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Dunkelheit oder Leere im frühen Mittelalter?

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Antike Numismatik (Münzhortfunde) – Diskussion

BenutzerBeitrag

11:57
5. Juni 2008


Vinzenz Obinger

Member

Beiträge 177

Materialien und Diskussion gehören IMHO zusammen. Daher hier einige Anmerkungen zu Heraclius und Konstantin.

Die Vorstellungskraft von MZ reicht leider nicht aus, um zwei völlig unterschiedliche Ebenen der Diskussion auseinanderzuhalten.

So wie nicht bestritten wird, dass es Herrscher namens Carolus gab, sondern lediglich ob es so viele über einen dreihundert Jahre lang dauernden Zeitraum gab oder ob nicht mehrere zusammenfallen, geht es auch bei Heraclius und Konstantin nicht darum, zwei Herrscher plump identisch zu setzten oder gar zu eliminieren, sondern auf zwei Ebenen einen Abgleich vorzunehmen – unter der Voraussetzung, dass es die Phantomzeit gibt. Wenn dieser Abgleich möglich ist, ist dies zwar keine Verifikation einer Phantomzeit, aber eben auch keine Falsifikation. Gerade darum geht es aber. Wir möchten sozusagen selber durch geeignete Thesen die Phantomzeittheorie falsifizieren, um sie überhaupt sinnvoll vertreten zu können. Je mehr auf diese Weise gefundenen Indikatoren nicht gegen die Fantomzeittheorie sprechen, umso wahrscheinlicher wird die Fantomzeittheorie. Dazu müssen natürlich sinnvolle Thesen aufgestellt werden. MZ wirft uns nun vor, eben unsinnige Thesen aufzustellen. Das ist sein gutes Recht, bleibt aber fragwürdig, solange er selbst dabei unsere Thesen nicht richtig wiedergibt.

Alle Fantomzeittheoretiker im Umfeld Illigs unterscheiden zwischen vor allem zwei Ebenen der Quellenlage: der urkundenbezogenen und der archäologiebezogene.
Alle Fantomzeittheoretiker im Umfeld Illigs geben der Archäologie den Vorzug in der Beurteilung des Faktischen.
Alle Fantomzeittheoretiker im Umfeld Illigs gehen davon aus, dass Urkunden leichter zu fälschen sind als Gegenstände.
Alle Fantomzeittheoretiker im Umfeld Illigs gehen aber auch davon aus, dass
a) auch archäologische Gegenstände gefälscht worden sein können (Imitationen, etc.)
b) auch archäologische Forschungsergebnisse gefälscht worden sein können;
c) auch archäologische Datierungsmethoden fehlerhaft sein können.

Nun zur vorliegenden Diskussion.

1. Behauptung: "In diesem Forum wird schwerpunktmäßig über astronomische Daten oder ähnliche Herrscherbiografien diskutiert. Handfeste archäologische Funde kommen dabei zu kurz." Dies ist eine stark verzerrend-polemische Darstellung, die dem Umstand nicht Rechnung trägt, dass natürlich auch die Astronomie oder Herrscher archäologische "handfeste" Voraussetzungen hat. So wird hier seit langem eine komputistische Diskussion geführt auf der archäologischen Grundlage von Ostertafeln. Die karolingische Münzgeschichte wurde im Blick auf Heinssohns münzvergleichenden Beobachtungen geführt. Usw. Von daher ist der Vorwurf, die Archäologie würde im Forum zu kurz kommen, unhaltbar, wie sich zeigen wird, auch im Blick auf den eigentlichen Pudels Kern: die römische und byzantinische Münzgeschichte zwischen Konstantin I. und der Heraclischen Dynastie.

2. Behauptung: Es wird über die Identität von Konstantin I. und Heraclius spekuliert. Wer, wo und wie wird über die "archäologische" Identität spekuliert. Es wird zunächst über die urkundenmäßige Erfindung von zusätzlichen Biographien spekuliert, nichts weiter.

