von Heribert Illig

Ulrich Voigt sprach am 23.3. in einem Kommentar zum Beitrag “297 Jahre – zur Länge der Phantomzeit” davon, dass es

„nur noch eines ganz kleinen Schrittes (des Nachdenkens) [bedarf], um die Position Illigs endgültig zu verlassen und den extremen ‚Chronologiekritikern’ im Stile Fomenkos beizutreten“.

Wer so argumentiert, der verkennt, dass ein solcher Schritt einem Kenner der Gesetze einer archäologisch fundierten Geschichtsschreibung, wie sie z.B. von Gunnar Heinsohn [Heinsohn 1996, S. 39, 41] formuliert wurden, fast unmöglich ist.

Bodenfunde, die stratigraphischen Befunde, sind wesentliche Elemente, um vagierende Vorstellungen zu prüfen. Ich sehe – nicht seit Anbeginn, aber mindestens seit 1994 – die Phantomzeitthese als bislang beste Erklärung der extremen Fundleere einer Zeit, die nicht irgendwelchen kulturarmen Nomaden zugeschrieben wird, sondern als Renaissance, als Rinascita, als losstürmende Hochkultur germanischer Franken eingeschätzt wird. Mittlerweile ist diese Fundarmut nicht nur bei den Franken in Mitteleuropa nachgewiesen, sondern bei mindestens ebenso hochkulturellen Byzantinern, Arabern, Armeniern, Georgiern bis hin nach Indonesien.

Die rein auf Textanalyse gegründete Geschichtsnegierung durch Fomenko und seine Getreuen muss selbstverständlich auch mit stratigraphischen Befunden geprüft werden, doch dabei zeigt sich schnell eine völlige Diskrepanz, die Bodenfunde widersprechen Fomenkos Ansichten diametral.

Ich habe schon 1997 [Illig 1997] ein bislang nicht widerlegtes Beispiel gegeben, das nicht nur wie die Stratigraphien von Köln oder Rom oder hundert anderen Städten das einfache Früher-Später zeigt, sondern auch die verstrichene Zeit enthält. Es hat in diesen 10 Jahren nichts an Gewicht verloren, und es erscheint sinnvoll, es an dieser Stelle leicht ergänzt zu wiederholen:

Betrachten wir hierzu Kölns gut erforschte römische Wasserleitungen [Wolff 1993, S. 235-244, 247f]. Das früheste Leitungssystem entstand im +1. Jh. Nur Jahrzehnte später baute man einen fast 100 km langen Kanal in die Eifel. Da die alte Trasse mit der neuen, höheren Rinne überbaut worden ist, ist die Abfolge klar. Die ältere Leitung zeigt außerdem keinen nennenswerten Sinterbelag, ist also nur kurz benutzt worden. Die jüngere Leitung lieferte Jahrhunderte lang Wasser, aber sicher nicht allzu lange über das Ende der römischen Verwaltung im 5. Jh. hinaus.

Spätestens im 11. Jh. benutzte man die Leitung als Steinbruch: Hausteine, zentnerschwere Mörtelbrocken und die mehr als 30 cm starken Sinterablagerungen wurden herausgebrochen. Weil der marmorartige Sinter gut polierbar und die Rundung schon vorgegeben ist, wurde aus ihm auch 2,75 m lange Säulenschäfte für den staufischen Westbau der Kirche St. Georg hergestellt. Dieses Material ist nicht nur in Köln benutzt, sondern regelrecht exportiert worden: bis Maria Laach, bis Werden, bis Soest, Paderborn, Helmstedt, Hildesheim und sogar bis Roskilde in Dänemark [Haberey 1971, S. 109].

Doch Kölns St. Georg hat Besonderheiten: Sein Westbau des 12. Jhs. steht genau auf jener Römerstraße, die von Köln nach Bonn führte; laut Grabungsbefunden ist diese Straße zur Römerzeit dreimal gründlich erneuert worden. Der Westbau selbst blieb immer unvollendet, wie Ansichten der Stadt in verschiedenen Jahrhunderten zeigen [Schäfke 1985, S. 76-99].

Es gibt also keine späteren Bauphasen, denen man die Sintersäulen zuordnen könnte. Nun identifiziert Fomenko das Römische Reich von -82 bis +217 mit der Zeit der Sachsen, Salier und Staufer von 936 bis 1254. Wir können umrechnen: Die erste Wasserleitung stammte dann von ca. 1080, die zweite, längere von ca. 1130. Wie hätte sie für den nun nur noch ca. 20 Jahre späteren Westbau von St. Georg die in Jahrhunderten gebildeten Sintersäulen aus kohlensaurem Kalk liefern können?

Bei dieser Überlegung ist noch gar nicht berücksichtigt, dass St. Georg auf einer belebten, dreimal hergerichteten Ausfallstraße der Römer errichtet worden ist, also schlecht selbst römerzeitlich sein kann. Und wenn die Wasserleitung tatsächlich binnen 20 Jahren wundersam rasche Kalkablagerungen gebildet hätte, obwohl das Wasser keineswegs aus warmen Quellen stammt; woher hätte ein römisch-romanisches Köln sein Wasser bekommen, wenn diese wichtigste Leitung einfach wegen des Steinabbaus demoliert worden wäre?

Insofern erweist sich Fomenkos Theorie rasch als Versuch, die Geschichte ohne Rücksicht auf die vorhandene stratigraphische Evidenz umzuschreiben. Sie ist also kein Versuch einer Erklärung, sondern historisch verbrämte Ideologie.

Die extreme Fundarmut der Karolingerzeit ist bisher weder durch die herrschende Lehre noch durch eine arg glatte Rechnung und eine Statue dubioser Herkunft erklärt. Vielleicht braucht es hierzu eine andere, bessere These als die einer Phantomzeit. Doch auch sie wird der Stratigraphie und nicht der Mathematik den Vorrang geben müssen. Bis dahin kann die Zeiterfindungsthese, gleich ob mit 297, 299 oder 304 Jahren, getrost als bislang beste Antwort herangezogen werden.

Literatur

Haberey, Waldemar (1971): Die römischen Wasserleitungen nach Köln; Bonn
Heinsohn, Gunnar (1996): Assyrerkönige gleich Perserherrscher!; Gräfelfing
Illig, Heribert (1997): Einrede des Herausgebers; in Zeitensprünge 1997/02, S. 305-306
Schäfke, Werner (21985): Kölns romanische Kirchen; Köln
Wollf, Gerta (41993): Das römisch-germanische Köln. Führer zu Museum und Stadt; Köln