Fantomzeit

Dunkelheit oder Leere im frühen Mittelalter?

1. November 2007                     Kategorie(n): Artikel aus den ZS, Fantomzeit, Zeitensprünge

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Ein Verfälscher am Werk – Replik auf Ralf Molkenthins Kritik

von Heribert Illig  (aus Zeitensprünge 2/2007)

Dr. Ralf Molkenthin, ein freier Mitarbeiter des Ruhrmuseums Essen, ist den Lesern von Das erfundene Mittelalter gut bekannt. Im aktualisierenden Nachwort von 1998 [402-406] musste ich mich einer Attacke von ihm erwehren (er behauptete grundlos, in Bezug auf die Fossa Carolina zeigen zu können „wie inkompetent der Autor und wie indiskutabel seine These ist“ [ebd., 402 f.]).

Nun hat Molkenthin in der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, immerhin ein „Fachorgan für Historiker, Geschichtslehrer, Archivare, Studierende und Interessenten an Geschichte und verwandten Disziplinen wie Völkerkunde, Politische Wissenschaft, Altertumswissenschaften, Kunstgeschichte u. a.“ [Impressum], in deren Heft 7/8 eine größere Rückschau publiziert: Phantomzeit und Mediävistik. Oder: Zwölf Jahre ‚Mittelalterdebatte‘ – und was davon zu halten ist [= M.].

„Gute zwölf Jahre ist es nun her“, dass ich die Öffentlichkeit mit meiner These überraschte – und weil ich das 10-jährige Jubiläum der These gebührend gefeiert hätte, trägt mein Kritiker nun „noch einmal einige der mediävistischen Argumente“ zusammen [M. 589]. Seltsame Rechnung: Im Heft 3/2005 habe ich Johannes Frieds gedacht, der 10 Jahre zuvor erstmals als Professor detailliert vor großem Publikum – Historisches Kolleg, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Historische Zeitschrift – gegen die These gesprochen hatte. Seitdem sind gute 11 Jahre vergangen. Allerdings ist die Öffentlichkeit bereits früher ‘provoziert’ worden – aus Anlass der Eröffnung des Rhein-Main-Donau-Kanals, am 25. 9. 1992. Damals erschien Karl der Fiktive, genannt Karl der Große, damals ging die These erstmals über den Äther und durch einige Zeitungen, damals äußerte sich als erster Mediävist Dieter Lohrmann aus Aachen zu ihr. Nehmen wir also gleich ein 15-Jahres-Jubiläum, um Molkenthin verspätet-verfrüht in sein Jubiläumsrecht zu setzen. Meine Replik folgt in der Nummerierung seinem Artikel, dem es allerdings nicht um die Mittelalterdebatte, sondern um die Phantomzeitthese geht.

I

Der Kritiker stößt direkt zum Kernpunkt vor, zur Fundleere oder Fundarmut, die er natürlich nicht gelten lässt, vielleicht weil er als Museumsmitarbeiter den Handschriften ferner steht als den Artefakten. Also keine Fundleere, sondern nur eine für die Zeit verständliche Fundarmut. Nicht verstanden hat er den Umstand, dass auch eine Fundarmut im Widerspruch zu den in dieser Hinsicht so ergiebigen Quellen steht. Forsch unterstellt er mir:

„Alle Dokumente, deren Inhalt sich nicht durch gegenständliche Überreste verifizieren lasse, seien folglich als gefälscht zu betrachten“ [M. 590].

Das ist ein verkürzender Schluss von ihm, nicht von mir, denn mir ist allemal bekannt, dass es Urkunden geben kann, deren Inhalt sich materiell nicht niederschlägt. Allerdings weiß man, dass Urkunden üblicherweise in umbauten Räumen geschrieben werden – und solche sollte es zum Zeitpunkt der Abfassung gegeben haben. Als Beispiel für seine, mir unterstellte Einschätzung fügt er in einer Fußnote an:

„So genügt Illig zum Beispiel einzig die Beobachtung, dass der Landkreis Erding keine materiellen Zeugnisse aus karolingischer Zeit bieten könne, als Beweis dafür, dass die 134 dort zu verortenden Urkundennennungen allesamt gefälscht seien. Quellenkritische Untersuchungen oder gar paläographische Analysen kann er zu Untermauerung nicht aufbieten“ [M. 590].

Nebenbei bemerkt: Dem ‘Prüfer’ ist entgangen, dass Bayern und die Phantomzeit zwei Autoren hat. Wie liest sich dort unsere entsprechende Passage?

„Aber nicht nur der Freisinger Domberg bietet sich fundlos: Der gesamte Landkreis Freising – mit 145 phantomzeitlichen Urkundennennungen bayernweit Spitzenreiter – bietet Max [ein fiktiver Verteidiger Karls d. Gr.] kein Objekt für seine Begierden [...]. Dass auch der benachbarte Landkreis Erding mit seinen 134 Urkundennennungen überhaupt kein materielles Zeugnis bieten kann, lässt sich nur mit Fälschungen in großem Stil erklären“ [Illig/Anwander 325].

Es ist hier noch nicht bewiesen, dass alle Urkunden gefälscht sind, wie die Argumentationsfolge des Buches zeigt: Es werden alle Urkundennennungen allen greifbaren archäologischen Grabungsbefunden aus Ansiedlungen gegenübergestellt und das Resultat aus 967 argumentreichen Buchseiten, keineswegs der Halbsatz über Erding, ist dann: Urkundenbestand und archäologischer Befund berühren sich in agilolfingischer und karolingischer Zeit nicht, auch nicht im Erdinger Landkreis. Das lässt aber die Mediävistik kalt, weil sie unbeirrt dem Primat der Schriften vertraut. Ihr ist der Gedanke fremd, dass eine Urkunde oder Chronik durch materielles Substrat in Frage gestellt werden könnte. Wir hatten im Fall von Bayern eine mehr als kritische Masse von Diskrepanzen bei „karolingischen“ Überresten zusammengestellt, doch kein Mediävist nahm sie zur Kenntnis. Dabei sollten die Diplomatiker, die mit täglich neuen Fälschungsnachweisen ihre Basis permanent schwächen müssen, längst den Archäologen gleichrangig neben sich dulden.

Auch Molkenthin kann an dieser Stelle keinem einzigen unserer Befunde widersprechen, sondern flüchtet nach Xanten, wo es einen sicheren Karolingerbau geben soll. Das klingt so wie einst auf der Internet-Seite des Hauses der bayerischen Geschichte: Die Phantomzeitthese trage in China nicht – über die Situation in Bayern verlor man hingegen kein Wort. Nunmehr erhält Molkenthiens Steckenpferd, der Karlsgraben, eine schöne Passage [M. 591]:

„Dass es sich bei den genannten Überresten wirklich um die der Fossa Carolina handelt, folgt schon allein daraus, dass die Quellen sie genau an der Stelle verorten, an der sie tatsächlich zu finden sind, nämlich zwischen den Flüssen Rezat und Altmühl. Illig hatte seinerzeit die Kanalreste bei Weißenburg in das hohe Mittelalter datiert und weiterhin behauptet, dass die Ruine nicht mit der Fossa Carolina identifiziert werden könne.“

Um was geht es ihm? Selbstverständlich leugnet niemand das merkwürdige Erdwerk, selbstverständlich haben sich um diesen riesigen Doppelwall Legenden gebildet, die dann angesichts der Größe des Unternehmens einem ebenbürtig großen Kaiser zugeschrieben worden sind. So passen Schloss und Schlüssel zusammen – kein echter Erkenntnisgewinn. Zentral ist vielmehr, dass in Europa um 800 ein Scheitelkanal – ob mit oder ohne Stufen oder gar Schleusen – einen krassen Anachronismus darstellen würde; das habe ich hinreichend erörtert, aber Molkenthin hat es nicht wahrgenommen. Nachdem derartige Kanäle erst Jahrhunderte später in Europa auftreten und bislang auch keine archäologischen Funde für die Karolinger sprechen – Molkenthin [M. 591] fordert erst noch vorzunehmende gründliche Ausgrabungen, als ob es ringsum nicht Lesefunde genug gäbe, aber nur aus anderen Zeiten –, habe ich geschlossen, dass es niemals eine karolingische Fossa Carolina gegeben hat. Trotz der Bemühungen des Kontrahenten ist es ein „Rätselgraben“ geblieben – eine Bezeichnung, die er gerne missen würde.

Als drittes Beispiel bringt er ein Argument von Horst Fuhrmann, das seit ca. 1996 nicht besser geworden ist: die Grabplatte für Papst Hadrian I., veranlasst von Karl dem Großen, angebracht in der Vorhalle von St. Peter zu Rom.

„Die Platte hätte man vielleicht sogar fälschen können, wie aber hätten die Fälscher diese Ehrenbezeugung eines erfundenen Kaisers für einen ebenso erfundenen Papst in Rom anbringen sollen, ohne dass sich jemand gewundert hätte, woher sie plötzlich gekommen sei?“ [M. 591]

Der alte Petersdom, in dem Karl gekrönt worden sein soll, steht nicht mehr. Der Neubau begann 1452 und lief im Wesentlichen bis 1612, wobei in der Baustelle noch Teile der alten Kirche aufrecht standen. Die Vorhalle ist erst im frühen 17. Jh. gebaut worden. Es ist gar nicht leicht vorzustellen, wie man die mindestens 700 Jahre alte Platte aus dem alten Bau gebrochen, lange Jahrzehnte in der Dombauhütte verwahrt und dann neu angebracht habe. Im Gewirr der ewigen Baustelle – zum Ruhme von Papst und Kirche – eine Platte anzufertigen und in die Stirnwand einzulassen, hätte niemanden gewundert, zumal dort auch ein barocker Karl d. Gr. als Reiter posiert.

Molkenthin rennt nun eine offene Tür ein, wenn er sagt, dass jede materielle Überlieferung eine zufällige ist und dass die Fundmenge schwanken kann, gerade am Übergang zwischen Antike und Mittelalter. Das würde ich für diese Zeit mittragen, wenn uns Quellen und Mediävistik nicht einstimmig versichern würden, dass unter Karl ein großartiger Renaissance-Impuls Europa befruchtete und Mitteleuropa mit mehreren Hundert schönster Bauten versah (die Zahl von 313 Pfalzen, Klöstern und Kirchen aus Karls Regierungszeit, die Zahl von 417 Klöstern aus der Zeit zwischen 768 und 855 hat A. Mann aus den Quellen ermittelt; s. S. 100). Seltsamerweise vollzog sich dasselbe, nur in kleinerem Ausmaß, nach dem Jahre 1000, als es laut Raoul Glaber schien,

„daß die Erde, nachdem sie ihre Gewänder geprüft und alle alten Dinge verworfen hatte, sich überall mit dem weißen Gewand neuer Kirchen schmückte“ [Cardini 163].

‘Dummerweise‘ haben sich diese wenigen ottonischen Bauten ungleich häufiger nachweisen lassen als die „karolingischen“ Bauten. Diese sind fast zur Gänze spurlos verschwunden, obwohl ein paar von ihnen mit dem viel besseren Ziegelsplittmörtel errichtet worden wären [Illig 2007b, 114]. Diese Vergleiche und meine daraus gewonnenen Resultate führt Molkenthin als „methodische Fragwürdigkeiten“ an [M. 592].

Dann wird uns eine weitere methodische Fragwürdigkeit unterstellt: Die Untersuchung des möglichen Pfalzgeländes Altötting hat keineswegs „nur unzureichende Funde archäologisch nachgewiesen“ [M. 592], sondern gar nichts Karolingisches erbracht, so man nicht Vermutungen als Fakten nimmt [Illig/Anwander 108]. Als Gegenstück haben wir eine ottonische Pfalz (Werla) mit Funden bis in siebenstelliger Zahl als Beispiel für reale Pfalzen genannt [ebd., 110]. Molkenthin, der in Altötting auch keinen einschlägigen Fund vorweisen kann, flüchtet wiederum, diesmal nach Paderborn und zur dortigen Pfalzgrabung, um zu bemängeln, dass diese Pfalz nach den selben Grabungskriterien wie Werla ausgegraben worden sei, doch hier die Auswertung von mir bestritten werde. Wo ich das getan hätte, verrät er nicht. Nun habe ich zum Paderborner Jahrhundert-Ereignis die Ausstellungen besprochen [Illig 1999], doch zur Pfalz hat sich Michael Bohrer [1999] geäußert, der über die Architektur und den Anschluss des Pfalzgebäudes an die Kirche argumentiert hat, also ganz speziell auf diese Pfalz bezogen. Der Molkenthin-Satz: „In dem einen Fall argumentiert Illig also auf einer Grundlage, die er in einem anderen Fall als unzuverlässig einschätzt“ [M. 592 f.] ist Resultat seiner Vorurteile, keine meinem Denken entstammende Fragwürdigkeit. Molkenthin will mich mit Zirkelschlüssen vorführen [M. 593], dazu mit Hinweisen auf schlechtes Zitieren [M. 599] und auf veraltete Quellen [M. 599; Illig 1998, 402 f.] – das Standardrepertoire mediävistischer Kritik, bevor ihr Substantielles einfällt.

Auch das Schlagwort „Stilistischer Vergleich“ kommt erneut zum Einsatz. Es leitet sich von Diethard Sawicki [2001, 89 f.] und dem mir von ihm unterstellten „Gesetz der architektonischen Evolution“ her. Dieser bezeichnete es als meine Entdeckung, dass nach Verlust handwerklicher Kenntnisse diese erst über mehrere Generationen hinweg wieder erlernt werden müssen. Mit Ablehnung dieser simplen Tatsache hat sich Sawicki selbst als kunstgeschichtlicher Ignorant vorgestellt [s. M. 593]. Nun spricht Molkenthin von meiner Vorliebe für den „stilistischen Vergleich“. Er legt mir allerdings die Weisheit in den Mund, kulturelle Entwicklungen unterlägen immer einer stringenten, sich vorwärts entwickelnden Evolution, die er als eines meiner „zentralen Argumente“ bezeichnet.

„Die Möglichkeit, dass eine Erfindung zu unterschiedlichen Zeiten, an unterschiedlichen Orten und von unterschiedlichen Menschen unabhängig voneinander gemacht werden kann, lehnt Illig offensichtlich ab“ [M. 594 unter Hinweis auf das Buch von Heinsohn/Illig: Wann lebten die Pharaonen?].

Dort steht es allerdings etwas anders: Wenn eine weit fortgeschrittene Entwicklung abbricht und nach Jahrhunderten sich nicht neu und Schritt für Schritt entwickelt, sondern aus dem Stand heraus auf der früheren Höhe weitergeht, dann und nur dann ist an den Einschub einer Phantomzeit zu denken.

Aber alles, was die Kunsthistoriker, Architekturhistoriker, Vorgeschichtler und Archäologen seit 150 Jahren an feinsten typologischen Reihen herausgefunden haben, interessiert Mediävisten nicht: „Im Übrigen mag der stilistische Vergleich in der Kunstgeschichte tatsächlich ein probates Mittel der Datierung sein“, aber die Geschichtswissenschaft wertet „alle zur Verfügung stehenden Quellen und Überreste“ aus – als täte dies die Kunstgeschichte nicht! – und bedient sich deshalb „in ihren Methoden eines viel feineren Instrumentariums“ [M. 593]. Die Kunsthistoriker werden sich bedanken.

II

Nach diesem ‘Problemkreis’ wendet sich Molkenthin meinen angeblichen Übertragungen heutiger Erfahrungen und Einschätzungen auf die Vergangenheit zu. Dagegen ist sicher niemand gefeit, kursierte doch der Witz, dass die Vorgeschichtler immer mit der Gegenwart wetteifern: Haben wir Umweltprobleme mit Abfall, werden prähistorische Abfallgruben und -haufen interessant; startet Europa in den 60er-Jahren seine Grillwelle, werden überall alte Drehspieße gefunden etc.

Molkenthin hat drei Beispiele ausgewählt. Er wirft mir (eigentlich uns!) im ersten vor, für den schwäbischen Ort Asch binnen 300 Jahren ein derartiges Bevölkerungswachstum anzunehmen, dass eine Folgekirche größer ausgefallen sein müsste als der lediglich 6 m messende Holzbau. Wir räumen gerne ein, nicht untersucht zu haben, ob „sich die Bevölkerungsdichte im Ort Asch im Laufe des Mittelalters signifikant verändert hätte“ [M. 594]. Statt dessen haben wir uns auf die kurante Mediävisten-Sicht verlassen, dass Europas Bevölkerung ab ca. 1000 so stark gewachsen ist, dass selbst in Asch im 12. Jh. ein wohnzimmergroßes Häuschen nicht mehr für die Sonntagsmesse ausgereicht hätte – ganz abgesehen von dem Bedürfnis nach repräsentativem Steinbau, das nicht einmal für Asch auszuschließen ist. Außerdem haben wir für die dortige Kirche auch mit den dortigen Stuckfragmenten argumentiert, die Molkenthin übergeht.

Als Zweites wirft er mir vor, ich würde mir die karolingische Bischofsstadt Hamburg zu groß vorstellen, und entstellt meine Äußerungen kräftig, um sein Zerrbild „Illig“ besonders schön hervortreten zu lassen:

„Ähnlich ist seine [Illigs] Ansicht zu bewerten, nach der eine frühmittelalterliche Bischofsstadt wie Hamburg, kein ‚Moorkaff‘ bestehend aus „200–300 einstöckigen Lehmhütten“ gewesen sein könne, als welches es die Quellen ausgäben. Auch hier scheinen seine Vorstellungen und vor allem seine Erwartungen an einen frühmittelalterlichen Bischofssitz wohl allzusehr von heutigen Eindrücken geleitet zu sein“ [M. 594].

Was habe ich tatsächlich geschrieben? Papst Benedikt V. starb 964 in dem Verbannungsort Hamburg an Verzweiflung,

„denn Hamburg war damals noch eine Ansiedlung von vielleicht 200 bis 300 einstöckigen Lehmhütten [Franz 2005a]. Wie soll dieses Moorkaff 150 Jahre früher ausgesehen haben?“ [Illig 2005, 690]

Am Hamburg von 964, das auch die Archäologie kennt, habe ich nicht gezweifelt, vielmehr Zweifel geäußert, dass die Keimzelle dieses Moorkaffs 150 Jahre früher bereits den Status einer Bischofsstadt erreicht hätte (mitsamt der von einem Karl d. Gr. geforderten Voraussetzung einer civitas)! Molkenthin liest heraus, was er braucht, schafft sich ‘seinen’ Illig und täuscht mit ihm seine Leser.

Zum dritten kämpft Molkenthin verzweifelt darum, dass mittelalterlichen Chronisten und Notaren beim Schreiben die tatsächliche Jahreszahl „eben nicht immer unzweifelhaft präsent gewesen“ ist [M. 595]. Ich bleibe dabei, dass es mittelalterlichen Schreibern nicht egal war, ob sie z.B. 857 oder 875 geschrieben haben. Die Paläographen gehen als von Molkenthin unbezweifelte Spezialisten jedem einzelnen Buchstaben auf seinen Sinngehalt nach, doch bei Zahlen würde sich das erübrigen? Übrigens ist längst geklärt, dass die Fähigkeiten der Chronisten nicht bei allen Zahlen gleich gut oder schlecht waren: Bei Jahreszahlen traten größere Fehler auf als bei Tages- und Monatsangaben [R.R. Newton lt. Illig 1999, 225]. Also hätten die Chronisten nur Jahreszahlen „nicht immer unzweifelhaft präsent“ gehabt, eher jedoch Tages- und Monatsdaten? Vielleicht eine tagesspezifische Demenz der Chronisten? Eine ernsthafte Erklärung habe ich a.a.O. gegeben, doch welcher Molkenthin liest sie und was käme dabei heraus?

III

Indem er zum Diplomatiker mutiert, rudert er zum sicheren Ufer aller Mediävisten, also zu den Urkunden. Molkenthin führt des Längeren aus, dass es mehr als einen Fall gebe, in dem eine gefälschte Urkunde gleichwohl „zumindest teilweise authentische Rechtsverhältnisse“ wiedergibt“ [M. 596], um schließlich zu behaupten, dass einzelne gefälschte oder verfälschte Urkunden

„nicht den pauschalen Schluss [rechtfertigen], alle karolingischen Schriftstücke und Texte seien entweder frei erfunden oder von der Wissenschaft der karolingischen Epoche fälschlich zugeordnet worden“ [M. 596].

Ein Taschenspielertrick, mit dem er den „pauschalen Schluss“ nicht verhindern kann, weil ich zum wenigsten mit Urkunden, sondern mit Archäologie argumentiere. Ich hebe mich auch von dem zugleich ins Spiel gebrachten Kammeier deutlich ab, schließe ich doch nicht von Fehlern und Fälschungen auf eine Große Aktion, sondern führe die geballte Wucht an Ergebnissen, von mittlerweile über 50 Jahre praktizierter Stadt- und Siedlungsarchäologie in Europa, gegen die Urkunden ins Gefecht. Doch die Vorstellung, dass diese Befunde die vergleichsweise wenigen schriftlichen Belege längst widerlegen, ist einem übers Pergament gebeugten Mediävisten leider nicht zu vermitteln, sonst hätte er es nach Lektüre von Bayern und der Phantomzeit begriffen.

IV

Weil er das Ausmaß der Funde der Mittelalterarchäologie dramatisch unterschätzt, kommen Molkenthin die 1.800 Handschriften aus dem 8. Jh. und die gut 7.000 Urkunden aus dem 9. Jh. [Illig 2007, 174] „keinesfalls gering“ vor [M. 597]. Freilich nennt er nicht die konkreten Zahlen von Lowe und Bischoff, sondern sieht „ein Feld von enormer Größe“ [M. 596], was sich besser macht.

„Schon allein die hohe Zahl der schriftlichen Überlieferungen spricht somit vehement gegen die Phantomzeitthese“ [M. 598].
„Wer hätte da also das Fälschen ganzer Serien von Urkunden, Büchern und sonstiger Schriftstücke bezahlen sollen?“ [M. 598]

Da staunt der Nicht-Mediävist: Kosten-/Nutzen-Betrachtungen für Skriptorien, in denen die Mönche für Stunden- oder Akkordlohn, nicht für Gottes Lohn geschrieben hätten? Der Enthüller skriptorialer Geheimnisse trägt den größten Teil dieses Pergamentberges aber gleich wieder ab [M. 598]:

„Ein mittelalterlicher Fälscher hätte – wenn überhaupt – Chroniken und Annalen gefälscht, um ein erfundenes Geschichtsbild zu untermauern, aber mit Sicherheit nicht die Urkunden, denn diese waren praktische Gebrauchtexte, als Quelle für die Geschichtsschreibung und damit als Beweismittel für historiografische Theorien wurden sie nicht gesehen.“

Sicher ging es bei den Urkunden in den meisten Fällen um Rechtstitel, für deren Fälschung aber genügend Gründe vorstellbar sind. Einen zentralen hat Hans Constantin Faußner mit den veränderten Konditionen ab dem Wormser Konkordat, 1122, genannt. Diese These eines Rechtshistorikers ist Molkenthin seine längste Fußnote wert, aus der ich zitiere:

„Gerhard Anwander lobte in der Zeitschrift ‚Zeitensprünge‘ die Arbeiten Konstantin Faußners über das Werk Wibalds von Stablo. Das Ergebnis dieser Untersuchungen [...] ist schon alleine deshalb höchst fragwürdig, weil der Rechtshistoriker Faußner in seiner Erörterung ganz unbekümmert Begriffe wie ‚Staatlichkeit‘, ‚Staatsland‘ und ‚Staatsvermögen‘ auf das Mittelalter anwendet, die für diese Zeit aber völlig unangebracht sind, weil es derartige Vorstellungen von einer uns geläufigen Staatlichkeit überhaupt nicht gab“ [M. 600].

Damit ist freilich nicht die kuriose Argumentation Schieffers aus der Welt, der eine hier von Molkenthin verteidigte Urkunde Ottos III. wegen des „zittrigen Duktus“ beim Bestätigungsstrich (2,5 cm Länge !) für original und echt hält [vgl. Faußner 34 f.]. Faußners umstritten Begriffswahl ändert nichts daran, dass beim Wormser Konkordat Bedingungen für Grundbesitz festgelegt worden sind, die nun rückwirkende Fälschungen nötig machten – auch wenn meine Zustimmung erneut meine Inkompetenz bewiese [M. 601].

V

Es sei ein „Lieblingsargument“ von mir, den Umstand zu betonen, dass meine diversen Ko-Autoren und ich keine Historiker sind. Sicherheitshalber gibt Molkenthin [M. 598] keine Belegstelle an, denn ich vergesse selten, dass zum Kreis der Zeitensprünge-Autoren Historiker gehören, darunter mit Andreas Birken und Klaus Weissgerber auch promovierte. Aber da ich mir nicht einmal einen ungeschützten Titel wie „Historiker“ anmaße, weise ich korrekterweise auf mein Außenseitertum hin, betone allerdings, dass der Blick von außen oft leichter ist als der von innerhalb einer Zunft, noch dazu, wenn diese so wandlungsresistent ist, wie sie Johannes Fried beschrieben hat [1996; vgl. Illig 1997, 279-283]. Molkenthin prüft nun meine (Rest-)Kompetenz an drei Beispielen:

Zum Karlsgraben schrieben wir: „Weil die alten Quellen – mit Ausnahme des Karlsbiographen Einhard – anschaulich schildern, wie die Franken bis zur Resignation im Dauerregen graben…“ [Illig/Anwander 65]. Molkenthin pocht darauf, dass von dieser ‘Regenschlacht’ „nur in einer einzigen [Quelle] erzählt“ wird [M. 599]. Das ist allerdings ein reines Abgrenzungsproblem: Wann endigen Molkenthins alte Quellen? Härter geht er zur Sache, wenn er Folgendes zu Papier bringt:

„Das berühmte ‚Book of Kells‘ könne gar nicht im frühen Mittelalter entstanden sein, so Illig, da man die dort verwendeten Farbstoffe afghanischer Provenienz wegen des fehlenden Fernhandels im Europa des 9. Jahrhunderts gar nicht habe bekommen können. Fernhandel ist allerdings sehr wohl für die Zeit des frühen Mittelalters nachgewiesen. Diese Aussagen Illigs sind schlicht falsch und sprechen nicht gerade für die Kompetenz der Außenseiter“ [M. 599].

Also hätte ich nichts von Fernhandel im frühen Mittelalter gewusst und würde Falsches verbreiten? Molkenthin bezieht sich nur auf eine einzige Buchseite [Illig 1999, 324]; hätte er umgeblättert, handelte er sich jetzt nicht den Vorwurf willkürlicher Selektion ein. Dort steht [ebd., 326]:

„Während es um 800, ohne Fernhandel und mit einer arabischen Blockade des Mittelmeers, unmöglich war, diesen Halbedelstein aus Afghanistan zu importieren, gab es diese Möglichkeit später durchaus, wie Doris Oltrogge und Robert Fuchs mittels Farbspektrometern bewiesen. »So konnten die Forscher nachweisen, dass es zur ottonischen Zeit offenbar einen florierenden Import von Lapislazuli aus dem Orient gab. Mit den Kreuzzügen reißt die Verwendung des kostbaren Edelsteins für Blaufarben fast völlig ab, und Indigo tritt, wie im früheren Mittelalter, wieder an seine Stelle [Schümer 1993]. Aus anderen Beobachtungen wissen wir, daß ab ca. 960 fernöstliche Gewürze auf den Inlandsmärkten auftauchen [Fried 1991, 48].“

So spricht der Außenseiter viel präziser als der selbsternannte Fernhandelsspezialist Molkenthin: Fernhandel ab ca. 960, also im frühen Mittelalter, bis ca. 1100, davor kein Fernhandel. Die Mittelmeerblockade zu Karls Zeiten habe nicht ich mir ausgedacht, sondern Molkenthins Ko-Spezialisten. Sie begründeten mit ihr bei der ‘Elefanten-Ausstellung’ in Aachen (2003) den Fußmarsch des Rüsseltiers bis Tripolis, der bei einer Einschiffung an der Levante-Küste um ca. 3.500 km kürzer hätte ausfallen können [vgl. Illig 2003]. So erzielt Molkenthin seinen Nachweis meiner angeblichen Inkompetenz und meiner angeblichen Falschaussagen durch verkürztes Lesen und Verzerren – kein wirklich gutes Zeugnis für einen Forscher, der Texte über alles stellt.

Das dritte Beispiel für meine angebliche Inkompetenz leitet Molkenthin mit einem erstaunlich klaren Beweis eigener Unfähigkeit ein. Es geht um Otto III., Papst Silvester II. und den von mir unterstellten Zeiteinschub:

„Und um die Erfindung dieser 300 Jahre nicht zu offensichtlich werden zu lassen, habe man sie nicht in die eigene Lebenszeit eingefügt, sondern stattdessen in die karolingische Epoche, die zu Ottos Zeit immerhin schon fast 150 Jahre zurücklag“ [M. 599].

Hat dieser Mann irgendetwas von meinen Darlegungen verstanden? Die 300 Jahre seien in die karolingische Epoche eingefügt worden, in eine Epoche, die schon fast 150 Jahre zurückgelegen habe? Also hätte Otto die karolingische Epoche, bislang im Osten von 750 bis 911, um 300 Jahre verlängert; und der Abstand zwischen 911 und 999 als Zeitpunkt für Ottos Handeln betrüge fast 150 Jahre? Wehe der Wissenschaft, die solche Kritiker hervorbringt.

Zurück zu seinem dritten Beispiel. Da weiß er besser als ich, was in Otto III. vorgegangen sein dürfte, ob er als Endzeitkaiser für Christus das letzte Millennium einläutete. Wie sagt der Gegner meiner Ausführungen, der Kenner von Ottos Innerstem: „Dem Mediävisten ist dies alles klar, dem Außenseiter offensichtlich nicht“ [M. 600]. Der ‘Beichtvater’ Ottos fährt fort:

„Es finden sich in der Illigschen Argumentation nicht nur falsche, sondern auch falsch verstandene oder schlecht recherchierte Informationen“ [M. 601].

Warum hätte nur Molkenthin das Privileg auf Fehler, falsches Verstehen und schlechtes Recherchieren? Das bekannte Beispiel über Radierungen bei ottonischen Jahreszahlen dient ihm dazu, noch einmal den Namen Wilhelm Kammeier ins Spiel zu bringen. Was habe ich über ihn geschrieben? Einmal meine Einschätzung seiner These von der Großen Aktion [Illig 1998, 339 ff.]: Sie

„beruhte auf richtigen Beobachtungen und berechtigtem Mißtrauen, war aber zu kurzschlüssig und zu einseitig“ [ebd. 340].
„Zielte auch Kammeiers These viel zu weit, war sie auch durchsetzt und getragen von einem germanophilen Minderwertigkeitsgefühl, hat er doch zahllose Ungereimtheiten im Mittelalter (auf)gespürt und auch – anhand von anerkannter Fachliteratur – klar gezeigt, daß mittelalterliche Dokumente zu oft falsche oder veränderte Datierungen tragen, als daß dies nur auf das mangelnde kleine Einmaleins der Notare geschoben werden könnte“ [ebd., 340 f.].

Wie meine Arbeiten durchgehend ausweisen, habe ich außer seiner Urkundenkritik, die sich bei Lektüre von Harry Bresslau unmittelbar bestätigt, nichts, aber auch gar nichts übernommen – auch wenn mir Molkenthin dreist unterstellt, ich hätte von Kammeier unterstellte schwankende Jahreszählungen „nahtlos übernommen“, was er natürlich nicht nachweist [M. 603, Fn 41]. Im zweiten Buch setzte ich an diesem Punkt noch einmal an.

„Die Diplomatiker, also die Urkundenforscher, wissen das längst, Standardwerke wie jenes von Harry Bresslau berichten seit vielen Jahrzehnten, daß die damaligen Notare größte Mühe mit dem kleinen Einmaleins und mit der aktuellen Jahreszahl gehabt haben müssen. Als das ein Außenseiter, Wilhelm Kammeier, hervorhob und zur Basis einer Verschwörungsaktion der Kirche gegen das deutsche Kaisertum machte, war erst die Verunsicherung und später die Empörung der Fachleute groß. Seitdem behilft sich die Fachwelt so: Wer unsere Urkunden derart bezweifelt, wird als rechtsnational eingestuft“ [Illig 1999, 241].

Diese Einstufung bezog sich, wie das „seitdem“ und die zugehörige Fußnote (Hinweise auf J. Fried und zugehörige Zitationen) unmissverständlich ausweisen, auf mich, den Fried und andere in der rechten Ecke ansiedeln wollten. Und was hat Molkenthin verstanden, wenn er schon den höflich-dezenten Hinweis auf verleumderische Kollegen nicht bemerkt hat?

„In seinem Buch ‚Wer hat an der Uhr gedreht?‘ [...] meinte Illig, Kammeier in Schutz nehmen zu müssen. Dabei nannte er die Verurteilung Kammeiers durch die Mediävistik, die seine These ablehnte und ihn als rechtsnationalen Nazisympathisanten entlarvte, eine reine Diffamierung, die man nur vorgebracht habe, da man gegen seine These nichts Inhaltliches habe vorbringen können“ [M. 602].

Also hätte ich die Entlarvung Kammeiers als rechtsnationalen Nazisympathisanten eine reine Diffamierung genannt? Wer solches aus meinem obigen Text herausliest, diffamiert mich vorsätzlich und mit Bedacht, zumal er in rhetorischer Verneinung auch noch seinen Verdacht ausspricht:

„Nun soll hier Illig nicht der Vorwurf gemacht werden, selbst einer rechtslastigen politischen Richtung anzugehören. Seine geistige Verwandtschaft mit Kammeier liegt vielmehr in dessen Methodik und Eigenwahrnehmung“ [M. 603].

VI

Es folgt der Showdown, in dem nochmals die angeblichen Grundmuster meiner Argumentationswege zusammengestellt werden [M. 603 f.].

  • „die für sein Werk fundamentale Annahme, dass sich der Wahrheitsgehalt der schriftlichen Überlieferung an der Zahl der archäologischen Funde verifizieren lassen müsse“,
  • „die unzulässige Übertragung von Maßstäben, Ansichten und Erkenntnissen aus der Gegenwart auf die Vergangenheit“,
  • „im Kolportieren falscher oder falsch verstandener Informationen und Theorien“,
  • sein „rigider Positivismus“.

Punkt 1 leidet wieder unter Molkenthins verzerrender Sicht. Seiner Formulierung nach wäre etwas um so wahrer, je mehr archäologische Funde vorliegen. Das sehe ich nur cum grano salis, liegt es doch nicht an der Zahl, sondern an der Beweiskraft der Stücke. Den Punkt 2 verletzen alle zurückblickenden Forscher immer wieder, ob sie es wollen oder nicht. Molkenthin ist es nicht gelungen, mich hier als Ausnahme hinzustellen. Zum dritten Punkt hat Molkenthin mindestens 2.000 Seiten meiner Arbeiten ausgewertet; trotzdem konnte er mich seltener der Kolportage überführen als ich ihn auf seinen 16 Seiten. Ein ungewolltes Kompliment, das ich dankend annehme.

Es folgt eine Zusammenfassung von Sawickis Gedanken, „die zurzeit wohl beste geschichtsphilosophische Einordnung der Illigschen Werke“ [M. 604]. Ich habe mich mit ihr gründlich in den Zeitensprüngen auseinandergesetzt [Illig 2002]. Molkenthin blieb davon nur das in Erinnerung, was nicht enthalten ist: „dem Heribert Illig außer wüsten Beschimpfungen nichts entgegenzusetzen hatte“ [M. 604]. Wäre er weniger vorurteilsbelastet, hätte er bemerkt, dass Sawicki deutlich aggressiver formuliert und in Rage Sätze produziert, die die „zurzeit wohl beste geschichtsphilosophische“ Darstellung der Lächerlichkeit preisgeben. Ich erinnere nur an den – für wen wohl – vernichtenden Schlusssatz [Sawicki 99]: „Seine [Illigs] Bücher über die ‚Karlslüge‘ bleiben autistisch.“ Diese tiefe Einsicht verrät so manches über den hoffnungsvollen Nachwuchsphilosophen und -psychologen.

So bestätigt sich auch auf der letzten Seite, was schon länger klar ist: Molkenthin fälscht sich seinen Illig so zurecht, bis er den schlimmstmöglichen Vorurteilen innerhalb der Mediävistik entspricht. Er verformt meine Sätze, er verzerrt sie, dreht sie in ihr Gegenteil, diffamiert mich, wenn es ums Rechtsnationale geht, unterschiebt mir Fehler und Falschheiten und stellt meine Zeiteinschubthese bezüglich Otto III. so dar, als ob sie ein Kretin ersonnen hätte. Ich will nicht darüber befinden, ob Molkenthin nicht lesen kann oder nicht das lesen will, was von mir geschrieben worden ist. Es drängt sich allerdings der Verdacht auf, dass dieser Mann mangels besserer Argumente absichtlich so handelt wie ein Verfälscher. Dieser Verdacht vertieft sich, wenn man bedenkt, dass Molkenthin sehr wohl Sachverhalte richtig wiedergeben kann. So hat er sich in der Zeitschrift Skeptiker mit den Büchern von Roland P. Mayer beschäftigt [Molkenthin 2007], deren krauser Inhalt nun wirklich nicht leicht zu rekapitulieren ist. Doch hier bleibt er objektiv – schließlich geht von diesem verfehlten Geschichtsansatz wirklich keine Gefahr aus.

„Die Mediävistik muss sich jedenfalls vor Außenseitern wie Illig nicht fürchten“ [M. 604] – so Molkenthins Schlusssatz. Wir dürfen ihm entnehmen, dass weiterhin Ängste innerhalb dieser Wissenschaft kursieren. Denn natürlich wissen die klügeren Vertreter unter ihnen, dass der Widerspruch zwischen Bauten, Funden und Schriften nicht dadurch aus der Welt geschafft wird, dass junge Heißsporne wie Sawicki auf mich losgelassen werden oder ein Molkenthin in bewährter Manier – immerhin verdrehte er schon 1998 in gleicher Weise meine Aussagen [vgl. Illig 1998, 402-405] – auf mich losgeht. Da wäre im Übrigen noch die im Titel von Molkenthien formulierte, aber nicht beantwortete Frage: Was ist von der Mittelalterdebatte zu halten? Wenn man Molkenthien liest, hat man den lebhaften Eindruck: Nichts. Eine Wissenschaft, die einfach nicht den Blick von den Pergamenten heben kann, eine Wissenschaft, die offenbar nur ihre eigenen Texte erfassen und werten kann, ist damit überfordert, eine Debatte über eine umstürzende These zu führen. Alles ist auf Abwehr gerichtet, auf bösartige Abwehr – nie ist ein Ansatz zu erkennen, dass sie sich auch nur versuchsweise auf die ihr fremde Argumentation einließe. Ein hoffnungsloser Fall?

Zu suchen ist der Weg, auf dem wir das bislang Unvereinbare – hie Schriftquellen, hie archäologischen Befund – zu einer Synthese bringen. Weil Wissenschaftler wie Molkenthin so kurzsichtig sind, dass sie das Einzige, was sie anerkennen, nämlich Schriften, nicht lesen können, werden sich die Archäologen in die Bresche werfen. Hier im Heft wird von mir darauf hingewiesen (S. 341), wie eine Dorothea Hochkirchen, wie ein Sven Schütte mit Hochdruck daran arbeiten, fast mit Gewalt Architekturüberreste und Steinfragmente zu karolingisieren, während die Streichung eines Begriffs wie „karolingisches Westwerk“ durch Dagmar von Schönfeld de Reyes (S. 344) ignoriert wird. Das wird sich fortsetzen, jedoch das Problem nur zuschütten, nicht lösen. Immerhin hat sich eines verändert: 1999 verhängte Michael Borgolte die ‘damnatio memoriae’ über mich, eine vielleicht eher unbedachte Äußerung in einem Interview [Bach], die lediglich explizit klarstellte, dass damals längst – es wurde gerade der Katalog für die Paderborner Ausstellung zusammengestellt – ausgemacht war, dass die 1.500 prachtvollen Seiten zwar meine Thesen ad absurdum führen müssen (Verlagsmotto: „Prachtvoller können Illigs Thesen nicht widerlegt werden“), aber um keinen Preis These oder Urheber nennen dürfen. Molkenthin beschreibt diese Ächtung auf seine Weise:

„Die Mediävistik hat sich kurz und heftig mit dieser These auseinandergesetzt, es dann aber vorgezogen, ihre Zeit wieder den wichtigen Dingen in ihrem Forschungsfeld zuzuwenden und Illig nicht weiter zu beachten“ [M. 590].

Nun gehört Michael Borgolte zu den Herausgebern der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, ist also über seinen Schatten gesprungen und verlangt nicht länger mehr das Schweigen über meine Person und über meine These. Immerhin.

Literatur

Bach, Ingo (1999): 2 Interviews (mit Michael Borgolte und HI) + ein Artikel über „Ist das frühe Mittelalter eine Erfindung?“ in Der Tagesspiegel, Berlin, 29. 6.
Bohrer, Michael (1999): Karolingerpfalz in Paderborn? in Zeitensprünge 11 (3) 439-458
Cardini, Franco (1995): Zeitenwende. Europa und die Welt vor tausend Jahren; Darmstadt
Faußner, Hans Constantin (1997): Königsurkunden-Fälschungen Wibalds von Stablo im Bayerisch-Österreichischen Rechtsgebiet aus diplomatischer und rechtshistorischer Sicht. (Studien zur Rechts-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte. Band XVIII); Sigmaringen
Fried, Johannes (1996): Vom Zerfall der Geschichte zur Wiedervereinigung. Der Wandel der Interpretationsmuster; in Otto Gerhard Oexle (Hg.): Stand und Perspektiven der Mittelalterforschung am Ende des 20. Jahrhunderts; Göttingen, 47-72
Heinsohn, Gunnar / Illig, Heribert (52003): Wann lebten die Pharaonen? Gräfelfing
Illig, Heribert (1997): Von Wenden und schrecklichen Visionen. Die Mittelalter-Debatte wird umfassend; in Zeitensprünge 9 (2) 260-285
- (1998): Das erfundene Mittelalter; München (Zitiert aus der ersten Taschenbuch-Ausgabe, die wie alle späteren das Nachwort enthält)
- (1999): Paderborns prachtvolle Phantomzeit. Ein Rundgang durch die Karolinger-Ausstellungen; in Zeitensprünge 11 (3) 403-438
- (2002): Hinterweltler aller Art. Eine zuweilen widerwärtige Mittelalter-Diskussion; in Zeitensprünge 14 (1) 150-172
- (2003): Dickhäuter und Schweigegeld. Phantomzeitdebatte? in Zeitensprünge 15 (2) 396-405
- (2005): Die Meistersinger von Deutschland. 10 Jahre Karlsverwerfungen und -debatten; in Zeitensprünge 17 (3)
- (2007a): Karolingische Komputistik? Zu Beda und Borst, Bischoff, Theophanes und Isidor; in Zeitensprünge 19 (1) 156-184
- (2007b): St. Pantaleon – vier Rekorde fürs Guinness. Sven Schütte als karolingischer Lückenbüßer; in Zeitensprünge 19 (2) 341-368
Illig, Heribert / Anwander, Gerhard (2002): Bayern und die Phantomzeit. Archäologie widerlegt Urkunden des frühen Mittelalters. Eine systematische Studie; Gräfelfing
Koch, Wilfried (1988): Baustilkunde. Europäische Baukunst von der Antike bis zur Gegenwart; München
Molkenthin, Ralf (2007a): Großartiges Byzanz oder Das neue Mittelalter des Roland P. Mayer; in Skeptiker 1/07, 26-29
- (2007b): Phantomzeit und Mediävistik. Oder: Zwölf Jahre „Mittelalterdebatte“ und was davon zu halten ist; in Zeitschrift für Geschichtswissenschaft (7/8) 589-604
Sawicki, Diethard (2001): Lügenkaiser Karl der Große? Ein kritischer Blick auf Heribert Illigs These vom erfundenen Mittelalter; in: Tillmann Bendikowski, Arnd Hoffmann, Diethard Sawicki: Geschichtslügen. Vom Lügen und Fälschen im Umgang mit der Vergangenheit; Münster, 75-104

3 Kommentare zu “Ein Verfälscher am Werk – Replik auf Ralf Molkenthins Kritik”
1
Glasreiniger sagt:
5. Dezember 2007 um 22:16

In de.wikipedia betätigt sich ein Benutzer namens Liudger123 als Chronologiekritiker-Blockwart. (S. z.B. die Edits in [[Chronologiekritik]]) Könnte es sein, daß er diesem R. M. nahesteht?

[...] H. Illig: Ein Verfälscher am Werk. Replik auf Molkenthins Kritik [...]

3
Hans molkenthin | ZuukUsa sagt:
1. April 2012 um 05:13

[...] Ein Verfälscher am Werk – Replik auf Ralf Molkenthins … – Fantomzeit [...]

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31. August 2007                     Kategorie(n): Artikel aus den ZS, Fantomzeit, Zeitensprünge

eingestellt von: admin

St. Pantaleon – vier Rekorde fürs Guinness. Sven Schütte als karolingischer Lückenbüßer

Eine Kritik durch Heribert Illig  (aus Zeitensprünge 2/2007)

Vorspiel

St. Pantaleon gehört zu den 29 romanischen Kirchen Kölns, die von dem zuständigen Förderverein betreut werden. Sie bekam nun ein eigenes Buch aus der Reihe Colonia romanica zugeeignet, dem wir uns im Weiteren zuwenden wollen. Das zugehörige Klostergebäude wurde von der Forschergruppe nicht behandelt, aber Fried Mühlberg bemerkt als einstiger Kölner Stadtkonservator in seinem Eröffnungsbeitrag:

„Überkommen ist eine sechsachsige Bogenstellung aus vier Kalksteinsäulen mit attischen Basen und Pilzkapitellen aus Tuffstein und zwei angeschnittenen Pfeilern auf einer Brüstung sowie von einem Mittelpfeiler zwischen engen Durchlässen. Die Arkatur gibt einen Abschnitt der Westwand des östlichen Kreuzgangflügels wieder mit zweifachem Durchgang in den Kreuzganghof. Ein Relikt aus dem mittleren 10. Jahrhundert, bietet sie [sic] das älteste repräsentative Zeugnis abendländischer Klosterarchitektur“ [Mühlberg 15; Hvhg. H.I.].

Die Klostergründung, übrigens die erste in Köln und somit „merkwürdig spät“ aus Sicht von Mühlberg [13], fand 964 unter Erzbischof Bruno statt, der schon eineinhalb Jahre später starb (953–965). In seinem Testament hat er für die Vollendung der Klostergebäude noch einen Geldbetrag angesetzt; sie waren also keineswegs fertig gestellt. Die Fertigstellung von Kirche und Kloster bleibt umstritten, aber immerhin ist klar geworden, dass wir mit gutem Gewissen dieses „älteste repräsentative Zeugnis abendländischen Klosterarchitektur“ nicht vor 964 ansetzen können.

Nun gibt es genaue Zahlen darüber, wie viele Klosterbauten des Frankenreiches in alten Schriftstücken benannt worden sind:

Zwischen 476 und 855 exakt 1.254 Klöster, davon
zwischen 768 und 855 immerhin 417 Klöster [A. Mann lt. Illig 1996, 205, 208].

Da sind also in Mitteleuropa über eintausendzweihundert Klöster spurlos verschwunden, obwohl die vielfältige Klosterlandschaft bereits 802 eine reichsweite Festlegung auf die Benediktregel notwendig gemacht haben soll [Schieffer 97]. Und doch hätte nur eine winzige Anzahl spärliche Spuren hinterlassen – etwa zwei dem 8. Jh. zugeschriebene Kapitelle in der Tegernseer Klosterkirche, die nach 1040 eingemauert worden sein dürften [Illig/Anwander 289].

Aber erst deutlich nach dem berühmten Sieg über die Ungarn, 955, gibt es im deutsch werdenden Reich einen vorzeigbaren, einen repräsentativen Klosterrest!

Das ist die für Karl und Konsorten vernichtende Bestandsaufnahme der Architekturhistoriker. 1994 gab ich meinem Karlsbuch den Untertitel Bauten, Funde und Schriften im Widerstreit. Damals ist das bis heute heftig bestrittene Dilemma ans Licht gezerrt worden; es wird sich weder dadurch beheben lassen, möglichst schnell Kunstwerke zu karolingisieren, noch dadurch, verstärkt die Richtigkeit schriftlicher Überlieferung, insbesondere der astronomischen Zeugnisse zu bestätigen, wie das nach Ulrich Voigt nun Ronald Starke im Berliner Geschichtssalon getan hat. Es wird sich kein Ausweg aus diesem Dilemma zeigen, wenn einmal mehr nur die Schriften beschworen, Bauten und Bodenfunde jedoch ignoriert und keine übergreifenden Lösungen gesucht werden.

Zwiespalt

Seit Jahrzehnten wird darum gestritten, wann in Köln Bau VII des Doms und Bau I von St. Pantaleon errichtet worden sind: in karolingischer oder ottonischer Zeit! Mittlerweile ist St. Pantaleon, das unter den Kölner Kirchen als Grablege von Kaiserin Theophanu herausragt, neuerlich geprüft worden: nicht mit weiteren Ausgrabungen, sondern mit Sichtung älterer Grabungen, Vermessung aller Steine und Studium der Unterlagen aller einschlägigen archäologischen Untersuchungen. Der Mühe unterzogen haben sich Marianne Gechter, Dorothea Hochkirchen und der uns gut bekannte Sven Schütte (s. Abgesang), die zusammen mit Studenten bis zu sechs Jahre Forschung aufgewendet haben [vgl. Ilig 2006, 159]. Die Ergebnisse sind bereits im November 2005 bei einem Kolloquium vorgestellt worden [ebd.]. Die Drucklegung der Beiträge dauerte jedoch nicht, wie angekündigt bis April 2006, sondern bis Mai 2007, so dass erst jetzt die Sichtungsergebnisse gewürdigt werden können.

Vorab hören wir zunächst eine überparteiliche Stimme, die von Dagmar v. Schönfeld de Reyes, 1999 in ihrer Dissertation [=SdR 179]:

„Aufgrund von Grabungen und Bauuntersuchungen [...; sind] nach jüngstem Forschungsstand verschiedene Bauperioden zu unterscheiden. In der Differenzierung der Bauphasen wird hier der überzeugenderen Darstellung [von H. Fußbroich 1980, 1983, 1984; ...] gefolgt und die weitgehend isoliert stehende Gegenauffassung des Ausgräbers [F. Mühlberg 1960, 1982, 1989, 1993; Ersatz von Literaturnummern durch Publikationsjahreszahlen durch H.I.] lediglich angemerkt. Der Forschungsstreit um die Datierung der verschiedenen Bauphasen hält an.“

Für die Westbau-Spezialistin waren folgende Kirchenbauphasen sichtbar:

  • Von dem für 866 erwähnten Bau „nichts erhalten“ [SdR 179];
  • Erste durch Befunde belegte Bauphase (Bau I) wird auf eine Kirchweih von 980 bezogen, ihre Anfänge bei 964 gesehen (s.o.);
  • Bau II ebenfalls ottonisch, doch mangels Schriftnennung nicht genau datierbar; derzeit zwischen 984 und 1002 gesehen [SdR 181].

Neuerliche Parteinahme im Datierungsstreit

Im Hauptbeitrag des aktuell erschienenen Buches stellt Schütte [= S.] eine Bauphasenabfolge vor, die die bisherigen zwei Phasen mehr als vervierfacht. Er selbst verwendet dabei – vielleicht in Unkenntnis von Schönfelds Arbeit – unbeirrbar weiter den Begriff „Westwerk“:

Phase
0: Römisch: Römische Bebauung ab 1. Jh. [S. 83];
1: Römisch: „domus ecclesiae“. Bau ab ca. 250 [S. 89], Bestand circa 250 bis 350 [S. 89, 95];
2: Römisch: Ecclesia, ca. 370 [S. 92], „circa 250/60 bis mindestens Ende 7. Jahrhundert“ [S. 95]; recte: 350/60 !; tatsächlich bis ins 9. Jh. [lt. S. 99];
3: Merowingisch: Umbauten und Erweiterungen: Chor, Anbauten „um 700 bis in die erste Hälfte des 8. Jahrhunderts“ [S. 95];
4: Karolingisch: Erster Westbau (A) und Kirchenerweiterung nach Westen; 9. Jh. [S. 97], dann auch Erneuerung der noch aus Phase 2 stammenden Schiffswände [S. 100]. Ornamentsteine 1. Hälfte des 9. Jh., als Spolien eingemauert im ottonischen Westbau [S. 99];
5: Karolingisch: Kirchenerweiterung im Westen ebenfalls 9. Jh., passend zu einer Urkundennennung für 866 [S. 105];
6: Ottonisch: Umbau und zweiter Westbau (B) „966“ begonnen (gemäß Quellen für Erzbischof Bruno) [S. 111];
7: Ottonisch: Umbau des Westbaus von B zu C noch im 10. Jh. [S. 115];
8: Romanisch: Baumaßnahmen bis Ende des 12. Jh. [S. 130];
9: Romanisch: 13. Jh. [S. 134].

Römische Vorstufen (Phasen 0 und 1)

Bei der Vorstellung im November 2005 war für Schütte zentral:

„Der im Abendland einzigartige Nachweis lückenloser kirchlicher Nutzung eines Gebäudes glückte jetzt in sechsjähriger interdisziplinärer Forschung und verblüffte am Wochenende rund 50 Fachleute aus ganz Europa“ [Kölnische Rundschau vom 22.11.05; vgl. Illig 2006, 159].

