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Dunkelheit oder Leere im frühen Mittelalter?

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Römisches Recht erweitert mittelalterliche Vorstellungswelten

BenutzerBeitrag

19:28
22. Juni 2009


emma

Member

Beiträge 39

Das Römische Recht ist eine Säule, die sich im Kern ihrer Institute von der Antike bis heute – BGB – erhalten hat. Der Rechtskulturabbruch zwischen 7. und 10./11. Jh. (Koch ZS 20, 134f) ist demnach ein weiteres schwerwiegendes Indiz für die Illigsche Fantomzeit neben den nachgewiesenen Brüchen in Archäologie, Kunst- , Technik- und Religionsgeschichte.

Darüber hinaus bietet sich uns mit dem Römischen Recht aber die bisher viel zu selten genutzte Möglichkeit mittelalterliche Institute, Institutionen und Organisationen aus Wirtschaft und Kult quasi soziologisch zu beleuchten und zu erden, weil sie in römisch-rechtlichem Umfeld entstehen und sich behaupten. Oftmals kann z.B. ein Religionsproblem, über dessen Inhalte und Übernahme aus anderen Religionen oder Gesellschaftsbereichen wir spekulieren, mit dem Hinweis auf seinen rechtlichen Ursprung vielleicht nicht gelöst, aber doch unter weniger ideologischem Aspekt diskutiert werden – siehe im Forum Regionen/Bereiche/Religionen im Thread carotta/divus iulius  die Diskussion zur Bedeutung von Sacramentum.

An gleicher Stelle im Beitrag Nr. 6 stellt db die Frage, ob nicht auch die Rechtsgeschichte gefälscht sei. Die Antwort ist ein nachhaltiges Jein. Wie bei jeder anderen literarischen Quelle muß das Überlieferungsumfeld geprüft werden, müssen wuchernde Interpretations- und Übersetzerphantasien ausgeschieden werden.

Leider ist uns das Römische Recht nirgends als systematisch – ganzheitlicher Komplex überliefert, auch nicht im CIC (Corpus Iuris Civilis). Die Prüfung muß also an jedem einzelnen Relikt geleistet werden. Positiv ist an dieser Flickwerküberlieferung allerdings, dass sie aus unterschiedlichen Quellen, von unterschiedlichen Autoren zu verschiedenen Zeiten besteht und deshalb für Fälscher genau so unübersichtlich ist wie für uns, auch Umschreibungen und Radierungen bleiben daher Flickwerk. Erhöhter Fälschungsverdacht muss aber dort entstehen, wo uns das Römische Recht als  “System” präsentiert wird. Hierfür bietet das “Römische Staatsrecht” von Theodor Mommsen ein herausragendes Beispiel. Aufgrund von einigen zweifelsfrei überlieferten Instituten hat er sein Staatsrecht höchst inspiriert erfunden. Dies gilt übrigens ebenso für seinen Roman “Römische Geschichte” , dem der Nobelpreis für Literatur zu Teil wurde. Zu Mommsens Ehrenrettung sei allerdings vermerkt, er selbst sah Geschichtswissenschaft  immer nur als pädagogische Hilfswissenschaft in der aktuellen politischen Auseinandersetzung um ein kleindeutsches Reich unter preussischer Führung. Sein Ideal war die konstitutionelle Monarchie, deren Institutionen er mit klassisch- inspirierten Vorstellungen journalistisch füllt und historisch legitimieren möchte. Diesen Schaffensantrieb hat er nie verhehlt, sogenannte “objektive” Geschichtsschreibung wie sie Ranke behauptete, betrachtete er als unmöglich.

Zurück zum Thema!                                                                                                                                 Heute unterteilen wir in die großen Rechtsbereiche: Privatrecht, öffentliches Recht und Strafrecht. Im antiken Rom fallen Straftaten wie z.B. Totschlag, Diebstahl etc. unter das Privatrecht. Ein Strafrecht in unserm Sinne oder auch im Sinne der biblischen Gebote gab es nicht. Was wir heute als öffentliches Recht verstehen, kann man in der Existenz der Institute von res publica, Senat, Konsul, Praetor, Imperium usw. sehen, sie sind aber nirgends definiert oder gar systematisiert. Wenn also von Römischem Recht gesprochen wird, sollte damit im Wesentlichen das römische Privatrecht gemeint sein. Hier steht die oben genannte Säule! Anderes ist irritierendes meistens phantasievolles Beiwerk, dem sich die akademischen Werke zur Rechtsgeschichte leider bis heute viel zu wenig entziehen (z.B. Kunkel/Schermaier, Römische Rechtsgeschichte, 14. Aufl. 2005) und so zur beträchtlichen Schieflage in der historischen Betrachtung beitragen.

