritt als zweite die Ebene des Himmelsäquators (der Projektion des Erdäquators auf die Himmelssphäre). Die Schnittpunkte von Ekliptik und Himmelsäquator sind Frühlings- und Herbstpunkt.</p>
<p>Die Gregorianische Reform fixierte den Frühlingspunkt auf den 21.3. Da wir nun einmal einen Kalender mit Schalttag benutzen müssen, und da dieser unser Schalttag erst kurz vor dem 21. März als 29. Februar eingeschoben wird, fällt der Frühlingspunkt kalendermäßig häufiger auf den 20.3. als auf den 21.3., in seltenen Ausnahmen sogar auf den 19.3. Dies ändert jedoch nichts an seiner grundsätzlichen Fixierung (Moyer 1982, 94, 99).</p>
<p><a name="sdfootnote5sym" href="#sdfootnote5anc">5)</a> <strong>Osterterminberechnung:</strong></p>
<p>Die Streitigkeiten haben sogar noch länger gedauert. Auf dem &#8216;Konzil in Whitby&#8217; wurde erst 663 eine Einigung zwischen keltischer und römischer Kirche erzielt. Bis dahin errechneten die Kelten auf den britischen Inseln, aber auch auf dem Kontinent das Osterfestdatum nach einem 84-Jahres-Zyklus, der 314 auf dem &#8216;Konzil von Arles&#8217; anerkannt worden ist. &#8220;Die Alexandrier bevorzugten jedoch den genaueren 19-Jahre-Zyklus, der um die Mitte des 5. Jahrhunderts von Papst Leo I. und allen römischen Kirchen übernommen wurde&#8221; (Cunliffe 1980, 193). Diese Überlieferungen stehen in auffälligem Kontrast zu den definitiven Entscheidungen, die bereits 325 zu Nicäa getroffen worden sein sollen. Wann wurde tatsächlich die Osterterminberechnung standardisiert?</p>
<p><a name="sdfootnote6sym" href="#sdfootnote6anc">6)</a> <strong>Umrechnungsmöglichkeiten gregorianisch &#8211; julianisch:</strong></p>
<p>Der Bickerman&#8217;sche Schleier ist zum Glück eine Ausnahme. Aber die klassischen Tabellenwerke wie Schram, 1908, beruhen ebenfalls auf dieser Faustregel mit 1 Ausgleichstag je 400 Jahre. Sie wurde und wird praktiziert (Zemanek 1984, 126), weil  &#8221;der gregorianische Kalender im allgemeinen nicht zurückgerechnet zu werden pflegt&#8221; (Schram 1908, XVI). Deshalb duldet Schram, daß sein ansonsten taggenaues Tabellenwerk diese Rückrechnung nicht präzis unterstützt &#8211; eine weitere Form des Verschleierns.</p>
<p>Schram erbringt für den gregor. 21.3.-44 (Caesars Reformjahr) den julianischen Wert 23.3, doch schon Grotefend (1891, 90) glaubt zu wissen, daß er auf dem 25.3. liegen müßte. Zemanek scheint 1984 wieder auf Schram zurückgegriffen zu haben, denn &#8220;ursprünglich am 23MRZ, war die Frühlings-Tag-und-Nacht-Gleiche bereits auf den 11MRZ vorgerückt. Man setzte sie nun auf den 21MRZ fest, und dies machte den Ausfall von 10 Tagen erforderlich&#8221; (Zemanek 1984, 29). Die immer neuen Datumsangaben, sprich die immer neuen Unsicherheiten in der Darstellung sind allein schon ein sicheres Indiz für eine Schwachstelle.</p>
<p>Heutige Computerprogramme greifen wie die alten Tafeln auf die &#8220;julianische Rechnung&#8221; zurück. Sie wurde im Jahr nach der gregorianischen Reform von Joseph Justus Scaliger (1540-1609) entwickelt und ist ganz einfach: Beginnend beim 1.1.4713 v. Chr. erhält jeder Tag eine fortlaufende Nummer und ist damit eindeutig identifizierbar. Aber die Umrechnung von Kalendertag auf diesen &#8220;julianischen Tag&#8221; (der nichts mit dem julianischen Kalender zu tun hat) erfolgt wiederum über den gregorianischen Korrekturfaktor &#8211; und der ist wieder nur die alte Faustregel &#8230; (Zemanek 1984, 124).</p>
<p><a name="sdfootnote7sym" href="#sdfootnote7anc"><strong>7)</strong></a> Wenn wir sicherheitshalber einräumen, daß sich beim &#8220;Kalender-aufpfropfen&#8221; doch eine Diskrepanz von bis zu einem Tag ergeben hätte, würde das &#8220;Kürzungsintervall&#8221; von 217 bis 473 Jahre reichen. Somit wären gemäß dieser Rechnung<strong> 473 Jahre das absolute Maximum an streichbaren Kalenderjahren.</strong></p>
<h3 style="text-align: left;">Bibliographie:</h3>
<p>Bickerman, E.J. (1980): Chronology of the Ancient World; London</p>
<p>Buchner, Edmund (1982): Die Sonnenuhr des Augustus; Mainz</p>
<p>Chauve-Bertrand, Abbé (1936): La Question de Paques et du Calendrier; Paris</p>
<p>Cunliffe, Barry (1980): Die Kelten und ihre Geschichte; Bergisch Gladbach</p>
<p>Deschner, Karlheinz (1980, erstmals 1962): Abermals krähte der Hahn; Düsseldorf</p>
<p>Ekrutt, Joachim W. (1972): Der Kalender im Wandel der Zeiten. 5000 Jahre Zeitberechnung; Stuttgart</p>
<p>Ginzel, F.K. (1911, 1914): Handbuch der mathematischen und technischen Chronologie. Das Zeitrechnungswesen der Völker. II. und III. Band; Leipzig</p>
<p>Grotefend, H. (1891): Zeitrechnung des deutschen Mittelalters und der Neuzeit. 1. Band: Glossar und Tafeln; Hannover</p>
<p>Heinsohn, Gunnar (1988): Die Sumerer gab es nicht; Frankfurt/M.</p>
<p>Heinsohn, G. / Illig, H. (1990): Wann lebten die Pharaonen?; Frankfurt/M.</p>
<p>Illig, Heribert (1988): Die veraltete Vorzeit; Frankfurt/M.</p>
<p>Lincoln, Henry /Baigent/ Leigh (1984): Der Heilige Gral und seine Erben; Bergisch Gladbach</p>
<p>Moyer, Gordon (1982): Der gregorianische Kalender; in Spektrum der Wissenschaft Juli 1982, S. 92</p>
<p>Schram, Robert (1908): Kalendariologische und Chronologische Tafeln; Leipzig</p>
<p>Wood, Michael (1982, 1988): In Search of the Dark Ages; London</p>
<p>Zemanek, Heinz (1984): Kalender und Chronologie; München</p>
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		<title>Höhen und Tiefen der Archäoastronomie &#8211; Maya-Kalender und Astrolabien</title>
		<link>http://www.fantomzeit.de/?p=1789</link>
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		<pubDate>Mon, 16 Nov 2009 18:38:48 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[<h3>von Heribert Illig (aus <a title="http://www.mantis-verlag.de/?page_id=673" href="http://www.mantis-verlag.de/?page_id=673" target="_blank">Zeitensprünge 1/2004</a>)</h3>
<h3 style="text-align: center;">Eine Revolution im Maya-Kalender</h3>
<p>Wie mir dankenswerterweise Karl-Heinz Lewin, Haar, mitteilte, gibt es erstaunliche Neuigkeiten beim für seine Genauigkeit gerühmten Kalender der Maya. Andreas Fuls [2004, passim] hat Forschungen, die er zusammen mit Brian Wells in den letzten Jahren betrieben hat, in <em>Spektrum der Wissenschaft</em> vorgestellt.</p>
<p>Seit 1927 ist man davon ausgegangen, dass der Startpunkt der ‘Langen Zählung’ des Maya-Kalenders auf dem 8. 9. -3114 gelegen hat – so die Synchronisation mit dem christlichen Kalender. Sie ist aus verschiedenen Komponenten ermittelt worden: aus Sonnenjahren, synodischen Umlaufzeiten der Venus, einschlägigen Korrekturwerten, überlieferten Finsternissen und Frühlingspunktangaben. Gerade wegen der verschiedenen astronomischen Werte wollte keine einheitliche Linie gelingen, so etwa wenn Nancy Owen eine Synchronisation anhand einer Serie von Sonnenfinsternissen versuchte, aber nicht den notwendigen Neumond, sondern den Vollmond traf. Mittlerweile gibt es sechs Korrelationen zur christlichen Zeitrechnung, die auf schriftlichen Quellen (leider vorwiegend spanischen) und mindestens 18 weitere mit astronomischer Begründung.<br />
<!--more--><br />
Nun haben Fuls und Wells das getan, was man eigentlich schon längst als erledigt wähnte: Sie verglichen Rückrechnungen mit Maya-Aufzeichnungen (<em>Dresdner Codex</em>) und mit entsprechenden Stelen-Inschriften, wobei sowohl die Sonnenfinsternisse wie die Monddaten berücksichtigt werden. Damit sind wesentlich präzisere Abgleiche möglich. Erstmals kann man von einer wirklichen archäoastronomischen Prüfung sprechen.</p>
<p>Bei vier Voraussetzungen – Venus erscheint als Morgenstern, es ist Neumond, die Sonne geht durch den Mondknoten und es ist Frühlingsanfang – ergaben sich vier mögliche Konstellationen zwischen 3688 und 3408, dazu noch -2906. Die Forscher entschieden sich aus dem einfachen Grund für die späteste Jahresangabe, weil sie das Ende der klassischen Mayakultur um 208 Jahre von ca.  850 ins 11. Jh. verschiebt. Diese Jahrhunderte waren bislang in der schon gegen 850 aufgegebenen Mittelprovinz [Disselhoff 116] dunkel: ohne Bauten, ohne Lebenszeichen, die südlichen Maya-Städte aufgegeben und dafür solche im Norden gegründet. Eine absolut rätselhafte Umbruchszeit, für die bislang viele Erklärungen gegeben worden sind: von ausgelaugten Böden  über mangelnde Regenmengen, zusammengebrochene Kanalsysteme oder Revolten gegen die Priesterkaste bis hin zum Lebensraumwechsel als Tribut an ein übersteigertes Kalenderwesens. Sie werden nun allesamt Makulatur.</p>
<p>Ein solche Umgruppierung kann eigentlich nur funktionieren, wenn es keine tradierten Datierungen für diese postklassischen Zeiten gibt. Tatsächlich ist das letzte Datum gemäß langer Zählung im bisherigen Jahr 909 (jetzt 1117 n. Chr.) in Stein gehauen worden [Schele/Freidel 655; Disselhoff 125]. Außerdem gilt die Blütezeit der Mittelprovinz explizit als “Zeitalter der langen Rechnung” [Disselhoff 123]. Danach sind offensichtlich – Fuls behandelt diese Problematik ganz ungenügend – nur noch Datierungen verwendet worden, die sich viel rascher wiederholten. (Der Maya-Kalender kennt das gemeinsame Vielfache von 260 und 365 Tagen (Tzolkin und Haab) als Periode von 52 respektive 104 Jahren. In späterer Zeit gab es auch die Katun-Periode von 8.000 Tagen, die nach jeweils 256 ¼ Jahren zu gleichen Tagesbezeichnungen führte).</p>
<p>Gleichwohl gibt es auch später noch ‘lange’ Daten. In dem Kultzentrum Chichén Itzá ist mehr als ein Jahrhundert, 867 bis 998, mit Kalenderdaten belegt, die in der Wells-Fuls-Korrelation der Zeit 1075–1206 entsprechen. Die Verschiebung bestätigt sich dadurch, dass in Chichén Itza toltekische Einflüsse nachzuweisen sind, obwohl das Toltekenreich erst zwischen 1000 und 1200 geblüht haben soll. Aber die nach 900 niedergeschriebenen Daten müssen modifiziert werden. Deshalb postulieren Wells und Fuls eine Kalenderreform, für die einige, wenn auch nicht sonderlich harte Argumente genannt werden [Fuls 54 f.].</p>
<p>Es geht uns im Moment aber nicht um die Rätsel der Maya-Datierungen, sondern um den formalen Lösungsansatz: <strong>Die Zeitachse wird um 208 Jahre gekürzt, eine Phantomzeit von 208 Jahren aus der Geschichte gestrichen und eine Kalenderreform postuliert </strong>– <em>und niemand heult auf!</em></p>
<p>Man kann sich nur wundern: Genau diese wesentlichen Elemente sind für die Phantomzeit in der Alten Welt genannt worden: Es sind sogar drei Kalenderreformen in Byzanz, bei den westlichen Christen und bei den Juden nachgewiesen – doch da hat dieselbe Redaktion nur Spott und Hohn übrig gehabt. Ihr Mitglied Christoph Pöppe bezeichnete diese These als “Unfug”, über den er “nie ernsthaft” nachgedacht habe [10/2003]. Jetzt, von Archäoastronomen vorgetragen, wird der Ansatz von <em>Spektrum der Wissenschaft </em>mit Freude präsentiert. Die Haltung ist insofern verständlich, als bei den Mayas dank unseres Nichtwissen keine Geschichte zu Fabelgeschichten herabgestuft werden muss, weil kein berühmter Mensch zum Phantom wird.</p>
<p>Still sind die C14-Spezialisten, wird doch nun auch in Zentralamerika demonstriert, dass sie ihre Messungen brav nach der geglaubten Zeitskala  kalibriert und deshalb die überflüssige Zeit nicht bemerkt haben. Das ist ein weiterer, substanzieller Nachweis ihrer angemaßten Wichtigkeit, die in Wirklichkeit allenfalls eine dienende Funktion beanspruchen könnte. Still sind bislang auch andere Archäoastronomen, denn ihnen ist demonstriert worden, dass sie ihre Synchronisationen in den letzten 75 Jahren nicht hinreichend präzise untermauert haben.</p>
<p>Bislang stand der Maya-Kalender in keinem Zusammenhang mit der Phantomzeitthese, gab es doch keine geschichtlichen Abgleichsmöglichkeiten zwischen Alter und Neuer Welt vor 1492. Nunmehr liegt ein ernsthafter Versuch vor, anhand rückrechenbarer Himmelsereignisse die tatsächliche Verbindung zur christlichen Zeitrechnung zu schlagen. Dabei ist aber die Altweltchronologie mitsamt der Phantomzeit als Stütze benutzt worden. Wird die hiesige Phantomzeit von der Zeitachse gestrichen, hat dies nunmehr Auswirkungen auf die transatlantische Kalkulationen. Es wäre zwar verführerisch, das oben genannte Datum -3408 festzuhalten, weil es 294 Jahre vor -3114 liegt und damit bis auf drei Jahre die östlich des Atlantik präferierte Zeitspanne bestätigen würde. Doch die Rechnung geht anders (vgl. Graphik):</p>
<p style="text-align: center;"><img class="aligncenter" title="/wp-content/uploads/maya00011.jpg" src="/wp-content/uploads/maya00011.jpg" alt="Maya-Kalender" /></p>
<p>Das Datum 3114 v. Chr. wird durch 2908 v. Chr. ersetzt. Ab da läuft die Chronologie der Mayas, in Stein festgehalten auf Stelen und Bauwerken, wobei erwähnt sein will, dass derartige Daten erst seit dem -4./3. Jh. aufgezeichnet worden sind. Doch es wird nicht die gesamte Zeit der Mayas um diese 208 Jahre verjüngt. Denn alle Daten nach 1116 n. Chr. bleiben unverändert. Tatsächlich verjüngt sich das letzte auf Stelen genannte Datum der langen Zählung (908 n. Chr.) um 208 Jahre, wird also zu 1116 n. Chr. Dieses Jahr ist noch nicht sicher, weil niemand weiß, ob nicht unmittelbar nach 908 oder doch erst einige Jahre später diese Datierungsweise aufgegeben und durch eine wesentlich kürzer zurückreichende Darstellung ersetzt worden ist. Aber wir bleiben zunächst bei der Identität 908 = 1116.</p>
<p>Während die zur Rechnung benutzte Zeitskala mit ihren rückgerechneten Sonnenfinsternissen und anderen Himmelsereignissen gültig bleibt, müsste aber nun noch die Phantomzeit zwischen 614 und 911 n. Chr., also die Identität der beiden Jahre berücksichtigt werden. Damit würde sich das Startjahr der Maya-Rechnung rein zahlenmäßig von 2908 v. Chr. auf 3205 v. Chr. verschieben, sofern wir die leeren Jahre ersatzlos streichen. Allerdings hat es sich zumindest für die Zeit ab der relativ gut belegten Antike, also ab dem archaischen Griechenland als sinnvoller erwiesen, die Leerjahre als Jahreszahlen ohne geschichtlichen Inhalt zu belassen.</p>
<p>Postskriptum: Thomas Frenz hat bei seinem Plädoyer für Apokalypsen und gegen die Phantomzeit (s. S. 93 ff.) auch auf den Maya-Kalender verwiesen, obwohl er eigentlich nicht unter die von ihm vorgestellten “mittelalterlichen Berechnungen” fällt. Er war ihm in dem Zusammenhang mit apokalyptischen Vorstellung wichtig, weil die Mayas in zyklischen Weltuntergängen dachten. Ihre fünfte Welt sollte gemäß Frenz [117] im Jahr 2007 oder 2008 untergehen. Die Rechnungen von Fuls zeigen, dass derartige Kalkulationen, wie noch 2003 von Frenz vorgetragen, schnell veralten können. So erledigt sich die Angst vor dem allerdings sehr dezent geschürten Weltuntergang: Auch bei 2007/8 müssen bei jetzigem Stand 208 Jahre hinzugerechnet werden, so dass die derzeit Lebenden beim erwarteten Kataklysmus weitgehend unbeeinträchtigt bleiben sollten.</p>
<h3 style="text-align: center;">Islamische und christliche Astrolabien</h3>
<p>Bei der Suche nach islamischen Hinweise auf die Phantomzeit begegnete mir eine Textstelle, die eine Sensation hätte sein können. Sie steht in einem großformatigen Werk Francesco Gabrielis über islamische Einflüsse in Europa:</p>
<blockquote><p>“Das flache Astrolab ist das wichtigste Instrument der älteren Astronomie. Die Muslime vervollkommneten es, auch wenn es offensichtlich – zumindest theoretisch – schon früher bekannt war (Beispiele haben sich aber nicht erhalten). Die Bezeichnungen <em>Asturlab</em> bzw. <em>Usturlab</em> sind vom griechischen <em>astrolábos</em> bzw.<em> astrolábon órganon</em> abgeleitet. Bei dem von Ptolemaeus in seinem Almagest unter diesem Namen erwähnten und  beschriebenen Instrument handelt es sich jedenfalls nicht um ein flaches Astrolab, sondern um eine Armillarsphäre. Das flache Astrolab gründet auf der Theorie der stereographischen Projektion, die sich bis auf den Griechen Hipparch (um 150 v. Chr.) zurückführen läßt. Das älteste bisher bekannte datierte stammt von 927/28. Eines der ältesten Beispiele scheint das aus dem Museum für Geschichte der Naturwissenschaften in Florenz zu sein – falls es wirklich im 11. Jahrhundert angefertigt wurde. Es ist freilich in einem Behälter aufbewahrt, der eine lateinische Inschrift trägt, nach der »es aus Spanien gebracht und angefertigt wurde, als die Frühjahrstagundnachtgleiche auf den 15. März fiel, d.h. im Jahre 1252«. Es besteht ein offensichtlicher Widerspruch zwischen dieser Jahreszahl und den astronomischen Angaben auf dem Instrument, das heißt der ekliptikalen Länge der Sterne. Der Stern Regulus steht hier bei 15° im Tierkreiszeichen Löwe, heute würde er bei 30° stehen. Wegen der Präzession (Vorrückung der Tagundnachtgleichen), welche die Längenwerte alle 72 Jahre um etwa einen Grad verschiebt, kommt ein Zeitpunkt vor mehr als 1000 Jahren in Frage (die Araber rechneten allerdings mit 1° in 66 Jahren, das ergäbe Ptolemaeus = 138 n. Chr. + 825 Jahre = 963, also grob annähernd die Mitte des 10. Jahrhunderts).” [Gabrieli 162]</p></blockquote>
<p>Wir erfahren hier von einem ungelösten Rätsel. Der Stern Regulus (α leo) ist eine markante Himmelserscheinung direkt auf der Ekliptik, so dass bei seiner Positionsbeschreibung keine Höhenangabe nötig ist und damit Beobachtungsfehler vermieden werden. Für Regulus gibt es nun drei Werte: 2,5° zu Zeiten von Ptolemaios, zumindest für ‘seine’ Zeit um 150 n. Chr. – dann 15° zu Zeiten der Astrolaberstellung – und ca. 30° in der Gegenwart. Daraus lässt sich Folgendes errechnen:</p>
<p>1) Wir nehmen die Vermutung auf, dass der Hersteller sich an die Tafeln des Ptolemäus gehalten hat. Wenn diese 138 n. Chr. entstanden oder auf dieses Jahr hin berechnet worden sind, hätte das Vorrücken von Regulus für das Astrolab berechnet werden können. Die Araber gingen wie Ptolemäus davon aus, dass die Sterne der Ekliptik wegen der Präzession binnen 66 Jahren um 1° vorrücken, und auch von seinem Wert 2,5° für Regulus. Dann erhalten wir</p>
<p>(15° – 2,5°) x 66 [Jahre] + 138 = 963 n. Chr.</p>
<p>So steht es – siehe oben – bei Gabrieli, der jedoch die Diskrepanz zur Schatullenbeschriftung nicht erklären kann. Addieren wir aber die 297 Jahre Phantomzeit hinzu, so ergibt 963 + 297 = 1260 [n. Chr.].</p>
<p>Das ist die einzige mögliche Rechnung, die Geräteangabe und Begleittext zusammenbringt, denn ihr Ergebnis liegt dicht bei der Vorgabe von 1253 n. Chr. Weil sie bislang nie angestellt worden ist, ließ sich mit der Geräteangabe wenig anfangen. So wäre immerhin klargestellt, dass es sich keineswegs um eines der ältesten Instrumente handelt, sondern um eines aus dem 13. Jh.</p>
<p style="text-align: center;"><img title="Astrolab" src="/wp-content/uploads/maya0002.jpg" alt="Astrolab" width="500" height="582" /><br />
So genanntes Karolingisches Astrolab (Vorderseite), datiert auf 980,<br />
möglicherweise auch Fälschung [Stautz 1999, 68]</p>
<p>Doch was wie der lang gesuchte, positive Beweis für die Phantomzeitthese aussieht, ist beliebig relativierbar: Wir führen zunächst zwei weitere Kalkulationen durch:</p>
<p>2) Von der Gegenwart zurückgerechnet – Gabrielis Buch wurde 1982 erstmals publiziert – ergeben sich aus 30° – 15° = 15° x 72 [Jahre] = 1080 [Jahre]. Wir haben für die Retrokalkulation mit 72 Jahren jene Zeit eingesetzt, die tatsächlich verstreicht, bis die Präzession um ein Grad vorgerückt ist. Die 1080 von 1982 in Abzug gebracht, ergibt sich das Herstellungsjahr 902. So wäre das Astrolab 350 Jahre älter, als auf der Schatulle angegeben. Bei Abzug der Phantomzeit ergäbe sich statt 902 das Jahr 605 n. Chr.</p>
<p>3) Die Angabe der Frühlingstagundnachtgleiche für den 15. März lässt ebenfalls eine Kalkulation zu. Da der Fehler des Julianischen Kalenders binnen 128 Jahren zu einem zusätzlichen Tag aufläuft, haben wir eine Abdrift von 6 x 128 = 768 Jahren. Herkömmlich wird das Konzil von Nicäa (325) als Bezugspunkt verstanden, so dass sich 768 + 325 = 1093 n. Chr. ergäbe. Nach der Phantomzeitthese liegt der Bezugspunkt bei Cäsars Kalenderreform (-45), also 370 Jahre früher; doch da 297 Jahre in Abzug kommen, ergäbe sich ein Wert im selben Jahrhundert:</p>
<p>(768 &#8211; 45) + 297 = 1020 n. Chr.</p>
<p>Nach diesen Abschätzungen wäre das Astrolab 230 bzw. 159 Jahre älter als angegeben. So lassen sich bei diesem Gerät drei Altersbestimmungen durchführen, bei der nur eine zum Ziel führt.</p>
<p>Der Astrolabienkenner und -bauer Martin Brunold hat mir dankenswerterweise die Reguluswerte (α Leo) von 21 arabischen Astrolabien übermittelt, so dass wir eine breitere Prüfbasis bekommen:</p>
<table style="width: 100%;" border="0" cellpadding="5px">
<thead>
<tr>
<td>Nr.</td>
<td>Bezeichng.</td>
<td>α Leo</td>
<td>Datierg.</td>
<td>ab Pt/+PhZ</td>
<td>re 2000</td>
</tr>
</thead>
<tbody>
<tr>
<td>1</td>
<td>Al-Khatif</td>
<td>13-14</td>
<td>9. Jh.</td>
<td>876/1173</td>
<td>812/515</td>
</tr>
<tr>
<td>2</td>
<td>Bastulus</td>
<td>13-14</td>
<td>927/8</td>
<td>876/1173</td>
<td>812/515</td>
</tr>
<tr>
<td>3</td>
<td>Djafar</td>
<td>15</td>
<td>950 c.</td>
<td>975/1272</td>
<td>920</td>
</tr>
<tr>
<td>4</td>
<td>Al-Isfahani</td>
<td>18</td>
<td>984</td>
<td>1173</td>
<td>1136</td>
</tr>
<tr>
<td>5</td>
<td>Al-Khujandi</td>
<td>15</td>
<td>985</td>
<td>975/1272</td>
<td>920</td>
</tr>
<tr>
<td>6</td>
<td>“Karolingisch”</td>
<td>14</td>
<td>990</td>
<td>909/1206</td>
<td>848/551</td>
</tr>
<tr>
<td>7</td>
<td>“Silvester”</td>
<td>15</td>
<td>990</td>
<td>975/1272</td>
<td>920</td>
</tr>
<tr>
<td>8</td>
<td>Al-Mustim</td>
<td>15</td>
<td>10./11.</td>
<td>975/1272</td>
<td>920</td>
</tr>
<tr>
<td>9</td>
<td>Toledo</td>
<td>18</td>
<td>1029</td>
<td>1173</td>
<td>1136</td>
</tr>
<tr>
<td>10</td>
<td>Al-Sahli</td>
<td>20</td>
<td>1067</td>
<td>1305</td>
<td>1280</td>
</tr>
<tr>
<td>11</td>
<td>Al-Sahli II</td>
<td>18</td>
<td>1068</td>
<td>1173</td>
<td>1136</td>
</tr>
<tr>
<td>12</td>
<td>Al-Isfahani</td>
<td>18</td>
<td>1119</td>
<td>1173</td>
<td>1136</td>
</tr>
<tr>
<td>13</td>
<td>Al-Isfahani II</td>
<td>18</td>
<td>1152</td>
<td>1173</td>
<td>1136</td>
</tr>
<tr>
<td>14</td>
<td>Abu Bekr</td>
<td>19</td>
<td>1208</td>
<td>1239</td>
<td>1208</td>
</tr>
<tr>
<td>15</td>
<td>Mondmech.</td>
<td>18</td>
<td>1223</td>
<td>1173</td>
<td>1136</td>
</tr>
<tr>
<td>16</td>
<td>Foutouh</td>
<td>21</td>
<td>1224</td>
<td>1371</td>
<td>1352</td>
</tr>
<tr>
<td>17</td>
<td>Sultan Moosa</td>
<td>22</td>
<td>1227</td>
<td>1437</td>
<td>1424</td>
</tr>
<tr>
<td>18</td>
<td>Al-Karim</td>
<td>20</td>
<td>1235</td>
<td>1305</td>
<td>1280</td>
</tr>
<tr>
<td>19</td>
<td>Adler Chicago</td>
<td>20</td>
<td>1250 c.</td>
<td>1305</td>
<td>1280</td>
</tr>
<tr>
<td>20</td>
<td>Spanien</td>
<td>22</td>
<td>14. Jh.</td>
<td>1437</td>
<td>1424</td>
</tr>
<tr>
<td>21</td>
<td>Fusoris</td>
<td>21</td>
<td>1400 c.</td>
<td>1371</td>
<td>1352</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p>Die Reihung ergibt sich aus den gefundenen Datierungen, die in der vierten Spalte vermerkt sind. Davor steht jeweils der Gradwert für Regulus, danach die Rechnung ab Ptolemäus mit seinem zu kleinen Wert von 66 Jahren/Grad für die Präzession. Für die vermeintlich ältesten Instrumente ist auch die Jahreszahl angegeben, die sich bei Akzeptanz der Phantomzeit ergibt. Bei den Instrumenten ab Nr. 9 macht das keinen Sinn mehr, weil sie signifikant zu spät liegen würden. Bei ihnen ist die Phantomzeit auf jeden Fall einkalkuliert, so wie bei dem Instrument aus Florenz errechnet.</p>
<p>Eine erste, wichtige Prüfung zielt darauf ab, dass die ‘Hoch’-Rechnungen ab Ptolemäus und die Rückrechnungen von heute verglichen werden, also die Werte der 5. und 6. Spalte. Hier zeigt sich eine befriedigende Übereinstimmung bis zum Jahr 1000. Davor liegen die Werte schon 55 und mehr Jahre auseinander, wir nähern uns dem Unterschied von 1°, sprich den 72 Jahren/ Grad. In drei Fällen führt die Retrokalkulation in die Phantomzeit, weshalb auch das zugehörige Realjahr angegeben wird.</p>
<p>Viel gravierender sind die Diskrepanzen zwischen Gerätedatierung und Alterskalkulationen. Nehmen wir mit Nr. 2, Bastulus, das älteste datierte Astrolab (auf 927/28) [Borst 24], für das die ‘Hoch’-Rechnung’ (876) und die Rückrechnung (812) viel zu alte Werte ergeben. Sonst ergeben die Kalkulationen deutlich jüngere Werte als die Datierungen. Das gilt insbesondere für Nr. 17, Sultan Moosa, mit Differenzen von 230 Jahren und für Nr. 10, Al-Sahli, mit 220 Jahren. Eine befriedigende Übereinstimmung ergibt sich nur bei den Nrn. 3, 5, 7, 8 (ohnehin vage datiert), 12, 13, 14 und 21.</p>
<p>Nun ist ein Astrolab ein in Metall gefertigtes Präzisionsinstrument, das eine ganze Reihe von Gravuren und metallenen Zeigern enthält, die Rückschlüsse auf die Fertigungszeit ermöglichen müssten. Anzuführen sind auf jeden Fall folgende Möglichkeiten, die wir der Reihe nach betrachten:</p>
<p style="padding-left: 30px;">a)  ekliptiknahe Sterne wie Regulus</p>
<p style="padding-left: 30px;">b)  Ekliptikschiefe,</p>
<p style="padding-left: 30px;">c)  Äquinoktien [ebd., 17, 94],</p>
<p style="padding-left: 30px;">d)  Perihel (ebd. nicht weiter vertieft).</p>
<h4 style="text-align: center;">a) Sternpositionen</h4>
<p>Dies haben wir am Beispiel Regulus bereits behandelt. Die generelle Diskussion zeigt laut Stautz [1997, 16-28], dass Sternpositionen allenfalls mit großen Schwierigkeiten zur Datierung der Instrumente herangezogen werden können. Sie werden nur zur Bestätigung vorgegebener Datierungen benutzt. Generell sind Astrolabien zu klein für präzise Angaben, und die Sternpositionen sind nicht mit Zahlenwerten, sondern mit Nomogrammen festgehalten, die erst entschlüsselt werden müssen. Wegen der verzerrenden Projektion der Himmelskugel auf die Äquatorebene wirken sich Ablesefehler bei Sternen nahe dem ekliptikalen Pol stärker aus. Wegen der möglichen Ablesefehler dürfen nur ekliptiknahe Sterne zur Bestätigung einer Datierung eines Astrolabs herangezogen werden [ebd., 27].</p>
<p>Im Falle des oben besprochenen Gerätes müssten sämtliche ekliptiknahe Sterne auf das Herstellungsdatum verweisen, doch werden darüber keine weitere Angaben gemacht. Man muss aber davon ausgehen, dass sie widersprüchlich ausfallen, sonst hätte sie Gabrieli wohl beigefügt. Derartige Widersprüche sind fast der Regelfall.</p>
<p>Das lässt sich exemplarisch mit dem so genannten “karolingischen” Instrument zeigen. Es ist ein Rätsel für sich, dem Brunold [116-121] ein eigenes Kapitel gewidmet hat. Denn die 20 durch Metallzeiger fixierten Sternpositionen liegen so weit wie nur möglich auseinander: Rückrechnungen führen je nach Stern zum Himmel von 110, 790, 980, aber auch von 1660 n. Chr. Diese riesige Fehlerspannbreite kann allenfalls so interpretiert werden, dass die Sternzeiger erst später zu den richtigen Positionen gebogen werden sollten. Die Bezeichnung des Entdeckers Marcel Destombes als “karolingisches Astrolabium” (erst 1962 ediert) ist hinfällig, denn ein solches ist bislang unbekannt. Die Mehrzahl der Spezialisten hat sich auf Ende 10. Jh. und auf katalanischen Ursprung geeinigt [Stautz 1999, 66, 73]. Brunold lässt weiterhin die Möglichkeit einer Fälschung offen, weil andere</p>
<blockquote><p>“astronomische Gravuren erstaunlich exakt [sind], zu exakt für ein Instrument der lateinisch-europäischen Pionierzeit” [Brunold 121].</p></blockquote>
<h4 style="text-align: center;">b) Schiefe der Ekliptik</h4>
<p>Die Schiefe der Ekliptik ändert sich in Abhängigkeit der Zeit, doch bewegt sich die Veränderung in winzigen Dimensionen. Zwischen 2. und konvent. 15. Jh. ging der Winkel ε von 23:51,20° auf 23:30,17° zurück. Dafür gilt lapidar:</p>
<blockquote><p>“Die Ablese- und Konstruktionsfehler sind zu groß, als daß sich aus den Instrumenten relevante Aussagen über die zu grunde liegende Ekliptikschiefe ablesen ließen” [Stautz 1997, 31].</p></blockquote>
<p>Auch eine Überprüfung anhand eingravierter Ortsbreiten “kann die Berechnung nicht zu genauen Werten für ε führen” [ebd.]. Hinzu kommt, dass offenbar die Verfertiger der Astrolabien nicht immer mit dem aktuellen Wert der Ekliptikschiefe gerechnet haben. So wurde von westislamischen Konstrukteuren die Stunden des längsten Tages mit einem ε von 23:33° gerechnet, obwohl der zu ihrer Zeit aktuelle Wert 23:51° betrug [ebd., 55 f.].</p>
<h4 style="text-align: center;">c) Äquinoktien</h4>
<p>Viele Astrolabien tragen auf ihrer Rückseite die Darstellung einer Kalenderskala, also einen Jahreskreis in einem Ekliptikkreis. Der Laie könnte hier annehmen, dass die Gravur des Frühlingsäquinoktiums in dieser Skala viele Unsicherheiten beheben könnte. Stautz schildert die Probleme – Ablesefehler, das Rückführen des Datums durch die eingeschobenen Schalttage u. a. – und zitiert H. Michel: “Das Datum des Frühlingspunktes erlaubt keineswegs die Festlegung des Konstruktionsjahres” [Stautz, 1997, 35; Übers. H.I.]. Stautz fasst seine Untersuchungen so zusammen:</p>
<blockquote><p>“Nur durch die Betrachtung der Lage des Frühlingsäquinoktium in der Kalenderskala kann eine Datierung eines Instruments nicht vorgenommen werden.” [Stautz, 17]</p></blockquote>
<p>Hier muss ein weiteres Scheitern der Archäoastronomie hingenommen werden [vgl. Illig 2003]: Sie ist leider nicht in der Lage, das Alter der Astrolabien hinreichend zu bestimmen, obwohl die Voraussetzungen günstig schienen. Immerhin gehören die Astrolabien zu den ausgeklügelsten Mechanismen und repräsentieren praktisch den ‘Computer’ vor dem Computer. Möglicherweise – doch dies nur als Mutmaßung – ist gerade das Mitführen der Phantomzeit im Kalender eine Ursache für die zum Teil unerklärlichen Widersprüche.</p>
<h4 style="text-align: center;">Zur Geschichte</h4>
<p>Der planisphärische “Sterngreifer”, also das Astrolab, unterscheidet sich von der Armillarsphäre dadurch, dass seiner Konstruktion eine Projektion vom Südpol her auf eine Fläche zugrunde liegt, die mannigfaltige Berechnungen voraussetzt und dementsprechend schwierig ist. Dafür lassen sich mit ihm zahlreiche Beobachtungen anstellen, die hier nicht aufgelistet werden können [vgl. Saunders 10-27].</p>
<p>Das flache Astrolabium scheint etwa um 400 in Alexandria bekannt und gegen 530 den Byzantinern vertraut gewesen zu sein, denn wir kennen aus dieser Zeit eine Gebrauchsanweisung von Johannes Philoponos [Borst 19] .</p>
<p>(Weil ich daraus Ptolemaios’ Behauptung, mit einem Astrolab gearbeitet zu haben, als falsch hervorhob [Illig 1999, 147], hat Krojer [157-162] ein Kapitel chen lang einen ‘Schleiertanz’ aufgeführt. Er verwies darauf, dass laut van der Waerden Ptolemaois eine Armillarsphäre benutzt habe, die jedoch ebenfalls Astrolab genannt worden sei. Nach dieser von Krojer ins Spiel gebracht Unschärfe führt er alles mögliche gegen mich an, zum Schluss allen Ernstes Borst selbst, der immer von einem flachen Astrolab gesprochen hat. Doch auch er war sich nicht schlüssig, von welchem Instrument Ptolemaios überhaupt gesprochen habe:</p>
<blockquote><p>“Auch moderne Forscher könnten dann leichter angeben, welches Gerät Ptolemaios in der Hand oder im Sinn hatte.</p></blockquote>
<p>Daß er selbst das planisphärische Astrolab erfand, wird seit tausend Jahren immer wieder behauptet. Es wird aber immer unwahrscheinlicher, je gründlicher die Forschung neben seinen überlieferten Aussagen deren Textgeschichte bedenkt” [Borst 17 f.].</p>
<p>Es steht also für Borst fest, dass Ptolemaios kein flaches Astrolab gekannt hat und – analaog zu meinem Gewährsmann R.R. Newton – auch dort gerechnet habe, “wo er beteuerte, er habe genau beobachtet” [Borst 18]. Nichts anderes habe ich vertreten. Es hätte genügt, darauf hinzuweisen, dass für Borst erst Autoren des 10. Jhs. den größten Astronomen des Altertums mit dem Astrolab in Verbindung gebracht haben dürften, obwohl er zugleich von älteren islamischen Bemerkungen spricht [Borst 17, Fn. 18]. Wenn Dritte es für nützlich erachten, auch Armillarsphären als Astrolab zu bezeichnen, mögen sie ihr Verwirrspiel genießen, aber nicht ihre Mitwelt behelligen.)</p>
<p>Zurück zu Byzanz. Neben der Baubeschreibung aus dem 6. Jh. fehlen die Geräte; das älteste bis heute erhaltene Astrolab aus Konstantinopel wurde erst 1062 gebaut [Borst 20]. Deswegen weist Borst [22] auch Lynn White jr. zurück:</p>
<blockquote><p>“Aus der Luft gegriffen ist die Vermutung [...], daß sich der Gebrauch antiker Astrolabien im westlichen Frühmittelalter ohne Unterbrechung erhalten habe.”</p></blockquote>
<p>Das hätte Karl den Großen als ebenso großen Astronomen nicht hindern müssen, das Gerät nach Aachen zu bringen. Doch:</p>
<blockquote><p>“Man ignorierte es sogar am Hof Karls des Großen, der doch sonst Konstantinopel und Bagdad nicht aus den Augen verlor” [Borst 22].</p></blockquote>
<p>Das Ignorieren lässt sich natürlich ganz anders motivieren. Hätte ein Karl – ganz abgesehen von der Phantomzeit – überhaupt ein Astrolab bekommen können? Das älteste datierte arabische Astrolab ist unsere Nr. 2, Nastulus Bastulus, dessen astronomische Angaben jedoch die Datierung auf 927/28 nicht bestätigen. Erst ab 950 häufen sich Exemplare aus dem persischen, syrischen und ägyptischen Raum [Borst 24]. Nach Spanien kam das Wissen um dieses Instrument etwa 960 [ebd., 25], wie uns Gebrauchsanweisungen bestäti gen. Insgesamt sind etwa 700 islamische Astrolabien erhalten [Stautz 1999, 11]. Selbstverständlich kennt die arabische Tradition viel ältere eigene Wurzeln, nämlich aus dem 8. Jh. [ebd., 14]. Sie ist insbesondere durch Ibn al-Nadim mit seinem Werk Al-Fihrist vertreten, der auch Nastulus Bastulus als zeitgenössischen Instrumentenbauer nennt, der jedoch für diese Zeit mit zu alten Sternwerten gearbeitet hat (s.o.). Die ältesten Astrolabien (konvent. ab 770) werden an Hand von datierten Beschreibungen und über Genealogien von Instrumentenbauern datiert [Stautz 1997 81; 1999, 14, 65].</p>
<p>In Spanien, genauer in Katalonien, wurden ab 975 Instrumente anders beschriftet: in Latein, mit dem Sonnenkalender und dem Tierkreis, aufgeteilt in zwölf Häuser zu 30°. Die christliche Traditionslinie ist offenkundig sehr schwierig darzustellen. Zwischen dem 10. Jh. und etwa 1450 bleibt alles im Ungefähren: Nur vier von etwa 130 Astrolabien sind datiert, nur wenige weitere Stücke tragen eine Inschrift [Stautz 1999, 65].</p>
<p>Arno Borst [46, 55, 69] hat gleichwohl eine Linie entwickelt: Gerbert, also der spätere Papst Silvester II., begegnet 967 in Katalonien dem Astrolab; die zugehörige Theorie wird um 980 bekannt. Nach 989 setzt im Abendland praktisches Hantieren ein. 995 verfasst Konstantin von Fleury das erste lateinische Lehrbuch, gefolgt um 1000 von dem Reichenauer Fragment. Auf lothringische Schriften folgt Hermann der Lahme um 1050. Spätere Geräte wirken oft so, als ob sie von arabischen Vorbilder, aber ohne großes Verständnis kopiert worden seien. Die Kontinuität der Theorie reißt ab:</p>
<blockquote><p>“Erst 200 Jahre nach Hermannus Contractus’ Arbeit über das Astrolab scheint eine neue Arbeit, diesmal von Helmold von Hildesheim, über das Astrolab erschienen zu sein” [Stautz 1999, 89],</p></blockquote>
<p>die sich gleichwohl an die viel ältere Arbeit von der Reichenau anlehnt. Hier werden sich weitere Forschungen lohnen.</p>
<h3 style="text-align: center;">Fazit</h3>
<p>Die zahlreichen Beobachtungen der Mayas, in der Mehrzahl in den harten Stein  ihrer Stelen gemeißelt, haben eine wesentlich höhere Qualität als die eher zufälligen Beobachtungen im antiken und spätantiken Abendland. Deshalb brachten Wells und Fuls einen rechnerischen Abgleich der zahllosen Maya-Daten mit der christlichen Zeitrechung zu Stande. Ob es dereinst einem Archäoastronom gelingen wird, den antiken Himmel überm Abendland mit dem heutigen stringent zu verbinden, steht noch in den Sternen. Obwohl hier seit über hundert Jahren der archäoastronomische Abgleich versucht wird, erwiesen sich die erhaltenen (und immer fälschungsbedrohten) Daten als zu widersprüchlich.</p>
<h3 style="text-align: center;">Literatur</h3>
<p>Beaufort, Jan (2003): <a href="http://www.fantomzeit.de/?p=1504">Die Fälschung des Almagest und ihre Verdrängung durch Krojer</a>; in: ZS  15 (1) 508-515</p>
<p>Borst, Arno (1989): Astrolab und Klosterreform an der Jahrtausendwende; Heidelberg</p>
<p>Brunold, Martin (2001): Der Messing-Himmel. Eine Anleitung zum Astrolabium; Abtwil</p>
<p>Disselhoff,  Hans Dietrich (1967): Geschichte der altamerikanischen Kulturen; München · Wien</p>
<p>Frenz, Thomas (2003): Wann geht die Welt unter? Mittelalterliche Berechnungen des Termins von Weltende und Weltgericht; in: Gaisbauer, Gustav (Hg.): Weltendämmerungen. Endzeitvisionen und Apokalypsevorstellungen in der Literatur. Fünfter Kongress der Phantasie (2000 in Passau); Passau, 113-122</p>
<p>Fuls, Andreas (2004): Das Rätsel des Mayakalenders; in: Spektrum der Wissenschaft, 1/2004, 52-59</p>
<p>Gabrieli, Francesco (1997): Mohammed in Europa. 1300 Geschichte, Kunst, Kultur; Augsburg (ital. 1982)</p>
<p>Illig, Heribert (2003): “Das Scheitern der Archäoastronomie. Rückweisung der bislang gewichtigsten Kritik an der Phantomzeitthese”; in: ZS 15 (3) 478-507</p>
<p>-	(1999): Wer hat an der Uhr gedreht?; München</p>
<p>Krojer, Franz (2003): Die Präzision der Präzession; München</p>
<p>Pöppe, Christoph (2003): “Absurdes” [Krojer-Rezension]; in: Spektrum der Wissenschaft, Heft 10, 96</p>
<p>Saunders, Harold N. (1984): All the astrolabes; Oxford/England</p>
<p>Schele, Linda / Friedel, David (1995): Die unbekannte Welt der Maya; Augsburg (11990)</p>
<p>Stautz, Burkhard (1997): Untersuchungen von mathematisch-astronomischen Darstellungen auf mittelalterlichen Astrolabien islamischer und europäischer Herkunft; Bassum (Dissertation)</p>
<p>-	(1999): Die Astrolabiensammlungen des Deutschen Museums und des Bayerischen Nationalmuseums; München</p>
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		<title>„Eine einzige Spatelknopfnadel&#8230;“</title>
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		<pubDate>Sun, 11 Oct 2009 20:34:01 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[<h3>Die Lücke in der Regensburger Siedlungsarchäologie</h3>
<h3>von Gerhard Anwander und Heribert Illig (aus <a title="http://www.mantis-verlag.de/?page_id=613" href="http://www.mantis-verlag.de/?page_id=613" target="_blank"><em>Zeitens</em><em>p</em><em>rünge</em> 2/2000</a>)</h3>
<p>Als vorgeschobener Außenposten des Römerreichs, als Herzogssitz der bajuwarischen Agilolfinger, als bevorzugte Residenz des Ostfränkischen Reichs (unter Ludwig dem Deutschen), als Pfalzort von Kaisern, Königen und Bischöfen, ab dem 10. Jh. als Hauptstadt des Herzogtums Bayern und ab dem 13. Jh. als freie Reichsstadt ist Regensburg neben Köln dafür prädestiniert, durchgehend Zeugnis abzulegen von all diesen Zeiten. In diesem Bulletin (S. 283) wird die Einschätzung von PD Amalie Fößel – vorgetragen auf dem letzten Symposium der Mediävisten – von siedlungsarchäologischen Untersuchungen und der Tragfähigkeit der Phantomzeitthese behandelt. Regensburg kann als guter Prüfstein dafür dienen, ob „die Vielzahl von Funden aus ganz unterschiedlichen Bereichen menschlichen Lebens und Arbeitens“ das „Hypothesenkonstrukt ganz schnell zum Einsturz bringen“ vermag [Fößel 69].<br />
<!--more--><br />
Wir stützen uns dabei auf das Standardwerk des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege, den Band III.37 von <em>Denkmäler in Bayern</em>, der die <em>Stadt Regensburg</em> und ihre <em>Ensembles – Baudenkmäler, Archäologische Denkmäler</em> [= DENKMÄLER] auf fast 800 groß­formatigen Seiten darstellt. Einer von vier Autoren ist Dr. Achim Hubel, der sich durch unseren ersten einschlägigen Aufsatz über Regensburg [ZS 2/99] „durchgequält, die Lektüre aber dann ‚eher gelangweilt’ aus der Hand gelegt“ hat [Schießl 2000]. Wer so vom Regensburger frühen Mittelalter überzeugt ist, der hat für seine Ansicht sicher überzeugendes Material in überwältigender Fülle ausgebreitet.</p>
<p>Tatsächlich nennt DENKMÄLER neben den sichtbaren Bauten weitere 632 Örtlichkeiten auf dem heutigen Stadtgebiet, an denen archäologische Spuren gefunden worden sind. 232 davon befinden sich auf dem Gebiet der Altstadt; 400 rings um die Altstadt, auf heutigem Regensburger Stadtgebiet. Hatten uns 1999 Dom und Pfalz respektive ihre zahlreichen virtuellen Standorte ohne materiellen Befund interessiert, so sollen nun­mehr diese Befunde vor dem Hintergrund früherer Zeiten gewürdigt werden.</p>
<h4 style="text-align: center;">Methodik</h4>
<p>Die 632 Örtlichkeiten finden sich auf den Seiten 668 bis 734 und sind exakt mit Flurkartennummern, Straßennamen usw. versehen. Hierzu ein Beispiel [DENKMÄLER 679]:</p>
<blockquote><p>&#8220;TK 7039; Flurkarte NO 41 &#8211; 19. Ca. 200 m sö der Kirche von Harting. <em>Siedlungsbefunde der Linearband- und Stichbandkeramischen Kultur; der Oberlauterbacher-, Michelsberger-, Chamer- und Urnenfelder Kultur, sowie der Hallstatt- und frühen Latènezeit, Lesefunde der mittleren römischen Kaiserzeit, ein Körpergrab der Oberlauterbacher Kultur und ein Reihengräberfeld des 6./7. Jahrhunderts</em>. Bei der Errichtung eines Neubaugebietes im Südosten von Harting umfangreiche Ausgrabungen des LfD. Dabei fanden sich zahlreiche Hausgrundrisse in Pfostenbauweise sowie einige Siedlungsgruben der Michelsberger- und Chamer Kultur sowie ein merowingisches Reihengräberfeld mit etwa 60 Gräbern. Als Lesefunde von hier einige Scherben Terra Sigillata der mittleren römischen Kaiserzeit.“</p></blockquote>
<p>Zunächst wurden aus den jeweils im Text kursiv gedruckten Übersichtsinformationen folgende Kategorien gebildet und aufgereiht:</p>
<ul>
<li>unklare Siedlungsspuren</li>
<li>Grabreste unbekannter Zeit</li>
<li>Grabenanlage unbekannter Zeit</li>
<li>Paläolithikum (&#8230; –8000; konventionelle Datierungen)</li>
<li>Mesolithikum (8000 &#8211; 4000)</li>
<li>Neolithikum (4000 &#8211; 2500)</li>
<li>Keramik = Linear-, Schnur-, Stichbandkeramik</li>
<li>Bronzezeit</li>
<li>Urnenfelderzeit</li>
<li>Hallstattzeit</li>
<li>Latènezeit</li>
<li>römische Gräber/Grabsteine</li>
<li>römische Kaiserzeit</li>
<li>römische Baubefunde</li>
<li>Villa rustica</li>
<li>Völkerwanderungszeitlich-germanisch 4./5. Jh.</li>
<li>Merowingisch 6./7. Jh. (8. Jh.)</li>
<li>Frühmittelalterlich 7./10. Jh.</li>
</ul>
<p>Es gibt demnach keine separate Rubrik für die so genannte Fantomzeit (614 – 911). Aus unserer Sicht hat man die beiden einschlägigen Zeit­räu­me bislang überdehnt, indem man merowingische Befunde bis 750 ausdehnte und damit ausdünnte, während man ottonische Funde mit als karolingisch angesehenen Objekten vermengte und so Fundmaterial für eine leere Zeit gewann – doch auch hier auf Kosten eines schlecht belegbaren 10. Jhs.. Der Er­klä­rungswert der Fantomzeitthese lässt sich durch ein Zitat knapp belegen:</p>