Was ist hier Schütte gelungen? Nun, die Bestätigung der Meinung Fremersdorfs von 1950 bzw. 1956. Seit langem sind römische Fundamentreste unter St. Pantaleon bekannt. Fast ebenso lang ist gesehen worden, dass

„die heutige, stark von der vorgeschriebenen Ostung abweichende Orientierung (31°) der Kirche deckungsgleich mit dem Raster der römischen Bebauung ist. Da man jedoch die Baugeschichte der Kirche von der römischen Bebauung entkoppelte, wurde diesem Umstand nur geringe Bedeutung beigemessen. Ganz anders urteilte darüber der Archäologe Fritz Fremersdorf. Er äußerte als erster bereits sehr früh den Verdacht eines kontinuierlichen christlichen Kultes an dieser Stelle“ [S. 81].

So wurde lang ignorierter Sachverstand nach 50 Jahren doch noch in sein Recht gesetzt. Zwar sah ein Kenner wie Eugen Ewig den Sachverhalt 1954 ähnlich wie Fremersdorf [S. 82; Gechter 34 f.], doch Hugo Borger schüttete 1979 alte Einsicht so gut zu [S. 82], dass sie 1999 auch v. Schönfeld de Reyes nicht mehr bemerkt worden ist. Freilich ist die Nutzung eines Privathauses als „domus ecclesiae“ nicht direkt gelungen, sondern daraus abgeleitet worden, dass alle späteren Bauphasen die ‘verquere’ Ostung beibehalten haben, so mehrfach Schütte [82, 86 f.]. Der Schluss auf eine kirchenähnliche Nutzung erscheint richtig, wird aber überdehnt, wenn man sie dem römischen Haus sofort ab Erbauung unterstellt, wie es Schütte [87] tut. Aber so gewinnt er bis zu 100 Jahre spätantiker Nutzung als Kirchengebäude hinzu und dazu gegen viele andere Kirchen den ersten Guinnessbuchrekord:

„im Abendland einzigartige[r] Nachweis lückenloser kirchlicher Nutzung“ [vgl. Illig 2006, 159].

Kaum aber hat er die einstigen Meinungen von Fremersdorf oder Ewig wieder ins Recht gesetzt, übergeht er sie rücksichtslos, indem er eine nicht nachvollziehbare Trennung zwischen Bearbeitern, Ausgräbern und sonstigen Kunsthistoriker durchführt. Dadurch gewinnt Schütte [89] für sich eine weitere Priorität:

„Im Gegensatz zu allen bisherigen Bearbeitern sehe ich hier den Ausgangspunkt der Baugeschichte von St. Pantaleon, der prägend bis heute für die Architektur ist.“

Von wirklichem Interesse ist natürlich der Umstand, dass die starke Abweichung von der Ostrichtung vom römischen Straßenraster samt Bebauung herrührt, dem doch gemeinhin eine strikte Ausrichtung nach den vier Himmelsrichtungen nachgesagt wird. Der bekannteste Fall einer derartigen römischen Abweichung bildet das Gelände unterm Aachener Dom, der im Gegensatz zur älteren römischen Bebauung um rund 40° gedreht und sauber geostet ist [vgl. Plan bei Illig 1996, 221]. Dies erschwert die ansonsten gegebene Denkmöglichkeit römischen Ursprungs für dieses Acht- und Sechzehneck zusätzlich.

Spätantike Kirche (Phase 2)

Ab ca. 360 entsteht dann eine recht große, 31 x 15 m messende Saalkirche mit Rechteckchor, „soweit der Bau zu erschließen ist“, hat er doch „nur schwache Spuren hinterlassen“ [S. 91]. Trotzdem kann man laut Schütte „hier erstmals, also spätestens im 3. Viertel des 4. Jahrhunderts, gesichert von einem Kirchenbau in diesem Sinn sprechen“ [S. 92]. Der Bau war auf jeden Fall gut aufgeführt, müssen doch Teile des Schiffs „noch in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts aufrecht gestanden haben“ [S. 93]. Ob dies nicht sogar bis in die zweite Hälfte des 10. Jh. gegolten hat, will unten geprüft werden.

Merowingisch – Karolingisch – Ottonisch ? (Phase 3 bis 5)

Wir kommen nun in die seit mehr als 50 Jahren umstrittene Zeitzone: Ist St. Pantaleons Phase 4 karolingisch oder ottonisch. Westbauspezialistin v. Schönfeld hat noch 1999 [180] Bau I (Schüttes Phase 4) unmissverständlich als ottonisch eingestuft:

„Von einem 866 in den Schriftquellen erwähnten Bau, der vermutlich bischöfliche Eigenkirche war, nichts erhalten [...], Lokalisierung daher unmöglich. Eine erste, durch Befunde belegte Bauphase (=Bau I) wird auf eine quellenurkundlich überlieferte 980 geweihte Kirche bezogen“.

Sie bezweifelt also keineswegs die Urkunde von 866, findet aber wie Fußbroich kein Mauerwerk, das dem 9. Jh. zugerechnet werden könnte. Ganz anders Schütte, der gleich drei Bauphasen aus merowingischer und karolingischer Zeit vorweist. Er sieht (Phase 3) im frühen 8. Jh. einen Rechteckchor über einer Winkelgangkrypta entstehen, begleitet von zwei Annexen im Norden und Süden, woraus sich eine seltsam kurze Kirche ergibt. Beweis ist ihm ein zeitgenössischer Sarkophag mit merowingischen Scheibenfibeln, für den der vorhandene spätantike Estrich durchbrochen worden ist. Fußbroich hielt alle Bauteile für ottonisch – doch seine Einschätzung scheitert an diesem Befund [S. 95, 91].

Aus meiner Sicht muss nichts scheitern, da es einfach um mehr als nur zwei Bauphasen geht: Der fragliche Estrich (Plan-Nr. 901) ist keineswegs als Teil einer ottonischen Kirche zu sehen, sondern als Teil der spätantiken Kirche ab 360 (Fußbroichs Einschätzung stammt von 1983). Die Scheibenfibeln werden wie der Sarkophag „vermutlich“ der Zeit von 750 bis 800 zugeordnet, also der frühen Karolingerzeit [S. 96].

Doch eine karolingische Bestattung im linksrheinischen, längst christianisierten Köln dürfte keine derartigen Beigaben mehr enthalten. Ich sehe deshalb hier merowingische Bestattungen aus der Zeit vor 614, für die der spätantike Kirchenboden durchbrochen worden ist.

Zweites Argument von Schütte ist eine sehr schlecht erkennbare und ebenso schlecht dokumentierbare Winkelgangkrypta als Vorgängerin einer ottonischen Umgangskrypta [S. 94]. Fußbroich hat sie übergangen. Dafür zeigt v. Schönfeld de Reyes das ganze Pro und Contra der Diskussion um diese Winkelgangkrypta auf und kann sie ihrem ottonischen Bau zuordnen [SdR 180]. Obendrein konzediert selbst Schütte ein paar Seiten weiter, dass die alte Winkelgangkrypta erst in ottonischer Zeit zur Umgangskrypta umgebaut worden ist [S. 110], womit dieses sein zweites Argument entfällt.

Nachdem das antike Kirchenschiff für Schütte bis ins 9. Jh. hinein stand [S. 97], bleibt es für Phase 3 bei einem merowingischen Umbau im Chorbereich. Aus meiner Sicht bleibt dieser Umbau merowingisch, wenn auch vor 614, doch ihre Datierung durch Schütte ist ohnehin nicht jahrzehntgenau.

Der erste Westbau (Bau I / Phase 4)

Für eine umfangreiche Erweiterung werden dem spätantiken Kirchenschiff im Westen zwei Mauerzungen angebaut, an die sich der erste Westbau anschließt. In diesen Mauerverlängerungen sind Gerüsthölzer im Mauerwerk erhalten blieben.

„Dies bot die Möglichkeit einer Datierung mit AMS (einer 14C-Analyse). Die beiden untersuchten Hölzer erbrachten eine Datierung ins 9. Jahrhundert. Leider ist diese Zeit eine Plateauphase innerhalb der 14C-Kurve, so dass erst die Auswertung aller Gerüstholzbefunde eine präzisere Einordnung ermöglichen wird“ [S. 97].

In zugehörigen Fußnoten wird bedauert, dass die Datierungen innerhalb des 9. Jh. noch nicht präzisierbar seien, zumal auch ein „aussagekräftiges wiggle-matching“ noch nicht durchgeführt werden konnte. Deshalb behält Schütte [S. 101] die exakte naturwissenschaftliche Datierung „der zukünftigen monographischen Vorlage der Befunde” vor – Aufschub auf eine sehr lange Bank, wenn wir uns daran erinnern, dass Schütte bereit vor 7 (sieben) Jahren die weiterhin ausstehende Monographie über den Aachener Thron versprochen hat, in der ebenfalls die naturwissenschaftliche Datierung ihren Nachweis finden sollte.

Wie dem auch sei: Schütte sieht Übereinstimmung bei C14, bei von ihm ungenannten Befunden, bei der Keramik und bei bautechnischen Merkmalen, die allesamt für das 9. Jh. sprechen, womit der Streit ottonisch (Fußbroich) oder karolingisch (Mühlberg) zugunsten der Karolinger entschieden sei [S. 97]. Wir lassen diesen Befund einen Moment so stehen, bevor Schütte selbst bei Phase 6 ein wichtiges Gegenargument liefern wird.

Dafür sei an das große Kolloquium von 1984 erinnert: Es ging um den Kölner Dombau VII. Günther Binding plädierte zunächst für die Zeit von Erzbischof Bruno und damit für die Bauanfänge von St. Pantaleon I, das damals bereits auf 966–980 datiert wurde. Im Verlauf der Diskussion ließ sich Binding durch Urkundenhinweise von Rudolf Schieffer beeindrucken – der auch jetzt ein Kapitel für das Pantaleon-Buch beigesteuert hat – und akzeptierte eine vorbrunonische Bauzeit, die folglich vor 953 geendet hätte [Wolf 1996; vgl. Illig 2002, 147 f.]. Wenn Pantaleon I karolingisch wäre, müsste auch Dombau VII in die Zeit um 800 verbracht werden. Die Weichen dafür sind gestellt (s.u. sowie [H. 157]) Schütte braucht auch deshalb eine karolingische Kirche, weil er Aufstellungsplatz für seine „karolingischen“ Plastiken reklamiert [S. 98] – ein Scheinargument, wie sich unten zeigen wird. Zudem erhielt die karolingische Kirche in Schüttes Rekonstruktion ein von ihm sog. Westwerk, das dem von Corvey ausgesprochen nachempfunden ist, obwohl dieses doch noch später angesetzt wird als jenes. Das war einfach, da sich der Mittelturm (samt zweier Treppentürme) ‘zwingend’ um ein Detail ergänzen ließ:

„Im Westen schloss sich vermutlich ein kleiner rechteckiger Vorbau in der Mitte der Fassade ähnlich wie in Corvey an. Die Modellrekonstruktion zeigt entsprechend karolingische Formen“, nicht mehr ottonische wie noch bei Arnold Wolff [S. 98; Hvhg. H.I.].

In den heute stehenden, unstrittig nachkarolingisch umgestalteten Westbau sind „karolingische“ Quader eingefügt, deren Ornamente ursprünglich zu einer friesartigen Dekoration gehört haben könnten. Schütte ‘türkt’ dafür eine Datierungsbestätigung:

„Die Ornamente selbst sind durch gute Parallelen in Italien und nördlich der Alpen, sowohl in Reliefs als auch auf Wandmalerei, recht gut in die erste Hälfte des 9. Jahrhunderts zu setzen.“ [S. 99]

„Gute Parallelen in Italien: s. Il Futuro dei Langobardi. L’Italia e la costruzione dell’Europa di Carlo Magno. Ausst. Kat. 2000, S. 264, Cat. 159 mit Abb.“ [zu S. 99 gehörige Fn. 13 auf S. 101].

Wir schlagen in diesem Ausstellungskatalog von Brescia nach, dessen – von Schütte falsch geschriebener – Titel wunderbar doppeldeutig ist: Italien und die Konstruktion des Europa von Karl d. Gr. und finden tatsächlich ein vergleichbares Ornament mit Rautenmuster, das der Kirche Santa Maria a Gazzo Veronese entstammt. Allerdings wird es gleich zweimal [Bertelli/Brogiolo 264, 268], auf „metà dell’VIII secolo“ datiert und in dieser Zeitposition zusätzlich durch zwei Vergleichsstücke gestützt – also auf ungefähr 750 und damit präzis 100 Jahre älter, als Schütte fälschenderweise vorgibt, weil er es dringend im 9. Jh. braucht. Ein lachhaftes Argument, weil niemand besser als Schütte weiß, dass ‘sein’ Karl die Langobarden 774 so unterworfen hätte, dass danach keine langobardische Kunst mehr verzeichnet wird. Dieses Volk kann ihm beim besten Willen keinen Stein aus der Mitte des 9. Jh. liefern.

Wer vorgefundene Daten einfach manipuliert, schreckt auch vor anderen Widersprüchen nicht zurück. So befindet Schütte zu diesen Ornamentsteinen, dass sie „ohne jeden Zweifel dort sekundär angebracht worden“ sind [S. 99; Hvhg. H.I.], um dann in der zugehörigen Fußnote 10 mitzuteilen, dass sehr wohl Zweifel geäußert worden sind: „Brigitte Kaelble vertritt in diesem Band eine gegenteilige Meinung, die ich nicht teile“ [S. 101]. So einfach ist das: Wenn Schütte nicht zweifelt, dann gibt es überhaupt keinen Zweifel! Kaelbles Meinung ist allerdings für Schütte schwer goutierbar, verweist sie doch die ornamentierten Quader jener Werkstatt zu, „deren Tätigkeit gegen Ende des 10. Jahrhunderts am Westwerk ihren Abschluss fand“ [Kaelble 208], zumal eines der Ornamente noch gar nicht abschließend bearbeitet worden ist [ebd.]! So muss Schütte mit Einschätzungen leben, die er unbedingt bannen wollte: Die tatsächlich gut vergleichbaren Ornamentsteine werden um 750, um 850 wie auch um 980 eingeordnet, als langobardisch, karolingisch oder ottonisch! Auf solchen Scheinfüßchen ruht die Karolingisierung des ersten Westbaus von St. Pantaleon …

Die Erweiterung der Kirche im Westen, Phase 5

Einer Phase 5 werden von Schütte Bauteile westlich des Westbaus zugeordnet. Sie ist allerdings nur eine Pseudophase, weil sie „nicht unbedingt chronologisch begründet ist“ [S. 102] und steht somit im Widerspruch zu allen anderen Phasen. Offensichtlich sollte die Merowinger-/Karolingerzeit gleich drei Phasen erhalten, um sie eindrucksvoller zu belegen. Insofern ist diese Phase 5 ein Teil von Schüttes Phase 4; es wird sich abzeichnen, dass zumindest Teile zu Phase 3 gehören.

Seit den 50er Jahren kennt man westlich des Westbaus einen Zentralbau, dessen Grundriss in Form eines Kreuzkonchenoktogons laut Mühlberg „ spätantiken Baptisterien glich“ [S. 103]. Gleichwohl ist der ungefähr 12 m in Länge und Breite messende Bau von Fußbroich als ottonisches Mausoleum für Erzbischof Bruno gesehen worden. Dem widerspricht Schütte [S. 105] zu Recht. Warum aber wäre dieser Bau wie die gesamte Pseudophase 5 karolingisch?

In ottonischer Zeit angelegte Gräber oberhalb seiner Fundamente schließen bereits Fußbroichs ottonischen Bau aus. In den entscheidenden Schichten wurde fast ausschließlich „karolingische“ Keramik gefunden: Waren mit Rollstempelverzierung „sowie frühe Badorfer Amphoren mit Bandauflagen machen dies genauso deutlich wie ein Glasfragment, das noch in merowingischer Tradition steht“ [S. 105].

Wir erinnern uns, dass Badorfer Keramik keineswegs automatisch für Karolingerzeit spricht, sondern nur dank entsprechender Fundgruppierung [Niemitz]. Und die zum Vergleich herangezogenen norditalienischen Baptisterien aus Novara, Como und Lomello sind spätantik [S. 105], auf jeden Fall nicht karolingisch, wie Schütte extra in einer Fußnote klarstellt:

„Fried Mühlberg hingegen erkannte, dass sämtliche Parallelen des Bauwerks Baptisterien waren, die auch noch zeitlich früher anzusetzen waren“ [S. 108].

Lomello wird ins 7. Jh. datiert, Novara ins 5. Jh., Como ins 4./5. Jh., das vergleichbare Kreuzkonchenoktogon von Albenga ebenfalls ins 5. Jh., das ganz ähnlich geformte Baptisterium der Arianer zu Ravenna auf Ende 5./Anfang 6. Jh. – da liegt der Schluss nahe, dass in Köln ein Baptisterium des 6. oder gar des 5. Jh. gefunden worden sein könnte (dieser Schluss ist nicht aufregend, weil für Kölns Alten Dom gleichfalls ein Baptisterium des 6. Jh. nachgewiesen ist [wikipedia]). Nachdem St. Pantaleon ab 360 als Kirchenbau besteht und dann 340 Jahre lang – trotz rasch fortschreitender Christianisierung – ohne Ausbau oder Umbau geblieben sein soll, ließe sich mit Fug und Recht auf einen ergänzenden Merowingerbau schließen, zumal die Mauern zwischen Kirche und Baptisterium erhofft, nicht nachgewiesen sind (s.u.). Das dort gefundene Glasfragment in merowingischer Tradition (s.o.) kann diese Umdatierung nur stützen. So hätten wir hier eine dritte Möglichkeit: nach Fußbroichs und v. Schönfelds ottonischem Zentralbau aus der Zeit nach 965 [SdR 101] und Schüttes karolingischem Baptisterium aus dem 9. Jh. jetzt ein merowingisches Baptisterium vor 614!

Schüttes Pläne zeigen das Baptisterium eingebunden in vier lange Mauern, die er als Fundamente zweier Atrien östlich und westlich des Baptisteriums interpretiert, ganz im Westen mit einem Stirnbau abgeschlossen. So schön die Pläne sind, so zeigen ihre feinen Strichelungen, dass die Verbindungsmauern zwischen Westbau und Baptisterium reine Mutmaßung sind und dass westlich des Baptisteriums nur zwei kurze Mauern die Richtung weisen. Von dem vermuteten und bereits eingezeichneten Torbau fehlt noch jede Spur [S. 105, 108]. Gleichwohl konnte Schütte [S. 68 f.] der Versuchung nicht widerstehen, diesen über 60 m langen Trakt genauso einzufärben wie die nachgewiesenen Bauteile der Kirche und ihm damit voreilig Realität zu verleihen.

Trotz zweifelhafter Datierung und viel Phantasie auf Papier weiß Schütte über sein karolingisches St. Pantaleon zu berichten:

„Dieser Bau ist keineswegs bescheiden, sondern stellt ein bedeutendes Bauensemble der Karolingerzeit dar, das in Köln, soweit wir bisher wissen, nur vom Dom übertroffen wurde“ [S. 105 f.].

Die zugehörige, nach „Karolingerzeit“ gesetzte Fußnote 8 ist in seiner Formulierung höchst elegant und ähnlich einzuschätzen wie etwa der Begriff ‚Nullwachstum‘:

„Der archäologische Forschungsstand in Köln für die Karolingerzeit ist derzeit noch defizitär“ [S. 108].

Genau so ist es, trotz der Riesengrabung am Heumarkt, trotz der Ausgrabung am Quartermarkt und trotz der laufenden U-Bahn-Ausschachtungen in der Altstadt! „Noch defizitär“ – was für ein Euphemismus.

Ohne ein karolingisches St. Pantaleon wäre das frühmittelalterliche Köln geradezu hochdefizitär. Gleichwohl kommt es Schütte gar nicht in den Sinn, Kölns dark age im frühen Mittelalter bestätigen. Er sieht dagegen zwei kleinere dark ages: das erste in der Völkerwanderungszeit; der Begriff

„lässt sich sehr gut auch für die [knapp fünf; S. 107] Jahrzehnte nach dem Wikingereinfall 881 in Köln verwenden. Besonders irreguläre Bestattungen im Stadtgebiet und ausgedehnte Schichten von Humus deuten auf einen Bevölkerungsrückgang und sehr schwierige Zeiten hin“ [S. 108].

Westbau II (Phase 6)

Weil die schriftlichen Quellen zwischen 866 und 955 für St. Pantaleon schweigen, ist glücklicherweise niemand auf die Idee gekommen, den zweiten Westbau auch noch den Karolingern zuzuschlagen. Er war erheblich breiter und tiefer als der frühere; außerdem wurde er 9,20 m weiter westlich errichtet. Deshalb musste er mit dem bisherigen, laut Schütte karolingischen, doch eigentlich spätantikem Langhaus verbunden werden:

„Man errichtete die Längsschiffwände im Stil der Karolingerzeit und führte sie nach Westen im Bereich des ehemaligen Westwerks A weiter, wobei man sowohl die äußere, als auch die innere Gliederung mit Doppellisenen unverändert übernahm. Das spricht dafür, dass man sich der Tradition des Ortes bewusst war“ [S. 111; Hvhg. H.I.].

Dieser unterstellte Traditionsgeist führte sogar dazu, dass für den neuen Chorraum „die Lisenengliederung der Innenwände“ übernommen worden ist [S. 110]. Dabei tritt dieses architektonische Gliederungselement – schwach hervortretende Wandverstärkungen respektive schmale, der Wand ohne Basis und Kapitell vorgelagerte Pfeiler – nach Wikipedia-Meinung erst am ersten Speyrer Bau auf, also ab 1030 [wikipedia – Lisene]. Das ist veraltete Ansicht, treten sie doch tatsächlich etwas früher auf, beispielsweise auch an dem nach 965 begonnenen, aber längst zerstörten Westbau von St. Patrokli in Soest [SdR 101]. Da aber von karolingischen Lisenen noch nirgends die Rede war, fährt Schütte mit ihnen den zweiten Guinnessbuchrekord ein. Er selbst zögert mit der Verkündung dieses Rekordes, weil er genau weiß, dass sein Wandschmuck eher 150 als 100 Jahre zu früh kommt. In seiner Not nennt er zwei Mailänder Vergleichskirchen, doch beide mit spätantikem Ursprung [S. 100, 102].

Stoßen wir dank Schütte obendrein auf den frühesten Bau Deutschlands, der bewusst in einem älteren Stil ausgeführt worden wäre? Hätte die Ottonik den karolingischen Rinascita-Gedanken unverändert weitergetragen? Der Gedanke erscheint abwegig, wenn man an Glastonbury und seine Architekturfälschungen des 12./13. Jh. denkt [Illig 2006], denn sie wurden aus einer ganz anderen Geisteshaltung heraus viel später produziert. Aber wir kennen bereits zwei, drei französische Beispiele für Karolingerkopien in späterer Zeit [Illig 1996, 301], doch sie sind demselben Denkfehler geschuldet, den Schütte hier begeht. Es gibt dafür also keinen weiteren Guinnessbuchrekord.

Nachdem also die Lisenen-Gestaltung eindeutig nachkarolingisch ist, halten wir uns besser an die Vertreter der ottonisch orientierten Vor-Schütte- Zeit. D. v. Schönfeld bezieht das Testament von Bruno (964) und das urkundliche Weihedatum 980 auf den ersten Westbau, wobei sie betont, dass im Langschiff (heute im Dachraum) die

„noch sichtbaren Außenwände durch etwa 1,50 m breite, gestufte Lisenen gegliedert [sind]. An Innenwänden schmalere, nicht gestufte Lisenen durch einfache Blendbögen verbunden“ [SdR 180].

Das ist Schüttes karolingische Phase 4. In der nachfolgenden Phase 6 stimmt v. Schönfeld mit Schütte überein:

„Im Westen angefügte, den Saal um 9,22 m verlängernde Seitenwände weisen breitere Fundamentierung auf [...]; ihre aufgehenden Teile zeigen innen und außen dieselbe Gliederung wie ältere Saalwände [...] Aufgehendes der Apsis zeigt innen in Mauerwerk eingebundene Wandpfeiler, außen Reste einer zweizonigen Pilaster-Lisenen-Gliederung“ [SdR 181].

Gerade, weil die Phasen 4 und 6 in der Gestaltung so ähnlich sind, konnte v. Schönfeld für zwei ottonische Bauwerke in rascher Folge plädieren, obwohl sie durch die Urkunden nur ungenügend gestützt wird. Zwar hat sie für Bau I das Weihedatum 980, doch der zweite Bau bleibt ohne urkundliche Nennung, was allerdings auch bei anderen, größeren Kirchenbauten des Mittelalters zutrifft [Illig 1996, 289 f.]. Seit Fußbroich wird angenommen, dass die Schenkung der Albinus-Reliquien durch Kaiserin Theophanu, die für 984 angenommen wird, „erneut Bauaktivitäten ausgelöst hat“ [SdR 101].

„Aufgrund dieser Anhaltspunkte wird eine Entstehung von Bau II nach 984 erwogen und seine Fertigstellung um die Jahrtausendwende vermutet“ [SdR 102].

In der Literatur werden dazu die Vollendungsdaten 996 oder 1002 genannt [ebd.]. Notabene: Es versteht sich,

„daß der hier diskutierte zweite Westbau von St. Pantaleon in Köln in der Forschungsliteratur einstimmig als ‚Reduktion‘ des Corveyer Bauprogrammes beurteilt wird. Dabei wird neben weiteren Aspekten besonders der ‚Verzicht‘ auf ein gewölbtes, stützendurchstelltes Erdgeschoss hervorgehoben“ [SdR 104].

Gerhard Anwander [2007] hat im letzten Heft klargestellt, dass all diese Reduktionen, Amputationen, Degenerationen sich erledigen, wenn das „karolingische Westwerk“ aus der Kunstgeschichte verschwindet.

Änderung der Bauweise

Unser Interesse gilt seit Aachen dem bei mittelalterlichen Bauten verwendeten Mörtel. Das Lapidarium von St. Pantaleon bewahrt Reste eines Mosaik-Fußbodens, der mit zum Teil antiken Steinen in opus sectile-Technik ausgeführt worden ist und Reparaturen zeigt. Weil sie „im Gegensatz zum älteren, grauen Verlegemörtel mit rotem Ziegelsplittmörtel ausgeführt sind“, geben sie für Schütte einen deutlichen Hinweis auf eine „karolingische” Reparaturphase [S. 100]. Wir wissen, dass in Aachens Pfalzkapelle derselbe Mörtel gefunden worden ist, ebenso beim Bau VII des Kölner Doms [vgl. Illig 2002]. Gerade dort zeigte es sich, dass alle noch erhaltenen Mauern anfangs in grauem Kalkmörtel und erst dann in Ziegelsplittmörtel hochgezogen worden sind, wobei der rote Mörtel nicht in gleicher Höhe bei allen Mauern einsetzt [Illig 2002, 148]. Je nach Datierungsvorgabe kann also der rote Mörtel Signalgeber für Karolinger oder Ottonen sein.

Bei dem Mosaik-Boden konnte Schütte nicht davon ausgehen, dass ihn noch die Römer repariert hätten. Er hätte den roten Mörtel gerne als „karolingisch“ eingestuft, aber kennt die Grenzen des Mörtels:

„Mit Ziegelsplittmörtel allein lässt sich indes keine Datierung begründen, da dieser selbst noch in salischer Zeit vorkommt, doch ist im hiesigen Kontext diese Mörtelart wohl auf die Karolingerzeit beschränkt, wo er [recte: sie] sehr punktuell neben anderen (ziegelsplittfreien Mörteln) Verwendung fand” [S. 102].

Nachdem ich das Aachener Oktogon der Salierzeit zugewiesen habe [Illig 1996, 298], braucht es nicht zu verwundern, dass dort roter Mörtel gefunden worden ist. Warum die Karolinger die beste Mörtelart nur punktuell verwendet hätten, erklärt sich u.a. daraus, dass Bauten aus ganz unterschiedlichen Zeiten den Karolingern zugeschrieben worden sind.

Als die Langschiffwände für den neuen, in jedem Fall ottonischen Westbau B verlängert wurden, hat man zwar – sicher aus Ehrfurcht, nicht aus Einfallslosigkeit! – im karolingischen Stil weitergebaut, aber drei Änderungen vorgenommen. Zunächst wurde ein anderer Mörtel benutzt – doch Schütte [111] verrät nicht, von wo nach wo gewechselt worden ist. Zweitens wurden andere Steinformate verwendet, mit denen „deutlich exakter“ als mit den karolingischen gearbeitet wurde [S. 111]. Dies ist einer der wenigen Hinweise darauf, dass die karolingische Kunst der ottonischen unterlegen gewesen sein könnte. Ansonsten legt Schütte stets Wert darauf, dass die Karolinger obsie gen. So mag der neue Westbau viel größer ausgefallen sein, doch der ältere „war allerdings deutlich feiner gegliedert“ [S. 114]. Auch die noch anzusprechenden karolingischen Plastikreste standen qualitativ weit über den ottonischen…

Drittens kam nun eine abweichende Gerüsttechnik zum Einsatz. Während die älteren Mauer regelmäßige Reihen von Gerüstlöchern für Rundhölzer von ca. 10 cm Stärke aufweisen, benötigt die spätere Phase keine Gerüstlöcher mehr [S. 113 f.], weshalb es für sie mangels abgesägter Gerüstreste auch keine C14-Datierungen mehr gibt. Nachdem die Lisenen-Gliederung am Speyrer Dom im Zusammenhang mit dem Einsatz oberitalienischer Handwerker (Comasken) gesehen wird, ließe sich daran denken, dass ihr Auftreten bereits vor 1000 erfolgt ist [vgl. Illig 1996, 455].

Folgephasen

Ein letzte Diskrepanz ergibt sich dadurch, dass Schütte noch einen Umbau des zweiten zum dritten Westbau beschreibt, der noch innerhalb des 10. Jh. stattgefunden haben soll, wobei der Westbau außen mit Lisenen, Pilastern und Bogenfriesen gegliedert wird. Schütte sieht eine Umgestaltung des Westbaus zu einem Memorialbau der Kaiserin, der noch vor ihrem Tod (991) abgeschlossen worden sein soll [S. 115 f., 127 f.]. D. v. Schönfeld nennt diesen Umbau nicht; bei ihr müsste er im 11. Jh. erfolgt sein, doch wirkt Schüttes Nachweis – verschiedene separate Eingriffe – ohnehin nicht zwingend. Bereits im 12. Jh. sei dann dieses einmalige Beispiel eines überhöhten Kaiser(innen)grabs vom Kirchenschiff abgetrennt worden, so dass der Memorialbau nicht mehr zu erkennen war. Obendrein wurde die Grablege der Theophanu versetzt [S. 128 f.]. Die Zeit der Ottonen war längst vorüber.

Einigkeit besteht darin, dass das Kirchenschiff nach 1000 weiterhin in der von Schütte als karolingisch, von den Kennern als ottonisch gesehenen Wandgliederung besteht. Erst im 12. Jh. werden Seitenschiffe angebaut und Verbindungsarkaden zum Mittelschiff gebrochen. Außerdem werden Kreuzgang und Konventgebäude neu errichtet; nur „das älteste repräsentative Zeugnis abendländischer Klosterarchitektur“ mit seinen sechs ottonischen Bögen bleibt erhalten [S. 130 f.]. Damals wird der Kreuzgang mit „antikem ‚Wasserleitungsmarmor‘“ gepflastert [S. 133]. Schütte meint hier wohl Kalksinter aus den römischen Wasserleitungen, die nach ihrem Verfall demontiert und wiederverwendet worden sind. Dieser Kalksinter ist in vielen Kirchen Kölns benutzt, aber auch exportiert worden. Wir sind ihm in St. Georg zu Köln begegnet, wo er in einer hochromanischen Kirche dafür zeugt, dass Fomenkos Ideen unvereinbar sind mit den materiellen Befunden [vgl. Illig 1997; 2007].

„Ottonische“ Bauplastik

Wir haben gehört, dass laut Schütte noch im 10. Jh., noch vor Theophanus Tod der Westbau neuerlich umgeformt worden sei. Die untypisch große Vorhalle des Westbaus wurde im 18. Jh. abgebrochen; deshalb muss sie mühsam aus Skulpturenresten, Bildvorlagen und archäologischen Indizien rekonstruiert werden. Vorgelegt wird von Schütte [S. 118] eine Fassadenrekonstruktion, die im ersten Geschoss zu Seiten des Portals zwei Nischen, im zweiten Geschoss drei und im dritten Geschoss vier Nischen zeigt.

Nun gibt es zwölf Figurenfragmente, die Rudolf Wesenberg bereits 1955 dieser Westfassade zugewiesen hat. Schütte publiziert sie nach seiner Aussage erstmals vollständig. Sie waren etwa lebensgroß, ca. 170 bis 180 cm hoch und 60 bis 65 cm breit – noch größer war die sitzende Majestas Domini mit ca. 2,20 m [S. 123]. Erhalten sind drei bärtige Männerköpfe, 36 bis 43 cm hoch, ein großes Fragment einer barfüßigen Gewandfigur, drei Flügelfragmente, Hände, Füße und Gewandreste.

1977 machte Matthias Untermann einen Rekonstruktionsvorschlag, der nun von Schütte gründlich überarbeitet worden ist, wobei er als erster ein bislang verborgenes Programm erkennt:

„Das Programm ist als monumentale Zurschaustellung ostentativer Jenseitsvorsorge zu sehen. Fünf Heilige leisten bei Christus [der von drei Engeln umgeben wird; H.I.] Fürbitte für das Kaiserhaus. Direkt dahinter liegt im Inneren die Grabstätte der Theophanu (gestorben 991). Der Umbau des Westwerks zu Bau V [recte: VII; H.I.] kann nur als späte ottonische Propaganda gesehen werden“ [S. 127].

Übergehen wir die rustikale Interpretation christlicher Sichtweise, sondern hören wir die Zusammenfassung Schüttes [126 f.; Hvhg. H.I.]:

„Das Programm von fünf fürbittenden Heiligen unter einer von Engeln umrahmten Majestas ist ohne direktes Vorbild und blieb ohne unmittelbare Nachfolge. Die Figuren von St. Pantaleon bilden den frühesten erhaltenen Monumentalskulpturenzyklus in Europa nach der Antike.“

Der erste Satz klingt genau so wie eine Würdigung der Aachener Pfalzkapelle: meisterlich, aber ohne Vorläufer und ohne direkte Nachfolger – also extrem unwahrscheinlich. Doch mit dem zweiten Satz reklamiert Schütte seinen dritten Guinnessbuchrekord. Deshalb wollen wir seine Datierung der Skulpturen auf das späte 10. Jh. überprüfen.

Soweit das erkennbar ist, klammert sich Schütte für die Bauplastik an seine Datierung des Umbaus zum dritten Westbau, den er vor dem Tod der Theophanu abgeschlossen sieht. Diese für Bauplastik revolutionäre Datierung will nun unterfüttert werden. Logischerweise müsste, wer von einem Monu mentalskulpturzyklus spricht, Vergleiche mit anderen derartigen Zyklen anstellen. Doch die damit befassten Kunstkenner denken – mangels Vergleichbarem – seit langem anders. Hermann Fillitz zog Vergleiche mit der so genannten „Magdeburger Gruppe“ von Elfenbeinen, die um 970/80 in Mailand entstanden waren [S. 125]. Schütte sähe gerne Parallelen auch zu anderen Elfenbeinen. Günther Binding und Matthias Untermann assoziierten statt dessen antike Skulpturen, was aber verworfen wurde [ebd.]. Auch die Gruppe der hölzernen Großkreuze, voran das ähnlich datierte Kölner Gerokreuz, wird nicht weiter beachtet [S. 125 f.]. Schließlich zieht Schütte [127] doch noch einen arg humpelnden Vergleich mit anderen, ähnlich großen Plastiken: „Vorstufen mögen im Baldachin des Ziboriums von S. Ambrogio in Mailand zu sehen sein.“ Hier wird ein heikler Zeuge aufgerufen, denn die Stuck-, keineswegs Steinarbeiten werden – passend für Schütte – dem Ende des 10. Jh. zugeschrieben, doch von anderen genauso dem 12. Jh. [z.B. Baumgart 35; im Internet finden sich darüber Streitigkeiten]. Im Bemühen um seine Guinnessbuchrekorde gerät Schütte mit möglicherweise zu jungem Stuck auf schwankenden Boden, statt seine Thesen zu fundieren.

So bleibt es bei seiner Datierung für diesen Umbau, als ob es zwingend wäre, dass seine Nischen schon damals für diese Skulpturen entworfen worden wären. Was spräche gegen eine Aufstellung im 12. Jh.? Schütte stellt diese Frage nicht.

Ottonische Plastik

So empfiehlt es sich, beim ‘Begründer’ der ottonischen Kunst nachzufragen, bei Hans Jantzen. Der schrieb 1947 als erster einen Band über Ottonische Kunst, der 1959 in rowohlts deutscher enzyklopädie erschienen ist. In ihm beschränkt er diese vorromanische Kunst nicht auf die Zeit der Ottonen:

„Die große Zäsur in der deutschen Kunstgeschichte des 11. Jahrhunderts liegt nicht zwischen dem Ottonischen und ‹Salischen›, sondern fällt in die Zeit Heinrichs IV. Sie schneidet mitten durch das ‹Salische› hindurch [Jantzen 58].

Vielmehr sieht er die Grenze beim Beginn des Investiturstreits, bei 1070, wo in den romanischen Ländern die premier art roman endigt [ebd. 59]. (Warum für Deutschland eine irreführende kaiserliche Benennung erfunden werden musste, obwohl die Epoche nicht mit den Ottonen endet, bleibt dunkel.) Doch obwohl Jantzens Blick fast 50 Jahre über das Ende der sächsischen Kaiser hinausreicht, kommt ihm keine Monumentalplastik zu Gesicht, nur Architektur, Malerei und Kleinplastik. Ihn nimmt das nicht wunder:

„In der Tat kennen wir keine karolingische Monumentalskulptur, nicht etwa, weil die Denkmäler verlorengegangen wären, sondern weil die abendländische Frühzeit in der Eroberung der menschlichen Figur nicht von großfigurigen Bildwerken, sondern von Malerei, Elfenbeinschnitzereien und Goldschmiedekunst ihren Ausgang nahm. Das Gebiet großfiguriger Bildnerei ist den germanischen Völkern von den Ursprüngen her fremd. [...] Auch die ottonische Skulptur kann diese Herkunft von der Kleinkunst nicht verleugnen, obwohl bereits bedeutende Ansätze zur großen Bildwerkkunst sich abzeichnen“ [Jantzen 115].

Nun könnte ein Jantzen, der die karolingischen Schriften nicht ernst nimmt, auch sonst hoffnungslos veraltet sein. Aber wenn ich einen jüngeren Band zur Hand nehme – Romanik von Rolf Toman [1996] – , dann finde ich zwar viel Plastik quer durch Europa, aber keine einzige nennenswerte Bauplastik vor 1070. Der Reigen an Steinplastik wird eröffnet – „nach Jahrhunderten plastischer Abstinenz“ [Brandt 304] – mit ganz primitiven Kapitellen an der ‘Krypta’ von St-Benigne in Dijon (ab 1000) und dem Türsturzrelief von St-Genies-des-Fontaines, einem Relief mit unbeholfenen ‘Birnenköpfen’, das dank der Inschrift auf 1019/20 datiert wird [ebd. 258; vgl. Illig 1996, 199]. Auch die Arbeiten von Tournus, zwischen 1025 und 1050 angesetzt [ebd. 258], sind nur unbeholfene Reliefs. Die ersten einigermaßen plastischen, doch arg plumpen Konsolfiguren zeigen sich am Giebel von San Martin in Frómista (Provinz Palenzia, 1066–1100) [ebd. 257]. Sauber, vollrund gearbeitete Köpfe wie die von St. Pantaleon werden durchgehend ins 12. Jh. datiert. Eine Ausnahme mögen die berühmten Kapitelle von Cluny bilden [Zarnecki Abb. 82], die auf 1095 und damit vielleicht zu früh datiert werden, aber keineswegs monumentale Züge tragen.

Monumentalskulptur tritt auch erst jetzt auf: in den ersten Tympana über Hauptportalen wie dem von Saint-Sernin in Toulouse (vor 1118) [ebd., 259], als noch sehr steife Pfeilerreliefs im Kreuzgang zu Moissac (1100) [ebd., 262], als Nischenfiguren ähnlich jenen von St. Pantaleon etwa in Notre-Dame-la-Grande zu Poitiers um die Mitte des 12. Jh. [ebd., 269]. In Deutschland hinkt die Bauplastik ohnehin hinterher.

„Zwar fehlte die Bauplastik an den ottonischen Bauwerken nicht völlig, doch sie beschränkte sich im großen ganzen meist auf ornamentierte, nicht figürliche Kapitelle“ [Zarnecki 54].

Die Kreuzabnahme an den Externsteinen dürfte bei uns das älteste Monumentalrelief sein; es zeigt auch bärtige Männerköpfe [ebd. 313] und wird dem ersten Viertel des 12. Jh. zugerechnet.

Da der Griff zu anderen Standardwerken nichts anderes zutage fördert, lässt sich festhalten: Wer einen qualitätvollen Monumentalskulpturenzyklus mit lebensgroßen Steinfiguren für die Zeit von 1060–1090 präsentieren könnte, der würde zu Recht die Welt erstaunen, aber vielleicht Furore machen. Wer einen solchen für die Zeit von 960–990 vorstellt, macht sich nur lächerlich. Zumal, wenn er wie Schütte kein einziges steinernes Vergleichsobjekt heranzieht, sondern das Schnitzen kleiner Elfenbeinplatten oder von Stuck für adäquat hält. Hier hat sich Sven Schütte besonders gründlich ins Abseits gestellt.

Ein polemisches Wort noch zum Gerokreuz, das Schütte [S. 126] nicht heranziehen wollte. In dieser Zeitschrift wird laufend das hartnäckige Bemühen protokolliert, hölzerne Großkreuze bis in karolingische Zeiten zurückzudatieren [etwa Illig 2005]. Gegenwärtig geschieht dies, indem bislang zweifelsfrei der Romanik zugerechnete Kruzifixe mit Hilfe von nicht nachprüfbaren C14-Messungen veraltet werden. Ausgelöst wurde diese Modeerscheinung durch knappe Hinweise in frühen Schriften auf derartige Großskulpturen. Doch statt zu konstatieren, dass ein Fälscher des 12. Jh. eben große Skulptur wie selbstverständlich vor Augen hatte und sie anachronistischerweise in die Karolingerzeit projizierte, werden mit einer Beharrlichkeit, die jeder besseren Sache wert wäre, Groß- wie Kleinkreuze veraltet – bei letzteren ist Christian Beutler [1991] mit einer Umdatierung von ca. 1200 ins 6. Jh. seit langem unbestrittener Spitzenreiter. Bei den Großkreuzen liegt die Crux daran, dass im Kölner Dom das so genannte Gerokreuz hängt, das ‘zwangsläufig’ zu Lebzeiten von Bischof Gero (969–976) entstanden sein muss. Durch diese von mir unterstellte Fehlzuschreibung gilt es als „der älteste Monumentalkruzifix des Abendlandes“ – und keiner begreift, warum die ottonischen Holzbildhauer zwar mit den Elfenbeinschnitzern gleichauf waren, während die Steinmetze ‘nebenan’ noch drei bis vier Generationen benötigten, um derartige Figuren formen zu können. Für Großkreuze muss dringend eine stringente Reihung ohne C14-Daten erstellt werden. (Elfenbeinarbeiten können bei der Gelegenheit gleich mitgeprüft werden, stellt doch Dorothea Hochkirchen in anderem Zusammenhang Vergleiche mit dem Elfenbeinschmuck des Lorscher Evangeliars an: Er wird um 810 datiert [H. 153], während wir von Gert Zeising [1999] den Nachweis zumindest für die Bildmalereien haben: nach dem Gero-Codex von ca. 970!)

„Karolingische“ Bauplastik

Citius, altius, fortius – dieses olympische Motto lässt auch Bauarchäologen nicht kalt. Und so übertrifft Schütte sich selbst, indem er und Hochkirchen zwei Fragmente von Bauskulpturen mit dem Anspruch vorstellen: „Sie sind momentan die ersten steinernen Monumentalskulpturen der Karolingerzeit, die wir kennen“ [S. 98].

Es handelt sich um das Flügelbruchstück von einem „Engel in Unterlebensgröße“ – (als könnte dies einer von uns beurteilen) – und um das Frag ment eines gerippten Drachenleibes mit Flügelansatz. Beide Stücke sind um die 25 cm groß [H. 149]. Warum gehören diese beiden Flügelreste aus dem Lapidarium nicht zu den pseudo-ottonischen Fragmenten, die auf der Westempore der Kirche ausgestellt werden? Die Antwort kommt gewissermaßen vom Steinmetz: Diese beiden Skulpturenreste sind mit einem so genannten Zahneisen bearbeitet worden, das eine gezähnte Schneide besaß.

„Die Abdrücke der einzelnen Zähne sind heute noch deutlich an denjenigen Stellen des Reliefs zu erkennen, die nicht durch zusätzliche Arbeitsgänge geglättet wurden“ [H. 149].

Der Vorteil dieses Werkzeugs liegt darin, dass gleichzeitig überschüssiges Steinmaterial beseitigt und eine diffizile Form ausmodelliert werden kann. Die Zähne verhindern, dass unerwünscht große Steinstücke abplatzen [H. 157]. Weil das Zahneisen zeitweilig in Vergessenheit geraten sein soll, wird seine Verwendung als Datierungshinweis gewertet.

„Das mit einer gezähnten Schneide versehene Zahneisen bildet von der Römerzeit bis zur Karolingerzeit das für Bildhauer- und diffizile Steinmetzarbeiten bevorzugte – weil ideale – Werkzeug. Die Steinbearbeitung mit gezähnten Werkzeugen ist typisch für die römische, merowingische und die frühere karolingische Zeit. In spätkarolingischer, ottonischer und salischer Zeit ist dieses Werkzeug im deutschsprachigen Raum an sicher datierten Bauten bislang nicht nachgewiesen. Im 9. Jahrhundert wird die Zahnfläche und das Zahneisen am häufigsten an Bauwerken der 1. Hälfte des 9. Jahrhunderts eingesetzt. Hiebspuren gezähnter Werkzeuge kommen [in] nachkarolingischer Zeit erstmals wieder in der frühen Stauferzeit, etwa ab 1130 vor, z.B. an den Ostteilen des Wormser Domes“ [H. 151; ähnlich 161]. „In Köln setzte der Gebrauch gezähnter Werkzeuge nach karolingischer Zeit erst wieder um 1260 massiv ein, z.B. an der aus Kalkstein hergestellten Piscina im Ostchor des Domes“ [H. 157].

Das wirkt wie ein präziser, harter Befund. Doch wie soll man sich das vorstellen? Wieso legt eine ganze Handwerkszunft ihr ideales Werkzeug entschlossen zur Seite, um es nach 300, in Köln nach rund 430 Jahren wieder in die Hand zu nehmen? Weigerten sich die Schmiede, einen derart effizienten Meißel weiterhin herzustellen, durften Leistungsnormen nicht mehr überboten werden, gab es neue Arbeitsschutzvorschriften oder ein persönliches Kapitular von Karl d. Gr.? Bislang war derart irrationales Handeln meisterlicher Handwerker nur aus dem Alten Ägypten bekannt. Nachdem es dort massiv auf die Chronologie durchschlug, gilt es auch im Mittelalter, sie neuerlich zu prüfen.

(En passant: Wenn Hochkirchen [H. 161] das Zahneisen allemal bis 850 in Verwendung bleiben lässt, dann bleibt ihr – in so genannter spätkarolingischer Zeit – außer Corvey praktisch kein Bau zur Untersuchung – doch gerade der dürfte nicht karolingisch sein.)

Nahe liegender Schluss wäre: Das Zahneisen ist zusammen mit der spätrömischen Baukunst ausgestorben und wurde erst wieder nach 1100 erfunden. Dann müssten die Karolinger ihr Idealwerkzeug, das sogar die dark ages der Völkerwanderungszeit überlebt hat, nicht mitten in der Arbeit weglegen, und die Flügelfragmente wären nicht karolingisch, sondern romanisch. Erlaubt ihre Qualität eine solche Datierung?

„In ihrer einzigartigen künstlerischen und handwerklichen Qualität übertreffen die karolingischen Skulpturen bei weitem ihre ebenfalls singulären spätottonischen Nachfolgereliefs, die bisher als die älteste steinerne Monumentalplastik des Abendlandes galten“ [H. 156].

Vergleiche mit anderen Karolingerplastiken sind mangels Masse leider nicht möglich. Gleichwohl wäre wieder einmal bewiesen, dass die Karolingerzeit in künstlerischer Hinsicht ein Nonplusultra darstellte, von dem es nur bergab gehen konnte. Ein simpler Gedanke wie der, dass die Qualität von Steinmetzarbeiten von der Vorromanik über Frühromanik und Hochromanik ansteigt, um sich dann in Manierismen zu verlieren, verblasst vor der Übermächtigkeit des Karolingischen.

Für Schüttes pseudo-ottonischen Skulpturen als älteste des Abendlandes lässt sich nur bedauernd sagen: Wie gewonnen, so zerronnen. Aber besser wenige Stunden lang Spitzenreiter bei Guinness als nie. Zusätzlich geht der vierte Guinnessbuchrekord an die beiden „karolingischen“ Flügelfragmente.

Doch es geht munter weiter. Wie dem Buch auf S. 7 vorangestellt, erreichte dank der langen Druckverzögerung bereits der nächste Titelträger das Ziel und das hier besprochene Buch: In der Kathedrale von Lichfield kamen drei Fragmente zu Tage, die einen 65 cm hohen Engel zeigen, wohl einen Verkündigungsengel, dem (noch) die Maria fehlt. Er wird dem späten 8. Jh. zugeordnet und wurde nach den Wikingerangriffen von 873/74 rituell bestattet – so der Archäologe Warwick Rodwell [H. 156]. Deshalb lautet der aktuelle Bucheintrag für Engel und Drache:

„Sie gehören zu den bislang ältesten bekannten monumentalen Steinskulpturen, die seit der römischen Antike im mittelalterlichen Abendland geschaffen wurden“ [H. 157].

Eines scheint sicher: Demnächst wird es in der Kategorie „älteste Plastik des Mittelalters“ neue Titelaspiranten geben.

In Köln aber bahnen sich weitere mächtige Umwälzungen, also Revolutionen an. Dorothea Hochkirchen prüft Meißelspuren am Alten Dom von Köln. Da sie auch an seinen Überresten – es gibt dank der stark erhöhten Grundflä che des gotischen Doms und dank der Hanglage noch meterhohe Mauerreste – Zahneisenspuren gefunden hat, scheint der Jahrzehnte lange Datierungsstreit entschieden: Dieser Bau ist keineswegs ottonisch, er ist auch nicht karolingisch aus der Zeit um 850/70, wie es Georg Hauser und Werner Jacobsen 1991 vertreten haben, sondern soll nun eine Frühestdatierung erhalten [H. 157]. Hochkirchen bringt das in ihrer Fußnote 11 noch ganz vorsichtig – „deuten auf eine Bauzeit des Alten Domes um ca. 800 hin“ –, weil ihre einschlägige Untersuchung der Steinbearbeitung karolingischer Bauten des 9. Jh. noch nicht abgeschlossen ist [Fnr. 7, S. 157], doch in ihrem Text steht bereits klar und ohne Zweifel: Reste „des um 800 errichteten Alten Doms“ [H. 152].

Wenn die Ergebnisse ohnehin feststehen, braucht es keine langen Begründungen mehr. Wir kennen das bereits von Schütte, der pünktlich zum Jahr 2000 und zur Aachener Ausstellung Krönungen den Ottothron in einen Karlsthron rückverwandelte, obwohl die versprochene Begründung bis heute aussteht.

Wir haben bis dahin wohl noch lange Zeit, uns die Konsequenzen zu überlegen, die sich aus der Zahneisenbenutzung an Sockelsteinen des Kölner Dombaus VII ergäben. Gab es noch einen zahneisengerechten Bau vor dem gotischen Bau (ab 1248), denn römisch kann er nicht sein? Wäre er also tatsächlich karolingisch – oder ist das Zahneisen gar nicht zeitweise ausgestorben, sondern wurde nur von den Handwerkern gebraucht, die es als ideal einschätzten? Das wäre der zweite Schluss, wenn der naheliegende von S. 363 nicht zutrifft. Für St. Pantaleon werden wir bald beobachten können, wie begeistert die Kollegen des ‘Veraltungstriumvirats’dessen Umstürze begrüßen oder ablehnen werden. Noch ist alles offen.

Abgesang

Sven Schütte kämpft seit 1999 so engagiert wie kein anderer Wissenschaftler gegen das erfundene Mittelalter. Dass er dabei gelegentlich weit übers Ziel hinausschießt, wird ihm von seinen Kollegen wohl vergeben, geht es doch um eine Angelegenheit von europäischem Rang. Und jede Kampfpartei benötigt einen bad guy, von dem sich der weiße Ritter vorteilhaft abheben kann. Diese Rolle spielt er so gut, dass man sie als ihm eigenen Charakterzug sehen könnte. Schon seine erste Äußerung in einem Leserbrief an die F.AZ. [1999] war typisch, wie sich zeigen sollte: „Heribert Illig geht sogar so weit, Ergebnisse von Forschern ins Gegenteil zu verkehren“ [ebd.]. Es ging dabei um die Untersuchung an den Mosaiken der Aachener Pfalzkapelle durch Ulrike Wehling. Meine Antwort ergab sich zwingend: Schütte

„nennt dabei eine stärkere [zeitliche] Eingrenzung, als sie Wehling irgendwo vornimmt. So hat er nicht nur Wehlings persönliche Einschät zung falsch wiedergegeben, sondern vor allem meine Ausführungen in ihr Gegenteil verkehrt. Er praktiziert genau das, was er mir unredlicherweise vorgeworfen hat. Aber Projektion ist der Wissenschaft kein unbekanntes Phänomen“ [Illig 1999, 395 f.].