Das bis heute wahrhaft Revolutionäre am Privatrecht machen wir uns leider viel zu wenig bewußt! Jeder Bürger kann klagen!! Unter bestimmten Bedingungen, versteht sich. Ebenso bereits das antike Rom, sein Privatrecht ist Actionenrecht (actio = Klage). Wo kein Kläger, da nicht nur kein Richter, sondern auch kein Recht. Klagebedingungen aufstellen bedeutet aber unweigerlich, den Menschen und sein gesamtes Umfeld zu verrechtlichen, d.h. im Hinblick auf die Klage- und Verklagungsfähigkeit z.B. Personenstandsfestsetzungen. Bei uns kann jeder geschäftsfähige Erwachsene klagen und beklagt werden. In der Antike war dies ausschließlich der paterfamilias als freier eigentumsfähiger römischer Bürger oder der freie fremde Eigentümer(hostis/peregrinus). Vereine/ Gesellschaften – societates, ecclesiae – konnten nur von solchen Personen gebildet werden, im Streitfall konnte jeder Einzelne klagen. Allerdings bringt jeder paterfamilias automatisch seinen Anhang – familia, oft einschließlich der Sklaven - mit ein, weil er sie als seine Werkzeuge für sich arbeiten lassen kann und weil er für sie haftet.

Machen wir uns diesen Tatbestand bewußt, bedeutet das für die urchristliche Gemeindebildung etwa, dass die Berichte des Neuen Testaments über die Armut der Gemeindemitglieder, die gleichberechtigte Aufnahme von Frauen und Sklaven so nicht stimmen können. Die christliche Altargemeinschaft muss eine römisch-rechtliche Organisationsform gehabt haben, sonst hätte sie sich nicht mal eine Generation lang gehalten. Ihr Kern und damit ihr geschäftsfähiger Vorstand muss aus freien eigentumsfähigen und eigentumshaltenden Männern bestanden haben. Diese Ausgangsposition und die unveränderten rechtlichen Rahmenbedingungen bestimmen die kirchlichen Institutionen Gemeinde, Bischof, Kloster, Stift bis ins hohe Mittelalter, ja bis heute. An wichtigen Punkten bestimmt die Form den Inhalt. Vergisst man die Form, bezieht man sich nur auf die Ausdifferenzierung der Inhalte nach Dogmenart, verideologisiert und verschleiert sich gesellschaftliche Wirklichkeit und dient dem Machterhalt allein aus dem Glaubensritual ohne die römisch-rechtlich verankerte Vorstandshaftung. 

20:00
25. Juni 2009


DB

Member

Beiträge 75

Hier sollten wir – wenn auch nicht heute – weiter diskutieren. Natürlich hat sich das Christentum nur im Rahmen des römischen Rechts, auch des öffentlichen, entwickeln können. Da dies vor 325 nicht der Fall zu sein scheint, bleibt ein frühes Christentum zunächst fiktiv.

09:46
27. Juni 2009


emma

Member

Beiträge 39

Freue mich auf die Diskussion, auf möglichst viele Diskussionspartner. Da sich bei mir im Laufe der Jahre so viele Fragen und bruchstückhafte Antworten angesammelt haben, brauche ich die kritische Bewertung meiner Gedanken und fremde Anregungen zur Erweiterung.

Möchte aber den Vorschlag machen, die Diskussionen um das Christentum nicht vollständig unter diesem Thema abzuhandeln, dadurch wird es für Leser und Teilnehmer schwierig, den Faden zu behalten. Islam/Arianismus oder auch eigene Chronologiemodelle können doch unter ihren entsprechenden Themen bleiben, wir sollten uns vielleicht nur angewöhnen, öfter auf die entsprechenden Foren/Themen zu verweisen, um die Verknüpfungen deutlich zu machen.

Weiter schlage ich vor, in diesem Forum zunächst einmal bei der traditionellen Chronologie zu bleiben,  zwecks Nachvollziehbarkeit für möglichst viele Teilnehmer, denen die Chronologiedebatte neu ist und um untereinander immer wieder den Fixpunkt zu finden, an dem die oft ja durchaus unterschiedliche Einzelkritik festgemacht wird. Das ist ein Methodenvorschlag für die Kommunikation, keine persönliche Überzeugung! Mir geht es darum, zuerst die Lücken und Unmöglichkeiten der traditionellen Denkmodelle einschließlich der Chronologie aufzuzeigen. Schlussfolgerungen bezüglich Alternativentwürfen sind eine notwendige Begleitung, aber im Begleitforum.

16:58
27. Juni 2009


DB

Member

Beiträge 75

Auch ich bin ein Anhänger der traditionellen Chronologie, da ich sehr Daten schlicht "im Kopf habe". Daher stören mich die Neudaten von Weissgerber geradezu. Zudem lassen sich "Löcher" besser darstellen, wenn es um die Zuordnung von Funden in andere Jahrhunderte geht.



 
"In den auf Justinian folgenden drei Jahrhunderten, in denen äußere Feide das Reich bedrohten und der Bilderstreit es im Inneren erschütterte sind diese Studien [zur Arithmetik] zum Erliegen gekommen." [Vogel, Kurt (1978): Beiträge zur Geschichte der Arithmetik; München, S. 36]