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Susa I und der nachmykenische geometrische Stil

BenutzerBeitrag

17:29
5. April 2009


jb

Member

Beiträge 477

Der bedeutende Ethnologe Leo Frobenius (1873 – 1938) hatte sich ganz der Erforschung afrikanischer Kulturen gewidmet. Unter anderem erschien von seiner Hand eine zwölfbändige Sammlung Volksmärchen und Volksdichtungen Afrikas. Noch heute genießt er aufgrund seiner Lebensleistung in vielen afrikanischen Ländern ein hohes Ansehen.

In diesem Beitrag soll es aber nicht um Frobenius' Afrika-Forschung gehen, sondern um einen kurzen, eher beiläufig eingefügten Exkurs in seinem Buch Kulturgeschichte Afrikas, Zürich 1933. (Den Hinweis auf die Stelle verdanke ich Herbert Helmecke.) Frobenius berichtet dort über eine Entdeckung der holländischen Altphilologin Anna Roes. Diese hatte in ihrer 1931 erschienenen Doktorarbeit De oorsprong der geometrische kunst eine verblüffende Ähnlichkeit festgestellt zwischen dem geometrischen Stil der griechischen Keramik und der Töpferware, die am Fundort Susa I gefunden wurde. Das Ungewöhnliche an dieser Entdeckung: Susa I und griechischer geometrischer Stil liegen laut konventioneller Chronologie 2000 Jahre auseinander!

Terracotta, Susa I (Quelle: Wikipedia)

 

Frobenius versteht natürlich, dass die zeitliche Distanz ein Problem ist. Hier folgt zuerst seine Darstellung dieses Rätsels. Anschließend werden wir sehen, welche Lösung er gefunden hat:

Im vierten Jahrtausend vor Christi Geburt hat in dem späteren Elam und heutigem Persien, auf dem Plateau östlich Mesopotaminiens eine wundervolle Kunst in Keramik geherrscht, die in der Wissenschaft entsprechend dem wichtigsten Fundort als „Susa 1“ bekannt ist. Es ist eine ungemein zartwandige Töpferware, die reich an gemalten Ornamenten und darunter sehr gestaltreichen Motiven ist, wie Vogel, Steinbock, Pferd, Fisch, Menschenfigur, Hakenkreuz, Kreis, und zwar alles Lebendige in ungemein charakteristischer Weise herb, maniriert, steif zurechtstilisiert. Um das dritte Jahrtausend herum wird der „Susa I“-Stil abgelöst von einer gröberen Variation, dem „Susa II“, welche stark zum Dekor in Naturalismus neigt. Danach verschwindet diese eigentümliche Formwelt im Bestand der westasiatischen Ausgrabungsfunde. Der Archäologe würde mit Recht den Satz aufstellen, daß die bunte Welt der Ornamentik des „Susa I“-Stiles im dritten Jahrtausend ausgestorben ist.

Um 1000 vor Christi Geburt herum – im allgemeinen spricht man vom 9. oder 8. Jahrhundert, und nur Caro nimmt das 12. Jahrhundert in Anspruch – taucht in der griechischen Kultur eine Keramik mit besonderer Ornamentik auf, die als „geometrischer Stil“ sehr bekanntgeworden ist. Die Ornamentik dieses Stiles zeigt vielerlei Figurenwerk, wie Menschen, Pferd, Vogel, Fisch, Schlange, Hakenkreuz, Kreis und andere Symbole. Alles dies dargestellt in sehr bezeichnend harter, steifer, herber, fast manirierter Form. Der geometrische Stil steigt so gut wie unvermittelt auf. Niemand kann sagen, aus welcher zeitlichen oder räumlichen Nachbarschaft er direkt hergeleitet werden könne.