<blockquote><p>&#8220;Grabfunde als archäologische Quellengattungen fallen für die Kerngebiete des Karolingerreiches von nun an [ab 700] weitgehend aus. Der Verlust wird ausgeglichen durch die reichlicher fließende schriftliche Überlieferung im 8. und 9. Jahrhundert.&#8221; [Menghin 1980, 270]</p></blockquote>
<p>DENKMÄLER führt für hohes Mittelalter und Neuzeit nur noch wenig Fund­material auf, das wir nicht mehr registriert haben. Man sollte dabei nicht vergessen, dass vermutlich mehr als die halbe Altstadt von Regensburg dem Mittelalter entstammt und die entsprechenden Bau­denk­mäler nicht mehr als archäologische gelten. Das Standardwerk unterscheidet zwischen Lesefunden und Siedlungsfunden, was wir übernehmen.</p>
<h4 style="text-align: center;">Lesefunde</h4>
<p>Lesefunde sind Einzelobjekte, wie z.B. Scherben und Reste von Werkzeugen, die auf die Anwesenheit von Menschen genannter Epochen schließen lassen. Für die Statistik wurden etliche Großepochen untergliedert, so werden die interessanten Keramikkomplexe Linear-, Schnur-, Stichbandkeramik eigens aufgeführt, obwohl sie in das Neolithikum gehören. Die Bronze- und Eisenzeit wurde gemäß DENKMÄLER teils eigens erfasst bzw. in Urnenfelderzeit, Hallstattzeit und Latènezeit (Kelten) aufgespalten. Danach kommen die <em>römischen</em> Reste, die bei den Siedlungsfunden augeteilt wurden in</p>
<ul>
<li>Reste von Gräbern,</li>
<li>Baureste (z.B. Mauerreste des Castrums, Gebäude, Straßen),</li>
<li>villae rusticae, also Landhäuser mit Bädern usw.,</li>
<li>sonstige Reste der Kaiserzeit wie z.B. Teller, Räucher­scha­len, Schmuck, Ziegelreste usw.,</li>
<li>eigens erfasste und gezählte Münzen.</li>
</ul>
<p style="text-align: center;"><img title="Grafik1" src="/wp-content/uploads/regen0001.jpg" alt="Grafik1" width="500" height="280" /></p>
<p>In <strong>Grafik 1</strong> geht es noch nicht um die Anzahl von einzelnen Fundobjekten, sondern nur um die Anzahl von Nennungen an den erfassten 632 Örtlichkeiten. So wurde an 30 Orten Paläolithisches gefunden, an 16 Meso­lithisches usw. Die höchste Säule ergeben die Nennungen von römischen Resten an 77 Orten. Merowingische und frühmittelalterliche Lesefunde gab es nur an je 3 Orten.</p>
<p>Natürlich suchen wir primär Antwort auf die Frage: Gab es Merowinger und Karolinger in der Zeit von 614 &#8211; 911 wirklich? Sie wäre zu bejahen, wenn sich substanzielle Funde für diese Zeit nachweisen lassen. Für Karolingerfans ist die erste Grafik kein Grund zum Jubeln, gibt es doch die zehnfachen Menge an altsteinzeitlichen Fundorten auf dem heutigen Stadtgebiet gegenüber frühmittelalterlichen. Die Nennun­gen von Steinzeitlichem gehen zwangsläufig stark zurück, wenn wir ‚im zweiten Anlauf’ die Örtlichkeiten mit Siedlungsfunden untersuchen werden.</p>
<p>Betrachten wir nun die Anzahl der Objekte selbst, wie sie aus DENKMÄLER zu ermitteln ist. Beim Erfassen mussten wir uns mit – kon­servativ geschätzten – Näherungswerten behelfen, da die Autoren nicht im­mer so freundlich waren, Zahlen zu nennen. Unser Zahlenwerk ent­stand mit diesem Kodierungsschlüssel:</p>
<ul>
<li>Ein<em> Einzelfund</em> wurde natürlich zu 1;</li>
<li><em>einige Münzen</em> wurden zu 5, ebenso <em>einige Scherben</em> oder <em>Gräber</em></li>
<li><em>mehrere</em> wurden zu 10,</li>
<li>eine <em>größere Anzahl</em> zu 30;</li>
<li><em>zahlreiche Scherben</em> wurden zu 40 &#8211; 60,</li>
<li><em>ausgedehnte Siedlungsspuren</em> zu 100, ebenso ein <em>Keramikdepot,</em></li>
<li>aus <em>umfangreich</em> oder <em>reichlich</em> oder <em>ausgedehnt</em> ebenfalls 100,</li>
<li><em>recht umfangreich</em> oder <em>beträchtlich </em>oder<em> sehr viel</em> wurde zu 200,</li>
<li>eine <em>Unmenge</em> zu 500.</li>
</ul>
<p style="text-align: center;"><img class="aligncenter" title="Grafik2" src="/wp-content/uploads/regen0002.jpg" alt="Grafik2" width="500" height="293" /></p>
<p>Hieraus ergibt sich (<strong>Graphik 2</strong>) eine Statistik zu Lesefundobjekten. Wir sehen ein bereits vertrautes Bild: Sehr magere 7 Objekte sind dem frühen Mittelalter zugeschrieben, das sind 0,13 % der Gesamtmenge von<strong> 5.343</strong> Objekten! Das ist verwunderlich, obwohl bei der hohen Zahl der altsteinzeitlichen Funde ein beträchtlicher Teil aus Steinartefakten besteht, wie im folgenden Beispiel nach­zu­vollziehen ist [DENKMÄLER 688f]:</p>
<blockquote><p>&#8220;TK 7038; Flurkarte NO 41 &#8211; 17. Florian-Seidel-Straße 1. Ca. 1375 m n/nnö St. Martin in Oberisling. <em>Freilandrastplatz des Gravettien sowie vorgeschichtliche Lesefunde</em>. Beim Bau des neuen Aldigebäudes wurde im Lößprofil der Baugrube in 1,5 m Tiefe eine dünne, dunkle Schicht mit Steinartefakten und Tierknochen entdeckt. Die daraufhin vom Inst. für Urgeschichte der Universität Nürnberg-Erlangen durchgeführte Ausgrabung ergab einen Rastplatz des ausgehenden Jungpaläolithikums, der noch weitgehend in situ war. Unter den Funden sind die Steinartefakte mit 2500 Stücken am häufigsten, darunter etwa 80 zu Geräten verarbeitete Objekte. Als häufigste Werkzeugklasse sind Kratzer zu nennen, von denen nur wenige eine regelmäßig ausgearbeitete Kratzerstirn aufweisen. Als zweithäufigste Werkzeugklasse fin­den sich rückenretuschierte Stücke. Sie sind überwiegend aus Klin­genlamellen mit ehemals breitflachem Querschnitt gearbeitet. Eine Reihe von Stücken mit gebogen verlaufender Rückenretusche ist in die Gruppe der konvexen Rückenspitzen zu stellen. Zahlenmäßig folgen die Bohrer in verschiedenen Varianten, gefolgt von einigen endretuschierten Klingen und zwei Sticheln. Als Kleinfunde konnten Gehäuseteile von drei fossilen Schnecken der Art Pyramidella sp. gebor­gen werden, die aus einem tertiären Vorkommen stammen. Möglicher­weise ebenfalls zu fossilen Gehäuseteilen gehören einige Fragmen­te von scheibenförmig zugearbeiteten und durchbohrten Muschel­schalen. Das zahlreich, aber sehr brüchig erhaltene Knochenmate­rial beinhaltet nach einer vorläufigen Bestimmung Pferd, Ren, Wolf und eventuell Wildschwein und Hyäne. Chronologisch gehört der Fundplatz in das mittlere Jungpaläolithikum, also in das sog. Gra­vettien.&#8221;</p></blockquote>
<p>Wir brachten diesen langen Eintrag ungekürzt, weil er schön zeigt, dass Menschen, die gelebt haben, eine Fülle von Spuren hinterlassen, seien es nun Werkzeuge in Stein oder Überreste verzehrter Tiere in Form von Knochen. Das Gravettien als Periode des Paläolithikum wird herkömm­lich in der Zeit von 28.000 – 21.000 angesiedelt. Gerade im altvertrauten Datierungssystem, das wir freilich nicht stützen, müsste es bestürzen, wenn eine im Mittel 25.000 Jahre zurückliegende Zeit ungleich mehr Funde hinterlassen hat als ein frühes Mittelalter, das doch wenig mehr als 1.000 Jahre zurückliegt und sowohl eine Epoche mit dichter Besiedlung als auch Trägerin der karolingischen Renaissance, also einer ausgesprochenen Hoch­kultur, gewesen sein sollte. Doch vor der Bestürzung käme das Be­mer­ken des Pro­blems.</p>
<p>Betrachten wir nun die 7 Reste aus vermeintlich frühmittelalterlicher Zeit genauer, um zu prüfen, ob es sich um zwingende oder wenigstens plausible Datierungen handelt.</p>
<blockquote><p>&#8220;TK 6938; Flurkarte NO 43-16. Ca. 2550 m w/wnw vom Dom. <em>Lesefunde des frühen Mittelalters</em>. Von den Feldern w der Boessnerstraße und n der Agnesstraße einige Scherben.&#8221; [DENKMÄLER 729]</p>
<p>&#8220;TK 6938; Flurkarte NO 42-18. Pürkelgut. Ca. 250 m w Gut Pürkelgut. <em>Lesefunde der Vorgeschichte und des frühen Mittelalters</em>. Keine weitere Spezifizierung, auch die Ortsangabe ist nicht sehr genau.&#8221; [DENKMÄLER 728]</p>
<p>&#8220;TK 6938; Flurkarte NO 43-16. Boemerstraße/no Ecke Weinweg. Ca. 2550 m w/wnw vom Dom.<em> Lesefunde der römischen Kaiserzeit, des frühen und hohen Mittelalters</em>. Aus einem Strudelloch am Donauufer zahlreiche Terra Sigillatascherben. Alle Stücke sind sehr verrundet und möglicherweise handelt es sich um Abraummaterial aus der Altstadt.&#8221; [DENKMÄLER 729]</p></blockquote>
<p>Der erste Eintrag wurde gemäß unserer Kodierung als einige Scherben mit einer Anzahl von 5 erfasst, hier das Hauptkontingent des frühen Mittel­alters. Die Scherben sind nicht näher beschrieben oder gar abgebildet; auch scheinen sie keine Charakteristika aufzuweisen, wie z.B. Scherben der sehr viel älteren Bandkeramik. Es handelt sich somit um eine Verlegenheitsdatierung, die keinerlei Beweiskraft enthält und die Fantomzeithypothese nicht berührt. Auch der zweite Eintrag ist reichlich vage: „Lesefunde der Vorgeschichte und des frühen Mittelalters“. Da hier von einem Jahrtausende langen Zeitraum die Rede ist, sind die Scherbenreste offenbar nicht klassifizierbar! Das scheint auch im dritten und letzten Fall zuzutreffen: Außer „sehr verrundeter“, also abgeriebener Terra Sigillata der römischen Kaiserzeit (bis 4. Jh. [Gorys 458]) scheint keine weitere Keramiksorte benannt werden zu können.</p>
<p>Damit sind die Lesefunde im Regensburg des frühen Mittelalters bereits erschöpfend dargestellt. Verglichen mit den tausenden Funden der Altsteinzeit würden wir kein ein­ziges Werkzeug kennen, keinen Anteil der Speisekarte, keinen Schmuck oder Ähnliches.</p>
<h3 style="text-align: center;">Die Siedlungsfunde</h3>
<p>Verlassen wir nun die Lesefunde und betrachten die weniger zu­fallsabhängigen Siedlungsfunde. Hier mag der Karolingerfan noch hoffen: Gibt es doch, wie <strong>Grafik 3</strong> zeigt, an 22 Plätzen in Regensburg Sied­lungsreste aus der Karolingerzeit. Allerdings sind das weniger als in der Latène-Zeit, die 700 bis 800 Jahre früher zu Ende gegangen ist. Ein Vergleich mit der Römerzeit wäre desillusionierend, denn hier werden stolze 452 Fundorte genannt, die nach Beseitigung von Mehrfach­nennungen immer noch 363 Fundorte präsentieren, das 16fache der karolingischen Zahl. Dass während der Völkerwanderungszeit im 5. und 6. Jh. kaum gebaut und ohne Aufwand begraben wurde, wird kaum verwundern, dass aber von der Regensburger Zeit des Frühmittelalters nur an spärlichen 22 Orten überhaupt etwas Derartiges zu finden sein soll, muss sehr verwundern. So soll sich der baufreudige Karl der Große von Winter 791 bis Herbst 793 ausschließlich in Regensburg aufgehalten haben und hier den Feldzug gegen die Awaren genauso vorbereitet haben wie mehrere Reichsversammlungen. Söhne Karls haben vielfach in Regens­burg geurkundet, Arnulf schließlich war von 888 bis 906 immer wieder präsent.</p>
<p style="text-align: center;"><img class="aligncenter" title="Grafik3" src="/wp-content/uploads/regen0003.jpg" alt="Grafik3" width="500" height="283" /></p>
<p>Wie unsere Pfalzsuche [ZS 2/99] gezeigt hat, muss auch von anderen gekrönten Karolinger- und Agilol­fingerhäuptern beträchtliche Bau­tätig­keit erwartet werden. Doch statt der erhofften Pfalzen sind die Grund­mauern, Heizungsanlagen, Bädern usw. von x-beliebigen römi­schen Villen aufgetaucht. Die Römer haben Anteil an 57 % der Gesamtzahl von 632 Örtlichkeiten; Karolinger und sonstige Fantom­zeitliche bringen es nur auf verschwindende 3,3 %, vorausgesetzt es handelt sich überhaupt um richtig datierte Reste. Dieser Unterschied wird noch krasser, wenn wir jetzt auf die Anzahl von Objekten innerhalb dieser Siedlungsüberreste abstellen (<strong>Grafik 4</strong>).</p>
<p style="text-align: center;"><img class="aligncenter" title="Grafik4" src="/wp-content/uploads/regen0004.jpg" alt="Grafik4" width="500" height="293" /></p>
<p>Sofort fällt auf, dass aus den 22 Ortsnennungen nur 32 Objekte geworden sind, also jede Karolingerörtlichkeit im Schnitt knapp ein­einhalb Fundobjekte liefert. Das liest sich bei den Römern etwas anders. So werden aus:</p>
<ul>
<li>59 Örtlichkeiten mit römischen Grabresten 2.822 Einzelfunde;</li>
<li>211 Orten mit kaiserzeitlichen Resten 5.080 Einzelobjekte;</li>
<li>20 Orten mit Villen letztlich 33 Gebäudlichkeiten und aus</li>
<li>162 Orten mit Baubefunden 173 Reste größerer Gebäude.</li>
</ul>
<p>Die letzte Steigerung fällt vergleichsweise gering aus, da Gebäude eben Gebäude sind. Deren Einzelteile gingen allerdings, würde man hier die Objekte analog zur Steinzeit quantifizieren, vermutlich in die Millionen! 126 der 173 Baureste finden sich auf der Fläche der Altstadt. Hierzu ein Beispiel, um dem Leser einen Eindruck zu geben, was sich hinter diesen Zahlen an Objekten verbergen kann, wenn es sich um Reste aus realen Zeiten handelt [DENKMÄLER 718]</p>
<blockquote><p>&#8220;TK 6938; Flurkarte NO 42-17. Kumpfmühler Brücke bis etwa Kumpfmühler Straße 11. Ca. 1000 m ssw vom Dom. <em>Ausgedehntes Brand- und Körpergräberfeld des Castra Regina, 2. &#8211; 4. Jahrh. Spätrömische Steinbauten, römische Straßentrasse unter der heutigen Kumpfmühler Straße, Reihengräberfeld der Merowingerzeit</em>. Einzelgrab der späten Bronzezeit. Seit dem vorigen Jahrhundert bei Bauarbeiten um den heutigen Bahnhof zahlreiche Brand- und Körpergräber, daher die Bezeichnung ,,Großes Gräberfeld. Die Gesamtzahl an Bestattungen wird auf etwa 2-3000 Gräber geschätzt. Einige römische Grabsteine mit Inschriften, etwa 1200 Münzen als Beigaben und einige Statuenfragmente sind, ebenso wie zahllose Beigabengefäße und Bronzefunde, erhalten geblieben. Zahlreiche Gräber weisen steingesetzte Umfassungsmauern auf. Eine Sondage 1974 nahe der Kumpf­mühler Brücke erbrachte zwei gut erhaltene Grabeinfriedungen aus Stein, in einer davon fand sich der Kopf einer Marsstatue. Im Nordwest-Areal des Gräberfeldes grub Dahlem zwei Gebäudegruppen aus. Eine davon mit drei rechteckigen Grundrissen, Estrichfußböden und eins mit einer Hypokaustanlage. Knapp 50 m westlich davon weitere vier Steingebäude. Alle Bauten sollen Brandspuren aufgewiesen haben. Unter Berücksichtigung der unvollständigen Befundüberlieferung sprechen die Gebäudereste am ehesten für eine Villa rustica etwa 100 m westlich der Straßentrasse. Das als Grab ,,242&#8243; geführte Grab ist eine spätbronzezeitliche Bestattung mit zwei schweren Bronzearmringen und zwei Bronzenadeln.&#8221;</p></blockquote>
<p>Dieser Fundort am heutigen Güterbahnhof wurde von uns zwei Mal mit je 2.500 Objekten taxiert: einmal unter &#8220;römischen Grabresten&#8221; und einmal unter &#8220;römisch(er Kaiserzeit)&#8221;, da wir vorsichtigerweise davon ausge­gangen sind, dass sich durchschnittlich mindestens 1 Objekt neben den sterblichen Überresten von Menschen in einem Grab befunden hat. Auch darf man nicht vergessen, dass es hier nur um die rechtlich ge­schützten archäologischen Denkmäler geht. Die Zahl der römischen Grä­ber wird ansonsten auf 6.000 taxiert [DENKMÄLER XXXIV]. So sieht es an Plätzen aus, an denen Menschen einer Hochkultur gelebt haben!</p>
<p>Doch zurück von dieser römischen Fülle zu unseren 22 früh­mittelalterlichen Fundorten und 32 Fundstücken, die auch im Ver­gleich zu 1.096 neolithischen oder 770 merowin­gischen Siedlungsobjekten sehr armselig dastehen. Prüfen wir wieder im Einzelnen, ob sich das, was sich dahinter verbirgt, gegen die Fantomzeithypothese verwenden lässt:</p>
<blockquote><p>1 &#8220;TK 6938; Flurkarte NO 43-18. Weichser Schloßgasse 11, 11a. Ca. 1400 m o/onö vom Dom. <em>Ehemaliges Schloß und frühere Niederungsburg des 9.-17. Jahrhunderts</em>. Das aus restweise erhaltener Bausubstanz des 16. Jahrhunderts modernisierte Schloß steht auf dem Areal einer hochmittelalterlichen Niederungsburg.&#8221; [DENKMÄLER 732]</p></blockquote>
<p>Die Bausubstanz stammt also aus dem 16. Jh. und steht auf Hochmittelalterlichem. Dem ist nichts Frühmittelalterliches hinzu­zu­fügen.</p>
<blockquote><p>2 &#8220;TK 6938; Flurkarte NO 43 &#8211; 17. Schmerbühl. Ca. 280 m nnw der Neupfarrkirche. <em>Körperbestattungen des frühen oder hohen Mittelalters.</em> 1899 bei Kanalisationsarbeiten in 5,0 m Tiefe insgesamt acht Körperbestattungen in Holzsärgen. Alle Gräber waren West-Ost orientiert und ohne Beigaben.&#8221; [DENKMÄLER 712]</p></blockquote>
<p>Wir erlauben uns hier, für das hohe Mittelalter zu plädieren, da keinerlei Beigaben erkennbar sind und sonstige Feststellungen offensichtlich nicht unternommen wurden. Die Ausrichtung der Gräber hilft kaum weiter. Gräber mit West-Ost-Orientierung weisen sowohl auf die Toten­sitte bei den Germanen vom späten 5. bis zum 7. Jh. hin [Menghin 1980, 209], häufiger aber auf christliche Bestattungen.</p>
<blockquote><p>3 &#8220;TK 7039; Flurkarte NO 41-19. Unmittelbar s und n der Kirche von Harting. <em>Brandgräberfeld der Urnenfelderkultur sowie mutmaßlicher Grabfund des 8./9. Jahrhundert</em>. Bei den Ausgrabungen im Umfeld von St. Koloman insgesamt sieben Brandgräber mit wenig Bronzebeigaben und jeweils mehreren Beigefäßen. Als Lesefunde zwei Bronzeringe mit knopfartigen Enden, die möglicherweise zu einem zerstörten Grab gehört haben.&#8221; [DENKMÄLER 679]</p></blockquote>
<p>Dieser „mutmaßliche Grabfund des 8./9. Jahrhunderts“ wird offenbar aus den „zwei Bronzeringen mit knopfartigen Enden“ erschlossen, die wie­derum unspezifisch sind. Wir verlieren einen weiteren Karolingerzeugen.</p>
<blockquote><p>4 &#8220;TK 6938; Flurkarte NO 42-17. Obermünsterplatz 6 (Obermünster). Ca. 275 m s der Neupfarrkirche. Castra Regina. <em>Lesefunde der römischen Kaiserzeit, Steinplatten- und Sarkophaggräber des frühen Mittelalters sowie ein Münzfund des 10. Jahrhunderts</em>. 1895 bei Sondagen zur Freilegung der Fundamentmauern drei Steinsarkophage mit beigabenlosen Körperbestattungen. Die Gräber müssen nach der Erbauung der Kirche errichtet worden sein, da bei ihrer Grablege der Fußboden durchbrochen wurde. 1955 &#8211; 58 bei weiteren Sondagen im ehemaligen Westchor sieben Plattengräber, die teilweise aus römischen Sarkophagteilen errichtet wurden und in das frühe Mittelalter datieren. In mehreren fanden sich die Reste von Goldfäden und weisen so auf die hohe Stellung der Bestatteten hin. Während der Sondagen wurden immer wieder Streufunde der römischen Kaiserzeit gemacht, darunter eine Münze des Gallienus und eine weitere des Claudius II. Jüngstes Stück der Untersuchungen ein Obol des 10. Jahrhun­derts.&#8221; [DENKMÄLER 710f]</p></blockquote>
<p>Dieser Fall, der mit 10 Objekten zu Buche schlägt, scheint interessanter als die bisherigen, wenn auch nicht direkt einzusehen ist, warum römische Sarkophagteile direkt auf das frühe Mittelalter verweisen und nicht auf die Merowingerzeit oder auf das 10. Jh. Bei den drei Steinsarkophagen ist die Datierung in das frühe Mittelalter auch deshalb nicht nachzuvollziehen, da die Gräber erst <strong>nach</strong> Erbauung der Kirche errichtet worden sein sollen. Diese stammt aber in ihren ältesten Teilen aus der Zeit nach 1002 [Dehio 545f]! Auch lassen die Reste von Goldfäden keinerlei Kunst­richtung erkennen, die eine sichere Schei­dung zwischen römisch, alemannisch oder merowingisch erlauben würde. So entfällt auch diese Örtlichkeit (samt ihrer 10 Objekte) als Zeuge fürs frühe Mittelalter.</p>
<blockquote><p>5 &#8220;TK 6938; Flurkarte NO 43-17. Domgarten I (St. Stephan). Ca. 275 m nö der Neupfarrkirche. <em><strong>Castra Regina. </strong>Baubefunde zur Legionslager­mauer der römischen Kaiserzeit sowie Siedlungsbefunde und Grab­kammern des frühen und hohen Mittelalters</em>. 1866 &#8211; 68 bei der Fußbodenerneuerung der Kirche wurde festgestellt, daß die Nordseite des Baues teilweise auf der Legionsmauer aufsitzt. Links vom Altar ein leeres Grab des frühen oder hohen Mittelalters.&#8221; [DENKMÄLER 697]</p></blockquote>
<p>Wir entscheiden uns – wenn es uns denn schon angeboten wird – auch hier wieder für eine Grabkammer des hohen Mittelalters und wenden uns dem nächsten Fall zu:</p>
<blockquote><p>6 &#8220;TK 6938; Flurkarte NO 43-17. Unter den Schwibbögen. Ca. 320 m nnö der Neupfarrkirche. <em><strong>Castra Regina. </strong>Siedlungsbefunde und Einzelfund der römischen Kaiserzeit sowie fragliche Bestattungen des frühen Mittelalters&#8230;</em>&#8221; [DENKMÄLER 715]</p></blockquote>
<p>„Fragliche Bestattungen“ – es scheint fast wie ein Fluch auf den Ge­währs­­objekten zu liegen.</p>
<blockquote><p>7 TK 6938; Flurkarte NO 42-17 St.-Kassians-Platz. Ca. 80 m ssö der Neupfarrkirche.<em> <strong>Castra Regina</strong>. Baubefunde und Siedlungsfunde der römischen Kaiserzeit sowie fragliche Bestattungen der römischen Kaiserzeit oder des frühen Mittelalters</em>. 1880 bei Ausschachtungsarbeiten in 5,0 m Tiefe direkt auf römischen Fundamentmauerzügen mehrere beigabenlose Körperbestattungen. 1925 bei Erdarbeiten am Platz eine Münze des Nerva und eine weitere des Traian. Im selben Jahr in etwa 3,0 m Tiefe schwarzes Erdreich mit menschlichen Skelettresten, möglicherweise des Kirchenfriedhofes.“ [DENKMÄLER 714]</p></blockquote>
<p>Der Fluch scheint sich zu bestätigen.</p>
<blockquote><p>8 &#8220;TK 6938; Flurkarte NO 43-17. Krauterermarkt 3/Bischofshof. Ca. 200-250 m n/nnö der Neupfarrkirche. <em><strong>Castra Regina</strong>. Baubefunde zur Legionslagermauer sowie Siedlungsfunde der römischen Kaiserzeit, des frühen und späten Mittelalters</em>. Die Nordfassade des Bischofshofes deckt sich mit der Flucht der Lagermauer, ist aber nirgends als sichtbarer Befund erhalten. Bei Kellerausschachtungen 1859/60 eine Münze des Constans, Trümmer von Marmorkapitälen oder Säulen, Körpergräber und Glasfragmente aus römischer Zeit in bis zu 1,2 &#8211; 2,1 m Tiefe. Als wohl frühmittelalterlicher Fund wird ein Sporn verzeichnet. Mittelalterliche und neuzeitliche Befunde dürften ebenfalls vorhanden gewesen sein, wurden aber nie gesondert erwähnt.&#8221; [DENKMÄLER 707]</p></blockquote>
<p>Die Leserin, der Leser möge doch immer wieder die Fundfülle aus römischer Zeit beachten. Und so vieles ist eindeutig bestimmbar: „eine Münze des Constans, Trümmer von Marmorkapitälen oder Säulen, Körpergräber und Glasfragmente“. Dagegen dann ein Unikat: „Als wohl früh­mit­tel­alterlicher Fund wird ein Sporn verzeichnet.“ Das ist kein Ansporn, zum unreflektierten Karlismus zurückzukehren.</p>
<blockquote><p>9 &#8220;TK 6938; Flurkarte NO 42-17. Emmeramsplatz 4 (Kirche St.. Rupert). Ca. 350 m sw der Neupfarrkirche. <em>Siedlungsbefunde der römischen Kaiserzeit und ausgedehntes Gräberfeld des 7. &#8211; 19. Jahrhunderts</em>. 1985/86 bei Drainagearbeiten an der Nord- und Ostseite von St.. Rupert etwa 1000 Gräber des 17. &#8211; 19. Jahrhunderts. Darunter ein zweites Gräberfeld des 12. &#8211; 13. Jahrhunderts. Wiederum darunter ein beigabenführender Gräberhorizont der agilolfingischen Zeit und als unterste Schicht die Reste römischer Gebäude mit Brunnen und Feuerstellen.“ [DENKMÄLER 70]</p></blockquote>
<p>Was sich zunächst als frühmittelalterlicher Beweis liest: “7. &#8211; 19. Jh.“, ist eher ein Rätsel. Warum werden auf diesem Areal zweimal die Bestat­tungen für 400 Jahre unterbrochen? Ungeachtet dessen ist der Hinweis auf agilolfingische Zeit noch kein Indiz für die Fantomzeit, haben doch die Agilolfinger seit Garibald I. regiert, der nach 590 stirbt. Ihm folgt Tas­silo I. (ca. 591 – 610), worauf Garibald II. an die Macht kommt – doch nun verliert sich die Herrscherlinie auch ohne Fantomzeitthese bis ca. 700. Wir können also bei einem agilolfingischen Friedhof in realer Zeit bleiben.</p>
<blockquote><p>10 &#8220;TK 6938; Flurkarte NO 42-17. Emmeramsplatz 11. Ca. 275 m ssw der Neupfarrkirche. <em>Baubefunde und Siedlungsmaterial der römischen Kaiserzeit, des frühen Mittelalters sowie Siedlungsbefunde und eine Glockengußanlage des Mittelalters und Siedlungsbefunde der Neuzeit</em>. 1926 beim Umbau des Evangelischen Krankenhauses unter dem heutigen Südflügel geringe Baubefunde der römischen Kaiserzeit mit Ziegelfragmenten und Keramik. 1991 beim Abbruch des Westflügels vorgreifende Untersuchungen des LfD auf etwa 400 qm. In der Westfläche insgesamt 5 Latrinenschächte des 13. &#8211; 17. Jahrhunderts, die mit reichlich Keramikbruch, Tierknochen und Schutt verfüllt waren. Desweiteren ein zweiphasiger Pfostenbau, in dessen Innerem sich der Schürkanal eines Buntmetallschmelzofens erhalten hatte. Wahrscheinlich handelt es sich um eine Glockengußanlage. Funde aus dem Ofen selbst datieren diesen etwa in das 10. Jahrhundert. In der Ostfläche ein 7,0 m breiter römischer Graben mit viel Keramik und einer Bügelknopffibel vom Ende des 3. Jahrhunderts, ein holzverschalter Brunnen sowie ein trockengesetzter Brunnen, der jedoch aus Zeitgründen nicht näher untersucht werden konnte.&#8221; [DENKMÄLER 699]</p></blockquote>
<p>Leider ist hier nicht erkennbar, um welches Objekt des frühen Mittelalters es sich hier handeln könnte. Was der kursiv gesetzte Teil ankündigt, kann der Text nicht halten.</p>
<blockquote><p>11 &#8220;TK 6938; Flurkarte NO 42-17. Schottenstraße. Ca. 450 m wsw der Neupfarrkirche. <em>Siedlungsbefunde und Brandgräberfeld der römischen Kaiserzeit, Einzelfund des frühen Mittelalters sowie Lesefunde des Mittelalters und der Neuzeit</em>. 1854 von hier als Einzelfund eine oströmische Münze des 6. Jht. und 1866 bei Erdarbeiten der Hals einer Weinamphore und Teile einer römischen Tonschale. Ebenfalls 1866 beim Durchbruch der Stadtmauer zwecks Anbindung der Schottenstraße an die Kumpfmühler Straße zahlreiche Ziegelfragmente, Urnen, Tränengläser sowie ein gut erhaltenes Grabmal in etwa 5,0 m Tiefe. Wahrscheinlich handelt es sich um Brandgräber des späten 2. Jahrhunderts. Als Lesefunde zahlreiche Keramikscherben des Mittelalters und der Neuzeit.“ [DENKMÄLER 712]</p></blockquote>
<p>Fall 11 liegt wie Fall 10: Der Einzelfund wirkt offenbar im Kontrast zu den reichen Römerfunden dermaßen ärmlich, dass er nicht vorgestellt wird.</p>
<blockquote><p>12 &#8220;TK 6938; Flurkarte NO 42-17. Maximilianstraße 23. Ca. 410 m sö der Neupfarrkirche. <em><strong>Castra Regina.</strong> Fragliche Bestattungen der römischen Kaiserzeit oder des frühen Mittelalters. Einzelfunde der römischen Kaiserzeit und mittelalterliche Baubefunde</em>. 1811 bei Ausschachtungsarbeiten in 5,0 m Tiefe mehrere Körpergräber ohne Beigaben, eine Bronzefigur des Mars, ein Schwertknopf und eine Gebißstange vom Zaumzeug eines Pferdes. Um 1900 bei weiteren Erdarbeiten in 1,5 m Tiefe vier Säulenkapitelle im Abstand von jeweils drei Metern umgekehrt verbaut und auf dem reinen Humus aufsitzend. Für die Säulen wird ein romanisches Alter vermutet.&#8221; [DENKMÄLER 708]</p></blockquote>
<p>Fall 12 liegt wie Fall 10 und 11. Beigabenlose Körpergräber sind einfach schwer zu datieren, zumal wenn der Fund von 1811 herrührt und die Knochen fraglos nicht für eine viel spätere C14-Messung aufbewahrt worden sind. Dafür erfreuen uns die Zeiten davor und danach mit immer neuen, abwechslungsreichen Funden:</p>
<blockquote><p>13 &#8220;TK 6938; Flurkarte NO 43-17. Arnulfsplatz. Ca. 550 m wnw der Neupfarrkirche.<em> Baubefunde, Siedlungsmaterial, Weihesteine sowie Brand- und Körpergräber der römischen Kaiserzeit sowie Lesefunde des hohen Mittelalters</em>. 1899 bei Kanalisationsarbeiten in einiger Tiefe zwei vollständige Weiheinschriften auf einem Vulkansaltar des späten 2. Jahrhunderts sowie eine Tempelinschrift für Mars und Victoria des frühen 3. Jahrhunderts. 1911 bei Bauarbeiten am Platz Körper- und Brandgräber, die aufgrund von TS-Geschirr, Ziegelbruch und Münzen in das 2./3. Jahrhundert zu datieren sind. Bei Nachgrabungen wurde ein römisches Steingebäude mit den Maßen 3,5 x 2,0 m entdeckt, in dessen Innenraum eine beigabenlose Körperbestattung lag. 1965 bei diversen Erdarbeiten am Platz karolingisch-ottonische Keramik in sekundärer Lage und 1970 bei Kanalisationsarbeiten eine Untersuchung des LfD, in deren Verlauf lediglich einige römische Grubenbefunde mit wenig Fundmaterial dokumentiert werden konnten.&#8221; [DENKMÄLER 693]</p></blockquote>
<p>Hier wird ausnahmsweise einmal von karolingisch-ottonischer Keramik gesprochen. Da Illig längst [1996] vorgeschlagen hat, dass der größte Teil sogenannten karolingischen Schaffens einfach ottonisch ist, der dem 10. Jh. bislang fehlt, kann aus dieser Klassifizierung kein Beweis für karo­lingische Siedlungsbefunde geschöpft werden – zumal er in der falschen Schicht liegt.</p>
<blockquote><p>14 &#8220;TK 6938, Flurkarte NO 42-17 Emmeramsplatz 3. Ca. 350 m ssw der Neupfarrkirche.<em> Einzelfund des Hochmittelalters</em> [!]. 1868 beim Abbruch der ehemaligen Friedhofskapelle St. Michael ein Silberdenar Ludwigs des Frommen (gest. 840) mit Stempel, &#8220;Reganesburg&#8221;. Es handelt sich um die früheste erhaltene Münze Regensburger Prägung.&#8221; [DENKMÄLER 699]</p></blockquote>
<p>Wir übersehen, dass die Münze im Kursivteil als hochmittelalterlich angekündigt wird. Wichtiger ist die fehlende Schichtnennung, da im 19. Jh. nur das Edelmetall zählte. Im Hinblick auf frühmittelalterliche Münzen verweisen wir auf den Aufsatz von P.C. Martin [2000]. Aber die Relation zwischen römischen und frühmittelalterlichen Münzfunden lässt sich direkt angeben:</p>
<p style="text-align: center;"><img class="aligncenter" title="Grafik5" src="/wp-content/uploads/regen0005.jpg" alt="Grafik5" width="500" height="359" /></p>
<p>In Regensburg sind – mindestens – 2.468 römische Münzen aufgefunden worden, die meisten davon schichtentreu und mit Abbildungen von allen möglichen römischen Herschern. Die einzige karolingische Münze würde, selbst wenn sie echt wäre, wieder nur ein ausgesprochen trübes Licht auf den Finanzstandort Bayern in der Karolingerzeit werfen.</p>
<blockquote><p>15 &#8220;TK 6938; Flurkarte NO 43-17. Am Schulbergl 7. Ca. 480 m wnw der Neupfarrkirche.<em> Siedlungsfunde der römischen Kaiserzeit, des frühen und späten Mittelalters sowie Bestattungen der Neuzeit</em>. 1953 bei Kanalisationsarbeiten in 2,6 in Tiefe Keramik der genannten Zeiten. [...]&#8221; [DENKMÄLER 693]</p></blockquote>
<p>Am Schulbergl geraten wir wieder an die Keramik und ihre Identifizierbarkeit. Warum finden sich hier eigentlich die Scherben einer Epoche von mehr als 1.000 Jahren gemeinsam in einer Schicht? Was ist hier alles vermengt worden?</p>
<blockquote><p>16 &#8220;TK 6938; Flurkarte NO 43-17. Lederergasse 1 (Tiefgarage). Ca. 720 m wnw der Neupfarrkirche.<em> Lesefunde der Stichbandkeramik, der Latènezeit, der römischen Kaiserzeit sowie Siedlungsbefunde des frühen und späten Mittelalters</em>. 1982 auf etwa 420 qm Fläche archäologische Untersuchungen des LfD. Unter den Streufunden eine Scherbe der Stichbandkeramik und einige Graphittonscherben der Latènezeit. Als einziger römischer Befund eine Grube, deren keramischer Inhalt in das 2./3. Jahrhundert zu datieren ist. Darüber früh- bis hochmittelalterliche Pfostengruben, die eine Holzbauphase dokumentieren. Die Masse der Grabungsbefunde machen Gruben, Brunnen und Ofenanlagen des 12. &#8211; 15. Jahrhunderts aus und können dem lederverarbeitenden Gewerbe zugewiesen werden. Die sorgfältig abgegrabenen Schichten ermöglichten es, eine wohlbegründete Keramikentwicklung vom 7./8. bis in das 14./15. Jahrhundert zu erarbeiten.&#8221; [DENK­MÄLER 707]</p></blockquote>
<p>Auch diesmal wird eine Keramikkontinuität, diesmal vom „7./8. bis in das 14./15. Jahrhundert“ postuliert und suggeriert, aber wiederum ohne zwingenden Grund, da „die Masse der Grabungsbefunde Gruben, Brun­nen und Ofenanlagen des 12. &#8211; 15. Jahrhunderts ausmachen“. Warum werden keine Charakteristika für diese frühmittelalterliche Keramik ge­nannt, wie dies bei der Stichband- oder Schnurbandkeramik, also in viel älteren Zeiten Usus ist? Außerdem fällt auf, dass eine einzige Holz­bauphase für die früh- bis hochmittelalterliche Zeit stehen muss.</p>
<blockquote><p>17 &#8220;TK 6938; Flurkarte NO 43-17. Weiße-Lamm-Gasse 1. Ca. 300 m n der Neupfarrkirche. <em>Siedlungsbefunde des Mittelalters und der Neuzeit sowie mutmaßliche Schiffslände des frühen Mittelalters</em>. 1987/88 im Zuge der Sanierung des Salzstadels vorgreifende Untersuchungen der städt. Baudenkmalpflege. Dabei gelang der Nachweis eines hochmittelalterlichen Schiffskanals sowie von früheren Vorgängerbauten des Salzstadels. Als ältester Befund eine Holzpfostenreihe im Grundwasserbereich als Teil eines Beschlächtes. Aufgrund stratigraphischer Überlegungen und eines S-förmigen Schleifenringes handelt es sich vermutlich um den Teil einer karolingischen Schiffslände.&#8221; [DENK­MÄ­LER 717]</p></blockquote>
<p>„Mutmaßlich“ oder „vermutlich“ – mit derselben Plausibilität lässt sich für eine Schiffslände des 10. Jh. plädieren, solange keine wei­teren Indizien hinzutreten. Wäre an einem hochmittelalterlichen Schiffskanal nicht auch eine hochmittelalterliche Schiffslände vorstellbar?</p>
<blockquote><p>18 &#8220;TK 6938; Flurkarte NO 42-17. Maximilianstraße 26/Grasgasse 16, 18. Ca. 430 m ssö der Neupfarrkirche. <em><strong>Castra Regina</strong>. Baubefunde in Kasernenbauten, eines Mauerturmes der Lagermauer, der Via sagularis sowie Siedlungsfunde der mittleren und späten Kaiserzeit. Germanische Siedlungsfunde, Siedlungsfunde der Reihengräberzeit, des Mittelalters und der Neuzeit sowie ein Friedhof des 8./9. Jahrhunderts</em>. 1980/81 anläßlich des Neubaus der Bayerischen Vereinsbank vorgreifende Untersuchungen des LfD auf etwa 600 qm. Aufgedeckt wurden die Reste dreier römischer Kasernenbauten des 2./3. Jahrhunderts, Teile der Via sagularis mit Drainagegraben, Fundamentreste eines Mauerturmes der Kastellmauer. Diese Bebauung wurde noch am Ende des 3. Jahrhunderts zerstört und erneut aufgebaut, allerdings in schlechterer Qualität als zuvor. Unter den Funden sehr bedeutsam sind mehrere Bronzestatuetten römischer Götter, die unter einem Fußboden versteckt waren. In den Gebäuden auch Funde germanischer Keramik vom Typ Friedenhain und ein grünglasierter Henkeltopf, der germanische wie römische Techniken und Verzierungen aufweist. Funde der Reihengräberzeit belegen eine weitgehende Siedlungskontinuität am Ort und diese wird nach oben hin abgerundet durch ein Körpergräberfeld des 8./9. Jahrhunderts. <strong>Eine einzige Spatelkopfnadel</strong> der ansonsten beigabenlosen Bestattungen stützt die Datierung des Friedhofes. Einige Siedlungsgruben enthielten Keramik und Gläser des Mittelalters bis in die Neuzeit. Die Grabungen an diesem Ort müssen mit der Ausgrabung im Niedermünster zu den bedeutendsten Untersuchungen zum römischen Regensburg gerech­net werden.&#8221; [DENKMÄLER 708; unsere Hvhg.]</p></blockquote>
<p>Die Römer haben uns wirklich alles hinterlassen, selbst in Not­zeiten versteckte Götterstatuetten. Die „nach oben abge­rundete“ Sied­lungs­konti­nuität vom 2. bis zum 9. Jh. ruht dagegen auf der Spitze einer ein­zigen Nadel – zu wenig für eine fundierte Aussage. Dafür wird hier einmal Keramik spezifiziert. Darüber hinaus würde man sich klare Antwort auf die Frage erhoffen, wann die Reihen­gräberanlage vom innerörtlichen Friedhof abgelöst wird. Hier scheint die Fantomzeit mit den ihr zugeschriebenen Funden die Ent­wicklung zu verwirren. Denn die Rei­hen­gräber­felder werden bis ins 8. Jh. hinein da­tiert, während sich bereits im 7. Jh. die Friedhöfe um die Kirchen der Siedlungen gruppieren [Kolmer 52].</p>
<blockquote><p>19 &#8220;TK 6938; Flurkarte NO 42-17. Neupfarrplatz 6 a (Kramwinkel). Ca. 40 m n der Neupfarrkirche. <em><strong>Castra Regina.</strong> Baubefunde und Siedlungsfunde der römischen Kaiserzeit, Siedlungsfunde des frühen Mittelalters, ein Schmelzofen unbestimmter Zeitstellung sowie zwei jüdische Grabsteine</em>. 1858 bei der Anlage eines Kellers ein vollständiger Schmelzofen ohne Datierungsmöglichkeiten, eine größere Menge Gold, ein Metallgefäß und Teile zweier jüdischer Grabsteine. 1990/91 bei der Neuerrichtung der Sparkasse Regensburg auf 350 qm vorgreifende Untersuchungen des LfD und der städt. Denk­mal­schutz­behörde. Unter den Resten eines Gebäudes aus dem 13. Jahrhundert wurde eine durchgehende Kulturschicht der karolingischen Zeit er­faßt, darunter eine mächtige römische Zerstörungsschicht und unter dieser römische Kulturschichten mit Baubefunden, unter anderem ein Mauerfundament mit vorgesetzter Veranda.&#8221; [DENKMÄLER 709]</p></blockquote>
<p>In bislang 18 Fällen haben wir nur vermeintlich frühmittelalterliche Spu­ren in Regensburg ermittelt, also Fundleere konstatieren müssen. Nun werden wir mit einer „durchgehenden Kulturschicht der karolingischen Zeit“ konfrontiert, allerdings ohne ge­nannt zu bekommen, was diese Schicht als solche erscheinen lässt. Da keinerlei Funde genannt werden, scheint man sich ans goldene Mittel zwischen dem darüberliegenden 13. Jh. und dem darunterliegenden 5./6. Jh. – die mutmaßliche Zerstörungszeit der römischen Gebäude – gehalten zu haben. Vermisst wird ­­irgend eine Überlegung dahingehend, dass in ganz Regensburg nur auf 350 qm Fläche eine karolingische Kultur­schicht nachzuweisen ist. Immerhin überdeckt allein das Legionscastrum eine Fläche von 245.000 qm.</p>
<blockquote><p>20 &#8220;K 6938; Flurkarte NO 43-17 Domplatz 1 (Dom St.. Peter). Ca. 200 m nö der Neupfarrkirche.<em> <strong>Castra Regina</strong>. Baubefunde und Sied­lungsmaterial der römischen Kaiserzeit, Verhüttungsplatz des frühen Mittelalters sowie eine neuzeitliche Ziegelgruft. [...]</em> 1924 anläßlich der Errichtung der Dombauhütte Mauerreste des romanischen Vorgängerbaus. Aus diesen Befunden ergab sich 1924/25 die erste wissenschaftliche Kirchengrabung in Bayern. [...] Die römischen Schichten und der gewachsene Boden konnten in zwei kleinen Schnitten erreicht werden. In 6,0 m Tiefe hatten sich Teile einer Hypokaustanlage erhalten sowie die Reste eines frühmit­telalterlichen Eisenverhüttungsplatzes.&#8221; [DENKMÄLER 697]</p></blockquote>
<p>Dieses Zitat wurde gekürzt, weil die Ausgrabung des romanischen Doms und seiner späteren Karolingifizierung bereits Thema war [2/99, 248-253]. Wahrhaft erstaunlich sind die „Reste eines frühmittelalterlichen Eisen­­verhüttungsplatzes“ gerade dann, wenn man für einen karolingischen Dom plädiert. Der Dom im Dunstkreis eisenschaffenden Gewerbes? Allenfalls eine Schmiede ließe sich als Bestandteil der Dombauhütte mutmaßen, aber regelrechte Verhüttung? Auch an dieser Stelle will der saubere Nachweis fantomzeitlicher Besiedlung nicht gelingen.</p>
<blockquote><p>21 &#8220;TK 6938; Flurkarte NO 43-17 Niedermünstergasse 3 (Niedermünsterkirche). Ca. 350 m nö der Neupfarrkirche.<em><strong> Castra Regina</strong>. Siedlungsbefunde der Urnenfelderzeit und der Latènezeit, Baubefunde und Siedlungsfunde der römischen Kaiserzeit, germanische Siedlungsbefunde des 5./6. Jahrhunderts, Kirchenbauten des 7. &#8211; 10. Jahrhunderts mit dazugehörigen Friedhöfen</em>. 1964 &#8211; 68 verursacht durch den Einbau einer Bodenheizung Untersuchungen des LfD. Die Grabungen im Innenraum der Kirche erfaßten die Grundrisse dreier Vorgängerbauten. Der älteste, spätmerowingische aus der Zeit um 700 wurde als Saalkirche errichtet und enthielt die Bischofsgräber des heiligen Erhard und des seligen Albert. Diesem Bau folgte ein karolingischer Saalbau mit Rechteckchor und anschließendem Gräberfeld, von dem etwa 80 Bestattungen geborgen wurden. Erheblich größer ist der ottonische Nachfolgebau aus der Zeit des 10. Jahrhunderts mit den Gräbern Herzog Heinrich I., Herzogin Judith und der Herzogin Gisela. Aus römischer Zeit Teile einer Doppel­mann­schaftsbaracke des Legionslagers des 2./3. Jahrhunderts mit dar­über­liegenden spätrömischen Wohngebäuden mit Hypokaust­anlagen des 4. Jahrhunderts. Aus den römischen Schichten stammen insgesamt 515 Münzen, die von der republikanischen Zeit bis zu Honorius um 408 n.Chr. datieren. Keine Baubefunde, sondern nur eine Planierschicht aus Humus und mit Siedlungsmaterial des 5./6. Jahrhunderts folgten über den spätrömischen Resten. Unter den Funden dieser Planierschicht auch Scherben vom Typus Friedenhain. Bedeutsam sind Grubenreste mit Siedlungsmaterial der späten La­tène­zeit sowie Pfostenstellungen und Grubenbefunde aus der frühen Urnenfelderzeit, die unmittelbar über dem gewachsenen Boden erhal­ten geblieben waren.&#8221; [DENKMÄLER 710]</p></blockquote>
<p>Dr. Hubel hat sicher gewusst, warum er sich bei seiner Argumentation zum karolingischen Regensburg [Schießl 2000] von vornherein auf Nieder­münster und St. Emmeram beschränkt hat. Nur unterm Niedermünster gibt es eine echte Chance, der Karolingerzeit Platz auf der realen Zeitachse ein­zuräumen. Zeitgebend sind die Gräber des hl. Bischof Erhard und des irischen Erzbischofs Albert von Cashel, angelegt nach ihrem Tod um 700 bzw. kurz nach 700. Im Jahre 1052 wurden die Gebeine Erhards durch Papst Leo IX. erhoben,</p>
<blockquote><p>„wobei das schon bisher im Niedermünster gelegene Grab nicht etwa verlegt, sondern lediglich über die Erde erhoben und auf ein stei­nernes Podest gestellt wurde. Bischofsgräber ‚infra muros’ aus so früher Zeit sind große Ausnahmen, zumal die Bischöfe von Regens­burg bis in das 12. Jahrhundert hinein ihre letzte Ruhestätte in St. Em­meram fanden; beide waren offenkundig keine Regensburger Bischöfe und erhielten in der Kirche ein ‚Ehrengrab’, wie PIENDL treffend formulierte“ [Brühl 235].</p></blockquote>
<p>Es soll hier nicht lange spekuliert werden, nachdem wir unseren Datierungsvorschlag bereits gemacht haben [ZS 2/99, 266f]. Die drei Kirchen­fun­da­mente unter dem bestehenden Bau sind Fakt. Wohin können sie datiert werden? Der heutige Bau ist ab 1146 komplett aufgeführt worden, mit Kirche, Stift und Kreuzgang [DENKMÄLER 408]. Davor wurde „um 950“ der ottonische Bau aufgeführt, „eine monumentale ottonische Basilika mit Ostquerhaus und drei Absiden, wenn auch wahrscheinlich ohne Türme“ [ebd]. Er wäre – eine ausgesprochene Rarität – vor Ende der Ungarn­bedrohung (955) aufgeführt worden; er wäre nicht nur unzerstört ge­blieben, sondern auch so monumental ausgefallen, dass er 200 Jahre bestehen konnte. Es wird zu prüfen sein, wie weit dieser Bau – trotz der Königsgräber – verjüngt werden kann. Der älteste Bau von 700 soll als einfache Saalkirche bereits die herzogliche Pfalzkapelle gewesen sein [ebd]. Hier wäre eine Errichtung vor 614 zu prüfen, zumal damals das bayerische Herzogshaus bereits der Kirche nahe stand. Dann könnte die „vergrößerte karolingische Saalkirche mit breitem Rechteckchor und Chorschranke“ [ebd] dem 10. Jh. zugeschrieben werden.</p>
<blockquote><p>22 „TK 6938; Flurkarte NO 42-17. Emmeramsplatz 4 (Kirche St.. Emmeram). Ca. 350 m sw der Neupfarrkirche. <em>Baubefunde, Siedlungsmaterial und eine Sarginschrift der römischen Kaiserzeit sowie Reihengräberfeld der Merowingerzeit</em>. 1710 in der Georgs­kapelle eine römische Sarginschrift und ein Steinsarkophag. 1894 ein weiterer Sarkophag mit dem in Tücher gehüllten Leichnam eines kopflosen Mannes des 9./10. Jahrhunderts. 1962 im Zuge von Trockenlegungender Mauern an der gesamten Außenseite der Ring- und Ramwoldskrypta ein 1,0 m breiter und 2,0 m tiefer Drai­na­ge­graben einer frühmittelalterlichen Fundschicht. 1991/92 erneute Arbeiten an der Außenseite der Ringkrypta. Dabei konnten die bisher ältesten Bauhorizonte des Basilika von etwa 740 erfaßt werden. In der Fläche zahlreiche agilolfingische Gräber aus der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts. Besondere Beachtung verdient Grab 10 mit der Bestattung einer Frau, die aufgrund der Grabanlage und der Aus­stattung zu einem frühmittelalterlichen Adelsgeschlecht gehört haben dürfte. Die Tote wurde in gestreckter Rückenlage mit leicht vom Körper abgewinkelten Armen beigesetzt. Obwohl keine Störung vorlag, hatte sich das Skelett nicht gut erhalten. Im Gegensatz zu der Mehrzahl der Bestattungen war das Grab durch eine massive, trocken gesetzte Bruchsteinmauer eingefaßt. Von der hölzernen Kammer zeugen nur noch wenige Spuren sowie einzelne eiserne Nägel.</p>