Der am Kölner Institut für Ur- und Frühgeschichte lehrende Archäologe ist ein getreuer Paladin des großen Karl; deshalb warf er sich in die Bresche, als ich am 12. 4. 2000 in ‘seinem’ Köln über den heilig gesprochenen Karl als den Vierten der Hl. Drei Könige Kölns sprach. Nach dem Vortrag riss er die Diskussion an sich, indem er allen Zuhörern ein alten Buches unter die Nase hielt, um zu demonstrieren, dass ich mich bei dessen Zitation beim Erscheinungsdatum um ein Jahr vertan hätte – bei 22 Seiten Literaturverzeichnis ein zwingender Nachweis für meine mangelnde Sorgfalt. In diesem Stil ging es weiter – immer wohlwollend geduldet von Moderator Dr. Johannes Lehmann. Sein stärkstes Argument war schließlich: Ich würde seine Forschungen zum Aachener Thron nicht zur Kenntnis nehmen. Ich antwortete wahrheitsgemäß, dass ich – mangels Namensnennung – gar nicht wüsste, wer vor mir da so lebhaft agiert, dass ich aber auch keine aktuelle Arbeit zu diesem Thema kennen würde. „Sie erscheint in wenigen Wochen!“ so sein gnadenloser Bescheid. Es ist anzumerken, dass zwei Monate später nur 10 Seiten im Katalog Krönungen veröffentlicht wurden, die für den gleichen Zeitpunkt angekündigte Monographie zum einstigen Otto- und jetzigen Karlsthron aber seit nunmehr 7 (sieben) Jahre in Verzug ist [Vergeblich in den Zeitensprüngen angemahnt 2001, 115, 266, 519; 2004, 91; 2005, 120 f.; 2006, 159]. Offenbar sträubt sich die Feder zu sehr bei dem Gedanken, dass dieser Thron nicht nur vom großen Karl besessen wurde, sondern aus Stein vom Grab Christi bestehen könnte.

Die Leser der Zeitensprünge wurden über ihn immer auf dem Laufenden gehalten; so brauche ich nur daran zu erinnern, wie Schütte 2001 die Gewinnung der Throndaten beschrieben hat:

„Zur Sicherheit waren an dieser Untersuchung mehrere Analytiker, Dendrochronologen (die das Alter nach Jahresringen bestimmen – die Red.) und Radiokohlenstoff-Forscher beteiligt, Statistiker rüttelten die Kurven – und siehe da: Der große Karl darf wieder Platz nehmen.“ [Schütte 2001; vgl. Illig 2001, 520].

So kommt die Wahrheit durch Rütteln und Schütteln ans Licht. Zu Köln im April 2000 konnte sich Schütte gar nicht beruhigen. Dass es damals nicht mit rechten Dingen zuging, wurde durch den Reporter des Kölner Stadtanzeigers manifest. Er begrüßte mich vor der Veranstaltung und entschuldigte sich beim Veranstalter, dass es seiner Zeitung leider nicht möglich gewesen sei, meinen Vortrag auch nur mit den allerdürrsten Hinweisen anzukündigen. So waren nur etwa 40 bis 50 Personen erschienen. Der Reporter lauschte dem Vortrag, dann den sinnlosen Fragen des Moderators, der vier Mal mit immer anderen Worten von mir wissen wollte, was die Allgemeinheit von meiner Forschung hätte, dann Schüttes anonymen Auftritt in der Zuhörerschaft – und schrieb nichts darüber bzw. der Stadtanzeiger veröffentlichte nichts. Der um die große Öffentlichkeit seines zweifelhaften Erfolgs als Störenfried gebrachte Schütte tat nun das, was ein Wissenschaftler nicht tut: Er schrieb selbst einen Bericht und ließ ihn vom stärksten Hetzer gegen die Phantomzeitthese, von Tilman Chladek, ins Internet stellen. Und dort beweist der Bericht Tag für Tag, dass Schütte kein seriöser Wissenschaftler ist.

Der nächste Aufprall passierte, als Schütte meine Argumentation zur Aachener Kuppel als zu gut empfand. Die massive Hausteinkuppel wurde ihm zum Ärgernis, worauf er 2004 schwadronierte:

„Niemand weiß, ob die Kuppel tatsächlich massiv ist, weil bislang keiner ins Innere des Steins geschaut hat. Darum kann sie sehr wohl nach byzantinischer Art, nämlich hohl gewölbt sein“ [Schütte laut Bernsdorff 89; Illigs Contra 2004, 90 f.].

Dies muss, von einem Mann, der wegen seinen Forschungen im Aachener Dom quasi zu Hause ist, als bewusste Irreführung gewertet werden. Denn seit 2002 die Kuppeluntersuchung von G. Patitz und B. Illich mit indirektem Radar veröffentlicht worden ist, weiß jeder, der es wissen will, wo welcher Quader verlegt worden ist. (Nur deshalb konnte Prof. Volker Hoffmann darüber im Detail sprechen [vgl. Illig/Niemitz 2004]).

Und nun also der gerade verzweifelt-freche Versuch, St. Pantaleon gleich mit zwei karolingischen Bauphasen aufzurüsten, samt karolingischen Bauplastiken, die einsam im luftleeren Raum platziert werden und deshalb ein ottonisches Verbindungsglied hin zu der allein passenden Romanik benötigen. (Natürlich alles mit der von ihm eingeforderten Sorgfalt: Zweimal muss ich hier bei wichtigen Zitationen korrigieren – „recte“ auf den S. 344 und 357, dann hier auf S. 350 oder bei der Fehlbenennung einer phasenentscheidenden Mauer als 723 anstatt 732 [S. 91]).

Versuchen wir ein Fazit: Sven Schütte ist ein schonungslos harter Kämpfer, wenn es um ‘seinen’ Karl geht, der ihn auch seit Jahren nährt. Das ist sein gutes Recht. Leider hält er in diesem öffentlichen Kampf so gut wie alles erlaubt (für sich): Er treibt seine eigene Argumentation bis ins Sinnlose (Stichwort: verlangte Kenntnis unveröffentlichter Berichte), er verleumdet Kontrahenten (sie hätten eine Argumentation verdreht), er fälscht unterstützende Datierungen (Stichwort Ornamentquader), er ignoriert wissenschaftliche Untersuchungen (Stichwort: Aachener Kuppel), er untermauert kühne Behauptungen nicht mit einer ordentlichen Argumentation (Stichwort Monographie für Aachens Thron), er vervollständigt allzu leicht Grabungsbefunde zu kompletten Plänen (Stichwort St. Pantaleon) und beweist völlige Ignoranz bei der bauplastischen Entwicklung des Abendlandes. Außerdem schludert er auch bei einer Druckverzögerung von mehr als einem Jahr.

Nachdem er zusammen mit Dorothea Hochkirchen den Alten Dom von Köln (so schon bei seinem Auftritt 2000) für karolingisch hält, muss damit gerechnet werden, dass er weiter Architektur und Plastik in das dark age der Karolingerzeit schaufelt. Immerhin demonstriert er mit seiner völlig unwissenschaftlichen Haltung, dass er die Fundsituation dieser Epoche für ebenso unbefriedigend hält wie wir. Defizitär eben – hochdefizitär.

Literatur

Anwander, Gerhard (2007): Wo ein Wille ist, ist auch ein Westwerk! Ein Kernbauwerk der Karolingerzeit erweist sich als Hirngespinst; in Zeitensprünge 19 (1) 185-212
Baumgart, Fritz (91988): Oberitalien. DuMont Kunst-Reiseführer; Köln
Bernsdorff, Jan (2004): „Die verschwundenen Jahrhunderte“; in P.M. Perspektive 1/2004, 86-89
Bertelli, Carlo / Brogiolo, Gian Piero (2000): Il futuro dei Longobardi. L’Italia e la costruzione dell’Europa di Carlo Magno. Ausstellungskatalog für Brescia; Mailand
Beutler, Christian (1991): Der älteste Kruzifixus. Der entschlafene Christus; Frankfurt am Main
Brandt, Michael (1993): Bernward von Hildesheim und das Zeitalter der Ottonen. Katalog der Ausstellung Hildesheim 1993. 2 Bände; Mainz
Chladek, Tilman = home.snafu.de/tilmann.chladek/Seiten/Brief_Schuette.html [Bei Google-Eingabe “Sven Schütte” an erster Stelle – zumindest noch am 29. 7.]
CR = Colonia Romanica. Jahrbuch des Fördervereins Romanische Kirchen Köln e.V. Bd. XXI, 2006 (erschienen Juni 2007): Neue Forschungen zur Geschichte, Baugeschichte und Ausstattung von St. Pantaleon in Köln. Hg. Margrit Jüsten-Hedtrich; Köln
Fußbroich, Helmut (1983): Die Ausgrabungen in St. Pantaleon zu Köln. (Kölner Forschungen, Bd. 2); Mainz
H = Hochkirchen, Dorothea (2006): Zwei Skulpturenfragmente der karolingischen Kirche von St. Pantaleon; in CR, 149-158
Illig, Heribert (1996): Flechtwerk und Ketzertum. Langobardische Notizen II; in Zeitensprünge 8 (4) 448-477
- (1997): Einrede des Herausgebers; in Zeitensprünge 9 (2) 305 (s. 2007)
- (1999): Sperrfeuer vor Paderborn. Methodische Korrektheit und emotionale Begleiterscheinungen; in Zeitensprünge 11 (3) 389-402
- (2001): Vom Rütteln (an) der Wahrheit. Zur weiteren Diskussion der Phantomzeitthese; in Zeitensprünge 13 (3) 513-523
- (2002): Mörtel mit Zuschlag. Ein Diskussionsbeitrag zu Ingelheim und Aachen; in Zeitensprünge 14 (1) 145-149
- (2004): Die Debatte der Schweigsamen. Zum „Schwachsinn“ des frühen Mittelalters; in Zeitensprünge 85-101
- (2005): Alte Kreuze, alte Throne und Byzanz. Bestätigungen in der Mittelalterdebatte; in Zeitensprünge 17 (1) 111-124
- (2006): Konzertierte Fälschungen. Glastonbury, Wells und Saint-Denis; in Zeitensprünge 18 (3) 692-712
- (2007): Erweiterung von (1997) fürs Internet; aktualisiert unter www.fantomzeit.de
Illig, Heribert / Anwander, Gerhard (2002): Bayern und die Phantomzeit. 2 Bände; Gräfelfing
Illig, Heribert / Niemitz, Hans-Ulrich (2004): Aachen: alt, ganz alt oder noch älter? Eine Neueinschätzung durch Volker Hoffmann; in Zeitensprünge 16 (2) 272-278 Jantzen, Hans (31963): Ottonische Kunst; Reinbek (11947)
Kaelble, Brigitte (2006): Ein ottonisches korinthisierendes Kapitell aus St. Pantaleon; in CR, 205-210
Mühlberg, Fried (2006): St. Pantaleon in Köln vom 9. bis 13. Jahrhundert; in CR, 11-20
Niemitz, Hans-Ulrich (1994): Die Dauerkrise frühmittelalterlicher Keramikforschung; in Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart 6 (2) 40-59
Patitz, Gabriele / Illich, Bernhard (2002): Karls Kapelle klargemacht. Untersuchung des Mauerwerks am Aachener Dom; in B + B 8/2002, 16-19
Schütte, Sven (1999): Verdachtschöpfer gegen die mediävistische Fachwelt [Leserbrief]; in Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16. 6.
- (2000): Der Aachener Thron; in Mario Kramp (Hg.): Krönungen. Könige in Aachen – Geschichte und Mythos. Katalog der Ausstellung in 2 Bänden; Mainz 213-222
- (2001): Der Aachener Königsstuhl. Graffiti aus Jerusalem. Forscher beweist: Thron entstand doch schon zur Zeit Karls des Großen; in Kölner Stadtanzeiger, 2. 6. 01
S. = Schütte, Sven (2006): Geschichte und Baugeschichte der Kirche St. Pantaleon; in CR, 81-136
Schieffer, Rudolf (1992): Die Karolinger; Stuttgart
SdR = Schönfeld de Reyes, Dagmar v. (1999): Westwerkprobleme. Zur Bedeutung der Westwerke in der kunsthistorischen Forschung; Weimar
Toman, Rolf (1996): Die Kunst der Romanik. Architektur · Skulptur · Malerei; Köln
Wolf, Arnold (Hg., 1996): Die Domgrabung Köln. Altertum · Frühmittelalter · Mittelalter. Kolloquium zur Baugeschichte und Archäologie 14.-17. März 1984 in Köln. Vorträge und Diskussionen; Köln
Zarnecki, George (1991): Kunst der Romanik. Malerei · Plastik · Architektur; Stuttgart
Zeising, Gert (1999): „Zwischen den Zeiten“ oder Zeitensprung? Eine Schnittstelle und ein Konflikt zwischen spezialwissenschaftlicher und interdisziplinärer Forschung; in Zeitensprünge 11 (3) 459-479

2 Kommentare zu “St. Pantaleon – vier Rekorde fürs Guinness. Sven Schütte als karolingischer Lückenbüßer”

[...] H. Illig: St. Pantaleon – vier Rekorde fürs Guinness. Sven Schütte als karolingischer Lückenbüßer [...]

[...] der selbst dem wissenschaftlichen Ruf der Stadt Köln zu schaden droht – erinnert sei an seine willkürlichen Veralterungen bei St. Pantaleon, bei Synagoge und Mikwe. Aktuell wird ihm [...]

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2. Juli 2007                     Kategorie(n):

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Fantomzeit weltweit

von Andreas Otte

Wer nur das “Karlsbuch” (Das erfundene Mittelalter) von Heribert Illig und dieses auch nur flüchtig gelesen hat, der bekommt eventuell zunächst den Eindruck, die Fantomzeit im Mittelalter sei ein lokales Problem Deutschlands und Frankreichs. Bereits Illigs “Uhr”-Buch (Wer hat an der Uhr gedreht?) erweiterte diese Perspektive gewaltig. Nimmt man die diversen Beiträge aus den Zeitensprüngen (Stand 1/2008) hinzu, dann entwickelt sich die Fantomzeit zu einem nahezu globalen Phänomen. Im Folgenden wird also nun die zugehörige Literatur möglichst vollständig angegeben, strukturiert nach den Regionen.

Regionen

  • Europa
    • Westeuropa
      • Deutschland
      • Illig, Heribert (1996) : Das erfundene Mittelalter. Hat Karl der Große je gelebt?, Ullstein, München

        Illig, Heribert (1997) : “Zur Abgrenzung der Phantomzeit. Eine Architekturübersicht von Istanbul bis Wieselburg”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 09 / Heft 1, Seite 132-143

        Illig, Heribert (1999) : Wer hat an der Uhr gedreht? Wie 300 Jahre Mittelalter erfunden wurden, Ullstein, München

        Illig, Heribert (2002) : “Straßen durch Germaniens Urwälder”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 14 / Heft 2, Seite 234-246

        Fritzsche, Fabian (2004) : “Wikinger in Deutschland”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 16 / Heft 1, Seite 152-169

        Wirsching, Armin (2004) : “Merowinger, Karolinger und Ottonen unter der Erde vereint”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 16 / Heft 3, Seite 574-590

        Fritzsche, Fabian und Illig, Heribert (2004) : “Wikinger: Korrektur/Ergänzung”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 16 / Heft 3, Seite 591-594

        Illig, Heribert (2005) : “Die Christianisierung über den Limies. Reihengräber, irische Mission, Bistümer”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 17 / Heft 1, Seite 15-35

        Anwander, Gerhard (2007) : “Wo ein Wille ist, ist auch ein Westwerk. Dieser Karolingerbau erweist sich als Hirngespinst”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 19 / Heft 1, Seite 185-212

        • Thüringen
        • Weissgerber, Klaus (1999) : “Zur Phantomzeit in Thüringen. Schriftquellen und archäologische Befunde (I)”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 11 / Heft 3, Seite 482-509

          Weissgerber, Klaus (1999) : “Zur Phantomzeit in Thüringen. Schriftquellen und archäologische Befunde (II)”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 11 / Heft 4, Seite 583-612

          Schmidt, Gerald (2002) : “Karolingische Spuren auf der ‘Straße der Romanik’?”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 14 / Heft 2, Seite 309-324

          Meisegeier, Michael (2006) : “Phantomzeitliche und phantomzeitnahe Bauten in Thüringen und Sachsen-Anhalt”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 18 / Heft 2, Seite 449-482

        • Bayern
        • Friedrich, Horst (1991) : “Baierns ‘dunkle’ Jahrhunderte. Kann eine Verkürzung der früh-mittelalterlichen Chronologie Licht auf zwei bislang ungeklärte Probleme der baierischen Anfänge werfen?”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 03 / Heft 3/4, Seite 56-62

          Friedrich, Horst (1992) : “Das Jiddische und die Herkunft der Baiern”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 04 / Heft 1, Seite 51-56

          Anwander, Gerhard (1998) : “Oberbayern als virtueller Urkundenraum oder Karl der Spurenlose im frühmittelalterlichen Oberbayern”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 10 / Heft 1, Seite 83-112

          Illig, Heribert (1997) : “‘Karolingische’ Torhallen und das Christentum. Rings um Lorsch und Frauenchiemsee”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 09 / Heft 2, Seite 239-259

          Friedrich, Volker (2001) : “Nibelungen und Phantomzeit im Donauraum. Fiktives Awarenreich zwischen Hunnen- und Ungarnsturm”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 13 / Heft 1, Seite 50-72

          Illig, Heribert und Anwander, Gerhard (2002): “Bayern und die Phantomzeit”, 2 Bände, Mantis-Verlag, Gräfelfing

          Benecken, Werner (2004) : “Der so genannte Karlsgraben”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 16 / Heft 2, Seite 279-308

          Dattenböck, Georg (2006) : “Vandalen: Neue These zur Ethnogenese des Baiernstammes”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 18 / Heft 3, Seite 642-671

          Dattenböck, Georg (2007) : “Tassilo uns seine Vorgänger. Die bairische Herzogsliste”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 19 / Heft 1, Seite 105-119

          • Regensburg
          • Anwander, Gerhard und Illig, Heribert (1999) : “Regensburger Virtualitäten. Rund 15 Standorte für karolingische Dome und Pfalzen”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 11 / Heft 2, Seite 242-271

            Anwander, Gerhard und Illig, Heribert (2000) : “‘Eine einzige Spatelkopfnadel’. Die Lücke in der Regensburger Siedlungsarchäologie”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 12 / Heft 2, Seite 234-259

        • Sachsen-Anhalt
        • Meisegeier, Michael (2006) : “Phantomzeitliche und phantomzeitnahe Bauten in Thüringen und Sachsen-Anhalt”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 18 / Heft 2, Seite 449-482

          Franz, Dietmar (2007) : “St. Cyriakus, Gemrode. Ein Nachtrag”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 19 / Heft 1, Seite 224-229

        • Nordrhein-Westfalen
        • Fritzsche, Fabian (2004) : “Wikinger am Rhein – oder doch nicht?”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 16 / Heft 2, Seite 347-349

          • Aachen
          • Illig, Heribert (1997) : “Aachens Pfalzkapelle gerät in Bewegung. Ein Wendepunkt in der Mittelalterdebatte”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 09 / Heft 4, Seite 657-666

            Illig, Heribert (2003) : “Roter Mörtel in Aachens Pfalzkapelle”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 15 / Heft 3, Seite 538

            Niemitz, H.-U. und Illig, Heribert (2004) : “Aachen: alt, ganz alt oder noch älter? Eine Neueinschätzung von Volker Hoffmann”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 16 / Heft 2, Seite 272-278

            Illig, Heribert (2007) : “Dekadenz und Aachens Aufschwung. Das Frühmittelalter in der Forschung”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 19 / Heft 3 Seite 682-686

          • Köln
          • Illig, Heribert (2007) : “St. Pantaleon – vier Rekorde fürs Guinness. Sven Schütte als karolingischer Lückenbüßer”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 19 / Heft 2 Seite 341-368

            Illig, Heribert (2008) : “Köln im Frühdatierungsfieber. Wie oft wird Sven Schütte noch zum Auslöser?”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 20 / Heft 1 Seite 210-217

          • Dortmund
          • Fritzsche, Fabian (2002) : “Dortmunder Leere”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 14 / Heft 4, Seite 672-685

          • Paderborn
          • Bohrer, Michael (1999) : “Karolingerpfalz in Paderborn?”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 11 / Heft 3, Seite 439-458

            Fritzsche, Fabian (2003) : “Paderborner Phantomzeit, die zweite”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 15 / Heft 2, Seite 375-377

          • Münster
          • Thiel, Werner (2005) : “Schliemanns Fluch oder Das wundersame Verschwinden des Münsteraner Bistumsgründers”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 17 / Heft 1, Seite 36-45

            Thiel, Werner (2005) : “Schliemanns Fluch II oder Münsters Fundament aus Wunsch und Hoffnung”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 17 / Heft 2, Seite 405-419

        • Hessen
        • Welcker, Roland (2005) : “Der tote Bonifaz reist nach Fulda”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 17 / Heft 2, Seite 395-404

          Neusel, Manfred (2006) : “Das Rhein-Main-Gebiet im frühen Mittelalter. Versuch einer alternativen Chronologie”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) 18 05 / Heft 3, Seite 713-740

          • Frankfurt
          • Niemitz, Hans-Ulrich (1993) : “Eine frühmittelalterliche Phantomzeit – nachgewiesen in Frankfurter Stratigraphien”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 05 / Heft 3/4, Seite 111-122

        • Mecklenburg-Vorpommern
        • Glahn, Alexander (2005) : “Die Slawen besiedelten Ende des 4. Jahrhunderts Norddeutschland”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 17 / Heft 1, Seite 46-75

        • Reinland-Pfalz
          • Trier
          • Lewin, Karl-Heinz (2005) : “Dom und Liebfrauen zu Trier. 1690 Jahre Architekturgeschichte? (Trier I)”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 17 / Heft 3, Seite 670-680

            Lewin, Karl-Heinz (2005) : “2000 Jahre Trier – was bleibt übrig? (Trier II)”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 18 / Heft 2, Seite 483-496

          • Ingelheim
          • Heinsohn, Gunnar (2001) : “Maurer der Kaiser und Kaiser der Maurer. Eine Glosse zum karolingischen Ingelheim”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 13 / Heft 3, Seite 463-466

            Illig, Heribert und Lelarge, G. (2001) : “Ingelheim – karolingisch oder römisch?”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 13 / Heft 3, Seite 467-492

          • Gemünden
          • Laszlo, Renate (2007) : “Das St. Severusstift in Gemünden im Westerwald. Vom Schweigen zwischen erster und zweiter Urkundennennung”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 19 / Heft 2 Seite 378-388

      • Schweden
      • Anwander, Gerhard und Illig, Heribert (2004) : “Schwedens ausgemusterte Karle, Polens noch früherer Köngisverlust”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 16 / Heft 2, Seite 350-357

      • Frankreich
      • Illig, Heribert (1993) : “St. Denis und Suger – zum zweiten. Wie ein Karolingerbau verschwindet und Frankreich entsteht”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 05 / Heft 2, Seite 57-71

        Illig, Heribert (1996) : Das erfundene Mittelalter. Hat Karl der Große je gelebt?, Ullstein München

        Illig, Heribert (1999) : Wer hat an der Uhr gedreht? Wie 300 Jahre Mittelalter erfunden wurden, Ullstein, München

        Birken, Andreas (2004) : “Regnum Chlothari. Welcher Lothar gab Lothringen den Namen?”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 16 / Heft 3, Seite 566-573

        Anwander, Gerhard (2004) : “Auvergantische Impressionen. Reiseeindrücke aus einer karolingischen Provinz”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 16 / Heft 3, Seite 595-624

        Wirsching, Achim (2005) : “Stürmten die Wikinger 400 Jahre zu spät in die Normandie?”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 17 / Heft 2, Seite 378-394

        • Gallien
        • Niemitz, Hans-Ulrich (1992) : “Archäologie und Kontinuität. Gab es Städte zwischen Spätantike und Mittelalter?”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 04 / Heft 3, Seite 55-68

        • Elsass
        • Birken, Andreas (2003) : “O Heilige Ottilie! Das Elsass zur Karolingerzeit”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 15 / Heft 3, Seite 525-537

      • Spanien
      • Zeller, Manfred (1993) : “Das Kalifat der Omaijaden”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 05 / Heft 3/4, Seite 69-86

        Topper, Uwe (1994) : “Zur Chronologie der islamischen Randgebiete. Drei Betrachtungen”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 06 / Heft 3, Seite 50-71

        Illig, Heribert (1995) : “Spaniens Wirrungen im frühen Mittelalter. Architektur – ERA-Rechnung – Reconquista”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 07 / Heft 1, Seite 36-55

        Topper, Uwe (1998) : “Ein neues Bild des mittelalterlichen Spanien”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 10 / Heft 3, Seite 466-491

        Illig, Heribert (1999) : Wer hat an der Uhr gedreht? Wie 300 Jahre Mittelalter erfunden wurden, Ullstein, München

        Heinsohn, Gunnar (2005) : “Löschung der frühmittelalterlichen Regenten Spaniens”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 17 / Heft 1, Seite 76-97

      • Italien
      • Niemitz, Hans-Ulrich (1992) : “Archäologie und Kontinuität. Gab es Städte zwischen Spätantike und Mittelalter?”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 04 / Heft 3, Seite 55-68

        Illig, Heribert (1993) : “Langobardische Notizen I. Urkunden, Stuckfiguren und kaiserlose Städte”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 05 / Heft 2, Seite 41-56

        Hölzl, Josef (2003) : “Warum gibt es in der Toskana keine Dörfer?”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 15 / Heft 1, Seite 100-104

        Illig, Heribert (2006) : “Kanzeln und Schach: eine Doppelevolution”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 18 / Heft 1, Seite 103-120

        Birken, Andreas (2006) : “Italiens Phantomzeit”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 18 / Heft 1, Seite 121-134

        Illig, Heribert (2006) : “Italia praeparata”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 18 / Heft 1, Seite 135-140

        • Rom
        • Illig, Heribert (1996) : “Roms ‘frühmittelalterliche’ Kirchen und Mosaike. Eine Verschiebung und ihre Begründung”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 08 / Heft 3, Seite 302-326

        • Padua
        • Heinsohn, Gunnar (2008) : “Padua ohne 297 Jahre zwischen 602 und 899″, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 20 / Heft 1 Seite 206-209

        • Sizilien
        • Heinsohn, Gunnar (2003) : “Sizilien und seine frühmittelalterliche Fundlücke”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 15 / Heft 3, Seite 540-555

      • Österreich
        • Tirol
        • Tamerl, Alfred (2003) : “Antikes und Karolingisches in Tirol”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 15 / Heft 1, Seite 105-136

      • England
      • Niemitz, Hans-Ulrich (1992) : “Archäologie und Kontinuität. Gab es Städte zwischen Spätantike und Mittelalter?”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 04 / Heft 3, Seite 55-68

        Illig, Heribert (1999) : Wer hat an der Uhr gedreht? Wie 300 Jahre Mittelalter erfunden wurden, Ullstein, München

        Laszlo, Renate (2006) : “Der hypothetische Dichter Cynewulf”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 18 / Heft 2, Seite 435-448

        Laszlo, Renate (2006) : “Rätselhafte Zeitsprünge in England”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 18 / Heft 3, Seite 677-691

        Illig, Heribert (2006) : “Konzertierte Fälschungen: Glastonbury, Wells und Saint-Denis”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 18 / Heft 3, Seite 692-712

        Laszlo, Renate (2007) : “Der verdoppelte Autor der Historia Brittonum. Die Identität zwischen A. Aurelianus und Arthur”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 19 / Heft 1, Seite 94-104

        Laszlo, Renate (2007) : “In England gehen die Uhren anders. Die normannische Eroberung Englands – zeitverschoben”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 19 / Heft 3 Seite 687-716

        Laszlo, Renate (2008) : “In England gehen die Uhren anders (Teil 2)”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 20 / Heft 1 Seite 163-192

      • Island
      • Illig, Heribert (1999) : Wer hat an der Uhr gedreht? Wie 300 Jahre Mittelalter erfunden wurden, Ullstein, München

      • Schweiz
      • Pfister, Christoph (1999) : “Zur langen Baugeschichte des Mittelalters. Kritik an der überlieferten Chronologie und Versuch einer Neubetrachtung”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 11 / Heft 1, Seite 139-166

        Spillmann, John (2004) : “Das frühmittelalterliche Zürich im Lichte der Phantomzeitthese”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 16 / Heft 2, Seite 315-346

    • Osteuropa
    • Zeller, Manfred (1993) : “Die Steppenvölker Südost-Europas in der Spätantike und im Frühmittelalter”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 05 / Heft 1, Seite 55-80

      Zeller, Manfred (1996) : “Die Nordwestslawen im Frühmittelalter”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 08 / Heft 4, Seite 499-524

      Heinsohn, Gunnar und Sidorczak, J. (2001) : “Gibt es Slawen betreffende Schriftquellen aus dem frühen Mittelalter?”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 13 / Heft 2, Seite 200-212

      • Kroatien
      • Illig, Heribert (2003) : “Split und die Rätsel Altkroatiens”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 15 / Heft 1, Seite 161-190

        Illig, Heribert (2007) : “Istrianisches als Jahrestreffensurrogat”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 19 / Heft 2 Seite 247-271

        Dattenböck, Georg (2007) : “Die Kroaten: Volk mit sagenhafter Herkunft!”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 19 / Heft 2 Seite 369-377

      • Ungarn
      • Zeller, Manfred (1996) : “Die Landnahme der Ungarn in Pannonien. 895 findet dasselbe statt wie 598″, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 08 / Heft 2, Seite 186-190

        Weissgerber, Klaus (2001) : “Zur magyarischen Phantomzeit. Die Ungarische Bilderchronik”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 13 / Heft 3, Seite 410-439

        Weissgerber, Klaus (2003) : “Noch einmal: Aitony und der Goldschatz von Nagyszentmiklós (Hungarica II)”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 15 / Heft 1, Seite 150-160

        Weissgerber, Klaus (2003) : Ungarns wirkliche Frühgeschichte. Arpad eroberte schon 600 das Kapartenbecken, 1. Auflage, Mantis Verlag, Gräfelfing

      • Bulgarien
      • Weissgerber, Klaus (2001) : “Zur bulgarischen Phantomzeit (I)”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 13 / Heft 1, Seite 73-102

        Weissgerber, Klaus (2001) : “Zur bulgarischen Phantomzeit (II)”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 13 / Heft 2, Seite 213-242

      • Polen
      • Heinsohn, Gunnar (2001) : “Danzig und die rätselhafte frühmittelalterliche Chronologielücke des Weichseldeltas”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 13 / Heft 3, Seite 440-462

        Heinsohn, Gunnar (2002) : “Polen im frühen Mittelalter. Der Schock bei den Arbeiten an der Yamal-Pipeline”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 14 / Heft 1, Seite 126-131

        Heinsohn, Gunnar (2003) : “Die Streichung der polnischen ‘Karolinger’. Adam Naruszewiczs bereits 1780 erfolgte Eliminierung der lechiadischen und lescidischen Könige aus Polens Frühmittelalter”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 15 / Heft 1, Seite 137-149

        Anwander, Gerhard und Illig, Heribert (2004) : “Schwedens ausgemusterte Karle, Polens noch früherer Köngisverlust”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 16 / Heft 2, Seite 350-357

      • Georgien
      • Weissgerber, Klaus (2000) : “Zur Phantomzeit in Georgien (I)”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 12 / Heft 1, Seite 59-87

        Weissgerber, Klaus (2000) : “Zur Phantomzeit in Georgien (II)”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 12 / Heft 2, Seite 259-280

      • Russland
      • Illig, Heribert (1999) : Wer hat an der Uhr gedreht? Wie 300 Jahre Mittelalter erfunden wurden, Ullstein, München

        Weissgerber, Klaus (2001) : “Zur frührussischen (Kiewer) Phantomzeit I”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 13 / Heft 4, Seite 662-690

        Weissgerber, Klaus (2002) : “Zur frührussischen (Kiewer) Phantomzeit II”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 14 / Heft 1, Seite 104-125

  • Asien
    • Vorderasien
      • Türkei (Byzanz)
      • Illig, Heribert (1991) : “Fälschung im Namen Konstantins”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 03 / Heft 2, Seite 50-66

        Illig, Heribert (1993) : “Das ‘Griechische Feuer’ erlischt. Von der besten und rätselhaftesten aller byzantinischen Waffen”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 05 / Heft 5, Seite 64-69

        Niemitz, Hans-Ulrich (1994) : “Byzantinistik und Phantomzeit”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 06 / Heft 1, Seite 56-75

        Topper, Uwe (1994) : “Zur Chronologie der islamischen Randgebiete. Drei Betrachtungen”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 06 / Heft 3, Seite 50-71

        Illig, Heribert (1997) : “Zur Abgrenzung der Phantomzeit. Eine Architekturübersicht von Istanbul bis Wieselburg”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 09 / Heft 1, Seite 132-143

        Illig, Heribert (1999) : Wer hat an der Uhr gedreht? Wie 300 Jahre Mittelalter erfunden wurden, Ullstein, München

      • Armenien
      • Heinsohn, Gunnar (1996) : “Die Wiederherstellung der Geschichte Armeniens und Kappadokiens”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 08 / Heft 1, Seite 38-68

        Illig, Heribert (1999) : Wer hat an der Uhr gedreht? Wie 300 Jahre Mittelalter erfunden wurden, Ullstein, München

      • Syrien
      • Zeller, Manfred (1993) : “Das Kalifat der Omaijaden”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 05 / Heft 3/4, Seite 69-86

      • Palästina
      • Illig, Heribert (1991) : “Jüdische Chronologie. Dunkelzonen, Diskontinuitäten, Entstehungsgeschichte”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 03 / Heft 5, Seite 21-34, 74

        Heinsohn, Gunnar (1991) : “Jüdische Geschichte und die Illig-Niemitzsche Verkürzung der christlichen Chronologie”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 03 / Heft 5, Seite 35-36

        Heinsohn, Gunnar (1999) : “Jüdisches Leben im frühmittelalterlichen Palästina. Ist die von den Kreuzfahrern 1099 zerstörte Synagogenkultur archäologisch wirklich unauffindbar?”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 11 / Heft 3, Seite 356-388

        Heinsohn, Gunnar (2000) : “Jerusalems mittelalterliche Synagogenabfolge”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 12 / Heft 1, Seite 53-58

        Weissgerber, Klaus (2007) : “Zur Felsendom-Inschrift (Islamica IV)”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 19 / Heft 1, Seite 120-129

      • Irak
      • Illig, Heribert (1992) : “Wann lebte Mohammed? Zu Lülings ‘judenchristlichem’ Propheten, zur Frühzeit des Islam und zur Orthodoxiebildung in Judentum, Christentum und Islam”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 04 / Heft 2, Seite 26-41

        Weissgerber, Klaus (2000) : “Zur islamischen Phantomzeit (Islamica I)”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 12 / Heft 3, Seite 419-448

      • Iran
      • Zeller, Manfred (1993) : “Der Iran in frühislamischer Zeit (bis zum 10. Jh.)”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 05 / Heft 3/4, Seite 87-110

        Topper, Uwe (1994) : “Zur Chronologie der islamischen Randgebiete. Drei Betrachtungen”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 06 / Heft 3, Seite 50-71

        Illig, Heribert (2003) : “Zum Zeitsprung bei Christen und Moslems”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 15 / Heft 3, Seite 556-569

      • Libanon
      • Heinsohn, Gunnar (1998) : “Byblos von +637 bis +1098 oder Warum so spät zum Kreuzzug?”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 10 / Heft 1, Seite 113-116

      • Jemen
      • Topper, Uwe (1994) : “Zur Chronologie der islamischen Randgebiete. Drei Betrachtungen”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 06 / Heft 3, Seite 50-71

    • Ferner Osten
    • Zeller, Manfred (1994) : “Zentralasien im frühen Mittelalter. Auswirkungen der Rekonstruktion bis nach China”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 06 / Heft 3, Seite 72-92

      • Indonesien
      • Rade, Claus Dieter (1998) : “Indonesiens mittelalterliche Chronologielücken”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 10 / Heft 2, Seite 276-304

        Illig, Heribert (1999) : Wer hat an der Uhr gedreht? Wie 300 Jahre Mittelalter erfunden wurden, Ullstein, München

      • Ceylon
      • Rade, Claus Dieter (1999) : “Das ceylonesische Mittelalter im Spiegel der ‘Großen Chronik’ (I)”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 11 / Heft 1, Seite 97-117

        Rade, Claus Dieter (1999) : “Das ceylonesische Mittelalter im Spiegel der ‘Großen Chronik’ (II)”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 11 / Heft 2, Seite 279-291

      • Indien
      • Illig, Heribert (1999) : Wer hat an der Uhr gedreht? Wie 300 Jahre Mittelalter erfunden wurden, Ullstein, München

        Weissgerber, Klaus (2004) : “Zur indischen Chronologie. Grundprobleme. Erster Teil (Inidica I/1)”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 16 / Heft 1, Seite 183-214

        Weissgerber, Klaus (2004) : “Zur indischen Chronologie. Grundprobleme. Zweiter Teil (Inidica I/2)”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 16 / Heft 2, Seite 369-399

        Weissgerber, Klaus (2004) : “Zur indischen Chronologie. Grundprobleme. Dritter Teil (Inidica I/3)”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 16 / Heft 3, Seite 653-687

      • China
      • Illig, Heribert (1991) : “Halley, Novae, China. Zur Synchronisierung der Alten Welt”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 03 / Heft 2, Seite 33-42

        Topper, Uwe (1998) : “Chinas Geschichtsschreibung. Prüfstein für oder gegen Illigs Mittelalterkürzungsthese?”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 10 / Heft 2, Seite 259-275

        Weissgerber, Klaus (2002) : “Zur chinesischen Phantomzeit. Alte und neue Gedanken (Sinaica I)”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 14 / Heft 1, Seite 68-78

        Zeller, Manfred (2002) : “Die Tangzeit, Chinas glanzvolle Epoche, eine Fiktion?”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 14 / Heft 1, Seite 79-103

        Zeller, Manfred (2002) : “Zur Datierung chinesischer Dynastien”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 14 / Heft 3, Seite 437-452

        Weissgerber, Klaus (2002) : “China, Japan und Korea im Frühmittelalter (Sinaica II)”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 14 / Heft 2, Seite 365-392

        Weissgerber, Klaus (2002) : “Ta-shi und Tang. Bestanden zur Tang-Zeit islamisch-chinesische Beziehungen? (Sinaica III-Islamica III)”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 14 / Heft 3, Seite 455-477

        Weissgerber, Klaus (2002) : “China zwischen Han und Tang (Sinaica IV)”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 14 / Heft 4, Seite 692-735

      • Japan
      • Weissgerber, Klaus (2002) : “China, Japan und Korea im Frühmittelalter (Sinaica II)”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 14 / Heft 2, Seite 365-392

      • Korea
      • Weissgerber, Klaus (2002) : “China, Japan und Korea im Frühmittelalter (Sinaica II)”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 14 / Heft 2, Seite 365-392

  • Afrika
    • Nordafrika
    • Topper, Uwe (1994) : “Zur Chronologie der islamischen Randgebiete. Drei Betrachtungen”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 06 / Heft 3, Seite 50-71

      • Äthiopien
      • Weissgerber, Klaus (2003) : “Zur äthiopischen Frühgeschichte I. Traditionen, Belege und Probleme (Aethiopica I)”, in Zeitensprünge (vormals Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart) JG 15 / Heft 3, Seite 570-600

2 Kommentare zu “Fantomzeit weltweit”

[...] Nun ist gerade Afrika als Kontinent, dessen größerer Teil erst vergleichsweise spät ins Licht der Geschichte getreten ist, für die Chronologiekritik weniger wichtig: Diese befasst sich ja eher mit früheren Zeiten. So ist von der Fantomzeittheorie neben Europa und Vorderasien bis einschließlich Indien nur der afrikanische Norden betroffen (siehe dazu Andreas Ottes Beitrag Fantomzeit weltweit). [...]

[...] Dabei steht sie auf tönernen Füßen – vgl. die Literatur über China in Andreas Ottes Auflistung Fantomzeit weltweit.) Diese Sonderstellung der Theon-Finsternis macht natürlich hellhörig. Wenn dann zugleich viel [...]

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1. Mai 2007                     Kategorie(n): Fantomzeit

eingestellt von: HI

Stratigraphische Kontrolle von Zeitkürzungen

von Heribert Illig

Ulrich Voigt sprach am 23.3. in einem Kommentar zum Beitrag “297 Jahre – zur Länge der Phantomzeit” davon, dass es

„nur noch eines ganz kleinen Schrittes (des Nachdenkens) [bedarf], um die Position Illigs endgültig zu verlassen und den extremen ‚Chronologiekritikern’ im Stile Fomenkos beizutreten“.

Wer so argumentiert, der verkennt, dass ein solcher Schritt einem Kenner der Gesetze einer archäologisch fundierten Geschichtsschreibung, wie sie z.B. von Gunnar Heinsohn [Heinsohn 1996, S. 39, 41] formuliert wurden, fast unmöglich ist.

Bodenfunde, die stratigraphischen Befunde, sind wesentliche Elemente, um vagierende Vorstellungen zu prüfen. Ich sehe – nicht seit Anbeginn, aber mindestens seit 1994 – die Phantomzeitthese als bislang beste Erklärung der extremen Fundleere einer Zeit, die nicht irgendwelchen kulturarmen Nomaden zugeschrieben wird, sondern als Renaissance, als Rinascita, als losstürmende Hochkultur germanischer Franken eingeschätzt wird. Mittlerweile ist diese Fundarmut nicht nur bei den Franken in Mitteleuropa nachgewiesen, sondern bei mindestens ebenso hochkulturellen Byzantinern, Arabern, Armeniern, Georgiern bis hin nach Indonesien.

Die rein auf Textanalyse gegründete Geschichtsnegierung durch Fomenko und seine Getreuen muss selbstverständlich auch mit stratigraphischen Befunden geprüft werden, doch dabei zeigt sich schnell eine völlige Diskrepanz, die Bodenfunde widersprechen Fomenkos Ansichten diametral.

Ich habe schon 1997 [Illig 1997] ein bislang nicht widerlegtes Beispiel gegeben, das nicht nur wie die Stratigraphien von Köln oder Rom oder hundert anderen Städten das einfache Früher-Später zeigt, sondern auch die verstrichene Zeit enthält. Es hat in diesen 10 Jahren nichts an Gewicht verloren, und es erscheint sinnvoll, es an dieser Stelle leicht ergänzt zu wiederholen:

Betrachten wir hierzu Kölns gut erforschte römische Wasserleitungen [Wolff 1993, S. 235-244, 247f]. Das früheste Leitungssystem entstand im +1. Jh. Nur Jahrzehnte später baute man einen fast 100 km langen Kanal in die Eifel. Da die alte Trasse mit der neuen, höheren Rinne überbaut worden ist, ist die Abfolge klar. Die ältere Leitung zeigt außerdem keinen nennenswerten Sinterbelag, ist also nur kurz benutzt worden. Die jüngere Leitung lieferte Jahrhunderte lang Wasser, aber sicher nicht allzu lange über das Ende der römischen Verwaltung im 5. Jh. hinaus.

Spätestens im 11. Jh. benutzte man die Leitung als Steinbruch: Hausteine, zentnerschwere Mörtelbrocken und die mehr als 30 cm starken Sinterablagerungen wurden herausgebrochen. Weil der marmorartige Sinter gut polierbar und die Rundung schon vorgegeben ist, wurde aus ihm auch 2,75 m lange Säulenschäfte für den staufischen Westbau der Kirche St. Georg hergestellt. Dieses Material ist nicht nur in Köln benutzt, sondern regelrecht exportiert worden: bis Maria Laach, bis Werden, bis Soest, Paderborn, Helmstedt, Hildesheim und sogar bis Roskilde in Dänemark [Haberey 1971, S. 109].

Doch Kölns St. Georg hat Besonderheiten: Sein Westbau des 12. Jhs. steht genau auf jener Römerstraße, die von Köln nach Bonn führte; laut Grabungsbefunden ist diese Straße zur Römerzeit dreimal gründlich erneuert worden. Der Westbau selbst blieb immer unvollendet, wie Ansichten der Stadt in verschiedenen Jahrhunderten zeigen [Schäfke 1985, S. 76-99].

Es gibt also keine späteren Bauphasen, denen man die Sintersäulen zuordnen könnte. Nun identifiziert Fomenko das Römische Reich von -82 bis +217 mit der Zeit der Sachsen, Salier und Staufer von 936 bis 1254. Wir können umrechnen: Die erste Wasserleitung stammte dann von ca. 1080, die zweite, längere von ca. 1130. Wie hätte sie für den nun nur noch ca. 20 Jahre späteren Westbau von St. Georg die in Jahrhunderten gebildeten Sintersäulen aus kohlensaurem Kalk liefern können?

Bei dieser Überlegung ist noch gar nicht berücksichtigt, dass St. Georg auf einer belebten, dreimal hergerichteten Ausfallstraße der Römer errichtet worden ist, also schlecht selbst römerzeitlich sein kann. Und wenn die Wasserleitung tatsächlich binnen 20 Jahren wundersam rasche Kalkablagerungen gebildet hätte, obwohl das Wasser keineswegs aus warmen Quellen stammt; woher hätte ein römisch-romanisches Köln sein Wasser bekommen, wenn diese wichtigste Leitung einfach wegen des Steinabbaus demoliert worden wäre?

Insofern erweist sich Fomenkos Theorie rasch als Versuch, die Geschichte ohne Rücksicht auf die vorhandene stratigraphische Evidenz umzuschreiben. Sie ist also kein Versuch einer Erklärung, sondern historisch verbrämte Ideologie.

Die extreme Fundarmut der Karolingerzeit ist bisher weder durch die herrschende Lehre noch durch eine arg glatte Rechnung und eine Statue dubioser Herkunft erklärt. Vielleicht braucht es hierzu eine andere, bessere These als die einer Phantomzeit. Doch auch sie wird der Stratigraphie und nicht der Mathematik den Vorrang geben müssen. Bis dahin kann die Zeiterfindungsthese, gleich ob mit 297, 299 oder 304 Jahren, getrost als bislang beste Antwort herangezogen werden.

Literatur

Haberey, Waldemar (1971): Die römischen Wasserleitungen nach Köln; Bonn
Heinsohn, Gunnar (1996): Assyrerkönige gleich Perserherrscher!; Gräfelfing
Illig, Heribert (1997): Einrede des Herausgebers; in Zeitensprünge 1997/02, S. 305-306
Schäfke, Werner (21985): Kölns romanische Kirchen; Köln
Wollf, Gerta (41993): Das römisch-germanische Köln. Führer zu Museum und Stadt; Köln

2 Kommentare zu “Stratigraphische Kontrolle von Zeitkürzungen”
1
Ulrich Voigt sagt:
18. Mai 2007 um 13:52

Wer so argumentiert, der verkennt, dass ein solcher Schritt einem Kenner der Gesetze einer archäologisch fundierten Geschichtsschreibung, wie sie z.B. von Gunnar Heinsohn [Heinsohn 1996, S. 39, 41] formuliert wurden, fast unmöglich ist.

Hier ist das Zitat im Zusammenhang:

jb: “Keiner der genannten Wissenschaftler (auch Sie nicht) rechnet aber mit der Möglichkeit kollektiver historischer Fantasien, die sich sozusagen über die Köpfe der einzelnen Fälscher hinweg – und durchaus organisch zusammenhängend – entwickeln.••”
Die Konsequenz, die sich einstellt, wenn man nur dieses eine unscheinbare Objekt zur Fälschung erklären möchte [es geht um die Passatafel des Hippolytus], wird damit deutlich: Man muss den gesamten (”organischen”) Zusammenhang, in den es nun einmal hineingehört, ebenfalls zur Fälschung erklären. Da bedarf es nur noch eines ganz kleinen Schrittes (des Nachdenkens), um die Position Illigs endgültig zu verlassen und den extremen “Chronologiekritikern” im Stile Fomenkos beizutreten, die ja in der Tat das gesamte Umfeld spätantiker Ostertafeln, Brücken, Straßen, Grundmauern, Münzen und Gemmen ins 16. / 17. Jahrhundert verfrachten.

Ganz klar werden hier die Positionen Illigs und Fomenkos als Gegensätze verstanden.
Unter gewissen Umständen (vor denen ich warne), kann es aber ziemlich leicht geschehen, dass man unversehens die Seiten wechselt.

[...] Anwander, Gerhard (2007): Wo ein Wille ist, ist auch ein Westwerk! Ein Kernbauwerk der Karolingerzeit erweist sich als Hirngespinst; in Zeitensprünge 19 (1) 185-212 Baumgart, Fritz (91988): Oberitalien. DuMont Kunst-Reiseführer; Köln Bernsdorff, Jan (2004): „Die verschwundenen Jahrhunderte“; in P.M. Perspektive 1/2004, 86-89 Bertelli, Carlo / Brogiolo, Gian Piero (2000): Il futuro dei Longobardi. L’Italia e la costruzione dell’Europa di Carlo Magno. Ausstellungskatalog für Brescia; Mailand Beutler, Christian (1991): Der älteste Kruzifixus. Der entschlafene Christus; Frankfurt am Main Brandt, Michael (1993): Bernward von Hildesheim und das Zeitalter der Ottonen. Katalog der Ausstellung Hildesheim 1993. 2 Bände; Mainz Chladek, Tilman = home.snafu.de/tilmann.chladek/Seiten/Brief_Schuette.html [Bei Google-Eingabe “Sven Schütte” an erster Stelle – zumindest noch am 29. 7.] CR = Colonia Romanica. Jahrbuch des Fördervereins Romanische Kirchen Köln e.V. Bd. XXI, 2006 (erschienen Juni 2007): Neue Forschungen zur Geschichte, Baugeschichte und Ausstattung von St. Pantaleon in Köln. Hg. Margrit Jüsten-Hedtrich; Köln Fußbroich, Helmut (1983): Die Ausgrabungen in St. Pantaleon zu Köln. (Kölner Forschungen, Bd. 2); Mainz H = Hochkirchen, Dorothea (2006): Zwei Skulpturenfragmente der karolingischen Kirche von St. Pantaleon; in CR, 149-158 Illig, Heribert (1996): Flechtwerk und Ketzertum. Langobardische Notizen II; in Zeitensprünge 8 (4) 448-477 – (1997): Einrede des Herausgebers; in Zeitensprünge 9 (2) 305 (s. 2007) – (1999): Sperrfeuer vor Paderborn. Methodische Korrektheit und emotionale Begleiterscheinungen; in Zeitensprünge 11 (3) 389-402 – (2001): Vom Rütteln (an) der Wahrheit. Zur weiteren Diskussion der Phantomzeitthese; in Zeitensprünge 13 (3) 513-523 – (2002): Mörtel mit Zuschlag. Ein Diskussionsbeitrag zu Ingelheim und Aachen; in Zeitensprünge 14 (1) 145-149 – (2004): Die Debatte der Schweigsamen. Zum „Schwachsinn“ des frühen Mittelalters; in Zeitensprünge 85-101 – (2005): Alte Kreuze, alte Throne und Byzanz. Bestätigungen in der Mittelalterdebatte; in Zeitensprünge 17 (1) 111-124 – (2006): Konzertierte Fälschungen. Glastonbury, Wells und Saint-Denis; in Zeitensprünge 18 (3) 692-712 – (2007): Erweiterung von (1997) fürs Internet; aktualisiert unter http://www.fantomzeit.de Illig, Heribert / Anwander, Gerhard (2002): Bayern und die Phantomzeit. 2 Bände; Gräfelfing Illig, Heribert / Niemitz, Hans-Ulrich (2004): Aachen: alt, ganz alt oder noch älter? Eine Neueinschätzung durch Volker Hoffmann; in Zeitensprünge 16 (2) 272-278 Jantzen, Hans (31963): Ottonische Kunst; Reinbek (11947) Kaelble, Brigitte (2006): Ein ottonisches korinthisierendes Kapitell aus St. Pantaleon; in CR, 205-210 Mühlberg, Fried (2006): St. Pantaleon in Köln vom 9. bis 13. Jahrhundert; in CR, 11-20 Niemitz, Hans-Ulrich (1994): Die Dauerkrise frühmittelalterlicher Keramikforschung; in Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart 6 (2) 40-59 Patitz, Gabriele / Illich, Bernhard (2002): Karls Kapelle klargemacht. Untersuchung des Mauerwerks am Aachener Dom; in B + B 8/2002, 16-19 Schütte, Sven (1999): Verdachtschöpfer gegen die mediävistische Fachwelt [Leserbrief]; in Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16. 6. – (2000): Der Aachener Thron; in Mario Kramp (Hg.): Krönungen. Könige in Aachen – Geschichte und Mythos. Katalog der Ausstellung in 2 Bänden; Mainz 213-222 – (2001): Der Aachener Königsstuhl. Graffiti aus Jerusalem. Forscher beweist: Thron entstand doch schon zur Zeit Karls des Großen; in Kölner Stadtanzeiger, 2. 6. 01 S. = Schütte, Sven (2006): Geschichte und Baugeschichte der Kirche St. Pantaleon; in CR, 81-136 Schieffer, Rudolf (1992): Die Karolinger; Stuttgart SdR = Schönfeld de Reyes, Dagmar v. (1999): Westwerkprobleme. Zur Bedeutung der Westwerke in der kunsthistorischen Forschung; Weimar Toman, Rolf (1996): Die Kunst der Romanik. Architektur · Skulptur · Malerei; Köln Wolf, Arnold (Hg., 1996): Die Domgrabung Köln. Altertum · Frühmittelalter · Mittelalter. Kolloquium zur Baugeschichte und Archäologie 14.-17. März 1984 in Köln. Vorträge und Diskussionen; Köln Zarnecki, George (1991): Kunst der Romanik. Malerei · Plastik · Architektur; Stuttgart Zeising, Gert (1999): „Zwischen den Zeiten“ oder Zeitensprung? Eine Schnittstelle und ein Konflikt zwischen spezialwissenschaftlicher und interdisziplinärer Forschung; in Zeitensprünge 11 (3) 459-479 Dieser Beitrag wurde eingestellt unter Zeitensprünge, Fantomzeit, Artikel aus den ZS. Man kann alle Reaktionen durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können einen Kommentar hinterlassen, oder einen Trackback von Ihrer Webseite. Hinterlassen Sie einen neuen Kommentar [...]