In den letzten Jahren hat nunmehr die Holländerin Dr. A. Roes die gerade erstaunliche Übereinstimmung der zum Teil höchst merkwürdigen Motivkompositionen, die das Ornamentwesen von Susa I mit dem des geometrischen Stiles verbindet und die beiden zum Teil wie Zwillingsbrüder erscheinen läßt, nachgewiesen. Es ist vollkommen ausgeschlossen, an dieser Übereinstimmung und an der äußeren Verwandtschaft zu zweifeln. Aber auf der anderen Seite ist es kein Zweifel, daß die Keramik von Susa I um 3000 vor Christus unterging und anderen Stilen Platz machte, und daß der geometrische Stil um 1000 vor Christus aus keinerlei gleichperiodischer Keramik, sondern unmittelbar aufstieg. Also ein Hiatus von räumlich 2000 Kilometern und zeitlich 2000 Jahren.

Die Archäologie steht zunächst vor einem Rätsel. Bei unbestreitbarer äußerer Verwandtschaft keinerlei Anzeichen der Nachweisbarkeit einer inneren, also Abstammungsverwandtschaft. (Frobenius S. 93 f.)

Griechischer Skyphos, bis 720 v. Chr. (Quelle: Wikipedia)

 

Soweit die Formulierung des Problems, das Frobenius durchaus als solches empfindet. Wie sieht nun aber die von ihm vorgeschlagene Lösung aus? Sie wurde ihm durch seine lange Beschäftigung mit afrikanischer Kunst nahe gelegt: Frobenius meint, neben Keramik seien in Susa weiterhin Kalebasse als Gefäß benutzt worden. Auf diesen wurde die geometrische Kunst zwei Millennien tradiert, bis sie dann im letzten vorchristlichen Jahrtausend das Mittelmeer erreichte. Archäologisch sei dies allerdings nicht nachweisbar, denn die Kürbisschale vergeht schnell, wenn sie mal unter der Erde liegt. Und so kommt Frobenius

im Falle der Susa I-Geometrik zu dem Schlusse, daß die nur aus Susa I erhaltene Ornamentik gleichzeitig auch auf Kürbisschalen – oder etwa auf ebenso vergänglichen Korbschalen – lebte, daß bei Änderung des Keramikstiles die Erhaltung im mehr populären Schlichtgerät, nämlich auf der Kalebasse stattfand, daß die Kalebassenornamentik, die 2000 Jahre weiterbestand und endlich mit einer westasiatischen Kulturwelle in die Ägäis getragen wurde, daß sie in der Ägäis als Fremdgut neue Anregung brachte und somit zur Entstehung des geometrischen Stiles führte, indem nämlich die Ornamentik von der Kürbisschale wieder auf die Töpferei übertragen wurde.

Frobenius nennt seine Erklärung „für alle Teile befriedigend“ und „ungezwungen“. Ist sie das wirklich?

Es gibt in Susa noch ein ganz anderes Problem, das Frobenius nicht erwähnt, aber uns nur allzu bekannt ist. Denn für die beiden Jahrtausende nach Susa I und Susa II bis zur Achämenidenzeit gibt es seltsamerweise archäologisch nur ganz wenig zu berichten. Tun wir es mal mit den Worten der Wikipedia (Abfrage vom 05.04.09):

Periode Susa III. Diese Periode wird um 3000 v. Chr. angesetzt. Die Stadt scheint zum Teil verlassen worden zu sein. Besiedlungsreste wurden bisher nur auf der Akropolis gefunden. [...]

Susa in der ersten Hälfte des dritten Jahrtausend v. Chr. Auf der Akropolis stand zu dieser Zeit ein Tempel. Zwar ist kein Bau erhalten, es wurden jedoch Statuen und dekorierte Steinplatten, die zu der Dekoration und Ausstattung eines Tempels gehört haben dürften, gefunden. [...]