3. Behauptung: Es wird über die Möglichkeit, dass Konstantin VII. einen übergroßen Konstantin I. kreiert hätte, spekuliert. MZ tut so, wie wenn wir behaupten würden, es habe keinen römischen Kaiser Konstantin gegeben und die ihnbezüglichen archäologischen Funde seien gefälscht. Wir behaupten dagegen lediglich, es könnte sein, dass bezüglich der urkundenmäßig überlieferten Biographie zum archäologisch gesicherten Bestand eines römischen Kaisers Konstantins von Konstantin VII. und seinen Beratern Weitergehendes dazuerfunden wurde und gegebenenfalls auch durch gefälschte Gegenstände (z.B. Inschriftenimitationen) "bestätigt" wurden, um Konstantin I. eben legendär "größer" erscheinen zu lassen, als er in Wirklichkeit war. Etwas was ja auch den Kern der Fantomzeittheorie bezüglich Karl den Großen ausmacht.

4. Behauptung: "Die Tatsache, dass die Münzfunde Konstantins I. und seiner Familie in die Hunderttausende gehen und deshalb keine Fälschungen sein können, wird einfach übersehen." Dies ist eine Unterstellung, weil von uns nie behauptet wurde, dass die diese Münzen "Fälschungen" seien.

5. Behauptung: "Und dass die Münzen Heraclius’ ikonografisch nicht ins 4. Jahrhundert passen, wird ebenfalls nicht beachtet." Auch das haben wir nicht behauptet.

6. Behauptung: Gerade hier wird dann aber von MZ etwas verknüpft, was nicht zusammengehört. Die von Korth und mir ins Spiel gebrachte These geht ja gerade davon aus, dass zuerst die Zeit zwischen Ost und West falsch verkoppelt wurde, dann Biographien erfunden wurden und im dritten Schritt die Verdopplungen durch archäologisch "handfeste" Fälschungen beglaubigt wurde. Münzgeschichtlich sind für uns daher eben nicht die Münzen der konstantinischen Dynastie gefälscht, sondern die der heraclinischen.

Wenn wir unter dieser Prämisse die "Materialien" von MZ durchgehen, wird die Decke deutlich geringer. Wo und wann wurden denn Münzen von Heraclius und seiner Familie gefunden?

7. Behauptung: "Dass man in den Münzhorten aus dem 4. Jahrhundert keine Münzen des Heraclius findet, braucht nicht besonders hervorgehoben werden. Es ist selbstverständlich." Endlich mal eine Behauptung der wir rundum zustimmen können. Wir haben nie etwas anderes behauptet.

Zu den Materialien bezüglich der Heraclius-Münzen

"Der Schatzfund von Bet She’an (751 Goldmünzen des 7. Jh.)
- Phocas (603-610) mit 95 Münzen,
- Heraclius (610-641) mit 382 Münzen,
- Constans II. (641-668) mit 219 Münzen,
- Konstantin IV. (668-685) mit 55 Münzen."

95+382+219+55=751 Münzen. Das heißt in diesem Schatzfund fanden sich keinerlei andere Münzen.

"Während der Grabungen wurde ein Komplex von Wohnhäusen aus der byzantinischen und Umayyaden-Zeit freigelegt. Er war offensichtlich durch das Erdbeben von 749 zerstört worden. Der Goldhort wurde in der Ecke eines Hofes in einem der Wohnhäuser gefunden, unter dem Fußboden, auf dem sich eine Gruppe von Krügen befand. Er bestand aus 751 Goldmünzen, versteckt in einem kleinen Kochtopf. Obwohl der Topf charakteristisch für die Umayyadenzeit ist, handelt es sich bei allen darin gefundenen Münzen um byzantinische Solidi, die Standardgoldmünze des Byzantinischen Reiches." Soweit so gut. Gerade dershalb könnte es sich auch um Fälschungen handeln. Dies wird von den ach zu handfesten Numismatikern mit einem Trick "ausgeschlossen": "Sie waren in Konstantinopel im 7. Jahrhundert geprägt worden. Die Münzen decken einen Zeitraum von siebzig Jahren von etwa 610 bis 681 ab." 1) Wie bitte kann man feststellen, wann und wo Münzen wirklich geprägt worden sind? 2) Der Zeitraum wird von der traditionellen Chronologie übernommen, die ja gerade durch den Münzfund belegt werden soll. Damit hätten die Fälscher ihr Ziel erreicht. Sie haben nachfolgende Generationen im Glauben bekräftigt, dass es eine Zeit gab, die angeblich durch vier Herrscher abgedeckt wird.