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4. Februar 2007                     Kategorie(n): Artikel aus den ZS, Fantomzeit, Zeitensprünge

eingestellt von: Gerhard Anwander

Wibald von Stablo – Hans Constantin Faußner

Mutiger Forscher entlarvt genialen Fälscher

von Gerhard Anwander (Langfassung zum Artikel der Zeitensprünge 3/2003)

Alle gut 6000 sogenannten Königsurkunden, die vor 1122 datieren,
sind aus rechtshistorischer Sicht zwingend: Fälschungen!

Das ist die Kernaussage des Buches, das der Innsbrucker Professor der Rechtsgeschichte Hans Constantin Faußner im Sommer des Jahres 2003 über die Königsurkunden Wibalds von Stablo in seinem vierbändigen Werk vorlegte. Den ersten Band (Wibald von Stablo. Erster Teil; Einführung in die Problematik; Hildesheim 2003) würdigen wir hier ausführlich.

Faußner ist für die Diplomatik ein Quereinsteiger und deshalb prädestiniert, radikal neue Erkenntnisse zu gewinnen. Einige davon wurden den Lesern der Zeitenspringer in einem Artikel über Klöster, Karolinger und Konkordat [Anwander 2000] bereits vorgestellt; hier geht es darum, weitere davon vorzustellen und zu würdigen, auch berücksichtigen wir hier noch andere einschlägige Publikationen Faußners, insbesondere seine Schrift über den Trierer Dom- und Reliquienschatz und die Reichskrone.

Wir prüfen dabei prima vista, inwieweit sich seine Thesen mit denen über die nachchristliche Fantomzeit (614-911) vertragen. Dabei sei betont, dass Faußner kein Anhänger der Fantomzeittheorie ist, dennoch aber sich mit Forschern austauscht, die nicht seiner Meinung sind. Er wird es daher verschmerzen – über die Souveränität hierfür verfügt er ausreichend –, wenn wir seine Erkenntnisse letztlich als Stütze der Fantomzeittheorie betrachten werden.

Zur Person Wibalds von Stablo

“Wibald von Stablo und Corvey (1098-1158) ist in mancher Hinsicht eine der erstaunlichsten Persönlichkeiten des 12. Jahrhunderts. Obwohl er nur aus einer Ministerialenfamilie stammte, stieg er aufgrund seiner Bildung und seines diplomatischen Geschicks zu einem der mächtigsten Benediktineräbte seiner Zeit und zum königlichen Ratgeber und Gesandten auf.” [Stephan-Kühn 7]

So würdigt Stephan-Kühn den Mann in einer Dissertation, in der von größeren Fälscheraktivitäten noch nicht die Rede ist. In die Öffentlichkeit tritt Wibald, als er – etwa 32-jährig – am 13. April 1131 Abt in Stablo (Stavelot) wird, einem Reichskloster an der Grenze zwischen Frankreich und Deutschem Reich. (http://www.sjgybiesdorf.de/gib/3_c.htm)

Wibald arbeitet dann neben seinen vielfältigen Tätigkeiten als Abt und königlicher Berater mit seinem “Atelier für kreative Diplomatik und Schreibe- und Malkunst” [Faußner 1986; 177] für die damalige kirchlich-politische Elite u.a.: für Abt Suger zu Saint-Denis, Erzbischof Albero von Trier, die Bischöfe Embricho von Würzburg, Walter von Augsburg und Otto von Freising, sowie für und wider die Römische Kurie.

Hineingeboren wurde Wibald also in den erbittert geführten Investiturstreit, der seit Jahrzehnten tobte mit kaum zu überschätzenden Folgen für König/Kaiser, Kirche, Reich und Volk. War dieser zwar mit dem sog. Wormser Konkordat von 1122 beendet, so war dennoch die Auseinandersetzung zwischen regnum und sacerdotum über die Kirchenbesitzfrage nicht ausgestanden. Da das Fänomen Wibald nur vor diesem rechtlichen Hintergrund zu verstehen ist, holt Faußner weit aus und legt zunächst die güterrechtlichen Verhältnisse dar, wie sie sich – nach herkömmlicher Chronologie – seit den Merowingern entwickelt haben. Wir bringen seine gewichtigen Argumente hier in verkürzter Darstellung und folgen dabei seiner Gliederung. Im Anhang finden sich ergänzende Darlegungen zu den kunsthistorischen Folgen der Werke Wibalds. Übrigens: eine Abbildung von Wibald existiert offensichtlich nicht.

Die fränkische Königsurkunde

I. Zur Genesis der fränkischen Königsurkunde

1. res publica

In einem ersten Teil (Zur Genesis der fränkischen Königsurkunde) erläutert Faußner die grundsätzlichen Fragen des Bodeneigentums im römischen und im fränkischen Reich. Er betont, dass das römische Verständnis von Bodeneigentum des Staates (res publica) im fränkischen Reich noch rechtlich Bestand hatte. Danach hat der fränkische König lediglich ein Verfügungsrecht über das Staatsland auf seine Herrschaftszeit, um letztlich das Staatsvermögen an Grund und Boden, also die res publica, seinem Nachfolger ungeschmälert zu erhalten. So hatte ein Sohn eines König bei dessen Tod nur Anspruch auf seinen Erbteil am Privat- und Familienvermögen des Vaters. Nur wenn er seinerseits auf den Königsthron gesetzt wird, erhält er damit die eingeschränkte Verfügungsgewalt über die res publica (Investitur). Daher ist es einer der Unsinnigkeiten in der Rechtsgeschichte von Schenkungen des Königs zu sprechen, denn der König durfte aus dem Reservoir des Reichsgutes keinen Grund und Boden ohne Gegenleistung abgeben (s.u.).

Hier sei als kleiner Exkurs vermerkt, dass Faußner an anderer Stelle betont, dass der in den Urkunden verwendete lateinische Begriff der donatio fälschlicherweise mit Schenkung wiedergegeben wird [F 1994; 58]:

“Mir jedoch erscheint es als eine Erb-, ja Kardinalsünde nicht nur in der rechtshistorischen Literatur und Forschung, sondern in der Mediävistik schlechthin, für die Übertragung von Land und Leuten einen Rechtsbegriff wie Schenkung anzuwenden.”

Und schärfer noch: [F 1994; 59]

“Aber es naht das Ende jeglicher rechtshistorischen, ja rechtswissenschaftlichen Begriffsmethodik, wenn der feststehende Rechtsbegriff Schenkung, dem das Unentgeltliche der Zuwendung essentiell ist, auf jede Überlassung/Übertragung ohne Berücksichtigung ihrer Causa und Gegenleistung angewandt wird, indem donare mit ‘schenken’, donatio mit ‘Schenkung’ übersetzt und wiedergegeben wird.”

Die sogenannten Schenkungen des (frühen) Mittelalters sind also nach Faußner keine Überlassungen, Veräußerungen oder Hingaben ohne, sondern gerade solche mit einer Gegenleistung. Daher: wird hier in diesem Zusammenhang der Begriff Schenkung gebraucht, dann nicht im herkömmlichen Sinne als gegenleistungslose Überlassung, sondern im Sinne von Tausch und/oder Verkauf! – Nun zurück zu Wibald und zur Fränkischen Königsurkunde.

2. Herrschaftsdualismus rex – regnum

Dass das Reichsvermögen erhalten blieb, dafür sorgte der Herrschaftsdualismus von rex – regnum, gewissermaßen der Vorläufer der Gewaltenteilung zwischen Exekutive (rex, König) und Legislative (regnum, Reich). Faußner kritisiert hierzu, dass in der Literatur häufig rex und regnum als synonym erachtet werden. Das Gegenteil sei der Fall: es handelt sich hier um staatsrechtlich getrennte,

“ja rivalisierende Institutionen, die in ihrem Dualismus zusammen das Reich in seiner Gesamtheit (totius regni status) bildeten, wie heute Exekutive – Legislative mit der aus ersterer hervorgegangenen Justiz den Staatsapparat.” [F 31 f]

3. Rekognition und Rekognoszent

Das hatte zur Folge, dass der fränkische König, wollte er eine Verfügung über Reichsgut über seine Herrschaftszeit hinaus treffen, der Zustimmung des Reiches und deren Beurkundung bedurfte. Daher: [F 32]

“Dazu sei klargestellt: Traf der König eine Verfügung in beneficium und damit innerhalb seiner freien Verfügungsgewalt, wozu er keiner Zustimmung des Reiches bedurfte, so wurde darüber nicht geurkundet.”[Hervorhebungen in Fettdruck immer von G.A.]

Solche Rechte, die ausschließlich auf die Herrschaftszeit des Königs beschränkt waren und mit dessen Tod endeten und einer neuen Bestätigung bedurften, die Regalien wie z.B. Zoll-, Markt- und Münzgerechtsame, bedurften daher keiner königlichen Beurkundung, da ihre Überlassung nur in beneficium erfolgen konnte.

Exkurs: die Markt- und Münzprivilegien für Freising und Salzburg

Schon 1997 nahm Faußner – konsequenterweise und wohl begründet – stirnrunzelnd den Eifer zur Kenntnis, mit dem z.B. in Salzburg 1996 das angebliche 1000-jährige Bestehen einer von Kaiser Otto III. bestätigten Markt- und Münzprivilegienurkunde gefeiert wurde, ausgestellt für den 28.5.996; [F 1997; S. 22-38]. Das Ereignis wurde mit Ausdrücken gewürdigt wie: bedeutendstes Ereignis innerhalb der Stadtgeschichte . . . zu dem es in Österreich nichts Vergleichbares gibt.

Wibald hatte eine wortgleiche Urkunde für Freising bereits Jahre vorher anfertigen und diese sinnigerweise ausgerechnet am Tag der Krönung (22. Mai 996) Kaiser Ottos III. in Rom erteilen lassen. Vergleichbar in heutigen Zeiten wäre es, wenn man dem neu gewählten Bundespräsidenten am Tag seiner Wahl ein Rauchverbot für die Besuchertoiletten des Reichstagsgebäudes ratifizieren ließe. Beide Urkunden müssen Fälschungen sein, da aus zitierten Gründen derartige Privilegien nicht beurkundet wurden.
Rudolf Schieffer, Präsident der Monumenta Germaniae Historica (MGH), jedoch glaubt, die Echtheit der Freisinger Urkunde [F 1997; 34 f] durch den “zittrigen Duktus” eines 2,8 cm langen sog. Vollzugsstriches des jungen Kaiser belegen zu können. Diese Argumentation ist Bestandteil der sog. diplomatischen Methode, die den Primat in Urkundenfragen “echt” oder “falsch” für sich in Anspruch nimmt. Danach war der junge Kaiser, der ja das christliche Abendland in das siebte und letzte Millennium (das Sonntags-Millenium) führen wollte, am Tag seiner Krönung vermutlich so erregt, dass er den Vollziehungsstrich verzitterte. Am 28. Mai, als er sich offensichtlich wieder beruhigt hatte, gelang ihm der Strich für die Salzburger Urkunde ohne “zittrigen Duktus”, was für Schieffer wiederum die Echtheit auch der Salzburger Urkunde belegt! Wer nun glaubt, das sei eine von uns erfundene Satire, dem sei erwidert, dass wir hier zugeben müssen, von der Realsatire überholt worden zu sein: der Leser kann diese bei Faußner im Detail nachlesen.

Doch wieder zurück zum Hauptthema: Rekognition und Rekognoszent, wo nun zu vermerken ist, dass sich aus oben Dargelegtem zwingend ergibt: [F 32]

“. . . daß eine Königsurkunde nur ausgefertigt wurde, wenn eine Verfügung des Königs über Land und Leute, über Grund und Boden des Reichs- und Fiskalgutes ergangen war, zu der es des Reiches Zustimmung bedurfte, auf daß sie über den Thronfall hinaus stabilis et inconvulsa omni tempore permaneat.”

Diese Deutung lässt den sog. Rekognoszenten in einem ganz anderen Licht erscheinen. Ist für die Diplomatik der Rekognoszent der für die Ausfertigung der Königsurkunde verantwortliche Beamte, der darauf mit seiner Unterschrift die richtige, ordnungsgemäße Ausfertigung beglaubigt, so kommt diesem nach Faussner rechtlich eine andere und bedeutsame Rolle zu: [F 33 f]

“Die Rekognition im Sinne von recognoscere, überprüfen, auf Richtigkeit Punkt für Punkt durchsehen, revidieren, bezog sich nicht auf die Königsurkunde und ihre “kanzleimäßige”, korrekte Ausfertigung, sondern ausschließlich auf den darin aufgeführten Rechtsakt des Königs in materieller Hinsicht; denn der Rekognoszent überprüfte diesen im Auftrage des Reiches daraufhin, ob er dem Reich und seinem Vermögen (regni facultas) zum Vorteil und nicht zum Nachteil gereicht.” [...]

“Dem Rekognoszenten kam somit eine Aufgabe zu, wie sie in unserer Zeit einem Rechnungshof übertragen ist. Und wie der Rechnungshof der Legislative zugehört, so der Rekognoszent dem Reich, beauftragt mit der Kontrolle der exekutiven Gewalt über des Reiches Vermögen.”

Im merowingischen Regnum Francorum war mit der Rekognition ein referendarius betraut, der sich meist aus den großen Familien des Reiches rekrutierte. Ein fantomzeitlicher Referendar unter Pippin war ein gewisser Chrodegang, auch Bischof von Metz. Unter Karl dem Großen bekamen diese Männer mächtige Abteien übertragen, so Hitherius St-Martin zu Tours und Rado St-Vaast zu Arras.

Ob diese Darlegungen Faußners dadurch beeinträchtig werden, dass er Beispiele aus der Zeit bringt, die wir als ein Fantom erachten, sei dahingestellt. Die starke Rolle des Referendars kommt zumindest schon in einer Zeit zum Ausdruck, die noch davor liegt: eine zeitgenössische Königsurkundenfälschung, die einzige uns bekannte, und ihre Aufklärung im November 590 sieht als entscheidenden Zeugen nicht den König vor (hier: Childebert II.; 575-596), sondern der Referendarius Otto. Der Fälscher, Bischof Aegidius von Reims, war dadurch überführt.

4. Zulassung des Güteraustausches um 816

Um 816 verzeichnet Faußner einen Einbruch in die Reichsgutordnung. Die Voraussetzung hierfür war die Kaiserkrönung Karls des Großen in Rom Weihnachten 800, einem “welthistorischen Akt der Felonie”. Felonie ist die Verletzung der Lehenstreue von seiten des Vasallen (wie des Lehnsherrn). Bis dahin war das Regnum Francorum Teil des Imperium Romanum und der fränkische König Vasall des oströmischen Kaisers und an eine Änderung der grundlegenden römisch-rechtlichen Eigentumsverhältnisse war bis zu dieser Zeit nicht zu denken. Nun aber konnten alte Rechtsverhältnisse gelockert werden: [F 36]

“Als nun rex et regnum Francorum nicht mehr der kaiserlich-byzantinischen Gesetzgebungsgewalt unterworfen waren und auf Karl den Großen, den kaiserlichen Patriarchen, sein schwächlicher Sohn Ludwig der Fromme gefolgt war, betrieben die einflußreichen kirchlichen Vertreter die Durchsetzung der Freigabe des Gütertausches bei Reichs- und Fiskalgut. Diese angestrebte Aufhebung des gesetzlichen Verbotes, Reichs- und Fiskalgut zu veräußern, wenn auch nur im Austausch mit gleichwertigem freien Erbgut, stieß aber auf massiven Widerstand, da in konservativen weltlichen Kreisen wohl die Befürchtung bestand, nicht nur die materielle Grundlage des Reiches, der Bestand des Vermögens des Reiches, könnte ernstlich gefährdet werden, sondern auch, daß über eine intensivierte Besitzpolitik die exekutive Verfügungsgewalt der kaiserlichen Königsherrschaft, gestützt auf die Kirche, so erstarke, daß der hergebrachte Herrschaftsdualismus rex – regnum zum Nachteil des Regnum verschoben und damit die dominante Stellung der großen Familien vor allem in den Gebieten der alten Romania beeinträchtigt werde.”

Nunmehr wurde rechtlich möglich, Reichsgut gegen anderes Reichsgut zu tauschen oder gegen Privatgut, der an das Reich übertragen wurde. Diese Lockerung wurde mit einer Stärkung der Überwachung und Kontrolle der Verfügungen des Königs durch das Reich ausgeglichen, und zwar durch die Institution des Erzrekognoszenten: Der König war gehalten, zum Verantwortlichen obersten Hüter und Bewahrer des Vermögens des Reiches im Einvernehmen mit den Repräsentanten des Reiches einen ihrer angesehensten gewissermaßen zum Erzrekognoszenten zu berufen. An dessen Stelle wurde dann unter seiner persönlichen Verantwortung die Rekognition, wie bisher, von einem der dienstälteren Hofkapelläne vorgenommen. Auch das Erbrecht des Adels wurde liberalisiert: nicht nur ein Sohn konnte Reichsgut erben, sondern u.a. Töchter und Personen aus Nebenlinien ersatzweise bei Fehlen eines Sohnes.

“Dieses unter Ludwig dem Frommen zugestandene ius hereditarium am Reichsgut bestimmte dessen Rechtsordnung, das Lehenswesen, die folgenden drei Jahrhunderte, bis es gegen Mitte des 12. Jahrhunderts dem ius feodale weichen mußte, das als das ‘rechte’ Lehensrecht den auf den Sohn beschränkten Folgeanspruch, wie zu den hehren Zeiten des großen Kaisers Karl, wiederherstellte. Dies zeigt, daß bei der so starken Bindung an die überkommene Rechtsordnung mit ihrer Unveräußerlichkeit des Reichsgutes sich die Liberalisierung unter Ludwig dem Frommen in der Folgezeit nie so recht von ihrem Hautgout des Rechts- und Verfassungsbruches befreien konnte und so nach dreieinhalb Jahrhunderten zur Rückkehr zum ‘rechten’ Lehensrecht führte.” [F 38 f]

Wer der Fantomzeittheorie anhängt, wird sich hier entsprechend andere Szenarien überlegen müssen. Eines könnte sein, dass im 12. Jh. dem fiktiven frommen Ludwig und seiner Zeit von bestimmten Parteiungen das ius hereditarium angedichtet wurde, mit der Folge, dass im fiktiven 9. Jh. Frauen und Töchter – tüchtig – erben konnten. Denn – siehe unten – nachkonkordatlich gesehen, wurde dieser vormalige Frauenbesitz zu vogtfreiem Kirchengut. Das ergab sich kurioserweise dadurch, dass – ebenfalls nachkonkordatlich – mit Berufung auf Großkarl, das “alte gute Recht” wieder eingeführt wurde, das eben keine Überlassung von Reichsgut an eine Frau kannte. Also konnte Frauengut kein Reichsgut sein und war damit folglich freies Kirchengut. Ob das eher Folge eines geplanten Unternehmens war oder ob es sich um eine Kette historischer Zufälle handelte, oder eine Mischung davon, lässt sich von uns aus nicht beurteilen.

Die wichtige Abtrennung vom oströmischen Reich, die für Faußner so notwendige, oben zitierte Felonie durch die Kaiserkrönung Karls, läßt sich ebenfalls als Rückspiegelung des 12. Jhs. deuten. Wir befinden uns ja tatsächlich im Q9. Jh. also etwa 450 Jahre nach dem Beginn des Abzuges der Weströmer aus Noricum und etwa 300 Jahre nach dem Tode Justinians und ebensolche 300 Jahre nach dem Tod Theoderichs. Sollten noch im 12./Q9.Jh. unmittelbare enge rechtliche Bindungen und damit Probleme mit dem oströmischen Reich bestanden haben, könnte es notwendig gewesen sein, diese Ablösung oder Abgrenzung per “nachträglicher” kaiserlicher Krönung zu vollziehen und zu sanktionieren.

Vielleicht war dies auch im Rahmen des Investiturstreites für die eine oder andere Partei nützlich oder wichtig. Immerhin konnte es in Byzanz keinen Investiturstreit geben. Der byzantinische Herrscher war noch Oberhaupt der Kirche und die Sache damit geklärt. Spekulationen darüber, welche Partei im Investiturstreit nun ein Interesse daran hatte, dem Kaiser des Deutschen Reiches weniger Macht als dem byzantinischen zu verleihen, sind fürs Erste erlaubt; aber diese wie andere Fragen bedürfen weitergehender Untersuchungen. Zu vermuten ist nur, dass gerade die führenden Päpste im späten 11./Q8. Jh. kein Interesse daran gehabt haben dürften, dem fränkischen König eine byzantinische (kirchliche) Machtfülle zukommen zu lassen. – Doch zurück zu Faußner:

II Erzkapellan und Kanzler

Hat der Rekognoszent, wie oben geschildert, eine recht gewichtige Rolle im Rahmen des Herrschaftsdualismus, so vor allem auch die Institution des Erzkapellans, jedoch:

“Entgegen den Hand- und Lehrbüchern der Diplomatik und den Einführungen in die MGH-Editionen der Urkunden der deutschen Könige und Kaiser aber hatte der Erzkapellan mit der Urkundenausfertigung nichts zu tun, sowenig wie der Rekognoszent.” [F 40]

1. Der Erzkapellan als Nachfolger des Maiordomus

“Der Sturz der merowingischen Königsdynastie 751 durch den ersten Repräsentanten des Regnum, den Majordomus Pippin, war eine Zäsur in der Verfassungsgeschichte des Regnum Francorum.” [F 40]

Um zu verhindern, dass dem König von einem aufmüpfigen Majordomusgeschlecht zukünftig ähnliches widerfahre, wie dem Merowingerkönig, wurde von Pippin die Erblichkeit des Maiordominats ausgeschlossen, indem nun jeweils dazu ein hochangesehener Prälat berufen wurde, der den Titel archicapellanus führte. Bei der Wahl eines neuen Königs fungierte dieser Erzkapellan als erster Repräsentant des regnum und war später so etwas wie der zweite Mann im Reich nach dem König.

2. Zu den karolingischen Erzkapellanen

Hinkmar von Reims führt die ersten Inhaber des Erzkapellanats auf: es sind vorwiegend Äbte und Bischöfe aus St-Denis, Köln und Metz. Unter Ludwig dem Deutschen kommt es zur Personalunion von Erzkapellanat und dem Ehrenamt des Erzrekognoszenten. Träger dieses Doppelamtes finden sich in der Fantomzeit, wie auch im 10. Jh.

3. primatus Mogentinae sedis

Unter Heinrich I. wird der Erzbischof von Mainz Erzkapellan und in Personalunion Erzrekognoszent.

4. Das Ende des Erzkapellanats und die Schaffung des Mainzer Erzkanzleramtes

Im Deutschen Reich, begründet durch Heinrich I., wurde aus dem Dualismus rex – regnum, wie er bis dahin das regnum francorum prägte der Dualismus rex – sacerdotium, seit das Reich mehr und mehr von den Bischöfen regiert wurde, die aber machtpolitisch kein Gegengewicht zum Königtum abgaben, das sie gleichsam als geistliche Hofbeamte einsetzte.

Mit dem frühen Tod Heinrichs III. erfolgte die Wende, die auch zum Ende des Erzkapellanats führte, als Papst Urban II. auf dem großen Kreuzzugskonzil von Clermont im November 1095, die Klerikerkommendation untersagte: [F 45]

“Mit diesem Verbot der vasallitischen Kommendation für den Kleriker durfte auch der Mainzer Metropolit und Erzkapellan, der erste Vasall von König und Reich, seinem bisherigen Senior, dem König, keinen Vasallitätseid mehr leisten, um sich damit diesem durch Handgang und Treueid, hominium et sacramentum, landrechtlich als sein Mann und fidelis regni zu verbinden.”

“Da das Erzkapellanat des Mainzer Metropoliten seit Menschengedenken untrennbar mit Vasallität verbunden war, entschloß man sich, dieses nicht mehr zu verleihen und an seiner Stelle neben dem italienischen Erzkanzleramt des Kölner Erzbischofs ein deutsches Erzkanzleramt für den Mainzer zu schaffen, mit dem die bisherigen Privilegien und Prärogativen des Erzkapellanats, so auch die Erzrekognition, verbunden wurden.” [F 46]

Hier lässt Faußner Wibald von Stablo tätig werden: Er konzipiert Urkunden in denen der Titel archicancellarius für den Mainzer Erzbischof und Erzrekognoszenten bis in das 10. Jh. zurück verwandt wird.

5. Zum cancellarius in der Diplomatik

Faußner setzt sich nun mit den in der Diplomatik verwendeten Begriffen Kanzler und Kanzlei auseinander und kommt zu der Schlussfolgerung: Bei den mangelnden rechtshistorischen Kenntnissen Wibalds kommt dieser zu der unrichtigen und irreführenden Meinung, von der Personalunion des Rekognoszenten und Kanzler: [F 50]

“Und so blieb der rekognoszierende cancellarius oder notarius der Königsurkunden bis heute für die Diplomatik der eigentliche Leiter des Beurkundungsgeschäfts.”

III. Zur Ausfertigung der Königsurkunde und ihrer realen Bedeutung

1. Die Königsurkunde stets eine Empfängerausfertigung

Dies bedeutet, dass der Urkundenempfänger diese selbst anzufertigen hat, um sie dann dem König zur Beglaubigung und Besiegelung vorzulegen. Diese Meinung unterscheidet sich radikal von der der Diplomatik, dass grundsätzlich die königliche Kanzlei für die Ausfertigung zuständig war. Hierzu Faußner [F 58 f]:

“Dies aber ist einer der grundlegenden Irrtümer der Diplomatik und ihrer ‘Kanzleigeschichte’: Denn entgegen all den Hand- und Lehrbüchern der mittelalterlichen Urkundenlehre und den Einführungen der MGH-Diplomata-Editionen hatte die Kanzlei [...] nichts mit der Urkundenherstellung zu tun, sowenig wie Erzkapellan/Erzrekognoszent, Kanzler oder Rekognoszent.”

Das entbehrt nach unserer Auffassung nicht einer gewissen Logik: wenn es bei den Inhalten der Urkunden um ‘Privatanliegen’ geht, so hat der Empfänger den entsprechenden Aufwand zu betreiben. Das königliche Notariat war hingegen für Dinge zuständig, die im öffentlichen Herrschaftsinteresse lagen.

2. Der Gütertauschvertrag und das regiae auctoritatis praeceptum

Ab Ludwig dem Frommen, etwa ab 816, bestanden die Urkunden hauptsächlich aus Tauschverträgen und es bedurfte eines gewissen Rituales, des regiae auctoritatis praeceptum, bis dieses gültig war. Dabei hatten König und Kanzler abschließend zu prüfen, ob der Tausch nicht zum Nachteil des Reiches erfolgte.

3. Die geringe rechtliche Bedeutung der Königsurkunde

Lapidar bemerkt hierzu Faußner [F 65 f]:

“Diese Königsurkunden, in denen der Erwerb von Reichsgut an Land und Leuten im Wege des Gütertausches und die freie Verfügungsgewalt über dieses bestätigt wurde – und Königsurkunden anderen Inhalts gab es im Deutschen Reich nicht –, waren sehr bald bar jeglichen rechtlichen, geschweige historischen Interesses. Diese ihre Bedeutungslosigkeit beruhte vor allem auf zwei Gründen: Der eine war, daß ihre rechtliche Bedeutung nur von relativ kurzer Dauer war, da diese, auf den Erwerbsvorgang beschränkt, grundsätzlich mit Ablauf der allgemeinen Einspruchs- und Ersitzungsfristen endete, was zu Folge hatte, daß solch bedeutungslos gewordene Urkunden nur in festorganisierten Archiven von Reichskirchen aufbewahrt blieben; denn der Rechtsinhalt einer alten Königsurkunde selbst rechtfertigte grundsätzlich keine Archivierung. [...]“

“Der andere Grund für die Bedeutungslosigkeit der Königsurkunde war, daß sie sich im Deutschen Reich auf das alte Gebiet Austriens beschränkte und damit im umfangreichen alemannisch-bayerischen und sächsischen Rechtsgebiet überhaupt unbekannt war.”

Denn beispielsweise im bayerischen Rechtsgebiet wurden derartige Übertragungen in Anwesenheit des Herzogs oder Königs vorgenommen und darüber dann lediglich eine notitia angefertigt. So sind hierfür besonders aufschlussreich die Freisinger Traditionen [Bitterauf].

Aus dieser geringen rechtlichen Bedeutung folgt:

4. Die heillose Überbewertung der Königsurkunden

“Auf Grund der Herkunft der Königsurkunde beschränkte sich das Wissen um diese im Deutschen Reich zur Zeit des Wormser Konkordats mehr oder weniger auf einige kirchliche Schreibstuben mit ihren paar Formulae im alten austrischen Rheinland.” [F 69]

Nach Faußner nahm die Bedeutung der Königsurkunde seit der Karolingerzeit kontinuierlich ab und im frühen 12. Jh. wurde durchschnittlich nur noch etwa alle fünf Jahre eine solche erteilt! In diesem Zusammenhang räumt auch Faußner mit der Vorstellung auf, hohe Herrschaften des Mittelalters hätten persönlich Urkunden geschrieben und bestätigt damit eine Einschätzung von Carlrichard Brühl der auf dem Fälschungskongress der MGH in München 1986 meinte, dass ein solcher Fall ebenso unwahrscheinlich sei, wie der, dass heutzutage der Vorstandsvorsitzende eines Konzerns seine Geschäftsbriefe selbst in die Maschine oder den Computer tippt.

Die wibaldsche Königsurkunde

I. Ihre rechtliche Voraussetzung: Das Wormser Konkordat von 1122

Bis zum Konkordat hatte ein Bischof nur ein beschränktes Verfügungsrecht über das ihm vom König verliehene Kirchengut; denn die dingliche Verfügungsmacht übte im Auftrage des königlichen Kirchherrn sein Kirchenvogt aus. Beispiel: Wollte der Bischof von Freising Kirchenbesitz vertauschen, so schloss er den Tauschvertrag ab und der Vogt vollzog ihn durch Übergabe des kirchlichen Tauschgutes und Entgegennahme des dafür gegebenen Gutes. Diese Eingriffsmöglichkeit des Vogtes für das Kirchengut auszuschalten war der Hauptgrund für die Wibaldschen Königsurkunden: denn Vögte missbrauchten nicht selten die ihnen vom König übertragene Verfügungsmacht über Kirchengut dazu, davon ihren Vasallen Besitz zu überlassen. So war das Hauptziel der Wibaldschen Königsurkunden: den Nachweis der Vogtfreiheit (Immunität) für Kirchengut zu erbringen.

1. Bistum und Hochstift

Nach dem Konkordat unterteilt sich das Kirchengut in Bistum und Hochstift. Das Bistum umfasst das Kirchengut, das vogtfrei und damit in der Verfügungsgewalt des Bischofs ist. Das Hochstift umfasst das Kirchengut, das dem Bischof als Reichslehensgut (regalia regni), durch die königliche Investitur überlassen wird.

Von Gregorianischer Seite wurde diese Regelung bestritten, danach sollte der ganze kirchliche Besitz dauerhaft und der Bischof so auch gänzlich aus der Vasallenpflicht entlassen sein. Dies ließ sich aber nicht durchsetzen: der Bischof blieb königlicher Vasall, jedoch beschränkte sich die dingliche Verfügungsmach des Königs und Vogtes auf das Hochstift.

2. Die rechtliche Aufteilung des Reichskirchengutes

Mit dieser Unterteilung wurden die Güter des Bistums zu bona ecclesiastica und die des Hochstifts zu bona saecularia. Die entscheidende Frage stellte sich, nach welchen Kriterien die Aufteilung erfolgen sollte und wem die jeweilige Beweislast dafür zukam. In den Jahren nach dem Wormser Konkordat kristallisierte sich heraus, dass als bona ecclesiastica der Kirchenbesitz erachtet wurde, der bei Abschluss des Konkordates nachweisbar nicht Lehensgut des Reiches war. Aufteilung der Güter bestand schon vor dem Konkordat, war aber rechtlich irrelevant, da das gesamte Kirchengut dem Vogt dinglich unterstand. Und damit war für Wibald das rechtliche Programm für seine Königsurkunden vorgegeben.

3. Die rechtlichen Kriterien der bona ecclesiastica

Danach waren unbestritten bona ecclesiastica:

Dotationsgut, also Güter, die zur Errichtung und Unterhaltung von einem Stifter einer Kirche gegeben wurden. Als deren “notwendiges Betriebsvermögen” waren sie der Verfügungsgewalt des Vogtes entzogen.
Kapitels- oder Stiftsgut, als Sondervermögen der Bischofskirche ebenfalls dem Zugriff des Vogtes entzogen.
Zweckbestimmtes Gut: Mit der zweckbestimmten Übertragung von Reichsgut an eine Kirche verzichtete der König auf seine Verfügungsmacht und damit auch auf die seines Vertreters, des Vogtes. Der klassische Fall war das Seelgerät. (Dabei wurde jedoch als rechtlich zumindest problematisch erachtet, ob der König zu solchen Überlassungen aus Reichsgut berechtigt oder bei ihnen auf sein Privatgut beschränkt war.)
Vormaliges Frauengut: Besitz, der einmal im Eigentum einer Frau war, galt damit als aus dem Reichsgut ausgeschieden (und war damit eben automatisch vogtfreies Kirchengut). Zu dieser Rechtsauffassung [F 86]

“war es im Zuge der tiefgreifenden Veränderung gekommen, die sich im 2. Viertel des 12. Jahrhunderts in der Eigentumsordnung des Reiches vollzog, der Ablösung des seit dem Kompromiß über die Liberalisierung der Reichsgutbindung unter Ludwig dem Frommen das Lehensrecht bestimmenden ius hereditarium.”

Faußner schätzt die Konsequenzen dieser heute kurios anmutenden Regelung (s.o.), die sich auf die Zeiten Karls des Großen berief, als außerordentlich folgenreich ein, denn: [F 87]

“Dieser Wandel [...] veränderte die Eigentumsstruktur im Reich in einer kaum zu überschätzenden Weise. Gab es doch beispielsweise in der bayerischen Region kaum Besitz an Land und Leuten, der nicht schon von Frauen gehalten und vererbt worden war. . .”

Wobei aus unserer Sicht noch einmal zu konstatieren bleibt, dass dieses Frauenvererbungsrecht vermutlich eigens für die Fantomzeit erfunden wurde, um es auch wieder mithilfe Karls des Großen – zum Nutzen der Kirche – abzuschaffen.

4. Die Frage der Beweislast

Zur Frage der Beweislast gab Wibald eine geniale Antwort: [F 88]

“Nach dem Investiturstreit und dem mit ihm verbundenen Zusammenbruch der überkommenen Rechts- und Vertrauensordnung konnte die überzeugendste Form des Nachweises des Besitzerwerbes von Gütern, die die rechtlichen Kriterien bona ecclesiastica aufwiesen, und des Beweises einst erteilter Freiheiten und Gerechtigkeiten einer Kirche nur Urkunden von alten Königen und Kaisern sein, aus denen sich dies ergab. Wibald erkannte das durch die nunmehr rechtlich erfolgte Unterteilung des Kirchengutes nun Sinnvolle der Erfindung von alten Königsurkunden zur Beweisführung für die Vogtfreiheit.”

So sind heute dann z.B. routinemäßig als Fälschung zu erkennen: [F 89]

“Wenn in einer Königs- oder Hausmeierurkunde Besitz einer Frau oder von einer Frau (mit)überlassen wird, um damit den Nachweis zu führen, daß der Besitz aus dem Reichsgut ausgeschieden ist, so ist dies ein untrügliches Kriterium dafür, daß die Urkunde nach dem Wormser Konkordat konzipiert wurde; denn bis dahin vertrat stets der Ehemann den Besitz seiner Ehefrau allein.”

Faußner kommt so zu der überaus wichtigen Schlussfolgerung:: [F 89]

“So wurde durch den Rechtswandel, der zur Unterteilung des bis zum Wormser Konkordat rechtlich einheitlichen Reichskirchengutes führte, die Erfindung von Königsurkunden überhaupt erst sinnvoll. Das heißt für mich: Vor dem Wormser Konkordat von 1122 und vor der erst mit ihm herbeigeführten Unterteilung des Reichskirchengutes in vogtfreies (bona ecclesiastica) und bevogtetes (bona saecularia) wurde keine Königsurkunde für eine Kirche gefälscht, da eine Fälschung rechtlich zu nichts geführt hätte und somit zweck- und sinnlos gewesen wäre. Wird dies einmal erkannt und auch rezipiert, so entfällt auch die mühevolle und zeitaufwendige Erarbeitung und Verteidigung von Hypothesen, wann und zu welchem Zweck eine diplomatisch erkannte Fälschung vor dem 2. Viertel des 12. Jahrhunderts verfertigt wurde.”

II. Zu Wibalds Urkundenmethodik

Wibald nützte also die neue Rechtslage nach dem Konkordat aus. Alle seine Urkunden enthalten mindestens einen der oben genannten Gründe für das Kriterium für vogtfreies Kirchengut. Und nicht nur das: [F 90]

“Dazu kamen bei der völligen Unkenntnis über die Privilegienurkunde – die es ja vor Wibald nicht gab und seine Erfindung war – solche über die Überlassung von Regalien und Freiheiten, wie des Bischofs- und Vogtwahlrechts.”

1. Die Königsurkunden für die Trierer Kirche

Wibald fand im Trierer Domarchiv alte Urkunden vor, die älteste von Karl dem Großen, und nahm sich diese als Vorlage für seine Königsurkunden für die Trierer Kirche und ihren Erzbischof. Dabei sollte im Rahmen der Urkundenfälschungsproblematik gesehen werden: [F 90 f]

“Diese Erfindung von alten Königsurkunden war um so verlockender als es kein konkretes Wissen mehr über diese gab, so vor allem auch nicht bei Hof, wo sie vorgelegt werden sollten. So war das letzte Trier erteilte Diplom von 947 (D O. I. 86).”

Wibald konzipierte nun allerlei Nützliches für Trier (s.u.) in seinen Schöpfungen: Königsschutz, Immunität, Befreiung von Lasten, Ansprüche auf Klöster usw.

2. Die Merowingerurkunden

Die Abtei von Saint-Denis unterstand kirchenrechtlich zu Anfang des 12. Jhs. noch dem Bischof von Paris als Ordinarius. Das wollten Wibald und Abt Suger von St-Denis nach dem Motto ändern: uralte Rechte seien in Vergessenheit geraten und es sei an der Zeit, diese alten Rechte wieder zu aktivieren. So schuf er:

Das berühmte “Paradeoriginal” Chlodwigs II.

das mit insgesamt 49 sog. “Konsensunterschriften”, die in der Diplomatik Verwirrung stifteten, da im Gegensatz hierzu die fränkische Königsurkunde grundsätzlich keine Zeugen kennt. Trotzdem war und ist D 19 (heute D 85) das Paradestück der Merowingerurkunden schlechthin.
Zu den Papyrusurkunden von St-Denis

Um auch Papyrus als Beschreibstoff für seine Fälschungen zu erhalten, wurden vorgefundene Papyrusurkunden mit der Vorder-, d.h. mit der Textseite auf Pergament geklebt, so dass die (Papyrus-)Rückseite als scheinbare Vorderseite beschrieben werden konnte. Dies wurde erst 1844 entdeckt, da man bis dahin an Reparaturen, “Verstärkungen” u.ä. dachte. Diese Entdeckung ist dem Restaurator der ägyptischen Papyri im Louvre zu verdanken.

Urkunden zur Belegung der Vogtfreiheit

Um Kirchengut von St-Denis vom Vogt zu befreien, [F 100]

“übeschritten Suger und Wibald den Weg des Nachweises von Seelgerät und Dotationsgut; denn dieser bot sich förmlich an, nachdem die einzige zeitgenössische Quelle von Gewicht, Fredegar, überliefert, daß König Dagobert I. anno 639 in Saint-Denis starb sepultusque est in ecclesia sancti Dionensis, wobei noch festgehalten wurde, der Verstorbene habe die Kirche mit Gold und Edelsteinen ausgeschmückt, dazu weiter ausgestaltet und ihr Besitzungen (villas et possessiones multas) an verschiedenen Orten überlassen. Mehr aber findet sich bei Fredegar nicht: Weder daß Dagobert der Erbauer der Basilika war, noch daß er bestimmt hatte, hier in Saint-Denis – und nicht wie mehrere seiner Vorgänger in Saint-Germain-des-Prés – beigesetzt zu werden.”

Aber das allein war nicht hinreichend: neben den Besitzungen mit Seelgerätstatus sollten noch weitere wichtige zum Dotationsgut, also als Stiftergut dargestellt werden. Hierzu war es notwendig, König Dagobert zum Stifter und Erbauer der Basilika werden zu lassen und: [F 101]

“So verfaßte Wibald die Gesta Dagoberti I. regis Francorum und läßt darin den König die Märtyrer Dionysius, Rusticus und Eleutherius in die Nähe der Pfalz Clichy überführen, wo sie dann in der von ihm von Grund aus neuerbauten Kirche beigesetzt werden.”

Und Wibald ging auf Nummer sicher: [F 101 f]

“Auf daß sich aber nun erst gar nicht jemand zu erdreisten wage, die Neuerrichtung der Kirche durch Dagobert anzuzweifeln, macht Wibald, der in solchem niemals zurückhaltend war, hierfür Jesus Christus den Herrn zum Zeugen, indem er ihn höchstpersönlich die neue Basilika am 24. Februar 636 weihen ließ. Der Tag ist von ihm kalkuliert: Es ist der Tag des Apostels Matthias, den in Trier zu etablieren, Wibald damals am Werke ist. [...] Die Erinnerung an diesen großen, einmaligen Tag erhielt sich über Jahrhunderte: Noch 1926 wurde die Kirchweih durch Christus feierlich begangen. So endete die Kirchweih-Tradition erst, als in den zwanziger Jahren das Gemeinwesen Saint-Denis als ‘rote Stadt’ zur Vorhut des Klassenkampfes wurde und die Tradition der aufgeklärten kommunistischen Bürgermeister folgte.”

Widerlegte Illig [Illig 1996; 348 ff] die Behauptung fantomzeitlicher Baureste von Saint-Denis durch bauhistorische Argumente, so wird hier von rechtshistorischer Seite Flankenschutz gewährt: alles erfunden, um nachkonkordatlich Kirchengut zu sichern!

Nun könnte man fragen, warum nicht Überkaiser Karl hier wie sonst auch eingespannt wurde; Faußner meint, dass zu Wibalds und Sugers Zeiten Dagobert und nicht Karl der große Frankenkönig schlechthin war. Ist auszuschließen, dass der oben zitierte höchst fragwürdige Fredegar [Illig 364 f] – das einzige Geschichtswerk des 7. Jhs. – nicht auch ein Werk des Wibald ist?

3. Königsurkunden für Stablo

Als Wibald am 13. April 1131 Abt in Stablo wurde, gab es dort keine Königsurkunde. Die erste Originalurkunde für Stablo erteilte Kaiser Lothar Wibald 1136.

Aber Wibald wurde auch literarisch tätig. So verfasste er laut Faußner die Vita Remacli und schuf dazu einen Brief, worin ein früherer Abt von Stablo an den damaligen, hochangesehenen Bischof von Lüttich, Notker (972-1008) die alte Lebensbeschreibung zur Überarbeitung übersandte. Diese Lebensbeschreibung wurde mit weiteren Beiträgen zu einer Gesta episcoporum Leodensium, also einer Geschichte des Lütticher Bistums, zusammengerührt.

Wibald legte Fälschungen nicht einschichtig an, sondern er vernetzte sie kunstvoll mit anderen zur wechselseitigen Bestätigung, so dass sich für die Historiker späterer Jahrhunderte ein überzeugendes und wahrhaftiges Szenario auftat.

Es versteht sich von selbst, dass diese Geschichten opulent ausgestattet wurden: z.B. waren danach die ersten drei Bischöfe Triers Schüler des Apostel Petrus und angereichert wurde die Geschichte des Lütticher Bistums durch Stücke aus der Vita Servatii, aus Einhards Leben Karls des Großen und weiteren Viten Wibalds.

Erkannte auch die Forschung bei diesen Viten ihre historische Wertlosigkeit, so gelang es aber immerhin Wibald damit, die Datierung seiner Urkunden abzusichern. So weist auch Wattenbach-Levison Wibaldsche Urkunden dem 8. und 9. Jh. zu.

4. Die Königsurkunden für S. Servatius zu Maastricht

Wibald bemühte sich unter anderem darum, das zitierte Kloster gemäß eines “uralten” Rechtsanspruchs dem Bischof von Trier zuzuschreiben. Er konnte sich bei Konrad III. aber nicht durchsetzen und nach dem Zerwürfnis mit Bischof Albero von Trier versucht Wibald seine eigenen alten Fiktionen mit neuen wieder zu löschen. Ein Vorfall der sich laut Faußner des öfteren wiederholt: denn Wibald zerstritt sich in der Regel mit seinem Auftraggeber.

Ein weiteres Prachtstück Wibaldscher Fantasie ist die Vita Servatii, samt der dem fiktiven Autor Jocundus zugeschriebenen Translatio S. Servatii, bei der in aufschlussreicher Weise deutlich wird, wie unbekümmert zeitliche Verwerfungen bzw. Unmöglichkeiten hingenommen wurden und werden. Hierzu ein Beispiel: [F 118]

“Alagraevus, ein Kleriker aus Jerusalem, sei vor einigen Jahren nach Maastricht gekommen und habe von der hl. Anna, der Großmutter Christi, und der Esmeria, der Urgroßmutter des Servatius, erzählt, daß sie Schwestern seien, und habe ein Schriftstück darüber in Maastricht niedergelegt. Auf einem Reichstag in Mainz sei dann unter Anwesenheit des Kaisers und Papstes ein Streit über die Herkunft des Heiligen ausgebrochen und zufällig anwesende griechische Gesandte hätten den Inhalt jenes Schreibens als wahr bestätigt. Ein Vergleich mit Methusalem und dergleichen mehr genügt zur Beseitigung des Abstandes von Jahrhunderten.”

Die Translation ließ Wibald prächtig arrangieren: Danach habe Karl der Große erfahren, dass sein Sieg über die Sarazenen am Tag dieses Heiligen erfochten ward! Wunder geschahen! König Heinrich und Kaiser Otto I. wurden dank Wibald Verehrer von Servatius! Und: eines Tages wollen listig-böse Sachsen die Leiche nach Quedlinburg entführen, aber – des Nebels in der Fremde offensichtlich ungewohnt – macht sie Nebel an der Weser so verwirrt, dass die tapferen Maastrichter ihre kostbare Reliquie doch wieder zurückholen können. Das erinnert an die sog. Freisinger Nebelwunder, die bewirkten, dass böse Ungarn im 10. Jh. den – nicht existenten – Freisinger Dom nicht anzünden konnten. Wibald war 1139 auch in Freising für Bischof Otto – dem großen mittelalterlichen Geschichtsschreiber – tätig; das lässt Rückschlüsse auch auf die Wahrhaftigkeit dieser Texte zu.

Wibald griff sozusagen auch nach den Sternen: um der römischen Kurie ihren Hegemonialanspruch zu bestreiten, sprach Wibald dem Nachfolger Petri die Schlüsselgewalt ab und dem Servatius zu, war doch dieser schließlich mit Jesus persönlich verwandt (Vetternwirtschaft im Himmel?)! In dieser Vita, wie sonst auch, lässt Wibald sein literarisches Wissen schwadronierend einfließen: Sallust, Horaz und Persius werden gebraucht, Hexameter verwendet usw.

5. Zur Arbeitsmethodik Wibalds

Fand Wibald eine Königsurkunde in einem Kirchenarchiv vor, wurde diese als Vorlage genommen, eine entsprechende Urkunde für den Abt oder Bischof konzipiert. Nachdem dieser die Urkunde schreiben ließ, ließ sich Wibald davon eine Abschrift fertigen und die Originalvorlage vernichten. Gab es Fehler beim Abschreiben, setzten diese sich fort und so entstanden ganze ‘Familien’ von Urkunden mit ähnlichen oder gleichen Fehlern. Besonders bei falschen Jahresangaben führte dies zu Verwirrungen, die den Historikern wiederum Kopfzerbrechen bereiteten und bereiten.

III. Geprägt von Wibalds Freund- und Feindschaften

Wibald hatte von sich eine sehr hohe Meinung, wie das u.a. aus Urkunden von Stablo und Corvey hervorgeht, die er quasi an sich selbst gerichtet hat. Wurde seine hohe Selbsteinschätzung verletzt, kam es zum Krach und Wibald verfolgte mit alttestamentarischem Hass seine einstigen Mäzene und Auftraggeber und er hatte diese Hochs und Tiefs mit Partnern wie: [F 125]

“Diese hohe Selbsteinschätzung Wibalds machte ihn äußerst empfindlich, wenn er sich nicht gebührend gewürdigt, übergangen oder gar verletzt glaubte. Dann schlug sich dies in förmlich alttestamentarische haßerfüllte Wut und Rachsucht nieder und er setzte alles daran, seinem nunmehrigen Todfeind das wieder zunichte zu machen und möglichst in sein Gegenteil zu wandeln, was er bis dahin für ihn bewirkt und geschaffen hatte.
Zu solchen Zerwürfnissen kam Wibald gerade mit seinen beiden mäzenatischen größten Auftraggebern der dreißiger Jahre, Abt Suger von Saint-Denis und Erzbischof Albero von Trier, wie auch mit den Bischöfen Emicho von Würzburg, Hartmann von Brixen, Burchard von Straßburg und Walter von Augsburg und mit Arnold von Selenhofen, dem Kanzler und späteren Mainzer Erzbischof und Erzkanzler.”

1. Abt Suger von Saint-Denis (1122-1151)

“Think big” müssen sich die beiden gesagt haben, als sie ihre Zusammenarbeit begannen. Suger hatte eine entsprechende Vision: [F 126]

“Saint-Denis, Haupt aller Kirchen des Frankenreiches, sein Abt aller Prälaten Primas”

Um Dionysius, den Titelheiligen der Abtei St-Denis und damit diese selbst aufzuwerten, verfasste Wibald unter der Autorenschaft des berühmten Venantius Fortunatus die Passio sanctorum martyrum Dionisii, Rvstici et Elevtherii. Da diese ihm bald zu schlicht war, schrieb er eine neue passio, in der er seinen Märtyrer-Dionysius mit dem gleichnamigen Paulusschüler aus Athen, Dionysius Areopagita, identifizierte. Um die Glaubwürdigkeit der Geschichte und ihrer Datierung abzusichern, konstruierte er wieder ein Geschichtennetzwerk: So lässt er Abt Hildwin von St-Denis Kaiser Ludwig den Frommen die Identität beider bestätigen mit der Folge: im 13. Jh. war Dionysius als der unbestrittene Nationalheilige Frankreichs anerkannt.

“Zu der Popularität der Wibaldschen Dionysius-Legende dürfte vor allem der so publikumswirksame Einfall Wibalds beigetragen haben, Dionysius sein abgeschlagenes Haupt auf eigenen Händen von der Richtstätte zu seiner Grablege tragen zu lassen, wie er dies dann im Versmaß Hrotsvitha von Gandersheim beschreiben ließ:” [F 129]

Dionysius gelangte dank solcher Förderung unter die 14 Nothelfer und hilft sinnigerweise bei Kopfschmerzen.

Wibald

Fast nebenbei lässt Faußner wichtige Dinge einfließen, wie den Befund, dass Wibald unter der Pseudo-Autorenschaft Hrotsvitha von Gandersheim die passio Sancti Dionisii egregii martiris verfasste. Wie sich dies mit der von Tamerl vertretenen Auffassung verträgt, dass die Hrotsvitha von Caritas Pirkheimer stammt, arrangiert von einem, gar dem Wibald vergleichbaren Mann namens Konrad Pickel, genannt Celtis, diskutieren wir später. Zunächst bleibt zu vermuten, dass die beiden sozusagen im Kloster Emmeram zu Regensburg aufeinandertrafen: Celtis könnte dort Schriften der Wibald-Hrotsvith samt der zit. passio aufgefunden haben; denn Wibald hatte sich gen Regensburg gewandt, als er sich mit Suger überwarf.Dionysius sollte einer der Patrone neben St. Emmeram im gleichnamigen Kloster werden und hier für Wunder sorgen. Wibald schuf nun Texte, nach denen die Identität des Dionysius Areopagita mit dem Märtyrer in Paris (s.o.) nicht mehr aufrechterhalten wurde. Vor allem aber war Wibald bemüht, die von ihm begründete Vogtfreiheit des Besitzes von Saint-Denis weitgehend zu Fall zu bringen, indem nicht mehr Dagobert der Stifter der Basilika war, sondern die hl. Genovefa. Parallel hierzu war er bemüht, das Ansehen des Königsklosters St-Germain-des-Prés zu heben, um St-Denis in dessen Schatten stellen zu können.