<p style="text-align: center;"><img class="aligncenter" title="Grafik6" src="/wp-content/uploads/regen0006.jpg" alt="Grafik6" width="500" height="739" /></p>
<p>Zu den außergewöhnlichen Beigaben gehört neben zwei goldenen Bommelohrringen vor allem der Halsschmuck. Außer einer Kette mit etwa 100 überwiegend rostroten Fritteperlen trug die Tote ein weiteres Collier aus sechs Goldbrakteaten sowie zwei Amethyst- und fünf mandelförmigen Glasperlen. Die Brakteaten, darunter fünf modellgleiche Stücke, zeigen einen bärtigen Kopf mit erhobenen Händen, die wohl eine Andachts- oder Gebetshaltung zum Ausdruck bringen. In seiner Kombination dürfte der Halsschmuck nördlich der Alpen bisher einmalig sein. [...]</p>
<p>Alle Grabbeigaben weisen die Tote als eine Hochadelige der Zeit des späten 7. Jahrhunderts aus. Die Bestattete stellt sich somit als ein Mitglied einer reichen und einflußreichen Familie dar, die dem Herzogshof Theodos (700) sehr nahe stand. Stratigraphisch unter diesem kleinen Gräberfeld Teile eines römischen Gebäudetraktes mit Keller und Brunnen.</p>
<p>Im sog. Bäckerhöfl zwei beigabenlose Körperbestattungen des 7./8. Jahrhunderts, eine davon in einem Steinsarkophag. Stratigraphisch unter diesen beiden Gräbern mindestens vier weitere Gräber der Agilolfingerzeit des 7. Jahrhunderts. Eine einzelne große Bernsteinperle da­tiert schon in das 6. Jahrhundert.&#8221; [DENKMÄLER 699; 2 Objekte]</p></blockquote>
<p>Zu St. Emmeram als „karolingische“ Kirche haben wir uns bereits geäu­ßert [ZS 2/99, 256ff, 267] , der kopflose Leichnam bleibt dem 10. Jh. erhalten, so dass sich noch einmal – aber viel zu selten für diese fundreiche Stadt – die Frage stellt, in wie weit agilolfingische Fundstücke des 7. Jhs. dem frühen 7. Jh. zugeschrieben werden können.</p>
<h3 style="text-align: center;">Bilanz</h3>
<p>Regensburg bietet nach wie vor ein vertrautes Bild. Es präsentiert ab der Altsteinzeit überreiche Funde – ausgenommen bleibt eine einzige Epoche, in der Regensburg besonders bedeutend gewesen sein sein soll.</p>
<p>An 632 archäologisch erfassten Fundorten auf heutigem Regensburger Stadt­gebiet sind nur 3 entsprechende Lesefunde gemacht worden, und nur an 22 Orten ist von Siedlungsfunden die Rede. Be­trachtet man diese näher, ergibt sich kein plausibler oder gar zwin­gender Grund zu einer Datierung in die Fantomzeit. Betrachtet man demgegenüber allein die römischen Funde, die ja im Durchschnitt ein halbes Jahrtausend älter sein sollen als die frühmittelalterlichen, so ergibt sich hier eine Überfülle, die allein schon bei der Gegenüberstellung der römischen mit den karolingischen Münzen zum Ausdruck kommt: 2.468 römische Exemplare stehen einem einzigen angeblich karo­lingischen gegenüber. Die römi­schen Funde bilden darüber hinaus alles ab, was das Leben entstehen und übrig lässt; der geneigte Leser möge die oben zitierten Einträge nach­lesen. Obwohl es nur wenige von den gesamten 632 sind, quillt schon hier ein archäologisches Füllhorn über.</p>
<p>Das Frühmittelalter – hier in den Grenzen von 614/911 gemeint – muss ohne Stadtmauern, ohne Wohnhäuser, ohne Landsitze, ohne Pfal­zen, ohne Handwerksbetriebe und Handelshäuser auskommen. Die Ausnahme bildet ein eisenerzeugender Betrieb, der allerdings mit seiner Dom­nähe deplatziert wirkt. Im Gegensatz zu römischen Brunnenfunden gibt es keinen solchen in frühmittelalterlicher Zeit. Wo gelebt wird, wird meist auch gestorben. Aber gerade karolingerzeitliche Bestattungen werden nicht aufgefunden, nur agilolfingische (bis 788). Dasselbe gilt für karolingische Keramik, die eigentlich in rauen Mengen in die Erde gekommen sein müsste.</p>
<p>Vergessen wir nicht die Überfülle noch älterer Kulturen und Epochen von der Altsteinzeit bis zu den Kelten mit 5.144 Lesefund­objek­ten und 3.272 Siedlungsfundresten, die zwar eine längere Zeit repräsen­tieren, als das frühe Mittelalter, aber dafür sehr viel weiter entfernt sind. Dagegen nehmen sich die vermeintlichen gut 20 frühmit­telalterlichen Reste doch sehr bescheiden aus.</p>
<p>Es geht für A. Fößel nicht an, „die zufällig ergrabenen Überreste zum Maßstab für die Existenz einer ganzen Epoche zu machen“ [Fößel 71]. Wie aber steht es um den Zufall, wenn man in vielen Hunderten von Fällen alte Kulturen ergräbt, nur das frühe Mittelalter permanent verfehlt? Ab wann ist es kein Zufall mehr, dass eine ganze, vielgepriesene Epoche dem Spaten entgeht?</p>
<p>Die Leistungen der Siedlungsarchäologie sollten endlich bei den Diplomatikern Beachtung finden. Auf was können sie denn noch setzen, seitdem sie selbst den alten Chroniken keinen Glauben mehr schenken (s. S. 290f, 294)? Und warum sollte sich A. Hubel nicht durch seine eigene Arbeit eines Besseren belehren lassen? Das frühe Mittelalter ist so wenig präsent, dass es in sehr merkwürdiger Weise existiert haben müsste, so es je gewesen wäre.</p>
<h3 style="text-align: center;">Literatur</h3>
<p>Anwander, Gerhard/ Illig, Heribert (1999): „Regensburger Virtualitäten“; in ZS XI (2) 242</p>
<p>Brühl, Carlrichard (1990): <em>Palatium und Civitas</em>. Studien zur Profantopographie spätantiker Civitates vom 3. bis zum 13. Jahrhundert. Band II: Belgica I, beide Germanien und Raetia II; Köln · Wien</p>
<p>Dehio = Dehio Handbuch. <em>Regensburg und die Oberpfalz</em> (1991); Darmstadt</p>
<p>DENKMÄLER = <em>Denkmäler in Bayern</em>. Band III.37: <em>Stadt Regensburg. Ensem­bles – Baudenkmäler – Archäologische Denkmäler</em>; von Anke Borgmeyer, Achim Hubel, Andreas Tillmann, Angelika Wellnhofer (Hg. Michael Petzet); Regensburg</p>
<p>Fößel, Amalie (1999): „’Karl der Fiktive, genannt Karl der Große’. Zur Diskussion um die Eliminierung der Jahre 614 bis 911 aus der Geschichte“; in <em>Das Mittelalter</em> (4/1999) 65-74</p>
<p>Gorys, Andrea (1997): <em>Wörterbuch Archäologie</em>; München</p>
<p>Illig, Heribert (1996): <em>Das erfundene Mittelalter</em>; Düsseldorf · München</p>
<p>Kolmer, Lothar (1990):<em> Machtspiele. Bayern im frühen Mittelalter</em>; Regensburg</p>
<p>Martin, Paul C. (2000): „Können Münzen Karl den Großen retten?“; in <em>ZS </em>XII (1) 88</p>
<p>Menghin, Wilfried (1980): <em>Kelten, Römer und Germanen. Archäologie und Geschichte</em>; München</p>
<p>- (1990): <em>Frühgeschichte Bayerns</em>; Stuttgart</p>
<p>Schießl, Günter (2000): „Auf den Spuren ‚Karls des Fiktiven’ im Kreuzgang“; in <em>Mittelbayerische Zeitung</em> vom 3.2.2000</p>
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		<title>C14-Crashkurs</title>
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		<pubDate>Sun, 02 Aug 2009 13:05:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>ao</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>Warum wir mit C14-Methode und Dendrochronologie nicht absolutdatieren können</h3>
<h3>von Christian Blöss und Hans-Ulrich Niemitz (aus <a title="http://www.mantis-verlag.de/?page_id=667" href="http://www.mantis-verlag.de/?page_id=667" target="_blank"><em>Zeitensprünge</em> 2/2003</a>)</h3>
<h3>1. Einleitung</h3>
<p>Mit diesem Artikel möchten wir die Kritik der Radiokarbonmethode wiederbeleben, denn noch immer werden chronologische Aussagen mit Radiokarbondaten begründet. Erneut arbeiten wir die Probleme sowohl der Radiokarbonmethode als auch der Dendrochronologie heraus und zeigen auf, wie gering der Spielraum für Datierungen mit Hilfe dieser beiden Methoden tatsächlich ist &#8211; ein Crash-Kursus in Sachen »<a title="http://www.paf.li/c14crash.pdf" href="http://www.paf.li/c14crash.pdf" target="_blank">C14-Crash</a>«. Seitenangaben wie [177/164] verweisen auf die beiden Auflagen unseres Buches [<sup>1</sup>1997/<sup>2</sup>2000].</p>
<p>Zuerst betrachten wir das Wesen und die Aufgabe der Dendrochronologie. Dass sie ihre Baumringfolgen in sicherer Weise nur mit Hilfe anderer Datierungsmethoden verlängern kann, ist eine ganz entscheidende Randbedingung ihrer Arbeit. Diese Hilfe hat sich die Dendrochronologie insbesondere von der Radiokarbonmethode (im folgenden als C14-Methode bezeichnet) geholt (Bild 1). Kommt die C14-Methode ihrerseits ohne weitere Hilfe zu naturwissenschaftlich begründeten Datierungen? Nein, auch die C14-Methode ist auf andere Datierungsmethoden angewiesen, um selbst datieren zu können. Diese Hilfe erhoffte sie sich ausgerechnet von der Dendrochronologie (Bild 2, für eine graphische Veranschaulichung dieser zirkulären Beziehung siehe [162/150]).</p>
<p><!--more--></p>
<p>Wie wurde dieses Patt überwunden? Um der Dendrochronologie trotz eigener Unzulänglichkeit mit Vordatierungen in den Sattel helfen zu können, bediente sich die C14-Methode weitgehender geschichtlicher Annahmen, die physikalisch betrachtet von Beginn an sehr gewagt waren und schon nach kurzer Zeit als empirisch hinfällig hätten erkannt werden müssen.</p>
<p>Gleichwohl werden diese Annahmen bis heute aufrechterhalten. Das bedeutet, dass die C14-Methode und die Dendrochronologie nicht als naturwissenschaftliche Datierungsmethode angesprochen werden können. Sie bieten weder einzeln noch zusammen eine ausreichende Basis für Schlussfolgerungen, die die Absolutchronologie betreffen.</p>
<div style="border: 2px solid black; padding: 10px;">
<h4>Bild 1: Mit Daten aus der Geschichte und von der C14-Methode heraus aus dem ›dendrochronologischen Dilemma‹</h4>
<p><a href="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/crash0012.jpg" rel="lightbox[1375]"><img class="aligncenter size-full wp-image-1397" title="c14crash001" src="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/crash0012.jpg" alt="" /></a></p>
<p>Das Dilemma der Dendrochronologie besteht darin, beim Ausbau ihrer Chronologie nicht von selbst erkennen zu können, wo sich dieser über trügerische Zufallslagen vollzieht. Deshalb hat sie die Holzproben für den Aufbau ihres Referenzmusters grundsätzlich vordatiert, und zwar in unterschiedlicher Weise für unterschiedliche Zeiträume: Der ›historische‹ Teil des Referenzmusters beruht auf Daten aus der Geschichte der Neuzeit, des Mittelalters und des Altertums, während der ältere ›vorhistorische‹ Teil des Referenzmusters auf C14-Datierungen beruht.</p>
<h4>Bild 2: Mit dendrochronologischen Daten heraus aus dem Unwissen über die C14·Konzentration der Atmosphäre</h4>
<p><a href="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/c14crash002.jpg" rel="lightbox[1375]"><img class="aligncenter size-full wp-image-1399" title="c14crash002" src="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/c14crash002.jpg" alt="" /></a></p>
<p>Das entsprechende Dilemma der C14-Methode besteht darin, über die Geschichte der C14-Konzentration der Atmosphäre bereits umfassend informiert sein zu müssen, noch ehe das erste C14-Datum abgegeben werden kann. Diese Geschichte lässt sie sich von der Dendrochronologie entschlüsseln, der sie doch zuvor chronologische Hilfestellung geleistet hat. Diese wechselseitige Unterstützung ist unbeanstandet geblieben, weil daran geglaubt wird, dass die Geschichte der C14-Konzentration der Atmosphäre nahezu bekannt weil nahezu konstant ist.</p>
</div>
<h3>2. Die Dendrochronologie</h3>
<h4>2.1 Das Wesen und die Aufgabe der Dendrochronologie</h4>
<p>Wissenschaftler wollen das Alter einer Holzprobe durch Mustervergleich bestimmen: Dazu synchronisieren sie das Baumringdickenmuster ihrer noch undatierten Holzprobe mit einem datierten Baumringdickenmuster nach bestimmten Vergleichskriterien. In diesem Vorgang &#8211; Synchronisation von Mustern nach bestimmten Vergleichskriterien &#8211; liegt das Wesen und die Aufgabe der Dendrochronologie begründet. Doch woher stammt das Datum des Referenzmusters?</p>
<p>Zu dem Datum des Referenzmuster gelangen die Dendrochronologen auf folgendem Weg: Sie versuchen, das Referenzmuster durch fortgesetzte Synchronisation vieler Baumringdickenfolgen bzw. Holzproben auszubauen. Dadurch wird der Zeitraum, der von dem Muster repräsentiert wird, immer weiter ausgedehnt: Er entspricht der Anzahl der im Gesamtmuster aufeinander folgenden Baumringe.</p>
<p>Stammen nun die jüngsten Baumringe aus einer gegenwärtig gewonnenen Holzprobe, dann bestimmt sich das Alter jedes Baumrings des Referenzmusters durch einfaches Abzählen. Dadurch ergibt sich auch das Alter einer jeden Holzprobe, die an diesem Referenzmuster synchronisiert werden konnte.</p>
<h4>2.2 Das Problem der Dendrochronologie &#8230;</h4>
<p>Die Dendrochronologie würde ein längeres Referenzmuster nur dann aus sich heraus gewinnen können, wenn die Synchronisation der Holzproben untereinander eindeutig ist, d.h. wenn sich die Baumringdickenfolgen »von selbst« an den altersmäßig richtigen Ort im Gesamtmuster einordnen würden.</p>
<p>Grundsätzlich lässt sich aber jede Holzprobe mit einem entsprechend langen Referenzmuster wiederkehrend, also an unterschiedlich alten Lagen, synchronisieren. Von all diesen Lagen kann höchstens eine die richtige Lage sein, alle anderen müssen als irreführende ›Zufallslagen‹ gewertet werden. So mussten immer wieder Synchronlagen, die bereits als gültig ausgegeben worden waren, revidiert und durch Auseinanderreißen und ›Neurastung‹ &#8211; meistens um etliche Jahrzehnte [75/75] &#8211; geheilt werden.</p>
<p>Es existiert also folgende Notlage: Eine Holzprobe muss auf wenige Jahrhunderte, wenn nicht sogar Jahrzehnte genau vordatiert werden, um sie verlässlich mit einem Referenzmuster synchronisieren zu können. Ohne diese Vordatierung könnte man ›Zufallslagen‹ von der richtigen Lage bzw. Datierung nicht unterscheiden.</p>
<p>Schaut man sich an, über welchen Zeitraum sich die Referenzmuster heute erstrecken &#8211; ca. 10.000 Jahre -, dann gibt es konservativ gerechnet jeweils einige Dutzend Zufallslagen pro Holzprobe, wobei natürlich zu berücksichti gen ist, dass eine stratigraphische Vergesellschaftung bzw. Korrelation die Anzahl potentieller Zufallslagen einschränkt.</p>
<h4>2.3 &#8230; und das daraus erwachsende Dilemma</h4>
<p>Die Dendrochronologie ist mit der Aufgabe, eine umfassende Baumringfolge allein durch Mustervergleich aufzubauen, also überfordert. Dieser Umstand spitzt sich immer wieder in demselben, allein aus sich heraus nicht überwindbaren Dilemma zu: Gehören Holzproben, die anscheinend am Ende der bereits bestehenden Baumringfolge synchronisieren und diese damit in die Vergangenheit bzw. in die Gegenwart ausbauen würden, wirklich hierher oder handelt es sich dabei nur um eine Zufallslage, weil die Holzprobe tatsächlich zu einer noch jüngeren oder einer noch älteren Lage gehört?</p>
<p>Selbst wenn alle anderen Lagen innerhalb des bestehenden Musters ausgeschlossen werden können, so blieben die älteren bzw. jüngeren Lagen stets unüberprüfbar. Es gibt also eine ständig schwelende Gefahr, sich beim Ausbau der Baumringfolge, dem so genannten ›Master‹, zu irren (Bild 3). Weil jeder einmal gemachte Fehler die Baumringfolge von nun an in die Irre führen würde, geht der Griff wo immer es geht zur rettenden Vordatierung.</p>
<div style="border: 2px solid black; padding: 10px;">
<h4>Bild 3: Das ›Dendroochronologische Dilemma‹</h4>
<p>Anfangs hat man die Baumringfolge 1 und kann die Baumringfolge 2 auf der rechten Seite von 1 synchronisieren (die aufgetragenen Baumringdicken sind rein schematisch zu verstehen.):</p>
<p><a href="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/c14crash003.jpg" rel="lightbox[1375]"><img class="aligncenter size-full wp-image-1402" title="c14crash003" src="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/c14crash003.jpg" alt="" /></a></p>
<p>Sollte man jedoch noch eine Folge 3 finden, die an der Stelle ›besser‹ synchronisieren würde (unten), dann gehört die (oben) als 2 platzierte Baumringfolge womöglich an die Stelle 2&#8242; (unten). Diese Möglichkeit ist nie auszuschließen und als ›Dendrochronologisches Dilemma‹ bekannt.</p>
<p><a href="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/c14crash004.jpg" rel="lightbox[1375]"><img class="aligncenter size-full wp-image-1403" title="c14crash004" src="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/c14crash004.jpg" alt="" /></a></p>
</div>
<h4>2.4 Hat die Dendrochronologie den erforderlichen Preis für ihr Entkommen aus dem Dilemma entrichtet?</h4>
<p>Um ihrem Dilemma zu entkommen, hat die Dendrochronologie die Holzproben für den Aufbau ihres Referenzmusters grundsätzlich vordatiert, und zwar in unterschiedlicher Weise für unterschiedliche Zeiträume:</p>
<p>Fall A: Der jüngere ›historische‹ Teil des Referenzmusters &#8211; ca. 500 v. Chr. bis heute nach konventioneller Datierung &#8211; beruht auf Daten aus der Geschichte der Neuzeit, des Mittelalters und des Altertums [Niemitz 1995].</p>
<p>Fall B: Der ältere ›vorhistorische‹ Teil des Referenzmusters &#8211; vom ältesten Datum bis ca. 500 v. Chr. &#8211; beruht auf C14-Datierungen.</p>
<p>Für den historischen Teil hat die Dendrochronologie also auf die herrschende Chronologie der Geschichte gesetzt (Fall A). Dafür hätte sie folgenden Preis zu zahlen: Weder darf sie als unabhängige Datenlieferantin für diese Chronologie auftreten, oder sich sogar als ›Kontrollinstanz‹ aufspielen, noch darf sie stillschweigend hinnehmen, als eine solche Datenlieferantin oder ›Kontrollinstanz‹ herangezogen zu werden.</p>
<p>Denselben Preis muss sie selbstverständlich auch für ihr Verhältnis zur C14-Methode bezahlen, von der sie C14-Daten für den vorhistorischen Teil bezogen hat. Insbesondere müsste sie im Auge behalten, wie sie umgekehrt von der C14-Methode als Datenlieferantin in Anspruch genommen wird, denn bekanntermaßen benutzt die C14-Methode primär Baumringchronologien, um C14-Messungen an einer historischen Probe in ein ›C14-Alter‹ umwandeln zu können.</p>
<p>Diese Aufmerksamkeit als Preis für die Überwindung ihres Dilemmas ist nicht aufgebracht worden, so dass sich ein Methodenwirrwarr herausbilden konnte. An der Schnittstelle zwischen C14-Methode und Dendrochronologie wird mit zweierlei Maß gemessen:</p>
<p>›C14-Alter‹, die der Vordatierung von Baumringproben dienen sollen, werden ohne Umrechnung als ›annähernd richtige‹ Absolutalter benutzt (Dendrochronologie als Nutznießerin von C14-Daten).</p>
<p>›C14-Alter‹, die allgemeinen Datierungen dienen sollen, werden über Baumringchronologien in ›exakte‹ Absolutalter umgerechnet (C14-Methode als Nutznießerin von Dendrodaten).</p>
<p>Die faktische Gleichsetzung von ›C14-Alter‹ und Absolutalter hat sehr wahrscheinlich zu einer falschen Länge des Postglazials geführt (bzw. diese Vorstellung unzulässig erhärtet), weil &#8211; wie wir zeigen werden &#8211; bereits kleine Änderungen in den Naturabläufen drastisch verjüngte bzw. vergreiste ›C14-Alter‹ ergeben. Dendrochronologen, die nicht wahrhaben wollten, dass sie ihrem Dilemma nicht ohne weiteres entkommen können, müssen nunmehr einen noch viel höheren Preis entrichten: Das Zugeständnis, dass ihre Baumringchronologien von A bis Z falsch aufgebaut sind.</p>
<h3>3. Die C14-Methode</h3>
<h4>3.1 Das Wesen und die Aufgabe der C14-Methode</h4>
<p>Wissenschaftler wollen das Alter einer organischen Probe aus der Kenntnis zweier ›Geschichten‹ bestimmen:</p>
<p>aus der Geschichte der C14-Konzentration<a name="sdfootnote1anc" href="#sdfootnote1sym"><sup>1</sup></a> in der Probe und<br />
aus der Geschichte der C14-Konzentration in der Atmosphäre.</p>
<p>Das Alter der organischen Probe wird durch denjenigen Zeitpunkt in der Vergangenheit bestimmt, an dem sich die Geschichte der C14-Konzentration der historischen Probe von der Geschichte der C14-Konzentration der Atmosphäre entkoppelt hat, also als die Probe mit ihrem Stoffwechsel aufhörte (Bild 4). Um beide Geschichten &#8211; und damit auch den für die Datierung entscheidenden gemeinsamen Schnittpunkt &#8211; rekonstruieren zu können, müssen alle Gesetze und Einflüsse, die diese Geschichten determinieren, bekannt sein.</p>
<p>Grundsätzlich sind sowohl für die Probe als auch für die Atmosphäre vier verschiedene derartige Einflüsse zu berücksichtigen:</p>
<ol>
<li>Produktion von C14</li>
<li>Vernichtung von C14 (= ›radioaktiver Zerfall‹)</li>
<li>Zuwanderung über die Systemgrenze</li>
<li>Abwanderung über die Systemgrenze</li>
</ol>
<p>Die Geschichte der C14-Konzentration in der Probe ließe sich genau dann mit Hilfe des ›Zerfallsgesetzes‹ zurückrechnen, wenn diese ausschließlich durch radioaktiven Zerfall (Einfluss 2) bestimmt ist, wenn also mögliche andere, und dann unkalkulierbare Einflüsse wie beispielsweise ›in situ‹-Produktion (Einfluss 1) oder Kontamination (Einfluss 3) ausgeschlossen werden können.</p>
<p>Die Geschichte der C14-Konzentration in der Atmosphäre unterliegt dagegen grundsätzlich allen vier genannten Einflüssen: dem radioaktiven Zerfall von Kohlenstoff C14, seiner Produktion aus Stickstoff N14, der Zuwanderung aus und der Abwanderung der Kohlenstoffisotope C12 und C14 in angrenzende ›Kohlenstoffreservoire‹. Diese Reservoire werden ganz wesentlich durch die Ozeane gebildet, die Kohlendioxid CO<sub>2</sub> speichern. Sie weisen dabei grundsätzlich eine niedrigere C14-Konzentration als die Atmosphäre selbst auf, weil nur in ihr das C14 nachproduziert wird und andere Reservoire ohne Zufuhr an atmosphärischem C14 verarmen würden. Deshalb ist der Fall einer Zuwanderung von C14 in die Atmosphäre aus ihrer Umgebung grundsätzlich auszuschließen (extraterrestrische Zufuhr ausgeschlossen) und wir können die möglichen Ursachen für Anreicherung oder Verarmung in ihr auf die drei Einflüsse Zerfall, Produktion und Abwanderung eingrenzen.</p>
<p>Um also das Alter der Probe aus dem Schnittpunkt der Geschichten für die Probe und für die Atmosphäre bestimmen zu können, müssen die genannten Einflussfaktoren sowohl für die Probe als auch für die Atmosphäre über die gesamte Lagerungszeit der Probe lückenlos bekannt sein &#8211; eine gewaltige Bringschuld für die neue Datierungsmethode. Mit welchen Erkenntnissen und Annahmen zu diesen Einflussfaktoren startete man in die Ära der C14-Datierung, um sich dieser Bringschuld in zureichender Weise zu entledigen?</p>
<div style="border: 2px solid black; padding: 10px;">
<h4>Bild 4: So wird datiert</h4>
<p>Nach dem Stoffwechselende der organischen Probe wird sich die C14-Konzentration in der Probe anders entwickeln als die C14-Konzentration in der Atmosphäre. Die C14-Konzentration in der Probe sollte vor allem durch den radioaktiven Zerfall bestimmt sein, während die C14-Konzentration in der Atmosphäre weiterhin den verschiedensten Einflüssen unterliegt. Erst wenn beide Geschichten komplett rekonstruiert sind, kennt man auch den Zeitpunkt des Stoffwechselendes der Probe. Grundsätzlich gibt es vier Einflußmöglichkeiten, die die Entwicklung bzw. die Geschichte der C14-Konzentration in einem offenen System bestimmen:</p>
<ol>
<li>Produktion</li>
<li>Vernichtung (›radioaktiver Zerfall‹)</li>
<li>Zuwanderung über die Systemgrenze</li>
<li>Abwanderung über die Systemgrenze</li>
</ol>
<p>Während man für die Probe hoffen darf, dass es ein abgeschlossenes System bildet und damit die Punkte 1, 3 und 4 irrelevant sind (d.h. nur radioaktiver Zerfall des C14 in der Probe relevant ist), muss für die Atmosphäre grundsätzlich der vollständige Ursachenkatalog untersucht werden.</p>
<p><a href="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/c14crash005.jpg" rel="lightbox[1375]"><img class="aligncenter size-full wp-image-1406" title="c14crash005" src="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/c14crash005.jpg" alt="" /></a></p>
</div>
<h4>3.2 Mit welchen Erkenntnissen und Annahmen startete man in die Ära der C14-Datierung?</h4>
<p>Für die Begründung der C14-Datierungsmethode verwies W.F. Libby auf bestimmte Verhältnisse, die in der Atmosphäre geherrscht haben müssten:</p>
<ul>
<li>Produktion und Zerfall von C14 in der Atmosphäre hätten sich die Waage gehalten.</li>
<li>Zu- und Abwanderung von C14 bzw. C12 hätten keinen Effekt auf die C14-Konzentration der Atmosphäre gehabt.</li>
</ul>
<p>Diese beiden Vermutungen leitete er aus seiner »Curve of Knowns« ab. Dafür trug er die gemessene C14-Konzentration verschiedener historischer Proben mit jeweils dem Datum ein, das ihnen die Historiker zuerkannt hatten. Gemeinsam schienen sie eine Kurve zu bilden, die gleichbedeutend mit einer zeitlich konstanten C14-Konzentration der Atmosphäre war (Bild 5 oben). Es wurde nicht erkannt, wie deutlich selbst in diesen selektiv vorgestellten Messwerten Anzeichen für starke Veränderungen enthalten waren (Bild 5 unten).</p>
<div style="border: 2px solid black; padding: 10px;">
<h4>Bild 5: Die »Curve of Knowns« von 1949</h4>
<p>Nie wieder in der Ära der C14-Datierung sollten Wissenschaftler zu einer so suggestiven Übereinstimmung zwischen gemessenen und erwarteten Werten vorstoßen können, wie zu Beginn ihrer Arbeit: Je genauer nämlich die C14-Werte historisch datierter Proben auf der eingezeichneten Sollkurve liegen würden (Bild oben, Original gespiegelt), desto berechtigter wäre die Annahme, dass alle Proben ihren Stoffwechsel mit derselben C14-Aktivität beendet hatten und dass damit immer dieselbe C14-Konzentration in der Atmosphäre geherrscht haben muss. Die Präsentation dieser Messergebnisse bedarf einer Interpretation (siehe Bild unten).</p>
<p><a href="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/c14crash006.jpg" rel="lightbox[1375]"><img class="aligncenter size-full wp-image-1409" title="c14crash006" src="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/c14crash006.jpg" alt="" /></a></p>
<p>Im unteren Bild sind beim Zeitpunkt 0 die gemessenen Aktivitäten der Proben als &#8220;Endpunkte&#8221; der vermuteten Geschichte ihrer C14-Konzentration während der Lagerzeit aufgetragen. Diese Geschichten werden als Abklingvorgang derjenigen C14-Aktivität, wie sie zu Lebzeiten jeweils geherrscht hatte, infolge des radioaktiven Zerfalls verstanden. Wenn die historischen Daten stimmen, die den Proben zugeordnet sind, dann ließe sich die Geschichte der C14-Konzentration der Atmosphäre ansatzweise rekonstruieren: Jeder Schnittpunkt zwischen einer Abklingkurve und der senkrechten Linie des zugeordneten historischen Datums entspricht der C14-Konzentration der Atmosphäre zu diesem Zeitpunkt.</p>
<p>Hätte Libby die historischen Daten wirklich ausgewertet, anstatt sie lediglich als Stütze seiner zentralen Armahme zu präsentieren, dann wäre ihm sicherlich aufgefallen, dass die C14-Produktion (nicht C14-Konzentration!) beispielsweise in der Zeit zwischen den Proben ›Ptolemy‹ und ›Tayinat‹ (fallender Kurvenabsclmitt) auf die Hälfte des angenommenen stationären Wertes gesunken gewesen sein müsste. So etwas kann sicherlich nicht als Schwankung interpretiert werden. Tatsächlich stören nebensächlich erscheinende Abweichungen das Bild stationärer Verhältnisse empfindlich. Ab einem bestimmten Gefälle (Bild 7) muß sogar von einer Diffusion ausgegangen werden, wodurch das ganze Modell endgültig hinfällig wird.</p>
<p><a href="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/c14crash007.jpg" rel="lightbox[1375]"><img class="aligncenter size-full wp-image-1410" title="c14crash007" src="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/c14crash007.jpg" alt="" /></a></p>
</div>
<p>Libby leitete aus seiner idealisierten »Curve of Knowns« ein sehr einfaches Modell für die Geschichte der C14-Konzentration der Atmosphäre ab, mit der er sich seiner Bringschuld mit einem Schlag entledigt zu haben glaubte: In der Atmosphäre wird C14 mit konstanter Rate (nämlich aus Stickstoff N14 durch die kosmische Strahlung) erzeugt. Gleichzeitig zerfällt das in der Atmosphäre vorhandene C14 mit einer bestimmten Rate. Sofern die C14-Konzentration der Atmosphäre von Zu- oder Abwanderung unbeeinflusst bleibt, wird sich zwangsläufig früher oder später ein Zustand einstellen, in dem sich Produktion und Zerfall die Waage halten und ab dem die C14-Konzentration der Atmosphäre als konstant betrachtet werden darf &#8211; so wie es die »Curve of Knowns« für die ganze historische Zeit signalisierte.</p>
<p>Wenn man bedenkt, wie viele Einflüsse grundsätzlich zu berücksichtigen sind, dann hätten derart außergewöhnliche Randbedingungen als großartiges Geschenk betrachtet werden dürfen. Wenn jetzt auch noch für historische Proben vorausgesetzt werden durfte, dass sie während ihrer Lagerzeit grundsätzlich keinen unerwünschten Einflüssen ausgesetzt sind, dann konnte man auch die zweite der beiden Geschichten, der zeitliche Verlauf der C14-Konzentration in einer jeden Probe, als bekannt voraussetzen bzw. diese Geschichte über das radioaktive Zerfallsgesetz zurückrechnen.</p>
<p>Wenn das alles so stimmte, dann war jede organische Probe wirklich denkbar einfach und ohne weitere Voraussetzungen und Annahmen datierbar: Ihr Alter bestimmte sich aus dem Schnittpunkt der C14-Zerfallskurve für die Probe mit dem zeitlich konstanten Konzentrationsverlauf für die Atmosphäre (Bild 6), was sich genau so auch über das Zerfallsgesetz ausrechnen ließ. Voller Hoffnung machte man sich daran, der Vor- und Frühgeschichte der Menschheit ein neues, endgültiges chronologisches Gerüst zu verschaffen.</p>
<div style="border: 2px solid black; padding: 10px;">
<h4>Bild 6: Wunderbare ideale C14-Methode</h4>
<p><em>Wenn</em> die C14-Konzentration der Atmosphäre konstant gewesen ist (also ›immer wie heute‹) und <em>wenn</em> die Geschichte der C14-Konzentration der Probe über das Zerfallsgesetz retrokalkulierbar ist (im Idealfall keine sonstigen Einflüsse während der Lagerzeit oder während der Probennahme und -auswertung), dann (und nur dann) hat man gute Karten und kann historische Proben ohne jedes weitere Wissen absolutdatieren!</p>
<p>In diesem speziellen Fall kann die Zeit, die seit dem Stoffwechselende der Probe bis heute verstrichen ist, über das Zerfallsgesetz berechnet werden. In die entsprechende Formel für die Zeitberechnung gehen dann nur</p>
<ol>
<li>die gemessene Restaktivität der Probe,</li>
<li>die gemessene aktuelle Aktivität der Atmosphäre und</li>
<li>die Halbwertszeit für das radioaktive C14 ein.</li>
</ol>
<p>Die Anbindung des Modells an die Geschichte der C14-Konzentration in der Atmosphäre ist dadurch natürlich nicht verloren gegangen: Sie beruht auf der Voraussetzung, dass die aktuell gemessene C14-Konzentration auch zu jedem Zeitpunkt in der Vergangenheit geherrscht hat.</p>
<p><a href="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/c14crash008.jpg" rel="lightbox[1375]"><img class="aligncenter size-full wp-image-1413" title="c14crash008" src="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/c14crash008.jpg" alt="" /></a></p>
</div>
<h4>3.3 Die Wissenschaftler werden von der Realität eingeholt &#8230;</h4>
<p>Alle anfangs gemachten Annahmen über die C14-Geschichte organischer Proben im allgemeinen und die C14-Geschichte der Atmosphäre im besonderen stellten sich rasch als falsch heraus. Seit mehr als 50 Jahren gehen die Anstrengungen und Bemühungen der Wissenschaftler dahin, zu zeigen, dass sie alle nur ein bisschen falsch sind und dass man die Methode deswegen aufrechterhalten dürfe. Wir zeigen, dass sie so falsch sind, dass man die C14-Methode als selbständige Hilfswissenschaft der Geschichte aufgeben muss.</p>
<p>So lernte man binnen weniger Jahre viele verschiedenartige Einflüsse auf die C14-Konzentration der Probe kennen, die teils zu deren Lebzeiten (›Isotopenfraktionierung‹, ›Reservoireffekte‹), teils während der Lagerzeit (›Kontamination‹) und teils während der Probenaufbereitung und -messung im Labor wirken. Die Auswirkung dieser verschiedenartigen Einflüsse kann die Größenordnung des eigentlich zu untersuchenden Effektes erreichen, nämlich die Änderung der C14-Konzentration durch radioaktiven Zerfall während der Lagerzeit. Vor Proben, für die solche Einflüsse nicht ausgeschlossen werden können, muss die C14-Methode ihre Waffen strecken, denn diese Einflüsse lassen sich nur bestimmen oder eingrenzen, wenn man das wahre Alter der Probe kennt. Hinsichtlich der Proben scheitert die C14-Methode also immer dort, wo sie das bereits kennen müsste, was zu bestimmen ihre eigentliche Aufgabe ist. Gleichwohl muss dieses Problem nicht unüberwindlich sein, denn unter der Vielzahl zur Verfügung stehender Proben könnte man sich auf die Auswertung ›guter‹ Proben beschränken, die also unter nachweisbar günstigen Umständen überdauert haben. Die Atmosphäre konnte man sich dagegen nicht aussuchen.</p>
<p>Das Modell eines stationären Gleichgewichts von Produktion und Zerfall für die Atmosphäre sollte sich nicht bewähren, denn 10 Jahre nach Einführung der C14-Methode wurde aus Messungen an Baumringen eines sehr alt gewordenen Baumes erkannt, dass sich die C14-Konzentration in der Atmosphäre über die Zeit geändert haben musste. Statt als allererstes die ohnehin äußerst rigide Annahme auf den Prüfstand zu stellen, dass Zu- und Abwanderung keinerlei Einfluss auf die C14-Konzentration hätten (siehe oben Annahme 2), erwog man lediglich Schwankungen der Produktionsrate für C14: Diese würden für ein Ungleichgewicht von Produktion und Zerfall sorgen und dadurch auch Schwankungen der C14-Konzentration in der Atmosphäre nach sich ziehen.</p>
<p>Die Produktionsrate für C14 hängt unter anderem von der Intensität der kosmischen Strahlung und von der Stärke des irdischen Magnetfeldes ab. Eine Änderung dieser Einflussgrößen konnte man sich nur als sehr begrenzt vorstellen. Folglich könnten die grundsätzlich stationären Verhältnisse auch nur mit kleinen Schwankungen überzogen werden. Aus diesem Grund hielt man an der Vorstellung fest, mit den ›C14-Jahren‹, die aus den Konzentrationswerten errechnet werden, das wahre Alter bereits annähernd zu kennen.</p>
<p>Hätte man die gemessenen Schwankungen quantitativ ausgewertet, wäre man in tiefe Zweifel an den Grundlagen der C14-Methode gestürzt worden, denn der ursprünglich als Nebeneffekt abgetane Einfluss auf die C14-Konzentration der Atmosphäre übertraf den eigentlichen Effekt, den radioaktiven  Zerfall, um ein Vielfaches. Doch in der Ära der C14-Datierung geschah von Seiten der dazu berufenen Wissenschaftler nichts.</p>
<h4>3.4 &#8230; und lassen sich von ihr überrollen &#8230;</h4>
<p>Für die historische organische Probe darf zunächst erwartet werden, dass mit ihrem Tod (= Stoffwechselende) der stoffliche Austausch mit der Umgebung dauerhaft zum Erliegen kommt und dass sich deswegen die C14-Konzentration innerhalb der Probe als geschlossenem System nur noch durch radioaktiven Zerfall verringert.</p>
<p>Die Atmosphäre dagegen muss immer als offenes System betrachtet werden. Tatsächlich wandert ja auch der Großteil des in der Atmosphäre produzierten C14 in die Ozeane ab. Diese gewaltigen Austauschvorgänge brauchen sich nur geringfügig zu ändern, um sich ganz drastisch auf die C14-Konzentration der Atmosphäre auszuwirken. Für ein offenes System wie der irdischen Atmosphäre ist immer mit Änderungen der Austauschvorgänge statt mit gleichbleibenden Verhältnissen an seinen Grenzen zu rechnen. Gleichwohl haben die Wissenschaftler für die C14-Methode unbeirrt in Anspruch genommen, dass die C14-Konzentration der Atmosphäre keinen Einflüssen unterliegt, die über die Systemgrenzen wirken.</p>
<p>Diese Stationaritätsannahme hätte nur aufrechterhalten werden dürfen, wenn der Nachweis gelungen wäre, dass Zu- und Abwanderung über die Systemgrenzen einen deutlich geringeren Beitrag zur Veränderung der C14-Konzentration in der Atmosphäre leisten als die quasi-stationären Erscheinungen Produktion und Zerfall. Zu welchen Ergebnissen für das Ausmaß der Zu- und Abwanderungsraten wäre man gekommen, hätte man sich dieser entscheidenden Frage gestellt?</p>
<h4>3.5 &#8230; anstatt sie zu akzeptieren</h4>
<p>Soweit man in Anspruch nahm, die Geschichte der atmosphärischen C14-Konzentration &#8211; vor allem durch Baumringfolgen &#8211; rekonstruiert zu haben, sah man sich mit folgendem Befund konfrontiert:</p>
<ul>
<li>In dieser Geschichte kommen immer wieder Abschnitte vor, in denen die C14-Konzentration der Atmosphäre viel größer war als ihre Abnahme durch radioaktiven Zerfall stark überkompensiert wurde (Bild 7, Fälle A und C, ›Anreicherung‹)</li>
<li>In dieser Geschichte kommen immer wieder auch Abschnitte vor, in denen die C14-Konzentration der Atmosphäre deutlich stärker abgenommen hatte, als durch radioaktiven Zerfall allein möglich gewesen wäre (Bild 7, Fall B, ›Verarmung‹).</li>
</ul>
<p>Dieser Befund hätte die Alarmglocken schrillen lassen müssen: Insbesondere die starke Abnahme (Fall B) kann nicht mehr durch radioaktiven Zerfall allein, sondern nur noch durch massive Abwanderung von C14 in angrenzende Reservoire (Ozeane) erklärt werden (bzw. massive Wanderung von C12 in die umgekehrte Richtung). Diese Evidenz hätte die bisherige Erklärung, der Effekt sei allein auf eine Verminderung der Produktion von C14 zurückzuführen, als Trugschluss offenbaren müssen.</p>
<p>1978 wurde erneut exemplarisch eine 250 Jahresringe umfassende Probe von einem einzelnen Baum C14-datiert, um mit seinerzeit modernster Messtechnik endlich einmal das wahre Ausmaß der Abweichungen der C14-Konzentration in der Atmosphäre von dem konstanten Idealmaß zu erfassen. Diese Ergebnisse hätten C14- und Dendro-Wissenschaftler endgültig wachrütteln müssen: Die C14-Konzentration in der Atmosphäre änderte sich durch Zu- und durch Abwanderung bis zu 40 mal stärker als durch den radioaktiven Zerfall [328-332/360-364].</p>
<p>Angesichts solcher Verhältnisse hätte es sich von selbst verboten, weiterhin mit der Annahme quasi-stationärer C14-Verhältnisse in der Atmosphäre zu arbeiten. Doch leider hätte es auch bedeutet, der habhaft geglaubten Geschichte der C14-Konzentration der Atmosphäre endgültig verlustig zu gehen, die einem durch die Annahme stationärer Verhältnisse bisher wie von selbst zugewachsen war. Das mag der Grund gewesen sein, weshalb die Wissenschaftler vor solchen Überlegungen quantitativer Art zurückschreckten.</p>
<div style="border: 2px solid black; padding: 10px;">
<h4>Bild 7: Mit »Cosmic Schwung« &#8211; aber blind</h4>
<p>Das folgende Bild (Original gespiegelt) zeigt eine ›Kalibrierkurve‹ aus dem Jahr 1970, Sie drückt das Ziel aus, wenigstens den langfristigen Trend der C14-Konzentration der Atmosphäre als konstant entziffern zu dürfen. Die Darstellung ist dafür gedacht, jedem ›C14-Alter&#8221;‹einer Probe ihr ›wahres‹ Alter zuordnen zu können — zuweilen auch mehrere Daten zuordnen zu müssen wegen der Mehrdeutigkeit der Kurve (wie hier beispielsweise bei etwa 300 ›C14—Jahren‹) Diese Kurve verschleiert aber die physikalische Bedeutung der einzelnen Kurvenabsclmitte. Deshalb haben wir mit dem unteren Bild eine Übersetzung der Messergebnisse vorgenommen.</p>
<p><a href="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/c14crash009.jpg" rel="lightbox[1375]"><img class="aligncenter size-full wp-image-1416" title="c14crash009" src="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/c14crash009.jpg" alt="" /></a></p>
<p>Die Graphik übersetzt drei ausgewählte Abschnitte der ›Kalibrierkurve‹ in die Geschichte der C14-Konzentration der Atmosphäre (zur Problematik A der Verwendung von ›Kalibrierkurven‹ siehe Anhang II):</p>
<ul>
<li>›Anreicherung‹: In den Abschnitten A und C steigt die Konzentration deutlich an. Dies könnte allein durch eine gestiegene C14-Produktion hervorgerufen werden.</li>
<li>›Verarmung‹: Im Abschnitt B sinkt die Konzentration deutlich ab. Um die Atmosphäre so stark an C14 verarmen zu lassen, muß mehr geschehen, als dass die Produktion von C14 auf Null zurückgeht. Es müssen Diffiisionsvorgänge ablaufen, bei denen die Ozeane mehr C14 als sonst aufnehmen. Das bedeutet aber, dass die C14-Geschichte der Atmosphäre generell von Diffusion bestimmt oder sogar dominiert wird. Mit der Stationaritätsannahme werden Ditfusionsvorgänge ungerechtfertigterweise ausgeblendet.</li>
<li>›Grenzfall‹: Hinzugenommen haben wir den Abschnitt B&#8217;, in welchem die Konzentration genau mit der C14-Halbwertszeit abnimmt. So ein Vorgang wäre nur dann zu beobachten, wenn im Grenzfall weder Produktion noch Diffusion von C14 stattfinden oder diese sich aufheben.</li>
</ul>
<p><a href="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/c14crash010.jpg" rel="lightbox[1375]"><img class="aligncenter size-full wp-image-1417" title="c14crash010" src="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/c14crash010.jpg" alt="" /></a></p>
</div>
<h4>3.6 C14-Konzentration der Atmosphäre &#8211; eine weiterhin unbekannte Geschichte</h4>
<p>Dieser Befund instationärer C14-Verhältnisse hat dramatische Konsequenzen für die Methode der C14-Datierung &#8211; speziell natürlich auch für die Vordatierung von Baumproben. Unter diesen Umständen darf die C14-Konzentration einer Probe nicht mehr direkt &#8211; dem bisherigen Missbrauch entsprechend &#8211; in ein ›annähernd richtiges‹ Absolutdatum umgerechnet werden. Denn die Grenze für die zu erwartende ›Ungenauigkeit‹ liegt keineswegs bei den 10 %, die die neuesten Kalibrierkurven<a name="sdfootnote2anc" href="#sdfootnote2sym"><sup>2</sup></a> ausweisen. Diese Grenze kann, wie wir gleich sehen werden, ohne weiteres um einen Faktor 10 größer sein. Dann haben wir es nicht mehr mit ›Ungenauigkeiten‹ zu tun, sondern bereits mit einen grundlegenden Irrtum. Um die dramatischen Konsequenzen für die C14-Datierung zu erfassen, müssen wir die möglichen Szenarien für die Geschichte der C14-Konzentration der Atmosphäre als offenem System erfassen und verstehen.</p>
<p>Es gibt grundsätzlich nur zwei Szenarien, die dabei zu berücksichtigen sind: Entweder die in Frage kommenden drei Ursachen für die Änderung der C14-Konzentration wirken so zusammen, dass die Atmosphäre an C14 verarmt, oder sie wirken so zusammen, dass die Atmosphäre sich mit C14 anreichert:</p>
<ul>
<li>›C14-Verarmung‹: Die C14-Konzentration der Atmosphäre sinkt permanent, wenn die Abnahme durch Zerfall und Wanderung dauerhaft größer ist als die Zunahme durch C14-Produktion.</li>
<li>›C14-Anreicherung‹: Die C14-Konzentration der Atmosphäre steigt permanent, wenn die Zunahme durch C14-Produktion dauerhaft größer ist als die Abnahme durch Zerfall und Wanderung.</li>
</ul>