"Der Cuerdale Hoard (1840): ca. 1000 angelsächsische Stücke, ca. 5000 Stücke des Danelaw, ca. 1000 fränkische Stücke, einige frühe skandinavische und ca. 50 kufische Dirhams von der gesamten islamischen Welt, einige osteuropäische Imitate von kufischen Münzen und eine einzige byzantinische Münze des Heraclius/Constantinus" – hört, hört, aber kein Problem für die Fälschungsthese, da der Schatz in keinem Fall vor 905, vermuteterweisel zwischen 905 und 910 vergraben wurde.

DB ergänzt: "Die Münzen des Heraclius im Awarenreich enden abrupt 626 und sind größtenteils Streufunde. … Eine größere Anzahl von Solidi des Heraclius wurde in Nordwestdeutschland gefunden." – Hört, hört. Quelle?

Mehr haben wir von MZ bezüglich der Münzen des Heraclius und seiner Familie bislang nicht gehört. Daher nun einige Numismatiker-Stimmen:

Marcin WołoszynInstitute of Archaeology ; Rzeszów University ; Rzeszów ; Poland ; Institute of Archaeologyand Ethnology: "Mit den Münzen von Heraclius geht der Zufluss von frühbyzantinishen Prägungen aufpolnische Gebiete zu Ende. Aus dem 8 Jh. stammen zwei byzantinische Münzen. GrössereMengen von byzantinischen Emissionen erreichen unser Land erst im 10.-11. Jh." In Polen ist also mit Heraclius Ende der Fahnenstange. Daher müssten die Funde von Heraclius-Münzen einzeln überprüft werden, in welchen Horten sie wirklich auftauchen.

Dazu heißt es: "Leider nur für zwei Münzenverfügen wir über sichere Informationen über Umstände ihrer Entdeckung – es handelt sichhier um Emissionen des Heraclius (Grodzisko Dolne ; Szadzko)." – Immerhin!

Weiter: "Der Follis von Heraclius von Grodzisko Dolne darf natürlich nicht mit den Bajan und seinen Nachfolgern gezahlten Tributen in Verbindung gebracht werden. Generell bewirkte die aggresive Politik der Awaren den Zufluss von Münzen an die mittlere Donau im ersten Viertel des 7. Jh., woher sie auch auf das Gebiet nördlich vom Kapratenbogen gelangt sind. Ein höchst interessantes Fundstück ist die letzte von den Münzen des Heraclius – das in Szadzko aufgedeckte Hexagramm. Der Fund von Szadzko scheint das am weitesten nach Norden vorgerückte Fundstück dieser Art zu sein!"

http://mek.oszk.hu/02100/02113/html/34.html: "Grabgruppe von Érmihályfalva, dem Reitergrab eines Goldschmiedes von Fönlak, dem durch eine vor 625 geprägte Goldmünze des Heraclius datierten awarischen Reitergrab mit Helm, Panzer und Schwert von Deutsch-St.-Peter"

The hoard of Heraclius solidi from Zrmanja:
Byzantinische Zeitschrift 1999: "Cette prétendue conclusion est corroborée par la découverte du trésor de Zrmanja (1938) comprenant des imitations de solidi d'Héraclius".

Α hoard of 169 folles in the Cyprus Museum acquired in 1944, mostly coins of
Heraclius and Constans II.

Überhaupt fällt auf, dass gerade von Heraclius-Follis häufige Imitationen zu finden sind. Weiter spricht die Numismatik bezüglich Heraclius von eine Münzreform, ja sogar Münz-"Revolution" (629). Eine radikale Reduzierung der Münzämter und Konzentrierung auf Konstantinopel. Seltsam nur, dass von dieser wiederum auf der Urkundenebene überhaupt nichts bekannt ist.

Ich lasse mich gerne überzeugen, aber im Moment ist mir das einfach noch zu wenig. Wenige große, aber in der Zusammensetzung enge Hortfunde belegen die traditionelle Chronologie und mit der traditionellen Chronologie werden breite Streufunde oder Hortfunde mit byzantinischen Einzelmünzen gerade mit Hilfe der byzantinischen Münzen datiert bzw. interpretiert, obwohl diese vielfach erst viel später vergraben worden sind.