Die Siedlungsperiode Susa IV wird in zwei Phasen geteilt: Susa IVA von etwa 2600 bis 2400 v. Chr. und Susa IVB von etwa 2400 bis 2100 v. Chr. Während dieser Zeit waren Elam und auch Susa von circa 2350 bis 2200 v. Chr. Teil des akkadischen Reiches. Susa war weiterhin von großer Bedeutung, doch sind archäologisch nur wenige Reste erhalten. … Auch die nachfolgende Periode ist archäologisch nur schwer in der Stadt belegbar, da sie sich vor allem materiell wenig von den vorangehenden Perioden unterscheidet. [...]

Erste Hälfte des zweiten Jahrtausends. Aus dieser Periode ist wenig bekannt. … Inschriften berichten von Tempelbauten, die die Herrscher errichteten. Nichts davon ist jedoch erhalten. [...]

Die Zeit von circa 1500 bis 1000 v. Chr. ist die Blütezeit Elams. Susa war, mit einer kurzen Unterbrechung, weiterhin die Hauptstadt des Reiches, doch ist wiederum durch die späteren Überbauungen nur wenig aus dieser Zeit erhalten. … Von Inschriften sind wiederum Tempelbauten bekannt, die archäologisch bisher nicht fassbar sind. [...]

Auch die Neuelamische Periode ist archäologisch kaum belegt. Meist wurden Schichten mit Lehmziegelmauern, die sich kaum zu Grundrissen rekonstruieren ließen, gefunden. Die Keramik deutet jedenfalls eine kulturelle Kontinuität zur vorherigen Mittelelamischen Periode an. Bedeutende Bauten sind wiederum oftmals nur von Ziegelinschriften bekannt.

Zweifellos sind diese Zitate herausgepickt und werden im Wikipedia-Artikel einzelne Funde beschrieben, die Mainstreamforschung den fraglichen Zeiten zuordnet. Eine Tendenz ist aber klar erkennbar. Auch fällt auf, dass vergleichbare Bemerkungen über Fundarmut ab der Achämenidenzeit gänzlich fehlen. Wir kommen also nicht an der Feststellung vorbei, dass wir es zwischen Susa II und dem Achämenidenreich in Susa mit „dunklen Jahrhunderten“ im Sinne Velikovskys zu tun haben. Heinsohn hat diesen Umstand im Sumererbuch schematisch festgehalten (Die Sumerer gab es nicht, Gräfelfing 22007, S. 62):

(SG = Schichtengruppe, HS = Hellenistische Schichtengruppe, VHS = Vorhellenistische Schichtengruppe)

Heinsohn hat gezeigt, dass ein künstlich festgehaltenes biblisches Abrahamdatum für die viel zu frühen Datierungen altorientalischer Reiche (die zudem in der Antike unbekannt waren) verantwortlich ist. Übernehmen wir die von einer unvoreingenommenen Archäologie nahegelegten Datierungen, ist Susa I in die Zeit bis ca. -800 anzusetzen. Dann aber ist es mit der geometrischen Kunst in Griechenland nahezu oder sogar völlig zeitgleich. Für die Übereinstimmung der beiden Stile werden plötzlich ganz andere Erklärungen vorstellbar. Frobenius' Idee der nie gefundenen Kürbisschalen entpuppt sich nunmehr als das, was sie im Grunde immer schon war: eine weit her geholte, aus der Verzweiflung geborene Notlösung.



 
"Sie [die Quellenkritik] prüft erinnerungskritisch den Quellenwert und die Tragweite der Aussagen. Gedächtniszeugnisse, mithin die meisten erzählenden Quellen, sind also in Hinblick auf ihre faktizistischen Aussagen grundsätzlich mit Skepsis, nicht mit vorauseilendem Vertrauen zu benutzen; denn jedes ist in jedem Fall, wenn auch in unbekanntem Umfang und mit nicht verifizierten Aussagen, als sachlich falsch zu betrachten, obgleich es auch Zutreffendes tradiert." [Johannes Fried, Schleier der Erinnerung, S.368]