<p>Auf die Frage, ob und in welchem zeitlichen Abstand sich diese beiden Phasen eventuell abwechseln, gehen wir in Kapitel 3.8 ein. Die Zunahme durch C14-Produktion und die Abnahme durch Zerfall und Wanderung sind im Prinzip nur dann gleich, wenn eines der beiden Szenarien in das andere übergeht. Ein solcher Übergangsmoment hat mit der Annahme dauerhafter stationärer Verhältnissen natürlich nichts zu tun.</p>
<p>In Bild 8 sind die beiden Szenarien in jeweils drei unterschiedlich starken Ausprägungen einschließlich des Übergangszustandes schematisch dargestellt. Das C14-Alter einer Probe wird demnach essentiell davon bestimmt, welches der beiden Szenarien für die C14-Konzentration in der Atmosphäre in welchem Ausmaß tatsächlich vorgeherrscht hat:</p>
<ul>
<li>Konsequenzen für die konventionelle Datierung bei ›C14-Verarmung‹: Je mehr die Abnahme überwogen hat (Kurven 4, 5 und 6 in Bild 8), desto geringer wird das errechnete ›C14-Alter‹ und täuscht dadurch ein zu niedriges Alter vor.</li>
<li>Konsequenzen für die konventionelle Datierung bei ›C14-Anreicherung‹: Je mehr die Zunahme überwogen hat (Kurven 1, 2 und 3 in Bild 8), desto ›greisenhafter‹ wird das errechnete ›C14-Alter‹ und täuscht dadurch ein zu hohes Alter vor.</li>
</ul>
<p>Je nach Szenario liegt das ›C14-Alter‹ der Probe in diesem schematischen Beispiel um einen Faktor von ungefähr 2 zu hoch bzw. zu niedrig. Das bedeutet, dass die ›C14-Uhr‹ doppelt so schnell bzw. halb so schnell läuft wie unsere Alltagsuhr. Wer wollte es wagen, angesichts einer solchen Bandbreite das so genannte ›C14-Alter‹ weiterhin als Quasi-Absolutalter anzusprechen?</p>
<p>Wir zeigen jetzt, dass &#8211; nach dem Schema »kleine Ursache, große Wirkung« &#8211; bereits eine kleine Änderung in den Randbedingungen die Geschwindigkeit der ›C14-Uhr‹ so stark verändert, dass unsere C14-bestimmte Chronologie revolutioniert würde.</p>
<div style="border: 2px solid black; padding: 10px;">
<h4>Bild 8: Mögliche Geschichten der C14-Konzentration der Atmosphäre</h4>
<p>Für die Altersbestimmung der Probe mit der C14-Methode ist es nicht nur von entscheidender Bedeutung, dass sich die C14-Konzentration in der Probe während der Lagerzeit nur durch radioaktiven Zerfall geändert hat. Auch die Geschichte der C14-Konzentration der Atmosphäre muss lückenlos bekannt sein, um aus dem Schnittpunkt dieser beiden Geschichten das Alter der Probe zu bestimmen (Bild 4).</p>
<p>Das schematische Bild 8 zeigt, wie trügerisch das ›C14-Alter‹ im Hinblick auf das wahre Alter der Probe wird, wenn sich die C14-Konzentration in der Atmosphäre mit einem bestimmten Trend ändert. Reichert sich die Atmosphäre mit C14 an (1-3), dann täuscht das ›C14-Alter‹ ein zu hohes Alter vor, verarmt die Atmosphäre dagegen an C14 (4-6), dann täuscht das ›C14-Alter‹ ein zu niedriges Alter vor. Diese Bandbreite an Möglichkeiten muss solange in Rechnung gestellt werden, wie die wahre C14-Geschichte der Atmosphäre unbekannt ist. Sie unter der Annahme zu rekonstruieren, es habe weitgehend stationäre Verhältnisse geherrscht, ist voreilig gewesen  und kann unsere Vorstellungen über die zeitliche Dauer des Postglazials völlig in die Irre geleitet haben.</p>
<p><a href="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/c14crash011.jpg" rel="lightbox[1375]"><img class="aligncenter size-full wp-image-1421" title="c14crash011" src="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/c14crash011.jpg" alt="" /></a></p>
</div>
<h4>3.7 Die Geschwindigkeit der C14-Uhr ist nicht an unsere Alltags-Uhr gekoppelt</h4>
<p>Welche quantitativen Verhältnisse liegen vor, wenn die C14-Uhr beispielsweise nur doppelt so schnell liefe wie bisher angenommen? Eine schneller laufende C14-Uhr bedeutet, dass sich Zunahme und Abnahme nicht die Waage halten, sondern die Zunahme dauerhaft um ein gewisses Maß überwiegt. Um die C14-Uhr über beispielsweise 1.000 Kalenderjahre um den Faktor 2 schneller laufen zu lassen als unsere Alltags-Uhr, müsste sich die Atmosphäre in diesem Zeitraum um 12 % mit C14 anreichern &#8211; Jahrhundert für Jahrhundert also um gut 1 %.</p>
<p>Einen solchen Anreicherungseffekt könnte man nur entdecken, wenn aus diesem Zeitraum entsprechend sicher datierte historische Proben zur Verfügung stehen. Mit den Baumringchronologien kann ein solcher Effekt nicht mehr entdeckt werden, weil die Holzproben mit C14 vordatiert wurden in dem Glauben, dass C14- und Alltags-Uhr annähernd gleich schnell laufen. Das bedeutet aber auch, dass die Baumringchronologien ganz erheblich zu lang oder zu kurz sein können. Mit anderen Worten, über die Länge der geschichtlichen und vorgeschichtlichen Zeit können sie uns nichts aussagen. Im Anhang beleuchten wir diejenige Vorgehensweise bei der Erstellung von Baumringchronologien, durch die sich dieser Fehler einschleichen musste.</p>
<p>Die Rekonstruktion der Geschichte der C14-Konzentration in der Atmosphäre im allgemeinen und der Nachweis jenes Anreicherungseffektes im besonderen ist problematisch genug. Dasselbe für die Ozeane vorzunehmen sogar unmöglich: So entspricht der Anreicherung der Atmosphäre um 12 % über die besagten 1000 Kalenderjahre die ›Verarmung‹ der Ozeane um ca. 2 ‰ (i.W.: zwei Promille) seines Bestandes an C14 [380, 348].</p>
<h4>3.8 Mögliche Tendenzen für die C14-Konzentration der Atmosphäre im Holozän</h4>
<p>Auch aus konventioneller Sicht hätte insbesondere die C14-Geschichte des Spätglazials daraufhin geprüft werden müssen, ob sie als eine Phase der C14-Verarmung oder als eine Phase der C14-Anreicherung der Atmosphäre interpretiert werden muss. Als eine Möglichkeit beschreiben wir die Abfolge einer ›C14-Verarmung‹ im Spätglazial und einer ›C14-Anreicherung‹ im Postglazial bzw. Holozän:</p>
<ul>
<li>›C14-Verarmung‹ im Spätglazial: Massives Abschmelzen ›fossilen‹ und damit C14-freien Gletscherwassers hätte dazu führen können, dass die Atmosphäre an C14 verarmt, weil ihr C14 vermehrt in die geschmolzenen C14-armen Wässer diffundieren müsste. Das entspräche dem Szenario 1 für das Spätglazial &#8211; die ›C14-Verarmung‹. Bei den damit einhergehenden  Änderungen in den Ozeanströmungen wäre zu prüfen, ob verstärkt ›fossiles‹ Tiefenwasser an die Oberfläche kommen würde, die diesen Effekt noch verstärken würden.</li>
<li>›C14-Anreicherung‹ im Postglazial bzw. Holozän: In dem darauf folgenden Holozän hätte es zu einer entsprechenden Erholung des C14-Haushalts der Atmosphäre kommen müssen, weil die Rate der C14-Abwanderung in die Ozeane langsam wieder auf ein früheres Maß gesunken und die C14-Konzentration der Atmosphäre damit wieder gestiegen wäre. Das entspräche dem Szenario 2 für das Holozän &#8211; die ›C14-Anreicherung‹.</li>
</ul>
<p>Nicht einmal ansatzweise ist etwas derartiges in der C14-Kalibrierkurve zu erkennen, die ja die Geschichte der C14-Konzentration der Atmosphäre &#8211; wenn auch in verschlüsselter Form &#8211; widerspiegelt: Die Kurve geht mit einer Tendenz, die quasi-stationäre Verhältnisse bedeutet, ›stur‹ durch diese Phase des Umbruchs hindurch. Diskussionen darüber ersticken im Keim, weil das chronologische Gerüst des Holozäns als zu gut bestätigt gilt [382, 347].</p>
<p>In einem früheren Artikel für ›Zeitensprünge‹ [1998/4] haben wir ein alternatives Szenario entworfen, wie der Ungleichgewichtszustand, dessen Rückbildung sich für das Holozän abzeichnet, auch durch den Einschlag eines Himmelskörpers in einen der Ozeane hervorgerufen worden sein könnte. Denn auch dadurch werden die Ozeanströmungen gestört, so dass an die Oberfläche geratenes ›fossiles‹ Tiefenwasser über längere Zeit das C14 in erhöhtem Maße absorbiert, so dass die Atmosphäre zeitweise an C14 verarmen muss, um sich danach wieder einem früheren Zustand anzunähern.</p>
<h3>4. Zusammenfassung</h3>
<p>Es ist möglich, dass ein C14-Ungleichgewicht in der Atmosphäre den bisher geglaubten Radiokarbonkalender um einen ganz erheblichen Faktor staucht oder streckt. Dabei geht es nicht um 10 %, wie bisher ›rekonstruiert‹, sondern um eine Größenordnung mehr. Mit dieser Möglichkeit bewegen wir uns in dem Rahmen, den die kritische Chronologie auf unterschiedlichen Ebenen als realistisch für das Holozän erkannt hat. Es geht mindestens um eine Halbierung wenn nicht sogar um eine Drittelung oder Viertelung des bisher für richtig erachteten zeitlichen Rahmens von 10.000 Jahren.</p>
<p>Dass sich dies in den Baumringchronologien nicht widerspiegelt, hat einen so einfachen wie auch ärgerlichen Grund: Welche Annahmen auch immer über die Geschichte der C14-Konzentration getroffen werden, genau diese Geschichte wird von denjenigen Baumringchronologien rekapituliert, die unter Rückgriff auf entsprechende C14-Vordatierungen erstellt worden sind. Man erkennt also:</p>
<p>Jede der beiden Datierungsmethoden hat einen auch sich selbst nicht  behebbaren Defekt: Chronologische Aussagen werden nur durch chronologische Hilfestellung von außen möglich.</p>
<p>Die gegenseitige chronologische Hilfestellung stellt einen Zirkelschluss dar, der sämtlich dendro- und radiochronologischen Aussagen entwertet.</p>
<p>Was die Chronologie des Holozäns angeht, wären damit alle Historiker wieder an die ›Zeichenbretter‹ zurückverwiesen &#8211; dort, wo sich die ›Chronologiekritiker‹ seit Jahrzehnten um eine saubere Chronologie des Holozäns bemühen.</p>
<h3>Anhang I: Wie sich die Dendrochronologie unbesehen ins Abseits synchronisiert hat</h3>
<p>In »C14-Crash« haben wir Messergebnisse an einem neuseeländischen Kauri-Baum als eines von mehreren Beispielen für eine mögliche C14-Anreicherung der Atmosphäre angeführt. C14-Anreicherung bedeutet, dass konventionell C14-datierte Proben tatsächlich viel jünger sind. Hier zeigen wir an einem Beispiel C14-datierter Baumproben, wie &#8211; entgegen jeder Evidenz &#8211; unbeirrt an unzutreffenden Vorstellungen festgehalten wird und wie dadurch systematische Fehler in eine Baumringchronologie eingehen müssen [Kaiser 1993].</p>
<p>Das Bild 9 zeigt im rechten Diagramm C14-Daten einer ca. 375 Kalenderjahre umfassenden Baumringchronologie, die aus 6 archäologisch zusammengehörigen Föhren erstellt wurde. Im linken Diagramm sind C14-Daten einer weiteren Baumringchronologie eingetragen, die aus 4 archäologisch zusammengehörigen Föhren erstellt wurde und ca. 670 Kalenderjahre umfasst. Die Jahresmarken für den Wert 11.300 C14-Jahre sind in beiden Diagrammen als horizontale Linien hervorgehoben und durch eine Hilfslinie miteinander verbunden worden. Dadurch unterstellen wir im folgenden, dass gleiche C14-Aktivität auch gleiches Absolutalter bedeutet, was auch als ›Simultanitätsprinzip‹ bezeichnet wird. Es stellt eine starke Annahme dar, denn es schließt insbesondere Kontaminationen und lokale Unterschiede in der C14-Aktivität der Atmosphäre aus.</p>
<div style="border: 2px solid black; padding: 10px;">
<h4>Bild 9: Zwei schwimmende Baumringchronologien</h4>
<p>Im rechten Diagramm [Kaiser 1993, 37] sind Messdaten einer ca. 375 Kalenderjahre umfassenden, aus 6 archäologisch zusammengehörigen Föhren bestehenden Baumringchronologie als ›C14-Jahre‹ aufgeführt. Im linken Diagramm [Kaiser 1993, 36] sind die ›C14-Jahre‹ einer weiteren Baumringchronologie eingetragen, die aus 4 archäologisch zusammengehörigen Föhren erstellt wurde und ca. 670 Kalenderjahre umfasst.</p>
<p>Das Beispiel zeigt, wie missverständlich die Verwendung von C14-Jahren‹ werden kann, denn die beiden Ausgleichsgeraden zeigen an, dass jeweils über 50% mehr ›C14-Jahre‹ als Kalenderjahre verstrichen sind. Hätte dieser Trend über die gesamte Lagerzeit der Föhren angehalten, dann betrüge ihr wahres Alter nur 2/3 des radiometrischen Alters. Und alle radiometrisch jüngeren Baumproben wären auch nur über einen 2/3 so langen Zeitraum zu verteilen gewesen. In den Bildem 8 und 9 offenbart sich das ganze Ausmaß der Tragödie, falls nach der Faustformel »1 C14-Jahr = 1 Kalenderjahr vordatiert worden ist.</p>
<p><a href="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/c14crash012.jpg" rel="lightbox[1375]"><img class="aligncenter size-full wp-image-1424" title="c14crash012" src="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/c14crash012.jpg" alt="" /></a></p>
</div>
<p>In die Graphik wurden nicht die gemessenen C14-Konzentrationswerte eingetragen, sondern das jeweilige so genannte ›C14-Jahr‹, dasjenige ›Alter‹ also, welches sich unter Annahme stationärer Verhältnisse aus der C14-Konzentration errechnet. Diese ›Altersangaben‹ verwirren mehr, als dass sie nützen, denn es ist evident, dass die C14-Konzentration nicht konstant gewesen ist: Für die rechte Baumringchronologie kann beispielsweise abgelesen werden, dass auf messtechnisch erfasste 250 Kalenderjahre der Baumringchronologie eben nicht 250 ›C14-Jahre‹ kommen, sondern rund 50% mehr. Das ergibt sich insbesondere, wenn man die Ausgleichsgerade zu Rate zieht, die von uns nach Augenschein zugefügt wurde. Für die linke Chronologie kann eine ganz ähnliche Betrachtung angestellt werden, wobei hier deutlich weniger Messwerte vorliegen und deshalb die Lage der Ausgleichsgeraden weniger evident ist.</p>
<p>Wegen der radiometrischen Überlappung der beiden Baumringchronologien &#8211; es gibt einen Bereich, in dem bei beiden Chronologien jeweils die gleiche C14-Konzentration gemessen wird &#8211; können die beiden Ausgleichsgeraden übereinander gelegt werden (Bild 10). Dadurch kommt es zu einer Überlappung in den Baumringen von knapp 200 Kalenderjahren. Nun wäre es methodisch angemessen zu prüfen, ob die beiden Chronologien in dieser Konstellation in einer bestimmten Verzahnung auch nach dendrochronologischen Vergleichskriterien synchron laufen.</p>
<div style="border: 2px solid black; padding: 10px;">
<h4>Bild 10: Methodisch korrekte radiometrische Synchronisierung</h4>
<p>Eine radiometxische Synchronisiertmg der beiden Baumringchronologien aus Bild 9 ist angezeigt, weil sie a) einen vergleichbaren Trend im Verlauf der C14-Konzentration ausweisen und weil sie sich b) radiometrisch überschneiden. Die Synchronisierung geschieht durch Übereinanderlegen von Ausgleichsgeraden mit C14-Skalen, was in diesem Fall zu einer ›physischen‹ Überlappung der beiden Baurnringchronologien in einem Bereich von ca. 200 Kalenderjahren führt. Im Rahmen der Unsicherheit dieser radiometrischen Synchronisierung wäre jetzt nach einer ›Verzahnung‹ zu suchen, bei der die beiden Chronologien auch nach dendrochronologischen Vergleichskriterien synchron laufen. Welche dendrochronologische Katastrophe sich vollzieht, wenn der ausgewiesene Trend der Daten einfach negiert wird, zeigt Bild 11.</p>
<p><a href="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/c14crash013.jpg" rel="lightbox[1375]"><img class="aligncenter size-full wp-image-1425" title="c14crash013" src="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/c14crash013.jpg" alt="" /></a></p>
</div>
<p>Der Autor der Veröffentlichung, der wir diese beiden Chronologien entnommen haben, hat sich von der Stationaritätsannahme nicht lösen können und deshalb die Graphiken mit 45°-Geraden versehen. Damit ging er von der Annahme »Ein C14-Jahr gleich ein Kalenderjahr« aus. Doch in beiden Bildern ist es sehr unwahrscheinlich, dass ausgerechnet die 45°-Gerade die Tendenz der Messwerte richtig wieder gibt. Es besteht also eine erhöhte Gefahr, dass die beiden Chronologien falsch verzahnt werden, wenn man die entsprechende radiometrische Synchronisierung vornimmt (Bild 11). Und so wird sich zwangsläufig das einschleichen, was man am meisten verhindern möchte: eine trügerische ›Zufallslage‹, die dann die ganze Baumringchronologie verdirbt.</p>
<p>Jede dendrochronologische Verzahnung, die die tatsächlichen Trends ignoriert und stattdessen an der radiometrischen Synchronisierung mittels der 45°-Steigung festhält, wird diese trügerischen Zufallslagen erzeugen. Daran kann auch das Argument nichts ändern, unabhängig voneinander erstellte Baumringchronologien würden an bestimmten Stellen nach dendrochronologischen Gesichtspunkten signifikant korrelieren und diese somit nach immanenten Kriterien bestätigen. Solange beide Chronologien auf derselben C14-Konstruktionsvorschrift basieren, werden solche Korrelationen zwangsläufig auftreten, ohne in irgendeiner Weise beweisen zu können, dass die Chronologien stimmen. Alle längeren Baumringchronologien beruhen auf herkömmlichen C14-Vordatierungen, die die Hinweise auf instationäre Trends in den C14-Daten ignoriert haben.</p>
<p>Wir weisen daraufhin, dass dermaßen verzerrende Anpassungen der Kurven &#8211; nämlich an sich viel steilerer Kurven an die 45°-Steigung &#8211; automatisch zu den vielbeschworenen ›wiggles‹ führen, die Phasen der C14-Verarmung der Atmosphäre [104, 102] vortäuschen oder auch künstliche ›C14-Plateaus‹ erzeugen, wie sie vornehmlich im spätglazialen Teil der Baumringchronologien gesehen werden.</p>
<div style="border: 2px solid black; padding: 10px;">
<h4>Bild 11: Methodisch unzureichende radiometrische Synchronisierung</h4>
<p style="text-align: justify;">Nötigt man den C14-Daten eine 45°-Gerade auf, dann kommt es zu einer gänzlich anderen radiometrischen Synchronisierung und damit auch zu einer gänzlich anderen dendrochronologischen Überlappung, die hier statt ca. 200 Kalenderjahren nur ca. 50 Kalenderjahre beträgt (was in diesem Fall die Synchronisierung nach dendrochronologischen Vergleichskriterien ohnehin problematisch machen würde). Zwingt man den Teilchronologien generell falsche radiometrische Synchronisierimgen auf, dann landet man am Ende bei einer Chronologie, die nur eines verlässlich wiedergibt: Dasjenige Vorurteil über die Geschichte der C14-Konzentration der Atmosphäre, mit dem man an die Lösung der Aufgabe herangetreten ist.</p>
<p><a href="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/c14crash014.jpg" rel="lightbox[1375]"><img class="aligncenter size-full wp-image-1427" title="c14crash014" src="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/c14crash014.jpg" alt="" /></a></p>
</div>
<h3>Anhang II: Zur Problematik der Verwendung von ›Kalibrierkurven‹</h3>
<p>In diesem Artikel haben wir versucht, C14-Daten stets im Rahmen einer ›Geschichte‹ der C14-Konzentration darzustellen, um die physikalischen Ursachen interpretieren zu können, die diese Geschichte prägen. Dieser Zugang ist erschwert oder sogar versperrt, wenn C14-Daten als konventionelle ›Kalibrierkurve‹ aufbereitet werden.</p>
<p>Die aktuell gemessenen C14-Daten einer historischen Probe dürfen als Endpunkte einer Exponentialkurve betrachtet werden, die durch den radioaktiven Zerfall in der Probe entsteht, wenn sie keinerlei Stoffwechsel mehr erfährt. Für die C14-Geschichte der Atmosphäre, die aus solchen C14-Daten konstruiert wird, gibt es keine entsprechenden Vorgaben. Sie muss vollständig rekonstruiert werden. Wir haben gezeigt, dass die Geschichte der atmosphärischen C14-Konzentration nicht nur von Produktion und Zerfall des C14 geprägt ist, sondern vor allem von Diffusionen. Wenn diese Diffusion über historische Zeit in eine Richtung überwogen haben sollte, dann ist die Geschwindigkeit der ›C14-Uhr‹ von der unserer Alltags-Uhr entkoppelt: Die Angabe von C14-Jahren anstatt der ursprünglichen C14-Konzentration wird entsprechend missverständlich.</p>
<p>Um eine Geschichte der C14-Konzentration aufzustellen, stehen keine Messergebnisse zur Verfügung, die in der Vergangenheit gewonnen worden sind. Die C14-Geschichte insbesondere der Atmosphäre muss deshalb grundsätzlich aus heutigen Messungen an historischen Proben bekannten Alters rekonstruiert werden. Aus jeder ›Restaktivität‹ kann dann diejenige C14-Konzentration zurückgerechnet werden, die zum Zeitpunkt des Stoffwechselendes dieser Probe in der Atmosphäre geherrscht hatte. Mit ausreichend vielen solcher datierten Proben kann dann der zeitliche Verlauf der C14-Konzentration in der Atmosphäre rekonstruiert werden (Bild 4). Die entsprechende Graphik erlaubt dann auch die Betrachtung physikalischer Ursachen, die den zeitlichen Verlauf bestimmen; sie erlaubt es aber nicht, die C14-Messung an einer historischen Probe unmittelbar in ein Absolutdatum zu überführen. Dazu müsste man auch die Probengeschichte, die Zerfallskurve also, in die Graphik legen, um aus dem Schnittpunkt der beiden Geschichten das Alter der Probe zu bestimmen. Diese Vorgehensweise ist sehr unpraktisch. Deshalb müssen die C14-Daten der Atmosphäre anders aufbereitet werden, um eine praktikable ›Kalibrierkurve‹ zu erhalten.</p>
<p>Am einfachsten ist es, die ursprünglich gemessenen C14-Konzentrationen der historischen Proben über ihr jeweils bekanntes Alter aufzutragen, so wie es anfangs auch Libby mit seiner ›Curve of Knowns‹ (Bild 5) praktiziert hatte. Jeder Messwert an einer aktuellen Probe kann dann direkt in ein Absolutdatum überführt werden (Bild 12 oben). C14-Labore veröffentlichen in der Regel aber keine Konzentrationswerte, sondern ›C14-Jahre‹. Deshalb beruhen konventionelle Kalibrierkurven auch nicht auf der C14-Konzentration, sondern auf ›C14-Jahren‹ (Bild 12 unten). Der zusätzliche Aufwand, die miteinander zu vergleichenden Messwerte noch einmal in ›C14-Jahre‹ umzurechnen, ist nur gerechtfertigt, wenn diese dem tatsächlichen Alter jeweils annähernd entsprechen würden, die C14-Verhältnisse der Atmosphäre mithin ausreichend stationär gewesen sind. Doch genau das steht schwer in Zweifel. Deshalb tragen Kalibrierkurven, die auf ›C14-Jahren‹ basieren, leider dazu bei, das Missverständnis über die Funktionsweise der ›C14-Uhr‹ aufrechtzuerhalten.</p>
<div style="border: 2px solid black; padding: 10px;">
<h4>Bild 12: Kalibrierkurven</h4>
<p>Die obere Graphik beruht auf gemessenen C14-Konzentrationswerten historischer Proben, die untere hingegen auf ›C14-Jahren‹, in die die C14-Konzentrationswerte zuvor umgerechnet worden sein müssen. Kalibrierkurven beruhen auf der unteren Darstellungsweise, weil man glaubt, mit ›C14-Jahren‹ bereits annähernd das wahre Alter der Probe zu kennen.</p>
<p><a href="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/c14crash015.jpg" rel="lightbox[1375]"><img class="aligncenter size-full wp-image-1430" title="c14crash015" src="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/c14crash015.jpg" alt="" /></a></p>
</div>
<h3>Literatur</h3>
<p>Blöss, Christian / Niemitz, Hans-Ulrich (1998): »’Postglaziale’ Gletschervorstöße. Kritik der Altersbestimmungsmethoden für das Quartär III«; in ZS 10 (4) 568-585</p>
<p>- (<sup>2</sup>2000): <a title="http://www.paf.li/c14crash.pdf" href="http://www.paf.li/c14crash.pdf" target="_blank">C14-Crash</a>. Das Ende der Illusion, mit Radiokarbonmethode und Dendrochronologie datieren zu können; Berlin (<sup>1</sup>1997, Gräfelfing)</p>
<p>Kaiser, Klaus, Felix (1993): Beiträge zur Klimageschichte vom späten Hochglazial bis ins frühe Holozän, rekonstruiert mit Jahrringen und Molluskenschalen aus verschiedenen Vereisungsgebieten; Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft; Birmensdorf</p>
<p>Niemitz, Hans-Urich (1995): »Die ‘magic dates’ und ‘secret procedures’ der Dendrochronologie«; in ZS 7 (3) 291-314</p>
<hr style="width: 4px;" />
<p><a name="sdfootnote1sym" href="#sdfootnote1anc">1</a> Hier und im Folgenden umschreiben wir das an sich relevante <em>Verhältnis</em> von C14- und C12-Konzentration der Einfachheit halber mit ›C14-Konzentration‹.</p>
<p><a name="sdfootnote2sym" href="#sdfootnote2anc">2</a> Download unter <a title="http://depts.washington.edu/qil/" href="http://depts.washington.edu/qil/" target="_blank">http://depts.washington.edu/qil/</a></p>
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		<title>Corvey oder: warum es ohne Fälschungen besser dastünde</title>
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		<pubDate>Tue, 20 Jan 2009 21:50:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gerhard Anwander</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel aus den ZS]]></category>
		<category><![CDATA[Fantomzeit]]></category>
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		<description><![CDATA[<h3>Die Forschungen von Claussen, Klabes und Faußner</h3>
<h3>von Gerhard Anwander (Überarbeitete Version aus <a title="http://www.mantis-verlag.de/?page_id=369" href="http://www.mantis-verlag.de/?page_id=369" target="_blank"><em>Zeitensprünge</em> 02/2008</a>)</h3>
<div id="attachment_720" class="wp-caption aligncenter" style="width: 510px"><a href="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander01.jpg" rel="lightbox[719]"><img class="size-full wp-image-720" title="corvey_anwander01" src="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander01.jpg" alt="Corvey Klosterkirche: Fassade, Quelle: Klabes" width="500" height="760" /></a><p class="wp-caption-text">Corvey Klosterkirche: Fassade, Quelle: Klabes</p></div>
<p><em>Heiliger Sankt Florian, verschon&#8217; unser Haus, zünd&#8217; andere an!</em> lautet ein unfrommer Spruch in Bayern, bei dem der Schutzheilige gegen Brandschäden zum Brandstifter umgewidmet wird. Zu Corvey an der Weser liegt der umgekehrte Fall vor: dort wird Odysseus, ein antiker Held zweifelhaften Rufes, zu  einem karolingischen Heiligen verklärt, u.a. weil er angeblich &#8211; zwar noch ohne Nimbus &#8211; ins dortige Westwerk-Gewölbe freskiert ist; andere meinen sogar, es handele sich um Herkules, was die Verehrung als karolingischen Heiligen auch nicht erleichtern würde!</p>
<p><!--more--></p>
<div id="attachment_721" class="wp-caption aligncenter" style="width: 510px"><a href="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander02.jpg" rel="lightbox[719]"><img class="size-full wp-image-721" title="corvey_anwander02" src="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander02.jpg" alt="Corvey Freskenreste im Obergeschoss des Westbaus; Bildquelle: Anwander" width="500" height="375" /></a><p class="wp-caption-text">Corvey Freskenreste im Obergeschoss des Westbaus; Bildquelle: Anwander</p></div>
<p>Das Elend ist also, dass zu Corvey unverändert die Karolinger spuken und wir erinnern hierzu an diesbezügliche Publikationen diesseits und jenseits des Mainstreams und den daraus resultierenden Schlussfolgerungen:</p>
<p>1986: Hans Constantin Faußner trägt über Fälschungen ab dem Wormser Konkordat (1122) und Wibald von Stablo vor [<em>Fälschungen,</em> III:143-200].</p>
<p>1996 bestreitet Illig [1996, 264 ff.] einen Unterschied zwischen karolingischem Westwerk und ottonischem Westbau<em><strong>. </strong></em></p>
<p>1997 erkennt Klabes das Westwerk der Corveyer Klosterkirche als einen Römerbau der Augustuszeit. Freilich glaubt auch er daran, dass später die Karolinger hier als Bauherrn tätig geworden seien.</p>
<p>1998: Illig bespricht das Buch von Klabes und bettet dessen Römerthese in die Fantomzeitthese ein [Illig 1998; 1999; in den darauf folgenden Auflagen von <em>Das erfundene Mittelalter,</em> 265]. Damit sollte es zu Corvey an der Weser keine Karo linger mehr geben.</p>
<p>1999: Dagmar von Schönfeld de Reyes räumt mit dem „Westwerksbegriff&#8221; auf, indem sie detailliert aufzeigt, wo überall die Forschung in die Irre gelaufen ist.</p>
<p>2000: Der Verfasser verbindet Faußners Ideen mit der Fantomzeitidee.</p>
<p>2003: Faußner beginnt die Edition von Fälschungen Wibalds von Stablo.</p>
<p>2007: Der Verfasser überträgt v. Schönfelds Argumente auf die Fantomzeitthese und bringt weitere Verbindungen zu den Arbeiten von Faußner.</p>
<p><em><strong>Der Mainstream </strong></em>wird<em><strong> </strong></em>im Falle der Klosterkirche von Corvey durch Hilde Claussen und Uwe Lobbedey vertreten. Sie haben sich um derartige Ansätze in keiner Weise gekümmert. Die blutjunge Archäologin ergrub schon 1949 zusammen mit W. Winkelmann in St. Georg zu Vreden ein erstes ‘karolingisches&#8217; Westwerk und war damit lebenslang geprägt.</p>
<p>1954 werden Kalkmalereien auf Wandputz im ‘Erdgeschoss&#8217; des Westwerks aufgedeckt, aber nicht weiter beachtet (Klabes hält hier dichten Kontakt). Ab 1963 gibt Claussen Teildarstellungen und Vorabberichte.</p>
<p>1992 liest Claussen die Druckfahnen ihres zukünftigen Standardwerkes: <em>Wandmalereien und Stuck der Klosterkirche Corvey, </em>in dem sie die Fresken einer Deutung unterziehen will<em>. </em>Doch da macht sie eine Entdeckung, die alle Buchpläne über den Haufen wirft: sechs Vorzeichnungen (sog. Sinopien) im Hauptgeschoss des Westwerkes. Sie kann sie mit Stuckfragmenten kombinieren und erhält so Ansatzpunkte für karolingische Großplastik: Männerfiguren, die grellbunt bemalten waren, aber nicht preisgaben, ob es um Kaiser oder Apostel ging. Dirk Schümer teilt 1992 in der <em>FAZ</em> diese Befunde der breiten Öffentlichkeit mit und spricht von „Hunderten von Westwerken&#8221;, die bis auf ein einziges alle verschwunden seien [s. Illig 1996, 265].</p>
<div id="attachment_729" class="wp-caption aligncenter" style="width: 510px"><a href="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander03.jpg" rel="lightbox[719]"><img class="size-full wp-image-729" title="corvey_anwander03" src="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander03.jpg" alt="Frose, Stiftskirche (Sachsen-Anhalt): Westwerk, Quelle: Anwander" width="500" height="667" /></a><p class="wp-caption-text">Frose, Stiftskirche (Sachsen-Anhalt): Westwerk, Quelle Anwander</p></div>
<p>1999 erfährt die ‘ganze Welt&#8217; aus dem Katalog für die Paderborner Prachtausstellung <em>(799 &#8211; Karl der Große und Leo III.)</em>, was sich in Corvey an den Wänden abspielte. Während unbedarfte Besucher Eroten auf Delfinen reiten sehen, dazu Odysseus, wie er einen Hundekopf der Skylla mit dem Speer attackiert, sieht Claussen das absente Meer als Sinnbild für die sündige Welt und den „tugendhaften Odysseus, der unbeirrt von Anfechtungen über die Meere fuhr&#8221; und Meerdämonen erledigt, während ein Schiffbrüchiger dem ewigen Verderben entgegensieht [Claussen 1999, 583 ff.; Illig 1999, 426].</p>
<p>2006: Die Idee konkretisiert sich, der UNESCO das Kloster Corvey, vorzugsweise vom 9. bis 12. Jh., als Weltkulturerbe vorzuschlagen. Zur Untermauerung des Antrages bedarf es zweier umfangreicher Bücher. Das von Claussen erscheint 15 Jahre verspätet mit Hilfe von Anna Skriver im Jahre 2007: <em>Die Klosterkirche Corvey. Band 2: Wandmalerei und Stuck aus karolingischer Zeit. </em>Der Band 1<em> </em>über die Klosterarchitektur<em> </em>soll von Lobbedey 2009 nachgereicht werden. Das Ziel ist nicht unbescheiden:</p>
<blockquote><p>„Derzeit wird der Antrag vorbereitet, Corvey als Weltkulturerbe anzuerkennen und damit die Einzigartigkeit zu »zertifizieren«. In einer Reihe mit den Pyramiden von Giseh, der Akropolis in Athen oder Stonehenge könnte Corvey Zeugnis dafür abgeben, dass unsere Region seit über 1.000 Jahren ein Zentrum der menschlichen Kultur ist. Unverzichtbarer Bestandteil zur Anerkennung als Weltkulturerbe ist die Dokumentation, Aufarbeitung, Interpretation und wissenschaftliche Bearbeitung der Geschichte in all ihren Facetten. Dieses Buch ist der erste Schritt zu dieser Pflichtaufgabe. Und diese Pflichtaufgabe ist mehr als gelungen. Wissenschaftlich ist dieses Werk auf höchstem Niveau.&#8221; [tah]</p></blockquote>
<p>Es sei der Region selbstverständlich vergönnt, wenn sie dank ihres Kulturgutes anstrebt, auf Augenhöhe mit den Pyramiden von Giseh, der Akropolis usw. gehoben zu sein. Doch die Sache hat einen Haken, und der deutet sich schon im Presseartikel an:</p>
<blockquote><p>„Es gibt wenige Quellen über die ersten Jahrzehnte des Klosters Corvey, das zu Beginn des 9. Jahrhunderts bei Höxter gegründet wurde und sich schnell zum bedeutendsten Kloster in Norddeutschland entwickelte. Wir wissen nicht, wie es damals aussah, wie die Ausstattung war, aber wir wissen, dass Corvey vom 9. bis 13. Jahrhundert ein politisches, wirtschaftliches, kulturelles und kirchliches Machtzentrum war&#8221; [tah].</p></blockquote>
<p style="text-align: center;"><strong>Anregung 1: Man beschäftige sich als Wissenschaftler auch mit zunftfremden Arbeiten </strong></p>
<p>So gibt es zwar „wenige Quellen über die ersten Jahrzehnte&#8221; (bzw. Jahrhunderte) und man „weiß nicht, wie es damals aussah&#8221;, aber: Wir wissen, dass es „sich schnell zum bedeutendsten Kloster in Norddeutschland entwickelte&#8221;. Das Fazit ist leicht gezogen: Wir wissen als echte Spezialisten fast nichts, aber das ganz genau!<em> </em></p>
<p>Insofern setzen sich Claussen und Skriver [= CS] nirgends mit Klabes&#8217; Römerthese oder Illigs Fantomzeitthese auseinander. Ein Beispiel: Klabes argumentiert u. a. mit Ziegelkleinmörtel, wie ihn die Römer verwendet haben. Claussen und Skriver [465 f.] kennen ihn auch, teilen aber den Lesern nicht mit, dass dieser besonders dauerhafte Mörtel ein Hauptkennzeichen römischen Bauens ist. Will man die Blamage von Ingelheim [s. Illig/Lelarge; Heinsohn] zu Corvey dadurch vermeiden, dass man einfach die Augen verschließt? Zur Erinnerung: Aus der früher postulierten grandiosen karolingischen Karlspfalz zu Ingelheim brach die &#8211; offensichtlich lokalpatriotisch unbeeinflusste &#8211; archäologische Forschung den Kern oder das Herz heraus, indem es die Kirche in die Ottonenzeit verbrachte. Da eine Karolingerpfalz ohne Kirche nicht vorstellbar ist, war nun an eine ottonische Pfalz oder an einen Römerbau mit  im Mittelalter eingefügter Kirche zu denken. Roter Mörtel an der Aula wies dringend auf einen Römerbau hin &#8211; da fand sich 1996 zum Glück für die Karolinger ein goldener Karlsdenar in Ingelheim, den es zwar gemäß Karls Münzreform gar nicht geben dürfte, aber trotzdem als Ersatzbeleg für die verlorene Karolingerkirche begeistert aufgenommen wurde.</p>
<div id="attachment_730" class="wp-caption aligncenter" style="width: 510px"><a href="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander04.jpg" rel="lightbox[719]"><img class="size-full wp-image-730" title="corvey_anwander04" src="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander04.jpg" alt="Ingelheim Kaiserpfalz: alle die 1999 im Katalog der Karolinger-Ausstellung in Paderborn noch als karolingisch postulierten Bauteile mussten im Abschlussbericht der Ausgräber als römisch eingestuft werden. Quelle: S/W" width="500" height="296" /></a><p class="wp-caption-text">Ingelheim Kaiserpfalz: alle die 1999 im Katalog der Karolinger-Ausstellung in Paderborn noch als karolingisch postulierten Bauteile mussten im Abschlussbericht der Ausgräber als römisch eingestuft werden. Quelle: S/W</p></div>
<p style="text-align: center;"><strong>Anregung 2: Man nehme wichtige einschlägige Werke zur Kenntnis</strong></p>
<p>Dagmar von Schönfeld de Reyes hat in ihrer kritischen Arbeit über die so genannten karolingischen Westwerke nachgewiesen, dass es zwischen karolingischen Westwerken und ottonischen Westbauten knirscht. Aber Claussen und Skriver ignorierten auch diese gründlichen Befunde. Um so weniger interessierten sie sich für Klabes&#8217; Theorie und ihre Bekräftigungen [etwa Illig 1998; 1999; Kloppenburg 2007; Anwander 2007a; Klabes in 2. Ausgabe!].</p>
<p style="text-align: center;"><strong>Anregung 3: Man nehme als Wissenschaftler alle einschlägigen Objekte vor Ort zur Kenntnis</strong></p>
<p style="text-align: left;">Im Museum des Barockschlosses zu Corvey gibt es einen Raum, wo im Gegensatz zu den anderen Räumen Objektbeschriftungen fehlen (Stand Frühjahr 2008). Diese nicht bezeichneten Objekte [s. Anwander 2007a, 205] bestehen</p>
<div id="attachment_732" class="wp-caption aligncenter" style="width: 510px"><a href="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander05.jpg" rel="lightbox[719]"><img class="size-full wp-image-732" title="corvey_anwander05" src="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander05.jpg" alt="Corvey, Museum: unbeschrifteter Kopf, Quelle: Anwander" width="500" height="500" /></a><p class="wp-caption-text">Corvey, Museum: unbeschrifteter Kopf, Quelle: Anwander</p></div>
<p>u.a. aus drei zum Teil gut erhaltenen Sandsteinköpfen, die nicht modern, nicht klassizistisch, nicht barock, nicht gotisch, nicht romanisch, sondern römisch anmuten und es nach unserer und anderer Leute Einschätzung auch sind und &#8211; vermutlich &#8211; von Klabes aufgefunden wurden! Seriöse Forscher beschäftigen sich normalerweise &#8211; wenn sie jahrzehntelang vor Ort tätig sind &#8211; auch mit derartigen Objekten und prüfen, ob sie bedeutsam für die Gesamteinschätzung des Objektes sein könnten. Warum darf Corvey nicht römisch sein?</p>
<div id="attachment_733" class="wp-caption aligncenter" style="width: 510px"><a href="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander06.jpg" rel="lightbox[719]"><img class="size-full wp-image-733" title="corvey_anwander06" src="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander06.jpg" alt="Corvey, Museum: unbeschrifteter Kopf, Quelle: Anwander" width="500" height="523" /></a><p class="wp-caption-text">Corvey, Museum: unbeschrifteter Kopf, Quelle: Anwander</p></div>
<p><strong>Anregung 4: Man benutze das Ockhamsche Rasiermesser und belasse Odysseus in der Antike</strong></p>
<p>Odysseus ist bei antiken Autoren (Homer, Euripides), wie man heute landläufig sagen würde, eine ‘richtig linke Bazille&#8217;, ein Intrigant, der seine Interessen rücksichtslos &#8211; auch über Leichen gehend &#8211; bei Freund und Feind durchsetzt [Matt, 3; Seitenzahl aus Internet]:</p>
<blockquote><p>„Hat er sich doch noch vor kurzem als Bettler verkleidet in die Stadt geschlichen und aus dem Tempel das höchste Heiligtum gestohlen, das Palladium, ein wunderbar vom Himmel gefallenes Bild der Pallas Athene. Dabei hat er tüchtig gemordet. Man haßt ihn. Und noch Dante wird ihn viele Jahrhunderte später für diesen Diebstahl in die Flammen der untersten Hölle stecken.&#8221;</p></blockquote>
<p>Dieser höllenwürdige Dieb und Mörder wird nun erneut bei Claussen und Skriver [156-183] zum christlichen Helden &#8211; sogar der Demut &#8211; verklärt, obwohl es bei den Freskenresten ganz nach Antike aussieht, wie das Duo frei mütig einräumt.</p>
<div id="attachment_735" class="wp-caption aligncenter" style="width: 510px"><a href="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander07.jpg" rel="lightbox[719]"><img class="size-full wp-image-735" title="corvey_anwander07" src="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander07.jpg" alt="Corvey, Fresken; nachgezeichnetes Detail: Odysseus (Herakles?) mit Skylla (Cerberus?) Quelle: Klabes" width="500" height="432" /></a><p class="wp-caption-text">Corvey, Fresken; nachgezeichnetes Detail: Odysseus (Herakles?) mit Skylla (Cerberus?), Quelle: Klabes</p></div>
<p>Denn wie sollten die Karolinger die Skylla malen, wenn sie nicht einmal Homer kannten und die Darstellungen der Skylla im 5. Jh. endeten [Claussen 1999, 583]? Und die Delfinreiter?</p>
<div id="attachment_736" class="wp-caption aligncenter" style="width: 510px"><a href="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander08.jpg" rel="lightbox[719]"><img class="size-full wp-image-736" title="corvey_anwander08" src="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander08.jpg" alt="Corvey; Freskenreste; Nachzeichnung: Erot auf Delfin, Quelle: Klabes" width="500" height="474" /></a><p class="wp-caption-text">Corvey; Freskenreste; Nachzeichnung: Erot auf Delfin, Quelle: Klabes</p></div>
<blockquote><p>„Die zahlreichen Delphin- und Drachenreiter in antiken Meereswesenfrie sen sind in der Regel Eroten, [!] wenngleich nicht immer rundliche Putten, sondern bisweilen auch schlanke jünglinghafte Figuren. [...] Im Typ ähnliche Delphine lassen sich leichter in Bildwerken der römischen Antike zeigen als unter den spärlichen Exemplaren, die sich in karolingischen Miniaturen erhalten haben. Der Corveyer Delphinreiter nimmt in der karolingischen Bildüberlieferung bisher einen Sonderplatz ein: er ist der einzige [!] seiner Art.&#8221; [CS, 161, Anm. 16]</p></blockquote>
<div id="attachment_737" class="wp-caption aligncenter" style="width: 351px"><a href="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander09.jpg" rel="lightbox[719]"><img class="size-full wp-image-737" title="corvey_anwander09" src="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander09.jpg" alt="Beispiel für einen Delfinreiter: Der Dichter Arion, von Matrosen ins Meer geworfen, wird von einem Delfin gerettet. Griechische Münze; 2. Jh. v. Chr. Quelle: http://imagedb.coinarchives.com/img/kunker/083/00051p00.jpg" width="341" height="171" /></a><p class="wp-caption-text">Beispiel für einen Delfinreiter: Der Dichter Arion, von Matrosen ins Meer geworfen, wird von einem Delfin gerettet. Griechische Münze; 2. Jh. v. Chr. Quelle: http://imagedb.coinarchives.com/img/kunker/083/00051p00.jpg</p></div>
<p>Den beiden Autorinnen springt also das Antike der Darstellungen ins Auge.</p>
<div id="attachment_738" class="wp-caption aligncenter" style="width: 510px"><a href="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander10.jpg" rel="lightbox[719]"><img class="size-full wp-image-738" title="corvey_anwander10" src="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander10.jpg" alt="Corvey; Obergeschoss: rekonstruierter Originalzustand; Quelle CS" width="500" height="385" /></a><p class="wp-caption-text">Corvey; Obergeschoss: rekonstruierter Originalzustand; Quelle CS</p></div>
<p>Sie wollen aber die Antike nicht als Entstehungszeit &#8211; warum auch immer &#8211; in Betracht ziehen, obwohl die in Corvey gefundenen Porphyr-, Marmor- und Steinfliesen als „zweitverwendete&#8221; römische Produktion gesehen werden [Lobbedey bei S/W, 566].</p>
<div id="attachment_739" class="wp-caption aligncenter" style="width: 510px"><a href="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander11.jpg" rel="lightbox[719]"><img class="size-full wp-image-739" title="corvey_anwander11" src="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander11.jpg" alt="Corvey; Klosterkirche: römische Glasfliesen; laut Katalogtext: zweitverwendete römische Produktion, Quelle: S/W" width="500" height="286" /></a><p class="wp-caption-text">Corvey; Klosterkirche: römische Glasfliesen; laut Katalogtext: zweitverwendete römische Produktion, Quelle: S/W</p></div>
<p><br class="spacer_" /></p>
<div id="attachment_740" class="wp-caption aligncenter" style="width: 510px"><a href="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander12.jpg" rel="lightbox[719]"><img class="size-full wp-image-740" title="corvey_anwander12" src="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander12.jpg" alt="Corvey; Klosterkirche: römische Steinfliesen; laut Katalogtext: zweitverwendete römische Produktion, Quelle: S/W" width="500" height="351" /></a><p class="wp-caption-text">Corvey; Klosterkirche: römische Steinfliesen; laut Katalogtext: zweitverwendete römische Produktion, Quelle: S/W</p></div>