Um St-Denis nun wirklich ins Mark zu treffen, setzte Wibald alles daran, St-Denis die Gebeine des heiligen Patrons literarisch zu entführen. So wollte er sie zunächst nach Gandersheim transferieren. Da aber dürfte die dortige Äbtissin Luitgard II. nicht mitgezogen haben. So kam es, dass sich Wibald mit Abt Engelfrid von St. Emmeram vor Regensburg (1129-1142) arrangierte. Das Ziel, dass die Übertragung der Gebeine von St-Denis nach Regensburg anerkannt werde, war zwar schwierig zu erreichen, aber nicht aussichtslos, wie die jahrhundertelange Diskussion darüber zeigt. So wurden zwei Translationsberichte gefertigt, die belegten, dass Dionysius nicht mehr in St-Denis sondern in St. Emmeram in corpore ruht. Noch in den dreißiger Jahren des 20. Jhs. wunderten sich Fachleute über diese “gänzlich unwahre Erzählung”.

Wibald aber war nicht nur Literat, er sorgte im Rahmen seiner Netzwerkstrategie auch mit bildender Kunst dafür, dass seinen literarischen Schöpfungen geglaubt wurde: [F 135 f]

“Und so ließen Wibald und Abt Engilfrid es sich auch nicht nehmen, zur Stützung der grotesken ‘Translation’ des hl. Dionysius von Saint-Denis nach St. Emmeram, in der Vorhalle zu St. Emmeram drei etwas über einen Meter hohe Steinplatten mit den Figuren Christus, Emmeram und Dionysius anzubringen, am Schemel Christi das Brustbild des Abtes Reginward mit der Umschrift:

Wibald

Abba Reginwardus hoc fore iussit opus, [Abt Reginward gab den Auftrag zu diesem Werk] . . . Da durch die Wibaldsche Stifterinschrift die Entstehungszeit der hochbedeutenden Figuren unwiderlegbar feststeht, so kommt Wibald das Verdienst zu, für die Kunstgeschichte ‘die ältesten, bekannt gewordenen Steinbildwerke Süddeutschlands, die man dem romanischen Stil zuschreibt’, veranlaßt zu haben.”

Im Anhang 1 werden diese drei Steinfiguren eingehender gewürdigt.

Wieder präsentiert Faußner fast beiläufig weitere Sensationen: So, dass die 28 Bronzeplatten von San Zeno vor Verona ursprünglich ein Auftrag Sugers für das nördliche Seitenportal des Neubaus in St-Denis waren. Auch der hochberühmte Codex Aureus war ein Auftrag von Suger an Wibald für St-Denis. Nach dem Zerwürfnis nahm ihm Wibald aus der Goldschmiedewerkstatt des Einbandes an sich und überließ ihn St. Emmeram. Heute zählt der prachtvoll verzierte Vorderdeckel zu den “wesentlichsten und kostbarsten Stücke[n] spätkarolingischer Goldschmiedekunst” [Schindler 90], die sich in bayerischen Klöstern erhalten haben. (Siehe hierzu Anhang 2). Die Kunstgeschichte datiert hier brav fantomzeitlich bzw. folgt unkritisch den Erkenntnissen der Historiker und kennt auch die Auftraggeber genau: [dazu Schindler 92]

“Der Codex aureus ist um 870 von den Brüdern Berengar und Liuthar für den König Karl den Kahlen in Reims geschrieben worden. König Arnulf hat ihn 893 nach St. Emmeram in Regensburg gebracht, in dessen Bibliothek er bis zur Säkularisation verblieben ist. Zu wenig beachtet werden meist die Stilunterschiede seiner Malerei und Goldschmiedearbeit. . .”

Bei diesen Geschichten aus dem Regensburger St. Emmeram sei der Leser auch daran erinnert, was Illig und Anwander an greifbaren Spuren im Boden aus der Fantomzeit dort gefunden haben, nämlich das Arno Schmidsche: NichtsNiemandNirgendsNie [Illig/Anwander S. 496-505].

Doch folgen wir dem rührigen Wibald weiter und betrachten seine Zusammenarbeit mit:

2. Erzbischof Albero von Trier (1131-1152)

In Hochform präsentiert sich Wibald in seiner Zusammenarbeit (und späterer Gegnerschaft) mit Erzbischof Albero und wieder wird es historisch wie kulturhistorisch interessant. Wir schildern hier die besonders markanten Ereignisse, von denen manche bis heute nachwirken.
Wibald gelingt 1139 die vielleicht politisch bedeutendste Leistung für Erzbischof Albero und die Trierer Kirche: er bewirkte, dass König Konrad III. die Reichsabtei St. Maximin vor Trier dem Bistum überließ. Darin lag aber auch schon der schnell keimende Same des Zwistes: denn Wibald hatte sich offensichtlich Hoffnungen auf den Abtsposten gemacht. Als sich diese nicht erfüllten, wurde Wibald zum erbittertsten Feind des Bischofs und es geschieht das, was sich in ähnlicher Form mit Abt Suger und St-Denis tat und in anderen Fällen wiederholen sollte.

So werden von uns nun jeweils Errichtung und Demontage der Wibaldschen Schöpfungen anhand der einzelnen Aktionen geschildert. Es beginnt mit dem zit. Kloster St. Maximin, das er dem Trierer Erzbischof wieder abzunehmen gedenkt: [F 138]

“Erwies Wibald mit Erfolg St. Maximin mit DD Merov. 33, Pip.36 und KdG. 226 als uraltes Eigenkloster der Trierer Kirche, auf ihrem Grund und Boden errichtet, so konzipierte er nun nach dem Zerwürfnis an die 60 [!] Urkunden von 20 Königen und Kaisern für St. Maximin und gegen die Domkirche.”

Hier scheint es uns als Vertreter der Fantomzeittheorie geboten, darauf hinzuweisen, dass (nicht nur) hier die Urkunden beider Parteiungen als Fälschungen erwiesen sind! Vermutet der Mensch bei Streitfällen des Alltages wie der Geschichte doch zunächst, dass einer der beiden Sachverhalte der Wahrheit entspricht, bzw. dass es einen “Guten” und einen “Bösen” geben muss und ein Richter oder die Forschung habe die Aufgabe, die Wahrheit herauszufinden. Denkt man so bei Streitigkeiten die sich in der Fantomzeit zugetragen haben sollen, dann bleibt automatisch immer eine “Bestätigung” für die Existenz dieser Zeit, egal welcher Partei man nun Recht gibt. Da uns aber Wibald dank Faußner mit aller wünschenswerten Deutlichkeit zeigt, dass die Dokumente beider Seiten gefälscht sein können, wird die Fantomzeit nicht widerlegt, sondern bestätigt, da der ganze Streit eben erst Jahrhunderte später stattfand.

Besondere Beachtung verdienen nun die Wibaldschen Aktivitäten für ein besonders ehrwürdiges Kulturdenkmal:

Der Trierer Dom- und Reliquienschatz

“Die Dienstleistungen, die Wibald seinen Mitbrüdern im Herrn, den hohen geistlichen Herren, zu bieten hatte, beschränkten sich keineswegs auf die Urkundenfertigung, sondern umfaßten auch die Beschaffung hochwertigsten Kunsthandwerkes, wie von Prachtwerken der Buchmalerei, Elfenbeinplastik und Goldschmiedekunst, des Bronzegusses und der Freskomalerei, aber vor allem auch von literarisch abgedeckten hochkarätigen Reliquien, deren Besitz entscheidend honor et gloria, Rang und Ansehen einer Kirche mitbestimmte.

So beschaffte Wibald für Erzbischof Albero und die Trierer Domkirche die bis heute bedeutsamste Reliquie in deutschen Landen: den Heiligen Rock, zu dem 1996 zum dritten Mal im 20. Jahrhundert wieder abertausende gläubige Menschen nach Trier wallfahrteten. Und es war wohl vor allem Wibalds Idee, den Trierer Erzbischof Egbert (977-993) zum großen Kunstmäzen und Auftraggeber werden zu lassen, in dessen von ihm betreuten Werkstatt die Prachtstücke des Domschatzes, wie der Andreas-Tragaltar, die Hülse für den Kreuznagel und die Hülle für den Petrusstab entstanden.” [F 139]

Es folgen die schon geschilderten Wibaldschen Netzwerkmaßnahmen und Wibald erdichtet für Trier eine Doppelvita der Helena und des Agritius: [F 140]

“Mit der Doppelvita s. Helenae et s. Agritii hatte er die Grund- und Ausgangslage für den Reliquienschatz geschaffen. Für Kaiserinmutter Helena, Triers große getreue Tochter, war es selbstverständlich, als Patriarch Agritius vom Patriarchensitz Antiochien, der selbst älter war als Rom, nach Trier wechselte, eine hervorragende Kollektion von Reliquien zusammenzustellen und in einem Schrein [s. Anhang 3] dem abreisebereiten Patriarchen sub Christi testimonio anzuvertrauen, um ihn nach Trier zu verbringen.”

Zur Erinnerung: Helena ist die Mutter Konstantins des Großen, um 257 geboren, 336 gestorben, stammte aus einfachen Verhältnissen und war im Konkubinat mit Constantius I., dem Vater Konstantins, verbunden. Sie wurde durch ihren Sohn zum Christentum bekehrt und soll in Jerusalem das Kreuz Christi aufgefunden haben. Die Erzeugung Konstantins wird im Trierer Kaiserpalast gesehen und war Helena bei Wibald zunächst eine höchst ehrwürdige Kaiserinmutter, die dem Bistum den Großteil Triers vermachte, samt dem Kaiserpalast, der dann Bischofskirche wurde, so riss er sein kunstvoll errichtetes Legendengebäude nach dem Zerwürfnis wieder ein, u.a., indem er aus der edlen und bekehrten Kaisermutter Helena eine Lebedame werden ließ: [F 140]

“Dazu verfaßte er eine neue Vita s. Helenae, gewissermaßen eine Gegenvita, zu deren Autor er einen Mönch Altmann aus dem Kloster Hautevillers (D. Reims) macht und ihn im Vorwort versichern lässt, er sei von Erzbischof Hinkmar (845-882) angewiesen worden, die Vita zu verfassen und sich dazu um Nachrichten über Helena zu bemühen. Wibald legt es gezielt und geschickt darauf an, Altmanns Vita als die einzige Quelle für die Doppelvita erscheinen zu lassen, um damit deren inhaltlichen Abweichungen zu Erdichtungen und Fälschungen ihres Verfassers zu machen.”

Altmann weiß auch nichts zu berichten von einer Entsendung eines Patriarchen Agritius nach Trier, [F 141]

“sowenig wie über einen Trierer Bischof dieses Namens, geschweige denn über diesen als Überbringer eines Schreins Helenas mit Reliquien. Wohl aber hat Altmann Kenntnis erlangt von einem Schrein, den Helena für Trier bestimmte: In diesem befand sich aber außer Märtyrer-Reliquien nur das Abendmahlmesser des Herrn, eine Reliquie, die in Trier bereits verehrt wurde und dessen Besitz sich das Kloster St. Maximin [!] zur hohen Ehre anrechnet. Aber zu allem Unglück versank der Schrein dann auf seinem Transport bei einem Schiffbruch in dem Doubs bei Besancon und konnte erst viele Jahre später, und auch dann nur unter größten Schwierigkeiten, geborgen werden, worauf die Reliquien zum Teil nach Besancon gelangten.”

Man könnte sich fragen, was bewundernswerter an diesen Erfindungen ist: die Wibaldsche Perfidie oder die Wibaldsche Fantasie.

Die Forschung betrachtete nun die erste Vita gerade deshalb als nicht erfunden, weil eine Frau die Schenkung tätigte und nicht der Kaiser selbst, was doch viel zweckmäßiger für den Beschenkten sei. Dem hält Faußner natürlich zu recht [F 1986; 181] entgegen, dass es gerade umgekehrt ist: Aufgrund der (oben zit.) vor- und nachkonkordatlichen rechtlichen Gegebenheiten, hätte es weder vorher noch nachher eine Schenkung durch einen Mann geben können. Vor dem Konkordat nicht, weil der Kaiser kein Staatseigentum verschenken konnte, und nachher nicht, weil sonst die Schenkung Reichsgut und eben nicht Kirchengut geworden wäre. Also bleibt nur eine Frau als Spenderin übrig und das wird erst nach 1122 sinnvoll.
Aber der Virtuose Wibald konnte noch zulegen: zunächst lässt er in der zit. Doppelvita die Helena noch Gebeine des Apostels Matthias in Jerusalem finden und nach Trier in einen Schrein bringen. Und wie der Zufall so spielt: bei der Erbauung des neuen St. Euchariusklosters werden diese am 1. September 1127 wieder aufgefunden. So kommt Trier zum: [F 141]

Ruhme des einzigen Apostelgrabes im nördlichen Europa. Literarisch wird dies mit einer Vita und einer Inventio s. Mathiae eines Mönches Lambertus aus Lüttich unterlegt.”

Nach dem Zerwürfnis konterkariert er diesen Ruhm für Trier, indem er die Materialien stattdessen in Goslar ankommen lässt, [F 141 f]

“dazu auch das Haupt des hl. Servatius, um der Gefahr zu begegnen, daß dieses mit dem Maastrichter Stift doch noch Albero anheimfalle. So ließ er diese Reliquien durch Kaiser Heinrich III. nach seiner Lieblingsgründung, dem Domstift St. Simon und Juda zu Goslar, verbracht haben.”

Wibald vernetzt das wieder mit Urkunden und Dokumenten, u.a. mit einem Chronicon S. Simonis et Iudae Goslariense. Auch gibt und nimmt er nach Faußner noch den Trierer Kreuznagel und im Falle St. Goar werden Pippin und Karl der Große bemüht. Zuerst wird eine Vita des hl. Goar verfasst: dieser gründet eine Mönchsgemeinschaft mit Grundeigentum, das Otto III. Trier überlässt. Dann aber: [F 144]

“Nach dem Zerwürfnis mit Albero lässt Wibald 765 Pippin cella sancti Goaris an das Kloster Prüm übertragen und dies Karl den Großen bestätigen.”

Und weil er nun die Trierer Bischöfe regelrecht hasst, unterstellt er mithilfe des hl. Goar dem Trierer Bischof Rusticus noch eine Sexaffäre. Das schadet dem aber nicht: im 14. Jh. wird er dennoch heiliggesprochen. – Es mag einem schwindlig werden ob dieses vielen Schwindels.

3. Bischof Embricho von Würzburg (1127-1146)

In Würzburg wiederholt sich der Vorgang von Trier in verkürzter Weise. Akt I: Wibald verschafft Würzburg Abteien und Reliquien. Dabei lässt er den Vertrauten Karls des Großen, Einhard, das Benediktinerkloster Seligenstadt a. Main gründen und dafür durch seinen Notar Ratleic die entsprechenden Reliquien in Rom direkt aus der Katakombe rauben. Diese Aktion minderte die Reputation des Einhard bei Historikern, aber sie war für Wibald notwendig, da durch diese Art der Beschaffung sichergestellt war, dass die Reliquien “echt” sind.

Aber nach dem üblichen Bruch – Akt II – mit Embricho gelingt es ihm “natürlich”, die von Ratleic gestohlenen hochwichtigen Reliquien dem Kloster Seligenstadt wieder “abzunehmen” und zwar mithilfe der Geschichte von der Translatio SS. Tiburtii, Marcellini et Petri ad S. Medardum: [F 148]

“Dieser ist zu entnehmen, daß ein Großteil der Reliquien, die Einhard in Rom durch seinen Sekretär Ratleic an sich gebracht hatte, diesem auf der Rückreise entwendet und in das Medarduskloster nach Soissons mit den Gebeinen des S. Tiburtius, die auch aus der Katakombe ‘inter duos lauros‘ kamen, verbracht wurden, wie ein Mönch des Klosters erzählte. Damit erlitten die Reliquien für Seligenstadt das nämliche Schicksal wie einst die im Schrein der hl. Helena für Trier: Sie kamen erst einmal am Bestimmungsort überhaupt nicht an, da sie unterwegs verloren gingen. Wibald arbeitete nicht ungern nach dem gleichen, verständlichen Strickmuster.”

Und er rehabilitiert Einhard, wobei offen bleiben mag, welche Beweggründe er sonst noch dafür hatte (s.u.): [F 148]

“Vor allem aber leistet Wibald Einhard gewissermaßen Wiedergutmachung dafür, seine Reputation für die Nachwelt durch die erdichtete römische Grabräuberei belastet zu haben, indem er ihn als Verfasser der Vita Karoli Magni, die er am Vorbild Suetons orientierte, zu höchstem Ruhm als Geschichtsschreiber gelangen lässt.”

Offen bleibt, ob Wibald hier den schon in der Geschichtsdichtung (wir sind im 12. Jh.) vorhandenen Einhard benutzt, oder ob er ihn gar selbst erfunden hat. Es bestätigt sich hier die Einschätzung Illigs [345 f; 375 f], dass Einhard ein Kind des 12. Jahrhunderts sein müsse. Auch würde sich mit der Formel: Wibald – der Verfasser der Vita Karoli Magni, ein altes Rätsel der Karlsforschung lösen, nämlich das, warum einerseits überliefert ist: Karl der Große habe seine Krönung schon 799 mit Papst Leo III. fest geplant, andererseits aber: Karl wäre zur Krönung fast gezwungen worden. Zumindest hätte er die Kirche an jenem Tag des Weihnachtsfestes 800 nicht betreten, wenn er die Absichten des Papstes im voraus gekannt hätte! Die zweite, deutlich antipäpstliche Fassung, stammt von Einhard und wäre somit hier als Werk eines Wibald zu deuten, der seinen antikurialen Affekten (s.u.) nachgibt, indem er den großen Karl als Gegner einer päpstlichen Kaiserkrönung darstellt.

Es bestätigt sich damit die Vermutung der Karlsskeptiker, dass der große Karl von zwei konkurrierenden Parteien aufgebaut und benutzt wurde: von der eben zitierten papstfeindlichen Gruppe, vertreten u.a. von Einhard/Wibald und klerikalen, romtreuen Kreisen. Zudem lässt sich mit Illigs Vermutungen [374 ff] wieder ein Bogen zu Abt Suger/Wibald und deren Fälschungen schlagen, wenn man konstatiert, dass Pseudo-Turpin ein Werk namens Historia Caroli Magni verfasste, der Einhards Karlsbiografie beigefügt ist; es hat sich immerhin in einem Konvolut in St-Denis erhalten! Den mit Einhard/Wibald zusammenhängenden Fäden und Verwicklungen wird noch nachzugehen sein: zunächst verdanken wir hier Faussner wichtige Erklärungsansätze zum Fänomen Einhard-Großkarl, dank der Klärung des Fänomens Wibald.

4. Die Bischöfe Hartmann von Brixen (1140-1164),
Walter von Augsburg (1133-1152) und
Burchard von Straßburg (1141-1162)

“Wibald lieferte zunächst Hartmann den urkundlichen Nachweis, daß Disentis seit alters ein Brixener Eigenkloster ist, und Walter, daß Benediktbeuern ein Augsburger Eigenkloster, und dann nach dem Zerwürfnis, daß die beiden Klöster stets Reichsabteien waren und auch blieben.” [F 148]

Ähnliches passiert mit Burchard von Straßburg: Wibald gibt und nimmt in bekannter Manier.

5. Für und wider die Römische Kurie

Auch hier das Wechselspiel von Gunst und Hass: zunächst wird das sog. Privilegium Ottonianum zugunsten der Römischen Kirche verfasst. Es ist eine Zusammenstellung früherer “Schenkungen” an die Kirche von Pippin und Karl dem Großen mit dem beträchtlichen Umfang u.a.: [F 150]

“Stadt und Dukat von Rom, Stadt und Exarchat von Ravenna mit der Emilia, die Pentapolis und die Sabina, die Herzogtümer Spoleto und Benevent mit Patrimonien im südlichen Italien samt den Städten Neapel, Gaeta und Fondi.”

In der Geschichtsforschung gilt das Ottonianum als eine der wirkungsvollsten, wiewohl widersprüchlichsten und umstrittensten Urkunden des Mittelalters. Als es im Zusammenhang mit Trier zum Hasse Wibalds auf Papst Innozenz II. kam, versuchte Wibald, “ein Ottonianum” für die Römische Kirche wieder zu entwerten. Er lässt Kaiser Otto III. eine Urkunde ausfertigen, in der die Constantinische Schenkung als Lügengespinst bezeichnet wird und dass ebenso Lüge sei, dass ein gewisser Karl (der Große) dem hl. Petrus Staatsgebiet geschenkt habe, da Karl selbst nichts habe rechtsverbindlich schenken können!

Hrotsvitha von Gandersheim. Die Taten Ottos I.

Hrotsvitha von Gandersheim ist Lesern der Zeitensprünge bekannt, dank ihrer Entmystifizierung durch Alfred Tamerl. Dieser wies nach, wie oben kurz erwähnt, dass die Dramen der Dame (sie stehen literaturwissenschaftlich gesehen ebenso einsam im 10. Jh., wie baugeschichtlich gesehen die Pfalzkapelle von Großkarl im späten 8. Jh.), nicht von einer Autorin des 10. Jhs. stammen können. Nach ihm wurden z.B. die Dramen von der Nonne und späteren Äbtissin eines Nürnberger Frauenklosters Caritas Pirkheimer um 1500 verfasst; ihr Bruder war Willibald Pirkheimer, der zum Kreis der Nürnberger Humanisten um Dürer und Conrad Celtis zählt. Dieser hatte offensichtlich das Arrangement vorgenommen und so ergibt sich – die Mitautorschaft Wibalds einmal unterstellt – folgendes Szenario: Celtis “entdeckte” Schriften der Wibald-Hrotsvitha, wie z.B. die passio Sancti Dionisii egregii martiris, im Kloster St. Emmeram zu Regensburg, ergänzte sie mit den Werken der Caritas und vielleicht mit solchen aus eigener Hand und ließ sie in Druck gehen. Die heute in München in der Bayerischen Staatsbibliothek aufbewahrte Handschrift muss weder als eine des 10. Jhs., noch als eine des 12. Jhs. gesehen werden. Celtis jedenfalls näherte sich dieser Schrift nicht unbedingt mit Ehrfurcht: [Tamerl 130].

“Er radierte, er überschrieb Wörter, verbesserte nach Gutdünken, als handle es sich um eine fehlerhafte Schülerarbeit – und das in einer [angeblichen] Handschrift des 10. Jahrhunderts, die nicht einmal ihm gehörte, für deren Entlehnung das Stift von St. Emmeram einen schriftlichen Beleg ausstellte!” [...]

“Daß Celtis so viele Jahre nach der Auffindung des Kodex, kurz vor seiner Drucklegung, an dem Text herumkorrigierte, scheint zweierlei nahezulegen: Der Text stammt nicht aus seiner Feder, und er wurde erst zwischen dem Zeitpunkt der angeblichen Auffindung (1492 oder 1493) und 1501, der Zeit der Drucklegung, in seine endgültige Fassung gebracht.”

Doch zurück zu Wibald: Er dichtet Otto I. zu Ehren ein Epos in 1517 Versen unter der Autorschaft Hrotsvitha von Gandersheim. Hier findet die Kaiserkrönung Otto I. von 962 großen Raum. Um den Anschein der “Echtheit” zu steigern, umrankt er – wie gehabt – dieses Epos mit weiteren Erfindungen, mit der gewünschten Wirkung bis heutzutage: [F 154 f]

“In der Zeit der Verbundenheit mit Erzbischof Albero und der Römischen Kurie, in der Wibald das Ottonianum für diese verfertigte, verfaßte er zur Verherrlichung Ottos I. und seiner Kaiserkrönung ein Epos in 1517 Versen unter dem Pseudonym Hrotsvitha von Gandersheim, dem er zwei Prologe voranstellte, den zweiten gerichtet an Sohn Otto nach dessen Kaiserkrönung 967. Um der Schrift die gewünschte Authentizität zu verschaffen, ergibt sich aus der Präfation, daß Hrotsvitha von ihrer Äbtissin Gerberga von Gandersheim, einer Nichte Kaiser Ottos, Tochter seines Bruders Heinrich, Herzog von Bayern, aufgefordert wurde, die Taten des Kaisers in einem Epos darzustellen. Dazu läßt Wibald die Verfasserin über die Schwierigkeiten klagen, die sie bei der Beschaffung des Materials zu überwinden hatte: ‘Mir boten sich nämlich keine älteren Chronikfunde, noch gab mir jemand genaue mündliche Kunde. Ich ging wie einer, der ohne führende Hand durch einen großen Wald geht, der ihm unbekannt.’ Und sie endet mit der Widmung: ‘Euch und Eurem Vertrauten, dem Erzbischof Wilhelm, dem Ihr diesen unbeholfenen Versuch wollet zeigen, sei er zu eigen.’ Damit hat bis heute niemand Veranlassung gehabt, an der Authentizität zu zweifeln.

Nach dem Zerwürfnis mit Erzbischof Albero und der Römischen Kurie war es für Wibald ein selbstverständliches Anliegen, einen Gegenschrift gegen Hrotsviths Gesta Oddonis mit der Verherrlichung der päpstlichen Kaiserkrönung der beiden Ottonen zu verfassen. Aber die große Schwierigkeit war, wie er ja Hrotsvitha bereits bewegt beklagen ließ, das weitgehende Fehlen von Quellen zur Ottonenzeit, die sich mehr oder weniger neben der Annalistik auf die Fortsetzung der Chronik Reginos von Prüm durch Adalbert von Weißenburg bis 967 und die Geschichtsschreibung Liutprands von Cremona beschränkten. Da kam nun Wibald ein großer Glücksfall zu Hilfe:

Frutolfs Weltchronik

Nach Faußner stellt Bischof Egilbert von Bamberg anfangs der 40er Wibald Frutolfs Weltchronik zur Verfügung, die im Kloster Michelsberg verwahrt wurde. [F 156]

“Mit Frutolfs Chronik hatte Wibald das Unterlagenmaterial für die frühe Ottonenzeit, das ihm bisher fehlte.”

Wibald verfasst nun unter dem Namen eines Corveyer Mönches namens Widukind eine Sachsengeschichte in drei Büchern: [F 156 f]

“Dazu läßt Wibald an einer Reihe von Stellen durchblicken, daß Widukind noch bei Lebzeiten Kaiser Ottos schrieb. Um die Datierung aber noch weiter abzusichern, erhielt jedes der drei Bücher als Vorrede eine Widmungsadresse an Ottos des Großen Tochter Mathilde, die 966 als etwa Elfjährige Äbtissin von Quedlinburg wurde, so wie der zweite Prolog von Hrotsviths Gesta an deren Bruder Otto gerichtet war. Mit dieser Datierung, die noch niemals angezweifelt wurde, erreichte Wibald, daß er in seiner Sachsengeschichte des Widukind von Corvey Thietmars und Frutolfs Chroniken ausschreiben konnte und dabei Widukind für die Geschichtswissenschaft zum Ausgeschriebenen wurde.”

Entscheidend für Wibald war, dass in dieser Sachsengeschichte des Widukind der Papst und die Kaiserkrönung Ottos I. durch den Papst mit keinem Wort erwähnt werden, ebenso nicht die päpstliche Krönung Karls des Großen!

Bei Tamerl [18 f] ist auch nachzulesen, dass die Fachwelt die Zusammenhänge zwischen der gesta oddonis und der Sachsengeschichte des Widukind kontrovers diskutiert hat: eine Gruppe war der Meinung, Hrotsvitha habe von Widukind abgeschrieben, eine andere vertrat die Gegenmeinung: Hrotsvitha gebühre der Vorrang, denn Widukind habe ihre Schriften als Vorlage benutzt. Nun wäre des Rätsels plausible Lösung, dass beide Texte aus eine Hand geflossen sind: Wibald war der Autor unter zuhilfenahme von Frutolfs Weltchronik.

Neben Widukinds Sachsengeschichte verfasste Wibald noch die Vita Brunonis, die ebenfalls heute noch als zeitgenössisches Quellenwerk des 10. Jhs. gilt. Der darin waltende Kölner Erzbischof Bruno wird von Wibald zum moralischen Gegenpart des verhassten, machtbesessenen Bischofs Albero von Trier aufgebaut.

IV Wibald von Stablo, das anonyme Phänomen

Dazu Faussner: [F 168]

“Das Phänomen, daß ein Abt Wibald von Stablo auf den Gedanken kommen konnte, staatskirchliche Probleme von Reichskirchen im Geiste der gregorianischen libertas ecclesiae mit der Erfindung von Urkunden von Königen und Kaisern der letzten fünf Jahrhunderte zu lösen, hatte aus meiner Sicht:

1. Die drei entscheidenden Voraussetzungen”

Drei Voraussetzungen mussten danach zusammentreffen, um das Fänomen Wibald entstehen zu lassen:

  • die schlechten allgemeinen und speziellen Geschichtskenntnisse seiner mittelalterlichen Zeitgenossen;
  • die nachkonkordatliche rechtliche Situation, die die Erfindung von Königsurkunden erst jetzt sinnvoll machte und
  • der

“Zeitgeist in den ersten Jahrzehnten nach dem Investiturstreit, in dem sich die beiden höchsten Autoritäten auf Erden durch ihre intellektuellen Pamphletisten gegenseitig so herabwürdigten, daß darüber die überkommene Wert- und Rechtsordnung zusammenbrach, und dies beim Volk eine Sehnen und Suchen nach der alten, heilen, redlichen Welt der Würde und des Rechtes auslöste, wie es sich diese zu Zeiten des großen Kaiser Karls vorstellte, bei den Gregorianern aber das Streben, über die libertas ecclesiae einer hierokratischen Weltordnung näherzukommen.” [F 169]

2. Wibald, der Konsulent und Lobbyist

Das “Filzfänomen” Wibald, wie es sich im Fall Cambrai nochmals darstellte [F 174 f], fand mit der Herrschaft Friedrich Barbarossas sein Ende.

3. Übersicht über die Wibaldschen Königsurkunden bis Lothar III.
FRANKREICH
REIMS
Reims 19
Soissons 18
Beauvais 14
Noyon 4
Tournai 17
Senlis 1
Arras 4
Thérouanne 19
Amiens 26
Châlons 32
Laon 2
Summe 156
ROUEN
Rouen 13
Sees 1
Summe 14
SENS
Sens 20
Orléans 28
Chartres 4
Paris und St-Denis 238
Meaux 3
Troyes 14
Auxerre 27
Nevers 12
Summe 346
TOURS
Tours 63
Angers 36
Le Mans 63
Nantes 8
St-Malo 1
Summe 171
BOURGES
Bourges 5
Limoges 22
Clermont 5
Le Puy 7
Albi 2
Rodez 5
Cahors 2
Summe 48
BORDEAUX
Bordeaux 2
Poitiers 24
Angoulême 1
Summe 27
NARBONNE
Narbonne 23
Carcassonne 35
Elne 20
Toulouse 4
Agde 3
Béziers 7
Maguelone 21
Nimes 4
Uzès 2
Summe 119
TARRAGONA
Gerona 22
Seo de Urgel 8
Barcelona 4
Summe 34
FRANKREICH insgesamt:
Reims 156
Rouen 14
Sens 346
Tours 171
Bourges 48
Bordeaux 27
Narbonne 119
Tarragona 34
Summe Frankreich 915
BURGUND
ARLES
Arles 5
Marseille 8
Avignon 8
Orange 1
St-Paul 5
Summe 27
AIX
Aix 1
Sisteron 1
Summe 2
VIENNE
Vienne 53
Grenoble 1
Valence 2
Viviers 6
Summe 62
LYON
Lyon 47
Mâcon 39
Chalon 23
Autun 36
Langres 40
Summe 185
TARENTAISE
Tarentaise 1
Sitten 8
Summe 9
BESANCON
Besancon 17
Basel 58
Lausanne 31
Summe 106
BURGUND insgesamt:
Arles 27
Aix 2
Vienne 62
Lyon 185
Tarrentaise 9
Besancon 106
Summe Burgund 391
DEUTSCHES REICH
TRIER
Trier 245
Metz 71
Toul 51
Verdun 39
Summe 406
REIMS
Cambrai 63
KÖLN
Köln 94
Lüttich 186
Utrecht 74
Minden 31
Münster 8
Osnabrück 30
Summe 423
BREMEN-HAMBURG
Bremen 41
Bistümer 2
Summe 43
MAINZ
Mainz 273
Worms 80
Speyer 96
Straßburg 104
Konstanz 248
Chur 66
Augsburg 31
Eichstätt 47
Bamberg 144
Würzburg 192
Halberstadt 96
Hildesheim 90
Verden 27
Paderborn 140
Olmütz
Summe 1635
MAGDEBURG
Magdeburg 158
Havelberg 1
Brandenburg 3
Meissen 30
Merseburg 33
Naumburg 28
Summe 253
SALZBURG
Salzburg 97
Gurk 15
Passau 149
Regensburg 109
Freising 66
Brixen 40
Summe 476
AQUILEJA
Trient 2
DEUTSCHES REICH insgesamt
Trier 406
Reims 63
Köln 423
Bremen-Hamburg 43
Mainz 1635
Magdeburg 253
Salzburg 476
Aquileja 2
Summe Deutsches Reich 3301
ITALIEN
AQUILEJA
Aquileja 52
Triest 5
Capodistria 2
Cittanova 2
Parenzo 4
Belluno 6
Ceneda 5
Concordia 8
Treviso 38
Padua 24
Vicenza 9
Verona 77
Mantua 26
Como 36
Summe 294
GRADO
Grado 3
Venedig 34
Summe 37
MAILAND
Mailand 33
Turin 11
Ivrea 18
Asti 20
Novara 25
Vercelli 37
Pavia 106
Bergamo 33
Brescia 54
Lodi 5
Cremona 55
Tortona 5
Acqui 6
Savona 4
Summe 412
GENUA
Genua 1
Brugnato 4
Bobbio 24
Summe 29
RAVENNA
Ravenna 27
Adria 2
Ferrara 4
Comacchio 13
Bologna 10
Imola 2
Forlimpopoli 1
Faenza 1
Modena 48
Reggio 39
Parma 64
Piacenza 94
Summe 305
ROM
Lucca 34
Luni 4
Pisa 13
Pistoia 7
Florenz 22
Fiesole 8
Arezzo 60
Siena 3
Volterra 13
Chiusi 26
Summe 190
Camerino 1
Foligno 1
Fermo 5
Ascoli Piceno 6
Penne 19
Chieti 1
Summe 33
Rimini 1
Fano 1
Massa Marittima 2
Viterbo 1
Narni 1
Perugia 2
Citta di Castello 8
Benevent 10
Summe 26
Rom 2
Subiaco 3
Farfa 62
Montecassino 36
Barrea 6
Isernia 27
Summe 136
Regnum Normannorum
Casterta 1
Salerno 3
Capua 1
Melfi 4
Summe 9
Summe Rom 394
ITALIEN Insgesamt:
Aquileja 294
Grado 37
Mailand 412
Genua 29
Ravenna 305
Rom 394
Summe 1471
SUMMA SUMMARUM
Frankreich 915
Burgund 391
Deutsches Reich 3301
Italien 1471
Gesamtsumme 6078
4. Der geringe zeitgenössische Erfolg und seine Gründe

Die sechstausend Urkunden Wibalds hatten wenig zeitgenössischen Erfolg. Manchmal wurde ihr überraschendes Auftauchen misstrauisch betrachtet und Wibald erlangte unter Lothars III. allmächtigem Erzkanzler Adalbert (-1137) keine einzige Bestätigung. Auch war ein Mangel, dass er nicht für die Institutionen schrieb, sondern für bestimmte Personen wie z.B. Bischöfe (starben diese, wanderten die Urkunden in die Truhe). Auch musste der jeweilige Reichskanzler mitziehen usw.

Aber gerade ihre allgemein schlechte Durchsetzung führte dazu, dass sie aufbewahrt wurden, im Gegensatz zu Urkunden, deren Regelungen in der Praxis bereits unanfechtbar waren und daher nicht weiter mehr aufbewahrt werden mussten. Vor Wibald bzw. vor dem 12. Jh. gibt es laut Faußner daher auch keine kopial überlieferte Königsurkunde: [F 195]

“Damit stellt sich für mich nicht die Frage des discrimen veri ac falsi zu Urkunden, die vor dem 12. Jh. datiert sind: Abgesehen von den Merowingerurkunden von Saint-Denis sind sie alle Fälschungen im diplomatischen Sprachgebrauch, zu denen sich aber nun die Frage stellt, wieweit sie von Wibald konzipiert und in welchem Umfange ihre Fertigung von ihm betreut wurde oder ob es sich um spätere Fälschungen in Anlehnung an Wibaldsche Urkunden handelt, wie beispielsweise die nach seinem und Ottos von Freising Tode gefertigten Freisinger Urkunden. Die diplomatische Kardinalfrage echt oder falsch wandelt sich zur rechtshistorischen Frage: Was sollte mit der Urkundenfälschung rechtlich bezweckt und erreicht werden, und zur Frage an den Diplomatiker: Wie wurde die Urkunde gefertigt, nach welchen Vorlagen und Einflüssen?”

Eine Frage, die wiederholt und zeitlich umfassender in den Arbeiten der Zeitenspringer gestellt wurde und wird und nicht nur bezüglich der Königsurkunden, sondern aller Urkunden und Schriften, die insbesondere die Zeit zwischen 614 und 911 betreffen.

Zum Quellenwert der Wibaldschen Königsurkunden

Den – sicher nicht geplanten – Haupterfolg erzielten seine Urkunden im 19. und 20. Jahrhundert bei der Diplomatik, die die Datierungen übernahm und als das interpretierten, was sie laut Fälscher sein sollten. Dennoch haben diese Urkunden ihren wichtigen historischen Wert: [F 196]

“Sind auch die von Wibald konzipierten Königsurkunden für die Rechts- und Verfassungsgeschichte bis Lothar III. [1137] illusorisch, so vermitteln aber die sechstausend Urkunden der Empfängerreihen in einzigartiger Weise von 140 Domkirchen und ihren Kapiteln und über 600 Klöstern und Stiftern in Deutschland, Frankreich, Burgund und Reichsitalien ihre tatsächliche Rechtsproblematik im 2. Drittel des 12. Jahrhunderts: Jede Urkunde zeigt letztendlich ein aktuelles Rechtsproblem mit seiner vom Empfänger erstrebten Lösung auf. Und dies verdanken wir ausschließlich Wibald von Stablo, dem anonymen Phänomen.

Schlussbemerkungen

Man sieht, Faußner räumt konsequent – ohne Vorsatz – auch die Fantomzeit aus. Was wird an Quellen für die Geschichtsschreibung für diese und spätere Zeiten noch übrig bleiben, wenn man die Spuren dieser Urkunden und der sonstigen Werke (Einhard!) aus der Geschichtsschreibung getilgt hat?
Im Detail mag jeweils offen bleiben, wie vollständig und korrekt die Enthüllung des Wibaldschen Fälschungsnetzwerkes bisher gelang; bewundernswert ist allein schon die Tatsache, dass es überhaupt gelungen ist, diesem Täter auf die Spur zu kommen. Dafür sei dem scharfsinnigen und unerschrockenen Forscher gedankt, der die ihm teure Diplomatik – ohne Vorsatz – in Verlegenheit bringt und die Stützung der Fantomzeitthese in Kauf nimmt.

Faußner ist hier als Mann zu sehen, der in der großen Tradition der Aufklärung steht. In einer Epoche, in der Fundamentalismen aller Art in Orient und Okzident bedrohlich zunehmen, sollten aufklärerische Nüchternheit und historisch-kritischer Verstand stärker denn je gepflegt werden. Faußner erinnert an August Ludwig von Schlözer (1735-1809) und Adam Naruszewiczs (1733-1796) [Heinsohn 2003, 137-149]: Entgegen hochherrschaftlicher Wünsche nach möglichst langer und edler Geschichte verwarfen sie die polnische Fantomzeit schon im 18. Jh. als Erfindung. Ebenso müssten Forscher sich den Aachener Karls-Verehrern verweigern, die sich so offensichtlich einen gekrönten Gewaltherrscher als Ur- und Leitbild für die Europäische Union wünschen.

Literatur

Anwander, Gerhard (2000): ‘Von Klöstern, Karolingern und Konkordat’; in: Zeitensprünge 12 (4) 680-709
– (2003): Wibald von Stablo – Constantin Faußner. Mutiger Forscher entlarvt genialen Fälscher; in Zeitensprünge 15 (3) 518-524
Bitterauf, Theodor (Hg. 1905/09): Die Traditionen des Hochstifts Freising. I. Band (744-926); München
Denkmäler in Bayern. Ensembles · Baudenkmäler · Archäologische (Boden-)Denkmäler, herausgegeben von Generalkonservator Prof. Dr. Michael Petzet, Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege, eine auf 111 Bände veranschlagte Publikationsreihe (= DiB)
– III.37 (1997): Stadt Regensburg; von Anke Borgmeyer, Achim Hubel, Andreas Tillmann, Angelika Wellnhofer; Regensburg
DiB siehe Denkmäler in Bayern
F. = Faußner, Hans Constantin (2003): Wibald von Stablo. Erster Teil; Einführung in die Problematik; Hildesheim (Erster von vier Bänden)
– (1986): Wibald von Stablo, der Trierer Dom- und Reliquienschatz und die Reichskrone; Innsbruck
– (1994): Zur Liegenschaftsübertragung in der Baioaria provincia. Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte; 111. Band Germanistische Abteilung; Wien-Köln
– (1997): Königsurkunden-Fälschungen Wibalds von Stablo im bayerisch-österreichischen Rechtsgebiet. Sigmaringen
Heinsohn, Gunnar (2003): ‘Die Streichung der polnischen “Karolinger”: Adam Naruszewiczs bereits 1780 erfolgte Eliminierung der lechiadischen und lescidischen Könige aus Polens Frühmittelalter’; in: Zeitensprünge 15 (1) 137-149
Illig, Heribert (1996): Das erfundene Mittelalter; Düsseldorf
Illig, Heribert / Anwander, Gerhard (2002): Bayern und die Phantomzeit; Gräfelfing
Schaller, Hans Martin: Die Wiener Reichskrone – entstanden unter König Konrad III. In: Schriften zur staufischen Geschichte und Kunst Band 16; Hrsg. von der Gesellschaft für staufische Geschichte e. V. Göppingen 1997
Schindler, Herbert: Große Bayerische Kunstgeschichte. Teil I; München 1997
Stephan-Kühn (1973): Wibald als Abt von Stablo und Corvey und im Dienste Konrads III. Köln 1973
Stiegemann / Wemhoff (Hrsg.), (1999): 799 | Kunst und Kultur der Karolingerzeit. Karl der Große und Papst Leo III. in Paderborn. Drei Katalogbände; Mainz
Strobel / Weis: Romanik in Altbayern. Würzburg 1994
Tamerl, Alfred (1999): Hrotsvith von Gandersheim. Eine Entmystifizierung; Gräfelfing
Zeitensprünge; Interdisziplinäres Bulletin (vorm. “Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart”); Gräfelfing

Anhang: Wibald von Stablo und “seine” Kunstwerke

Wir bringen hier eine ausführlichere Diskussion zu einigen prominenten Kunstwerken, die uns gemäß Faußner Wibald von Stablo vermittelt und hinterlassen hat. Einige davon genießen sogar höchste Wertschätzung wie z.B. die sog. Reichskrone in Wien. Wir prüfen u.a. ob die kunstgeschichtlichen Einschätzungen, die darüber bisher angestellt worden sind, auch eine Neudatierung in das 12. Jh. zulassen würden.

Anhang 1: die drei Steinplastiken zu St. Emmeram in Regensburg

St. Emmeram, Vorhalle: St. Dionysius

Nach Faußner ließ Wibald anfangs der 40er Jahre diese Steinfiguren anfertigen (s.o.) und dem Abt Reginward (1048-1059/60) als Auftraggeber zur Datierung unterschieben. Die Denkmäler in Bayern beschreiben die Figuren ohne Argwohn: [DiB; Stadt Regensburg 202]

“Drei Kalksteinreliefs mit fast vollrunden Figuren in breiter Umrahmung sind den mittleren und seitlichen Wandstücken eingepaßt, verbunden durch ein Gesims, das als oberer Abschluß des Türsturzes durchgezogen ist. Dargestellt ist der thronende Christus Salvator zwischen den sich zu ihm hinwendenden Standfiguren der hll. Emmeram und Dionysius. Diese blockhaften Figuren scheinen die frühesten in situ erhaltenen Portalfiguren in Deutschland zu sein; stilistisch weisen sie auf Vorbilder der Elfenbein- und Goldschmiedekunst. Die Steinoberfläche ist gut erhalten; lediglich die aus dem 19. Jh. stammende farbige Fassung ist weitgehend verloren.”

Wibald
St. Emmeram, Vorhalle: Christus

Im Gegensatz zu dieser Beschreibung herrscht zumindest bezüglich der Figur des Emmeramer Dionysius ein gewisses Misstrauen bei Strobel/Weis: [54 f.]

“In St. Emmeram behauptete man seit dem frühen 11. Jahrhundert, nicht das Kloster St. Denis bei Paris besäße die Gebeine des heiligen Dionysius Areopagita, sondern St. Emmeram selber, nachdem sie unter Kaiser Arnulf entwendet und dann nach Regensburg zusammen mit dem Codex Aureus und dem Arnulfziborium geschenkt worden seien. Wieder in Vergessenheit geraten, hätte man sie 1049 neu gefunden, was zum Anlaß genommen wurde, um dem Heiligen einen würdigen Kultraum zu errichten. Aber man sah sich dem Mißtrauen und der Kritik anderer Kleriker ausgesetzt, weil schriftliche Beweise gefehlt hätten. Da kam wieder ein (inszenierter) Glücksfall zu Hilfe. Noch im selben Jahr 1049 habe man beim Abbruch der Kirchenwestmauer drei Steine mit einschlägigen Inschriften gefunden, die die Echtheit der Gebeine aufs schönste bestätigt hätten. Allerdings wurden auch diese Steine schon gleich – in Emmeramer Sicht aus Neid – als Fälschungen verdächtigt. Damit nicht genug. Zu Ende des Jahrhunderts werden gefälschte Diplome bzw. Privilegien lanciert, die alte Behauptungen wiederholen und damit die Exemtion, angeblich bereits unter Karl dem Großen erfolgt, anstreben. Dies scheint als eigentlicher Grund dahinterzustecken: Man wollte mit denselben Ansprüchen wie St. Denis auftreten, versuchte sich selbst als von Kaisern und Königen reich beschenkt darzustellen, wozu auch der Hinweis auf kaiserliche und königliche Grablegen über die tatsächliche Zahl hinaus gehören, wollte sozusagen ein St. Denis für Deutschland sein. Dabei gab es nicht zuletzt Schwierigkeiten der Glaubwürdigkeit, als man 1052 zu den Feierlichkeiten der Einweihung von Dionysiuschor und Wolfgangskrypta schritt. Papst Leo IX. hatte für St. Denis 1049 den Besitz der Reliquien Dionysii bestätigt; er hätte das gleiche nicht nochmals für die St. Emmeramer tun können. So verlegte sich der Eifer in St. Emmeram 1052 ganz auf die Erhebung und Translation der Gebeine des heiligen Wolfgang in die neuerbaute Krypta, ohne daß von der gewünschten St-Denis-Rolle die Rede war. Dennoch waren sichtbare Zeichen gesetzt: Am Portal konnte man schon bald das Bildnis des heiligen Dionysius erblicken, und der ihm geweihte Chor verkündet von den damaligen Bestrebungen. Die facettenreiche Klostergeschichte von St. Emmeram zur Mitte des 11. Jahrhunderts ist wegen dieser dem Mittelalter geläufigen Anstrengungen um Reliquienbesitz von Bedeutung.”

Daneben finden die Plastiken auch eine kritische Würdigung, was ihren künstlerischen Rang anbelangt, dennoch werden sie auch gefeiert, aber als das, was sie nicht sein können, als: “Ausdruck für das Kunstwollen der ottonischen Zeit”, so in der Großen Bayerischen Kunstgeschichte: [Schindler; 107]

“Auf den ersten Blick erscheinen uns diese Plastiken – der thronende Christus vor allem – noch als Relieffiguren, die ihre Herkunft aus der Kleinplastik, der Goldschmiedewerkstatt, [Wibald war häufiger Auftraggeber in Goldschmiedewerkstätten s.u.] nicht verleugnen können. [...] Daß dieser Griff auf das Monumentale nicht ohne barbarische Härten erfolgt, daß etwa die Körperbeschreibung durchgehend sehr streng und summarisch ist und auf jegliche Akzentuierung der Glieder oder einer Bewegung verzichtet, ist nur kennzeichnend für das Kunstwollen der ottonischen Zeit, das man mit einem der frühen vorklassischen Stufe der griechischen Kunst entsprechenden Begriff ‘archaisch’ nennen darf. Die Körper sind spulenhaft starr, die Arme wirken wie angepreßt, die Beine verharren im Block, in einer starken Flächenspannung, als hätte der Bildhauer eine Metalltreibearbeit auszuführen, die an den vortretenden Teilen reißen könnte. Aber die Köpfe, vorab die seitlich gewendeten, sind schon in einem gewissen Maße lebendig und wach. Und farbig sind die Figürchen auch.”

Wibald
St. Emmeram, Vorhalle: St. Emmeram

Wibald und Abt Engilfrid v. St. Emmeram haben gute Arbeit leisten lassen. Das Werk wird von der Wissenschaft für die zugedachte Zeit akzeptiert. Verwandtschaften werden von Schindler lediglich in der “Altarretabel aus Basel im Cluny-Museum zu Paris” gesehen. Was unserer Ansicht nach jedoch nicht passt, ist der Vergleich mit der archaischen griechischen Kunst. Diese hat bekanntlich eine eher magische Ausstrahlung (wie auch die echte romanische Plastik), die Figuren hier wirken hingegen ungelenk, unbeholfen, um nicht zu sagen: beschränkt, was möglicherweise beabsichtigt war. Denn hätte der Bildhauer auf dem hohem Niveau der Entstehungszeit gearbeitet (Mitte 12. Jh.), dann wäre das den Zeitgenossen sicherlich aufgefallen und es hätte schon vorhandenen Verdacht weiter genährt. Wir vermuten auch, dass eine Zuschreibung dieser Plastiken in das 11. Jh. auf rein kunsthistorischer Basis nicht so ohne weiteres hätte erfolgen können, da Vergleichbares offensichtlich nicht vorliegt und eine entsprechende zeitliche Einordnung daher kaum möglich. Hier hat sich wiederum die Kunstgeschichte den chronologischen Vorstellungen Absichten untergeordnet. Das gilt auch für ein nächstes Beispiel den Codex Aureus von St. Emmeram:

Anhang 2: Der Codex aureus

Auch der hochberühmte Codex Aureus von St. Emmeram ist nach Faußner eine Arbeit aus Wibalds Atelier, im Auftrage von Abt Suger für seine Abtei Saint-Denis. Nach dem Zerwürfnis mit Suger nahm Wibald den Codex mit seinen noch nicht fertigem Prunkeinband an sich und überließ ihn Abt Engilfrid von St. Emmeram (s.o.). Heute zählt der prachtvoll verzierte Vorderdeckel zu den “wesentlichsten und kostbarsten Stücke[n] spätkarolingischer Goldschmiedekunst” [Schindler 90], die sich in bayerischen Klöstern erhalten haben. Sehen wir wieder nach, wie das Werk von der Kunstgeschichte beurteilt wird und ob es sich wirklich stilistisch in das späte 9. Jh. einordnen lässt: [Schindler 90 f]

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Codex aureus; Einbanddeckel

“Die Christusdarstellung auf dem Buchdeckel des Codex aureus, eine Goldtreibearbeit des Jahres 870, möchten wir als eine für den Zeitstil typische [!] Arbeit herausgreifen. Christus schwebt über der Schnittstelle zweier Kreise, er scheint in einer seltsamen körperlichen Verrenkung auf der Weltkugel zu balancieren. In den kühnen Faltenstrudeln des Gewandes, der fahrigen Energie der Geste, umhüllt von dem blitzenden Lichtglanz des Goldes, spricht dieser jugendliche Christus wie in einer Vision zu uns. Der explosive Gefühlsgehalt der Darstellung zeigt sich noch in den Sternzeichen, die als Füllsel in die Ecken des Deckels eingesetzt sind. Die flankierenden Reliefs der vier Evangelisten wirken im gleichen Sinn maniriert, aktiv und bedeutsam. Das Gewand modelliert den Körper, wirkt oft wie angeklatscht oder löst sich unvermittelt in flatternden Zipfeln. Alles ist auf ausdrucksvolle Bewegtheit, Flüssigkeit, ja Eleganz der Aktion angelegt. In der Szene mit der Vertreibung der Händler aus dem Tempel glaubt man sich an die beredsamen und figurenreichen Reliefs römischer Triumphsäulen erinnert, die der Meister vielleicht gekannt hat. Sehr im Gegensatz zu diesem flachen, malerische Wirkungen anstrebenden Reliefstil steht die Rahmenform mit ihren turmartig erhöhten Steinfassungen, ihrem symmetrisch angeordneten, geradezu mit Sammlerstolz ausgebreiteten Prunk.”