Wenn also "handfest", dann bitte auch konstant und nicht nur sporadisch.

http://ccat.sas.upenn.edu/bmcr/2006/2006-04-13.html : Rezension zu Olivier Callot, Salamine de Chypre XVI: Les Monnaies. Fouilles de la ville 1964-1974. Mission Archéologique de Salamine de Chypre. Paris: De Boccard, 2004. Pp. 219. ISBN 2-903264-95-3. €45.00.

Fundmünzen von Salamis-Constantia auf Zypern
"Die nun erschienene Arbeit von O. Callot umfaßt insgesamt 1.813 Münzen, die bei den französischen Grabungen gefunden wurden. … Von der Gesamtmenge der Münzen sind 810 Stück als byzantinisch bestimmbar. "

griechisch (klassisch+hellenistisch): 87 + 75=162
römisch: 172+264=436
byzantinisch: 810+213=1023
omayyadisch: 24+0=24
lateinisch-christlich: 18+0=18
unbestimmbar: 150

"Der Großteil der byzantinischen Münzen (308 Stück) stammt aus der von schweren Bedrohungen und Umwälzungen geprägten Regierungszeit des Heraclius (610-641), als Zypern bedeutender Stützpunkt und Zufluchtsraum in den Auseinandersetzungen mit den Persern und später mit den Arabern wurde. Die arabischen Überfälle und die zeitweilige Eroberung zwischen 647 und 680, sowie die daran anschließenden, wechselhaften Herrschaften finden im Münzspektrum nur geringen Niederschlag, so daß für die gesamte Zeit, aus der noch Fundmünzen vorliegen, von einem Versiegen der auf Münzgeld basierenden Wirtschaftsweise auszugehen ist."

Das zweite Mal ist also mit Heraclius "alles aus" – der Fund von Bet She’an wird dadurch immer singulärer und spektakulärer.

Wikipedia: Neapolis in Samaria: "Frühbyzantinische Münzen des Kaisers Heraklios mit der Beischrift N oder NEA werden einer Münze in Samaria zugeschrieben. Da es mehrere Städte mit dem Namen Neapolis gibt, u.a. auf Zypern, ist die Zuweisung jedoch nicht völlig gesichert. Literatur: P. J. Donald: The Neapolis Coins of Heraclius. in: Spink Numismatic Circular. Spink & Son, London 94.1986, 116. ISSN 0029-6023"

01:06
7. Juni 2008


admin

Admin

Beiträge 51

Die Moderation bittet, das Anliegen von mz zu respektieren und hier über die Materialien im Thread "Antike Numismatik (Münzhortfunde) – Materialien" zu diskutieren.

21:38
7. Juni 2008


Vinzenz Obinger

Member

Beiträge 177

Halte ich zwar ehrlich gesagt für unsinnig, zumal MZ seine "Materialien" ja zum Teil auch kommentiert hat. Aber was soll´s. Allerdings bitte ich dann auch meinen Beitrag hierhin zu übertragen.

02:04
8. Juni 2008


admin

Admin

Beiträge 51

Die Übertragung ist nicht trivial, die Admin-Oberfläche lässt das nicht zu. Noch ein Punkt mehr auf der Liste … manuell (updates in der DB) klappt es, bis auf die Reihenfolge.

14:05
8. Juni 2008


DB

Member

Beiträge 75

Zu Obinger im Verweis 1177:

Somogyi, Peter – Byzantinische Fundmünzen der Awarenzeit – Innsbruck Wagner 1997

S.118: Das genau bestimmte und zweifelslos aus dem awarischen Siedlungsgebiet stammende numismatische Material bestätigt die historischen Aufzeichnungen, wonach die byzantinischen Tributzahlungen nach 626 eingestellt wurden.

S. 119/120: Erst aufgrund der Erkenntnis, dass der Goldstrom schon nach 626 versiegte, änderte I. Bóna seine Meinung dahingehend, dass sämtliche Goldmünzen des Constans II. und des Constantinus IV. von den neuen Zuwanderern, d. h. von den Onogur-Bulgaren (Mittelawaren), ins Karpatenbecken mitgebracht wurden. Anmerkung in der Fusszeile hierzu: Bónas Feststellung bezieht sich auf Prägungen aus der Münze Konstantinopel. Die Neubearbeitung des authentischen Münzbestandes brachte nämlich den Nachweis, dass eine schwache Münzzufuhr italienischer Prägungen sowohl während als auch nach den Tributzahlungen bis zum letzten Drittel des 7. Jhs. existierte.