<p>So versuchen sie denn mehr oder weniger plausibel, diese angebliche christliche Umdeutung durch <em>karolingische</em> Künstler nachzuvollziehen und zu belegen. Trotz aller Suche gelingt es den beiden Autorinnen nicht, neben dem Sirenenhelden Odysseus einen christlichen Skyllakämpfer bei den Kirchenvätern zu ermitteln [CS, 161 f.]. Claussen kann ganz offensichtlich ihre seit fast 15 Jahren vertretene Meinung nicht mehr aufgeben.</p>
<p>Auch fehlt es an jeglicher, sonst üblicher (früh-)christlicher Motivik: kein symbolischer Fisch, kein Kreuz, kein Christus und &#8211; kein einziger Märtyrer. Die Corveyer Patrone Stefanus und Vitus (angeblich 887 von St. Denis nach Corvey überführt) sind nicht zu finden und auch sonst keinerlei Parallelen, weder die zu frühchristlicher römischer Mosaikkunst, nicht zu späterer sakraler Freskomalerei des westfälischen Raums, noch zu süddeutschen <em>karolingischen</em> Fresken, wie sie für ein Chiemseekloster postuliert werden (Illig 2008; 402 f.). Und das in einer Zeit, wo das Märtyrer- und Reliquienwesen aufgeblüht und der Transfer der Reliquien des Hl. Vitus von Saint-Denis mit großem PR-Aufwand erfolgt sein soll (<em>Translatio Sancti Viti</em>). Stilistisch und ikonografisch steht Corvey nach Claussen und Skriver einsam in der historischen Landschaft: Nicht einmal die &#8211; fiktive &#8211; Karolingerzeit bietet Vergleichbares.</p>
<div id="attachment_741" class="wp-caption aligncenter" style="width: 510px"><a href="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander13.jpg" rel="lightbox[719]"><img class="size-full wp-image-741" title="corvey_anwander13" src="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander13.jpg" alt="Corvey; Fresken im Obergeschoss: Überblick Quelle: CS" width="500" height="286" /></a><p class="wp-caption-text">Corvey; Fresken im Obergeschoss: Überblick Quelle: CS</p></div>
<p>Klabes kann mit seinen Deutungen insgesamt weitaus besser überzeugen, obwohl er nicht Odysseus und Skylla, sondern Herakles und Cerberus am Werke sah [Klabes, 128-155; vgl. Illig 1998; 1999]. Denn keine seiner Deutungen erbringt Christliches. Noch weniger kann man zweifeln, wenn man bei Klabes [144] eine Sphinx</p>
<div id="attachment_743" class="wp-caption aligncenter" style="width: 364px"><a href="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander14.jpg" rel="lightbox[719]"><img class="size-full wp-image-743" title="corvey_anwander14" src="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander14.jpg" alt="Corvey, Freskenreste: Sphinx, Nachzeichnung Klabes, Quelle: Klabes" width="354" height="509" /></a><p class="wp-caption-text">Corvey, Freskenreste: Sphinx, Nachzeichnung Klabes, Quelle: Klabes</p></div>
<p>gezeigt bekommt und eine Venus/Afrodite, die von Delfinen an Land</p>
<div id="attachment_744" class="wp-caption aligncenter" style="width: 510px"><a href="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander15.jpg" rel="lightbox[719]"><img class="size-full wp-image-744" title="corvey_anwander15" src="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander15.jpg" alt="Corvey, Freskenreste: Afrodite/Venus; Nachzeichnung Klabes, Quelle: Klabes" width="500" height="343" /></a><p class="wp-caption-text">Corvey, Freskenreste: Afrodite/Venus; Nachzeichnung Klabes, Quelle: Klabes</p></div>
<p>gezogen wird [ebd., 134] sowie einen Capricornus [ebd. 151], der dem der berühmten Gemma Augustea gleicht.</p>
<div id="attachment_745" class="wp-caption aligncenter" style="width: 510px"><a href="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander16.jpg" rel="lightbox[719]"><img class="size-full wp-image-745" title="corvey_anwander16" src="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander16.jpg" alt="Corvey, Fresken: Knabe auf Capricornus, Nachzeichnung Klabes, Quelle: Klabes" width="500" height="485" /></a><p class="wp-caption-text">Corvey, Fresken: Knabe auf Capricornus, Nachzeichnung Klabes, Quelle: Klabes</p></div>
<p><br class="spacer_" /></p>
<div id="attachment_746" class="wp-caption aligncenter" style="width: 510px"><a href="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander17.jpg" rel="lightbox[719]"><img class="size-full wp-image-746" title="corvey_anwander17" src="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander17.jpg" alt="Gemma Augustea, Detail mit Capricornus, Wien, Kunsthistorisches Museum, Quelle Klabes" width="500" height="343" /></a><p class="wp-caption-text">Gemma Augustea, Detail mit Capricornus, Wien, Kunsthistorisches Museum, Quelle Klabes</p></div>
<p>Befremdlicherweise finden sich diese und noch mehr Abbildungen bzw. Freskenteile bei Claussen/Sriver nicht mehr vorgestellt oder diskutiert! Sind sie für immer verblasst oder ‘unpassend&#8217;?</p>
<p>Die Deutung des Odysseus als christlicher Held oder Heiliger oder was auch immer ist ebenso abwegig wie peinlich und steht als <em>theologischer Ansatz</em> genauso singulär in Zeit und Landschaft, wie das Gebäude selbst. Man schärfe daher hier das Ockhamsche Rasiermesser, schabe diesen wirren Deutungsschaum ab und entdecke die darunter liegende einfachste und nächstliegende Erklärung: Wenn die Fresken schon dem kunsthistorischen Spezialisten wie dem Laien antik vorkommen, dann stammen sie auch aus der Antike!</p>
<p><strong>Anregung 5: Man misstraue grundsätzlich schriftlichen Zeugnissen des Mittelalters</strong></p>
<p>Mit diesem Teil erreichen wir den zwangsläufig umfangreichen Höhepunkt unserer Anregungen und kommen zu einer Art <em>chronique scandaleuse</em> des <em>altehrwürdigen </em>Benediktinerklosters Corvey.</p>
<p>Die eben geschilderte Farce der Verklärung unseres Helden zum <em>Heiligen Sankt Odysseus</em> beruht natürlich auf der Datierung, die sich auf die schriftlichen Dokumente der Hilfswissenschaft namens Diplomatik stützt. Anscheinend tritt eher der Papst zum Islam über, als dass akademisch arbeitende Kunst- und Architekturhistoriker es allgemein wagen würden, deren Erkenntnisse ernsthaft, umfassend und öffentlich anzuzweifeln. (Von der Kenntnisnahme der Fantomzeittheorie wollen wir gar nicht erst sprechen.) Der Architekturhistoriker Volker Hoffmann bildet hier die rühmliche Ausnahme, als er eingestand, dass ihm dank Illig bewusst wurde, dass es besser sei, sich auf die Fachkenntnisse der eigenen Zunft und das sensibilisierte Auge zu verlassen, denn auf bemalte Rinderhäute und dem, was die Diplomatik ehrfurchtsvoll hinein- oder herausinterpretiert [s. Niemitz/Illig].</p>
<p>Seit der Entdeckung und Würdigung der pseudoisidorischen Fälschungen und spätestens seit den Erkenntnissen des Fälschungskongresses 1986 zu München [s. <em>Fälschungen</em>] sollte der naive Umgang mit mittelalterlichen Urkunden ein für allemal beendet sein.</p>
<p><strong>Kreativabt Wibald: der Vater Corveys</strong></p>
<div id="attachment_747" class="wp-caption aligncenter" style="width: 510px"><a href="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander18.jpg" rel="lightbox[719]"><img class="size-full wp-image-747" title="corvey_anwander18" src="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander18.jpg" alt="Abt Wibald von Stablo und Corvey; Bild des 17. (?) Jhs. Quelle: Bastin" width="500" height="619" /></a><p class="wp-caption-text">Abt Wibald von Stablo und Corvey; Bild des 17. (?) Jhs. Quelle: Bastin</p></div>
<p>Hinzu kommt in unserem Fall: Von 1146 bis 1158 regiert das Kloster der Abt Wibald von Stablo, Malmedy und Corvey (und kurzzeitig Monte Cassino). Wibald ist sicher kein Phantom, hat doch Claussen [1996] als Archäologin  über sein Abtshaus in Corvey berichtet. Er war nicht irgendein Abt, sondern ein hoher Funktionär des Reiches; er beriet die Könige und Kaiser Lothar III., Konrad III. und Friedrich I. Barbarossa. Es darf angenommen werden, dass Wibald auch schon vor seiner Abts-Amtszeit zu Corvey diesem Kloster hilfreich zur Seite stand, wie Faußner [mündliche Mitteilung] erklärt, insbesondere unter dem Abt Adalbert (1138-1144; vgl. Anwander 2008: S. 375). So sei vorweg schon verraten: Alle folgenden zitierten Urkunden stammen nach Faußner aus der Wibald-Werkstatt [2003, III: 230], wobei Illigs Einspruch [2007] hier vermutlich nicht greift. Es gab aber schon lange vor Faußner &#8211; auch schon im 19. Jh. &#8211; Zweifel an Corveyer Urkunden, wie schon die erste vom 9. Mai <strong>813</strong> zeigt:</p>
<blockquote><p>„Karl der Grosse bestätigt seinem Getreuen Asig, auch Adalrich geheissen, den von dessen Vater Hiddi gerodeten, aber von Königsboten eingezogenen Theil des Waldes Bochonia bei Hauucabrunno zwischen Werra und Fulda. [...] Besitz und Urkunde kamen durch Schenkung des Grafen Esig, eines Nachkommens des Empfängers, an Corvei&#8221; [Mühlbacher, Nr. 218; die Urkunden sind von der Monumenta ins Internet gestellt, s. ‚Monumenta‘].</p></blockquote>
<p>Die Echtheit dieser Urkunde wurde schon innerhalb der Zunft und von Außenseitern [Süßmann 1986] angezweifelt, aber die Zweifel wurden &#8211; selbstverständlich &#8211; als unhaltbar zurückgewiesen. Die &#8211; natürlich auch erfundenen  &#8211; Gründungsurkunden für das von Karl dem Großen 813 beschenkte <em>Corvei</em> datieren 10 Jahre später. (Aber solche Kleinigkeiten stören das Karlsbild eines wirklichen Karolingerfans nicht: Sicherlich konnte der Große Karl schon antizipatorisch schenken!) Hier also die eigentlichen zwei Gründungsurkunden für Corvey; am 27.7. <strong>823</strong></p>
<blockquote><p>„schenkt [Ludwig der Fromme] dem kloster, welches er durch den greisen abt Adalhard von Corbie in der königlichen villa Höxter an der Weser in der provinz Sachsen, für deren christianisierung schon sein vater kaiser Karl gewirkt hatte, erbauen liess und mit den reliquien des h. Stephan aus der pfalzkapelle ausstattete und das, weil von abt Adalhard, dessen bruder Walo und den mönchen von Alt-Corbie gegründet, den namen Korvey erhielt, die villa Höxter und mit einwilligung des abtes und der mönche den besitz Corbies in Sachsen, bestätigt die schenkungen der Sachsen zur stiftung des klosters und verleiht freie abtwahl sowie das recht mit den freien leuten gut und hörige zu tauschen.&#8221; [Böhmer, Nr. 779]</p></blockquote>
<p>Zu dieser und den anderen noch folgenden Urkunden gibt es zahlreiche Viten zu berücksichtigen; besonders wichtig davon ist die <em>Translatio Sancti Viti</em> (<em>TSV</em>), die neben dem eigentlichen Überführungsbericht der Gebeine des sächsischen Heiligen Vitus aus Saint-Denis Geschichtliches zur Corvey-Gründung präsentiert. Dem Verfasser der <em>TSV</em> sind laut Wiesemeyer [249 f.] nachweisbar folgende Werke bekannt: „die <em>Passio Sancti Viti</em>, die <em>Vita Adalhardi </em>des Paschasius Radbertus und die Fundations- und die Immunitätsurkunde Ludwigs des Frommen für Corvey&#8221;.</p>
<p>Geht man nun mit Faußner davon aus, dass diese und andere Ludwig-der-Fromme-Urkunden von 823 eine Schöpfung Wibalds sind, kommt man kaum umhin, die zitierten Werke wie die <em>TSV</em> und die <em>Passio Sancti Viti</em> ebenfalls als Werke des 12. Jh. zu betrachten, denn ein Autor des 9. Jh. kann schwerlich ein Werk des 12. antizipieren. Faußner bestätigt in der Tat diese Ansicht: Danach sind die <em>TSV </em>und die <em>Passio</em> <em>Sancti Viti</em> Wibald-Schöpfungen und &#8211; so fügen wir hinzu &#8211; sicherlich auch die <em>Vita Adalhardi</em>.</p>
<blockquote><p>„So wurde dann auch das Kloster in Höxter nach seinem fiktiven Mutterkloster <em>Corbeia Nova </em>genannt, wie sich aus seiner Gründungs- und Frühgeschichte ergibt, die Wibald in den Bericht über die <em>Überführung des hl. Vitus</em> von Saint-Denis nach Corvey einarbeitete. Diesen Translationsbericht läßt Wibald den Corveyer Mönch verfaßt haben, der 836 seinen Abt Warin nach Saint-Denis zur Einholung der Reliquien begleitete&#8221; [Faußner 2008, 585].</p></blockquote>
<p>Folglich wurde der Name <em>Corvey</em> für das Kloster zu Höxter erst durch Wibald im 12. Jh. eingeführt (was Karl der Große sicherlich auch schon antizipierte)!</p>
<div id="attachment_749" class="wp-caption aligncenter" style="width: 357px"><a href="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander20.jpg" rel="lightbox[719]"><img class="size-full wp-image-749" title="corvey_anwander20" src="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander20.jpg" alt="Corvey, Schloss, Fresko: Karl der Große; etwas verunglückte Darstellung. Ein Bildnis Karls des Großen, eingereiht unter die Ahnen der Schlossherrn, war selbst in der Barockzeit für Schlösser nahezu obligatorisch; Bild: Anwander" width="347" height="575" /></a><p class="wp-caption-text">Corvey, Schloss, Fresko: Karl der Große; etwas verunglückte Darstellung. Ein Bildnis Karls des Großen, eingereiht unter die Ahnen der Schlossherrn, war selbst in der Barockzeit für Schlösser nahezu obligatorisch; Bild: Anwander</p></div>
<p>In der zweiten Urkunde vom selben Tag</p>
<blockquote><p>„verleiht [Ludwig der Fromme] auf bitte des abts Adalard dem kloster Korvey, welches er durch diesen in der königlichen villa Höxter am fluss Weser in der provinz Sachsen erbauen ließ, immunität mit königschutz, wie sie alle kirchen in Francien haben&#8221; [Böhmer, Nr. 780].</p></blockquote>
<p>Wiesemeyer bezeichnet 1962 [269] in seinem &#8211; der deutsch-französischen Freundschaft gewidmetem &#8211; Aufsatz treffend Absichten und Auswirkungen dieser gefälschten Dokumente, ihre Echtheit allerdings voraussetzend:</p>
<blockquote><p>„Während die erste Urkunde die Corbeia nova ökonomisch auf eine ähnliche Basis wie die Corbeia antiqua stellte und die erstere der letzteren durch die Verleihung des Rechtes der freien Abtswahl auch im kirchlichen Rang gleichstellte, wurde die Corbeia nova durch die zweite Urkunde auch in ihrem rechtlichen Verhältnis zum Staat, d. h. zum Kaiser und König, der Corbeia antiqua gleichgestellt. &#8211; Und so wie die Äbte von Corbie (und St. Riquier) auf Grund der Immunität ihre grafschaftlichen Rechte erworben haben und somit seit dem 10. Jahrhundert in die Reihe der Lehensfürsten eingetreten sind, so bildete für die Äbte von Corvey die  Immunität die Voraussetzung für ihre spätere Hochgerichtsbarkeit und ihren Aufstieg in den Reichsfürstenstand. So haben Adelhard und Wala Corvey auch in ökonomischer und juristischer Hinsicht auf solide Grundlagen gestellt.&#8221;</p></blockquote>
<p>Faußner [2008, 586] kommentiert die Auswirkung für das 12. Jh. nüchterner:</p>
<blockquote><p>„So kam das <em>Dynastenkloster der Nordheimer, </em>das im Norden der Hofmark <em>(villa)</em> Höxter auf dem Burgstall des Wehrturmes errichtet worden war und dessen Kirche mit ihrer Westseite an diesen anschloß, durch<em> Wibald</em> zu seinem Gründer- und Mutterkloster <em>Corbie </em>und seinem Namen <em>Corvey.</em>&#8220;</p></blockquote>
<p>Der Königsschutz, der aus einem Dynastenkloster ein königliches Kloster werden ließ, bremste wiederum den Vogt in seinen Ansprüchen nach 1122 auf die Ressourcen des Klosters.</p>
<p>Wibald ließ den ungewöhnlichen Vorgang einer <em>Klostergründung</em> von Corbie aus dem westfränkischen Reich heraus laut <em>TSV</em> mit prominenter Besetzung spielen: Die renommierten Corbier Äbte Adelhard und Wala &#8211; nahe Verwandte Karls des Großen (!) &#8211; haben keine Ruhe gegeben und Ludwig den Frommen so lange genervt, bis dieser entnervt nachgab und die Güter des superreichen fiktiven Grafen Bernhard, die er diesem vorher abkaufte, den Corveyern als Gründungsausstattung vermachte. Adelhard und Wala sind per Einfluss auf Kaiser Ludwig die Garanten dafür, dass Neu-Corvey von Anfang an diesen besonders hohen materiellen und juristischen Status erhält.</p>
<p>Dass die gesamte Frühgeschichte des Klosters Corvey ausschließlich eine Wibaldschöpfung sein muss, ergibt sich auch aus Wiesemeyer [247], wenn dieser die <em>TSV</em> wie folgt beurteilt:</p>
<blockquote><p>„Die für die Gründung Corveys wohl aufschlußreichste der genannten Quellen ist die <em>Translatio Sancti Viti</em>, die Geschichte der im Jahre 836 erfolgten Übertragung der Gebeine des hl. Vitus von St. Denis nach Corvey. Sie enthält mehr als ihr Titel erwarten läßt; denn in ihrem ersten Teil, vor dem eigentlichen Translationsbericht, ist eine verhältnismäßig ausführliche Schilderung der Gründung der Abtei Corvey eingefügt. Dabei ist der Verfasser bemüht, die Gründungsgeschichte Corveys in den allgemeinen Zusammenhang der Geschichte des fränkischen Reiches hineinzustellen; er kommt dabei auch auf einige Ereignisse von politischer Tragweite zu sprechen, die in keiner anderen Quelle erwähnt werden.&#8221;</p></blockquote>
<p>Es war typisch für den kreativen Wibald, dass er ihm wichtige Dinge <em>en passant</em> in Werke anderen Titels einfließen ließ. Selbstverständlich existiert das Original der <em>TSV </em>aus dem 9. Jh. nicht mehr, sondern nur in Abschriften; die früheste stammt &#8211; wen überrascht es &#8211; aus dem 12. Jh! Folgen wir noch kurz den Schilderungen dieser <em>TSV-Chronik</em>:</p>
<p>815 wird auf dem Paderborner Reichstag die Gründung beschlossen, aber eine schlechte Ortswahl getroffen: Hethis, wohl bei Neuhaus im Sollinggebirge gelegen, stellt sich als unfruchtbar und ungeeignet heraus, aber Wiesemeyer [262] meint: „Trotz seiner materiellen Not erblüht das Klosterleben.&#8221;</p>
<p>Und trotz dieses wundersamen Erblühens im finst&#8217;ren Wald zu Hethis erbarmt sich Ludwig der Fromme sieben Jahre später und erwirbt die Weseraue in der Nähe des heutigen Höxter: „Am 6. August 822 kommen die Hethis-Mönche erstmals an ihren neuen Klosterplatz und ergreifen Besitz von ihm&#8221; [Wiesemeyer, 263]. Sie knien nieder, beten und singen Psalmen, holen die Messschnur und schlagen Pflöcke ein, zuerst für die Kirche, dann für die Wohngebäude der Brüder usw. Typisch für Wibald, denn bei ihm wird immer gerne und viel gesungen, gebetet und gefastet, dazu läuten Glocken, wenn vorhanden, usw.</p>
<p>Die Gebäude werden erstaunlich schnell errichtet, wie Klabes [206] meint, der sich auch auf die <em>Vita Sancti Ansgari</em> stützt. Denn danach können die Mönche schon im Herbst desselben Jahres die steinernen Klostergebäude beziehen, also einen Bau, der üblicherweise Jahre zur Errichtung erfordert hätte [s. Kloppenburg, 611 f.].</p>
<div id="attachment_750" class="wp-caption aligncenter" style="width: 435px"><a href="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander21.jpg" rel="lightbox[719]"><img class="size-full wp-image-750" title="corvey_anwander21" src="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander21.jpg" alt="Erzbischof Ansgar (~796 - 865) in einer nicht ganz zeitgenössischen Darstellung; Quelle: internet" width="425" height="798" /></a><p class="wp-caption-text">Erzbischof Ansgar (~796 - 865) in einer nicht ganz zeitgenössischen Darstellung; Quelle: internet</p></div>
<p>Vermutlich stammt die<em> Vita Sancti Ansgari </em>ebenfalls von Wibald, aber es haben sich Ungenauigkeiten bei der Vitenabstimmung eingeschlichen, so dass hier nur eine Bauzeit von zwei bis drei Monaten übrigbleibt. Klabes schließt daraus, dass die Mönche in vorhandene römische Steingebäude eingezogen  sein müssen. Hier vertraut er zu sehr auf erfundene Schriftdokumente. Hingegen wird am Kirchenbau laut <em>TSV</em> bis 844 gearbeitet:</p>
<blockquote><p>„Im Jahre 836, als die Vitus-Reliquien in feierlicher Prozession in Corvey eintreffen, befindet sich die Abtei in einem großen Aufschwung. Schon seit 10 Jahren [also nach 4 Jahren Bauzeit!] ist Anskar, der von Corbie kommende ehemalige erste Leiter der Corveyer Klosterschule, als Apostel des Nordens tätig. Auch seine Nachfolger als Erzbischöfe von Hamburg-Bremen werden noch viele Jahrzehnte lang Corveyer Mönche sein, so wie wir auch auf den übrigen norddeutschen Bischofssitzen, besonders in Hildesheim, oft Corveyer Mönche finden&#8221;[Wiesemeyer, 273].</p></blockquote>
<p>Die Idee Wibalds, das Höxterkloster zu <em>corbiesieren</em>, war &#8211; wie sich immer wieder zeigt &#8211; einfach genial, denn vermutlich hätte niemand im 12. Jh. und später den Corveyern diese ganzen Histörchen abgekauft, wenn es nicht von eben diesem <em>karolingischen Superkloster </em>Corbie gegründet worden wäre (und Corbie ward damit auch gedient!). Widersprüchlichkeiten haben scheinbar nicht gestört, wie z.B. auch die, dass der Corveyer Gründungs-Grundbesitz einerseits Corbie gehört habe (dort sollen sich Mönche über das großzügige Geschenk aufgeregt haben), andererseits von Ludwig dem Frommen diesem Grafen Bernhard abgekauft und dem Kloster dann geschenkt wurde.</p>
<p>Jedenfalls wandelte sich durch diese Erfindungen das heidnisch-sächsische Hungerkloster im finsteren Wald plötzlich (die Sachsen mussten bekanntlich ständig von Karl dem Großen wegen ihres eingefleischten Heidentums schwertmäßig bekehrt werden!) &#8211; jetzt nahe Höxter &#8211; zu einem hellen Stern der Missionierung Nordeuropas.</p>
<p>Damit alle alles glauben, ist das Ganze &#8211; wie sonst auch bei Wibald &#8211; mehrfach vernetzt und parallelisiert durch Viten, Translations- und Passionsberichte, Annalen, Chroniken, Ostertafeln, Urkunden usw. Wir können hier nur wichtige Auszüge daraus darstellen.</p>
<p><strong>Gefälschte Dokumente: fragwürdige Baudaten</strong></p>
<p>Nun zu weiteren ‘gesicherten&#8217; Baudaten aus Corvey, die dafür verantwortlich sind, dass unser Odysseus/Herkules zeitlich als karolingisch fixiert wurde; sie stammen aus den 1664 (!)<em> </em>gedruckten<em> Corveyer Annalen</em> (s.u.), diese vermelden:</p>
<p>870 brennt wegen Blitzschlages der Ostteil der Kirche aus;</p>
<p>873 geht man an die Fundamentierung der (West-)Turmanlage;</p>
<p>885 wird sie geweiht; es ist in schrägem Latein von einer <em>trium turrium</em> die Rede und die kritische Forscherin Beate Johlen [97] kommentiert hierzu lapidar:</p>
<blockquote><p>„Mit Ausnahme der Nachricht über die »trium Turrium« 885 sind den  Baunachrichten keine [!] konkreten Angaben zur Gestalt der karolingischen Klosterkirche zu entnehmen.</p></blockquote>
<blockquote><p>Die Datierung der anderen karolingischen Baukörper anhand der frühen schriftlichen Quellen ist demnach in höchstem [!] Maße unzuverlässig und weitgehend zu relativieren.&#8221;</p></blockquote>
<p>Die Zeitangaben sind also unbrauchbar. Diese deutlichen Worte stammen von einer Kollegin von D. v. Schönfeld, aus dem Hause des (verstorbenen) Prof. Borger, der beide promoviert hat.</p>
<p>Hier könnte man den Fall bereits abschließen, denn wer den Datierungstreibsand sieht, auf den das hagiografische Konstrukt vom<em> Heiligen Sankt Odysseus</em> errichtet ist, der sieht es auch schon zusammenstürzen.</p>
<p>Es lohnt sich aber den Fall Corvey weiter zu verfolgen, denn Kreativabt Wibald hatte noch weitere Einfälle &#8211; und er hatte Nachfolger. Betrachten wir daher die mittelalterliche Urkundenreihe anhand ausgewählter Beispiele weiter. <strong>832</strong>:</p>
<blockquote><p>„[Ludwig der Fromme] schenkt dem von ihm in Sachsen zu ehren des h. Stephan und Veit erbauten kloster Neu-Korvey, dem sein verwandter Warinus als erster bestellter abt vorsteht, eine fischerei in der Weser im gau Wimodia beim weiler Lussum in der grafschaft Abbos, welche, weil mit pfählen, von den einwohnern hocas geheissen, erbaut, mit heidnischem namen hocwar genannt wird und die bisher graf Abbo zu lehen hatte, nebst 32 [...] familien zum betrieb derselben&#8221; [Böhmer, Nr. 900].</p></blockquote>
<p>Diese Urkunde gilt in der Zunft als Fälschung; insbesondere wird bestritten, dass Warinus der erste Abt gewesen sei. <strong>833</strong>:</p>
<blockquote><p>„verleiht [Ludwig der Fromme] auf fürsprache Hucberts und Ebos [...] dem von ihm mit zustimmung seiner getreuen gegründeten und dotierten kloster Korvey in Sachsen, da diese gegend eines marktplatzes bedurfte, das recht öffentliche münze zu prägen mit den daraus fliessenden einnahmen&#8221; [Böhmer, Nr. 922].</p></blockquote>
<p>Hier könnte man fragen, wo die entsprechenden Münzen geblieben sind; die Zunft spricht hier von einem auffälligen Privileg, dem ersten im rechtsrheinischen Deutschland [Wiesemeyer, 273, FN]. Ebenfalls <strong>833</strong> schenkt der Fromme Ludwig „sein eigentum an der salzquelle an der Weser zu Bodenfeld [...] in Sachsen im Leinegau&#8221; [Böhmer, Nr. 923].</p>
<p><strong>834</strong> schenkt er die Villen Sülbeck und Hemeln [ebd., Nr. 927] und „die zelle Meppen im gau Agredingo&#8221; [ebd., Nr. 935]<strong>. </strong>Für<strong> 838</strong></p>
<blockquote><p>„bestätigt [Ludwig der Fromme; GA] dem von ihm am fluss Weser im Augagau gestifteten Kloster Neu-Korvey auf bitte des abts Warin, seines verwandten, und der matrone Addila den herrenhof Osthofen und den besitz in den städten Oppenheim und Wachenheim mit dem königsmansus  Tyheile, welche Addila für das seelenheil ihres gatten Bunicho und ihrer kinder dahin geschenkt hatte [...]<em> Fälschung</em> [!] [...] besitz Korveys an den genannten orten (am linken Rheinufer zwischen Speier und Mainz) vom 9.-12. jahrh. nicht nachweisbar&#8221; [Böhmer, Nr. 983].</p></blockquote>
<p>Ab 840 ist Ludwig der Deutsche für Bestätigungen und Schenkungen zuständig: Am 10. Dezember <strong>840</strong> bestätigt er dem Kloster <em>Korvei</em> frühere Schenkungen und schenkt noch zwei Mal zu diesem Termin [Kehr 1934; Nr. 26, 27, 28] und noch einmal am 14. Dezember 840.</p>
<p><strong>843</strong> schenkt dann Lothar I. dem Grafen Esich Besitz [Schieffer, 70], und dieser Graf ist so freundlich, diesen Besitz an Corvey weiterzuschenken, was dann wiederum Kaiser Lothar im Zeitraum <strong>844-850</strong> bestätigt:</p>
<blockquote><p>„Lothar bestätigt dem Kloster Corvey den Besitz in der villa Kessenich im Ripuariergau, den er dem Grafen Esich geschenkt und dieser dann dem Kloster übertragen hatte.&#8221; [Schieffer , Nr. 112]</p></blockquote>
<p>So großzügig können Grafen sein, wenn es um fantomzeitliches Seelenheil geht: kaum bekommen, schon zerronnen &#8211; wie es der große Wibald will. Auch wird vermerkt, dass diese Urkunde, wie andere auch, als Vorlage für eine Corveyer &#8211; diesmal amtlich bestätigte &#8211; Fälschung auf den Namen Kaiser Ludwigs des Frommen diente.</p>
<p><strong>Der Fall: </strong><em><strong>Insel Rügen</strong></em></p>
<div id="attachment_751" class="wp-caption aligncenter" style="width: 388px"><a href="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander22.jpg" rel="lightbox[719]"><img class="size-full wp-image-751" title="corvey_anwander22" src="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander22.jpg" alt="Insel Rügen, Kreidefelsen, Gemälde von Caspar David Friederich" width="378" height="520" /></a><p class="wp-caption-text">Insel Rügen, Kreidefelsen, Gemälde von Caspar David Friedrich</p></div>
<p>Der Versuch der Corveyer unter Abt Wibald, sich die rund 1.000 Quadratkilometer der Insel Rügen einzuverleiben, verdient einen eigenen Abschnitt. So heißt es in der als unecht geltenden Urkunde:</p>
<blockquote><p>„Lothar schenkt dem Kloster Corvey nach seinem unter dem Schutze des hl. Vitus errungenen Siege über die Slawen die ganze Insel Rügen. Aachen 844 März 20.&#8221; [Schieffer, D 143]</p></blockquote>
<p>So vermutete im 19. Jh. Wilmans [ebd., 320] tapfer, der hl. Ansgar hätte die dortigen Slawen bereits im 9. Jh. missioniert, woraus sich natürlich Besitzansprüche des Mutterklosters Corvey ableiten ließen. Aktuell wurden diese Begehrlichkeiten im 12. Jh., als im Rahmen des Zweiten Kreuzzuges Nebenkreuzzüge in das Slawenland stattfanden:</p>
<blockquote><p>„Die Vorstellung, es gebe alte Rechtsansprüche Corveys im Slawenlande, insbesondere auf Rügen, scheint aufgekommen zu sein, als der Herzog Lothar von Sachsen (der spätere Kaiser) im J. 1114 einen Zug bis zu dieser Insel unternahm, denn die für diese Jahre gleichzeitigen, unter dem Abt Erkenbert geführten Annales Corbeiensis berichten zu 1114 über die von Lothar unterworfenen Slawen: s. Viti &#8230;&#8221; [Schieffer, 321].</p></blockquote>
<p>Diese Erwähnung Rügens für 1114 in Corveyer Dokumenten, ist das einzige, das vor der Amtszeit Wibalds auf Rügen verweist, vorausgesetzt, man glaubt an die offizielle Entstehungszeit der Annalen (s.u.). Und immerhin ließ 1973 Stephan-Kühn [135 f.] einen Schatten auf Wibald fallen: Da bis auf</p>
<blockquote><p>„die Stelle aus den Annalen alle anderen Hinweise auf Corveyer Besitzrechte an Rügen erst nach Wibalds Amtsantritt entstanden, ist es durchaus möglich, daß diese Urkunde von oder unter Wibald gefälscht wurde. [...]</p></blockquote>
<blockquote><p>Daß als donator in Corvey ausgerechnet Lothar gewählt ist, könnte auf der Namensgleichheit mit Lothar III. beruhen, dessen Slavenzug von 1114, wie gezeigt, der Ausgangspunkt für die Corveyer Initiativen war.&#8221;</p></blockquote>
<div id="attachment_752" class="wp-caption aligncenter" style="width: 410px"><a href="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander23.jpg" rel="lightbox[719]"><img class="size-full wp-image-752" title="corvey_anwander23" src="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander23.jpg" alt="Svantowitstein in der Pfarrkirche Altenkirchen, Quelle: Wikipedia" width="400" height="600" /></a><p class="wp-caption-text">Svantowitstein in der Pfarrkirche Altenkirchen, Quelle: Wikipedia</p></div>
<p>Auf Rügen fand sich ein slawischer Gott namens <em>Swantevit</em>, so dass der Herausgeber der Urkunden, Theodor Schieffer [321] meint:</p>
<blockquote><p>„In Corvey hat man dann diese beiden angeblichen Überlieferungen zu der Nachricht verschmolzen, Lothar I. habe bei seinem Slawenkriege von 844 die Insel Rügen dem Kloster des hl. Vitus geschenkt. Der entscheidende Beleg dafür ist ein Zusatz in der gleichen Corveyer Ostertafel, welche sowohl die Annales Corbeienses wie den Chronographen enthält&#8221;.</p></blockquote>
<p>Th. Schieffer [322] befindet, nachdem er einige Überlegungen anstellt, wann die Urkunde denn tatsächlich erfälscht worden sein könnte:</p>
<blockquote><p>„Eine untere Grenze [der Datierung; GA] wird bezeichnet durch einen Brief des Abtes Wibald von (Stablo und) Corvey an den Bischof Bernhard von Hildesheim: der Wendenkreuzzug von 1147, so schreibt Wibald, gebe ihm Hoffnung [...; auf Beute für Corvey; GA]. Wibald also war es, der 1147 die Corveyer Ansprüche auf Rügen realisieren wollte, und spätestens um diese Zeit und in dieser geschichtlichen Situation muß das fingierte D. 143 entstanden sein; [...] Nehmen wir hinzu, daß diese Ansprüche vor 1147 kaum aktuell gewesen sein können und daß der aktive Abt Wibald  erst im Oktober 1146 die Leitung von Corvey übernommen hatte, so ist es, wenn auch nicht strikt erweisbar, so doch hochwahrscheinlich, daß eben in diesem Jahre 1147 D. 143 als Rechtstitel angefertigt wurde. Erfolg hatten diese Bemühungen natürlich nicht, doch wird die Insel Rügen auch in den Bestätigungsprivilegien Hadrians IV. vom 25. Februar 1155 und Lucius&#8217; III. vom 29. Oktober 1184 [...] aufgeführt, und noch im 14. Jh. ließ Corvey beglaubigte Abschriften des D. 143 herstellen&#8221;.</p></blockquote>
<p>Wurde somit Kreativabt Wibald bereits im 19. Jh. (100 Jahre vor Th. Schieffer, 140 Jahre vor Rudolf Schieffer) als Fälscher entlarvt? Oder wurde er es nicht, denn die Urkunde wird zwar als <em>unecht</em> bezeichnet, aber ein expliziter Fälschungsvorwurf gegen Wibald fehlt. Vielmehr wird im Diplomaten-Diplomatikjargon vorsichtig formuliert: „in dieser geschichtlichen Situation muß das fingierte D. 143 entstanden sein&#8221;,<em> </em>wie es oben heißt.</p>
<p>In der Tat. Aber wer sonst als Abt Wibald persönlich kommt als Urheber in Frage, oder soll man ernsthaft annehmen, dass etwa ein Subalterner die D. 143 in vorauseilendem Gehorsam gefertigt haben könnte, um sie dann dem Abt zu seiner Rückkehr aus eben dem Feldzug vorzulegen, worauf dieser dann hocherfreut ausruft: Na da ist sie ja, unsere lang vermisste Urkunde!<em> </em></p>
<p>Lange vor Faußner gab es somit Anlässe, an Wibalds Rundumseriosität zu zweifeln. Aber vermutlich ließ die Ehrfurcht vor dem großen Wibald derartige Zweifel nicht zu, wurde er doch im 19. Jh. in einer Buchvorrede z.B. wie folgt charakterisiert:</p>
<blockquote><p>„Wibald ist bisher in der Geschichte weniger hervorgehoben worden und doch war sein Leben und Wirken als Abt, Staatsmann und Gelehrter so vielseitig und segensreich [!], daß man ihn den größten Männern des zwölften Jahrhunderts beizählen muß&#8221; [Janssen, Vorwort].</p></blockquote>
<p>Ganz so unumstritten und leuchtend scheint er zu Lebzeiten doch nicht gewesen zu sein, denn immerhin wird ein Mordversuch auf ihn als Abt von Corvey vermeldet [Mann, 48]. Aber sein Ruhm überwog und währt lange: Noch in den 1980er Jahren wurde versucht, einen <em>wahren Kern der Corveyer Rügentradition</em> zu verfechten, so dass sich K. H. Krüger 1986 veranlasst sah, auf dem Fälschungskongress in München dagegen einzuschreiten. In dieser Arbeit rückt er wiederum Wibald in die engere Auswahl der möglichen Fälscher. Dabei wird deutlich, wie breit Wibald diese Fälschung aufgezogen hat, denn selbst eine <em>dänische Quelle</em> belegt den Vorgang [Krüger, 377]:</p>
<blockquote><p>„Die wunderbare Eroberung der Rügenfestung Arkona mit Hilfe des Corveyer Heiligen Vitus schildert dann aus dänischer Sicht Saxo Grammaticus, der Schreiber des beteiligten Erzbischofs Absalom von Lund, in seinen bis 1185 reichenden Gesta Danorum.&#8221;</p></blockquote>
<p>War das eine kleine Gefälligkeit unter den Kollegen Erzbischof bzw. Abt?  Oder wollten gar die Dänen Rügen haben? Zumindest passierten im ganzen Hin und Her auch Fehler, wie der, dass man Karl den Großen 789 auch noch Rügen erobern und verfügen ließ, dass die entsprechenden Tribute nach Corvey abzuliefern seien. Corvey war aber zu diesen Zeitpunkt (s.o.) noch gar nicht gegründet/erfunden worden!</p>
<p>Auch scheinen dem Fälscher die Herrschaftsgebiete der Kaiser durcheinandergekommen zu sein: Lothar schenkt 844 den Corveyern die Insel (s.o.), aber der zuständige fantomzeitliche Eroberungskaiser wäre Ludwig der Deutsche gewesen. Krüger kommt zu einer bemerkenswerten Würdigung:</p>
<blockquote><p>„Unter Abt Wibald hatten die Mönche den Versuch, ein vermeintliches historisches Erbe zu bewahren, mit den unzulänglichen Mitteln ihrer Gegenwart konsequent unternommen. Auch wenn eine neue Generation die beiden Erkenntniswege der Vorgänge fahrlässig preisgab und die verbliebenen Wissenslücken mit den reinen Fiktionen im Text des DLo.I. 143 spur. vergeblich zu füllen suchte &#8211; die methodische Anstrengung Wibalds und seiner Helfer bleibt beachtenswert&#8221; [Krüger, 396].</p></blockquote>
<p>Slawengott Svantevit bzw. der von Wibald erdachte <em>Svante-Vitus</em> sollte den Corveyern ihre Beute sichern. Doch die Wibaldschen etymologischen Anstrengungen waren erfolglos, denn Corvey konnte den Anspruch auf Rügen nie durchsetzen. So viel zum Fall Rügen, einem exemplarischen, wenn es um Fälschungen des 12. Jh. für das frühe Mittelalter geht und aufschlussreich für die Einschätzung des großen Wibald.</p>
<p>Schließen wir nun unsere Corveyer<em> chronique scandaleuse</em> mit einigen letzten urkundlichen Nennungen.</p>
<p>„Ludwig [der Deutsche] schenkt dem Kloster Korvei die villa Litzig mit den dazu gehörenden Leuten. [...] Aachen 870 September 25&#8243; [Kehr 1934; Nr. 132]. Gilt offiziell zu Abwechslung als echt: Das umfangreiche Hofgut Litzig (<em>Lizzicha, Liziazi, izyazi</em>), das Ludwig hier verschenkt, liegt bei Traben-Trarbach; dort wird die Urkunde als früheste Ortserwähnung gefeiert. <strong>873-885</strong>:</p>
<blockquote><p>„Ludwig [der Deutsche] beurkundet, daß im Sinne der von Ludwig dem Frommen dem Kloster Korvei verliehenen Immunität auch die Zehnten von den Fronhöfen nicht an die Bischöfe, sondern an das Kloster abzuliefern seien. [...] Aachen 873 Juni 16&#8243; [Kehr 1934; Nr. 184].</p></blockquote>
<p>Dieses Pergament gilt allgemein als gefälscht &#8211; pardon &#8211; verunechtet, nicht zuletzt wegen des ungewöhnlichen Inhaltes! Immunitäten mussten von den Fälschern wohl dauernd erneuert werden, denn<strong> </strong>es heißt<strong> </strong>für <strong>882</strong> wieder: „Karl [III.] bestätigt dem Kloster Korvei Immunität mit Königsschutz&#8221; [Kehr 1937; Nr. 62]. Und &#8211; dreifach genäht hält besser &#8211; noch einmal für <strong>887</strong>:</p>
<blockquote><p>„Karl [III.] bestätigt dem Kloster Korvei die von Ludwig dem Frommen verliehene Befreiung von der Heerespflicht mit der Einschränkung, daß  während der gegenwärtigen Bedrohung des Reiches 30 Edelleute als Begleiter des Abtes als königlichen Missus von ihr frei, die übrigen aber zum Heeresdienst verpflichtet sein sollen, und schenkt dem Kloster Lehen im Wesigau und in Hessen zu eigen&#8221; [Kehr 1937, Nr. 158].</p></blockquote>
<p>Hier zweifelt die Zunft, vertreten durch P. Kehr [1937, 255 f.] und vermerkt: „verunechtet?&#8221;, obwohl dann weiter ausgeführt wird, dass letztlich doch keine Zweifel an der <em>Echtheit und der Originalität</em> bestehen.</p>
<p>Hier sei die fantomzeitliche <em>chronique scandaleuse</em> beendet; sie ließe sich fortsetzen. Wir halten fest: Schon vor Faußner sind etliche dieser Urkunden als gefälscht erachtet worden und hätten misstrauisch machen können und sollen: bezüglich der Corveyer Geschichte, der Einschätzung des Abtes Wibald und bezüglich des benediktinischen <em>Heiligen Sankt Odysseus</em>. Wie dargelegt, beruhen die Datierungen des <em>Westwerks</em> in die von uns so genannte Fantomzeit auf &#8211; obendrein dürftigen &#8211; Fälschungen, die in der Zeit nach dem Wormser Konkordat, erstellt wurden.</p>
<p><strong>Anregung 6: Man misstraue auch schriftlichen Zeugnissen der Neuzeit: die </strong><em><strong>Corveyer </strong></em><em><strong>Lügenhistoriker</strong></em></p>
<p>Wir verlassen das Mittelalter und dürfen feststellen, dass es in Corvey einen Fälschungsvirus geben haben muss, den vielleicht Wibald eingepflanzt hat. Als im 17. Jh. ein Ruck durch die Abtei ging und die Barockkirche gebaut wurde, sammelte man dort auch <em>fleyßig </em>Geschichtsdaten:</p>
<blockquote><p>„Im Zusammenhang mit der Barockzeit in Corvey ist die Rezeptionsgeschichte der Corveyer Annalen von außerordentlicher Bedeutung. Die Beda-Handschrift wurde mit ihren wichtigen Notizen zur Institutsgeschichte über die Jahrhunderte in der Corveyer Klosterbibliothek aufbewahrt. [...] Im Dreißigjährigen Krieg ging die Beda-Handschrift während der Plünderung Corveys im Jahre 1634 verloren. Die mit Mühe wieder hergebrachten Reste wurden seitdem als kostbare Cimilie gehütet. Unter der Administration des Münsteraner Fürstbischofs Christoph Bernhard von Galen, dem Bauherrn der Klosterkirche des 17. Jahrhunderts, begann im Rahmen der Neuordnung aller klösterlichen Besitzstände ein groß angelegtes Sammeln und Ordnen des überkommenen Archivmaterials. Aus Interesse an einer schriftlichen Überlieferung der institutionellen Tradition ließ er 1664 zur erneuten Komplettierung der Corveyer Geschichtsschreibung die sogenannten »Copionale secundum« anlegen. In diesem Band steht eine bis heute überlieferte Abschrift [!] der Corveyer Annalen.&#8221; [Johlen, 97]</p></blockquote>
<p>Und Johlen [97 f.] gießt weiter Wasser in diesen schon arg verdünnten Annalenwein des Klosters zu Höxter:</p>
<blockquote><p>„Zeigt das beharrliche Aufzeichnen annalischer Texte durch Jahrhunderte hindurch den Willen zur Kontinuität innerhalb der Mönchsgemeinschaft, so liegt die Besonderheit der Historia in der Ungleichzeitigkeit von Geschehen und erneuter Aufzeichnung. [...] um den Nachweis einer ungebrochenen Tradition fortführen zu können.&#8221;</p></blockquote>
<p>Diese „Ungleichzeitigkeit von Geschehen und erneuter Aufzeichnung&#8221;,<em> </em>wie es hier so schön formuliert ist, heißt auf gut deutsch: Wir schreiben uns unsere Geschichte so zusammen wie wir sie brauchen, ohne große Rücksicht auf das tatsächliche Geschehen.</p>
<p>In fragwürdiger Weise hilfreich<em> </em>waren<em> </em>dabei die tatsächlich so genannten Corveyer<em> </em>„Lügenhistoriker&#8221;, die im Dunstkreis des Klosters arbeiteten, wie z.B. Christianus F. Paullini (1643-1711).</p>
<div id="attachment_754" class="wp-caption aligncenter" style="width: 510px"><a href="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander24.jpg" rel="lightbox[719]"><img class="size-full wp-image-754" title="corvey_anwander24" src="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander24.jpg" alt="Christian F. Paullini, Quelle: http://www.orvoslas-ekf.eu/pecs/paullini.jpg" width="500" height="766" /></a><p class="wp-caption-text">Christian F. Paullini, Quelle: http://www.orvoslas-ekf.eu/pecs/paullini.jpg</p></div>
<p>Dieser steht u.a. in Verdacht, das <em>Chronicon Hüxariense </em>verfasst/verfälscht zu haben, und er hatte mit den Annalen zu tun:</p>
<blockquote><p>„Von den Nachkommen des Hersfelder Rektors Michael Uranius, mit dem er mütterlicherseits verwandt war, erhielt Paullini angeblich die Originalhandschrift der Ann. Corb. Leider gab er sie, mit den übrigen Originalen seiner Editionen, einem Humanistenbrauche folgend, in die Druckerei, wo sie zu Grunde ging.&#8221; [Backhaus, 8]</p></blockquote>
<p>(Immer diese Reißwolf-Druckereien. Originalhandschriften aus Klöstern waren doch sicher auch im 17. Jh. noch gut bezahlt?) Paullini hatte schon zu Lebzeiten einen so schlechten Ruf als Erfinder und Verfälscher, dass er an die  Originale der Klosterbibliothek in Corvey nicht herangelassen wurde [ebd., 25].</p>
<p>Ein weiterer Corvey-Skribent mit nachgewiesenen Fälschungen ist Johann Friedrich Falke (1699-1753); er hat ein <em>Chronicon Corbeiense</em> verfasst, von der auch die <em>Vita Sancti Ansgari</em> abhängen soll. Das Werk wurde nicht einmal in die Monumenta aufgenommen. Es ist verwandt mit der Chronik von Widukind, einem Wibald-Werk [s. Anwander 2007b]; Backhaus [30] meint hierzu:</p>
<blockquote><p>„Die Erzählung der Ungarnkriege ist in der Chronik viel ausführlicher und lebendiger als bei Widukind. Sieht man aber näher zu, so macht man die Entdeckung, daß ganze Partieen der Darstellung wörtlich aus Caesar entlehnt sind, und zwar sind das gerade die Partieen, die bei Widukind fehlen.&#8221;</p></blockquote>
<p>Sollte dem Widukind im 10 Jh. der Cäsar noch nicht vorgelegen haben in der so reichlich mit antiken Werken ausgestatteten Bibliothek des 9. Jh. [s. Otte]? Backhaus schließt daraus, dass nur Falke den alten Widukindtext für sein <em>Chronicon</em> mit Cäsartexten angereichert haben kann.</p>
<p>Das Thema ist schier unerschöpflich; so sollen nur noch zwei Namen wichtiger Fälscher genannt sein: Harenberg und Letzner, um abschließend mit Johlen [139] festzustellen:</p>