Wieder lassen sich vor dem Hintergrund der von Faußner postulierten Entstehung des Werkes viele der oben genannten Beschreibungsdetails auch neu deuten. Man kann diese Beschreibungen unkritisch als das sehen, was sie zu sein vorgeben: als eine Hymne auf die hohe und virtuose Kunst spätkarolingischer Goldschmiede – deren Niveau natürlich, wie bei allen sog. karolingischen Impulsen, erst Jahrhunderte später wieder erreicht wird! Aber auch als das, von dem Faußner ausgeht: ein virtuoser Künstler der dreißiger Jahre des 12. Jhs. schafft nach der Konzeption von Wibald den Codex, der durch ein ganzseitiges Bild Karls des Kahlen, Laienabt von St-Denis, auf 870 datiert wird, und lässt seiner Fantasie freien Lauf: So wirkt das Werk:

  • “maniriert” (primär im Abendland eine Bezeichnung für den – unklassischen – Stil zwischen 1530 und 1600); mit:
  • “seltsamen körperlichen Verrenkungen”; es gibt:
  • “kühne Faltenstrudel”; das Gewand wirkt:
  • “wie angeklatscht”; es gibt:
  • “Bewegtheit, Flüssigkeit, ja Eleganz der Aktion” und natürlich: karolingische Renaissance, weil es an:
  • “römische Triumphsäulen” erinnert.
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Welch ein Konstrast zu den eben betrachteten unbeholfenen “frühromanischen” Steinplastiken, die dennoch der – hier – hochgerühmten Goldschmiedetradition entstammen sollen. Es bestätigt sich zunächst die Einschätzung von Illig, dass die karolingische Buchmalerei von der ottonischen nicht zu unterscheiden sei [Illig; 305-319]; Faußner weist mit seinen Vermutungen über Wibald noch darüber hinaus, wenn er behauptet (mündliche Mitteilung), dass alle derartigen Codices Produkte der Wibaldwerkstatt des 12. Jhs. seien. (Faußner wird in absehbarer Zeit einen Überblick über die Prachtcodices aus rechtshistorischer Sicht geben.) Der chronologisch-stilistisch kaum zu ordnende Wirrwar, den die Werke der Buchmalerei darstellen, lässt auch diese Deutung zu. Vielleicht stellt sich noch einmal heraus, dass der geistige Vater des “Leonardo” der Buchmalerei des 10. Jhs., des Meisters des Registrum Gregorii, unser Wibald ist.

Anhang 3: Das Elfenbeinrelief im Trierer Domschatz

Um die oben zitierten legendären “Wahrheiten” in Sachen Trier, Kaiserinmutter Helena, Konstantin und Reliquien, weiter abzusichern, beließ es Wibald nicht nur bei der Erdichtung von Hagiografien, sondern er bemühte auch das Kunsthandwerk [Faußner 1986; 194]:

“Sicherlich hat es Wibald und Erzbischof Albero verlockt, einen kunstvollen Helenaschrein fertigen zu lassen. Aber da man damit unter Umständen in Widersprüche zu der konzipierten Überlieferungsversion der einzelnen Reliquien geraten wäre, so vor allem mit den Gebeinen des Apostels Matthias und ihrer Wiederauffindung im Euchariuskloster, sah man davon ab. Dennoch war aber eine bildhafte Darstellung der Verbringung des Schreins in den Dom nicht zu umgehen, wobei auch gleichzeitig der Pallium-Usus der Trierer Bischöfe seit Petrus’ Zeiten eindrucksvoll vor Augen geführt werden konnte. So wurde ein Elfenbeinreliquienkästchen in Auftrag gegeben, dessen Längswand mit dem Relief (13,1 zu 26,1 cm) sich seit den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts wieder im Trierer Domschatz befindet, nachdem die Platte in den Säkularisationswirren in Privatbesitz gelangt war, jedoch vom Trierer Domkapitel aus St. Petersburg zurückerworben werden konnte.Die in vielschichtigem Relief ungewöhnlich hoch geschnittene Platte zeigt auf der linken Seite einen vierrädrigen Maultierwagen mit Kutscher, im Fond Patriarch Agritius mit einem weiteren hohen Kirchenwürdenträger, beide mit dem Pallium angetan und gemeinsam den Reliquienschrein auf den Knien haltend. Die Seitenwand des Wagens ist verziert mit dem Relief der uns so gut bekannten drei Gestalten mit Tunika und Pallium, der Trierer Trinität der drei ersten Bischöfe Eucharius, Valerius und Maternus. Dem Wagen voran schreitet Kaiser Constantin mit Hofwürdenträgern, Kerzen in den Händen, auf die dreischiffige Basilika zu, wo Kaiserin-Mutter Helena den Zug mit dem Stabkreuz empfängt, während einige Dachdecker noch die letzten Ziegel dem Neubau auflegen. Zuschauer drängen sich unter, vor und über den Arkaden im Hintergrund, in den Fenstern erblickt man – wie könnte es bei der Schwäche Wibalds für den Volksgesang anders sein – Singende, die Weihrauchfässer schwingen.

Von der Darstellung und der so realistischen Aussage her, die Wibald damit machen wollte, ist das Relief ein wahres Meisterwerk, das für die Trierer Tradition wohl liebenswerteste. Umsomehr überrascht, ja beunruhigt zutiefst der kunstgeschichtliche Forschungsstand, wenn ein solcher Begriff hier überhaupt am Platze ist.”

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Betrachtet man dieses Werk, ohne die Entstehungsgeschichte zu kennen, mutet dem Kunstliebhaber manches an: ein bisschen spätrömisch-antik, dafür aber etwas zu ungelenk, daher doch lieber mittelalterlich, aber mit einem Schuß Byzanz . . . ? Man ahnt so vielleicht, dass sich auch die Fachleute schwer tun. Die entsprechenden Einschätzungen wurden von Faußner zusammengestellt und wir präsentieren sie hier: [1986; 195 f; die entsprechenden Literaturverweise Faußners in den Zitaten wurden hier wie andernorts der Übersichtlichkeit halber weggelassen]

“1889 beschreibt Sauerland das Relieftäfelchen und deutet seine Darstellung unter Hinweis auf P. Beissel als die Verbringung des Helenaschreins nach Trier. Ebenso stellt dann 1936 Ludwig Kösters von der “in Trier aufbewahrten Elfenbeintafel (etwa 5./8. Jahrh.)” fest, daß “deren Bildwerk nur die unter Helena erfolgte Überbringung des Schreins mit Christusreliquien nach Trier bezeichnen kann.” Weitere zwanzig Jahre später ist dann aber im Katalog der Ausstellung ‘Werdendes Abendland an Rhein und Ruhr’ zu lesen: ‘Neuerdings glaubt Pelekanidis, die Szene als Darstellung der Übertragung der Reliquien der hll. Joseph und Zacharias in die alte Hagia Sophia, vom Jahre 415, nachweisen zu können. Das Kaiserpaar ist dann Theodosius II. und seine Schwester Pulcheria. An der Entstehung in justinianischer Zeit wäre dabei festzuhalten. Die fast freiplastische Gestaltungsweise erinnert an die

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Kaiserinnenbilder in Wien und Florenz.’ Ein Jahr später schreibt Hermann Schnitzler, die Kapazität für die Rheinische Kunst des Mittelalters, zu unserem Relief: “Konstantinopel oder Ägypten, 6. Jahrhundert” und weiter: “Eine über Hypothetisches hinausgehende Deutung ist nicht gelungen. Zuletzt hat S. Pelekanidis die Szene als die Reliquienübertragung der hl. Joseph und Zacharias in die alte Hagia Sophia (415) deuten, dabei aber doch an der Entstehung in justinianischer Zeit festhalten wollen. K. Wessel lokalisiert die Platte wieder, wie schon J. Strzygowski, nach Ägypten.” 1962, im Zuge der Auswertung der Ausstellung ‘Werdendes Abendland’ stellt sodann Victor H. Elbern im Tafelband ‘Das erste Jahrtausend’ fest: ‘Die Forschung ist im wesentlichen über die Datierung der Tafel in justinianischer Zeit und über den Bezug auf eine Kirchweihe in Konstantinopel einig geworden. Entsprechend setzt sich die Überzeugung der Entstehung in der Hauptstadt durch, die schon von R. Delbrueck vertreten worden war.’ Und so versäumt auch Anton Legner, Zur Präsenz der großen Reliquienschreine in der Ausstellung RHEIN UND MAAS, nicht, ‘an

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jenes rätselhafte Elfenbeinrelief im Trierer Domschatz zu erinnern, das eine Reliquienprozession zeigt, wie sie in Byzanz stattgefunden hat (…). Das Elfenbein der Spätantike ist die älteste Verbildlichung einer Reliquienprozession in der Rheinischen Schatzkammer.’ Den neuesten Forschungsstand gibt dann W. F. Volbach 1976 in der 3., völlig neu bearbeiteten Auflage seines Standardwerks wieder: ‘Der Kaiser (Theodosius II?) in Chlamys und Diadem (…) schreiten auf die Kaiserin (Pulcheria?) zu (…). Hinter dem kaiserlichen Hof folgen auf einem vierrädrigen Maultierwagen der Patriarch Atticus und Bischof Antarados mit dem Reliquiar (…). Von Pelekanides mit der Person des Patriarchen Atticus in Verbindung gebracht. Die Gebäude bisher nicht gedeutet, ebensowenig Einigkeit über die Persönlichkeiten. Strzygowski, Weigand und Grabar erklären die Szene als die Reliquienübertragung der 40 Märtyrer durch Justinian nach der Kirche der hl. Irene (geweiht 544). Molinier und Wulff halten das Kaiserpaar für Constantin und Helena. Delbrueck betrachtet das Relief als eine Arbeit des 7. Jahrh., vor allem wegen der Haartracht, des Gewandes, des Fibeltypus und der Gesichtstypen, und identifiziert den Kaiser evtl. mit Justinian II. (685-695). Eine Entstehung ist in der Epoche des Ikonoklasmus nach 726 wegen des Christusreliefs ausgeschlossen.’ – Wie man sieht, kann Gelehrsamkeit auch übertrieben und zum intellektuellen Selbstzweck werden. Nicht verwunderlich, daß Elfenbeintürme solcher Gelehrsamkeit zu einer leichten Beute eines Wibalds von Stablo werden.”

Man leite eine Schlussfolgerung aus diesem Befund ab: Taumeln die Datierungen und Zuschreibungen durch die Jahrhunderte und Regionen, dann muss die Datierung ernsthaft und kritisch geprüft werden! Aber es wird der alten, gar noch religiösen Kunst, wie den entsprechenden Urkunden, immer noch mit zu viel Ehrfurcht begegnet, statt mit einem gesunden Misstrauen. Deshalb ist es prinzipiell geboten, der Möglichkeit ins Auge zu sehen, dass im Mittelalter nicht nur Urkunden, sondern auch Werke der bildenden Kunst in voller Absicht irreführend datiert wurden. Und darin war Wibald Meister.

Übrigens wurde im Katalog der großen Ausstellung: 799 Kunst und Kultur der Karolingerzeit (aus dem auch die Abbildungen hier stammen) das Werk nach Konstantinopel in die erste Hälfte des 6. Jhs. verfrachtet, allerdings mit einem Fragezeichen versehen [Stiegemann/Wemhoff II/519]. Das Werk wird von der Autorin Anke Lohbeck somit weder zeitlich noch räumlich noch kulturell den Karolingern zugerechnet, aber der Katalog musste ja angesichts der karolingischen Kunstleere mit anderem angefüllt werden, um dann stattliche drei Bände als Widerlegung der Illigschen Thesen ankündigen zu können.

Eine weitere Wibaldsche Großtat in Sachen Kunsthandwerk sei hier abschließend präsentiert, ebenfalls im Zusammenhang mit Trier und seinem Erzbischof Albero:

Anhang 4: Wibald beschafft die Reichskrone

“Ein gewisser Höhepunkt der Aktivitäten Wibalds in seiner Trierer Zeit waren sicherlich die ersten Monate des Jahres 1138. Bereits im Jahre vorher hatte Papst Innozenz II. Erzbischof Albero die Legation für das Reich übertragen. Als der Papst Kunde vom Tode des Kaisers erhielt, entsandte er sogleich den Kardinalbischof Dietwin mit seinen Instruktionen nach Deutschland: Zum künftigen Kaiser ist der Staufer Konrad, der bisherige Gegenkönig, ausersehen und daher zum König zu erheben. Da der Erzstuhl zu Mainz wie der zu Köln kirchenrechtlich unbesetzt waren, riss Albero die Initiative an sich, berief nach Koblenz einen Wahltag ein und setzte hier am 7. März 1138 die Erhebung des Staufers durch. Sogleich brach man nach Aachen auf und Konrad wurde hier vom Kardinalbischof Dietwin am 13. März gesalbt und gekrönt.” [F 1986, 200 f]

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Nun waren die überkommenen Reichsinsignien von Lothar III. noch im Besitz seines Schwiegersohnes und Kronprätendenten, des Welfen Heinrichs des Stolzen, Herzogs von Sachsen und Bayern. Dank des staatsstreichartigen Vorgehens waren diese nicht bis zur Krönung erhältlich und: [Faußner 1986; 201 f]

“so zeichnet sich eine der vordringlichsten Aufgaben klar ab, die sich zur Krönung Konrads stellte: Konrad III. mußte in Aachen mit einer Krone gekrönt und mit Insignien auf den Karlsthron gesetzt werden, die erst beschafft werden mußten, und das in recht kurzer Zeit, selbst wenn wir davon ausgehen, daß man sich bereits darnach umsah, als für Albero und seine Gregorianer die von Papst Innozenz gewünschte Erhebung des Staufers beschlossene Sache war. Daß für die Beschaffung Wibald als Vertrauter sowohl Erzbischofs Albero wie des damals bedeutendsten und leistungsfähigsten Goldschmieds des Maas-Mosel-Raums prädestiniert war, darf wohl unterstellt werden.

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Da die Krone nicht in so kurzer Zeit gefertigt werden konnte, so blieb nichts anderes übrig, als eine bereits gefertigte Krone heranzuziehen. Dazu bot sich ein Plattenreif an, bestehend aus acht durch Scharniere verbundenen Goldplatten, bestimmt für ein Kopfreliquiar oder als Schau- oder Weihekrone, jedenfalls aber nicht für ein zu krönendes menschliches Haupt. Dies ergibt sich aus ihrer Form; denn im Gegensatz zu allen sonst bekannten Kronen, so insbesondere auch den byzantinischen, ist sie die einzige Herrscherkrone, die statt der Rundung eine achteckige Form, ein deutliches Oktogon aufweist. Diese achteckige Form bedingt, daß das Haupt des Trägers nur an acht Stellen, und sobald das Achteck durch die beiden Eisenreifen festgehalten wurde, sogar nur an vier, wenn gar nur an zwei Stellen berührt und hier einem starken Druck ausgesetzt gewesen wäre. Dazu kommt, daß die Stirn- und Nackenplatte nach Einfügung der eisernen Versteifung 21,1 cm auseinander stehen, die beiden Seitenplatten gar 22,2 cm. Um eine solche Krone überhaupt tragen zu können, war von Anfang an ein Einsatz aus Stoff erforderlich, und auch dann war ein längeres Tragen eine Belastung, um nicht zu sagen, eine Qual.”

Die Interpretationen von Faußner zum Programm dieser Krone verdienen auch aus Sicht der Karlsskeptiker Beachtung, wurde doch aus dieser Krone bald auch eine Karlskrone gemacht: [F 1986; 202 f]

“War diese Krone, die zur altehrwürdigen Reichskrone werden sollte, bedingt durch die Umstände im Frühjahr 1138 auch eine Notlösung, so gab diese Krone dennoch Ausdruck einem politisch-theologischen Programm, sollte Symbol für das von den Gregorianern erstrebte reformierte Kaisertum sein. ‘Die Zahl Acht ist ein Symbol für die Auferstehung Christi und zugleich für den Anbruch der Endzeit, die im Bilde des himmlischen Jerusalems für die Christen zur endgültigen Wirklichkeit wird.’ So werden in einem Odo von Cluny zugeschriebenen Tonarius die acht Töne der Oktave christologisch gedeutet und jeder Ton mit einem Wort des Evangeliums erläutert. Und zwei aus dem Chorumgang der ehemaligen Abteikirche von Cluny erhaltene Kapitelle (um 1095) tragen Figuren, die, von einem Band mit erklärenden Texten umschlossen, die acht Töne personifizieren. Die Texte entsprechen weitgehend dem Tonarius des Odo und geben von der Lebendigkeit der Achtsymbolik in

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diesem Zentrum der Reform beredten Ausdruck. Der Zeitgenosse Otto von Freising, Gregorianer und Zisterziensermönch, schreibt seine genau acht Bücher umfassende Weltchronik und behandelt im letzten, dem achten Buch, im wesentlichen die bevorstehende Ankunft des Antichrists, den Verlauf des Endgerichts und die Errichtung des ewigen Gottesstaates. Bei der Schilderung des aeternus aeternae pacis dies zitiert er ausdrücklich Augustins Schlußworte aus ‘De civitate dei‘: (Haec est octava, quae) sabbatum vesperam non habens (subsequitur vel potius continuat), aus jenem Werk, mit dem sich Karl der Große so eingehend befaßte, wie sein Biograph Einhart bemerkt. Diese auch in der Weltchronik Ottos von Freising zum Ausdruck kommende apokalyptisch-überspannte Erwartung des Weltendes ist für die Gregorianer in einer übersteigerten apokalyptischen Erfahrung begründet, daß nach der Krise des Investiturstreites das Weltende unmittelbar bevorstehe und nur durch die Wohltaten christlicher Mönche gerade noch aufgehalten werden könne. Dieses apokalyptische Krisenbewußtsein, wie es das Werk Ottos von Freising bekundet, findet ihren Ausdruck im Oktogon der Reichskrone. In ihr verbindet sich die theologische Aussage der Gregorianer mit ihrer politischen Zielsetzung.

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Aber zugleich ist die theologische Aussage auch orientiert an der das patristische Erbe vermittelnden Karls-Tradition in Aachen, so daß christliche Zukunftsverheißung und ihre politische Bewährung einander bedingen. Die spätere Behauptung, die Reichskrone sei ‘Kayser Karls Kron’, ist zwar historisch-chronologisch falsch, darf aber als ein sachlich zutreffendes Interpretament gelten.”

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Faußner sah 1986 offensichtlich noch keinen Zusammenhang Wibald-Einhard. Angesichts der heutigen Erkenntnislage könnte man vermuten, dass Einhard zu großen Teilen gleich Wibald ist und er hier wieder seine klassische Bildung zum Ausdruck brachte, indem er Karl dem Großen, dem halben Analfabeten, eine intime Kenntnis der Schriften des Augustinus unterstellte und es mit Wohlgefallen sah, dass diese Krone Augustinus/Karl gleichsam zitiert. Vielleicht geht auch die oben zitierte Tatsache, dass man später diese Krone für des “Kayser Karls Kron” hielt, bereits auf Wibald zurück. Aber die Krone wurde ja – wegen der Zeitnot – nicht völlig neu erstellt, sondern aus bestehenden Teilen – offensichtlich aber auch des 12. Jhs. (s.u.) – zur Krone umgeformt: [F 1986; 203 ff]

“Dieser oktogonale Kronreif, für dessen Schöpfer der Hebräerbrief und die Johannesapokalypse die wichtigsten biblischen Bücher waren, dürfte konzipiert und gefertigt worden sein für das von Otto dem Großen gestiftete S. Johanniskloster zu Berge vor Magdeburg, das damals unter seinem Abt Arnold I. (1119-1164) seine große Blütezeit erlebte. Dieser, zu seiner Zeit einer der einflußreichsten Kirchenmänner des sächsischen Raums und seit 1134 auch Abt von Nienburg a.d. Saale, war ein enger Vertrauter Erzbischof Alberos wie auch Wibalds. Er und der seinerzeitige Primicerius Albero bewirkten entscheidend, daß Norbert von Xanten Erzbischof von Magdeburg (1126-1134) wurde.

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Die, wie ich annehme, für das Johanniskloster zu Berge, der Stiftung des Erneuerers des Römischen Kaisertums, des dritten Augustus nach Konstantin dem Großen und Karl dem Großen, konzipierte Krone sollte das von den Gregorianern erstrebte Kaisertum symbolisieren, ein Papstkaisertum in Nachfolge des alttestamentlichen Königtums. Und wie schon Karl der Große mit David, Salomon, Ezechias (= lat. Hiskia) und den anderen Königen verglichen wurde, so sind es denn auch David, Salomon und Hiskia, die zusammen mit Christus, dem thronenden Richter und Weltenherrscher, dem König aller Könige, auf den vier Emailplatten der Krone abgebildet wurden. Der Träger der Krone hat sein Amt als imitatio der biblischen Könige David, Salomon und Hiskia aufzufassen, wobei die Hiskia-Platte mit dem todkranken, auf Gnade angewiesenen König auf die Hinfälligkeit des weltlichen Herrschers hinweist und dem Träger der Krone den Sinn des Spruchs eines altkirchlichen Apologeten ständig in Erinnerung bringen soll: ‘Schauet einmal auf das Ende jedes von den gewesenen Herrschern hin: sie starben den allen gemeinsamen Tod!’ (Justin, 1.Apol.18). ‘Der ideale christliche Herrscher weiß sich einem einzigartigen König zutiefst untergeordnet, er ist ein Mensch der Anfechtungen, zur Buße bereit, von Krankheit und Tod umfangen, wie schon Hiskia erfahren mußte’. So betonen die beiden Bildplatten auf der rechten Seite der Krone den Gegensatz: Hier der sterbliche König, eine hinfällige Kreatur Gottes, dort Christus, der unsterbliche König aller Könige. Und dieser Gegensatz soll um so stärker aller Welt vor Augen gestellt werden; denn der Vicarius Christi auf Erden ist der Papst, von dem der König/Kaiser die Krone empfängt. Es war die Krone, die die Gregorianer Konrad III. aufs Haupt setzten, es war nicht die Krone Konrads II., den sein Coronator, Erzbischof Aribo von Mainz, noch ermahnte: ‘Ad summam dignitatem pervenisti, vicarius es Christi‘.”

Bei der Datierung der Krone ließ sich die Kunstgeschichte nun von dem Befund leiten, dass auf dem Hochbügel die Inschrift zu finden ist: CHVONRADVS DIE GRATIA ROMANORV(m) IMPERATOR AVG(ustus). Nun erlangte aber allein Konrad II. (1027-39) die Kaiserwürde, nicht der hier zur Debatte stehende Konrad III. Hierzu Faußner [1986; 207]:

“Auf dieser ‘Gewißheit’ baute die kunstgeschichtliche Forschung die Datierung der Reichskrone und eine relative Chronologie für die Prachtwerke der ‘Ottonischen Goldschmiedekunst’ auf und verbaute sich damit die weiterführende Erkenntnis, die diese auf einer Krone so ungewöhnliche Inschrift vermittelt. Die Kunstgeschichte wurde zum Opfer ihrer ‘Hilfswissenschaft Geschichte’.”

Demgegenüber vertritt Faußner die Auffassung, dass sich spätestens unter Lothar III. die Auffassung durchgesetzt habe, dass der römische [deutsche] König quasi automatisch den Anspruch auf die kaiserliche Gewalt erhält, was die Aufschrift auch für Konrad III. sinnvoll macht. Nun könnte man vermuten, dass das Ansätze für ein von Rom und der Kirche unabhängiges deutsches König- und Kaisertum gewesen seien. Faußner sieht das jedoch vor dem Hintergrund des Investiturstreites und der Gregorianer anders: [F 1986; 209 f]

“Die tatsächliche staatsrechtliche Idee der Kaisererhebung von 1138 war aber ganz und gar entgegengesetzt dieser Auffassung: Es ging nicht um ein romfreies deutsches Kaisertum, sondern Innozenz II. und die Gregorianer beabsichtigten das romfreie deutsche Königtum mit seinem Anspruch auf die kaiserliche Waltung und die Kaiserkrone zu unterlaufen, indem nicht mehr ein ‘romfreier’ König, sondern ein ‘romgebundener’ Kaiser initiiert wurde. Es sollte nicht mehr der deutsche König mit seinem Anspruch auf die römische Kaiserkrone von den deutschen Fürsten gewählt werden, sondern dem vom Papst Designierten und zum Römischen Kaiser Erhobenen sollte von den deutschen Fürsten akklamiert und gehuldigt werden. An die Stelle des von den deutschen Fürsten gewählten deutschen Königs mit dem Rechtsanspruch auf die römische Kaiserkrone sollte der ‘entgeistlichte’ Kaiser treten, der die Insignien seiner Würde vom Papstkaiser empfing und diesem den gebotenen Strator-Dienst zu leisten hatte.

Dies aber hatte zur entscheidenden rechtlichen Voraussetzung die Anerkennung, daß das Kaisertum durch das Papsttum vermittelt, um nicht zu sagen, überlassen wurde. Und hier schieden sich die Geister fundamental: Konrad III., ein Kaiser des Papstes und der Gregorianer, dagegen Friedrich Barbarossa, ein Kaiser – ohne Vermittlung des Papstes – von Gottes Gnaden, der sogleich die Gregorianer, allen voran Wibald, kaltstellte.”

Nach diesem – wie wir denken, interessanten – staatspolitischen Ausflug zurück zur Krone, wo Faußner abschließend bemerkt [F 1986; 210 f]:

“Die neuartige Bügelkrone sollte für die christliche Welt Symbol des mit dem Papsttum verbundenen Kaisertums sein und die Bügelinschrift – so ungewöhnlich sie auch für eine transpersonale Krone war – den nachfolgenden Trägern und der Welt die Verpflichtung gegenüber dem ersten Träger und Begründer des neuen Kaisertums stets ins Gedächtnis rufen, dem ersten, der vom Papst designiert, von den Fürsten gekürt und zu Aachen zum römischen Kaiser gekrönt wurde. Die darin liegende Übersteigerung des gregorianischen Gedankens in fast peinlich wirkender Weise spricht für mich, daß die Bügelinschrift eine Wibaldsche Kreation ist.”

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Und seine eigene zukünftige Arbeit beschwörend, die hier oben zum Teil dargelegt wurde, meint Faußner [F 1986; 211]

“Wenn einst das so vielseitige und vielschichtige Lebenswerk Wibalds erfaßt vorliegen wird und man so recht übersieht, daß Wibald so gut wie alle seine Urkunden und Zuschreibungen der von ihm initiierten Prachtwerke der ‘Ottonischen Buchmalerei’ abgenommen wurden, nicht aber die so wahrheitsgetreu, ja fast peinlich aufdringlich signierte Reichskrone samt Reichskreuz, so mag manchem dies als eine fast fatale Geschichte erscheinen.”

Was die Datierung der ‘ottonischen’ Reichskrone anbelangt, erfuhr Faußner wütende Kritik. Erst 1997 brachte der Aufsatz von H. M. Schaller, Die Wiener Reichskrone entstanden unter König Konrad III. mit seinen epigrafischen und paläografischen Argumenten den Durchbruch: [Schaller 83]

“Insgesamt darf man aber wohl behaupten: Sowohl der allgemeine Schriftcharakter wie zahlreiche einzelne Buchstabenformen erweisen die Bildplatten der Wiener Krone als ein Werk der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Der Chuonradus auf dem Kronenbügel ist Konrad III.”

Und nach einer Analyse der Symbolik der Krone kommt Schaller zu dem Schluss, dass hier Wibald mitgewirkt haben dürfte: [Schaller 89]

“Nimmt man noch hinzu, daß die Wiener Krone ihren Träger belehrt und ermahnt, so paßt auch dies zu Konrad III. Denn der Staufer war zumindest in seinen Anfängen ein schwacher König, der seine Würde nur dem Erzbischof Albero von Trier, dem päpstlichen Legaten Theodewin, Kardinalbischof von Porto und S. Rufina und einer kleinen Gruppe von Fürsten verdankte, die ihn in einer Art von Staatsstreich gegen Herzog Heinrich den Stolzen im März 1138 gewählt und zum König erhoben hatten.”

Und Schaller fährt dann fort: [Schaller 89]

“Als er dann deutscher König geworden war und an einen Romzug dachte, könnten seine geistlichen Förderer eine Kaiserkrone beschafft haben. Dazu bot sich eine maasländische Goldschmiedewerkstatt an, wahrscheinlich diejenige Wibalds von Stablo. Dafür sprechen vor allem die Ergebnisse der paläographischen Analyse der Inschriften auf den vier Bildplatten. Und aus derselben Zeit wie diese stammen gewiß auch die vier Edelsteinplatten. Im Banne gregorianischer Vorstellungen und der Jerusalem-Idee fertigte man die achteckige Plattenkrone an oder nahm sie von einer ebenfalls in diesen Jahren entstandenen Reliquiarbüste eines heiligen Königs. Für die geplante Kaiserkrönung fügte man dem Kronenkörper noch den Bügel und das Stirnkreuz hinzu. Aus der damaligen Situation ließen sich auch etwaige stilistische oder technische Vorbilder für die Krone aus Byzanz oder Italien leicht erklären; Konrad III. und Wibald unterhielten enge politische und kulturelle Beziehungen zu diesen beiden Regionen.”

Und so schlussfolgert Schaller: [89]

“Die Vorgänge im einzelnen kennen wir nicht; darüber sind nur Vermutungen möglich. Aber insgesamt läßt unsere Untersuchung doch wohl nur einen einzigen Schluß zu: Die heutige Wiener Reichskrone ist ein Denkmal der kirchlichen Gesinnung und der christlichen Frömmigkeit des ersten staufischen Königs [Konrad III.].”

wibald
5 Kommentare zu “Wibald von Stablo – Hans Constantin Faußner”

[...] 2003 veröffentlichte Hans Constantin Faußner sein umfangreiches Werk über den Abt und Fälscher Wibald von Stablo. Die Zeitensprünge haben sich noch im selben Jahr damit beschäftigt [Anwander 2003], 2004 wurde eine entsprechende Langfassung in das Internet gestellt [Anwander 2004]. Jetzt sind Reaktionen der Geschichtswissenschaft zu vermelden, von denen wir die im Internet verbreiteten betrachten. [...]

2
emma sagt:
16. März 2007 um 17:18

Nicht nur die Etablierten haben Probleme mit Faußners Wibaldbuch. Auch ich kann die Anwandersche Euphorie über die Entdeckung des Erzfälschers Wibald nur sehr begrenzt teilen.
Zuerst das Positive zu Faußner – sollte ganz tief ins Gedächnis eingebrannt bleiben -: die Bühne der bis in die Neuzeit reichenden mittelalterlichen Geschichte muss auch vom römischen Recht her beleuchtet werden, soweit wir es rekonstruieren können, aber nicht allein. Faußners Methode ist daher vielversprechend.
Leider befleissigt er sich aber im Wibaldelaborat eines Journalismusstils der den Verdacht auf lockeren Umgang mit den Inhalten aufkommen lässt – sehr von Mommsen “Römischer Geschichte” geprägt, die nicht zu Unrecht den Nobelpreis für Literatur bekommen hat. Der Verdacht erhärtet sich besonders durch die biografischen Nachlässigkeiten zu Wibald. Auch wenn wir keine Wibaldsche “Vita” haben, gibt es gerade für und von ihm mehr an Überlieferung als für manchen anderen. Faußnerzitate zielen ausschliesslich auf die Schöpfung des “grossen Schurken”, der noch dazu angeblich erfolglos in seiner Zeit war. Faußner verstellt sich und uns damit den Blick auf andere Personen und Bewegungen des 12. Jahrh.und vernebelt mehr als er aufklärt. Natürlich, das 12. Jahrh. gehört zu den besonders fälschungsintensiven Epochen und – dafür sei Faußner wieder unser besonderer Dank sicher – einige dieser Werke ergeben erst nach 1122 Sinn. Aber warum will er Fälschungen ausschliesslich Wibald zuweisen, sind z.B. Suger u.a. zu blöd? Oder hat der Autor plötzlich Angst vor der eigenen Courage und muss einen Kriminellen aufbauen, um an seinem Mittelalterbild festzuhalten?
Das 2. Ärgernis bei Faußner sind seine Erläuterungen zum röm. Recht, Quatsch, Predigten. Er dekretiert und macht nicht nachvollziehbar. Dabei unterlaufen ihm “Oberflächlichkeiten”, die den Juristen oder Abiturienten nach Luft schnappen lassen, ich jedenfalls fühle mich manipuliert, wenn man mir den ager publicus (Staatsland in Gemeineigentum) als respublica (Staat, Staatsgeschäfte, Staatshandeln) auftischt oder als Jurist Begriffe wie Eigentum und Besitz nicht trennscharf verwendet: proprietas ist Besitz.

[...] …und der heimatverbundene Schwabe mag sich nun beruhigt seinem Gschäft zuwenden. Würde er sich über Wibald von Stablo informieren, dann könnte dies sein Vertrauen in beamtete Geschichtspfleger durchaus erschüttern. Dieser Beitrag wurde eingestellt unter Fantomzeit. Man kann alle Reaktionen durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können einen Kommentar hinterlassen, oder einen Trackback von Ihrer Webseite. Hinterlassen Sie einen neuen Kommentar [...]

[...] Gerhard Anwander: Wibald von Stablo — Constantin Fauß- ner. Mutiger Forscher entlarvt genialen F

[...] gefälscht sind. Dieses Ergebnis ist freilich Wasser auf die Mühlen der ‘Phantomzeit’ (s. Anwander ab S. 518; auf Faußner ist hier noch einmal [...]

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17. Dezember 2006                     Kategorie(n):

eingestellt von: hek

21 Gegenargumente

Die am häufigsten gegen die Phantomzeitthese vorgebrachten Argumente

    Archäologie

  1. Es besteht weiterhin die Hoffnung auf Funde aus dem Frühmittelalter (FMA)
  2. Die Kontinuität der Funde beweist die Stimmigkeit der Chronologie
  3. Das gesicherte Datum des Vesuvausbruchs und der Verschüttung Pompeis bestätigt die Datierungsverfahren

    Geschichte

  4. “Für die großangelegte Fälschungsaktion, die Illig unterstellt, gibt es keinen einzigen positiven Beweis (also z.B. eine schriftliche Fälschungsanweisung von einem Oberen an irgend einen Unterling). Die Zeitfälschung hätte nicht nur in (West-)Europa, also von Irland bis an die Grenze des byzantinischen Raums, sondern auch im byzantinischen Reich (Ostrom) sowie im gesamten arabischen Raum durchgeführt werden müssen, ja wahrscheinlich sogar über Indien bis nach China.” [T. Chladek]
  5. Die Eroberung und Islamisierung Spaniens fand im FMA statt.
  6. Die Karolingerhochburg Aachen ist ein gesichertes Produkt des FMA
  7. Naturwissenschaften

  8. Der Gregorianischen Kalenderreform ging eine Korrektur des Julianischen Kalenders auf dem Konzil von Nicäa voraus.
  9. Radiokarbonverfahren und Dendrochronologie sind fehlerfrei.
  10. Astronomische Rückrechnungen bestätigen die Chronologie
  11. Es wurden keine eigenen Messungen durchgeführt
  12. Personen

  13. Die Existenz Karls der Großen steht außer Frage.
  14. “Mir (und soweit ich weiß, auch Illig) ist kein einziger Mensch bekannt, der sowohl 614 wie auch 912 (615) am Leben war” [T. Chladek].
  15. Urkunden und Überlieferung

  16. Die Urkunden sowie alle anderen Werke eines ganzen Zeitalters müssten gefälscht sein, wenn die FZT richtig wäre.
  17. Es gibt etliche Urkunden des FMA, deren Echtheit bisher nicht widerlegt wurde.
  18. Ostertafeln aus der Spätantike beweisen die Stimmigkeit der Chronologie. Allenfalls ein eingeschobener Osterzyklus von 532 Jahren wäre denkbar.

    Allgemein (Ad personam)

  19. Ernstzunehmende Kritik an der Chronologie des Frühmittelalters setzt den Nachweis wissenschaftlicher Qualifikation u.a. auf den Gebieten der Geschichtswissenschaften, der Diplomatik, der Kunstgeschichte, der Rechtsgeschichte der Linguistik, der Archäologie, der Astronomie, der Physik, der Radiokarbondatierung, sowie der Dendrochronologie voraus.
  20. Fehlen von Sachargumenten und Wissenschaftlichkeit
  21. Es werden Aussagen von Verfassern zitiert, die nicht an der Chronologie zweifeln – das ist sinnentstellend
  22. Die Fantomzeitthese (FZT) ist absurd. – “Bevor ich mich zu sehr wundere, glaube ich es lieber nicht.” [Ch. Lichtenberg]
  23. Wer die FZT vertritt ist inkompetent, eitel, geldgierig, Neonazi, antinational, kirchenfeindlich, Sektierer, etc. Er verfalle der ‘damnatio memoriae’.
  24. Illigs Schriften enthalten zu viele(!) Literaturangaben.

    Kurze Erwiderungen auf die gegen die FZT vorgebrachten Argumente

    Archäologie

  1. Es besteht weiterhin die Hoffnung auf Funde aus dem Frühmittelalter (FMA)

    Gewiss – die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber die Behauptung “Außerdem ist der archäologische Forschungsstand an der großen Mehrzahl der in Betracht kommenden Plätze gar nicht so, daß er Illigs Argumentum e silentio stützen könnte” [Schieffer] lässt sich nicht aufrecht erhalten. Die Probe aufs Exempel der vorgeblich frühmittelalterlichen Funde in Bayern belegt das Gegenteil. Und auch bei sämtlichen anderen dem FMA zugeordneten Funden hielt die Datierung der Überprüfung nicht stand (Aber Informationen über neues Fundmaterial dürfen in diesem Blog natürlich gerne eingebracht werden).

  2. Die Kontinuität der Funde beweist die Stimmigkeit der Chronologie

    Das ist nicht richtig: Niemand bezweifelt den kontinuierlichen Ablauf der Zeit. Unübersehbar ist allerdings die überall vergleichsweise geringe Ausdehnung der dem FMA zugeordneten Grabungsschichten.

  3. Das gesicherte Datum des Vesuvausbruchs und der Verschüttung Pompeis bestätigt die Datierungsverfahren

    Das ist nicht richtig: Dieses Datum (79 n. Chr.) liefert einen Bezug auf die Geschichtsschreibung Roms. Eine Bestätigung des Alters z.B. anhand von C14-Messungen liegt nicht vor. Ganz im Gegenteil: Eine C14-Datierung der am Vesuv gelegnen Villa Augustea ergab ein um mehrere Jahrhunderte geringeres Alter; wobei die Annahme, dass die Villa den Ausbruch von 79 weitgehend unbeschadet überstanden habe und erst bei einem späteren verschüttet wurde, recht kühn ist.

    Geschichte

  4. “Für die großangelegte Fälschungsaktion, die Illig unterstellt, gibt es keinen einzigen positiven Beweis (also z.B. eine schriftliche Fälschungsanweisung von einem Oberen an irgend einen Unterling). Die Zeitfälschung hätte nicht nur in (West-)Europa, also von Irland bis an die Grenze des byzantinischen Raums, sondern auch im byzantinischen Reich (Ostrom) sowie im gesamten arabischen Raum durchgeführt werden müssen, ja wahrscheinlich sogar über Indien bis nach China.” [T. Chladek]

    Das ist nicht richtig: Sicher gab es keine ‘großangelegte Fälschungsaktion’. Völlig hinreichend wäre folgendes Szenario: Konstantin VII veranlasste bekanntlich eine Schriftreform. Er ließ bei dieser Gelegenheit auch die Geschichtsschreibung seines Reiches überarbeiten (wobei er für seinen Sohn in ‘De administratione Imperii’ eine davon abweichende Chronologie festhalten ließ). Die Parallelen zwischen der konstantinischen und der herakleischen Dynastie sind frappierend. Hinweise auf eine Veraltung der gesamten Geschichtsschreibung Ostroms sind jedoch nicht zu finden. Der Sprecher Ottos III verfasste 998 ein uns erhaltenes Schreiben an den Papst, im Auftrag des Kaisers ‘Jahrhunderte zu erschaffen’. Was zunächst ein eher formaler Verwaltungsakt war, lieferte den bekannten umfassenden Fälschungsaktivitäten des Hochmittelalters den Zeitrahmen für manipulierte Besitz- und Machtansprüche.

  5. Die Eroberung und Islamisierung Spaniens fand im FMA statt.

    Das ist nicht richtig: Diese Legende ist nicht haltbar [vergl. Olague]. Vor dem (der Überlieferung nach blonden und großgewachsenen) Abd ar-Rahman III finden sich in Spanien keine Nachweise der maurischen Kultur. Auch die Herrscher der anderen Königreiche in Spanien sind nicht nachweisbar. [G. Heinsohn]

  6. Die Karolingerhochburg Aachen ist ein gesichertes Produkt des FMA

    Das ist nicht richtig: Archäologische Untersuchungen ergaben keine eindeutig dem FMA zuzuordnenden Funde. Dafür jede Menge Römerzeitliches, sowie Artefakte aus dem hohen Mittelalter. Auch die Datierung der Pfalzkapelle ist umstritten: Zuordnungen in die Spätantike wurden ebenso begründet, wie eine Bauzeit im Mittelalter. Die Bronzeportale wurden anscheinend in einer Gießerei der Spätantike hergestellt, deren Überreste ergraben wurden. [Untermann] “Die karolingische Fundsituation Aachens unterscheidet sich insofern von der römischen, als in beiden Fällen zwar die monumentalen Ortskerne noch recht gut nachgewiesen werden können, aber der römische vicus wenigstens mit einigen Befunden aufwartet, während sich die vermeintlichen karolingischen vicus-Reste bei genauerem Hinsehen zu nichts verflüchtigen.” [Mann, Vicus Aquensis]

  7. Naturwissenschaften

  8. Der Gregorianischen Kalenderreform ging eine Korrektur des Julianischen Kalenders auf dem Konzil von Nicäa voraus.

    Dafür gibt es keinen Beleg: Wohl hat Papst Gregor XIII in seiner Bulle zur Kalenderreform die zehn Schalttage damit begründet, dass damit die Situation zur Zeit des Konzils von Nicäa wieder hergestellt würde. Allerdings tat er dies, um seine rein politische Entscheidung (gegenüber der orthodoxen Kirche) zu begründen. Eine vorausgehende Umfrage unter den führenden Wissenschaftlern Europas hatte eine klare Präferenz für mindestens 12 Schalttage ergeben. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass sich das Konzil von Nicäa mit einer Kalenderreform beschäftigt hätte, welche die nur 2-3 Tage der seit Julius Cäsar aufgelaufenen Verschiebung der Frühlingsäquinoktie korrigiert hätte. [Frank]

  9. Radiokarbonverfahren und Dendrochronologie sind fehlerfrei.
    Das ist nicht richtig: Das Radiokarbonverfahren ist an einer Dendrochronologie kalibriert, deren Fehlerfreiheit vorausgesetzt wird. Überprüfbar ist dies jedoch nicht, da die zugrunde liegenden Baumringdaten nicht veröffentlicht wurden (ein eklatanter Verstoß gegen wissenschaftliche Praktiken!). Die Abweichungen zu den Dendrochronologien Mitteleuropas sind weiterhin ungeklärt. Die einzige ca. 2500 Jahre überspannende veröffentlichte Dendrochronologie stammt von E. Hollstein. Sie gilt heute als ‘wissenschaftlich überholt’, da eine Fehlpassung im FMA nachgewiesen werden konnte. Allerdings bleibt unverständlich, wieso Hollsteins Eichenchronologie für die Antike trotzdem eine jahrgenaue Übereinstimmung mit der Geschichtsschreibung und mit anderen Dendrochronologien zeigt.
    Auch bezüglich der Anwendung dieser Verfahren ist Skepsis angezeigt: An der Universität Frankfurt hat Professor R. Protsch über Jahrzehnte hinweg ‘C14-Datierungen’ in großer Zahl gefälscht [Mogelei im Knochenkeller, DER SPIEGEL 42,2004, S.156]. Nur eine kleine Zahl der auf diese Weise fabrizierten ‘naturwissenschaftlichen Datierungen’ dürfte bisher überprüft worden sein. Angesichts der wenigen Institute, die in Deutschland Radiokarbondatierungen durchführen können, muss ein beträchtlicher Anteil der hiesigen C14-Datierungen gefälscht sein.
  10. Astronomische Rückrechnungen bestätigen die Chronologie
    Das ist nicht richtig: Nur wenige Sonnen- und Mondfinsternisberichte der Spätantike und des FMA beruhen auf nachprüfbaren Beobachtungen. Und diese Wenigen lassen sich durch Rückrechnung zumeist nicht verifizieren. R. Stephenson führt Beobachtungen chinesischer, arabischer und abendländischer Beobachter auf. Unter Letzteren hält er lediglich die Sonnenfinsternis vom 15. Juni 364 für glaubwürdig berichtet. Allerdings erfordert genau dieser Bericht die Einführung einer ad hoc Hypothese in die Ephemeridenrechnung, nach der sich die Erddrehung aufgrund der Gezeitenreibung nicht gleichmäßig verlangsamt, sondern nach der während der gesamten Spätantike keine nennenswerte Verzögerung statt fand.
    Rückrechnungen der in den babylonischen Keilschriften aufgeführten astronomischen Beobachtungen (z.B. der Sonnenfinsternis vom 15.04.136 v. Chr.) stehen allerdings im Einklang mit der überkommenen Chronologie. Demzufolge scheint sich die Revision ursprünglich auf das oströmische Reich beschränkt zu haben, bevor sie von weiteren Staaten übernommen wurde. Die abendländische Geschichtsschreibung übertrug unwissentlich diese Chronologie auf weitere Länder. Entsprechend kalibrierte Datierungsverfahren schossen schließlich alle Kontinente ein.
    Keinen Erfolg hatte allerdings der Versuch, die im Almagest des Ptolemäus angegebenen Sternpositionen anhand der Präzession der Erdachse zu bestätigen. Diese Tafeln wurden mehrfach überarbeitet. R. Newton hat Ptolemäus selbst im Verdacht. Im Sinne der FZT wäre die Veränderung unter Konstantin VII schlüssig.
  11. Es wurden keine eigenen Messungen durchgeführt

    Die sind auch nicht notwendig (ganz abgesehen davon, dass sie, sofern vom Mainstream abweichend, von der Scientific Community sowieso nicht akzeptiert würden). Das Zustandekommen der meisten Messergebnisse ist auch nicht zu beanstanden. Es geht um die Interpretation der bereits vorhandenen Daten. Diese impliziert bislang die Gültigkeit der konventionellen Chronologie. Stets kann gezeigt werden, dass dies auf Widersprüche führt oder zusätzliche ad hoc Hypothesen zum Verständnis der Messwerte erforderlich werden.

  12. Personen

  13. Die Existenz Karls der Großen steht außer Frage.

    Das ist nicht richtig: Der strahlende Herrscher des FMA erscheint als biographisches Konstrukt aus Überlieferungen realer Herrscher in realer Zeit. Als Person bleibt er spurenlos – beginnend mit der Vielzahl seiner ‘Geburtsorte’, endend mit dem Verschwinden seiner Gebeine, ihrem zweimaligen wiederauftauchen und abermaligem Verschwinden. Auch von seinen Angehörigen und Höflingen, seinen Pfalz und Klostergründungen, seinen Kriegszügen und Reformen blieben keine nachweisbaren Überreste.

  14. “Mir (und soweit ich weiß, auch Illig) ist kein einziger Mensch bekannt, der sowohl 614 wie auch 912 (615) am Leben war” [T. Chladek].
    Das ist so nicht richtig: Natürlich kann man nicht erwarten, in der biografischen Überlieferung eines Menschen Lebensabschnitte aus verschiedenen Zeitaltern zu finden. Ansonsten gibt es durchaus prominente Namensträger, die über die vermutete Leerzeit miteinander identifiziert werden können: Karl der Einfältige (Carolus Simplex, Herrscher in Lothringen ab 912, 929) – mögliches Vorbild für die Figur Karls d. Gr. und Lieferant von KRLS-Signatur und Münzen – hatte seinen Widerpart in Chlothar II (613-630).
    In der Liste der Päpste fällt die Spiegelbildlichekeit der Papstnamen Sabinianus aus Volterra (604-606) und Lando Sabinanus (913-914) auf (It. landa=terra).
  15. Urkunden und Überlieferung

  16. Die Urkunden sowie alle anderen Werke eines ganzen Zeitalters müssten gefälscht sein, wenn die FZT richtig wäre.
    Das ist nicht richtig: Natürlich besteht eine Tendenz, Objekte bei unklarer Zeitstellung in das ansonsten weitestgehend fundleere FMA zu verbringen. Dies gilt insbesondere bei Datierungen, die eine Unsicherheit von mehreren Jahrhunderten aufweisen, z.B. unter kunsthistorischen Aspekten, für die das FMA ein Zeitalter der Stagnation darstellt, in dem sich Entwicklungen nur schwer an einer minimalen Zahl von Artefakten darstellen lassen. Unbestritten bleibt jedoch, dass kein Abschnitt der vergangenen zweieinhal Jahrtausende eine derart dramatische Fundleere aufweist.
    Die Umkehr dieser Argumentation klingt weit dramatischer: Wie konnten fast alle Spuren menschlicher Existenz aus drei Jahrhunderten spurlos verschwinden? Wo sind die Bauwerke geblieben; wo die Überreste des täglichen Lebens? Wo blieben die Gebeine der Verstorbenen? Wer baute die Städte zwischen den Überfällen der Wikinger und der Ungarn (die ebenfalls keine Spuren hinterließen) immer wieder neu auf?
  17. Es gibt etliche Urkunden des FMA, deren Echtheit bisher nicht widerlegt wurde.
    Damit ist sie jedoch noch in keinem Falle bewiesen: Unabhängige Verfahren zur Altersbestimmung von Urkunden des FMA (z.B. C14) wurden bisher nicht angewandt. Es bleibt also nur der Vergleich der Urkunden untereinander, sowie die Bewertung der darin aufgeführten Tatbestände. “Unsere Zunft steht vor einem Abgrund an Falsifikaten [...] und es werden immer mehr.” [Schulz]

    Für das Phänomen der beobachteten ‘antzipierenden Fälschungen’ gibt es weiterhin keine plausible Erklärung.

  18. Ostertafeln aus der Spätantike beweisen die Stimmigkeit der Chronologie. Allenfalls ein eingeschobener Osterzyklus von 532 Jahren wäre denkbar.

    Mehrere in Stein gehauene Tafelwerke zur Berechnung des christlichen Osterfestes sind überliefert. Besonders irritierend ist eine von U. Voigt aufgeführte Tafel, die in einen ursprünglich dem 3. vorchristlichen Jahrhundert entstammenden Sockel für eine spätantike Skulptur gemeißelt wurde (sie ist allerdings nur als Abbildung erhalten). Diese Tafel bezieht sich auf einen ‘Alexander’, wobei es sich um Alexander Severus (römischer Kaiser von 222-235) handeln könnte. Natürlich ist der Bezug über den Herrschernamen bzw. die zugrundeliegende Jahreszählung der Spätantike noch genau zu prüfen. So waren seinerzeit u.A. die Alexandrinische Ära wie auch die um 294 Jahre abweichende Ära nach Alexanders Tod gebräuchlich (Die aufgrund der Namensähnlichkeit möglichen Verwechslungen liefern übrigens auch eine Erklärung für die Verdoppelung von Personen und Ereignissen im Osten des Römischen Reiches der Spätantike. So gesehen könnte die Kalenderreform Konstantins VII der Versuch gewesen sein, zu einer eindeutigen Geschichtsschreibeung zu gelangen). Aber auch die Entstehungszeit der Tafelwerke ist kritisch zu prüfen: Gerade weil eine stimmige Ostertafel – für sich allein genommen – hohe Beweiskraft besitzt, böte sich ihre Fälschung im Zusammenhang mit einer Chronologierevision geradezu an.

    Allgemein (Ad personam)

  19. Ernstzunehmende Kritik an der Chronologie des Frühmittelalters setzt den Nachweis wissenschaftlicher Qualifikation u.a. auf den Gebieten der Geschichtswissenschaften, der Diplomatik, der Kunstgeschichte, der Rechtsgeschichte der Linguistik, der Archäologie, der Astronomie, der Physik, der Radiokarbondatierung, sowie der Dendrochronologie voraus.
    Das ist nicht richtig: Das Aufzeigen von Unstimmigkeiten erfordert i.A. nur mäßige Fachkenntnisse (was schon H.Ch. Andersens Parabel ‘Des Kaisers neue Kleider’ belegt).
    Nichtsdestoweniger repräsentiert das Kollektiv der ZS-Autoren ein weites Spektrum wissenschaftlicher Qualifikationen.
    Schließlich: Wäre dieses Argument stimmig, dann gälte es natürlich auch für die Verteidiger der überkommenen Lehre.
  20. Fehlen von Sachargumenten und Wissenschaftlichkeit

    Diese Behauptung stellt die Fakten auf den Kopf: Aber es bleibt ein beliebtes Argument und beleuchtet die Hilflosigkeit der Historiker auf der Sachebene:”Fakten zählen nicht bei ‘Heilbringern’ wie Velikovsky, von Däniken, Illig und ihresgleichen: Glaube ist gefragt, keine Argumente.”[Hertha von Dechend]. “Illigs These bietet die mit Abstand unwahrscheinlichste Erklärung für die Widersprüche in den geschichtlichen Quellen.” [D. Herrmann]. “Illigs These [...] ist weniger als zehn Jahre nach ihrer Entstehung so haltlos geworden, dass es sich erübrigt, ausführlicher darauf einzugehen;” [Ch. Pfister in 'Anti-Illig'(!)]

  21. Es werden Aussagen von Verfassern zitiert, die nicht an der Chronologie zweifeln – das ist sinnentstellend

    Dies ist die einzige Möglichkeit, um unabhängige, nachvollziehbare und methodisch akzeptierte Beobachtungen beizubringen. Die dort festgehaltenen Tatbestände und Aussagen sind von den Vorstellungen der Verfasser zum Lauf der Geschichte weitestgehend unabhängig.