S. 116: Sicherlich gehören dazu die leichtgewichtigen Solidi des Heraclius. Die in letzter Zeit stark zunehmende Anzahl dieser Prägungen aus frühawarenzeitlichen Bestattungen erlauben die Annnahme, dass die insgesamt 8 leichtgewichtigen Solidi des Heraclius aus den Provenienzklassen IV-V höchstwahrscheinlich innerhalb des Siedlungsgebietes zum Vorschein kamen. Ihr einziges massives Verbreitungsgebiet außerhalb des Karpatenbeckens liegt nämlich in Westeuropa, in Belgien, in Nordwestdeutschland und in Südengland, Länder, die für ungarische Kunsthändler kaum als Einzugsgebiet in Frage kamen.

Somogyi teilt auch mit, dass unter Tiberius II. Constantinus (578 (?) -582) erstmals das Kreuz auf Münzen auftaucht, wobei ich darauf verweise schon mitgeteilt zu haben, dass er zugleich den Titel Basileus einführte. Auf Seite 116 teilt er zugleich mit, dass in der Münzsammlung der Benediktinerabtei Pannonhalma 2 bzw. 6 italo-gotische Prägungen vorhanden sind, die aus authentischen Komplexen innerhalb des Karpatenbeckens bis dato unbekannt waren, so dass er Vorsicht mit dem UMgang der Münzen dieser Abtei empfiehlt.

Auch in diesem Zusammenhang wichtig:

Heinz, Winter – Awarische Grab- und Streufunde aus Ostösterreich Innsbruck Wagner 1997

gehört auch zu der mir vorliegenden Reihe: Monographien zur Frühgeschichte und Mittelalterarchäologie von Falko Daim

Winter äußert sich auch zu Münzfunden. In Ostösterreich wurden zur frühawarischen Zeit von Justinianus I. bis Heraclius 10 Gold- und 29 Kupfermünzen gefunden. Ein Großteil der Münzen wurde im Bereich von Altstraßen gefunden. Auch hier brechen die Solidifunde mit 626, abgesehen von einem sätawarenzeitlichen Solidus (?) des Theodosius III. ab.
Winter teilt zudem mit, dass für die Datierung der mittelawarischen Gruppen Fremdmaterialien, vor allem aus dem norditalienischen und dem bayrisch-alamannischen Bereich heranzgezogen wurden, da sich die Zahl der Fundmünzen erheblich reduzierte, genauer auf zwei Münzen des Constans II.
Als spätawarisch gelten in dem Bereich die Münzen ab Philippicus, und hier liegen nur zwei Münzen vor. In Mistelbach-Umgebung wurde ein Solidus des Theodosius III. aufgelesen und in Zellerndorf-Pfarrkirche ein Follis des Constantinus V.

22:06
8. Juni 2008


Vinzenz Obinger

Member

Beiträge 177

Vielen Dank für die Quelle und die ausführliche Darstellung, die mich darin bestätigt, dass nach Heraclius münzhistorisch eine Pause sowie viele nachfantomzeitliche Fälschungen bzw. Imitationen anzusetzen sind. Heraclius-Münzen selbst gibt, soweit ich sehe, nur in mit ihm beginnenden und Konstantin IV. endenden Münzhorten oder aber alleinig in Streufunden, seltsamerweise weit mehr außerhalb des Oströmischen Reiches als innerhalb.

19:37
6. Januar 2012


mz

Member

Beiträge 47

Allgemeines

Zur obigen Diskussion: Ich habe die Trennung in einen Materialien- und einen Diskussionsthread vorgeschlagen, damit die der Diskussion zugrunde liegenden Fakten in der Diskussion nicht verloren gehen bzw. mit der Zeit immer schwerer wiederauffindbar werden.

Die Vorwürfe von Obinger gegen mich finde ich reichlich überzogen. Sie beziehen sich auf einen kurzen Absatz von mir oben im Materialienthread, der wegen der Kürze nicht ins Detail gehen sollte und deshalb etwas pauschal formuliert ist. Dass die Biographien früherer Herrscher in späterer Zeit ausgeschmückt worden sind, um irgendwelche Ziele zu verfolgen, habe ich nie beschritten.