<blockquote><p>„Man verfolgte &#8211; nicht zuletzt auch mit dem Wirken der sogenannten Corveyer „Lügenhistoriker&#8221;, die durch umfangreiche Geschichtsfälschungen die Tradition der Corveyer Institution betonen sollten &#8211; das Ziel, die geschichtliche Bedeutung Corveys zu glorifizieren, um seine eigene Position zu stärken.&#8221;</p></blockquote>
<p>So dürfte es gewesen sein mit der Geschichtsschreibung zu Corvey. Leider wird diese schlechte Tradition offensichtlich bis heute gepflegt!</p>
<p><strong>Resümee 1: Armes Corvey</strong></p>
<p>Lesen wir dazu noch einmal kurz aus der Geschichte des Klosters Corvey, wie sie beispielsweise ganz liebevoll &#8211; von Studenten der Uni Paderborn &#8211; im Internet dargestellt ist [http: groups, S. 5]:</p>
<blockquote><p>„Die Geschichte Corveys hängt zusammen mit der kulturellen Entwicklung Europas im frühen Mittelalter. Der Bau der 844 geweihten Klosterkirche &#8211; einer schmalen dreischiffigen Basilika mit Querschiff und Umgangsapsis &#8211; wurde um 830 begonnen. Die Bedeutung Corveys in dieser Zeit bezeugen die Hauptpatrozinien St. Stephanus und St. Vitus. Die ersten 400 Jahre der Geschichte des Klosters waren geprägt durch eine wirtschaftliche und kulturelle Blüte. Das Kloster besaß unter anderem eine Bibliothek mit herausragenden Objekten der Buch- und Schreibkunst, in der kostbare Schriften aus der Antike aufbewahrt wurden. Ab dem 10. Jahrhundert löste sich Corvey von der westfränkischen Kultur, womit der  unaufhaltsame Niedergang begann. Der letzte bedeutende Abt des ausgehenden [?] Mittelalters war Wibald von Stablo (1146-1158).&#8221;</p></blockquote>
<p>Jeder einzelne Satz hier ist &#8211; wie dargelegt &#8211; unzutreffend (wie bei den anderen Internetjubelauftritten s.o.). Man darf sich über die Naivität dieser Studenten wundern; (Immer schön nachbeten, was einem gesagt wird und um Gotteswillen nicht selber denken und kritisch forschen, das schadet nur der Karriere)! Auf ähnlich hohem wissenschaftlichem Niveau wie diese Studenten bewegen sich Claussen, Skriver, Lobbedey u. a., wenn sie mithilfe der zitierten schriftlichen Quellen meinen, ihren Odysseus mit Gewalt christianisieren zu müssen, um damit das erste und letzte <em>karolingische Westwerk</em> als Weltkulturerbe zu installieren.</p>
<p>Man könnte nun milde den Corveyer Hauptfälscher Wibald als fürsorglichen Mann sehen, der versuchte &#8211; <em>cosi fan tutte</em> &#8211; seine Klöster (und er liebte Klöster [s. Jakobi, 281-288]) heil durch die Zeiten zu steuern. Das kann aber heute kein Grund dafür sein, ihm und seinen infizierten Nachfolgern als Wissenschaftler auf den Leim zu gehen.</p>
<p><em><strong>Daher: armes Corvey!</strong></em> <em>Selbst Dein Name ist erfälscht, und kein Mönch kam je im 9. Jh. von Corbie zu Dir! Kein Ansgar, kein Radbertus, kein Adelhard oder sonstwer war je in Deinen Mauern zu Gast oder hat von hier aus Norddeutschland, Rügen oder gar Skandinavien missioniert! Kein Karl der noch so Große oder Lothar I. hat im 9. Jh. Rügen für Dich erobert. Im frühen Mittelalter zierte Dich keine Bibliothek mit antiken Werken, brachte keine Klosterschule Schüler hervor, fertigte kein Skriptorium Urkunden und Annalen aus, wurden Dir keine Reliquien von Saint-Denis überbracht &#8211; denn diese Zeit existierte nicht, und Deine (längst abgerissene) Basilika dürfte frühestens im 10. Jh. und keinesfalls 844 errichtet worden sein. Und Dein aufregendes sog. karolingisches Westwerk ist ein verschandelter römischer Bau, mit schlecht konservierten und geschützten, verblassenden Fresken.</em></p>
<p><em>Wissenschaftlich-nüchtern betrachtet spricht also nichts für Deine Existenz im Frühmittelalter. Du hättest bessere Wissenschaftler verdient, denn Du bist ein ganz heller Stern am Himmel der abendländischen Baukunst. </em></p>
<p>Aber das Westwerk soll vermutlich deshalb um jeden Preis frühmittelalterlich glänzen, weil es die einzige und damit auch letzte karolingische Westwerk-Trutzburg ist, zu der sie von<em> </em>Effmann &amp; Co<em> vor </em>rund hundert Jahren verklärt wurde. Die heutigen AutorInnen stehen damit in der wenig ruhmreichen Tradition national berauschter Trutzwestwerkforscher wie<em> </em>Nordhoff, Effmann, Fuchs <em>u.a. </em>[s. Anwander 2007a] und bilden hoffentlich den überfälligen Abschluss dieser unguten Serie. Und Corvey ist offiziell neben Aachen das einzig verbliebene nahezu ganz erhaltene Bauwerk der Karolingerepoche  überhaupt und das auch noch angesichts der Tatsache, dass Aachen längst wankt[s. Illig ab 1992; Hoffmann lt. Illig/Niemitz 2004]</p>
<p>Würde die Datierung des Oktogons zu Aachen für 800 auch offiziell fallen, dann wäre Corvey die allerletzte Zufluchtsstätte für die von Zweiflern bedrängten Freunde karolingischer Baukunst. Würde dieses Corvey dann auch noch verschwinden, dann blieben nur noch die Gräber, Grüfte und Krypten, in denen Franken und Karolinger nach der spöttischen Vermutung eines Journalisten angesichts der großen Frankenausstellung von 1996 einst ausschließlich hausten<em> </em>[<a href="http://www.mantis-verlag.de/c.html">http://www.mantis-verlag.de/c.html</a>]<em>. </em>Das alles hat Corvey nicht verdient, denn</p>
<p><strong>Resümee 2: Reiches Corvey</strong></p>
<p>Es gibt Hoffnung für Corvey &#8211; und den Machern des Regionalmarketingkonzeptes von Höxter und Corvey kann man nur empfehlen, baldigst das <em><strong>römische Corvey</strong></em><em> </em>zu propagieren, das obendrein wesentlich bedeutsamer und zugkräftiger wäre als das zweifelhafte karolingische. Wo sonst nördlich der Alpen und weit jenseits von Limes und rechts des Rheins gibt es römische Gebäude- und Freskenreste? Als angenehmer Nebeneffekt muss die spätantik-römisch-germanische Geschichte im norddeutschen Raum neu geschrieben werden; Autoren der <em>Zeitensprünge</em> und andere sind schon seit längerer Zeit an der Arbeit.</p>
<p>Als weiterer Aspekt sei kurz angedeutet: Wenn Corveys Westbau römischen Ursprungs ist &#8211; wovon wir ausgehen &#8211; dann eröffnet dieser Befund neue Perspektiven für die Entwicklungsgeschichte abendländischen Kirchenbaues. Dann besteht ein wesentlich engerer Einfluss römischer Baukunst auf Anfänge und Ausprägungen ottonisch-romanischer Architektur, als bisher angenommen werden konnte. Corvey als repräsentativer Römerbau dürfte dank seiner Qualität und handwerklichen Solidität ein Schlüsselbauwerk, insbesondere für die niederdeutsche Romanik gewesen sein!</p>
<p>Unter diesem neuen Aspekt würden auch die lächerlich wirkenden Begriffe der alten Westwerkdebatte wie <em>Degenerationsentwicklung</em> und/oder <em>reduziertes Vollwestwerk</em> einen Rest von Sinn erhalten, da das Ursprungs-Westwerk ein Relikt aus einer anderen, hochentwickelten (Bau-)Kultur darstellt und nicht Produkt der fiktiven Super-Karolinger [s. Anwander 2007a].</p>
<p><em><strong>Daher: Reiches Corvey!</strong></em><em> Betrachtet man allein den Aufriss des Obergeschosses Deines Westbaues </em>(s. Abb.), <em>dann hat man die Gliederungselemente einer romanischen Basilika vor sich: Arkaden mit einem Biforium darüber, und dann eine Fensterreihe. Sieht man das zusammen mit Deinem interessanterweise seit altersher als „Krypta&#8221; bezeichneten Raum </em>[Dehio, 244],<em> also Deinem vormaligen Quadrifrons, tatsächlich als eine solche, dann darfst Du als  fast perfektes Vorbild einer romanischen Basilika gelten. Und damit bist Du eines der wichtigen Vor-Bilder für den abendländischen Kirchenbau!</em></p>
<p><em>Auch der Umstand, dass Du aus einem Römerbau in ein Kloster umgewandelt wurdest, müsste die Fantasie der Zunft und aller Geschichtsinteressierten beflügeln, besonders angesichts der Fantomzeitthese, die richtigerweise die Epoche der Romanik um rund 300 Jahre näher an die Antike rückt</em>.</p>
<div id="attachment_755" class="wp-caption aligncenter" style="width: 510px"><a href="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander25.jpg" rel="lightbox[719]"><img class="size-full wp-image-755" title="corvey_anwander25" src="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corvey_anwander25.jpg" alt="Corvey Westbau, isometrische Darstellung, Quelle: S/W II: 568" width="500" height="654" /></a><p class="wp-caption-text">Corvey Westbau, isometrische Darstellung, Quelle: S/W II: 568</p></div>
<p>Wäre das alles nicht mehr als ein Grund zum Feiern und Grund genug, um zu Recht Weltkulturerbe zu heißen? (Wir begrüßen den Antrag für die Unesco!) Aber vielleicht handelt man auch in Corvey &#8211; nach wie vor in schlechter Wibaldtradition und anderer Corveyer Lügenhistoriker stehend &#8211; lieber gemäß des Mottos:</p>
<p><em><strong>mundus</strong></em><em><strong> vult decipi</strong></em><strong>, </strong><em><strong>ergo decipiatur!</strong></em></p>
<p><em>Die Welt will betrogen sein, darum sei sie betrogen! Vergessen wir daher  alles was wir hier über Corvey ermittelt haben &#8211; der leichtgläubige Bildungsbürger Europas wird weiter die altvertrauten Corveyer Geschichten abkaufen, das letzte </em><em>Karolingerbauwerk besuchen, bestaunen und dabei reichlich Euros zurücklassen!</em></p>
<p><strong>Literatur </strong></p>
<p>Anwander, Gerhard (2000): Von Klöstern, Karolingern und Konkordat; in <em>Zeitensprünge </em> 12 (4) 680-709</p>
<p>- (2007a): Wo ein Wille ist, ist auch ein Westwerk! Ein Kernbauwerk der Karolingerzeit erweist sich als Hirngespinst; in <em>Zeitensprünge</em> 19 (1) 185-212</p>
<p>- (2007b): Auf den Spuren der <em>Germania</em> und anderer Fälschungen; in <em>Zeitensprünge</em> 19 (2) 413-442</p>
<p>- (2008): Der Fall Corbie-Corvey oder Fantomzeitliches Blühen dank Wibald? In <em>Zeitensprünge</em> 20 (2) 375-385 und <a title="http://www.fantomzeit.de/?p=669" href="http://www.fantomzeit.de/?p=669">http://www.fantomzeit.de/?p=669</a></p>
<p>Backhaus, Johannes (1906): Die Corveyer Geschichtsfälschungen des 17. und 18. Jahrhunderts; in <em>Philippi,</em> 1-47</p>
<p>Bastin, Joseph: <em>Wibald, Abbé de Stavelot et Malmedy, du Mont-Cassin et de Corbie</em>. Verviers 1931</p>
<p>Böhmer, J.F. (1966): <em>Regesta Imperii. I. Die Regesten des Kaiserreichs unter den Karolingern 751-918;</em> Hildesheim</p>
<p>Claussen, Hilde (1996): Zum Abtshaus des Wibald von Stablo im Kloster Corvey; in Hans Rudolf Sennhauser (Hg., 1996): <em>Wohn- und Wirtschaftsbauten frühmittelalterlicher Klöster; </em>Zürich, 27-31</p>
<p>- (1999): Wandmalerei mit Odysseus und Skylla; in <em>Stiegemann/Wemhoff, </em>583-585</p>
<p>Claussen, Hilde / Staubach, Nikolaus (1994): Odysseus und Herakles in der karolingischen Kunst; in <em>Festschrift für Karl Hauck zum 75. Geburtstag</em> (Hg. Keller/Staubach); Berlin, 83-105</p>
<p>CS = Claussen, Hilde / Skriver, Anna (2007): <em>Die Klosterkirche Corvey. Band 2: Wandmalerei und Stuck aus karolingischer Zeit.</em> Denkmalpflege und Forschung, Bd. 43,2; Mainz</p>
<p>Dehio, Georg (1969): <em>Handbücher der Deutschen Kunstdenkmäler Nordrhein-Westfalen. II. Westfalen</em><em>; </em>München · Berlin</p>
<p>Effmann, Wilhelm (1929): <em>Die Kirche der Abtei Corvey.</em> Hrsg. von Alois Fuchs; Paderborn</p>
<p>Fälschungen = <em>Fälschungen im Mittelalter. Internationaler Kongreß der Monumenta Germaniae Historica, München, 16. &#8211; 19. September 1986 </em>(1988); Hannover</p>
<p>Faußner, Hans Constantin (1988): Zu den Fälschungen Wibalds von Stablo aus rechtshistorischer Sicht; in <em>Fälschungen </em>III:143-200</p>
<p>- (2003): <em>Wibald von Stablo. Band I, 3. Die Urkunden für Empfänger in Frankreich, Burgund und im Deutschen Reich; </em>Hildesheim</p>
<p>- (2008): <em>Wibald von Stablo. Band II, 2.</em> (Im Druck); Hildesheim</p>
<p>Franz, Dietmar (2008): <em>Rätsel um Potsdams Ersterwähnung: Urkundenfälschungen auf Otto III.; </em>Gräfelfing</p>
<p>groups = http://groups.uni-paderborn.de/stroeter-bender/medien/download/CorveyBuchNRW.pdf</p>
<p>Heinsohn, Gunnar (2001): Maurer der Kaiser und Kaiser der Maurer. Eine Glosse zum karolingischen Ingelheim; in <em>Zeitensprünge</em> 13 (3) 463-466</p>
<p>Illig, Heribert (1993): Das Ende des Hl. Benedikt? Der andere „Vater des Abendlandes&#8221; wird auch fiktiv; in <em>Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart</em> 5 (2) 023-028</p>
<p>- (1996): <em>Das erfundene Mittelalter;</em> Düsseldorf, spätere Auflagen in München</p>
<p>- (1997): ‘Karolingische&#8217; Torhallen und das Christentum; in <em>Zeitensprünge</em> 9 (2) 239-259</p>
<p>- (1998): Römisches Corvey. Heribert Klabes&#8217; These; in <em>Zeitenspr</em>. 10 (3) 492-496</p>
<p>- (1999): Paderborns prachtvolle Fantomzeit. Ein Rundgang durch die Karolinger-Ausstellungen; in <em>Zeitensprünge</em> 11 (3) 403-438</p>
<p>- (2007): Arbeitsentlastung für Wibald. Eine Wandlung der These von Hans Constantin Faußner; in <em>Zeitensprünge</em> 19 (2) 407-412</p>
<p>- (2008): Frauenchiemsee &#8211; noch älter !? Vom konsequenten Agilolfingisieren; in <em>Zeitensprünge</em> 20 (2) 386-414</p>
<p>Illig, Heribert / Lelarge, Günter (2001): Ingelheim &#8211; karolingisch oder römisch? in <em>Zeitensprünge </em>13 (3) 467-492</p>
<p>Jakobi, Franz-Josef (1979): <em>Wibald von Stablo und Corvey 1098-1158 Benediktin. Abt in d. Frühen Stauferzeit; </em>Münster</p>
<p>Janssen, Johannes (1854): <em>Wibald von Stablo und Corvey; </em>Münster</p>
<p>Johlen, Beate (2000): <em>Die Auswirkungen der Gegenreformation auf den Sakralbau des 17. Jahrhunderts. Reform und Tradition am Beispiel des Wiederaufbaues der ehemaligen Benediktinerabteikirche Corvey / Westfalen im Jahre 1667;</em> Bonn</p>
<p>Kehr, Paul Fridolin (1934): <em>Die Urkunden der Deutschen Karolinger. Erster Band. Die Urkunden Ludwigs des Deutschen, Karlmanns und Ludwigs des Jüngeren;</em> Berlin</p>
<p>- (1937): <em>Die Urkunden der Deutschen Karolinger. Zweiter Band. Die Urkunden Karls III.;</em> Berlin</p>
<p>- (1955): <em>Die Urkunden der Deutschen Karolinger. Dritter Band. Die Urkunden Arnolfs; </em>Berlin</p>
<p>Klabes, Heribert (1997): <em>Corvey. Eine karolingische Klostergründung an der Weser auf den Mauern einer römischen Civitas;</em> Höxter</p>
<p>- (2008): <a title="http://www.fantomzeit.de/?p=315" href="http://www.fantomzeit.de/?p=315"><em>Corvey. Eine karolingische Klostergründung an der Weser auf den Mauern einer römischen Civitas;</em> leicht überarbeitete 2. Auflage</a>; Verlag Andreas Otte</p>
<p>Kloppenburg, Franz (2007): Das Westwerk von Corvey &#8211; ein Problem ohne Ende? in <em>Zeitensprünge</em> 19 (3) 610-616</p>
<p>Klosterregion = <a title="http://klosterregion.de/hoexter/corvey_t.htm" href="http://klosterregion.de/hoexter/corvey_t.htm" target="_blank">http://klosterregion.de/hoexter/corvey_t.htm</a></p>
<p>Koebler<em> = </em><a title="http://koeblergerhard.de/ZRG121Internetrezensionen/FortschrittdurchFaelschungen.htm" href="http://koeblergerhard.de/ZRG121Internetrezensionen/FortschrittdurchFaelschungen.htm" target="_blank">http://koeblergerhard.de/ZRG121Internetrezensionen/FortschrittdurchFaelschungen.htm</a></p>
<p>Kölzer, Theo (2001): <em>Die Urkunden der Merowinger;</em> Hannover</p>
<p>Krüger, Karl, Heinrich (1988): Corveys Anspruch auf Rügen im 12. Jahrhundert; in: <em>Fälschungen</em> III: 373-396; Hannover</p>
<p>lwl = <a title="http://lwl.org/pressemitteilungen/mitteilung.php?urlID=17622" href="http://lwl.org/pressemitteilungen/mitteilung.php?urlID=17622" target="_blank">http://lwl.org/pressemitteilungen/mitteilung.php?urlID=17622</a></p>
<p>Mann, Ludwig (1875): <em>Wibald, Abt von Stablo und Corvei nach seiner politischen Thätigkeit; </em>Halle</p>
<p>Matt, Peter von (2006): <em>Die Intrige. Theorie und Praxis der Hinterlist;</em> München</p>
<p>Monumenta = <a title="http://www.dmgh.de/" href="http://www.dmgh.de/" target="_blank">http://www.dmgh.de/</a> (Urkunden der MGH)</p>
<p>Mühlbacher, Engelbert (1956): <em>Die Urkunden der Karolinger. Erster Band. Die Urkunden Pippins, Karlmanns und Karls des Großen;</em> Berlin</p>
<p>Niemitz, Hans-Ulrich / Illig, Heribert (2004): Aachen: alt, ganz alt oder noch älter? Eine Neueinschätzung durch Volker Hoffmann; in <em>Zeitensprünge</em> 16 (2) 272-278</p>
<p>Otte, Andreas (2007): <a title="http://www.logistik-des-varus.de/?p=77" href="http://www.logistik-des-varus.de/?p=77" target="_blank">Die Annales 1-6 des Tacitus. Eine Betrachtung</a>; in <em>Zeitensprünge</em> 19 (3) 617-621</p>
<p>Philippi, Friedrich (Hg, 1906): <em>Abhandlung über Corveyer Geschichtsschreibung. Bd. 1. Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen;</em> Münster</p>
<p>Schieffer, Theodor (1966): <em>Die Urkunden der Karolinger. Dritter Band. Die Urkunden Lothars I und Lothars II.;</em> Berlin · Zürich</p>
<p>Schönfeld de Reyes, Dagmar von (1999): <em>Westwerkprobleme. Zur Bedeutung der Westwerke in der kunsthistorischen Forschung;</em> Weimar</p>
<p>Schümer, Dirk (1992): Skylla und Skulptur. Ein karolingischer Fund im Kloster Corvey; in <em>FAZ,</em> 24. 12. 1992</p>
<p>Stephan-Kühn, Freya (1973): <em>Wibald als Abt von Stablo und Corvey und im Dienste Konrads III; </em>Köln</p>
<p>Stiegemann, Christoph / Wemhoff, Matthias (Hg., 1999): <em>799 &#8211; Kunst und Kultur der Karolingerzeit. Karl der Große und Papst Leo III. </em>3 Bände;<em> </em>Mainz.</p>
<p>Süßmann, Gustav (1986): <em>Die Kaiserurkunden Karls des Großen vom 1. 12. 811 und 9. 5. 813, echt oder falsch?</em> Staufenberg</p>
<p>S/W s. Stiegemann/Wemhoff</p>
<p>tah = <a title="http://tah.de/lokales/lokal_reportagen/319038.html" href="http://tah.de/lokales/lokal_reportagen/319038.html" target="_blank">http://tah.de/lokales/lokal_reportagen/319038.html</a></p>
<p>Wiesemeyer, Helmut (1962): Die Gründung der Abtei Corvey im Lichte der Translatio Sancti Viti; in <em>Westfälische Zeitschrift</em> (112) 245-274, Münster</p>
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		<title>Der Fall Corbie-Corvey oder: vom fantomzeitlichen Blühen dank Wibald von Stablo</title>
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		<pubDate>Mon, 05 Jan 2009 01:00:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gerhard Anwander</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>von Gerhard Anwander (Überarbeitete Version aus <a title="http://www.mantis-verlag.de/?page_id=369" href="http://www.mantis-verlag.de/?page_id=369" target="_blank">Zeitensprünge 02/2008</a>)</h3>
<p>Das später so genannte Kloster Corvey bei Höxter befand sich unter Abt Adalbert (1138-1144) in Nöten, dank seines rabiaten Erbvogtes namens Siegfried IV., Graf von Boyneburg: [Faußner 2008; 584]</p>
<blockquote><p>&#8220;&#8230; da der Klosterherr, <em>Erbvogt Siegfried</em>, seinen Todfeind in Abt Adelbert sah, der wohl gegen seinen entschiedenen Willen Abt geworden war, und sich wie ein Berserker gebärdete. So drohte er nach dem Tode Adelberts dem Konvent, sollte dieser nicht seinen Bruder Heinrich zum Nachfolger wählen, daß er den in der Kirche aufgebahrten Leichnam vor ihnen allen aus dieser hinauswerfen lasse. Und diese Drohung mußte der Konvent bitterernst nehmen.&#8221;</p></blockquote>
<p><!--more--></p>
<p>Derartiges ward ausgesprochen, obwohl Adalbert nicht irgendwer war, sondern ein Halbbruder des Welfen Heinrichs des Stolzen, Herzog von Sachsen und Bayern (und Vater Heinrichs des Löwen). Um sich dieses rüden Erbvogtes zu erwehren, konsultierte Adalbert einen &#8211; wie man heute sagen würde &#8211; bekannten Unternehmensberater namens Wibald von Stablo. Dieser studierte den Fall und Faußner [2008; 584 f.] berichtet von den Ergebnissen:</p>
<blockquote><p>&#8220;Nachdem es zur Frühgeschichte des Klosters keinerlei Quellen gab, kam Wibald der kühne Gedanke, historisch aufzuzeigen, daß dieser Wüterich sich völlig unberechtigt als Erbvogt des Klosters aufspielt, da das Kloster in Wirklichkeit eine königliche Tochterstiftung des hochangesehenen karolingischen Königsklosters <em>Corbie an der Somme </em>ist, gegründet von dessen beiden großen Äbten aus dem Karolingerhaus <em>Adalhard d. Ä. (780-826) </em>und seinem Bruder <em>Wala (826-836).&#8221;</em></p></blockquote>
<p>Betrachten wir daher die Frühgeschichte dieses sog. Mutterklosters näher, um zu prüfen, ob sich Wibald wenigstens hier auf historisch gesicherte Substanz stützen konnte; wir zitieren aus <em>Wikipedia</em> 2008:</p>
<blockquote><p>&#8220;Corbie ist ein ehemaliges Kloster in Frankreich im Tal der Somme. Zwischen 657 und 661 wurde es von der merowingischen Königin Balthild gegründet und mit knapp 22.000 ha Land reich ausgestattet.&#8221;</p></blockquote>
<p>Interessant sind daran zwei Dinge: zum einen die enorme Ausstattung mit Ländereien von 22.000 Hektar. Selbst heute noch wären viele Bauern froh,  wenn sie über 22 ha verfügen würden, so dass man sagen könnte, dass Corbie &#8211; zumindest laut Quellenlage &#8211; damals mit Ländereien von etwa 1000 Landwirten heutiger mittlerer Größe als Gründungsgabe ausgestattet war. Geht man davon aus, dass bei den damaligen Verhältnissen ein 22-ha-Hof nur einen Menschen zusätzlich mit Nahrungsmitteln versorgen könnte, wäre eine stattliche Klosterbesatzung von 1.000 Menschen vorstellbar.</p>
<div>
<div id="attachment_670" class="wp-caption aligncenter" style="width: 510px"><a href="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corbie01.jpg" rel="lightbox[669]"><img class="size-full wp-image-670" title="corbie01" src="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corbie01.jpg" alt="Bildquelle: Michelin-Reiseführer" width="500" height="377" /></a><p class="wp-caption-text">Plan der Abtei Corbie bei Amiens, Bildquelle: Michelin-Reiseführer, Seite 149</p></div>
</div>
<p>Der zweite auffällige Befund ist der, dass eine Königin, also eine Frau als Stifterin auftritt, wie die Urkunde vermerkt, die eigentlich nicht die eigentliche sein kann, denn für den Zeitraum von 657 &#8211; 661 heißt es nur:<strong> </strong></p>
<blockquote><p>&#8220;Chlothar III. schenkt dem von seiner Mutter Balthild gegründeten Kloster Corbie genannten Besitz und verleiht ihm die Immunität.&#8221; [Kölzer, Nr. 86]</p></blockquote>
<p>Es handelt sich also hier um die Gründungsurkunde von Corbie, denn auch in der <em>Wikipedia</em> wird nur dieser Gründungszeitraum 657-661 genannt und Bathild oder Balthild konnte selbst keine Königsurkunde ausstellen, denn sie war nur die Gemahlin Chlothars II. Ob, wann und wie sie das Kloster vorher gegründet hat, ist nicht dokumentiert.</p>
<p>Ihr Lebenslauf erinnert an (Wibald-)Legenden: Sie kam als mittel- und besitzlose Sklavin angelsächsischer Herkunft oder (!) als angelsächsische Fürstentochter an den neustroburgundischen Hof, wo sie Chlothar II. von ihren Tugenden überzeugen konnte, so dass dieser sie heiratete. 651 gebar sie ihm Chlothar III. Dieser wurde nach dem Tod Chlothars II. 656:</p>
<blockquote><p>&#8220;König unter Regentschaft seiner Mutter Balthild und des 657 eingesetzten Hausmeiers Ebroin &#8211; ein Mann, der nach Aussage der Quellen nicht aus den höchsten Kreisen stammte&#8221; [Völkerw.].</p></blockquote>
<p>Clothar III. wäre also im besagten Urkundenausstellungszeitraum gerade 6 bis 8 Jahre alt gewesen und deshalb vermutlich noch nicht rechtsfähig. Bathildis war nur Königinmutter und womöglich niederer Abkunft und der Hausmeier Ebroin stammte auch nicht aus höchsten Kreisen! Somit hat bzw. hätte ein Trio zweifelhafter Reputation für die Gründung und reichliche Grundbesitzausstattung Corbies gesorgt! Fast zwei Dutzend Mal wurde die schon lange Zeit umstrittene Urkunde kopiert und gedruckt [vgl. Kölzer, 221 f.]; sie gilt heute bei Faußner ebenso gefälscht, wie beim Herausgeber der (Merowinger-)Urkunden Kölzer<strong>.</strong></p>
<p>Damit landen wir bei altbekannten Befunden: die Gründung bzw. Schenkung durch eine ebenso fiktive, wie fromme und großzügige Dame sollte das Dotationsgut des Klosters nach 1122 &#8211; dem Wormser Konkordat &#8211; vor Vogtzugriff schützen; zudem weist die Bestätigung durch Chlothar III. das Kloster als Königskloster aus.</p>
<p>Man darf sich &#8211; nebenbei bemerkt &#8211; über <em>Wikipedia</em> wundern, die von der Echtheit dieser Urkunde ausgeht. Schließlich ist Kölzer ein renommierter Mann der Zunft, er ist <em>der</em> Merowingerspezialist und hat seinen Befund 2001 veröffentlicht. Vermutlich legten sich die Verantwortlichen die alte Ausrede zurecht, dass doch ein wahrer Kern in der Sache stecke, wie angeblich bei allen Lügen/Legenden; deshalb müsse man nicht gleich die grandiose Geschichte samt des stattlichen Alters dieses Klosters bezweifeln. Wir erlauben uns aber zu folgern: Bei gefälschter <em>Gründungsurkunde</em> ist auch die Gründung zum postulierten Zeitpunkt nicht erfolgt; es sei denn, dass archäologische und sonstige Befunde dem Kloster dieses Alter bestätigen würden.</p>
<p>Bevor wir diese Frage nach materiellen Resten prüfen, gilt es noch einen Blick auf weitere Daten und Urkunden zu werfen, die selbstverständlich in einem trüben Licht erscheinen, denn Faußner [2003; 22 f.] hat sie alle längst in die Wibald-Fälschungen eingereiht. Wibalds Datenbasis für ein merowingisches Corbie scheint zunächst nicht sehr solide; es besteht der Verdacht, dass er sie selbst erst erschaffen musste.</p>
<p><strong>657</strong>:<strong> </strong>Zu dieser Zeit werden in der nicht gegründeten Abtei zwei Kirchen gebaut: St. Pierre und St. Etienne [Grenier 21 f.].</p>
<p><strong>661</strong> (?): Der zehnjährige Chlothar III. befreit das fiktive Corbie von Zöllen und Wegegeldern. [Kölzer Nr. 96] Kölzer hält wunderlicherweise diese Urkunde wieder für echt (oder für noch nicht gefälscht). Krusch hielt sie ursprünglich auch für gefälscht, lenkte aber ein [ebd., 247] Faußner ist da konsequent: alles Wibald!</p>
<p>Die Urkundenreihe mit ihren durchsichtigen Inhalten und Absichten setzt sich um <strong>700</strong> fort mit einer <em>Ganzfälschung</em>: [ebd., 289 f.]</p>
<blockquote><p>&#8220;Theuderich III. bestätigt den Mönchen von Corbie nach dem Tod des vom Vorgänger eingesetzten Abts Chrodegarius die Wahl des Erembert.&#8221; [ebd., Nr. 113]:</p></blockquote>
<p>Bei der nächsten Urkunde ist sich wiederum die Zunft außer Faußner einig; alles echt und über jeden Zweifel erhaben: [ebd., 424]</p>
<blockquote><p>&#8220;Chilperich II. bestätigt [716] dem Kloster Corbie Urkunden Chlothars III. und Childerichs II. bezüglich der Zolleinkünfte in Fos und einer Tractoria für die klösterlichen missi.&#8221; [ebd., Nr. 171]</p></blockquote>
<p>Und so weiter und so fort: <strong>769</strong> bestätigt Karl der Große dem Kloster die Immunität [Mühlbacher Nr. 57]. <strong>815</strong> bestätigt Ludwig der Fromme die Immunitätsbestätigung Karls des Großen [Böhmer Nr. 571]. Einige Zeit später gewährt er Schutz und Trutz und Gütertausch [ebd., Nr. 820]. Außerdem:</p>
<blockquote><p>&#8220;881 wurde die Abtei Corbie von den Wikingern zerstört, aber wieder aufgebaut; sie erfreute sich weiter königlicher Privilegierung, erreichte jedoch nicht mehr eine so große politische und kulturelle Bedeutung wie in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts.&#8221; [wiki →Corbie]</p></blockquote>
<p>Dieser letztgenannte Befund müsste jeden Archäologen reizen, bräuchte er doch nur den Spaten anzusetzen, um bald auf die angekokelten Reste zweier merowingischer Kirchen und eines ganzen Klosterkomplexes zu stoßen, der seinerzeit eine <em>große politische und kulturelle Bedeutung</em> hatte. Gut 200 Jahre hatte das Kloster Zeit, auf der ökonomischen Grundlage von mindestens 1000 Bauernhöfen Grandioses aufzubauen,. Eine merowingisch-karolingische Ausgrabungssensation würde die nächste jagen! Doch scheint sich noch niemand dieser Entdeckerfreude hingegeben zu haben, denn von derartigen Bemühungen und Relikten ist in der uns erreichbaren Literatur nicht die Rede.</p>
<p>Den uns vorliegenden Werken [Héliot, Grenier] ist kein Hinweis darauf zu entnehmen, auch nicht entsprechenden Kunstführern. Dort ist nur jeweils von den <em>schriftlichen Fakten</em> die Rede. Die heute dort anzutreffende Kathedrale mutet gotisch an, sie ist aber im nachgotischen Stil zwischen 1500 und 1800  errichtet und im 19. Jh. auf die Hälfte gekürzt worden. (Auf der geräumten Hälfte ließe sich trefflich graben; siehe z.B. Saint-Germain d&#8217;Auxerre!).</p>
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<div id="attachment_671" class="wp-caption aligncenter" style="width: 510px"><a href="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corbie02.jpg" rel="lightbox[669]"><img class="size-full wp-image-671" title="corbie02" src="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corbie02.jpg" alt="Kathedrale, Bildquelle: wikipedia" width="500" height="680" /></a><p class="wp-caption-text">Kathedrale, Bildquelle: wikipedia</p></div>
</div>
<p>Für 1052 werden Renovierungsarbeiten vermeldet [Héliot, 19]; vermutlich ist ein erster Bau im 10. Jh. entstanden. Im Museum von Amiens finden sich  als alte (älteste?) Reste aus dem Kloster einige romanische Kapitelle, die &#8211; wie die Abbildung zeigt &#8211; aus dem 12. Jh. stammen dürften..</p>
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<div id="attachment_672" class="wp-caption aligncenter" style="width: 510px"><a href="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corbie03.jpg" rel="lightbox[669]"><img class="size-full wp-image-672" title="corbie03" src="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corbie03.jpg" alt="Kapitelle, Bildquelle: wikipedia" width="500" height="667" /></a><p class="wp-caption-text">Kapitelle, Bildquelle: wikipedia</p></div>
</div>
<p>Wir dürfen also festhalten, ein Mutterkloster von Corvey namens Corbie hat es im siebten, achten oder 9. Jahrhundert allem Anschein nach nicht gegeben: die Urkunden sind gefälscht, materielle Reste nicht vorhanden. Die heutige Städtepartnerschaft Höxter-Corbie kann sich nicht mehr auf Verbindungen der Merowingerzeit berufen.</p>
<p>Faußner macht für diese Erfindungen Wibald verantwortlich; der hat nicht nur Corvey aus Corbie heraus entstehen lassen, sondern er musste auch noch das merowingische Corbie erschaffen. Zunächst ist nicht zu klären, ob er als Hilfe gegen den rabiaten Boyneburg alles in einem Aufwasch erfand, oder ob er Corbie schon früher bei anderer Gelegenheit in ein merowingisches Königskloster <em>verwandelte, </em>das &#8211; als Stiftung einer Frau und erlauchten Herrschern samt Großkarl &#8211; mit zahlreichen Privilegien ausgestattet wurde. Hier wie dort war alles <em>wasserdicht</em>: Kein subalterner Adeliger konnte in Corbie oder Corvey dazwischenregieren und Ressourcen aus dem Kloster pressen und der Graf Boyneburg hatte zu Corvey offensichtlich das Nachsehen.</p>
<p>Wibald hatte bei seiner <em>Beratertätigkeit</em> auch noch die brilliante Idee, dieses von ihm erfundene Merowingerkloster Corbie dem Kloster zu Huxori/Höxter (wie holprig das klingt!) den heute verwendeten, für uns eher poetisch-exotisch anmutenden Namen schenken zu lassen: Aus <em>Corbeia nova</em>, wurde <em>Neu-Corbie</em>, <em>Korvei, Corvei </em>und Corvey!</p>
<p>Und wie es bei Wibald immer so ist, die Geschichte wird nicht nur in einigen Urkunden entfaltet, sondern breit angelegt, vernetzt mit allerlei nützlichen ‘Gschichterln&#8217;, rundum plausibilisiert und verlebendigt.</p>
<p>So lässt er beispielsweise in seiner <em>Vita Sancti Ansgari</em> einen Jungen namens Ansgar in Corbie aufwachsen der dann, von Visionen getrieben, über Corvey gehend und dort eine Schule gründend, eine segensreiche Missionstätigkeit in Norddeutschland und den skandinavischen Ländern entfaltet, zu Ruhm und Ehre von Corbie und Corvey!</p>
<p>Leider brachte er es nur bis zum <em>Sumpfbischof</em> von Hamburg und Bremen und das deshalb, weil seine Wirkungsstätten und die dort vermuteten Kirchengebäude zu damaliger Zeit noch Sumpf oder Ödland waren. Alle archäologischen Bemühungen haben an diesen und ähnlich gelagerten Fällen und Orten kärgliche bis gar keine Spuren zutage gebracht, obwohl Ansgar in Bremen sogar eine Steinkirche bauen ließ und in Hamburg die Wikinger netterweise die hölzerne Basilika abfackelten, und auf diese Weise Überreste konservierten. Dennoch haben die Archäologen bisher keinen Erfolg! Das frustriert einerseits geschichtsbewusste Lokalpolitiker, andererseits werden dadurch die wenigen Arbeitsplätze in der Archäologie gesichert, muss man doch an anderen Orten versuchen, die Reste endlich zu finden, die uns die <em>heiligen </em>Urkunden und sonstigen Schriften verheißen. Man könnte fast Mitleid mit Hamburg haben,  das fast verzweifelt die Reste seiner Hammaburg gesucht hat; von Münster und seinem <em>Sumpfbischof</em> Liudger gar nicht zu reden! [Thiel 2005; Illig 2007a]</p>
<p>Die Hoffnung stirbt zuletzt und bis dahin können die Klöster Corbie und Corvey offiziell weiter mit frühem Ruhm glänzen wovon alle etwas zu haben scheinen: Corbie und Corvey brüsten sich der Merowinger, Karolinger und ihrer großen adeligen Männer und Frauen, samt Bibliotheken, Skriptorien, neuer Schrifttypen (karolingische Minuskel) die Hamburger dürfen weiterhin optimistisch buddeln, und Skandinavien darf sich freuen, schon sehr früh <em>zivilisiert </em>bzw. christianisiert<em> </em>worden zu sein, wenn auch mit Widerständen. Somit wäre alles in schönster Ordnung; nur die Wahrheit bleibt auf der Strecke. Wir wollen ihr hiermit wieder aufgeholfen haben, damit sie ein Stück weiter vorwärtstaumeln kann.</p>
<p>So könnte man das Kapitel hier analog zu anderen Fälschungsgeschichten abschließen. Aber es gilt noch über einen interessanten Verdacht zu berichten. Denn Wibald ließ sich neben Ansgar noch andere edle Männer für Corbie einfallen, wie die mit Karl dem Großen verwandten Äbte Adalhard (780-826) und Wala (826-836) und &#8211; vielleicht auch Paschasius Radbertus? Wir berichten vorsichtig über einen Verdacht, der sich aufdrängt.</p>
<h2>Corbie ein Fälschernest der Extraklasse und wieder Wibald?</h2>
<p>Mit Corbie und diesem seinem Abt Radbertus hat es eine besondere Bewandtnis, wie aus der Zunft verlautet [wiki ADB →Radbertus]:</p>
<blockquote><p>&#8220;Radbertus: (Paschasius) R., Abt von Corbie. R. wurde, wir wissen nicht in welchem Jahre, etwa gegen Ende des 8. Jahrhunderts geboren. Unbekannt ist auch der Ort seiner Geburt, die seiner Mutter das Leben kostete. Von den Benedictinerinnen [!] bei der Kirche der hl. Maria zu Soissons, wo wir also vielleicht seine Heimath zu suchen haben, wurde der verwaiste Knabe aufgezogen und dem Mönchsstande früh geweiht. In das Kloster Corbie unter dem Abte Adalhard, dem Vetter Karl&#8217;s des Großen, trat er ein und erwarb unter diesem, einem Freunde Alkuin&#8217;s als seinem Lehrer eine sehr ausgedehnte classische Bildung. Mit Cicero, Horaz, Terenz, Vergil und den christlichen Dichtern wurde er wohlvertraut, aber die edle Einfalt der Alten blieb ihm fremd,  wenn er auch viel Werth auf die Form legte, er liebte einen dunkeln, weitschweifigen und überladenen Stil.&#8221;</p></blockquote>
<p>Es ist hier nicht nur von Benediktinern [vgl. Illig 1993] die Rede, sondern gar schon von Benediktinerinnen, die ja von der Schwester des &#8211; fiktiven &#8211; Benedikt von Nursia mit dem treffenden Namen <em>Scholastika</em> gegründet worden sein sollen. Immerhin erwähnt auch schon die <em>Wikipedia</em>:</p>
<blockquote><p>&#8220;einige Forscher gehen aufgrund des Fehlens zeitgenössischer Nachrichten sogar davon aus, dass es Benedikt niemals gegeben habe.&#8221;</p></blockquote>
<p>(Wurde etwa Wibald während seiner kurzen Amtszeit im Kloster Cassino dazu inspiriert, die Benedikt-von-Nursia-Scholastika-Geschichte zu erfinden, um für seine für frühe Zeiten erfundenen Klöster ein Besetzung präsentieren zu können?)</p>
<p>Liebhabern Wibalds von Stablo dürften die Stilcharakteristika des Radbertus vertraut sein: dunkel, weitschweifig und überladen und durchsetzt mit &#8220;classischer Bildung&#8221;; das war eben auch sein Stil unter anderen.</p>
<blockquote><p>&#8220;Nach neuesten Forschungsergebnissen des Mediävisten Klaus Zechiel-Eckes war Paschasius Radbertus außerdem Verfasser der Pseudoisidorischen Dekretalen, eine Fälschung, die der Historiker Johannes Haller als den &#8220;größten Betrug der Weltgeschichte&#8221; bezeichnet hat&#8221; [wiki →Corbie].</p></blockquote>
<p>Der Verdacht trifft Radbertus, weil er offensichtlich u.a. Handschriften aus Corbie als einige seiner zahlreichen Vorlagen verwendete; Klaus Zechiel-Eckes gelang die:</p>
<blockquote><p>&#8220;Entdeckung der nach einhelliger Ansicht früher zur Bibliothek des Klosters Corbie am Nordufer der Somme unweit des Reimser Suffraganbistums Amiens gehörigen Handschriften Sankt Petersburg, Russische Nationalbibliothek lat. F. v. I. 11 (Cassiodor, Historia tripartita, geschrieben zwischen 814 und 821) und Paris, Bibliothèque nationale lat. 11611 (Akten von Chalcedon in der Bearbeitung des Rusticus, erstes Viertel neuntes Jahrhundert) als unmittelbare Arbeitshandschriften, auf die Pseudoisidor zugegriffen hat, um seinem Fälschungskomplex Exzerpte einzuverleiben&#8221; [Koebler].</p></blockquote>
<p>Bei Faußner [2006; S. 208 f] sind zwar nur die Bild-Handschriften der russischen Nationalbibliothek <em>lat. F. v. I. 8 </em>und<em> lat. Q.v.I.13, 14 </em>und<em> 21 </em>als von Wibald für Corbie aufgeführt und statt wie dort <em>Paris, Bibliothèque nationale lat. 11611 </em>die Handschriften mit den Endnummern <em>lat. 13170, 12050, 12051, 11627</em>, u.a. Aber es darf  vermutet werden, dass eben noch weitere Handschriften aus dem Besitz des russischen Gesandtschaftssekretärs Dubrowski aus Corbie und damit von Wibald aus dem 12. Jh. stammen, ebensolche wie die der Nationalbibliothek in Paris.</p>
<p>Wibald gerät also über das von ihm (mit-)konzipierte frühmittelalterliche Corbie in den Dunstkreis der größten Fälschung des Mittelalters bzw. der Weltgeschichte, wenn er nicht gar mittendrin steckt! In Corbie lagerten Bild-Handschriften die ihm Faußner zuschreibt zusammen mit Vorlagen für Pseudoisidorische Dekretale, die Radbertus verwendete. Und es ist schwer  vorstellbar, dass dieser Paschasius Radbertus keine Wibald-Erfindung sein soll, wenn die illustre Reihe der Vorläufer-Äbte auch von ihm stammt.</p>
<p>Und könnte man einem Mann (samt Atelier), der 6.000 Königsurkunden konzipieren kann, nicht auch zutrauen, über die mentalen und materiellen Fertigungskapazitäten für zumindest einen Teil der 10.000 Pseudoisidorien-Dokumente verfügt zu haben; wobei man sich Wibald auch nur als Berater und Inspirator vorstellen könnte, der sein Fälschungswissen bedrängten Klöstern zur Verfügung stellte? Zukünftige Forschungen werden das hoffentlich klären. Wir halten zumindest die Spur Corvey-Corbie-Pseudoisidor für eine heiße, die in Richtung Wibald zeigt. Welcher Detektiv wird ihr folgen?</p>
<h2>Wibald, Corbie-Corvey und überhaupt&#8230;</h2>
<p>Wibald überrascht also immer wieder, auch wenn man sich an ihm vorbeidrücken will, um das Wibald-Syndrom klein zu halten! So fragen sich die Skeptiker unter den Zeitenspringern samt Verfasser immer wieder [vgl. u.a. Illig 2007b]: Kann das der Wibald wirklich alles geschaffen, bzw. veranlasst haben, auch wenn er über sein großes Atelier, sein brilliantes Talent, sowie über Macht, Einfluss und Überblick verfügte? Nein sagt man sich und stolpert prompt in die oben geschilderten Zusammenhänge hinein. Wibald-Fälschungen scheinen das 12. Jh. zu durchziehen, wie die Mykhorrizza den Waldboden. Weiter stolpert man über den Autor Helmut Wiesemeyer, der sich ausführlich mit den Verbindungen von Corbie-Corvey befasste und vernimmt neuerlich Staunenswertes über den großen Wibald. Denn Wiesemeyer, der keinerlei Fälschungsverdacht gegen irgendwen zu hegen scheint, legt die geistigen Befruchtungen dar, die von Corbie nach Corvey und zurück liefen, von Ansgar bis u.a. zu Widukind, und bestätigt &#8211; ungewollt &#8211; Verdachtsmomente gegen Wibald:</p>
<blockquote><p>&#8220;Im Werke <em>Widukinds, </em>des bedeutendsten Geschichtsschreibers, den die mittelalterliche Corveyer Klosterschule aufzuweisen hat, wird jedoch noch einmal die besondere <em><strong>Verwurzelung Corveys in älteren geistigen Schichten</strong></em><em>,</em> d.h. im karolingischen und Alt-Corbier Überlieferungsbereich, deutlich.&#8221; [Wiesemeyer 278; Hvhg. im Original gesperrt]</p></blockquote>
<p>So hätten Autoren überraschenderweise festgestellt, [ebd., 278 f.]</p>
<blockquote><p>&#8220;daß Widukind in seiner Reichsvolk-Theorie, in der Rechtfertigung des Dynastie-Wechsels, im Problem der <em>translatio imperii, </em>in der fränkischen und sächsischen Abstammmungstheorie, also in vielen Einzelheiten der Schemata seines Geschichts- und Staatsdenkens, als Geistesverwandter Einhards, des Biographen Karls d. Großen, anzusprechen ist und daß diese Tatsache mehr voraussetzt als eine nur zufällige Einhard-Überlieferung in Corvey, nämliche eine »tiefere Wahlverwandtschaft«.&#8221;</p></blockquote>
<p>Das ist eine schöne Bestätigung der These Faußners, der die <em>tiefere Wahlverwandschaft </em>schlicht dadurch erklärt, dass Widukind und Einhard von demselben Autor stammen, von Wibald! (Nebenbei bemerkt, sind das die Hinweise auf innere Zusammenhänge von Wibald-Fälschungsprodukten, von denen wir uns aus der Feder von Faußner mehr wünschen würden!)</p>
<p>Etwas später im Text kommt dann Wiesemeyer auf Wibald selbst zu sprechen, der Corvey ein <em>letztes, glänzendes </em><em><strong>Aufleuchten</strong></em> beschert habe. Sein Lieblingsschriftsteller sei Cicero gewesen; er habe in einem Brief an Manegold, wo es um Lesen und um Bildung geht, geschrieben:</p>
<blockquote><p>&#8220;<em>Es gibt auch eine gewisse Habgier in der Wissenschaft, mit welcher auch unsere ersten Eltern versucht wurden [...] Man lernt vieles, nicht [...] um besser, sondern um stolzer zu werden.&#8221; </em>[ebd., 280 f.]</p></blockquote>
<p>Diese Briefstelle Wibalds kommentiert nun Wiesemeyer wie folgt:</p>
<blockquote><p>&#8220;Diese Worte zeigen genau jene <em>discretio, </em>die Paschasius Radbertus und der Translatio-Sancti-Viti-Autor schon an Corveys Gründer Adelhard gerühmt haben.&#8221;</p></blockquote>
<p>Wiesemeyer spürt interessanterweise &#8211; wieder Faußner bestätigend &#8211; auch hier die <em>Verwandtschaft des Geistes</em>, die daher rührt, dass alles von Wibald erfunden ist. Aber nun kommt eine kühne Volte, die eine noch nicht bekannte Seite Wibalds beleuchtet:</p>
<blockquote><p>&#8220;. . . so zeigt uns eine Stelle aus einem auch für die Bibliothek aufschlussreichen Brief Wibalds an den ihm befreundeten Erzbischof <em>Hartwig</em> von Bremen Wibald als echten Humanisten&#8221; [ebd. 281].</p></blockquote>
<p>In dem Brief wird geschildert, wie vergnüglich es doch sei, in Frieden, Ruhe und Muße, gemeinsam Bücher und handschriftliche Papiere zu lesen, die man aus Schränken und Truhen aufstöbert. Wiesemeyer fühlt sich dabei</p>