  22. Die Fantomzeitthese (FZT) ist absurd. – “Bevor ich mich zu sehr wundere, glaube ich es lieber nicht.” [Ch. Lichtenberg]
    Das ist zwar kein Sachargument – wird aber häufig behauptet: Die FZT stellt für viele eine narzisstische Kränkung dar, die das sicher geglaubte Wissen des Einzelnen und ganzer wissenschaftlicher Fachgebiete in Frage stellt. Einfacher als eine sachliche Auseinandersetzung ist die Verdrängung dieser Thematik. Auch der Versuch, der Herausforderung durch die FZT durch spontane Widerlegung zu begegnen, ist zum Scheitern verurteilt, angesichts von mehr als 10.000 Druckseiten, die an Untesuchungsmaterial in den vergangenen 15 Jahren zusammengetragen wurden.
    Trotzdem folgen die öffentlichen Kritiken an der FZT noch allzu oft dem Schema: “Verfasser und These sind blöd – Befürworter Sektierer – Argumente unnötig – Und überhaupt: Die Gregorianische Kalenderreform restaurierte den Stand von Nicäa”.
  23. Wer die FZT vertritt ist inkompetent, eitel, geldgierig, Neonazi, antinational, kirchenfeindlich, Sektierer, etc. Er verfalle der ‘damnatio memoriae’.

    Das ist infam: Diese intellektuelle Bankrotterklärung findet sich nur allzu häufig am Ende von zunächst sachlich begonnen Diskussionen der FZT. Unrühmliche Beispiele: “Fast alles, was Illig behauptet, ist Schwachsinn.” [Johannes Fried]. “Dies… [Die vom Verfasser fälschlich unterstellte Nichtaufführung aktueller Veröffentlichungen zur Fossa Carolina] …zeigt, wie inkompetent der Autor und wie indiskutabel seine These ist” [R. Molkenthin]. “Das starrsinnige Festhalten von Illig an seinen Behauptungen über Karl dem Grossen hat ziemlich sicher auch mit negativen Charakterentwicklungen des Autors zu tun”. [Ch. Pfister]

  24. Illigs Schriften enthalten zu viele(!) Literaturangaben.

    Das ist so töricht – da fehlen die Worte! Unter den rund 450 aufgeführten Literaturstellen in DeM fand sich eine ungenaue Jahresangabe – was als ‘Beweis’ für Zitatefälschung aufgeführt wurde. Zugleich wurde die Nichtangabe wichtiger Schriften moniert – darunter auch von (bis heute!) nicht erschienen Werken [Sven Schütte].


Literaturangaben

Gerd Althoff (1997): Kann man eine Hochkultur erfinden? In: Ethik und Sozialwissenschaften 4/1997, 483 f.
Fälschungen im Mittelalter. Internationaler Kongreß der Monumenta Germaniae Historica, München 16.-19. September 1986, 6 Bände, Hannover 1988
Werner Frank (2005): 21. März – Datum der Frühlingstagundnachtgleiche zu Zeiten Caesars, des 1. Nicaea-Konzils und der Gregorianischen Kalenderreform 1582 ZS 1/05, 4-14
Robert Newton (1977): The Crime of Claudius Ptolemy, John Hopkins University Press
Ignacio Olagüe (1969): Les árabes n’ont pas envahi l’Espagne, Paris
Ch. Pfister (2000): ‘Anti-Illig’, http://www.jesus1053.com/l2-wahl/l2-diskussion/Anti-Illig.html
R. Molkenthin (1998): Die Fossa Carolina, in Technikgeschichte Bd. 65 (1) 1
Matthias Schulz (1998): ‘Schwindel im Scriptorium’ in Der Spiegel (29) 148

Weitere Literaturhinweise auf der Seite: 50 Argumente

HEK

5 Kommentare zu “21 Gegenargumente”
1
jb sagt:
20. Dezember 2006 um 18:21

Also gut. Nachdem jetzt auch die für die FZT hochproblematische SoFi von -135 erwähnt wird, kann man die Liste gelten lassen.

Freilich ist die Antwort auf Voigts These L = 0 (Argument 19) höchst unbefriedigend. Ich kann mir Voigts Reaktion gut vorstellen: “Die Antwort lautet im Grunde ‘Wir müssen das alles erst noch prüfen, die Beweiskraft ist erheblich.’ hek schleicht um den heißen Brei herum, den er nicht schlucken mag.”

2
hek sagt:
20. Dezember 2006 um 18:38

Stimmt. Aber vermutlich ist es leichter, das Zustandekommen der Ostertafeln zu verstehen, als für sämtliche pro-Argumente die alternativen Erklärungen zu beweisen.

3
jb sagt:
20. Dezember 2006 um 19:10

hek schrieb am 20. Dezember 2006 um 18.38:

“Stimmt. Aber vermutlich ist es leichter, das Zustandekommen der Ostertafeln zu verstehen, als für sämtliche pro-Argumente die alternativen Erklärungen zu beweisen.”

Du meinst also, es sei schwieriger, die 50 Argumente zu widerlegen, die für die FZT sprechen, als Voigts Ostertafeln zu erklären. Das mag sein, enthebt uns aber nicht der Pflicht, Voigt angemessen zu antworten.

Topper macht es sich einfach: Er erklärt sämtliche Ostertafeln für Fälschungen des 16. Jhs. Müssen wir das auch tun?

[...] 21 Gegenargumente [...]

5
gst sagt:
31. Dezember 2006 um 12:28

Wenn die Gegenargumente gegen die Phantomzeitthese wirklich so einfach zu widerlegen sind, warum wollen Historiker dann nichts von ihr wissen? Die angebliche Fundleere im frühen Mittelalter ist die Fundleere in eurem Kopf!

——

Admin: Na warum wohl? Sie können Ihre Behauptung ja auch nicht begründen.

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26. November 2006                     Kategorie(n):

eingestellt von: ao

Die Phantomzeitthese

von Fabian Fritzsche

Im Jahre 1991 stellte Heribert Illig zum ersten Mal die These auf, im frühen Mittelalter gäbe es eine Leerzeit [Illig 1991a], eine Phantomzeit, die nicht durch Funde belegt ist und somit aus der realen Geschichte zu streichen sei. In der Folgezeit präzisierte er seine These und legte sich als Arbeitshypothese auf den Zeitraum von August 614 bis September 911 fest [Illig 1992a]. Dieser zentrale Zeitraum umfasst neben einem Teil der Merowingerherrschaft über das Frankenreich fast die gesamte Karolingerzeit einschließlich des Leuchtturms Europas: “Karl der Große”.

Diese Phantomzeit unterscheidet sich von anderen “Dark Ages” qualitativ. Während die u.a. von Velikovsky entdeckten Leerzeiten in Ägypten und die von Heinsohn erkannten in Mesopotamien und andernorts erst durch neuzeitliche Forscher verursacht wurden und lediglich auf falsche Synchronismen zurückzuführen sind, ist die frühmittelalterliche Phantomzeit auf aktive Handlungen von Personen im Mittelalter selbst zurückzuführen. Sie ist entstanden durch eine Manipulation der Zeitrechung. Als mögliche Täter wurden der byzantinische Kaiser Konstantin VII. (906-959) [Illig 1991b und 1992 b] oder der abendländische Kaiser Otto III. (980-1002) in Verbindung mit seinem Freund und Lehrer Papst Silvester II gesehen [Illig 1991c]. Auch der Islam wurde schon verdächtigt [Beaufort 2002], jedoch ohne dass bessere Belege beigebracht wurden als für die beiden zuvor genannten Täterkreise [Illig 2003].

Nachdem 1991 drei kurze Artikel in Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart die These einem kleinen Kreis vorstellten, erschien 1992 das noch recht dünne Buch “Karl der Fiktive, genannt Karl der Große”. Doch erst durch das Erscheinen von “Das erfundene Mittelalter” 1996 erreichte die These Aufmerksamkeit in weiten Kreisen. Begleitend gab es Artikel zu diesem Thema in jedem Heft von Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart bzw. Zeitensprünge seit 1991. Außerdem sind mittlerweile mehrere Bücher dazu erschienen, welche die These vertiefen und Spezialprobleme behandeln.

Ausgangspunkt der Überlegungen waren so genannte “antizipatorische Fälschungen” im Mittelalter, die eine chronologische Verwerfung vermuten ließen (siehe unten). Wesentlicher Prüfstein der These war zunächst die christliche Zeitrechnung, besonders die Kalenderreform von 1582. Um den Fehler zu korrigieren, der seit der Einführung des julianischen Kalenders aufgelaufen war, hätten 13 Tage übersprungen werden müssen. Doch es wurden nur 10 Tage ausgelassen, die restlichen 3 Tage aber entsprechen einem aufgelaufenen Fehler von 256 bis 384 Jahren. Gegner der Phantomzeitthese wenden ein, dass lediglich der seit dem Konzil von Nicäa 325 n. Chr. aufgelaufene Fehler korrigiert werden sollte. Tatsächlich kommt man rein rechnerisch bei lediglich 10 Korrekturtagen auf das 4. Jahrhundert. Allerdings wird das Argument dadurch nicht entkräftet. Denn erstens wissen die Konzilsakten nichts von einer Neufestlegung des kalendarischen Frühlingspunktes. Und zweitens fällt der Frühlingsanfang bekanntermaßen seit der gregorianischen Kalenderreform auf den 21. März und damit der Herbstanfang auf den 23. September. Mit großer Wahrscheinlichkeit wissen wir aber, dass der erste römische Kaiser Augustus nicht nur am 23. September Geburtstag hatte, sondern dass dies auch der Tag der Herbstäquinoktie war – genau wie heute. Aufgrund des Fehlers des julianischen Kalenders kann aber nun nicht im Jahre 325 die Herbst-Tag-und-Nacht-Gleiche ebenfalls auf dieses Datum gefallen sein. Wenn also 1582 durch das Überspringen von 10 Tagen die gleiche astronomische Situation hergestellt wurde wie zur Zeitenwende, bedeutet dies, dass nicht ca. 1600 Jahre, sondern eben lediglich ca. 1300 Jahre seitdem vergangen sind.

Der Kalender ließ also eine Einfügung von mehreren Jahrhunderten durchaus zu. Aber wo genau? Anzusetzen war bei den oben erwähnten “antizipatorischen Fälschungen” [Niemitz 1991]. Im frühen Mittelalter sollen demnach zahlreiche Fälschungen entstanden sein, die erst Jahrhunderte später Wirkung gezeigt hätten. Die Fälscher hätten also gar nicht die Absicht gehabt, sofort Nutzen aus ihrer Arbeit zu ziehen. Vielmehr hätten sie zielsicher Jahrhunderte voraus geblickt. In späterer Zeit hätte man diese “prophetischen” Urkunden dann gefunden und ihren Nutzen erkannt. Doch im Gegensatz zur konventionellen Forschung glaubten H. Illig und H.-U. Niemitz nicht an hellseherische Fälscher, sondern sahen die Ursache vielmehr in einer falschen Chronologie, die Ursache und Wirkung künstlich auseinander zieht.

Das frühe Mittelalter wurde daher schnell Zielpunkt der weiteren Untersuchungen [Illig 1992a]. Diese Epoche, die grob die Jahre 500 bis 1000 n. Chr. umfasst, wird von den Historikern ohnehin als “dark age” bezeichnet [Illig/Niemitz 1991]. Im Gegensatz zur Zeit davor, also der römischen Kaiserzeit, und der Zeit danach, dem Hochmittelalter, ist unser Wissen über diese Zeit aufgrund der raren Quellen und seltenen Funde überaus mager.

Wichtigstes Kriterium, eine Phantomzeit festzustellen, bildet aber die Fundsituation. G. Heinsohn propagiert schon lange eine evidenzorientierte Forschung, die sich mit Vorrang an archäologischen Funden und nicht an Schriftquellen orientiert. Menschen hinterlassen dort, wo sie leben, Spuren, von denen einige die Jahrhunderte oder auch Jahrtausende überdauern können. Finden sich für eine Epoche keinerlei Funde, obwohl in den Schriften von dieser Zeit die Rede ist, so muss die gesamte Epoche zur Disposition gestellt werden. Denn bekanntermaßen ist Papier geduldig und auch Schriftstücke lassen sich sehr leicht fälschen, wie tausende von anerkannterweise gefälschten Urkunden aus dem Mittelalter belegen. Kirchen, Klöster und andere Bauten und Artefakte lassen sich dagegen nur bedingt fälschen (z. B. durch eine nachträgliche Inschrift oder eben durch gefälschte Urkunden).

Seit der erstmaligen Formulierung der These wurde bislang erfolglos versucht, für verschiedene Orte und Regionen Funde in der fraglichen Zeit wirklich eindeutig zu belegen. Immer wieder zeigte sich, dass der Phantomzeit zugeordnete Funde genauso in der Zeit kurz davor oder kurz danach datiert werden können und oftmals auch wurden. Eine Datierung in die Phantomzeit bzw. eine spätere Verlagerung in diese Zeit entspricht wohl eher dem Bedürfnis, die fundleere Zeit mit Artefakten zu füllen. Die wohl umfassendste Studie haben Illig und Anwander 2002 für Bayern vorgelegt. Auch wenn diese Arbeit pars pro toto für ganz Europa stehen kann, bleiben noch Problemfelder übrig. So ist die chronologische Stellung des Islam bislang noch nicht abschließend geklärt, die mit Europa synchronisierten außer-europäischen Kulturen wurden erst partiell berücksichtigt.

Eines der bisher letzten Werke in der Reihe “Edition frühes Mittelalter” stammt von K. Weissgerber und behandelt die Landnahme der Ungarn im Karpartenbecken. Neben den archäologischen Belegen sprechen hier sogar die Schriftquellen eindeutig für die These. So datieren zeitgenössische Quellen die Landnahme einmal ins Jahr 600 n. Chr., ein andern mal ins Jahr 898 n. Chr., was also einer Differenz von 298 Jahren entspricht. Konventionelle Forschung muss dies der Dummheit frühmittelalterlicher Geschichtsschreiber zuschreiben – oder sie ignoriert das Problem einfach. Mit der Phantomzeitthese dagegen kann die Diskrepanz problemlos erklärt werden.

Wie bei der ungarischen Landnahme wirkt sich die These aber auch auf vielen weiteren Gebieten sehr fruchtbar aus. So kann der Streit zwischen den Historikern, die eine Kontinuität in der Städten zwischen Antike und Mittelalter annehmen, und denen, die einer Diskontinuität den Vorrang geben, geschlichtet werden [Niemitz 1992]. Die 297 Jahre konventioneller Zeitrechnung bleiben fundleer, was bisher für Diskontinuität sprach. Andererseits gibt es auch eindeutige Zeichen für Kontinuität. Berücksichtigt man die Phamtomzeit, haben beide Gruppen Recht.

Literatur

Beaufort, J. (2002): Dreißig Fragen zur Phantomzeittheorie
Illig, H. (1991a): Die christliche Zeitrechnung ist zu lang, in: ZS 1
Illig, H. (1991b): Fälschung im Namen Konstantins, in: ZS 2
Illig, H. (1991c): Väter einer neuen Zeitrechnung: Otto III. und Silvester II., in ZS 3/4
Illig, H., Niemitz, H.-U.: Hat das dunkle Mittelalter nie existiert?, in ZS 1
Illig, H. (1992a): 614/911 – der direkte Übergang vom 7. ins 10. Jahrhundert, in: ZS 4/5
Illig, H. (1992b): Vom Erzfälscher Konstantin VII. Eine ‘beglaubigte’ Fälschungsaktion und ihre Folgen, in: ZS 4/5
Illig, H. (1992): Karl der Fiktive, genannt Karl der Große, Gräfeling
Illig, H. (1996): Das erfundene Mittelalter, Düsseldorf
Illig, H. (2003): Zum Zeitsprung bei Christen und Moslems, in: ZS 3
Illig, H., Anwander, G. (2002): Bayern und die Phantomzeit, 2 Bände, Gräfeling
Niemitz, H.-U. (1991): Fälschungen im Mittelalter, in ZS 1
Niemitz, H.-U. (1992): Archäologie und Kontinuität. Gab es Städte zwischen Spätantike und Mittelalter?, in: ZS 3
Weissgerber, K. (2003): Ungarns eigentliche Frühgeschichte. Arpad eroberte schon um 600 das Kapartenbecken, Gräfeling

2 Kommentare zu “Die Phantomzeitthese”

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2. Januar 2006                     Kategorie(n): Artikel aus den ZS, Fantomzeit, Zeitensprünge

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Karlsevolutionen und -kuriosa. Rupertuskreuz, Jubiläen und 1 neue Karolingerpfalz

von Heribert Illig, mit einem Beitrag Jürgen v. Strauwitz’
(Zeitensprünge 1/2006)

1. Das Salzburger Rupertuskreuz

Der gelehrte Rabanus Maurus muss sich heuer gegen Mozart behaupten: 250. Geburtstag gegen 1150. Todestag; dazu Heine und Freud mit demselben Jahr 1856. Natürlich wird der Komponist den Psychoanalytiker wie den Dichter ausstechen und den „afrikanischen Raben“ fast zu einer fiktiven Gestalt werden lassen. Immerhin gedenkt Mainz seines einstigen Erzbischofs, der von 847 bis zu seinem Tod im Jahr 856 dieses Amt bekleidet haben soll. In der ihm gewidmeten Ausstellung wird vor allem eine berühmte Prunkhandschrift aus dem Vatikan gezeigt: Lob des heiligen Kreuzes (Laudibus Sanctae Crucis). Sie enthält 28 Figurengedichte auf Purpurhintergrund. Rabanus soll die Gedichte um 814 als Leiter der Klosterschule in Fulda verfasst und die Handschrift von 825/26 als Erzbischof selbst korrigiert haben.

Wenn wir einmal außer Acht lassen, dass Rabanus früh mit dem Ehrentitel primus praeceptor Germaniae geschmückt worden ist und als typischer Vertreter der karolingischen Renaissance gilt, dann ist die Datierung nicht so selbstverständlich, wie sie vorgetragen wird, denn Figurengedichte wurden seit der Zeit Konstantin d. Gr. verfertigt, also seit dem 4. Jh., und das Genre endigt nicht im 9. Jh., sondern erst nach der Jahrtausendwende.

Die Ausstellung im Mainzer Dommuseum, bis zum 28. 5. geöffnet, zeigt zwei weitere wichtige Exponate. Einmal den Bonifatiusstein, den Rabanus anlässlich des 100. Todestages des hl. Bonifatius in der Mainzer Marienkirche errichtet haben soll – das erste freistehende Grabmal, das für einen Bischof in einer Kirche errichtet und mit seinem Abbild geschmückt worden wäre; doch ist er stilistisch besser der Romanik ab 1080 zuzuordnen.

Es wird auch eine Kopie des Rupertuskreuzes gezeigt, dessen Original im Dommuseum von Salzburg verwahrt wird. Der Zusammenhang ist klar: Das letzte Figurengedicht in der Prunkhandschrift preist das Kreuz in einer Umrissform, die diesem Großkreuz entspricht. Es ist mit 158 cm Höhe tatsächlich den Großkreuzen zuzurechnen, auch wenn es keinen Gekreuzigten trägt. Es ist wohl das letztverbliebene ‘karolingische’ Großkreuz, nachdem die Datierungen für den Enghausener Cruzifxus (von 900 zurück nach 1200) und das Udenheimer Kreuz (zurück von 750 nach 1070) nicht nur von unserer Seite aus kritisiert worden sind [vgl. Illig 2005, 111-114], und verdient einen gebührenden Blick. Es gilt als das älteste sakrale Kunstwerk Österreichs, primär wegen eines literarischen Hinweises:

„der Überlieferung gilt das Kreuz als Stiftung des hl. Rupertus, der Anfang des 8. Jh.s Bischof von Salzburg war; diese Verbindung beruht auf einer Randnotiz des 12. Jh.s zur Gründungsgeschichte von Bischofshofen in den ‚Breves Notitiae‘ vom Anfang des 9. Jh.s“ [Kötzsche in Aachen, 372].

Dem tragen zwar einige aktuelle Datierungen Rechnung; gleichwohl schwanken die Altersangaben in einer Weise, wie sie mittlerweile als typisch fürs frühe Mittelalter gelten darf. Interessanterweise sind es gerade amtliche Salzburger Internet-Seiten, die für Verwirrung sorgen:

- „6./7. Jh.“ [salzburg.at; salzburg.gv.at];
- „um 700“ [Dopsch, Junginger 1982, 271] und um 700, weil „rund 1300 Jahre alt“: Dommuseum zu Salzburg [www.kirchen.net];
- 666–750, da der über Beda Venerabilis (673-735) datierten „northumbrischen Renaissance“ zugehörig; laut V. Bierbrauer [uni.bamberg.de];
- vor 750, weil „um 750“ von Bischof Virgil von Südengland nach Salzburg gebracht [salzburgnet];
- „aus dem Jahr 750“ [salzburg.com] (8.4.2004);
- ca. 760 (rund 50 Jahre nach Rupert) [Laing 123];
- „aus dem 8. Jahrhundert“ [salzburg.info];
- 750 bis 800, englische Forschung laut Wamers [1999, 460]
- „vor 774“: d.h. vor Einweihung von Salzburgs Virgildom [Beer 2005, 170]
- „Ende 8. Jh.“ [Dietrich Kötzsche; Aachen, 372]; „um 800“ [Reinle 1988, 93];
- „um oder bald nach 800“ [W. v. Jenny 1952; in Aachen, 372];
- „2. Hälfte des 8. Jh.s und des frühen 9. Jh.s“ [H. Fillitz 1963, lt. Aachen, 372];
- „12. Jh.“ für die Vorderseite, „um 700“ für die Seitenteile [F. Martin / J. Baum 1940; lt. Aachen, 372].

Bis auf die letzte Datierung für das Rupertuskreuz liegen alle anderen zum Teil deutlich vor der Datierung für die Handschrift, womit das Kreuz älter als die Zeichnung wäre. Umgekehrt wäre es eher vorstellbar.

Um was für ein Kunstwerk geht es? Den wohl nicht mehr originalen Holzkern überformen getriebene und vergoldete Kupferbleche; Perlstäbe verkleideten die Kanten, sind aber wie die Seitenverkleidungen nur noch teilweise erhalten. Optisch dominierten 38 Emailscheiben, von denen jedoch nur noch 9 erhalten sind. In ihre dunkelblau-opake Fläche ist milchigweiß ein Ornament eingelassen, das als laufender Hund bekannt ist. Je sechsmal tritt diese Form in Erscheinung. Die Email-Arbeiten betonen die schaufelförmig verbreiterten Kreuzbalken, die auch der Rabanus-Codex zeigt:

„Bestimmt wird das Bildprogramm durch ein naturalistisch ausgebildetes Weinstockornament, in das Tiere einbezogen sind“ [Dopsch/Junginger 271] vor allem die Wasservögel, nämlich reiherartige, langbeinige Tier mit und ohne Nackenschopf auf den Seitenarmen und auf dem unteren Kreuzschaft zu nennen, sodann naturnah wiedergegebene, am Blattwerk fressend Vierfüßer und hundeartige Kopfdarstellungen in Seiten- und Vorderansicht“ [Dannheimer/Dopsch 336].

Günther Haseloff bringt als einer bedeutendsten Kenner frühmittelalterlicher Archäologie und Kunstgeschichte kein vergleichbares Email in seinem Werk, das von der Spätantike bis zu den Karolingern reicht.

Rupertus

Rupertus
Rupertus
Rupertus
Rupertus

Unbestritten ist die insulare Herkunft der Zimelie. Diskutiert wird allenfalls, ob englische Handwerker auf der Insel oder auf dem Kontinent tätig geworden sind. Wie selbstverständlich wird sie derselben Gruppe von Kunstwerken zugeordnet wie der Tassilo-Kelch [Campbell 107], wobei hier Alcuin (735–804) als ‘Verbindungsmann‘ zum karolingischen Kontinent steht. Wenn nun Campbell [108 f.] die beiden Preziosen nebeneinander abbildet, sieht der Unvoreingenommene sofort, dass der Stil der Goldschmiedearbeiten grundsätzlich differiert. Beim Tassilokelch findet sich Tierstil mit überlängten Tieren, während auf der Vorderseite des Rupertuskreuzes die Darstellung eindeutig naturalistisch ist (auf den erhaltenen Seitenteilen findet sich strenges Flechtwerk, wie es 6. bis 13. Jh. genauso kennen). Da kaum ein (zeitgenössisches) Gegenstück bekannt ist, hat man die Ormside Bowl hier zugeordnet. Diese kleine Silberschale

„mag ein Hinweis auf säkularen Geschmack im späten 8. Jahrhundert sein. Ihr Pflanzenornament ist im Northumbrischen Stil, aber seine ‚Menagerie‘ hat karolingische Anklänge“ [Campbell 115].

Die Ähnlichkeit ist zweifellos richtig gesehen, doch ist die Schale schwer datierbar: Sie stammt aus dem Friedhof von Ormside, Cumbria, und wird einem Wikingergrab zugeschrieben [Campbell 115; Laing 129 ff.].

Wer die streng geometrischen Tierstile Englands, wer die sorgfältig gezirkelten irisch-keltischen Ornamente kennt, wird zögern, diese drei Stile zeitlich zu vermischen. Der Rupertuskreuzstil muss einer anderen Provenienz als die Tierstile zugerechnet werden:

Stilvergleiche führen nach Hildesheim und Aachen. Die Salzburger Treibarbeiten gemahnen an die Silberarbeiten der Bernwardinischen Kunst in Hildesheim, die ab 993 einsetzen (Bernward † 1022). Bei den Bronzegittern der Aachener Pfalzkapelle werden nicht mehr „fränkische“ und „römische“ Gitter unterschieden, sondern mittlerweile „oberitalienische, römische, byzantinische und britische Quellströme“ [Grimme 64]. Darunter gibt es ein ähnlich feines Rankenwerk, allerdings ohne eingefügte Tiere. Doch für diese Gitter werden noch zweifelsfreie Datierungen gesucht. Insofern bietet sich die Verwandtschaft zu den Silberarbeiten Bernwards von Hildesheim oder zum Hein richs-Evangelium an, womit wir im ersten Drittel des 11. Jhs. stehen. So lässt sich die Ornamentik des Rupertuskreuzes erst nach der Jahrtausendwende erwarten, womit auch die in Mainz gezeigte Prunkhandschrift zeitlich gesehen eine neue Heimat bekommt, die nicht zuletzt Kreuz und Handschrift dichter zueinander rückt.

Wird diese Verjüngung akzeptiert, wandern einige wesentliche Steinarbeiten Großbritanniens aus dem 8. oder 9. ins 11. Jh., so ein skulptierter Stein aus Jarrow, mit dem Ruthwell Cross das berühmteste anglo-sächsische Kreuz – es verbindet bei den Personendarstellungen römische wie romanische Kunst –, und das Easby Cross mit durchaus ähnlichen Personen- wie Tierdarstellungen [Wilson 78] (s. Abb. S. 152). Umzudatieren ist auch das Bewcastle Cross, Cumberland [Wilson 72-78].

2. Stadtjubiläen und -verwerfungen

a) Ingolstädter Stadtleere zum 1200. Stadtgründungsjubiläum

Der alte Hauptmarkt und heutige Rathausplatz war bislang für die Archäologen jungfräuliches Gelände. Erst 2003/04 waren Grabungen auf Süd- und Ostseite möglich, weil das Neue Rathaus umgebaut und das Sparkassengebäude neu errichtet wurden. 2005 wurde auch noch die gesamte Fläche auf Bodenfunde abgesucht, die durch die Neupflasterung bedroht würden. Die nunmehrige Befundlage ist ziemlich eindeutig: Mit Eisenschlacke verfüllte kleine Gräben bilden durchgehend die unterste Schicht der Befunde; sie gilt als hochmittelalterlich, sofern nicht ein Knochen durch C14-Datierung noch älter gemacht werden kann [Friedel/Riedel 12]. Insgesamt gilt:

„Das Ausbleiben von Keramik- oder Metallfunden aus karolingischer und ottonischer Zeit dürfte der Diskussion um die Lage des zentralen Herrenhofes zu dieser Zeit wichtige Impulse geben“ [ebd.].

Somit hat diese Grabung zwischen Moritzkirche und dem ehemaligen Donauufer nichts für das anstehende Stadtjubiläum gebracht. Mittlerweile ist eine größere, einigermaßen zusammenhängende Fläche untersucht:

„In der Moritzstraße 17 und beim ‚Zehenthof‘ östlich der Moritzkirche konnten hingegen trotz guter Befunderhaltung keine Siedlungsreste aus der Zeit vor der Jahrtausendwende dokumentiert werden“ [ebd. 11].

Anzufügen ist, dass die ältesten Bauteile der Moritzkirche auf 1234, nicht auf 800 datiert werden [Illig/Anwander 762]. So wächst der gegen karolingische Anfänge sprechende Altstadtbereich, wie bereits 1995 bedauernd festgestellt worden ist [ebd. 125].

Das „hingegen“ im letzten Zitat weist nicht auf ergrabene Fundsituationen hin, sondern auf eine seltene Kreuzfibel aus dem Haus Moritzstraße 17, die sogleich als archäologisches Indiz den nur schriftlich bekannten Herrenhof des einstigen karolingischen Kammergutes zu ‘untermauern’ hatte. Wegen ihr keimte 2003 die Hoffnung, ringsum Karolingisches zu finden [vgl. Illig 2004, 88 f.]. Dieser Hoffnung konnten die Archäologen im Grunde bereits entraten. Aber es geht um das Jubiläum! Eine Kopie des 9. Jhs. von Karls Testament nennt den Königshof „villa Ingoldestat“. Ergo muss es ihn gegeben haben, weshalb heuer am 6. Februar, dem Ausstellungstag der fraglichen Urkunde, Karl der Große zusammen mit fünf Kumpanen vom Liebfrauenmünster zum Neuen Schloss ritt – ein offizieller Festakt, dem sogar Bayerns wiedergewonnener Landesvater beiwohnte. Die Mediävisten konnten ihm erklären, wie er sich diese „villa“ vorzustellen habe: „als einen großen landwirtschaftlichen Gutshof“ wie unter seiner persönlichen Aufsicht:

„Die Beamten und Arbeiter, die dort lebten, waren direkt dem Kaiser unterstellt. Das Gut hatte mehrere Funktionen: Versorgung des kaiserlichen Hofes, Nachrichtenübermittlung, Überwachung der Fernstraßen, Sicherung des politischen Einflusses“ [Auer].

Um die direkt dem Kaiser unterstellten Arbeiter nachzuweisen, wird man bis zum 1250. Stadtjubiläum wohl die gesamte Altstadt abgetragen haben…

2b) Die merowingische Kirche von Nassenfels

Keine 20 km entfernt gibt es dagegen einen neuen Fund. In Nassenfels, nordwestlich Ingolstadt und nördlich der Donau im Landkreis Eichstätt, wird eine römische Villa rustica untersucht. Auf ihrem Gelände ließen sich mehrere Wohn- und Arbeitsgebäude der jüngeren Merowingerzeit nachweisen. Bei einem Steinbau sind die bislang freigelegten zwei Ecken mit massiven Steinen, zum Teil Spolien aufgeführt und vermörtelt. Es handelt sich um Ziegelsplitterstrich, der hier als typisch karolingisch gesehen wird [Kratze]. Urkundlich werden weder Hof noch Kirche genannt. Nachdem dicht daneben fünf beigabenlose Körpergräber aufgedeckt worden sind, geht man nun von einer rechteckigen Saalkirche aus. Rätselhaft sind zwei Sätze im Bericht:

„Obwohl in den Gräbern schon bei ihrer Anlage keine Beigaben oder Trachtbestandteile niedergelegt wurden, fanden in allen Fällen antike Beraubungsversuche statt. Die Datierung der Bestattungen in die Zeit zwischen und 650 und 850 ist inzwischen über 14C- Datierungen gesichert“ [Codreanu-Windauer/Friedl 41].

Antik beraubt, aber erst nach 650 bestattet – das ist nicht leicht verständlich. Nachdem aber daraus auf die Eigenkirche eines frühmittelalterlichen Grundherrn geschlossen wird, wollen wir von Beraubungen des 10. Jhs. ausgehen, wie sie uns geläufig sind [Wirsching 586 ff.]. Aus phantomzeitlicher Sicht dürfte hier eine weitere Kirche vor 614||911 gefunden worden sein.

2c) 1200 Jahre Halle an der Saale

Das Chronicon Moissiacense und die Reichsannalen sind sich einig: 806 ließ Karl der Große ein Kastell bauen, „am östlichen Ufer der Saale, bei einem Ort, der Halle genannt wird“. So kann gefeiert werden, obwohl die Reichsannalen längst in Verruf geraten und die Chroniken vor 45 Jahren noch ganz anders interpretiert worden sind. Und was verschlägt’s, dass Karl sich nicht wirklich um die spätere Fundsituation gekümmert hat: Die nächsten 250 Jahre liegen keine schriftlichen Quellen mehr vor, die den Stadtnamen explizit nennen, „die geographische Lage des Kastells ist archäologisch bis heute nicht nachgewiesen“, die Solequellen auf dem Hallmarkt wurden frühestens im späten 10. Jh. gefunden, ein Markt ist nicht vor dem 11. Jh. nachweisbar. Während DDR-Zeiten ließ man es deshalb mit einer Urkunde Ottos d. Gr. bewenden, die sich 961 auf Halle hätte beziehen könnte. Das bedeutete 1961 die 1000-Jahr-Feier, der jetzt bereits die 1200-Jahr-Feier folgt. Wieso dieses rapide Altern?

Es ist wie bei Abraham. Weil die Bibel ihn aus Ur in Chaldäa kommen lässt, muss es vor dem Patriarchen im -3. Jtsd. ein Land mit blühenden Städten gegeben haben – so wurde aus Chaldäa des -1. Jtsd. ein Sumer des -3. Jtsd., wie Gunnar Heinsohn bekanntlich herausgefunden hat.

Zurück nach Halle. Das Kastell sollte den genannten Ort schützen, der folglich 806 bereits bedeutend gewesen sein müsste. Dafür könnten die Solequellen auf Domhügel, Schlossberg und im Bereich des Botanischen Gartens zeugen. Um nicht zu weit in fundleere Zeiten zurückzugreifen, wurde deren Nutzungsbeginn um 850 angesetzt, das Aufblühen der dortigen Siedlungen, dazu von solchen um den Alten Markt und in Glaucha in der zweiten Hälfte des 9. Jhs. Aus diesen Wunschvorstellungen ergab sich fast so etwas wie ein ‘Klein-Rom’, nämlich vier Siedlungen auf vier Hügeln, die zwar erst im 11. Jh. zusammenwuchsen, aber bereits im 9. Jh. als eine „Stadt in ihrer Zeit“ angesprochen werden [alles: Schmidt]. So hätte das fränkische Reich an seiner östlichen Peripherie bereits eine Stadt hervorgebracht, obwohl die Franken ansonsten Stadtkultur nicht liebten [vgl. Illig 1996, 150-157]. Vielleicht war es ja der urbane sorbische Einfluss…

2d) Wörthsee-Etterschlag: 1200 Jahre

Dieser Ort war lediglich gestressten Autofahrern aus Staumeldungen des Radiosenders Bayern 3 bekannt – letztes Nadelöhr der A 96; obendrein ist er 1972 in der Großgemeinde Wörthsee aufgegangen. Gleichwohl feiert Groß-Wörthsee Jubiläum, denn es steht geschrieben in den Traditionen des Hochstifts Freising: „Isanhart überträgt sein Erbgut in Etinesloch an den ehrwürdigen Priester Erchanheri.“ Diese Erwähnung fällt in die Zeit zwischen 805 und 809 [Setzwein], weshalb Wörthsee beschloss, das Jubiläum dann zu begehen, wenn der Ortsteil Schluifeld seinen 800. Geburtstag feiern darf. Daraus ist zu lernen, wie sich diplomatische Unschärfen präzisieren lassen und wie die allererste, gefälschte Nennung als „Etinsloh“ von 784 diskret kassiert werden konnte [vgl. Illig/Anwander 722]. Alles Weitere findet sich in der 750 Seiten starken Chronik, die im März 2006 erschienen ist. Dort stehen auch Römerfunde verzeichnet, die weitere Jahrhunderte hinzugewinnen lassen würden – aber ein Jubiläum wird erst durch eine karolingische Urkunde wirklich schön…

2e) Pullachs 1200. Jahr

Zu Pullach im Isartal steht nicht nur die 1200-Jahr-Feier an, sondern es werden noch etliche andere, allerdings viel kleinere Jubiläen vorbereitet, die vom 20. bis 23. Juli mit ganz tollen Tagen begangen werden sollen. Wird es danach noch etwas in Pullach zum Feiern geben? Schließlich zieht der Bundesnachrichtendienst nach Berlin um. Ob dann mehr übrig bleibt als die raffinierten Tarnungsschilder besserer Zeiten – „Bundesvermögensverwaltung, Abteilung Sondervermögen, Außenstelle Pullach“ –, weiß noch niemand.

Auch hier haben Kelten und Römer ihre Spuren hinterlassen, doch nur wer datierte, hat auch existiert. Die Erwähnung als Freisinger Besitz für das Jahr 765 ist hier ebenfalls tiefer gehängt worden [Illig/Anwander 826]. Jetzt geht es ‘nur’ noch um eine Erwähnung für 806 von Puoloch, der „Siedlung im lichten Buchenwald“. Dabei ist damals in einer Schenkungsnotiz des Traditionskodex von Kloster Schäftlarn herumradiert worden – es ging für Schäftlarn um ein Waldgebiet –, was Hermann Rumschöttel als Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns zu der Frage veranlasste: „Das Kloster Schäftlarn – eine Fälscherwerkstatt?“ [Wolfram2006b]. So geschehen ausgerechnet beim Festabend zum Auftakt der Feierlichkeiten. Dunkel ist bislang auch, ob überhaupt das richtige Puoloch feiert.

2f) Ulm – Häuschen-wechsle-dich

Einst war alles so einfach: Am 22. 7. 854 urkundet Kaiser Ludwig der Deutsche in „Hulma“. Das setzt ein überdachtes Haus voraus, weshalb Wissenschaft die Pfalz seit ca. 850 bestehen lässt. Die Reste der Pfalzkapelle finden sich im heutigen Schwörhaus (auch Stadtarchiv), flankiert von ein paar Befestigungsgräben. Im Schutz der Pfalz entstand ein Markt, worauf die Staufer die Ansiedlung so kräftig erweiterten, dass Barbarossa 1181 die Stadtrechte verlieh und Ulm bereits 1184 zur freien Reichsstadt erhob.

Doch jetzt – im Februar 2006 – stülpen die Archäologinnen der Landesdenkmalpflege die Stadtgeschichte vollständig um, wie der Autor eines Ulmer Stadtführers, Henning Petershagen, erstaunt in der Zeitung berichtet:

– Die karolingische Pfalz wandert vom Weinhof nach Osten zum einstigen Donauübergang, „etwa im Bereich der heutigen Spitalhofschule“ [Hvhg. H.I.].
– Aus der bisherigen Karolingerpfalz wird samt Pfalzkapelle nun eine ottonische Burg, gegründet von Otto I. nach der Lechfeldschlacht, 955.
– Neben der neu erkannten Karolingerpfalz entsteht noch vor Mitte des 10. Jhs. eine Siedlung, die jetzt als Fluchtburg in ottonischer Zeit verstanden wird. Belegt wird sie durch die Ausgrabungen unter der Neuen Straße.
– Die bisherige Stauferstadt wird jetzt zur 200 Jahre früher angelegten ottonischen Stadt des ausgehenden 10. Jhs.
– Die neue Stauferstadt des 12. Jhs. entsteht durch ‘Umwidmung’ der Ausweitung des Stadtareals aus dem 14. Jh.

Noch Fragen? Ja, eine einzige: Gibt das oben zitierte „etwa“ die Fundlage der nunmehrigen karolingischen Pfalz präzise wieder? So ist es: Die Karolingerpfalz ist fundfrei und damit beliebig zu positionieren. Und die einstige Pfalzkapelle der Karolinger ist jetzt ottonisch – gewissermaßen als Ausgleich zu Sulzbach, dessen ottonische Schlosskapelle karolingisiert worden ist [Illig/ Anwander 354]. Könnte es sein, dass diese Ulmer Zeitverschwenkungen eine nur leicht verspätete Hommage an Albert Einstein und sein phänomenales Schaffensjahr 1905 sind, an jenen Einstein, der 1879 in Ulm geboren worden ist, um nach nur 15 Monaten, ‘relativ’ bald, nach München umzuziehen?

2g) Frankfurt stellt Karl ins zweite Glied

Für eine Jubiläumsfeier war er gut genug: Frankfurt beliebte 1992 seinen 1200. Geburtstag zu feiern, weil Karl d. Gr. „am Fluß Main in dem Franconofurd genannten Ort“ am 22. 2. 792 eine Schenkungsurkunde unterzeichnet hätte. Die Archäologen wussten es besser und sprechen es mittlerweile [Riebsamen] auch aus: Nach Auswertung diverser Grabungskampagnen befand Magnus Wintergerst, es gäbe Älteres am Main als Bauten aus Karls Zeit. Denn unterm Domturm liegen die Fundamente einer Kirche, die auf 600 bis 650 datiert und „Marienkirche“ genannt wird, weil eine solche in Dokumenten auftaucht. Neben ihr entstand zur gleichen Zeit ein beheizbares Gebäude (wohl mit Hypokausten?), in dem eine hohe Adelige oder gar eine Königstochter beerdigt worden ist. Wintergerst spricht diesen „Bau I“ als Kirche an, lässt ihn aber bereits verfallen sein, als das Mädchen zu Grabe getragen wird. So wäre die Königstochter in einer Ruine begraben worden? Immerhin bestimmte ihr Grab eine Zeitlang die Ausrichtung aller späteren Gebäude ringsum. Doch dann wurde direkt über dem Grab der Emporenpfeiler einer Choranlage errichtet, die Wintergerst von 1239 auf ca. 1000 veraltet. Also eine Tochter aus nun verfemtem Adelsgeschlecht? Karolingisch bleiben die Fundamente einer Königshalle von 820 und eines Westwerks ohne Kirche. So kommt Frankfurt heute ohne Karl aus.

3. Persönliches

a) Sven Schüttes Jubiläum

Während auch wir gerade ein Jubiläum begehen können – sechs Jahre vergeblichen Wartens auf Schüttes Monographie über den Aachener Karlsthron –, erfahren wir den Grund für unsere Frustration. Schütte hat gegraben:

„St. Pantaleon [in Köln] wird etwa seit dem Jahr 250 von Christen genutzt und ist wohl aus einem vorstädtischen Hospital hervorgegangen. Der im Abendland einzigartige Nachweis lückenloser kirchlicher Nutzung eines Gebäudes glückte jetzt in sechsjähriger interdisziplinärer Forschung und verblüffte am Wochenende rund 50 Fachleute aus ganz Europa. ‚So was ist nicht einmal für eine Kirche in Rom gelungen‘, freut sich der Ur- und Frühgeschichtler Dr. Sven Schütte von der Uni Köln“ [Kölnische].

So ist geklärt, warum Schütte dem Aachener Thron nichts mehr abgewinnen konnte; wir staunen, wie weit die Ur- und Frühgeschichte in die Karolingerzeit hineinreicht und freuen uns auf die Ergebnisse. Ein Widerspruch in sich weckt besonders hohe Erwartungen:

„Die Forscher fanden Steinstücke eines Engels und eines Drachen und bewiesen anhand der Bearbeitungsspuren ihre Entstehung zur Karolingerzeit. Laut Schütte ist keine andere Steinskulptur aus dieser Zeit nachweisbar“ [ebd.].

„Ende April sollen die Forschungsergebnisse im Jahrbuch des Fördervereins ‚Romanische Kirchen Köln‘ nachzulesen sein“ [ebd.]. Nur hier könnte ganz leiser Zweifel aufkeimen, da keine Jahreszahl angegeben ist.

3b) Hegt Schieffer nihilistische Zweifel ?

Ausgerechnet der Präsident der Monumenta Germaniae Historica, Rudolf Schieffer höchstselbst, relativiert die Größe Karls des Großes. Werden wir Zeugen eines Sakrilegs? Zunächst scheint es ihm „durchaus verständlich und wissenschaftlich [!] nicht illegitim“, dass Karl der Große nach 1945 als Leitfigur gesehen wurde. Aber:

„Auf der anderen Seite ist nicht zu leugnen, daß es vollkommen jenseits des Horizontes des Frankenkönigs war, die Völker Europas zu einigen. Auch wenn Karl in einer einzigen, inzwischen wohl gar zu oft zitierten Quelle seiner Zeit einmal als ‚Vater Europas’ bezeichnet ist, kann doch kein Zweifel darüber sein, daß Europa weder für ihn selbst, der nirgends unmittelbar zu uns spricht, noch für seine gelehrten Berater eine greifbare politische Größe gewesen ist. [...] Es spricht deshalb manches dafür, sich auf der Suche nach einer europäischen Vergangenheit nicht so stark auf die gewiß wichtige, aber zeitlich und räumlich begrenzte Episode des Karolingerreiches zu fixieren.“

Karl nur noch König, nicht Kaiser, ansonsten ein eher kläglicher Episodist ohne Weitblick, der uns nicht anspricht, sondern schlicht und einfach ignoriert und deshalb nicht mehr als „Vater Europas“ apostrophiert werden sollte – kann es noch schlimmer kommen? Oh hl. Karl…

4. Der Fluch unserer Abstammung

a) Wie Gerhard Anwander bemerkte, hat Dr. Detlef Lührsen in einem Leserbrief der Süddeutschen Zeitung angeregt, Chromosomen-Analysen für die Nachkommen Karls den Großen anzustellen. Schließlich geht es um Millionen von Nachkommen. „Welche Universität nimmt sich eines solchen Forschungsprojektes an?“

b) Jürgen v. Strauwitz: Dem verwunderten Zeitungsleser begegnete in den Dresdner Neuesten Nachrichten (DNN) in der Rubrik Sachsen Folgendes:

„Diabetes als Erblast von August dem Starken

Leipzig (DNN/maw.): August der Starke, sächsischer Kurfürst und vermutlich Vater von hunderten von Kindern, könnte mit dafür verantwortlich sein, daß es im Freistaat so viele Diabetiker gibt. Das Magazin Diabetiker Ratgeber berichtet in seiner neuesten Ausgabe von einer Forscherdiskussion, die vermutet, daß der Fürst (1670 – 1733) in Sachsen bis zu 50 Familienlinien begründet haben könnte. Die Last der Nachkommen: Der Urahn soll an Bluthochdruck, starker Diabetes und Fettstoffwechselstörungen gelitten haben.“

Nun wird offensichtlich, dass die schlechten PISA-Ergebnisse, insbesondere die Lese-, Schreib- und Rechen-Schwächen großer Teile der deutschen Bevölkerung, erbbedingt sind, denn die Hunderttausenden oder vielleicht auch schon Millionen von Nachkommen unseres Urahns Karl der Große (747–814), der ja nachgewiesenermaßen weder lesen noch schreiben und daher auch nicht rechnen konnte, ist das Resultat dieses wahren Schuldigen, nicht etwa ‚Kein Bock auf Schule‘ oder die unlustige Lehrerschaft, die miserablen Schulbücher oder gar der Föderalismus in der Schulpolitik.

Also: Absolution dem schlechten Bildungsstand. Es gibt Schlimmeres (z.B. einen künstlichen Darmausgang)! Immerhin liegt das fruchtbare Wirken dieses Überkaisers über 50 Generationen (!) zurück. Welches Unheil konnten „die schlechten Gene“ daher anrichten!

c) Dem widersprach Tanjev Schultz in der Süddeutschen Zeitung:

„Für Bildung ist es nie zu spät. Noch als alter Mann soll Karl der Große, der als Analphabet den Thron bestiegen hatte, in schlaflosen Nächten versucht haben, endlich lesen und schreiben zu lernen. Der karolingische Kaiser hat manchen Schrecken verbreitet, doch mit seinen Reformen hat der wissbegierige Herrscher das brachliegende Bildungswesen erneuert und eine Zeit der kulturellen Blüte begründet. Auch heute müssen sich die Politiker mühen, das Wohl des Landes durch eine bessere Bildung zu fördern. ‚Lebenslanges Lernen‘ ist dafür das richtige Leitmotiv.“

So lange dieses Thema derart strittig bleibt, so lange wird es mit dem deutschen Bildungsniveau nicht aufwärts gehen.

5. Schlussgalopp: Lortzings Kaiser ohne Zimmermann

Nicht zuletzt ein spezieller Fund, aufgespürt von Xaver Frühbeis aus München. Albert Lortzing hat ein ganz eigene Komödie getextet und komponiert: „Die Übergabe des Zopfes Karls des Großen an die Friseur-Innung von Schilda“.

Das ‘steil’ betitelte Opus ist an Karls Todestag, also an einem 28. Januar (1843) von der „Tunnel-Society“ uraufgeführt, doch anschließend gründlich verschlampt worden. Es muss gefragt werden, was Lortzing mehr wusste als wir. Warum ließ er des Kaisers alte Zöpfe abschneiden und sie ausgerechnet nach Schilda überbringen, als hielte er Karl für einen chinesischen Schildbürgerstreich und nicht für einen fränkischen Kaiser? Und wieso gab es schon eine Tunnel Society, obwohl der quantenmechanische Tunneleffekt erst 1928 postuliert wurde? Im Mannheimer Landesmuseum für Technik und Arbeit wird in der Ausstellung Einstein begreifen ein weiterer Tunneleffekt (Musikübertragung ohne Zeitverzögerung) demonstriert. Wie schön wäre es, wenn dazu noch Lortzings Musik bereitstünde, zumal wir heuer seines 205 Geburtstages und seines 155. Todestages gedenken. Aber Joannes Chrysostomus Wolfgangus Theophilus (auf lat. Amadeus) ist 2006 übermächtig.

Literatur

Aachen = Karl der Große. Werk und Wirkung. Katalog zu der Ausstellung im Rathaus von Aachen, hg. von Wolfgang Braunfels (1965); Aachen
Auer, Margit (2006): Sechs Rösser und ein Ministerpräsident. Bayerns jüngste Großstadt Ingolstadt feiert heuer mit einem großen Programm ihr 1200-jähriges Bestehen; in: Süddeutsche Zeitung, vom 6. 2. 06
Beer, Manuela (2005): Triumphkreuze des Mittelalters. Ein Beitrag zu Typus und Genese im 12. und 13. Jahrhundert; Regensburg
Bierbrauer, Volker (1978): Das „Rupertuskreuz“ von Bischofshofen. Ein insulares Denkmal der northumbrischen Renaissance; in: Archäologisches Korrespondenzblatt 8, 223 ff.
Campbell, James (1991): The Anglo-Saxons; Harmondsworth
Codreanu-Windauer, Silvia / Friedl, H. (2005): Eigenes Gotteshaus; in: Archäologie in Deutschland 4/2005, 41
Dannheimer, Hermann / Dopsch, Heinz (1988): Die Bajuwaren. Von Severin bis Tassilo 488 – 788 (Ausstellungskatalog); München · Salzburg
DNN (2006): Diabetes als Erblast von August dem Starken; in: Dresdner Neueste Nachrichten, vom 4. 1. 2006, S. 6
Dopsch, Heinz / Junginger, Roswitha (1982): St. Peter in Salzburg. 3. Landesausstellung; Salzburg
Friedel, Birgit / Riedel, Gerd (2005): Archäologie im Herzen Ingolstadts – Die Grabung am Rathausplatz 2005; in: Denkmalpflege Informationen, November 2005, S. 11 f.
Gosebruch, Martin / Steigerwald, Frank (1988): Bernwardinische Kunst. Bericht über ein wissenschaftliches Symposium in Hildesheim vom 10.10. bis 13.10.1984; Göttingen
Grimme, Ernst Günther (1994): Der Dom zu Aachen. Architektur und Ausstattung; Aachen
Haseloff, Günther (1990): Email im frühen Mittelalter. Frühchristliche Kunst von der Spätantike bis zu den Karolingern; Marburg
Illig, Heribert (1996): Das erfundene Mittelalter; Düsseldorf
- (2004): Die Debatte der Schweigsamen. Zum „Schwachsinn“ des frühen Mittelalters; in: Zeitensprünge 16 (1) 85-101
- (2005): Alte Kreuze, alte Throne und Byzanz; in: Zeitensprünge 17 (1) 111-124
Illig, Heribert / Anwander, Gerhard (2002): Bayern und die Phantomzeit; Gräfelfing
Kölnische (2005) = 1750 Jahre christlicher Nutzung erwiesen; in: Kölnische Rundschau. rundschau-online.de, vom 22. 11. 2005
Kratze, Hans (2005): Ein Rätsel aus dem frühen Mittelalter. Archäologen stoßen in einer römischen Villa in Nassenfels auf eine bisher unbekannte karolingische Kirche; in: Süddeutsche Zeitung, vom 15. 12. 05
Laing, Lloyd and Jennifer (1996): Early English Art and Architecture. Archaeology and Society; Stroud/GB
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Mütherich, Florentine / Gaehde, Joach. (1979): Karolingische Buchmalerei; München
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Schultz, Tanjev (2005): Man lernt nie aus; in: Süddeutsche Zeitung, vom 28. 12. 05, S. 4
Setzwein, Christine (2006): Doppeljubiläum am Wörthsee: Die Ortsteile Etterschlag und Schluifeld feiern den 1200. und 800. Geburtstag. Ein See verschwindet und Geschichten tauchen auf; in: Süddeutsche Zeitung ST/WT, vom 17. 3. 2006
Wamers, Egon (1999): Insulare Kunst im Reich Karls des Großen; in: 799. Kunst und Kultur der Karolingerzeit. Beiträge zum Katalog der [Paderborner] Ausstellung. Handbuch zur Geschichte der Karolingerzeit (Hg. C. Stiegemann / M. Wemhoff); Mainz, S. 452-464
Wilson, David M. (1984): Anglo-saxon Art from the seventh Century to the Norman Conquest; London
Wirsching, Armin (2004): Merowinger, Karolinger und Ottonen unter der Erde vereint. Frühmittelalterliche Reihengräberfelder wurden bis 1000 belegt; in: Zeitensprünge 16 (3) 574-590
Wolfram, Jürgen (2006a): Tolle Tage in Pullach. Gemeinde feiert 1200-Jahr-Feier und andere Jubiläen; in: Süddeutsche Zeitung, vom 16. 3. 2006
- (2006b): Buche weist den Weg. Gemeinde Pullach feiert 1200-jähriges Bestehen; in Süddeutsche Zeitung Starnberg/Würmtal, vom 30. 3. 2006

Ein Kommentar zu “Karlsevolutionen und -kuriosa. Rupertuskreuz, Jubiläen und 1 neue Karolingerpfalz”

[...] H. Illig u. Jürgen v. Strauwitz: Karlsevolutionen und Karlskuriosa. Rupertuskreuz, vier Jubiläen u. a. [...]