Neues aus England

(siehe auch "Materialien")

Im September 2011 wurde der Silverdale Hoard (in einer Kiste aus Blei) in North Lancashire gefunden. Bei der Auswertung der Münzen wurde ein bisher unbekannter Wikingerkönig um 900 namens Harthaknut "entdeckt". Es gibt aber schon einen dänischen König Hardiknut/Hartheknut (Sohn Knuts des Großen) von 1037 bis 42, der seit 1040 auch König von ganz England gewesen ist [siehe Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Hardiknut ]. Interessant ist, dass bei den Kämpfen um die Herrschaft in England gegen seinen Bruder Harald Hasenfuß auch ein Halbbruder Alfred (aus der ersten Ehe von Hardiknuts Mutter mit Æthelred II.) beteiligt war.

Der Silverdale Hoard enthält ähnliches Material wie der Cuerdale Hoard (gefunden 1840), darunter viele Münzen, von den Angelsachsen ca. 850 Münzen von Alfred d. Großen, 50 von seinem Sohn und Nachfolger Eduard d. Älteren und ca. 1800 Silbermünzen im Andenken an St. Eadmund von East Anglia, der 870 im Kampf gegen die dänischen Wikinger gefallen ist. So wie Eadmund im 9. Jahrhundert wurde sein Namensvetter Edmund Eisenseite 1016 durch die Dänen bedrängt. Besonders bemerkenswert sind ca. 3000 Silberpfennige eines bis dahin unbekannten Wikingerkönigs Cnut, ein Namensvetter des dänischen Königs Knut d. Großen, der in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts auch König von England war.

Damit haben jetzt alle wirklichen Könige (und Prätendenten) aus der Zeit von 978 bis 1066 ihre Doppelgänger um 900 – entweder in der Literatur oder im Münzbefund:

Eadmund v. East Anglia gef. 870
Æthelred v. Wessex 865/6 – 871
Alfred d. Große v. Wessex 871 – 899
sonst unbekannter Wikingerkönig Cnut um 900 (gemäß Münzbefund)
sonst unbekannter Wikingerkönig Hardiknut um 900 (gemäß Münzbefund)
Eduard d. Ältere v. Wessex 899 – 924

Æthelred II. v. Wessex 978/9 – 1013 und 1014 – 1016
Edmund Eisenseite v. Wessex 4/1016 – 11/1016
Prinz Alfred v. Wessex gest. um 1037
Knut d. Große v. Dänemark 11/1016 – 1035
Hardiknut v. Dänemark 1035 – 37 und 1040 – 1042
Eduard d. Bekenner v. Wessex 1042 – 1066

Damit kann man dies Fazit im Sinne der Phantomzeit ziehen: In der verdoppelten Frühgeschichte ist die Herrschaft des Dänen Knut durch die Herrschaft des Angelsachsen Alfred ersetzt worden. Die dänischen Fremdherrscher kennt man in der verdoppelten Frühgeschichte durch Münzfunde und in der Literatur namenlos als wikingische Piraten. Die Münzen Alfreds sind vermutlich echt und bei dem Aufstand des Prinzen Alfred gegen Knuts Nachfolger Harald Hasenfuß geprägt worden. (Die Details zu Alfred, Harald und Hardiknut im 11. Jahrhundert kann man in der Wikipedia nachlesen.)

Da die um 900 datierten Funde ins 11. Jahrhunderts gehören, können auch die in den Funden enthaltenen karolingischen und islamischen Münzen später angesetzt werden. Erstere gehören dann den westfränkischen Königen des 10. Jahrhunderts namens Karl (Carolus Simplex), Ludwig und Lothar (also eine zirkelschlussfreie Bestätigung dieses schon häufig gemachten Vorschlags allein aus dem englischen Befund).

22:54
26. Februar 2012


gb

Member

Beiträge 7

Sehr interessanter Beitrag. Vielen Dank!



 
"Die karolingische Fundsituation Aachens unterscheidet sich insofern von der römischen, als in beiden Fällen zwar die monumentalen Ortskerne noch recht gut nachgewiesen werden können, aber der römische vicus wenigstens mit einigen Befunden aufwartet, während sich die vermeintlichen karolingischen vicus-Reste bei genauerem Hinsehen zu nichts verflüchtigen." [Mann, Vicus Aquensis]