<blockquote><p>&#8220;in die Blütezeit des Humanismus im 15. und 16. Jahrhundert versetzt. Ähnliche Belege für derartiges humanistisches Denken und Empfinden sind im Hochmittelalter nicht gerade häufig. Während die erstgenannte Briefstelle Wibald geistig in die Nähe des Adelhard und des Paschasius Radbertus [!] rückt, so könnte man auf Grund der zweiten Briefstelle Wibald von Stablo und Corvey als einen der Ahnherren des Renaissance-Humanismus in Anspruch nehmen.&#8221; [ebd., 281]</p></blockquote>
<p><em>Wibald der Große</em> umspannt danach also sieben Jahrhunderte mit seinem Denken und Fühlen, wobei nicht vergessen werden darf, dass er natürlich auch mit prominenten Zeitgenossen in geistigem Austausch stand wie: Anselm von Laon, Wilhelm von Champeaux, einem Freund des Bernhard von Clairvaux, Hugo von St. Victor, Alberich von Reims.</p>
<p>Die Geistesverwandtschaft mit der Vergangenheit ist erklärbar, da er diese Vergangenheit selbst mit geschaffen/erfunden hat. Aber der <em>Ausreißer</em> in den Humanismus ist doch erstaunlich! Oder ist doch nicht alles Wibald? Hat ein Humanisten-Wibald die schon umfangreichen Werke des Mittelalter-Wibald aus dem 12. Jh. bereichert? Denkt man daran, dass Faußner dem Wibald die Hrotsvith von Gandersheim zuschreibt, Tamerl hingegen der Caritas Pirckheimer, eingefädelt von Conrad Celtis, hätte man ein weitere Verbindung Wibald-Humanismus? Vielleicht reicherte das Team Celtis/Pirckheimer die Schriften des Teams Wibald/Hrotsvith <em>nur</em> an? Aber das ist ein weites Feld und Thema für weitere Ermittlungen. Zumindest ist der Autor &#8211; wie bereits früher geäußert [s. Anwander] &#8211; nicht der Ansicht, dass Wibald eine reine Humanismus-Schöpfung ist, dazu ist das 12. Jh. zu reichhaltig belegt und nicht nur dank der &#8211; zum Teil gefälschten &#8211; Schriftquellen; ganz abgesehen davon, dass Wibalds Abtswohnung in Corvey als nachgewiesen gilt [Claussen].</p>
<p>Wiesemeyer betont noch begrüßenswerterweise die deutsch-französischen Kulturverbindungen, die von Corbie-Corvey ausgehend, sich durchs Mittelalter bis in die Gegenwart ziehen. Abschließend folgen wir der Einschätzung dieses Autors, wenn er von Wibald sagt: &#8220;Einen so universalen Kopf wie Wibald hat Corvey und seine Klosterschule in der Folgezeit, die ein stetes Absinken des Niveaus bringt, nicht mehr aufzuweisen&#8221; [ebd. 282].</p>
<h2>Kleines Geschenk für den Leser</h2>
<p>Sollte der verehrte Leser inzwischen Wibald-Verehrer geworden sein, so sehen wir uns in der glücklichen Lage, ihm endlich ein <em>Originalportrait</em> präsentieren zu können, das wir nach langen, umfangreichen und kostspieligen Recherchen aufspüren konnten. Das Bildnis gibt es bislang noch nicht bei <em>Google-Bilder</em>, und ist selbstverständlich ebenso <em>authentisch</em> wie Dürers Portrait Karls des Großen.</p>
<div>
<div id="attachment_673" class="wp-caption aligncenter" style="width: 510px"><a href="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corbie04.jpg" rel="lightbox[669]"><img class="size-full wp-image-673" title="corbie04" src="http://www.fantomzeit.de/wp-content/uploads/corbie04.jpg" alt="Original- und Idealporträt Wibalds, Bildquelle Bastin" width="500" height="619" /></a><p class="wp-caption-text">Original- und Idealporträt Wilbalds, Bildquelle Bastin</p></div>
</div>
<h2>Literatur</h2>
<p>Anwander, Gerhard (207): Auf den Spuren der Germania und anderer Fälschungen; in <em>Zeitensprünge</em> 19 (2) 413-442</p>
<p>Bastin, Joseph (1931): <em>Wibald, Abbé de Stavelot et Malmedy, du Mont-Cassin et de Corbie</em>. Verviers</p>
<p>Böhmer, J.F. (1966): <em>Regesta Imperii. I. Die Regesten des Kaiserreichs unter den Karolingern 751-918;</em> Hildesheim</p>
<p>Claussen, Hilde (1996): Zum Abtshaus des Wibald von Stablo im Kloster Corvey. In Sennhauser; Hans Rudolf: <em>Wohn- und Wirtschaftsbauten frühmittelalterlicher Klöster; </em>Zürich. 27-31</p>
<p>Faußner, Hans Constantin (2003): <em>Wibald von Stablo. I, 3. Die Urkunden für Empfänger in Frankreich, Burgund und im Deutschen Reich</em>. Hildesheim</p>
<p>- (2006): <em>Wibald von Stablo. II, 1. Seine illuminierten liturgischen Prachthandschriften, ihre Provenienzen und deren Kirchenpatrozinien; ein Überblick aus rechtshistorischer Sicht</em>. Hildesheim</p>
<p>- (2008): <em>Wibald von Stablo</em>. II, 2. Hildesheim</p>
<p>Grenier, Pierre Nicolas (1910): <em>Histoire de la ville et du comté de Corbie des origines à 1400</em>. Amiens</p>
<p>Héliot, Pierre (1957): <em>L&#8217;Abbaye de Corbie, ses églises et ses bâtiments</em>; Louvain</p>
<p>Illig, Heribert (1993): Das Ende des Hl. Benedikt? Der andere »Vater des Abendlandes« wird auch fiktiv; in <em>Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart</em> 5 (2) 023-028</p>
<p>- (2007a): Die Misere der Mittelalter-Archäologie. Hamburg-Ingolstadt-Münster; in <em>Zeitensprünge </em>19 (1) 213-223</p>
<p>- (2007b): Arbeitsentlastung für Wibald. Eine Wandlung der These von Hans Constantin Faußner; in <em>Zeitensprünge</em> 19 (1) 407-412</p>
<p>Illig, Heribert et al. (2008): Funde aus dem Frühmittelalter: In <em>Zeitensprünge</em> 20 (2) 419-423</p>
<p>Koebler=http://www.koebler.de/</p>
<p>MGH=http://www.dmgh.de/ (Urkunden der MGH)</p>
<p>Kölzer, Theo (2001): <em>Die Urkunden der Merowinger</em>. Hannover</p>
<p>Michelin= <em>Reiseführer </em><em>Michelin</em><em> Nordfrankreich. Umgebung von Paris</em> (1997); Clermont-Ferrand</p>
<p>Mühlbacher, Engelbert (1956): <em>Die Urkunden der Karolinger. Erster Band. Die </em>Urkunden<em> Pippins, Karlmanns und Karls des Großen;</em> Berlin</p>
<p>Tamerl, Alfred (1999): <em>Hrotsvith von Gandersheim; eine Entmystifizierung</em>. Gräfelfing</p>
<p>Thiel, Werner (2005): Schliemanns Fluch oder das wundersame Verschwinden des Münsteraner Bistumsgründers; in <em>Zeitensprünge</em> 17 (1) 36-45 u. 17 (2) 405-419</p>
<p>Völkerw. = http://www.mittelalter-genealogie.de/_voelkerwanderung/ b/bathilde_koenigin_680/bathilde_frankenkoenigin_um_680.html; darin Bezug auf Martina Hartmann (2003): <em>Aufbruch ins Mittelalter. Die Zeit der Merowinger</em>; Darmstadt</p>
<p>Wiesemeyer, Helmut (1963): Corbie und die Entwicklung der Corveyer Klosterschule vom 9. bis 12. Jahrhundert; in: <em>Westfälische Zeitschrift</em>, Nr. 113. Münster; S. 245-274</p>
<p>Wikipedia →Corbie.→Radbertus</p>
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		<title>Dunstan, erster Abt der englischen Nation &#8211; Über das Alter der Kirche von Glastonbury</title>
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		<pubDate>Mon, 15 Dec 2008 20:00:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>ao</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>von Renate Laszlo (aus <a title="http://www.mantis-verlag.de/?page_id=369" href="http://www.mantis-verlag.de/?page_id=369" target="_blank">Zeitensprünge 02/2008</a>)</h3>
<p>Abstract:<em> Dunstan, Abt von Glastonbury und Erzbischof von Canterbury bis 988, gilt als Gründer mehrerer Klöster, darunter Exeter und Malmesbury (a). In diesen Klöstern erhalten aber schon im 7. Jh. bedeutende Persönlichkeiten der englischen Kirche ihre erste Ausbildung: Winfried (Bonifatius) in Exeter und Aldhelm in Malmesbury. In der ersten Biografie über Dunstan, die bereits 1004, sechzehn Jahre nach seinem Tod, in Frankreich vorliegt, bezeichnet der unter dem Pseudonym „B&#8221; schreibende Biograf Dunstan als den ersten Abt der englischen Nation (b). Diese Mitteilung wird in weiteren Berichten über Dunstan wiederholt. Ausnahmslos alle Lebensbeschreibungen über Dunstan teilen mit, dass dieser seine erste Ausbildung von irischen Mönchen erhält (c). Diese Aspekte sind aber zusammen nur möglich, wenn man die Realität der Phantomzeit anerkennt.</em></p>
<p><!--more--></p>
<p>Henry de Blois (1100-1171), ein Enkel Wilhelms von der Normandie, wird um 1126 Abt von Glastonbury. Um das durch die normannische Eroberung und ihre Begleiterscheinungen stark in Mitleidenschaft gezogene Kloster aufzuwerten, erhofft er sich Mithilfe von dem Historiker William von Malmesbury (1080/95-1143), der unter dem Titel <em>De Antiquitate Glastoniensis Ecclesiae </em>eine Abhandlung über die Geschichte der Abtei Glastonbury schreibt, die allerdings weder im Original noch in einer separaten Abschrift erhalten ist. Der Text existiert nur noch in Williams Hauptwerken <em>Gesta Regum Anglorum </em>oder <em>Gesta Pontificum Anglorum</em> in Kopien aus dem 13. bis 15. Jh. Das ist sehr schade, da aus den Abschriften, die hundert oder mehr Jahre nach der Entstehung des Werks angefertigt werden, nicht mehr ersichtlich ist, was William selbst geschrieben hat und was spätere Kopierer geändert, hinzugefügt oder eventuell weggelassen haben. Illig [2006] hat bereits gezeigt, wie die Chronik Teil einer stetig wachsenden, großangelegten Fälschungsaktion war, mit der sich Glastonbury &#8211; u.a. gegen die Ansprüche von Wells &#8211; ein ‘Wurzelgeflecht&#8217; der Abtei erfunden hat, das schließlich über Josef von Arimathäa bis zum Tod Christi zurückreichte.</p>
<p>Für William ist der Gang durch die Geschichte von Glastonbury respektive Yniswitrin, wie der Ort bis zum 7. Jh. genannt wird, kein leichter Weg, auf dem er neben den Übergängen vom Heidentum zum Christentum sowie von der irischen zur römischen Kirche auch den Sprung über die Phantomzeit bewältigen muss.</p>
<p><strong>Aus Yniswitrin wird Glastonbury</strong></p>
<p>In einem chronologischen Überblick über die Zuwendungen an die Kirche in Glastonbury erwähnt William zuerst die drei heidnischen Könige, die den Heiligen Philipp und Jakobus sowie ihren zehn Mitstreitern, als diese im Jahr 63 aus Frankreich nach England kommen, den ersten Grund und Boden in Yniswitrin überlassen. Die ersten Missionare sollen die Erbauer der kleinen Holzkirche, der <em>Vetusta Ecclesia,</em> sein [vgl. Illig 701].</p>
<p>Im 2. Jh. erhalten die Heiligen Phagan und Deruvianus von König Lucius, den sie, wie William berichtet, mit dem Geschenk des Glaubens erleuchten und der durch ihre Bemühungen in Christus wiedergeboren wird, die Bestätigung der Insel <em>Avalon</em> mit allem Zubehör zum Unterhalt für sich und die zehn Missionare, die sich mit ihnen hier niedergelassen haben, darunter auch Josef von Arimathäa, sowie für alle nach ihnen Kommenden.</p>
<p>Ihr Nachfolger nach vielen Jahren ist der hl. Patrick, der hier zwölf Brüder vorfindet, die das Leben von Eremiten führen. Er unterrichtet sie im Gemeinschaftsleben und bereichert sie mit vielen Besitzungen, was wir, wie William sagt, gut glauben können, obwohl sie für uns unbekannt sind. Patricks Mitstreiter und Nachfolger ist St. Benignus, dessen Kurzbiografie als Epitaph sein Grab in Meare ziert.</p>
<p>Auf St. Benignus sollen viele Äbte der britischen Nation folgen, deren Namen und Taten in Nebel und Vergessenheit gehüllt und in der Erinnerung der Zeit verloren gegangen sind. Aber ihre hier noch ruhenden Gebeine zeigen, dass die Kirche von den großen Männern der Briten in höchster Verehrung gehalten wurde. Ein Gemälde, das an die Ereignisse der Vergangenheit erinnert, trägt die Namen von drei Äbten mit den Namen <strong>Worgret</strong>,<strong> Lademund</strong> und <strong>Bregored</strong>. In einer von Bischof Mawron verfassten Urkunde aus dem Jahre 601 schenkt ein namentlich nicht genannter König von Devon auf die Bitte von Abt Worgret der alten Kirche von Yniswitrin Land.</p>
<p>Vieles in Williams Chronik gehört zur Sage und Legende. So soll auch „der berühmte König Arthur&#8221; in Glastonbury gewesen sein und für seine Seele dem Kloster 80 Mönche zugeführt und für deren Unterhalt viele Ländereien, Reichtümer, Gold, Silber, wertvolle Kirchengefäße und Ornamente gespendet haben und schließlich im Kirchhof gemeinsam mit seiner Gemahlin begraben worden sein.</p>
<p>Die Gleichsetzung von Glastonbury beziehungsweise Yniswitrin mit Avalon entnimmt der Kopierer oder Interpolierer des 13. Jh. der Sage über König Arthur, die Geoffrey von Monmouth nach dem Vorbild des historischen Dux Bellorum Britanniae, eines britannischen Kriegsführers gleichen Namens aus dem 5. Jh., zur Auffüllung der Phantomzeit erfindet und 1136 in der <em>Historia Regum Britanniae</em> aufschreibt [Laszlo 1996; auch Illig 707 f.].</p>
<p>Bezüglich der verschiedenen Namen und der weiteren Besiedelung von Glastonbury werden in <em>De Antiquitate&#8230;</em> alternativ mehrere Definitionen und Versionen angeführt. Nach Gründung im 1. und Wiederentdeckung im 2. Jh. sollen zwölf Brüder aus den nördlichen Teilen Britanniens die westlichen Gebiete besiedeln, von denen einer namens Glasteing auf der Suche nach einem entlaufenen Schwein zufällig auf die Insel kommt und sie nach seinem Namen benennt. Oder aber <em>Glastinbiry</em> soll die Übersetzung von Yniswitrin in die angelsächsische Sprache sein. Der Name Avalon für Glastonbury soll auf einen gewissen <em>Avalloc</em> zurückgehen, der dort wegen der Abgeschiedenheit der Stelle mit seinen drei Töchtern gelebt habe.</p>
<p>Mittels Josef von Arimathea, der nach der christlichen Überlieferung das Blut aus der Seite Christi in einer Schale aufgefangen und diese Schale bei seinem Missionsversuch im 1. Jh. mit nach England gebracht haben soll, wird die Sage vom heiligen Gral in die englische Mythologie eingeführt.</p>
<hr /><strong>Äbte von Glastonbury</strong></p>
<p>Entsprechend den widersprüchlichen Angaben könnte eine in sich stimmige Abtsliste nur mit Gewalt konstruiert werden. Hier die wesentlichen Angaben mitsamt Dunstan als Bindeglied zwischen den Traditionen mit und ohne Phantomzeit.</p>
<table border="0" cellpadding="5">
<tbody>
<tr>
<td colspan="2">Benignus</td>
</tr>
<tr>
<td colspan="2">viele irische Äbte</td>
</tr>
<tr>
<td colspan="2">Worgret</td>
<td>irischer Abt</td>
</tr>
<tr>
<td colspan="2">Lademund</td>
<td>irischer Abt</td>
</tr>
<tr>
<td colspan="2">Bregored</td>
<td>letzter irischer Abt</td>
</tr>
<tr>
<td colspan="2">[Dunstan</td>
<td>erster englischer Abt, aber erst ab 940 geführt !]</td>
</tr>
<tr>
<td>Beorhtwald</td>
<td>670-678</td>
<td>auch bis 680; 693-731 Erzbischof von Canterbury</td>
</tr>
<tr>
<td>Haemgils</td>
<td>680-705</td>
</tr>
<tr>
<td>Beorhtwald</td>
<td>705-712</td>
</tr>
<tr>
<td>Dunstan</td>
<td>940-956</td>
<td>auch ab 942, geb. 909 oder 925; gehört ins 7. Jh.</td>
</tr>
<tr>
<td>Aelsige	956-</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<hr /><strong>Übergang von der irischen zur römischen Kirche</strong></p>
<p>Für William von Malmesburys Abhandlung über Glastonbury ist Bedas <em>Historia Ecclesiastica Gentis Anglorum</em> eine der Hauptquellen und das Vorbild für die zwischen dem Erzbistum in Canterbury und Beda abgestimmte Datierung nach der alten Inkarnationszeitzählung (= a.Iz.). Der Historiker Beda  scheint allerdings die alte Kirche und die Abtei von Glastonbury nicht zu kennen, denn er erwähnt sie in seiner Kirchengeschichte mit keinem Wort.</p>
<p>Ein Grund dafür mag darin liegen, dass Beda das Doppelkloster Wearmouth and Jarrow, in dem er studiert, nach den Regeln des heiligen Benedikt lebt und mehr als vierzig religiöse Werke schreibt, zeit seines Lebens nicht verlässt und deshalb nur über die Verhältnisse in Nordhumbrien Bescheid weiß. Über die sächsischen Königreiche im Süden der Insel kann er nur das weitergeben, was ihm sein Informant aus Canterbury mitteilt. Dies wird auch aus seinem Bericht über <strong>Aldhelm</strong><em> </em>ersichtlich. Beda [V/18] erzählt, dass der</p>
<blockquote><p>„mit kirchlichen Angelegenheiten und in der Kenntnis der Schriften ziemlich vertraute Aldhelm, als er noch Abt und Priester in dem Kloster Stadt des Mailduf <em>(Urbs Maildufi)</em> war, auf Anweisung einer Synode seines Stammes ein ausgezeichnetes Buch gegen die Irrlehre der Briten, nach der diese Ostern nicht zu seiner Zeit feiern und sehr viele andere Dinge entgegen der Reinheit und dem Frieden der Kirche tun, schrieb, und dass durch die Lektüre dieses Buches viele der Briten, die den Westsachsen unterstanden, zur richtigen Feier des Osterfestes des Herrn gebracht wurden.&#8221;</p></blockquote>
<p>Bei dem von Beda erwähnten Buch gegen die Irrlehre der Briten handelt es sich um Aldhelms Werk <em>Epistola ad Geruntium de Synodo</em> und bei <em>Maildufi Urbs </em>um Malmesbury, eine von irischen Mönchen gegründete Klostergemeinschaft, in der um die Mitte des 7. Jh. Aldhelm seine erste Ausbildung erhalten haben soll. Nach 669 soll der schon erwachsene Aldhelm unter Erzbischof Theodor von Tarsus bei Abt Hadrian (669-708) in Canterbury studieren und um 674 in sein altes Kloster als erster Abt von Malmesbury zurückkehren. Aldhelm wird 705 zusätzlich der erste Bischof der neu geschaffenen Diözese von Sherbourne. Als seinen Todestag teilt Beda den 29. Mai 709 mit.</p>
<p>Es wird nicht gesagt, ob 674 noch irische Mönche in Malmesbury leben und Aldhelm sie auf den römischen Ostertermin einstimmen kann, oder ob diese England in Richtung Irland verlassen, wie das von der aus angelsächsischen und irischen Mönchen bestehenden Gemeinschaft in Lindisfarne bezeugt ist, die nach der Synode von Whitby geschlossen mit ihrem Abt Colman über Iowa nach Irland zurückgeht [Laszlo 2008, 175]. Abt Colman von Lindisfarne, selbst Teilnehmer der Synode von 664 (a.Iz.), begründet seinen Standpunkt vor der Versammlung in Streaneshealh wie folgt [Beda, III/25, 286]:</p>
<blockquote><p>„Das Osterfest, das ich zu begehen gewohnt bin, habe ich von meinen Vorfahren übernommen, die mich als Bischof hierher schickten; alle unsere Väter, von Gott geliebte Männer, haben es bekannterweise in dieser Art gefeiert. Und damit dies nicht jemandem verachtenswert oder tadelnswert erscheinen möge, es ist das gleiche, das der selige Evangelist Johannes, der vom Herrn besonders geschätzte Jünger, mit allen Kirchen, an deren Spitze er stand, der Überlieferung nach gefeiert hat.&#8221;</p></blockquote>
<p>Auch andere irische Klostergemeinschaften in England weigern sich, das Datum des römischen Osterfestes zu übernehmen. Nach Beda eskalieren zum Ende des 7. Jh. die Streitigkeiten zwischen keltisch-irischen und römischen Christen in Nordhumbrien und führen zu ernsthaften Auseinandersetzungen und kriegerischen Handlungen, in denen viele Angelsachsen ihr Leben verlieren oder in Unfreiheit geraten [Laszlo 2007, 175]. Durch die Überzeugungsarbeit der nordhumbrischen Bischöfe und Äbte wird mit der Übernahme des römischen Ritus durch die keltischen Christen in Irland und Schottland zu Beginn des 8. Jh. a.Iz. der Streit beigelegt [Beda, V:19-21].</p>
<p>William von Malmesbury vertraut Bedas Datierung von Aldhelm in das 7./8. Jh. und bezeichnet Aldhelm noch im 12. Jh. in seiner Schrift <em>Gesta Pontificum Anglorum</em> als den bedeutendsten englischen Dichter seit 500 Jahren. Er scheint sich nicht darüber zu wundern, dass das fortschrittliche und christianisierte England ein halbes Jahrtausend lang keinen vergleichbaren Literaten hervorgebracht haben soll.</p>
<p><strong>Williams Sprung in die Phantomzeit</strong></p>
<p>William berichtet, dass 236 Jahre nach Geburt des heiligen Patrick der Missionar Augustinus in England ankommt (anno 597 mit 40 Missionaren auf der Halbinsel Thanet in Kent) und dessen Gefährte <strong>Paulinus</strong>, Bischof von Rochester (633-644), Glastonbury besucht, dort die Konstruktion der alten Holzkirche verstärkt und das Gebäude von der Spitze her mit Blei deckt. Er soll dies mit einem solchen Geschick handhaben, dass die Kirche nichts von ihrer Heiligkeit verliert und ihre Schönheit vergrößert wird.</p>
<p>Paulinus ist als Bischof von York (625-633) in der nordhumbrischen Mission von sehr erfolgreich, initiiert den Kirchenbau in York und baut in Lincoln eine Steinkirche von ausgezeichneter Ausführung.</p>
<p>Von Paulinus empfängt König Edwin mit den Edlen seines Stammes und dem größten Teil seines Volkes 627 (a.Iz.) den Glauben und die Taufe der heiligen Wiedergeburt. Nachdem Edwin 633 ermordet wird, geht Bischof Paulinus mit der Witwe Aethelburh und den Kindern des Königs nach Kent zurück. Nach Übernahme des verwaisten Bischofssitzes in Rochester erreicht Paulinus 634 nachträglich aus Rom die Ernennung zum Erzbischof von York. Laut Beda [III/14] hatte Paulinus das Bischofsamt insgesamt 19 Jahre, zwei Monate und 21 Tage inne und wurde nach seinem Tod am 10. Oktober 644 in jener Kirche des seligen Apostels Andreas begraben, die König Aethelberht von Grund auf in der Stadt Rochester baute. Paulinus&#8217; Gebeine werden später in die neu erbaute Kathedrale in Rochester überführt und in einem silbernen Schrein bis zur Reformation aufbewahrt.</p>
<p>Für einen Aufenthalt des Paulinus in Wessex ist William die einzige Quelle. Ob Paulinus während seiner Zeit als Bischof von Rochester tatsächlich  Glastonbury besucht, oder ob William den Aufenthalt des Missionars in Glastonbury zur Überbrückung und teilweisen Füllung der mittlerweile eingeschobenen leeren Jahrhunderte erfindet und den von Beda ausgewiesenen Fachmann für Kirchenbau zur Erneuerung der <em>Vetusta Ecclesia</em> und damit zur Aufwertung der Kirche und Abtei in Glastonbury missbraucht, ist ungewiss.</p>
<p>Beda [IV/7] berichtet über das Scheitern der ersten Missionsversuche in Wessex durch die Bischöfe Birinus, Agilbert und Wine nach dem Tod König Cynegisls, dessen Sohn <em><strong>Cenwalh</strong></em> (643-674) erst 670 das Christentum annimmt und Leutherius (670-678) als westsächsischen Bischof von Winchester einsetzt.</p>
<p>Diese Mitteilung Bedas nimmt William zum Anlass, von 670-678/80 einen in der Abtei erzogenen, sonst nicht belegten <strong>Beorhtwald</strong> oder Brihtwold (lat. Berthuualdo oder Berctuald) in die Geschichte einzubinden, dem der vorgenannte König Cenwalh, der siebte westsächsische König nach Cerdic, im 29. Jahr seiner Regierung Land in Meare schenkt.</p>
<p>William behauptet, dass der Name dieses Abtes auf der zweiten Pyramide zu Glastonbury eingetragen ist und es sich dabei um den späteren Erzbischof von Canterbury handelt. Über den konkreten Verbleib dieses Beorhtwald in der Zeit von 678/80 bis 693 schweigt sich William aus, räumt aber ein, dass dieser sich freiwillig nach Reculver begeben haben könnte.</p>
<p>Ob es sich bei dem bei William erstmals belegten angelsächsischen Abt Beorhtwald/Berctuald von 670-678 und der Schenkung Cenwalhs um eine Erfindung des Historikers handelt, oder ob William noch aus alten Quellen schöpfen kann, in denen die Existenz des Abtes und der Zuwendung verzeichnet sind, ist schwer zu sagen. Im Zusammenhang damit steht die Frage, ob William den Namen des Abtes, wenn er ihn denn erfindet, mit Bedacht wählt, damit er zur Aufwertung der Abtei behaupten kann, bei ihm handele es sich um den späteren Erzbischof von Canterbury (693-731). Dessen Name ist auch bei Beda bezeugt, allerdings mit einer anderen Biografie, in der Glastonbury nicht erwähnt wird.</p>
<p>Über den Erzbischof Berctuald von Canterbury schreibt Beda in der <em>Historia Ecclesia&#8230; </em>[V/8, 452], dass der</p>
<blockquote><p>„sowohl von der Kenntnis der Schriften erfüllte, als auch mit den kirchlichen und klösterlichen Grundsätzen gleichermaßen bestens vertraute Abt des an der nördlichen Mündung des Flusses Genlada gelegenen Klosters Reculver am 1. Juli des 692. Jahres nach der Fleischwerdung des Herrn zum Bischof gewählt, am 29. Juni des folgenden Jahres von dem Metropolitanbischof Goduine von Gallien geweiht wurde und am 31. August, einem Sonntag, den Stuhl als Erzbischof von Canterbury bestieg und damit die Nachfolge des 690 verstorbenen Theodor von Tarsus als Erzbischof von Canterbury antrat.&#8221;</p></blockquote>
<p>Beda berichtet weiter, dass Erzbischof Berctuald nach einer Amtszeit von 37 Jahren, 6 Monaten und 14 Tagen am 13. Januar 731 an Altersschwäche stirbt und &#8211; wie sein Vorgänger Theodor &#8211; in der Kirche begraben wird, da im Porticus, in dem alle vorhergehenden Erzbischöfe von Canterbury begraben wurden, kein Platz mehr ist.</p>
<p>Auch hier schreibt Beda offensichtlich das, was ihm sein Informant aus Canterbury mitteilt. Bemerkenswert ist Bedas Mitteilung, dass Berctuald vor 693 Abt im Kloster in Reculver war. Da diese Abtei der Benediktiner erst um 900 gegründet wurde, ist dies wiederum ein Beleg für die Phantomzeit!</p>
<p>Mit der Datierung nach alter Inkarnationszeitzählung wird die Kontinuität Bedas und der von ihm abhängigen Quellen bewahrt. Das bedeutet, dass die Ereignisse und Personen, die Beda ab 614 in der <em>Historia Ecclesia&#8230; e</em>rwähnt, in der von ihm angegebenen Zeit bestehen bleiben und weiter geführt werden müssen, obwohl sie nach dem Einschub der Phantomzeit in die Zeit nach 911 gehören. Das gilt auch für die Schriften Williams von Malmesburys, soweit er auf Bedas Kirchengeschichte zurückgreift oder in die Phantomzeit hinein datiert.</p>
<p>Durch die Kontakte zum Kontinent wird in den sächsischen Königreichen im Süden Englands die Nachphantomzeit ab der zweiten Hälfte des 10. Jh. bekannt und für alle neuen Entwicklungen eingeführt. Sie geht peu à peu in die so genannte neue Inkarnationszeit über, so dass nach den eingeschobenen drei leeren Jahrhunderten im Zuge der normannischen Eroberung in England wieder der Zusatz „nach der Fleischwerdung des Herrn&#8221; verwendet wird.</p>
<p>Diese Umstände bewirken, dass für eine gewisse Zeit ab der zweiten Hälfte des 10. Jh. in England zwei verschiedene Datierungen gelten und angewandt werden, die zu Verwirrungen führen, mit denen nicht nur die zeitgenössischen Chronisten zu kämpfen hatten, sondern die den Historikern bis heute Rätsel aufgeben.</p>
<p>Die von einem anonymen Schreiber rückwirkend erstellte <em>Continuatio Bedae </em>mit Annalen bis 766 bewirkt ein kontinuierliches Auslaufen der alten Inkarnationszeit und gleichzeitig eine Fortführung dieser Zeit bis zur normannischen Eroberung, mit der dann der Zeitsprung über die 300 Leerjahre endgültig besiegelt und legitimiert wird. Durch die Aufrundung der Phantomzeit von 297 auf 300 Jahre machen sich die drei überzähligen Jahre in England rechnerisch öfters bemerkbar.</p>
<p>Nach dem Tod König Cenwalhs von Wessex, 674, übernehmen Unterkönige die Herrschaft über den Stamm der Westsachsen, teilen sie unter sich auf und haben sie ungefähr 10 Jahre inne [Beda, IV/12].</p>
<p>Um einen solchen Unterkönig handelt es sich bei <em><strong>Centwine</strong></em><em>,</em> von dem William schreibt, dass er auf Bitten von Bischof Haeddi und der Mönche von Glastonbury in 680<em><strong> </strong></em><strong>Abt Haemgils</strong> (Hemgisel) für seine konstanten Dienste  für den Glauben zum Nachfolger von Abt Beorhtwald für 25 Jahre ernennt und den Brüdern der Abtei das Recht verleiht, ihren Abt gemäß der Regel des heiligen Benedikt selbst zu wählen. König Centwines Reliquien sollen auf dem Friedhof der Mönche von Glastonbury in der Pyramide ruhen, die einst edel geschnitzt war.</p>
<p>681 gibt der Unterkönig Baldred mit Zustimmung Centwines und der Autorisation und Bestätigung durch Bischof Haeddi und Abt Aldhelm dem Abt Haemgils für die Unterstützung der zu Glastonbury gelegenen verehrungswürdigen Kirche der gesegneten Maria und des gesegneten Patrick reichlich Land und Fischrechte.</p>
<p>Bischof Haeddi, der nach dem Tod des Bischofs Leutherius das Bischofsamt in Winchester verwaltet und von Erzbischof Theodor von Canterbury in London geweiht wird, schenkt im gleichen Jahr 681 mit Zustimmung von Centwine und Baldred der Abtei Glastonbury weiteres Land. Die Schenkung wird von Caedwalla bestätigt, der seiner Unterschrift eigenhändig das Zeichen des Kreuzes hinzufügt, obwohl er Heide ist, wie William ausdrücklich betont.</p>
<p>Haeddi (676-705), Aldhelm 674-709) sowie Caedwalla (685-688) sind aus Bedas Kirchengeschichte bekannt und dienen William zur Etablierung seiner Glaubwürdigkeit. Bischof Haeddi wird aber auch im 12. Jh. in Verbindung mit der Schlacht von Maldon in 991 erwähnt, ist demnach als Doppelgänger ein Beleg für die Phantomzeit!</p>
<p>Caedwalla muss nach 681 Christ geworden sein. Beda beschreibt ihn als einen zwiespältigen Regenten, der, nach dem Sieg über die Unterkönige von Wessex 685 die Königsherrschaft als rasender Tyrann antritt, nach zwei Jahren abdankt und, von der Liebe zum himmlischen Reich erfasst, nach Rom geht und sein Leben beschließt.</p>
<p><strong>König Ine und Glastonbury</strong></p>
<p>Nach Caedwallas Weggang nach Rom wird Ine König in Wessex (688-726). William übernimmt seine Daten von Beda und belässt den westsächsischen König im 7./8. Jh., ohne zu erkennen oder erkennen zu wollen, dass Bedas Kirchengeschichte umdatiert werden muss, weil 300 Jahre Phantomzeit eingefügt wurden. Da Beda Ine zwar erwähnt, aber nicht viel über ihn zu berichten weiß, glaubt sich William hier auf sicherem Boden, auf dem er seine übertriebene Berichterstattung über König Ine aufbauen kann.</p>
<p>William beschreibt Ine als übergroßen Wohltäter der Kirche und Abtei in Glastonbury. Er soll das Kloster nicht nur mit Ländereien und anderen Besitztümern ausstatten, sondern auch mit dem Privileg der freien Ausübung der klösterlichen Disziplin gemäß der Regel des hl. Benedikt ohne Behinderung durch weltliche oder finanzielle Belastungen. Dies soll 704 auf Rat und Ent scheidung des Bischofs Aldhelm von Malmesbury unter Abt Haemgils in der hölzernen Kirche von Glastonbury auf einer Urkunde von Prinzen, Ealdormen und Edlen öffentlich bestätigt werden. Ein Jahr später stirbt Abt Haemgils und findet seine letzte Ruhestätte in der alten Kirche von Glastonbury.</p>
<p>Nach der offiziellen Klostergründung durch Ine erhält Glastonbury reiche Zuwendungen durch den Gründer selbst und viele andere Zeitgenossen, unter anderem auch von Bischof Wilfried. Ine gründet nicht nur das Kloster, sondern auch die größere Kirche zu Ehren der Apostel Peter und Paul, so dass nunmehr fünf Kirchen in Glastonbury vorhanden sind.</p>
<p>Die <em>erste</em> und älteste ist die westlichste von allen und wird von den zwölf Missionaren gegründet, die 63 unter Leitung von Philipp und Jakobus nach Yniswitrin kommen.</p>
<p>Die <em>zweite</em> wird östlich der älteren Kirche von dem heiligen David, dem Bischof von Menevia, und sieben ihm untergebenen Bischöfen zu Ehren der heiligen Maria gebaut und geweiht;</p>
<p>die <em>dritte</em> wird von zwölf Männern erbaut, die aus dem Norden Britanniens kommen. Diese Kirche ist ebenfalls östlich der alten Holzkirche gelegen.</p>
<p>Die <em>vierte</em> und größte wird östlich der anderen Kirchen zu Ehren unseres Herrn und Heilands und der Apostel Petrus und Paulus von Ine konstruiert für die Seele seines Bruders Mul, den die Kenter verbrannt haben. Auch die auf der Spitze eingeschriebenen Verse führt William an; es sind die von Beda für Caedwallas Grab in Rom tradierten.</p>
<p>Gemäß William soll Ine auch noch &#8211; als <em>fünfte</em> &#8211; eine unter der größeren Kirche gelegene Kapelle aus Gold und Silber in Glastonbury bauen, deren Inventar ebenso vor Edelmetall und -steinen nur so strotzen soll; weitere Landschenkungen und Privilegien an das Kloster verstehen sich. (Keine dieser Kirchen besteht mehr; nach dem Brand von 1184 wurden gotische und neoromanische Kirchen aufgeführt, heute Ruinen [Illig 702 ff.].)</p>
<p>In einem goldenen Gefäß soll König Ine dem Papst diese Urkunde mit anderen königlichen Geschenken geschickt haben mit der Bitte um Aufnahme von Glastonbury in den Schutz der heiligen römischen Kirche. Noch im gleichen Jahr soll sich Ine nach Rom begeben und die mit dem päpstlichen Siegel versehene Urkunde nach Glastonbury zurückbringen. Später geht Ine mit Königin Aethelberg nach Rom und lebt dort Gott wohlgefällig, einfach und bescheiden bis zu seinem Tod, nicht aber ohne große Wunder, wie William gehört haben will.</p>
<p>Nach Ines Weggang in 726 wird Aethelheard König von Wessex. Er gewährt Coengils, dem frommen Abt des Klosters von Glastonbury, 729 weiteren Landbesitz.</p>
<p>744 bestätigen König Cuthred (740-756), die Bischöfe Hereweald und Daniel und viele andere Edelleute der alten Stadt Glastonbury im Zeichen des  Kreuzes unwiderruflich alle Landschenkungen durch die Könige von Wessex und den mercischen König Aethelbald. Bis zu diesem Zeitpunkt stehen Williams Angaben mit den von ihm benutzten Quellen im Einklang und die angegebenen Zeiten (nach a.Iz.) sind mit den westsächsischen Königen und Kirchenleuten kompatibel.</p>
<p><strong>Abt Tyccea von Nordhumbrien</strong></p>
<p>Da William den Inhalt der <em>Continuatio Bedae</em> nicht kennt, füllt er das zweite Drittel des 8. Jh. mit der Geschichte des in keiner anderen Quelle genannten Abts Tyccea, den er alternativ 744 oder 754 als Abt von Glastonbury für sechs Jahre nennt.</p>
<p>William beginnt seine Erzählung über <strong>Abt Tyccea</strong> damit, dass einige Zeit später die Dänen viele Jahre lang Nordhumbrien angreifen, während der Rest Englands unter keinen Angriffen leidet. Auf der Flucht vor den dänischen Piraten soll Tyccea aus diesen Landesteilen in den Westen emigrieren und sich nach Glastonbury zurückziehen. Ungeachtet der beachtlichen Entfernung soll Tyccea die Reliquien von ungefähr einem Dutzend Äbten, Bischöfen und Priestern aus verschiedenen Orten seines Heimatlandes mitbringen. Dabei zählt William alles auf, was im frühen Christentum in Nordhumbrien Rang und Namen hat, von Bischof Aidan von Lindisfarne bis zur Äbtissin Hilda von Streaneshealh, mittlerweile Whitby. William geht nicht darauf ein, wie Tyccea diese Vielzahl an Gebeinen zusammen getragen und nach Glastonbury transportiert haben soll, die dort über dem Altar platziert werden und viel zur Reverenz des Ortes beitragen. Selbstverständlich erhält auch Abt Tyccea ein würdiges Begräbnis und ein wegen seiner Größe und der künstlerischen Eingravierungen bemerkenswertes Grabmal mit Inschrift, rechterhand in der Ecke der größeren Kirche neben dem Eingang zur alten Kirche.</p>
<p>Mit dem sonst nirgends belegten Abt Tyccea beginnt die Konfusion in der Berichterstattung Williams von Malmesbury. In <em>De Antiquitate &#8230;</em> [Kap. 47] nennt er das Jahr 754, in dem Tyccea als Abt die Leitung der Kirche in Glastonbury übernimmt und von einem König namens Sigebertus (Sigeberht), der nur ein Jahr regiert [Scott, 200], Land erhält. In Kap. 71 dagegen lässt William die sechsjährige Amtszeit des Abts Tyccea bereits 744 beginnen, also zehn Jahre früher, nennt schon ab 746 den <strong>Abt Cuma</strong> für 2 Jahre und ab 754 den <strong>Abt Wealdhun</strong> für 32 Jahre, dem Cynewulf 762 Land geschenkt hätte, was aber nicht gut möglich ist.</p>
<p>Regelrecht aus den Fugen gerät das Kapitel 48 über<em><strong> </strong></em><strong>Abt Guba</strong>, dem König Cynewulf 760 Land zukommen lassen soll. Erstens ist Guba in Kapitel 71 bereits 743 als Abt für zwei Jahre dokumentiert, zweitens ist König Cynewulf 757 im Jahr seiner Thronbesteigung ermordet worden, kann also 760  oder 762 keine Zuwendungen mehr machen. Da William ein vor der normannischen Eroberung erstelltes Exemplar von Bedas <em>Historia Ecclesia&#8230;</em> benutzt, kennt er die <em>Continuatio Bedae</em> nicht, in der Cynewulfs Tod im Jahr 757 a.Iz. mitgeteilt wird.</p>
<p>So kann William, wie schon die Verfasser der <em>Angelsächsischen Chronik</em>, der Chronik des Florence von Worcester und der <em>Vita Alfredi,</em> die fälschlich verlängerte Lebenszeit Cynewulfs bis 786 als Übergang in das letzte Drittel des 8. Jh. der Phantomzeit verwenden.</p>
<p><strong>Über die Reliquien der Abtei Glastonbury</strong></p>
<p>Wegen der fehlenden Zeit und der unterschiedlichen Zeitangaben, die William nicht verborgen geblieben sein können, kommt er beim Übergang zum zweiten Teil der Phantomzeit ‘ins Schwimmen&#8217;.</p>
<p>Immerhin kommen die Gebeine von Erzbischof David von Dyfed mit einer 300-jährigen Verspätung durch einen Zufall oder Notfall nach Glastonbury. Umgekehrt ist es bei dem hl. Indract, der um das Jahr 1000 das Martyrium erlitten haben soll: Die Gebeine von ihm und seinen Gefährten soll König Ine aber schon um 700 nach einer göttlichen Vision von dem Platz ihres Martyriums nach Glastonbury gebracht haben. Indract soll in einer Steinpyramide zur Linken des Altars, seine Gefährten unter dem Fußboden begraben worden sein. In beiden Fällen ist der Einschub der Phantomzeit die Ursache für die Zeitdifferenz von 300 Jahren.</p>
<p>Um von dem Problem der unterschiedlichen Zeitbenennung und dem dadurch verursachten Chaos abzulenken, befasst sich William weiter mit der Ansammlung von Reliquien in Glastonbury und springt dabei willkürlich vom 7. zum 10. Jh. hin und her.</p>
<p>Die Reliquien aller Heiligen, die in Glastonbury von Königen und Magnaten gesammelt werden, im Detail aufzuzählen, würde nach Williams Meinung die Aufnahmefähigkeit seines Buches bei weitem übertreffen, aber er vertröstet die Leser, da die Namen ja in den Evangelienbüchern verzeichnet seien.</p>
<p>Trotzdem nennt er noch einen riesigen Schwall an Namen von Heiligen und verweist auf noch mehr ungenannte Verstorbene, deren Reliquien als Geschenke von Königen, Prinzen, Bischöfen und anderen Edlen, deren Namen noch in alten Büchern der Kirche verzeichnet sind, nach Glastonbury gebracht wurden, darunter aus Wales, als die Christen dort verfolgt wurden, oder aus dem Königreich Nordhumbrien, als dort die Dänen hausten. So hat sich die Abtei mittlerweile zu einem ‘Lagerhaus&#8217; von Heiligen entwickelt, von deren Namen William kein komplettes Wissen hat, die sich aber der Kontemplation und Kenntnis sowie des Wohlwollens Gottes erfreuen.</p>
<p>William scheint erleichtert, als er bei dem frommen König Edgar (939- 975) als Reliquienspender ankommt und nennt zwei Unbekannte, die der  König im 10. Jh. von einer Reise nach Bethlehem mitgebracht und der Reliquiensammlung in Glastonbury einverleibt haben soll. Damit hat er die Phantomzeit ausgefüllt, ohne genaue Daten zu nennen, und befindet sich mit König Edgar wieder in der realen Nachphantomzeit. Er schließt die Kapitel über die Reliquien von Glastonbury ab mit einer ausführlichen Darstellung der Überführung der Gebeine Dunstans von Canterbury nach Glastonbury unter dem Protektorat des Königs Edmund Ironside in 1012.</p>
<p><strong>Spenden an Glastonbury in der Phantomzeit</strong></p>
<p>Der Kirchenmann William von Malmesbury, der in der ersten Hälfte des 12. Jh. schreibt, kann es sich nicht leisten, die von der Kirche sorgfältig vertuschte und kaschierte Phantomzeit zuzugeben. Er muss vielmehr so tun, als wüsste er nichts von einem Einschub der Leerzeit.</p>
<p>Für die erste Hälfte der Phantomzeit hält er sich strikt an die alte Inkarnationszeitzählung der <em>Historia Ecclesia&#8230;</em> und die darauf aufbauenden Datierungen, ungeachtet dessen, dass drei Jahrhunderte eingeschoben werden und Bedas Berichte ab 614 mit der Zeit nach 911 übereinstimmen.</p>
<p>Da William die Existenz der Phantomzeit nicht realisiert, muss er sie weiterhin ausfüllen und ist dabei auf Legendenbildungen und vielfach gefälschte Urkunden und Biografien angewiesen, da es für diese niemals existierende Zeit keine Geschichte gibt.</p>
<p>Die Anreicherung der Phantomzeit mit einer maßlosen Ansammlung von Reliquien in Glastonbury wird noch bei weitem übertroffen von den vielen Zuwendungen an Besitztümern, die das Kloster angeblich in den drei leeren Jahrhunderten erhalten haben soll.</p>
<p>In den Kapiteln 49-51 bringt William seinen eigenen Beitrag zur Füllung der Phantomzeit, den er in zwei naive und plumpe Urkunden kleidet, die jeder Logik und Glaubwürdigkeit entbehren.</p>
<p>Für das Jahr 796 arrangiert er ein Phantomzeitszenario, bestehend aus <em><strong>Papst Leo III.</strong></em><em>,</em> dem im Frankenreich regierenden <em><strong>Karl dem Großen</strong></em> und den englischen Königen Beorhtric von Wessex und Cenwulf von Mercien. Wer mehr über diesen Papst und diese Könige wissen will, den verweist William auf sein Buch <em>Die Taten der Könige von England</em>. Für den Augenblick hält er es für ausreichend, nur die Namen zu erwähnen, da sie seiner Meinung nach sehr wichtig sind für das, was er zu erklären versucht, nämlich, dass Papst Leo den Besitz des Klosters von Glastonbury mit 800 Hiden (à 25 bis 50 Hektar) Land einem König Cynehelm sowie dessen Volk und Nachfolgern zugesteht, so dass das Kloster ungestört die Religion für alle Zeit ausüben kann. Leos Vorrechte will William nicht anders als in Englisch vorfinden und macht sich erst einmal daran, die Urkunde in Latein zu übersetzen, so gut er die Bedeutungen versteht. Die Formulierung „so gut er die Bedeutungen ver steht&#8221; weist darauf hin, dass William als Sohn eines normannischen Adligen und einer Engländerin die altenglische Sprache nicht gut beherrscht; dies kann aber auch als Schutzbehauptung gedacht sein.</p>
<p>Nach dieser Urkunde soll Papst Leo einem König Cynehelm, seinen Gefolgsleuten, Verwandten und Nachfolgern seine Wünsche für Frieden und ewige Seligkeit schicken und, in Zusammenarbeit mit Cenwulf, dem König der Mercier, aufgrund seiner apostolischen Macht und Autorität ohne Verzögerung das Recht erteilen, das Kloster mit den von Königen, Bischöfen und Prinzen gewährten, in vielen Provinzen und Regionen gelegenen Ländereien ohne Behinderung für immer zu führen unter der Bedingung, dass ständig Kerzen vor dem Altar angezündet und spirituelle Gesänge, Psalmen und Messen gesungen werden sowie eine echte Gemeinschaft geführt wird. Unter Androhung der Strafe Gottes und der ewigen Exkommunikation darf kein König, Erzbischof, Bischof oder Prinz, welche Macht er auch im Leben erreicht oder auf welche Anordnung er handelt, mit Gewalt diese päpstlichen Privilegien beschädigen oder zurücknehmen.</p>
<p>Die Urkunde soll am 8. März des dritten Jahres von Papst Leo im päpstlichen Sitz St. Peter in Rom mit Erlaubnis unseres Herrn Karl, des Königs der Franken, Lombarden und Patrizier der Römer im 25. Jahr seiner Regierung von dem päpstlichen Hauptnotar Eustace und einem Berater namens Paschal verfasst worden sein.</p>
<p>In einer weiteren von William angeführten Urkunde soll Cenwulf (796- 821), ein Jahr nach seiner Wahl zum König von Mercien, dieses Privileg von Papst Leo an König Cynehelm und seine Nachfolger bestätigen und von zahlreichen Geistlichen unterschreiben lassen.</p>
<p>Warum William behauptet, die Urkunde des Papstes Leo nur in Englisch vorzufinden, obwohl sie in Rom hergestellt worden sein soll, wo kein Mensch Altenglisch spricht, warum Karl der Große, den er „unser[n] Herr Karl, König der Franken, Lombarden und Patrizier der Römer&#8221; nennt, dem Papst die Erlaubnis zur Erteilung der Privilegien geben soll und warum Leo das westsächsische Kloster mitsamt dem angesammelten Besitz von 800 Hiden einem unbekannten König Cynehelm zugesteht und nach Mercien transferiert, ist nicht nachvollziehbar. Es stellt sich auch die Frage, ob William die gefälschten Urkunden tatsächlich vorfindet, ob er sie sich selbst ausdenkt oder ob es sich um nachträgliche Interpolationen eines Kopierers handelt. Sicher ist, dass die erfundenen Urkunden der Füllung der Phantomzeit im letzten Drittel des 8. Jh. dienen sollen. In den Zusammenfassungen der Zuwendungen an Glastonbury in Kapitel 69 und 70 werden die Privilegien des Papstes und König Cenwulfs nicht mehr erwähnt, genau so wenig, wie an einer anderen Stelle.</p>
<p>Entweder zum Selbstschutz und zur Erhöhung der Glaubwürdigkeit oder aus Unwissenheit führt William oder der spätere Interpolierer aus, dass er  nicht sicher ist, wer dieser Cynehelm ist, dem Papst Leo und König Cenwulf von Mercien so große Freiheiten zugestehen. Um es noch verwirrender zu machen, wird berichtet, dass König Cenwulfs Sohn auch Cynehelm hieß, dass der aber dieser König nicht sein kann, da er durch ein Verbrechen seiner Schwester kurz nach dem Tod des Vaters ermordet wird, als er kaum sieben Jahre alt ist, und die Privilegien außerdem schon im zweiten Jahr von Cenwulfs Regierung gewährt werden, der danach noch 24 Jahre regiert.</p>
<p>Danach will William plötzlich nichts mehr von der ganzen Geschichte wissen und schlägt vor: „Aber lasst uns diese Angelegenheit beiseite legen und in unserem Unternehmen fortfahren&#8221;.</p>
<p>Mit König Beorhtric von Wessex, der in den Kapiteln 49 und 50 jeweils kurz erwähnt wird, ist William bei den phantomzeitlichen Königen von Wessex angelangt.</p>
<p>Die eigens zur Füllung der Phantomzeit rund 100 Jahre vorher gefälschte <em>Vita Alfredi </em>kennt William nicht. Das ist auch kein Wunder, denn das einzige jemals vorhandene Exemplar dieser Biografie liegt zu Williams Zeit vermutlich schon wohlverwahrt in Canterbury, wo es 1574 von Erzbischof Mathew Parker entdeckt und gedruckt wird.</p>
<p>Dafür stehen William die Chroniken des Byrhtferth von Ramsey und des Florence von Worcester mit Auszügen und Teilabschriften aus der <em>Vita Alfredi </em>zur Verfügung, nicht zuletzt auch die <em>Angelsächsische Chronik,</em> die der <em>Vita Alfredi</em> in Bezug auf Lebenslauf und Verdienste Alfreds gleichgeschaltet ist. Aus diesen Chroniken entnimmt William die Namen und Daten der Phantomzeitkönige, zu denen er die passenden Äbte von Glastonbury, mit einer jeweils möglichst langen Amtszeit, erfindet.</p>
<p>Der Nachfolger von König Beorhtric ist König Egbert, Alfreds imaginärer Großvater. Er soll 802, also nur einige Jahre nach den erteilten Privilegien durch Papst Leo, der Kirche von Glastonbury viel Land schenken, und zwar auf die Bitte von Abt Muca.</p>
<p>Der auf Muca für 27 Jahre folgende <strong>Abt Guthlac</strong><em><strong> </strong></em>verkauft 824 ein kleines Stück Land für horrendes Geld [Kap. 52]. Vermutlich soll der Eintrag den enormen Geldwert des Besitzes von Glastonbury demonstrieren.</p>
<p>851 erhält der auf Guthlac 840 für 16 Jahre folgende <strong>Abt Ealmund</strong> mit Genehmigung des Bischofs Aelfstan Ländereien von König Aethelwulf, der frommerweise ein Zehntel seines Besitzes den Kirchen in seinem Königreich zukommen lässt. König Aethelred, der Sohn Aethelwulfs, gibt seinem Gefolgsmann Wulfhere Land, das dieser unmittelbar an Glastonbury spendiert.</p>
<p>867 gibt Aethelbald, König Aethelwulfs Sohn, an <strong>Abt Hereferth</strong> für die alte Kirche der gesegneten Gottesmutter Maria Grundbesitz und Fischereirechte. Gleichzeitig gibt Alfred, Bruder von Aethelbald und Sohn von Aethelwulf, ein Stück von dem Kreuz des Herrn, das er von Papst Martin erhalten  haben soll. Alfreds Spende eines Kreuzes, das aus dem Kreuz des Herrn gefertigt sein soll, wird in Kapitel 69 noch einmal wiederholt.</p>
<p>Diese Mitteilung ist vollkommen durcheinander geraten, denn Abt Hereferth ist schon 849 für 14 Jahre als Abt eingeteilt und demzufolge in 867 gar nicht mehr im Amt, und ein Papst Martinus wird in der Alfred zugewiesenen Zeit auch nicht geführt. Es ist Williams einzige direkte Information über Alfred; an vier weiteren Stellen wird Alfreds Name noch als Vorfahr oder Verwandter von Landspendern genannt, die das Kloster beschenken.</p>
<p>Es ist sehr ungewöhnlich, dass William Alfreds Namen als Bruder von Aethelbald und Sohn von Aethelwulf zwar mit der angeblichen Spende der Kreuzreliquie und als Verwandter von anderen Spendern einige Male erwähnt, aber nichts über Alfreds in den oben erwähnten Chroniken ausführlich geschilderte Bedeutung sagt und noch nicht einmal berichtet, dass es sich bei ihm auch um einen König handelt.</p>
<p>Warum legt William sich bei Alfred eine so große Zurückhaltung auf? Weiß er vielleicht, dass Alfred eine Fiktion ist? Was weiß William von Malmesbury, das er aber aus Solidarität nicht sagen darf?</p>
<p>Auf Hereferth folgen weitere erfundene Äbte: 890 <strong>Stihtheard</strong> für 11 Jahre, 905 <strong>Aldhun</strong> für 34 Jahre; ihm soll König Edward 922 Compton zurückgegeben haben. Ab 927 dann <strong>Abt Aelfric</strong> für 14 Jahre, dessen Doppelgänger 300 Jahre früher bei Beda [208] genannt wird, allerdings nicht als Abt von Glastonbury, sondern als Onkel des Königs Edwin von Nordhumbrien und Vater von Edwins Nachfolger Osric.</p>
<p><strong>Dunstan wird Abt von Glastonbury </strong></p>
<p>Nach der Überlieferung wird Dunstan in dem Ort Baltonsborough in der Nähe von Glastonbury als Sohn einer dem Königshaus nahe stehenden, adligen Familie geboren. Als seine Eltern werden Heorstan und Cynethryth genannt. Der Vater, angeblich ein Bruder der Bischöfe von Winchester und Wells, soll den handwerklich und musisch begabten Jungen sehr früh &#8211; üblich für die damalige Zeit ist ein Alter von 5 bis 7 Jahren &#8211; als <em>puer religiosus</em> in das Kloster Glastonbury gegeben haben. Wann dies geschieht, wird nicht gesagt.</p>
<p>Der Biograf Osbern legt Dunstans Geburt in das erste Jahr von König Athelstans Regierungszeit. Das <em>Biographisch-Bibliographische Kirchenlexikon</em> übernimmt diese Angabe und schreibt, dass Dunstan 925 in der Nähe von Glastonbury in Somerset geboren wurde. Dieses Geburtsjahr lässt sich aber mit anderen Ereignissen aus Dunstans Leben nicht in Einklang bringen, da er sonst schon im jugendlichen Alter Abt geworden wäre.</p>
<p>Über Dunstan existieren mehrere Biografien und Chroniken. Die älteste Lebensbeschreibung wird wenige Jahre nach seinem Tod verfasst und ist Erz bischof Ælfric von Canterbury gewidmet, der das Amt von 995-1005 innehat. Die Biografie ist unter dem Pseudonym „B&#8221; geschrieben und bereits 1004 in Frankreich bekannt, so dass die Entstehungszeit zwischen 995 und 1004 liegen muss. Es gibt mehrere Vermutungen, wer sich hinter dem anonymen Autor „B&#8221; verbirgt, ohne dass Gewissheit über die Person des Biografen gewonnen werden konnte.</p>
<p>Die zweite Biografie verfasst der Mönch Adelar von Gent; er widmet sie dem 953 geborenen Erzbischof Ælfheah von Canterbury, der 1005 das Amt übernimmt und 1012 von den Dänen als Geisel genommen und ermordet wird. Damit dürfte für dieses Werk eine Entstehungszeit zwischen 1005 und 1012 feststehen.</p>
<p>Die anderen Viten und Chroniken über Dunstan stammen aus dem späten 11. oder aus dem 12. Jh. und sind, wie das in der Zeit nach der normannischen Eroberung üblich war, in vielen Einzelheiten voneinander abgeschrieben. Vieles ist hagiographisch verbrämt, mit Wundern und Legenden ausgeschmückt. Dunstans Tod wird in allen Biografien übereinstimmend am 19. Mai 988 angegeben.</p>
<p>Das <em>Ökumenische Heiligenlexikon</em> und fast alle modernen Interpreten legen Dunstans Geburt nicht in das Jahr 925, sondern in das Jahr 909. Bei Berücksichtigung der von Illig aufgestellten These über eine Phantomzeit von 297 Jahren wäre das im Jahr 612 a.Iz., das heißt, Dunstan wäre vor der Phantomzeit geboren worden und hätte den größten Teil seines Lebens danach verbracht.</p>
<p>Dies ist auch der Grund, warum Dunstans Geburt und seine frühen Jahre datenmäßig in den zahlreichen erst nach seinem Tod erstellten Quellen nicht oder nur unzureichend und lückenhaft erfasst werden. Als um das Jahr 1000 die erste Biografie über Dunstan geschrieben wird, ist die Phantomzeit schon eingeführt, zumindest in Frankreich, wo diese Biografie für 1004 nachgewiesen und vielleicht von einem englischen Emigranten erstellt wurde.</p>
<p>Nach allen Biografien wird Dunstan ab den 40er Jahren des 10. Jh. Abt von Glastonbury. Allerdings variieren die Angaben über das Jahr seiner Ernennung. In der Chronik des Florence von Worcester wird das Jahr 942 angegeben, in der Angelsächsischen Chronik 943. Da er die ersten Urkunden als Abt in 946 beurkundet, muss er spätestens ab diesem Zeitpunkt das Amt ausgeübt haben. Was er in der Zeit davor macht, bleibt im Dunkeln oder wird nur legendenhaft dargestellt.</p>
<p>So soll er sich beispielsweise als Berater des westsächsischen Königshauses, mit dem er verwandt sein soll, verdient gemacht haben, durch sein rigoroses Eintreten für Recht und Ordnung aber in Ungnade gefallen und aus dem Palast verwiesen worden sein. Neider sollen ihn daraufhin verprügelt und in eine Jauchegrube geworfen haben, aus der er sich retten und bei seinem  Onkel, dem Bischof von Winchester, Schutz suchen konnte. Dieser Onkel soll ihn dazu bewegt haben, Mönch zu werden. Aus dieser Mitteilung lässt sich schließen, dass der Beruf eines Geistlichen nicht von Anfang an für Dunstan geplant war. Dafür spricht auch sein Interesse für handwerkliche Arbeiten.</p>
<p><em>Übereinstimmend berichten alle Biografien und Chroniken, dass Dunstan durch irische Mönche in Glastonbury ausgebildet wird.</em> Über den Zeitpunkt und seine Lehrer wird sorgfältig geschwiegen.</p>
<p>Wie aus Bedas <em>Historia Ecclesia&#8230;</em> bekannt, verlassen nach der Synode von Whitby, 644 a.Iz., die letzten irischen Klostergemeinschaften, wie Abt Colman von Lindisfarne und seine Mönche, England und gehen zurück nach Irland oder sie unterwerfen sich der Oberherrschaft des Erzbistums in Canterbury und den Regeln der römischen Kirche. Damit ist die Zeit der irischen Mönche in England endgültig vorbei.</p>
<p>Dieser Sachverhalt ist ein entscheidender Beweis für die Existenz der Phantomzeit. Denn gesetzt den Fall, es hätte keine Phantomzeit gegeben und die Zeit wäre real 300 Jahre weitergegangen, könnte Dunstan im 10. Jh. niemals seinen ersten Unterricht von irischen Mönchen erhalten haben, wie es aber nicht nur in den Biografien und Chroniken des 11. und 12. Jh., sondern auch in der modernen Sekundärliteratur über Dunstan einvernehmlich berichtet wird. Interessanterweise hat an dieser Tatsache bisher noch niemand irgendwelche Zweifel geäußert, ein Zeichen dafür, wie oberflächlich die Urkunden, Chroniken und Biografien in England bisher erforscht und ausgewertet worden sind.</p>
<p>Aber eine Dummheit macht auch der Gescheiteste und das gilt auch für die Biografen von Dunstan. Es ist sogar nicht nur eine, sondern es sind gleich zwei. Die erste ist die Überlieferung, dass Dunstan von irischen Mönchen erzogen wurde. Die zweite ist noch überzeugender für die Existenz der Phantomzeit.</p>
<p><strong>Dunstan, der erste Abt der englischen Nation</strong></p>
<p>In der Lebensbeschreibung des Autors B. wird Dunstan ausdrücklich als <em>primus abbas Anglicæ nationis</em> bezeichnet, also als der „erste Abt der englischen Nation&#8221;, was äußerst wichtig und aufschlussreich ist. Erster Abt der englischen Nation kann nur zutreffen, wenn das 10. Jh. mit dem 7. zusammen fällt. Der Passus „Erster Abt der englischen Nation&#8221; wird von den Interpreten bisher entweder überlesen oder als „Primus inter Pares&#8221;; gedeutet, da nicht sein kann, was nicht sein darf.</p>
<p>Alles in Dunstans Leben deutet darauf hin, dass er, wie in den Biografien berichtet, der erste angelsächsische Abt in England ist, der nach den drei irischen Äbten Worgret, Lademund und Bregored und vor Beorhtwald um 640  Abt von Glastonbury wird. Mit Hilfe seiner Beziehungen zum Königshaus und den Bischöfen von Wells und Winchester fördert Dunstan das erste römische Christentum in Wessex und hilft es aufzubauen.</p>
<p>Nach der Überlieferung gründet Dunstan das Kloster Malmesbury. Das ist jedoch nur möglich, wenn er im 7. Jh. lebt und wirkt, da Aldhelm schon 674 der erste angelsächsische Abt von Malmesbury wird. Aldhelm wird bei Beda genannt und, genau wie Hilda, Äbtissin im Kloster in Streaneshealh, in das 7. Jh. gesetzt, wo beide auch bis heute geblieben sind. Dagegen wird Dunstan nirgends nach alter Inkarnationszeitrechnung dokumentiert. In den nach seinem Tod erstellten Biografien und Chroniken setzt man ihn in das 10. Jh. und dort ist er bis heute geblieben.</p>
<p>Das Statement über Dunstan als ersten Abt der englischen Nation ist der Zensur entkommen und wird in der nach 1070 von Osbern verfassten Biografie über Dunstan wiederholt. Welche der Biografien William von Malmesbury benutzt, ist nicht ersichtlich. Er geht auf den Verfasser nicht ein, sondern bezeichnet ihn nur abfällig mit „jener Mann&#8221;, über den er sagt: „Ich denke, dass alle Leute wissen, wie weit entfernt von der Wahrheit jener Mann war, der den Unsinn verbreitete, der gesegnete Dunstan sei der erste Abt von Glastonbury.&#8221; Damit ist das Thema für ihn beendet, die wichtige biografische Mitteilung wird von ihm nicht weiter beachtet, was in jeder Beziehung verdächtig ist [Kap. 55].</p>
<p>William äußert sich nicht über Dunstans Vorleben. So kann er die in den Lebensbeschreibungen überlieferte Mitteilung, dass Dunstan bei irischen Mönchen ausgebildet wird, verschweigen und braucht sie nicht zu kommentieren, obwohl er weiß und auch an anderer Stelle mitteilt, dass die irische Tradition in Glastonbury mit den oben genannten irischen Äbten im 7. Jh. ausläuft.</p>
<p>Abt Dunstan ist ein Beispiel dafür, wie perfekt die Kleriker bei dem Verschweigen oder Verschleiern der ersten Lebensjahrzehnte und der Korrektur oder dem Vernichten aller eventuell vorhandenen Dokumente jener Zeit zusammen arbeiten, damit nichts erhalten bleibt, das die Phantomzeit betrifft und bestätigt. Trotzdem ist England der Platz, an dem die drei eingeschobenen Jahrhunderte dank der Hinweise in den Chroniken eindeutig und lückenlos nachgewiesen werden können.</p>
<p>Um Dunstan in das 10. Jh. einzufügen, muss William so tun, als hätte es wirklich 300 Jahre gegeben, in denen all das passiert wäre, was er über die erfundene Zeit berichtet hat. William tut das Klügste, was er machen kann. Er schweigt darüber. Er sagt nichts mehr über König Ine, die von ihm erbaute Kirche und die Kapelle samt Zubehör aus Gold, Silber und Edelsteinen, da es diese, wenn sie überhaupt jemals errichtet wurde, zur Zeit Dunstans noch nicht gibt, weil Ine in der Geschichte erst nach Dunstan kommt. William sagt  auch nichts mehr über die in Glastonbury in der Phantomzeit angesammelten Reliquien, Schätze und Besitztümer, sondern fängt ganz von vorne an und tut so, als ob die Abtei und der verehrungswürdige Abt Dunstan auf die Zuwendungen der Könige angewiesen wären, wie es im 7. Jh. ja auch der Fall ist.</p>
<p>Wir erfahren von William von Malmesbury auch nichts über Dunstans eigentliches Verdienst. William erkennt nicht oder sagt nicht, dass Dunstan das bisher stets vermisste Äquivalent in Wessex verkörpert, das die ersten christlichen Bischöfe und Könige vor der Zeit Bedas in Nordhumbrien darstellen. Er erzählt nicht, dass Dunstan durch sein engagiertes Auftreten und seine Kontakte zum Königshaus für das Aufblühen des römisch-katholischen Christentums in England sorgt, dass er mehrere Klöster gründet, darunter auch Malmesbury, für das Aldhelm ab 674 der erste angelsächsische Abt wird. Dass Dunstan ohne eine Phantomzeit als Gründer von Malmesbury nicht in Frage kommt, braucht William nicht zu erklären, da er die Daten über Aldhelm einfach von Beda übernimmt.</p>
<p>Im Gegensatz zu den Biografen hat William aber die Schwierigkeit, Dunstan zwischen die Äbte des 10. Jh. einzuordnen und den passenden König von Wessex als Wohltäter für Glastonbury zu finden. Er behandelt Dunstan dabei so, als sei er ein gerade der Asche entstiegener Phönix, also ein unbeschriebenes Blatt. Unter Ignorierung der hagiographischen und biographischen Mitteilungen über Dunstans Vorleben beginnt William sein Loblied auf ihn mit der Ernennung zum Abt von Glastonbury auf den Rat göttlicher Weisung durch König Edmund, die er in das Jahr 940 legt, bis zu sechs Jahre früher als die anderen Chronisten. Der Grund dafür ist der frühe Tod Edmunds in 946. Damit hat William einen zeitlichen Vorsprung und genügend Spielraum, diesen König als Wohltäter von Dunstan und Glastonbury darzustellen.</p>
<p>Nach der kategorischen Ableugnung, dass Dunstan der erste Abt der englischen Nation ist, fährt William unvermittelt und ziemlich konzeptionslos in seinem Bericht fort [Kap. 55]. Er freut sich, dass er dem stürmischen Strudel der Vergangenheit und den Schatten der Ignoranz entronnen ist, womit er die verwirrende und übertriebene Berichterstattung über die Phantomzeit meinen muss, und dass er sich mit größerer Leichtigkeit glänzenden Zeiten zuwenden und über die Dinge auslassen kann, die dem Kloster in der Zeit dieses heiligen Mannes Dunstan gewährt werden, der Glastonbury 22 Jahre regiert.</p>
<p>Der fromme König Edmund soll samt seiner Frau Aethelflaed zuerst die mildtätigen Hände auftun und dem Abt Dunstan von Glastonbury viel Land zukommen lassen. Und dann geht es so weiter wie bei den oben genannten Spendern in der Phantomzeit, lediglich mit anderen Personen- und Flurnamen. Nur Zuwendungen, Zuwendungen, nichts als übertriebene Zuwendungen, die mit generöser Hand dem Abt Dunstan gespendet werden und zum Wohlstand des Klosters Glastonbury beitragen sollen. Um die Phantomzeit könige zum wiederholten Male zu verankern, lässt William König Edmund sagen:</p>
<blockquote><p>„Ich übertrage diese Ländereien auf die alte Kirche der gesegneten Gottesmutter auf dem Hügel von Glastonbury, um meine Sünden, die Sünden meines Großvaters Alfred und meines Vaters Edward zu tilgen.&#8221;</p></blockquote>
<p>Dann folgen weitere Zuwendungen, die von Edmund selbst oder von seinen Verwandten und Gefolgsleuten mit seiner Billigung gespendet oder vererbt werden, insgesamt 368,5 Hiden oder bis zu 18.000 Hektar. Sie sollen die großartige Verehrung für das Kloster in Glastonbury und seinen äußerst glorreichen Abt Dunstan, bezeugen. Um den Platz mit noch größeren Geschenken auszuzeichnen, soll Edmund in frommer Großzügigkeit noch viele Reliquien auf Glastonbury übertragen, die er in Nordhumbrien und in Gebieten über der See gesammelt haben soll und die man in den alten Büchern verzeichnet finden kann.</p>
<p>Edmund bestätigt der Kirche der heiligen Gottesmutter Maria von Glastonbury und dem verehrungswürdigen Dunstan, den er, wie er ausdrücklich erwähnt, dort als Abt eingesetzt hat, alle Spenden, die sein Vater Edward, sein Großvater Alfred, Kentwine, Ine, Cuthred und viele andere Spender dem Platz, den sie ehrten und glorifizierten, zukommen ließen.</p>
<p>Das Privileg Edmunds wird 944 erteilt und in goldenen Buchstaben in ein elegant geschmücktes Messbuch eingeschrieben, das der König der Kirche schenkt. Derjenige, der mehr über Edmund wissen will, kann dies in dem kleinen Buch nachlesen, das an der linken Seite im Turm der größeren Kirche in Glastonbury liegt.</p>
<p>Angezogen von der Heiligkeit des Platzes vermacht Edmund der Abtei und Kirche in Glastonbury auch seinen eigenen Leichnam, der noch zu Williams Zeit dort gewesen sein soll.</p>
<p>Nach der Überlieferung folgt König Edmund mit 18 Jahren seinem Halbbruder Athelstan, der am 27. Oktober 939 stirbt und in Malmesbury begraben wird, auf den Thron. Edmund wird nach einem mit Mühsal und kriegerischen Begegnungen angefüllten kurzen Leben im Alter 25 Jahren am 26. Mai 946 ermordet und in Glastonbury begraben.</p>
<p>Edmunds Nachfolger König Eadred einschließlich seiner Verwandten und Gefolgsleute setzen 954 die Zuwendungen an Dunstan fort. Unter Eadreds Nachfolger Eadwig kommt es 956 zu einem Zerwürfnis zwischen Abt und Königshaus. Dunstan wird aus dem Land getrieben und muss zwei Jahre in einem Kloster in Gent im Exil verbringen.</p>
<p>Während dieser Zeit wird der Pseudo-Abt<em><strong> </strong></em><strong>Aelsige</strong> eingesetzt, der die Leitung von Glastonbury übernimmt. Die Spenden gehen weiter. Auch er erhält ungefähr ein halbes Dutzend davon. Nach zwei Jahren darf Dunstan nach England zurückkehren, wird aber kurz darauf nacheinander Bischof von Wor cester (958), von London (959) und Erzbischof von Canterbury (960). Damit beträgt Dunstans Zeit als Abt von Glastonbury nicht 22 Jahre, wie William schreibt, sondern nur 10 bis höchstens 16 Jahre, nämlich von seiner ersten Beurkundung als Abt in 946 (oder von seiner angeblichen Ernennung in 940) bis zu seinem Exil in Gent in 956, da man sowohl die zwei Jahre im Exil als auch die beiden Jahre als Bischof von Worcester und London abziehen muss und er schon 960 das Erzbistum in Canterbury übernimmt.</p>
<p><strong>Brihtwold ist Abt im 7./8. und Bischof im 10./11. Jh</strong>.</p>
<p>Nach <strong>Abt Haemgils</strong> (680-705) folgt 705 erneut ein Abt namens Bertuuald, <strong>Beorhtwald</strong> oder Brihtwold (nicht zu verwechseln mit dem von 670 bis 678/80 genannten Abt gleichen Namens!), der von William im Verzeichnis der Äbte ab 705 für sieben Jahre geführt wird.</p>
<p>Abt Beorhtwald von Glastonbury nimmt am <strong>15. 10. 705</strong> an einem Treffen der Weisen, dem sog. <em><strong>Witenagemot</strong></em><em>,</em> teil. Diese angelsächsische politische Institution befasst sich bei ihrer Zusammenkunft in Brentford mit dem von Bischof Aldhelm vorangetriebenen propagandistischen Einsatz für romorientierte Kirchengewohnheiten.</p>
<p>Bei der Zusammenkunft wird der als Fachmann für die kirchenorganisatorischen Bemühungen auf Bistumsebene bezeugte Winfried Bonifatius als Sprecher einer Gesandtschaft vorgeschlagen, die die Ergebnisse bei dem Metropoliten Beorhtwald von Canterbury vertreten soll [<em>Theol. R.</em> Bd. VII, 69]. Um was es sich bei den „romorientierten Kirchengewohnheiten&#8221; handelt, wird nicht näher erläutert.</p>
<p>Um die Einführung des römischen Ostertermins kann es sich wohl kaum handeln, da diese Frage bereits 664 auf der Synode von Whitby hinreichend geklärt wurde. Vermutlich geht es bei dieser Vorbereitung von wichtigen Beschlüssen darum, wie man die inzwischen bemerkte Phantomzeit auffüllen und die auf dem Festland und in Teilen von England bereits geltende Nachphantomzeit mit der herkömmlichen alten Inkarnationszeitzählung unter einen Hut bringen kann, ohne die von Beda manifestierte und noch in Teilen Englands verwendete Zeitzählung „nach der Fleischwerdung des Herrn&#8221; und damit den HErrn selbst zu beschädigen.</p>
<p>Von diesem Treffen des Witenagemot wird weiter berichtet [Theol R.], dass Winfried Bonifatius den entsprechenden Auftrag König Ines von Wessex zu allgemeiner Zufriedenheit erledigt hat, so dass er weiter zu Synoden herangezogen wird und dass ihn mit Daniel, dem neuen Bischof von Winchester (705-744) eine lebenslange Freundschaft verbindet.</p>
<p>Natürlich wird bei dem Witenagemot in Brentford von den Weisen nichts über das mittlerweile bekannte Problem verlautet, dass man sich eigentlich  datumsgemäß in einer Phantomzeit befindet, dass das Festland und Teile Englands schon heimlich, still und leise in das zweite Jahrtausend hineingerutscht sind und Byrhtferth von Ramsey gerade damit beschäftigt ist, seine Chroniken zur Füllung der Phantomzeit zu schreiben, die Biografie über den Sagenkönig Alfred zu fälschen und den Bischof Ingwine zu erfinden.</p>
<p>Der Witenagemot wird von William von Malmesbury nicht erwähnt, und über den an dieser Veranstaltung teilnehmenden Abt Beorhtwald oder Brihtwold verliert er außer der Nennung im Verzeichnis der Äbte von Glastonbury kein Wort.</p>
<p>Notgedrungen spricht er aber über den Tod von Bischof Brihtwold von Ramsbury, 1045, und schildert ihn als großen Wohltäter von Glastonbury, der Kostbarkeiten von einem unermesslichen Geldeswert noch zu seiner Lebenszeit Glastonbury vermacht haben soll.</p>
<p>Außerdem soll der demütige Bischof alles Land der Mönche von Glastonbury in Wiltshire zurückkaufen und die drei Schreine der Hll. Guthlac, George und Oswald mit einer Widmung an den höchsten Herrn und seine Mutter Maria der alten Kirche von Glastonbury übertragen zur Gewinnung der süßesten Freuden des ewigen Lebens. William sagt, einige hätten zwar versucht, Brihtwolds Ruhm zu beschädigen mit der Kritik, er gebe die Besitzungen seiner Diözese an Glastonbury, aber das hätte der heilige Mann bestimmt nicht getan, so er gewusst hätte, dass er damit ein Unrecht begehe.</p>
<p>Dabei drängt sich die Frage auf: Wie kommt ein Bischof des 11. Jh. zu den Särgen von Heiligen aus dem 7./8. Jh.? Ganz nebenbei erwähnt William, dass Brihtwold seine Ausbildung als Mönch in Glastonbury erhalten hat, wagt aber nicht zu sagen, dass es sich dabei um Abt Brihtwold handelt. Trotzdem kann William nicht verhindern, dass die Identität des Abts von Glastonbury mit dem Bischof von Ramsbury, wenn auch reichlich spät, entdeckt wird. Die Wahrheit setzt sich durch! Mittlerweile ist bekannt, dass die beiden geistlichen Würdenträger des gleichen Namens in eine Person zusammenfließen; ein Paradebeweis für die Existenz der Phantomzeit, wobei der Bischof von Ramsbury schon in die Nachphantomzeit, der Abt des Klosters Glastonbury hingegen, Teilnehmer 705 am Rat der Weisen, noch in das 8. Jh. a.Iz. datiert ist.</p>
<p>Das ist auch dokumentiert im <em>Powicke Handbook of British Chronologie</em> [247], und wird bestätigt von dem Verfasser des <em>Oxford Dictionary of National Biography</em> [2004-2007], der in der ersten Veröffentlichung im September 2004 unter dem Stichwort <em>Brihtwold</em> [d. 1045], <em>abbot of Glastonbury and bishop of Ramsbury</em> den in 705 dokumentierten Abt Brihtwold von Glastonbury mit dem 1045 verstorbenen Bischof von Ramsbury gleich setzt und unter der Index-Nummer 101003431 der <em>Oxford Biography</em> die verwunderte Frage stellt: „What ist this?&#8221;</p>
<p><strong>Literaturverzeichnis</strong></p>
<p>Birkeli, F. (1971): The Earliest Missionary Activities from England to Norway;<em> </em>in <em>Nottingham Medieval Studies, </em>XV, 27-37</p>
<p>Els, Theo J. M. van (1972): <em>The Kassel manuscript of Bede&#8217;s Historia Ecclesiastica Gentis Anglorum and its Old English Material;</em> Assen</p>
<p>Illig, Heribert (2006): Konzertierte Fälschungen, Glastonbury, Wells und Saint-Denis; in <em>Zeitensprünge</em> 18 (3) 692-712</p>
<p>Knowles, David (1932): Essays in Monastic History; in <em>The Downside Review,</em> 50, 201-31 und 396-436</p>
<p>Könsgen, E. (1975): Zwei unbekannte Briefe zu den Gesta Regum Anglorum des Wilhelm von Malmesbury, in <em>Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters,</em> 31, 204-214</p>
<p>Laszlo, Renate (1996): <em>Arthur Dux Bellorum Britanniae;</em> Marburg</p>
<p>-	(2007): Der verdoppelte Autor der <em>Historia Brittonum.</em> Die Identität zwischen Aurelius und Arthur; in <em>Zeitensprünge</em> 19 (1) 94-105</p>
<p>- 	(2007): In England gehen die Uhren anders; in <em>Zeitensprünge</em> 19 (3) 687-716</p>
<p>- 	(2008): In England gehen die Uhren anders II; in <em>Zeitensprünge</em> 20 (1) 163-192</p>
<p><em>Oxford Dictionary of National Biography,</em> Brihtwold: Oxford Biography (2004)<br />
Index entry, http://www.oxforddnb.com/index/101003431</p>
<p>Powicke, F. Maurice / Fryde, E.B. (²1961): <em>Handbook of British Chronology;</em> London</p>
<p>Scott, John (1981): <em>The Early History of Glastonbury, An Edition, Translation and Study of William of Malmesbury&#8217;s De Antiquitate Glastonie Ecclesie;</em> Bury St Edmunds, GB</p>
<p>Spitzbart, Günter, (Hg. u. Übersetzer, 1997): <em>Beda der Ehrwürdige, Kirchengeschichte des englischen Volkes;</em> Darmstadt</p>
<p>Theol. R. = <em>Theologische Realenzyklopädie</em> (1981); Berlin · New York, Bd. VII, Stichwort <em>Bonifatius,</em> S. 69</p>
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		<title>Löschung der frühmittelalterlichen Regenten Spaniens</title>
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		<pubDate>Sat, 02 Aug 2008 14:33:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>ao</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<h3>Die überzähligen Winths, Alfonsos und Abd-er-Rahmans bei Westgoten, Asturiern und Muslimen</h3>
<h4>von Gunnar Heinsohn (aus <a title="http://www.mantis-verlag.de/?page_id=683" href="http://www.mantis-verlag.de/?page_id=683" target="_blank">Zeitensprünge 01/2005</a>)</h4>
<blockquote><p>„Keine andere vergleichbare Epoche der Geschichte Spaniens ist so reich an radikalen Umwälzungen und so arm an guten Quellen wie die zwei Jahrhunderte vom Ausgang der Regierung des Westgotenkönigs Wamba (672-680) bis zu den Kriegen Alfons’ III. [des Großen] von Asturien-León (866-910)“ [Prelog 1980, S. III].</p></blockquote>
<h3>I. Die Vernichtung des iberischen Reiches der Westgoten durch ihre muslimischen und asturischen Erben und das Fehlen von drei Jahrhunderten in Toledo</h3>
<p>Das eigentliche Spaniertum – unterschieden von Römertum, Westgotentum und Arabertum – sei in Asturien entstanden. Dieser Urgrund aller spanischen Dynastien habe nur 11 Jahre nach einem arabischen Eroberungszug gegen das Reich des Westgoten und nur acht Jahre nach dem Tod ihres letzten Königs, Agila II. (711–714), seine ungemein vitale Existenz begonnen.</p>
<p><!--more-->Von Anfang an bewährt durch einen Sieg unter einem frommen Pelay[g]o gegen muslimische Reiter bei Covadonga im Jahre 722, sei Asturien zwar immer bedrängt, 920 in Valdejunquera (Navarra) durch Halbmondkrieger auch blutig besiegt, den Emiren und Kalifen aber niemals wirklich untertänig geworden. Während die Westgoten spurlos abgetreten seien, habe ihre asturische Provinz sich im letzten Moment losreißen und dann als eigenes Königreich unbeirrt standhalten können.</p>
<p>Die Westgoten (eigentlich Wisigothen bzw. Gute Goten von gothisch ueso = gut) wie auch die Ostgoten (eigentlich Ostrogoten bzw. Glänzende Goten von Lateingothisch austro = strahlend) finden bis zur Mitte des 6. Jhs. ihre Geschichtsschreibung im Werke <em>De origine actibusque Getarum</em>, das Jordanes im Jahre 551 vorgelegt haben soll. Es ist einer Auffindung durch den Augsburger Konrad von Peutinger (1465–1547) zu verdanken. Jordanes soll die nicht wieder aufgefundene Gotengeschichte des Cassiodor (490–580) zusammengefasst haben. Die byzantinischen Berichte von Belisars Geheimschreiber Prokop über die Kriege gegen die Goten – <em>De bello gothico</em> – führen ein wenig weiter bis zum Jahr 555. Die Chronik des westgotischen Johannes von Biclaro (540–614/21; Bischof von Gerona) deckt noch die Jahre 567 –590 ab [Campos 1960]. Sie ist allerdings nicht erhalten, sondern liegt nur in einer Bearbeitung vor, die auf das Jahr 602 datiert wird [Bronisch 1998, 47].</p>
<div style="text-align: center;"><img title="/wp-content/uploads/spanien01.jpg" src="/wp-content/uploads/spanien01.jpg" alt="/wp-content/uploads/spanien01.jpg" /></div>
<div style="text-align: center;">Westgotenreich (gut 700.000 km2) mit Südfrankreich und iberischer Halbinsel – unter Einschluss von Asturien (Oviedo) und León – bis zum Sieg der Chlodwig-Franken bei Poitiers im Jahre 507 [Claude 1970, 147] .<br />
Auf einen Rekkeswinth (653–672) bezogene Votivkrone (Gold und Edelsteine) aus dem Schatz von Guarrazar [Christ et al. 1988, 76]</div>
<hr size="2" />
<div>
<table>
<tbody>
<tr>
<td colspan="2"><strong>Herkömmliche westgotische Königsliste für die iberische Halbinsel</strong> (Toledo) nach Sieg der Franken unter Chlodwig bei Poitiers im Jahre 507 über die Westgoten, die nach dem Tod ihres Königs Alarich II. nicht wieder in Frankreich herrschen und ihre Hauptstadt von Toulouse im Jahre 534 – mit Zwischenstationen in Barcelona, Sevilla und Merida – nach Toledo verlegen [Claude 1970]:</td>
</tr>
<tr>
<td colspan="2">Alarich II (484–507): Letzter Gotenkönig von Spanien und Südfrankreich mit Hauptstadt Toulouse</td>
</tr>
<tr>
<td colspan="2">
<hr size="2" /></td>
</tr>
<tr>
<td valign="top">Gesalich (507–511)</td>
<td valign="top">Sisebut (612–621) Zwangstaufe der Juden<br />
[gegen Kaiser Heraklius, Feldherr Suinthila]</td>
</tr>
<tr>
<td valign="top">Amalarich (511–531)</td>
</tr>
<tr>
<td valign="top">Theudis (531–548)</td>
<td valign="top">Rekkared II. (621)</td>
</tr>
<tr>
<td valign="top">Theudigisel (548–549)</td>
<td valign="top">Suinthila (621–631, Feldherr Sisebuts]</td>
</tr>
<tr>
<td valign="top">Agila I. (549–555)</td>
<td valign="top">Sisenand (631–636)</td>
</tr>
<tr>
<td valign="top">Athanagild (555–567)</td>
<td valign="top">Chintila (636–639)</td>
</tr>
<tr>
<td valign="top">Liuwa (567–572)</td>
<td valign="top">Tulga (639–642)</td>
</tr>
<tr>
<td valign="top">Leowigild (568–586)<br />
[bis hier arianisch]</td>
<td valign="top">Chindaswinth (642–653)</td>
</tr>
<tr>
<td></td>
<td>Rekkeswinth (653–672)</td>
</tr>
<tr>
<td valign="top">Rekkared I. (586–601)<br />
[wird katholisch]</td>
<td valign="top">Wamba (672–680)</td>
</tr>
<tr>
<td></td>
<td>Erwig (680–687)</td>
</tr>
<tr>
<td valign="top">Liuva II. (601–603)</td>
<td valign="top">Egika (687–702)</td>
</tr>
<tr>
<td valign="top">Witterich (603–610)</td>
<td valign="top">Wittiza (702–710)</td>
</tr>
<tr>
<td valign="top">Gundemar (610–612)<br />
[610 gegen Kaiser Heraklius]</td>
<td valign="top">Roderich (710–711) mit Metropolit Sindered</td>
</tr>
<tr>
<td></td>
<td>Agila II. (711–714)</td>
</tr>
<tr>
<td colspan="2">
<hr size="2" /></td>
</tr>
<tr>
<td></td>
<td>Glaubensfreiheit für Juden seit muslimischer Eroberung von 711</td>
</tr>
<tr>
<td></td>
<td>Abd-er-Rahman I. (766–788) Emir v. Cordoba.</td>
</tr>
</tbody>
</table>
</div>
<hr size="2" />Die Geburt des Westgoten Isidor – mit Brüdern als Bischöfen in Astiga und Sevilla, wo er die Nachfolge antritt – wird meist um 560 angesetzt. Er legt seine <em>Historia de regibus Gothorum, Vandalorum et Sueborum</em> zu Beginn des 7. Jhs. vor (irgendwann zwischen 612 und 621). 70 der 92 Kapitel handeln von Goten. Seine Etymologiae widmet er König Sisebut, dessen Herrschaftsbeginn auf 612 datiert wird. Isidors Geschichte der Goten, die er aus demselben Stamme entstehen sieht wie die Skythen, soll in „weiten Teilen“ die verlorene Arbeit <em>Historiola de iis temporibus Gothorum in Hispaniis acta sunt</em> des Maximus von Zaragoza wiedergeben [Bronisch 1998, 50].Was zeitgenössische Quellen anbetrifft, versinken Isidors Westgoten nach Gundemar, Sisebut und seinem Feldherrn Siunthila in einem unheimlichen Nachrichtenloch: Externe „Kontakte sind nur zu Beginn des 7. Jh.s nachweisbar. [...] Außerspanische Quellen beschäftigen sich kaum mit dem Westgotenreich, das aus dem Gesichtskreis der Franken und Oströmer verschwindet“ [Claude 1970, 75].Kaiser Heraklius, dessen Regierungszeit um 610 einsetze, kämpfe in eben diesem Jahr gegen Gundemar und danach auch gegen Sisebut bzw. dessen Oberkommandeur Suinthila. Wenigstens am Rande erwähnt sei hier Patrick Armory’s These [1997], dass es im ethnischen Sinne ein Volk der Goten zumindest in Italien (Ostrogoten) niemals gegeben habe, „Gotisch“ (Wulfilabibel von 369) sei die Liturgiesprache der arianischen Kirche gewesen, der Germanen und Römer angehörten. Die in Quellen durchaus nachweisbare Kennzeichnung „Goten“ sei ein politisches Konstrukt Theoderichs des Großen gewesen. Da auch Armory die politischen und militärischen Taten der als Goten bezeichneten Leute nicht bestreitet, mag der ethnogenetische Fachstreit hier außen vor bleiben. Unstrittig ist allerdings, dass es auch auf der iberischen Halbinsel schon im 6. Jh. kein Gotisch mehr gibt. Für die reinen Sprachforscher ist es deshalb ganz selbstverständlich, dass dann – mit Ausnahme der Krim – auch die Goten verschwunden sind, also nicht gut zu begreifen ist, dass sie noch 711 gegen Muslime Schlachten verlieren können: „Die gotische Sprache ist im 6. Jahrhundert mit den Goten untergegangen“ [mediaevistik.de  2005].Die archäologischen Funde für Spaniens Westgoten liegen in Nekropolen durchaus reichhaltig vor – vor allem in Duratón 50 km nordöstlich von Segovia mit 660 Gräbern [Molinero Pérez 1948]. Aber auch bei ihnen kommt man nur bis in das 6. Jh. Das gilt auch für die beiden dort gefundenen Münzen von Anastasius (491–518) und Theoderich (511–526) [Scheibler 1993].Vielversprechender wirkt der 1853 geborgene Schatz von Guarrazar (7 km südöstlich von Toledo). Zu ihm gehören neun Kronen. Für eine davon hat man als Anhänger gestaltete Buchstaben so rekonstruiert, dass sie sich auf Rekkeswinth beziehen lassen, der in die Zeit 653 bis 672 gesetzt wird. Bei leicht variierter Rekonstruktion – und rekonstruieren muss man in jedem Fall – könnte die Inschrift aber auch zu Rekkared I. (586–601) passen, der sich als erster westgotischer König vom Arianismus abwendet und 587 katholisch wird. Unstrittig ist der Namensfund Suinthila in Guarrazar, der unter dem 612 König werdenden Sisebut als Feldherr dient.Vermutet wird, dass der Schatz nach Invasion der Muslime vergraben worden ist. Bei einer Streichung von drei Jahrhunderten [Illig 1991 ff.], die – wie unten zu zeigen – die arabische Eroberung in das 10. Jh. bringt, wäre in der Tat ein Suinthila aus dem 7.||10.Jh. ein arabisch unterworfener Führer bei den Westgoten gewesen.  Wenn die Westgoten im 6. Jh. durch zeitgenössische Berichte und archäologische Funde und im frühen 7. Jh. immerhin durch interne und externe zeitgenössische Berichte belegt sind, so bleibt für das übrige 7. Jh. und den Beginn des 8. Jhs., als die Mauren Herren geworden sein sollen, eine schwer begreifbare Lücke. Zwar wird eine Inflation von fünfzehn Toledo-Konzilen (4. bis 18.) zwischen 633 und 702 angesetzt. Gebäude in der Stadt, die für illustre Zusammenkünfte angeblich zahlloser Bischöfe und Äbte Iberiens hätten herausgeputzt werden können, haben die Archäologen allerdings niemals gefunden.</p>
<blockquote><p>„Die meisten Bauten der Westgotenzeit sind verschwunden. In keiner der großen Städte des Reiches ist ein Kult- oder Profanbau erhalten“ [Claude 1970, 116].</p></blockquote>
<p>Überdies kann kaum ein moderner Historiker seine Empörung darüber zügeln, dass die westgotischen Codices und Konzilsprotokolle des 7./8. Jhs. nichts gemein haben mit der herkömmlichen Abfassung solcher Dokumente.</p>
<blockquote><p>„Die Sprache der westgotischen Gesetze und Konzilsakten verwilderte im 7. Jh. An die Stelle einer fast klassischen Klarheit, die noch in den Gesetzen des Codex revisus [Ende 6. Jh.] häufig ist, tritt eine rhetorisch aufgeputzte Ausdrucksweise. Hinter den moralisierenden Betrachtungen des Gesetzgebers trifft oftmals der juristische Kern zurück“ [Claude 1970, 119].</p></blockquote>
<p>Bei Schreibtischproduktionen frömmelnder Kleriker vom Schlage des uns gleich interessierenden Pelayo aus Asturien steht solches Schwadronieren und Fabulieren gerade zu erwarten. Als letztes unverdächtig wirkendes Toledo-Konzil gilt das dritte von 589, auf dem die Westgoten den Übertritt ihres Königs Rekkared zum Katholizismus von 587 nachvollziehen.</p>
<p>Immerhin werden außerhalb der Städte vier 20-25 m lange Kirchen in die fragliche Zeit datiert [Grundrisse bei Christe 1988 119; Illig 1995, 38]. <em>San Juan de Baños de Cerreto</em> (Provinz Palencia) sei aufgrund einer Inschrift unter Rekkeswinth 661 begonnen worden, so dass der berühmte Konvertit Rekkared ohne irgendeine Kirche oder auch nur Inschrift bliebe. <em>San Pedro de la Nave</em> bei Zamora sei 691 unter Egika oder bereits unter Wamba begonnen worden. Die beiden nun haben Namen und Datum, mithin ihre bloß papierene Existenz aus der <em>Historia Wambae regis</em> [Levison 1976]. Diese wird einem Julian zugeschrieben, der zwischen 680 und 690 als Metropolit von Toledo gewirkt haben soll. Mit ihm werde „zweifellos der Höhepunkt der westgotischen Historiographie“ erreicht [Bronisch 1998, 57]. Allerdings trägt er auf den ersten Blick einen nicht gut begreifbaren Makel. Obwohl die Westgoten noch quicklebendig seien und noch niemand von einem islamischen Feind und einer von ihm bedrohten spanischen Nation etwas wisse, spricht Julian nicht etwa von Westgoten, sondern von Spaniern und Galliern. Und einen Aufstand seiner gallischen Untertanen schlage Wamba merkwürdigerweise in Südfrankreich nieder, das sein Vorgänger Alarich II. schon im Jahre 507 in seiner Poitiers-Niederlage an die Franken verloren hat.</p>
<p>Julians weit in die Jahrhunderte vorgreifenden Vision des Spaniertums provoziert keineswegs Zweifel an der Echtheit der Überlieferung. Im Gegenteil, gerade diese enorme Hellsichtigkeit beweise Julians Ausnahmegenie. Er habe „Reichsbewußtsein“ formuliert, als niemand sonst daran auch nur denken konnte. Nicht minder begabt erscheint er, weil er sich den Niederungen eines Lokalkolorits verweigert und stattdessen „vor allem mit Details aus Sauls Krieg gegen die Ammoniter“ arbeitet, wie Suzanne Teillet [1984] herausgefunden hat. Durch Einschaltung seines überlebensgroßen Helden in die hebräische Bibel wird „Wamba als altestamentlicher König des Volkes Gottes dargestellt“ [Bronisch 1998, 58]. Da Jordanes, Isidor und Kollegen so hoch nicht aufgestiegen sind, müssen sie sich im Urteil heutiger Historiker mit Rängen unterhalb Julians zufrieden geben. Ganz ohne das Bemühen eines wundersamen Genies lässt sich Julians Spaniertum einordnen, wenn seine Schrift frühestens in das 11. Jh. datiert wird, in dem erste Siege über Muslime gelingen, wie etwa 1087 ihre Vertreibung aus Toledo. Gerade die großzügige Verwendung von Bibelpassagen verweist auf eine souverän am Schreibtisch gebastelte Wamba-Fiktion.</p>
<p>Damit bleiben als westgotischer archäologischer Befund <em>Santa Comba de Bande</em> und <em>Santa Maria de Quintanilla de las Viñas</em>. Sie werden keinem bestimmten Herrscher zugeschrieben, aber wiederum aufgrund einer uns noch interessierenden <em>Alfonso-Chronik</em> vage auf 700 gesetzt. Die Datierungen für alle vier Kirchen haben immer verblüfft, weil mit ihnen die Gründungszeit des westgotischen Katholizismus im späten 6. Jh. ohne Sakralbau bliebe. Ebenso hat erstaunt, dass der typische Hufeisenbogen – besonders markant in <em>San Pedro de la Nave</em> – auf der iberischen Halbinsel selbst bereits aus spätrömischer Zeit stammt, etwa in Beja sowie auf Grabsteinen in den Museen von León und Zamora [Claude 1970, 117]. In 