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2. Dezember 2005                     Kategorie(n): Artikel aus den ZS, Fantomzeit, Zeitensprünge

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Die Meistersinger von Deutschland. 10 Jahre Karlsverwerfungen und -debatten

von Heribert Illig (Zeitensprünge 3/2005)

Ein Jubiläum ist zu begehen, das auf keinen Fall häufig ist. Eigentlich sind es sogar zwei Jubiläen; aber das Aufstellen einer Arbeitshypothese (vor 15 Jahren) ist weniger selten als ihr Fortbestehen über 10 Jahre harter Diskussion und geharnischter Anfeindungen hinweg.

Denn vor zehn Jahren begann die eigentliche Diskussion um die mittelalterliche Phantomzeitthese. Von ein paar verfrühten Verbal-Ausrutschern aus Aachen abgesehen, machte Prof. Johannes Fried im Oktober 1995 die These publik, wurde sie im Januar ‘96 zum ersten Mal öffentlich diskutiert. Als wachsamem Beobachter der Szene war Fried ein Buch aufgefallen, demzufolge Karl der Große nie gelebt hätte. Ein solche Attacke gegen zentrale mediävistische Belange hatte es lange nicht mehr gegeben – es lag 60 Jahre zurück, dass ein Lehrer den Gang kaiserlicher Geschichte als verfälscht ansah, dass die Nazis ein Umschreiben frühmittelalterlicher Geschichte verlangten. Tempi passati – doch jetzt ein Generalangriff, der so weit ging, dass einer Fakultät die wichtigsten Objekte ihrer Forschung abhanden kämen.

Damals wurde Fried gerade wegen eines Buches von seinen Kollegen sowohl attackiert wie geehrt. Nun hielt er vor dem Historischen Kolleg eine Dankesrede über Phantasie in der Wissenschaft und befand: Es gibt eine, seine positive und konstruktive Phantasie – es gibt aber auch erschreckenderweise eine negative, destruktive, illusionäre, gefährliche Phantasie, wie sie in meinem Karls-Buch zum Ausdruck komme [vgl. Illig 1996, 109-112; 1997, 278]. Allerdings hatte Fried nicht genug Phantasie, um ein Kriterium vorzugeben, mit dessen Hilfe die gute und die böse Phantasie auseinander gehalten werden könnte. Insofern fand die Phantasmagorie zwar ihren Weg in die Historische Zeitschrift [Fried 1996a], das Zentralblatt der Historiker, verschwand aber dann rasch in der Versenkung; er selbst hat sie in seinem Folgebuch über Memorik nicht mehr zitiert.

Fast gleichzeitig wollte Fried [1996b] die Fenster des mediävistischen Elfenbeinturmes aufreißen, wobei er bei einigen Kollegen Schwulitäten voraussah; er prophezeite auch ein generationenlanges Nachsitzen bei der Scheidung von guten und schlechten, sprich echten und falschen Urkunden. Doch dann warf er das Ruder neuerlich herum und interessierte sich nicht mehr um die Absichten und Vorsätze beim Fälschen, sondern ließ sich von Neuro-Wissenschaftlern leiten: Es gäbe Neuronenstürme, aus denen Wahrnehmungsdeformationen entsprängen, die in der von ihm kreierten Memorik entscheidend seien [Fried 2004].

Auch dieser Weg wird sich trotz naturwissenschaftlicher Steigbügelhilfe als Sackgasse erweisen. Aber immerhin hatte Fried den Mut für neue Würfe. Die meisten seiner Kollegen – allen voran Prof. Rudolf Schieffer – begnügten und begnügen sich mit der immer gleichen Arbeit am Pergament und beißen weg, wer immer dabei stört. So desavouierte Schieffer zuletzt einen kritischen Kollegen als Verfasser eines „Schelmenromans“ (s. S. 705).

Welche Chance sollte es da haben, die Axt an die Wurzel aller Diplomatik und Paläographie, an den Stamm der Mediävistik zu legen? Dafür, dass es keine gab, konnte ich sie dank der Medien und dank des Millenniums einigermaßen nutzen. Journalisten im Gefolge von Burkhard Müller-Ullrich zwangen Mediävisten und Physiker, Archivare und Dendrochronologen, Fälschungsaufdecker und Archäoastronomen zu Stellungnahmen. Auch traten einige von ihnen als Kontrahenten bei Veranstaltungen auf – ich bedanke mich hier ausdrücklich und ohne jeden Vorbehalt bei den Professoren Helmut Assing, Karl Brunner, Heinz Dopsch, Hermann Fillitz, Ingeborg Flagge, Jörg Jarnut, Johannes Laudage, Max Kerner, Friedrich Prinz (†), Volker Reinhardt, Rudolf Schieffer und Thomas Vogtherr für ihre persönliche Teilnahme an einem öffentlichen Streitgespräch.

Hier wurde im ritterlichen Konsens gefochten. Blieben die Mainstream-Vertreter unter sich oder traten sie allein vor die Öffentlichkeit, änderte sich die Tonlage häufig ins Grelle. Ohne irgend eine Beleidigung oder Verhöhnung ging es dann selten ab. Gravierend waren die dumpfen, weittragenden Paukenschläge. Fried selbst legte es darauf an, als er schon bei erster Gelegenheit vom „Karlsleugner“, von der „Karlslüge” und von einem in die Katastrophe führenden Denken sprach. Andere ließen sich da nicht lumpen und schlugen vorsätzlich dieselbe Trommel. Mittlerweile scheint das zum üblichen Abwehrverhalten zu gehören, obwohl Gunnar Heinsohn [2003] dringend davor gewarnt hat. Ein aktuelles Beispiel: Gerade begrüßte im Londoner Globe Theatre Theaterdirektor Mark Rylance die Autoren eines Buches über eine neue Lösung des immerwährenden Shakespeare-Rätsels (nun Sir Henry Neville, ca. 1562–1615), wobei Offenheit gegenüber neuen Ideen und ihre bösartige Abwehr dicht nebeneinander traten:

„Mit ihrem Neville hätten sie ‚ein neues Fenster‘ geöffnet und die fruchtbare Diskussion wiederbelebt. ‚Ich ziehe ein Haus mit vielen offenen Fenstern einer Hütte vor, deren Fenster zugenagelt sind.‘

Das ist ein Seitenhieb auf jene Vertreter der Tradition, die jede Diskussion für Ketzerei halten. Wer den Mann aus Stratford als Autor anzweifle, muss sich vom Shakespeare-Biografen Stephen J. Greenblatt (‚Will in the World‘) indirekt mit Holocaust-Leugnern vergleichen lassen – so geschehen in einem Leserbrief des Harvard-Professors an die ‚New York Times‘“ [Borger 2005].

1997 verglich mich Die Zeit nicht nur indirekt, sondern direkt mit den Auschwitz-Leugnern. 1999 ging es beim Leipziger Symposium der Mediävisten auch um dieses Thema; obendrein wurden die Teilnehmer beschworen, den Gedanken an eine Phantomzeit nicht in die Köpfe der Jugend zu lassen [Niemitz 1999]. Anschließend wurden die Autoren des dreibändigen Prachtkatalogs der Paderborner Karlsausstellung angehalten, kein einziges Wort über These oder Urheber zu verlieren, worauf Prof. Michael Borgolte öffentlich (26. 9. 99) die damnatio memoriae über mich und meine These verkündete. Zu seinem Leidwesen kümmerte dies seine Kollegen und das Publikum wenig. Die Medien berichteten unbeirrt weiter, und in fast jedem mediävistischen Institut wurde hinter verschlossenen Türen über die These gestritten. Die nach außen vorgetragenen Argumente kamen aber über den Generalnenner „absurd“ kaum hinaus. Ich werte dies als sicheres Zeichen dafür, dass sich innerhalb der herrschenden Lehre die These mit wissenschaftlichen Argumenten nicht abwehren lässt.

So blieb der Fakultät nur das Aussitzen. Das kann bekanntlich bis zu 16 Jahre lang gutgehen, ungeachtet aller Schwelbrände, die allenthalben aufflackern. Die Mediävistik schlägt bereits drei Kreuze, dass sie die erste große Attacke leidlich überstanden hat. Die Freude darüber wird nicht verschwiegen, geht es doch um eine höchst unangenehme Diskussion, „die erfreulicherweise wieder weitgehend aus den Medien verschwunden ist.” (s. S. 705).

Wie wahr. Das Publikum, das bislang 100.000 Mal das erfundene Mittelalter gekauft hat, wird sich kaum noch erinnern, dass Matthias Schulz [1999] im meinungsbildenden Spiegel die karleske Ketzergeschichte erzählt hat, will sich doch der selbst nicht mehr erinnern. Als er jüngst „Die Welt des Mittelalters zwischen Himmel und Hölle“ vorstellte [31.10. 05], da berichtet er zwar fleißig darüber, wie viele Schwierigkeiten wir Heutigen bei dem Versuch haben, das Mittelalter zu verstehen, ließ aber auch nicht den Schatten eines Zweifels am gelehrten Geschichtsbild aufkommen, so wenig wie bei seinem Parforceritt durch die byzantinische Geschichte [21.11. 05]. Beim Konkurrenzblatt Focus machte Roger Thiede drei Anläufe, um das Thema vorzustellen und wurde dreimal zurückgepfiffen – vielleicht war man sich bewusst, dass die Mediävisten schutzbedürftig sind.

Richard Wagner war solches Geschehen innerhalb eines elitären Zirkels eine komische Oper wert. Er schildert ein redliches, butzenscheibiges Nürnberg, in dem redliche, antiquierte Sänger einen treudeutschen Männerbund aufrecht halten, in dem sich der Adept über Singer und Dichter zum Meister emporarbeiten kann, so er nur buchstabengetreu die „leges tabulaturae“ befolgt, sprich mit Bar, Gemäß, Gesätz, Stollen, Vers und Reim samt Abgesang und Melodei zurechtkommt und Bescheid weiß um

„die ‚Frösch‘-, die ‚Kälber‘-, die ‚Stieglitz‘-Weis,
die ‚abgeschiedene Vielfraß‘-Weis“ [Wagner 16].

Bis ein Junger kommt, dem nach Singen und Liebe mehr denn nach verstaubten Regeln und Beckmessereien zumute ist. Der schreibt unter meisterlicher Aufsicht – dies nur bei Wagner – ein Lied, das bei den Meistersingern nicht auf Anhieb Beifall hervorruft:

„Wer nennt das Gesang?
’s ward einem bang!
Eitel Ohrgeschinder!
Auch gar nichts dahinter!“ [ebd., 34]

Worauf Sachs und Borgolte, nein Beckmesser den Sängerstreit auf den Punkt bringen:

„Wollt ihr nach Regeln messen,
was nicht nach eurer Regeln Lauf,
der eigenen Spur vergessen,
sucht davon erst die Regeln auf!“

Beckmessers Contra:

„Aha! Schon recht! Nun hört ihr’s doch:
den Stümpern öffnet Sachs ein Loch,
da aus und ein nach Belieben
ihr Wesen leicht sie trieben,
Singet dem Volk auf Markt und Gassen;
hier wird nach den Regeln nur eingelassen!“ [ebd., 34]

Und diese Regeln liegen eisern fest, nachdem sich noch kein Sachs der Mediävistik gefunden hat. PD Amalie Fößel hat unmissverständlich klargestellt: „Geht man dagegen methodisch korrekt vor, dann stellt sich die eingangs zitierte Frage [nach Karls Fiktionalität] nicht“ [vgl. Illig 1999, 394; Hvhg. H.I.]. Genau so ist es: Wer lieber die „‘Schwarz-Dinten‘-Weis“ einhält [Wagner 15], als selbständig zu denken, wird nicht mehr vorankommen. Denn der ist obendrein geradezu stolz, nichts von Archäoastronomie, Kalenderrechnung, naturwissenschaftlichen Datierungsmethoden, chronologischen Problemen in anderen Kontinenten oder von archäologischen Befunden zu wissen – so trug es einer der reinen Schriftgelehrten in meiner Gegenwart vor über 200 akademischen Zuhörern vor und erhielt dafür auch noch Beifall (2002).

Bezeichnenderweise haben sich Archäologen praktisch gar nicht an der zehnjährigen Diskussion beteiligt, obwohl sie vielleicht am meisten zu sagen hätten und am meisten für ihr eigenes ‘Standing’ profitieren könnten. Das ging soweit, dass die Zeitschrift Archäologie in Deutschland 1999 zwar eine Diskussion zum Thema einleitete, doch kein Archäologe sich an ihr beteiligte. Wenn die Archäologen weiterhin schweigende Zuträger der Mediävisten bleiben, wenn die Mediävisten die archäologischen Ergebnisse nicht apperzipieren, werden sie auf ewig ihr Pergament wiederkäuen müssen, ohne dem Mittelalter näher zu kommen. Es gäbe im akademischen Gebäude wahrlich attraktivere Berufe als Verweser sterilen Unwissens.

Während die meistersingerliche Fachwelt glücklich ist in ihrem Fachwerkturm mit den „zugenagelten Fenstern“, treten unentwegt neue archäologische Funde ans Licht, werden unentwegt neue Ergebnisse ignoriert, revidiert und ganz auf den Kopf gestellt. Der aktuelle Berichtszeitraum bietet eine reiche Palette an Beispielen. Sie sind der Einfachheit halber alphabetisch gereiht, weil das Geschehen einem Grundmuster folgt: Irgendwo werkelt ein Bagger, worauf das von ihm gerissene Loch Anlass gibt für hörbares Aufatmen oder für stilles Kaschieren.

Ort des Baggerns: Aachen

Hier gab und gibt es „Knatsch um den Katschhof” [Schmetz 2005a], also um den Platz zwischen Dom und Rathaus. Mitte Mai rückte ein Bagger an, um neue Stromleitungen zu legen. Was außerhalb jeder Vorstellung lag – wer kennt schon die Rekonstruktion der Aachener Pfalz? –, geschah prompt: Schon bei knapp einem Meter Tiefe stellten sich dem Räumgerät Mauern in den Weg, die entschlossen zerstört wurden. Daraufhin weinten die Archäologen den als karolingisch eingeschätzten Trümmern eines Turms oder Torbaus bittere Zähren nach, obwohl doch alles „in enger Absprache mit dem Rheinischen Amt für Bodendenkmalpflege“ geschehen sei [ebd.].

Erinnerungen regten sich, wurden doch im August 2001 die Überreste eines freigelegten Römerbades an der Buchkremerstaße entschlossen binnen 24 Stunden zerstört; wenige Reste dümpeln auf einem Aachener Bauhof vor sich hin [stm/alp]. Vier Jahre lang hätte man sich überlegen können, wie Bauarbeiten auf archäologisch bedeutsamen Gelände durchzuführen sind, doch in der Karlsstadt blieb es bei der Bagger-Methode.

Erst bei diesem neuerlichen üblen Missgriff reagierte die Stadt, indem sie sogleich ankündigte, die Funde zu sichern und vielleicht unter Glas im Pflaster des Katschhofs zu zeigen [Schmetz 2005b]. Obendrein beschloss sie drei Monate später, einen Stadtarchäologen einzustellen, der mit den Bauherren und deren Archäologen zusammenarbeitet und die Position der Stadt vertritt [Peltzer/Mohne]. Der soll sich unter anderem an der Erhebung aller archäologischen Funde in der Innenstadt beteiligen – keine übereilte Absicht in einer Stadt von Weltkulturerbe. Und er muss eine heikle Entscheidung treffen: Wird der Aachener Bagger als archäologisches Handwerkszeug zugelassen? Vielleicht auch bundesweit? Doch im November neue Enttäuschung:

„Erstaunlicherweise soll die Position zunächst nur für zwei Jahre eingerichtet werden, als ginge es nicht darum, eine bisher nicht vorhandene Infrastruktur für die Stadtarchäologie aufzubauen“ [aro.]

Da will die F.A.Z. nicht begreifen, dass Aachen mit Archäologie nichts ‘am Hut’ hat: Es genießt seine historische Erinnerung am liebsten frei von jedem grobstofflich-irdischen Anteil.

Doch schon im September hat es Widerspruch gegeben. Der örtliche Mediävist Prof. Dietrich Lohrmann teilte den Zeitungslesern mit, dass die Spitzenarchäologen des Rheinischen Amtes für Bodendenkmalpflege, Bonn, die „weitere Zerstörung trotzdem genehmigten. Nun sind sie empört, dass man sich über sie empört“. So klar er hier die Schuldigen ansprach, so klar machte er einmal mehr deutlich, dass die Archäologie weiterhin hinter den Urkunden zurückstehen muss:

„Außerdem braucht die Forschung jedes nur mögliche Grabungsdetail, um die Angaben der schriftlichen Zeugnisse zu den Bauten der Aachener Pfalz überprüfen und ergänzen zu können.“ [Lohrmann]

Erstaunlich, wie wegweisend es in Aachen zugeht – denn überprüft werden hier bislang keine Schriftzeugnisse, allenfalls ergänzt.

Ort des Bröckelns: Aachen

Weil die aus der Zeit um 1350 stammende Reliquienbüste Karls bröckelte, wurde sie aufwendig restauriert. Dabei wurde auch die Schädelkalotte Karls begutachtet. Der Ausspruch von Dr. Geog Minkenberg als Leiter der Domschatzkammer: „Das Stück hat seit der ersten ‚wissenschaftlichen‘ Untersuchung des 20. Jahrhunderts an Substanz verloren“, bezog sich allerdings nicht auf die Zuschreibung des Knochenrestes, sondern darauf, dass es faktisch kleiner geworden ist, wie Bruch- und Schnittstellen bezeugen [Tondera].

Ort der Visionen: Allensbach am Bodensee

Frau Prof. Dr. Elisabeth Noelle teilt mit, dass auch die Wurzeln der Demoskopie ihre Nährsäfte aus Karl dem Großen saugen:

„Umfragen gibt es seit langem. Man fand sogar eine Umfrage, die Karl der Große im Jahre 811 organisiert hatte. Themen waren unter anderem, warum so viel Menschen anderen Menschen den Besitz neiden oder warum so viele Soldaten desertieren. Ein Fragebogen der Umfrage Karls des Großen ist erhalten.” [Noelle]

Nachdem Frau Noelle gelegentlich dem großen Karl begegnet – „Manchmal sehe ich Karl den Großen aus dem [Reichenauer] Münster herauskommen“ [vgl. 1/2002, 208] – ließe sich darüber spekulieren, ob Deutschlands erste Demoskopin nicht nur Adenauer unterstützte, sondern auch den karolingischen Fragebogen entworfen hat, doch wäre das nicht chevaleresk.

Ort der Springprozession: Altötting

Hatten die Fachgelehrten 20 Jahre lang das Oktogon der Gnadenkapelle vom 8. ins 10./11. Jh. verjüngt, so meldete sich nun Dr. Peter Moser [2004] zu Wort. Indem er nur 80 bis 130 Jahre an Verjüngung konzediert [vgl. Illig/Anwander 36 ff.], ‘raubt’ dieser Archivar das Oktogon den Agilolfingern und bezeichnet es als karolingischen Bau Ludwigs des Deutschen aus der Zeit um 830 – „wahrscheinlich an der Stelle eines früheren germanischen Lindenheiligtums“, wie seinem Interview in der National-Zeitung [dsz] zu entnehmen ist. Ihm zufolge gilt: „Altötting ist das nationale Heiligtum Deutschlands.“ Für diesen Mediävisten ist das Heilige Römische Reich eine

„religiöse ideelle Realität. [...] Dieses Reich, das unter Karl dem Großen auf die Germanen übergegangen ist, ist demnach auch heute nicht tot.“

Von Einsprüchen seiner Kollegen ist mir nichts bekannt. Zur Erinnerung an das kräftig schwankende Entstehungsdatum des Altöttinger Oktogons: Benno Hubensteiner sprach (1950) von der Zeit um 748, Rudolf Pörtner (1964) von der Zeit um 600; Dehio (1990) von „noch Anfang bis Mitte 8. Jh.“, während im gleichen Jahr Gottfried Weber immer mehr Kollegen kannte, die das 10. oder 11. Jh. für wahrscheinlicher halten [Illig/Anwander 36 ff.]. Nach einem Intermezzo von „um 700“ [Altötting 2005] nun also Mosers 830. Wird es beim Nichtwissenwollen bleiben?

Ort der Erregung: Aying–Kleinhelfendorf

Am 20. 9. zog ein Bagger die Trasse für eine Stromleitung. Nahe der Marterkapelle des Heiligen Emmerams wühlte die Schaufel Skelettteile aus dem Boden. Sofort wurden Stimmen laut, dass die sterblichen Überreste Emmerams gefunden seien; der Ayinger Bürgermeister erhoffte prompt einen Aufschwung des Wallfahrtstourismus [hak].

Es blieb beim Hoffen. Zum einen soll das Skelett des anno 652 Gefolterten in St. Emmeram zu Regensburg liegen; zum anderen wäre es an den fehlenden Extremitäten zu erkennen, ist doch der Heilige laut Legende auf furchtbare Weise zerstückelt worden. Mittlerweile haben die Archäologen Entwarnung gegeben. Emmeram bleibt in Regensburg, die Kleinhelfendorfer Knochen verlieren jede Bedeutung.

Tatort Bösfeld

So ist in Mannheims Reiss-Engelhorn-Museen eine Ausstellung betitelt, die noch bis zum 22. Januar 2006 zu besichtigen ist. Drei Jahre benötigten die Archäologen der Museen, um den bisher größten Friedhof der Merowingerzeit am Oberrhein freizulegen. Er liegt auf dem Hermsheimer Bösfeld in Mannheim-Seckenheim und gab auf 10.000 Quadratmetern 940 Gräber frei, die ins 6. bis 8. Jh. datiert werden. Den Grabbeigaben nach – Langschwerter, Lanzen und Schilde, kostbare Trachten mit prächtigen Accessoires – handelte es sich um eine Siedlungsgemeinschaft aus Gefolgskriegern des fränkischen Königs [Bösfeld]. Es gibt laut Erik Weber bei diesem bemerkenswert kontinuierlich angelegten Gräberfeld überhaupt keine Hinweise für Christianisierung, dafür durchgehend Hinweise auf Speisebeigaben. Insofern erachte ich dieses Gräberfeld als einen weiteren Beleg dafür, dass die Merowingergräber mitsamt ihren Beigaben nicht bis ins zum Jahre 1000 verjüngt werden dürfen, wie Armin Wirsching vorgeschlagen hat [3/2004], sondern höchstens bis 614 reichen [1/2005] – was zwischen uns diskutiert wird.

Die Archäologen wählten den reißerischen Titel, um auf ihre detektivische Spurensuche und Beweissicherung hinzuweisen, außerdem, weil sie dem tragischen Tod einer hier bestatteten Keltin des -1. Jtsd. nachgegangen sind.

Ort der Wahrheit: ein Bachbett bei Erftstadt-Niederberg

Wie das Rheinische Amt für Bodendenkmalpflege des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) in Köln mitteilte [ORF], kamen bei der Renaturierung eines Baches plötzlich alte Holzreste anderthalb Meter unter den feuchten Lehmschichten hervor, ein „echter Überraschungsfund”.

„Die aus Eichenholz gearbeiteten Bohlen entpuppten sich bald als Reste einer Getreidemühle aus dem Jahre 886 n. Christus, ‚plus, minus zehn Jahre’, schätzen die Fachleute. Der Fund sei ‚auch deswegen so wichtig, weil gerade die karolingische Zeit schlecht erforscht ist – uns fehlen schlicht die Funde.‘” [Hvhg. H.I.]

In Anbetracht dessen, dass der fundlosen Forschung nichts besseres einfiel, als mir die phantomzeitliche Fundarmut respektive Fundleere als Konstrukt und Erfindung anzulasten [so auch Krojer 457], ist dies ein erstaunlich klares Eingeständnis.

Ort des Raunens: Externsteine

Altbraune, Neuheiden und andere Esoteriker bemüh(t)en sich stets, die Externsteine den alten Germanen zuzuordnen, Bis 1935 gab es dort keine Funde vor 1000, dann beschrieb der Grabungsleiter Julius Andree die Funde kurzerhand als germanisch. 1990 beauftragte die „Schutzgemeinschaft Externsteine“ die „Forschungsstelle Archäometrie“ der Heidelberger Akademie der Wissenschaften damit, die Brandspuren in den Grotten zu datieren. Eine erste Untersuchung ließ eisenzeitliche Provenienz (-1. Jtsd.) vermuten. Nun liegen nach eineinhalbjähriger Arbeit Lumineszenzdatierungen vor. Demnach brannten in der Kuppelgrotte die letzten Feuer 935±94 respektive 735±180. Damit ist nichts darüber gesagt, wann dort die ersten Feuer loderten [Jungen]. Auf jeden Fall war das erste publizierte Messergebnis ein völliger Fehlschlag und ist mit 5 Protsch zu bewerten (die neue Maßeinheit für Fehler archäometrischer Datierungen: 1 Protsch ’ 250 Jahre Abweichung).

Ort des Veralterns: Freising – Enghausen

Zu Beginn dieses Jahres war zu berichten, dass ein unbeachtetes Dorfkreuz zur ältestes Großplastik des Abendlandes seit der Spätantike erhoben worden ist: Das Enghausener Kruzifix alterte mit Hilfe ausgefeilter Labortechnik von 1200 auf ca. 900 [Illig 2005, 111-114]. Hier war Einspruch zu erheben. Nun liegt ein ebensolcher Einspruch von einer der besten Kennerin der Materie vor (ein dankenswerter Hinweis von Franz Siepe, der das Standardwerk über Triumphkreuze im Portal Kunstgeschichte rezensiert hat). Manuela Beer hat festgestellt [2005, 566 f.]:

„Eine endgültige Auswertung und Überprüfung des Ergebnisses der C-14-Untersuchung, die nicht mit der durch Stilanalyse und relativen Werkchronologie der oberbayerischen Triumphkreuze ermittelten Datierung in dieser Arbeit übereinstimmt, steht noch aus. [...] Der Wert solcher Ergebnisse für die Datierung muss allerdings von Fall zu Fall vor dem Hintergrund historischer und stilanalytischer Kriterien überprüft werden. Wie irreführend auch ein vermeintlich unbestreitbarer, naturwissenschaftlicher Befund sein kann, hat vor einigen Jahren der Fall des Udenheimer Triumphkreuzes [...] gezeigt [Dieses Kreuz wurde auf 750 statt auf 1070 datiert; H.I.]. Da sich die Drucklegung dieser Arbeit und die nicht abgeschlossene Verifizierung der neuen Befunde für Enghausen überschneiden, berücksichtigen die im Folgenden dargestellten Ergebnisse der stilkritischen Analyse den neuen Datierungsvorschlag nicht, zumal er sich bislang kunsthistorisch nicht überzeugend belegen lässt.“

Die selbstbewusste Leichtfertigkeit, mit der hochspezialisierte Naturwissenschaftler ganze Geschichts- wie Kunstgeschichtszweige ins Chaos treiben, ist erschreckend, aber verständlich, nachdem die einschlägig unbelasteten Schriftgelehrten derartige Ergebnisse wie das Amen in der Kirche hinnehmen. Wir kennen diese Anmaßung aus Vorgeschichte und Antike zur Genüge. Wenn dann noch die Hochstapelei und Scharlatanerie eines von keinem Kollegen kritisierten Spezialisten (Protsch von Zieten [Illig 2004]) hinzutritt, dann wird es verheerend.

Ort der Blindheit: Fulda

Im September trat im Stadtschloss und im Vonderau Museum zu Fulda ein Symposium zusammen, das sich dem Thema: „König Konrad I.: Auf dem Weg zum ‚Deutschen Reich‘?“ widmete. Dem dafür werbenden Flyer ist zu entnehmen, dass der dort faximilierte Eintrag zum Tod des König Konrad I. in den Fuldaer Totenannalen auf das „9.–10. Jahrhundert“ datiert wird. Nachdem Konrad 918 gestorben ist, scheint es sich um den zwanghaften Reflex zu handeln, Geschehnisse fast mit Gewalt in die Karolingerzeit zurückzuverlegen.

Ort des Grabens: Hamburg

Vor der Redaktion der Zeit am Speersort, auf den Überresten des Heidenwalls, wurde am 30. 6. eine Videokamera installiert, die für alle Internetbesucher jederzeit aktuelle Aufnahmen von dem großen Grabungsgelände auf dem Domplatz liefert [Hammaburg]. Ihnen zur Seite steht das gelegentlich aktualisierte Grabungsprotokoll des diensthabenden Archäologen Karsten Kablitz, das den nüchternen Grubenalltag des Archäologen ungeschminkt wiedergibt. Dabei geht es um nichts Geringeres als die Keimzelle Hamburgs, die alte Hammaburg. Gegründet 817 auf einer von Alster und Bille umflossenen Landspitze, errichtete dort Missionar Ansgar eine erste Holzkirche. Nach 15 Jahren fackelten die Dänen den christlichen Spuk samt Ansgars Bibliothek ab. Die neuerlich gebaute Holzkirche wurde 1035 von Bischof Bezelin durch eine steinerne ersetzt, errichtet im Schutze von Norddeutschlands ersten Steinwällen. Soweit die Überlieferungen.

Wo aber stand die Hammaburg? Direkt vor der Zeit? Nach dem ersten Anrücken des Baggers vor sechs Monaten ist die Skepsis gewachsen, ob dort das karolingische Hamburg aus der Tiefe gehoben werden kann.

„‘Es gibt gute Gründe anzunehmen, daß der älteste Dombau von Erzbischof Ansgar und damit auch die Hammaburg auf diesem Gelände errichtet wurden, einen Beleg dafür haben wir aber bislang nicht‘, sagt Grabungsleiter Kasten Kablitz. An der Hammaburg selbst sei das Ausgrabungsteam bisher ‚in keiner Weise dran‘, auch bauliche Überreste eines der Dombauten wurden noch nicht gefunden“ [Gall].

Es gibt mit Papst Benedikt V. einen Beförderer dieser Skepsis. Verbannt 964 von Otto I. nach Hamburg (Bezeichnung für eine „Befestigung im Morast“), starb er bald an „dem Regen, dem Heimweh, der Trostlosigkeit“, denn Hamburg war damals noch eine Ansiedlung von vielleicht 200 bis 300 einstöckigen Lehmhütten [Franz 2005a]. Wie soll dieses Moorkaff 150 Jahre früher ausgesehen haben? Wie eine Bischofsstadt? Oder wie Münster, wo den Archäologen zufolge der Bischof einsam seine Basilika samt Palast am Ufer der Aa baute? Immerhin hat man einen weiteren Schmuckziegel von Benedikts Scheingrab gefunden, das allerdings erst 250 Jahre nach seinem Tod errichtet worden ist, als den Hamburgern ein katholischer Märtyrer ins Konzept passte [Franz 2005b].

Wie dem auch sei: Das 16-köpfige Hamburger Grabungsteam hat noch Zeit bis Ende 2006, um die Hammaburg und den ältesten Dom zu finden. Findet es nichts, schadet das auch nichts, denn nichts kann falsifiziert werden:

„Wir erwarten den ersten Dombau im Zentrum und die Hammaburg eher in den Außenbereichen des heutigen Domplatzes, sagt Kablitz. Es sei aber unklar, ob der Außenbereich des heutigen Platzes mit dem des historischen übereinstimmt“ [Gall].

Außerdem steht mit Ole Harck der Verfechter einer konträren Meinung parat. Der Kieler Professor für Vor- und Frühgeschichte würde die Hammaburg 500 m südwestlich unter den Ruinen von St. Nikolai suchen. Für ihn hat sich bis Anfang Oktober nichts bei der Ausgrabung ergeben, was ihn an seiner These zweifeln ließe.

Zum Dritten weiß die Stadt Hamburg [Hamburg] ohnehin längst, wo die karolingische Hammaburg lag, wie lang, breit und hoch ihre Wälle waren (520 x 15 x 6 m), aus wie vielen Baumstämmen sie bestanden (10.000) und wie groß die hier verschanzte Besatzung (50 Mann) war – eine Fähigkeit der Imagination, die wirklich keiner archäologischer Funde mehr bedarf. Warum da noch eine solch’ aufwendige Grabung?

Ort der Karolinger: Krefeld

Ein 16 m langer Lastenkahn wurde in die eigens dafür errichtete Schiffshalle im Museum Burg Linn verbracht. Damit ist – nach den beiden in Utrecht und Kalkar-Niedermörmter – der dritte Bootsfund auf dem europäischen Festland gerettet, der als karolingisch gilt. Der Krefelder Fund lag rund 30 Jahre im Konservierbad und steht jetzt für das 8. Jh. [AZ]. Sofern Dietrich Hennes [2005] recht hat, bezieht er seine Datierung nicht aus dendrochronologischen Untersuchungen, sondern aus dem einzigen Fund im Bootsinneren: dem tönernen „Wackeltopf“.

Den Niedermörmter Kahn hatte 1993 ein Schwimmbagger freigespült:

„Im Schiff selbst sowie in dessen unmittelbarem Umfeld wurden sowohl ein paar stark verschliffene römische Scherben und eine fast vollständig erhaltene, viereckige Glasflasche aus dem 2. Jahrhundert n.Chr. als auch einige wenige mittelalterliche Keramikfragmente des 8./9. Jahrhunderts aufgefunden“ [Köln 378].

Bevor der Flusskahn als Nullachtfünfzehn-Kahn der Römer gesehen werden konnte, sprach die Dendro-Untersuchung von einem Fälldatum bei 802 ! 5 Jahre. Insofern wären die Karolinger am Rhein subaquatisch präsent.

Ort karolingischer Abstinenz: Landshut

Ober- wie Niederbayern waren einmal Weingegend (gab es doch am Münchner Karlsplatz sogar den Weinbauern Eustachius, nach dem alle Welt den Platz „Stachus“ nennt). Doch wann florierte der Weinbau in Landshut und Umgebung? Nach

„dem Abzug der Römer scheint sich zuerst niemand mehr für den Wein interessiert zu haben, erst vom 10. bis ins 13. Jahrhundert aber lachte die Sonne den Weinbauern wieder in Herz und Garten“ [Tremmel].

Also karolingische Abstinenz, obwohl Karl per Capitular die Modalitäten für das Keltern festgelegt hätte und keine karleske Kaltzeit bekannt ist. Nach 1645 erlosch der südbayerische Weinbau dann endgültig.

Diese Kalt- und Warmzeiten werfen eine Frage auf, die Robert Zuberbühler zunächst auf derzeit ausapernde Alpenpässe richtete. Da in manch vorgeschichtlicher Zeit die Permafrostgrenze noch deutlich höher lag als heute, da es im 14. Jh. eine „Kleine Eiszeit“ gab und von 1645–1715 das so genannte „Maunder-Minimum“, dazwischen aber deutliche Warmzeiten, ist zu fragen: Wie hat damals der Mensch so viele Treibhausgase erzeugt?

Ort des Pergaments: Mainz

Ab 4. Februar 2006 lässt sich im Mainzer Dom- und Diözesanmuseum eine „karolingische“ Prunkhandschrift aus dem Vatikan bestaunen: Die Gedichtsammlung „Lob des Kreuzes“, mit eigener Hand verfasst und korrigiert von Hrabanus Maurus (angebl. † 856), der in der Bischofsliste von Mainz verzeichnet ist. Der „unbezahlbare“ Codex – Kardinal Lehmann musste sein ganzes Gewicht in die Waagschale werfen, um die fast unmögliche Ausleihe zu erreichen – hat allerdings Lücken in seinem Stammbaum:

„Er war einige Jahrhunderte im Besitz der Mainzer Dombibliothek, verschwand dann und tauchte später in Fulda wieder auf. Kaiser Rudolf II. hörte von dem märchenhaften Prachtstück und lieh sich die Handschrift im Jahre 1598 aus – sie verschwand in der Schatzkammer seiner Prager Burg. Dort fanden sie schwedische Truppen im 30jährigen Krieg – nächste Besitzerin wurde die Königin Christina, die zum katholischen Glauben übertrat und das wertvolle Stück dem Papst vererbte“ [Hock].

Seit wann also in Mainz? Und wie lange verschwunden?

Ort des Disputes: Münster

Hier wurde mit aller Kraft die Werbetrommel für die Ausstellung 805: Liudger wird Bischof. Spuren eines Heiligen zwischen York, Rom und Münster gerührt. So vertreibt der Museumsshop auch den originalen Liudger-Wacholderschnaps aus echten toskanischen Wacholderbeeren [Liudger].

Außerdem tobte eine kleine Schlacht um Münsters Ursprung, sind doch Werner Thiels Anmerkungen zu der ergebnislosen Grabung nicht nur in den Zeitensprüngen, sondern auch in einer Münsteraner Studentenzeitschrift gedruckt worden, was die dortigen Archäologen empörte. Sein Roman vom Schwert aus Pergament wird gerade in Münster und Greven viel gelesen, obwohl seine Darstellung vom Ablauf einer hochmittelalterlichen Vita-Erfindung allgemein europäischen Charakter hat.

Ort des Gedenkens: Reichenau + Silo de Carlomagno

Im Reichenauer Münster will man in den 30er Jahren das Geroldsgrab gefunden haben, also das Grab von Karls Schwager, Karls Fahnenträger, Karls Präfekten in Bayern, der am 1. 9. 799 vor den Awaren verblichen wäre. Für seine zeitweilige Ruhestätte sprechen nur Überlieferung und Größe des Grabes.

„Bei der Auftaktveranstaltung zum Themenjahr ‚Klosterinseln – Klosterspuren‘ wird das Grab erstmals für ein größeres Publikum geöffnet“ [Zoch]

– ein Vorhaben, dessen praktische Umsetzung zum Grübeln verleitet. Aktuelle Berichte über das Geschehen waren nicht aufzuspüren.

Aber die vermeintliche Grablege erinnert an eine wesentlich größere, am Jakobsweg in Spanien gelegene. Neben der bekannten Wallfahrtskirche von Roncesvalles im Valcarlos unterhalb der Rolandsbresche liegt die Gräberhalle „Silo de Carlomagno“. Sie ist letzte Ruhestätte für 18 Ritter Karls d. Gr. Sie fielen, als auch Roland fiel, im Abwehrkampf gegen die Basken. Nachdem 16 von 18 der Gräber Namensschilder tragen, ist die Überlieferung noch besser als im Falle der Reichenau. Da verschlägt es nicht, dass die Gedächtnishalle erst im 12./13. Jh. gebaut worden ist und das Rolandsgrab andernorts, in Blaye, gelegen haben soll. An die wohl älteste Gedenkstätte der Welt für Gefallene eines Feldzugs hat der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. erinnert, zeigt sie doch für ihn, „wie lang die Tradition ist, der im Kriegsdienst Gefallenen in besonderer Weise zu gedenken“ [Dose/Dersch].

Ort der Veralterungsfreude: Schattenhusen

Bei Büren im Kreis Paderborn wird die Siedlung Schattenhusen am Alten Hellweg ausgegraben. Die dort gefundene Keramik weist auf eine Gründung in die Karolingerzeit, ins 8. Jh. statt ins 10. Jh. „‚Die Menschen waren hier früher als vermutet‘, so Grabungsleiterin Sveva Gai“ [AiD]. Es geht hierbei um einen Weiler mit kaum mehr als fünf Höfen, der 500 Jahre lang bestanden haben soll. Die Keramik schreiben wir der Zeit vor und nach 614||911 zu.

Ort der massiven Täuschung: Schieder-Schwalenberg

Am Westhang des Kahlenberges in der Nähe von Schloss Schieder und der Burg Schwalenberg (Kreis Lippe) ist seit dem 19. Jh. die Befestigungsanlage Alt-Schieder immer wieder untersucht worden. In dieser Zeit wurde sie

„bereits für römisch, sächsisch, fränkisch und karolingisch gehalten. Dazu passt auch, dass bereits 822 eine Befestigungsanlage ‚Villa Schieder’ in einer Urkunde genannt wird“

Diese Umwallung steht nun beispielgebend für die erstaunliche Fähigkeit der Archäologen, ihre eigenen Befunde gegen den Strich zu interpretieren, um den Karolingern treu zu bleiben. Hören wir den Archäologen Kai Niederhöfer nach einer grammatikalisch verqueren Einleitung:

„Doch nachdem Niederhöfer die archäologischen Funde mit verfeinerten Bestimmungsmethoden die frühmittelalterliche und mittelalterliche Keramik untersucht hat, kommt er zu einer Datierung, die nicht zu dieser urkundlichen Erwähnung passt: ‚Die Hauptburg und die Kirche, die sich in ihrem Innenraum befunden hat, lassen sich ins frühe 11. bis 13. Jahrhundert datieren. Die Anlage ist also ottonisch und damit viel später entstanden als bisher gedacht. Die im 9. Jahrhundert genannte »Villa Schieder« verbirgt sich den neuen Untersuchungen nach wahrscheinlich in der Vorburg, die auf archäologischem Wege zeitlich nicht genauer zugeordnet werden kann‘, fasst Niederhöfer seine Ergebnisse zusammen“ [Lippe].

Der anonyme Schreiber dieser Zeilen fährt mit einem ebenso kühnen wie konsequenten „also“ fort:

„Also bestand in karolingischer Zeit (um 822) bereits ein eingefriedeter Wirtschafts- und Amtshof (Curtis) in Alt-Schieder, der ungefähr zwei Jahrhunderte später zu einer befestigten Siedlung, einer Civitas, ausgebaut wurde.“

Das hat der Schreiber offenbar Kai Niederhöfers Alt-Schieder-Führer in der Reihe Frühe Burgen in Westfalen entnommen, für den hier geworben wurde. So gesehen, werden die Karolinger noch ganz neue Evolutionen erleben. Je öfter etwas nicht gefunden wird, desto sicherer steht es für die Karolingerzeit!

Ort des Einhard: Seligenstadt

Kaum ein Ort in Deutschland ist stärker von einer karolingischen Person geprägt als Seligenstadt, wo man auf dem Stadtplan ununterbrochen über Einhard, seine Emma oder über die Karolinger stolpert (tradiert ist 828 Gründung eines Klosters und dann die Errichtung der Basilika). So gibt es auch eine Einhard-Stiftung, die Einhard-Arbeitsgemeinschaft und die Ordensbruderschaft vom „Steyffen Löffel zu Seligenstadt“. Zusammen riskierten sie die Probe aufs Exempel: Um die Frage: Liegt Einhard in seinem Sarkophag? beantworten zu können, ließen sie im Oktober 2004 die Grabruhe stören. Wie Prof. Franz-Friedrich Neubauer als Präsident der Einhard-Stiftung bei Verkündung der Ergebnisse betonte, wäre eine Umdatierung „eine Katastrophe für das Selbstverständnis der Stadt“ gewesen [es.]. Doch alles ging gut.

Im barocken Einhard-Sarkophag liegen seit 1722, wie man seit mindestens 1948 weiß, die Überreste dreier Personen: Ein unbeschriftetes Leinensäckchen enthält Teile eines männlichen und eines weiblichen Skeletts, die Aufschrift des zweiten Säckchens spricht von einer unbekannten „Domina Gisla“ [as.]. Die drei eingeschalteten Institute in Kiel, Frankfurt und Fürstenfeldbruck stellten nun fest: Es handelt sich um die Überreste eines Mannes, der 1,62 m groß, nicht verkrüppelt war und um 835 im Alter von etwa 70 Jahren gestorben ist. Einhard soll klein vom Wuchs gewesen und als ungefähr 80-Jähriger 840 in Seligenstadt gestorben sein. Ergo: „Nach Ansicht von Neubauer liegt damit eine ‘frappierende Übereinstimmung’ vor“ [es.].

Das Todesjahr der Frau wurde auf etwa 840 datiert; Emma soll um 836 gestorben sein. Irgendwelche DNA-Analysen waren nicht mehr möglich; die Leichen sind zunächst in der Erde bestattet worden, dann in einem Sandstein-Sarkophag und schließlich im 18. Jh. in dem Marmor-Sarkophag. „Neubauer hob hervor, nach menschlichem Ermessen gebe es keinen Zweifel daran, daß es sich um die Gebeine von Einhard und Imma handele.“ [es.]

Domina Gisla starb angeblich viel später, um 1025 im Alter von 70 Jahren. Warum sie in den Sarkophag gelegt wurde, ist ungeklärt.

So bleibt Seligenstadt nach menschlichem Ermessen weiterhin Einhardstadt, und die erst zehn Jahre alte Ordensbruderschaft kann weiterhin den „steyffen Löffel“ zum Willkommenstrunk reichen.

Ort des Feierns: Unteralting

Bayerns bescheidenste Gemeinde ist Grafrath mit seinem Ortsteil Unteralting. Dort rätselte man, wie alt der Ort nun wirklich sei. Denn gegründet sein muss Unteralting irgendwann im 6. oder 7. Jh., darauf scheinen Funde hinzudeuten. Allerdings: Die gesunde Skepsis kann 58 vorgeschichtliche Grabhügel ignorieren, sie kann eine Gründung im 6. Jh. favorisieren, aber sie kommt nicht an einer karolingischen Urkunde vorbei, die auf 804 verweist [Illig/Anwander 867]. Es kann sich aber auch um 805 oder die Jahre bis 810 handeln [Daschner 2005a]. Bevor es aber gar eine Höchstens-1200-Jahrfeier wird, fand Unteralting zu einer salomonischen Lösung:

„Es hat sich herausgestellt, dass wir mindestens 1200 Jahre alt sind [...] Weil eine ‚Mindestens-1200-Jahrfeier‘ aber seltsam klingt, und weil der Unteraltinger an sich halt gerne feiert, traf man sich trotz der historischen Ungereimtheiten zum Festabend“ unter dem Motto: „Unteralting feiert seine 1200-jährige Geschichte“ [Daschner 2005b].

Na, dann noch einmal Prost!

Ort des Trinkens: Untersberg

Wenn die Not am größten ist, soll Kaiser Karl mit seinen Mannen aus dem Untersberg hervorbrechen, sie auf dem Walser Feld sammeln und in einer großen Endschlacht sein Reich erretten. Wie zufällig gibt es neuerdings in Wals bei Salzburg eine Firma namens Kaiser Karl, die „sagenhafte“ Alkoholika produziert: ein Pils und ein Weißbier, einen Hollerer, also einen Holunderschnaps und andere Köstlichkeiten mehr. Nun wird die Konkurrenz zu Münster und seinem Liudgerschnaps (s.o.) erdrückend werden. Aus redaktioneller Sicht liegt Wals eindeutig vorn, hat doch eine aufmerksame Abonnentin sogar ein Probebier spendiert.

Bocksgesang

Dem Alphabet folgend sind wir von der Tragödie mählich zum Bocksgesang übergewechselt. Hier, im Genre ‘Romanhafte Darstellung der mittelalterlichen Phantomzeit’ gibt es eine neue Teilnehmerin: Kathrin Lange mit dem Roman Jägerin der Zeit. Es geht unter anderem um einen

„gefährlichen byzantinischen Geheimbund. Dieser schreckt vor nichts zurück, um den wahren Grund für eine Kalenderreform zu verschleiern – ein Grund, den Theophanu kennt und dessen Bekanntgabe die mittelalterliche Welt aus den Angeln heben würde“,

so der Klappentext. Mit von der Partie, über die ich nichts verrate, sind Gerbert von Aurillac alias Silvester II., Otto III. und Konstantin VII. Dementsprechend üppig fiel mit eineinhalb Buchseiten die Danksagung an alle möglichen Menschen aus. Der Urheber der Phantomzeitthese fehlt freilich, ging es Lange doch um etwas anderes, das sie ans Ende ihres Nachwortes gestellt hat:

„Die Freiheit, mit der ich die Quellen ausgelegt habe, darf als Antwort auf die Frage dienen, wie die Autorin zur Theorie der erfundenen Jahrhunderte steht: Ich wollte eine Geschichte erzählen, kein Plädoyer halten für irgendeine These!“ [Lange 520]

Da darf ich mich dafür bedanken, dass mein grobes Material als Rohstoff für einen fein gesponnenen Roman zu gebrauchen war. Es freut mich auch, dass eine solche Veredlung schon zum zweiten Mal geglückt ist. Beim ersten Mal profitierte der Jahrtausendkaiser von Richard Dübell, der sogar angefragt hatte, ob er den ‘Plot’ für einen Roman nutzen könne, auch wenn die Danksagung dann wie bei Lange ausfiel.

Es scheint nun so zu sein, dass es für derartige Romane eine Vorschrift für den Auftakt gibt. Der eine Roman beginnt mit einer ersten, lapidaren Zeile:

„Der Mann stank.“

Danach Absatz, neue Zeile. Der andere Roman beginnt ebenso lapidar:

„Die Kaiserin sah bleich aus.“

Danach Absatz, neue Zeile.

Wer daraus auf das Geschlecht des/der Schreibenden schließen möchte, wird zum richtigen Ergebnis kommen, auch wenn er die beiden vertauschen sollte.

Ein solcher Artikel entsteht nur mit Hilfeleistung. Für ihre Wachsamkeit bedanke ich mich bei Günther Braun, Berthold Giese, Hugo Godschalk, Gunnar Heinsohn, Dieter Helbig, Hans-Ulrich Niemitz, Franz Siepe, Werner Thiel, Erik Weber, nicht zuletzt aber bei dem ‚anonymen Zeitenspringer‘, weil ich leider nicht immer den Absender eines Fundes notiere, ihn gelegentlich auch gar nicht erfahre.

Literatur

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2 Kommentare zu “Die Meistersinger von Deutschland. 10 Jahre Karlsverwerfungen und -debatten”

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[...] Der Spiegel widmet in seiner neuesten Ausgabe dem Streit um Corvey einen Artikel mit dem Titel Mönche als Mythenmaler. Autor ist Matthias Schulz, der ZS-Lesern schon mal aufgefallen sein könnte: Er war derjenige, der 1999 die Illig-These im Spiegel vorgestellt hat (Weltherrscher im Klappstuhl, Spiegel vom 08.03.99). Allerdings musste Illig sechs Jahre später feststellen, dass sich Schulz an seinen damaligen Vorstoß leider nicht mehr erinnern konnte (Die Meistersinger von Deutschland. 10 Jahre Karlsverwerfungen und -debatten, ZS 3/2005, S. 683). [...]

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3. Dezember 2004                     Kategorie(n): Artikel aus den ZS, Fantomzeit, Zeitensprünge

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Siebigs’ Fund und Fried ohne Freud – Aktuelles zur Frühmittelalterdebatte und mehr

von Heribert Illig (Zeitensprünge 3/2004)

Zum Auftakt ein fair geführter Dialog

Es gab einmal eine Gruppe von Skeptikern, die sich zusammenschloss, um Aussagen zu prüfen, die ihr zu vage oder zu ungesichert schien. Sie nannten sich GWUP und gaben eine Zeitschrift Skeptiker heraus. Und so bemüht sich die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V. um die Scheidung von PSI-Spreu und wissenschaftlichem Weizen. Doch schwups, wie das so geht, wurden aus Skeptikern harte Dogmatiker, und ihr Zentrum für Wissenschaft und kritisches Denken vergaß immer öfters die Selbstkritik. Die Leser erinnern sich, dass auch die These vom erfundenen Mittelalter der Rubrik ‘paranormal’ zugeordnet werden sollte, was allerdings trotz Dieter B. Herrmann und Franz Krojer nicht recht gelingen wollte.

Einem aus der Redaktion wurde das dogmatisch festgelegte Spiel zu dumm; Edgar Wunder stieg aus und gründete die Gesellschaft für Anomalistik e.V. in Heidelberg, dazu die Zeitschrift für Anomalistik. Hierbei sollte von vornherein gewährleistet sein, dass konträre Stimmen zu Wort kommen können – was den GWUP-Skeptikern nicht wichtig schien, denn warum sollte man Scharlatanen auch noch Raum für eine Entgegnung einräumen?

Im aktuellen Heft [Bd. 4 (2004), Nr. 1-3, S. 192-211] stellt Jörg Dendl die Phantomzeitthese für die Anomalistiker auf den Prüfstand. Dagegen wäre nichts einzuwenden gewesen – außer vielleicht der Umstand, dass der Astronom Prof. Dieter B. Herrmann in beiden Vereinen im Wissenschaftsrat sitzt. Aber das hatte diesmal keine Auswirkungen, weil Dendl seine gesamte Argumentation auf die Kalenderrechnung beschränkte, genauer gesagt, auf meine Ausführungen in Das erfundene Mittelalter und vier ältere Artikel, also auf den Stand von 1996 (in der mir zur Beantwortung geschickten Fassung hatte Dendl nicht einmal Das erfundene Mittelalter als Quelle aufgeführt). Dendl kam denn auch erneut zu dem obsoleten Schluss, dass Nicäa das Maß der Computistik vorgegeben hätte, weshalb ich irren würde. Nachdem der Kritiker beispielsweise die in der ganzen Alten Welt nachweisbare Fundarmut für die Phantomzeit ignoriert hatte, ja alle über die Kalenderproblematik hinausgehenden Fragen auf zehn Zeilen abgetan hatte, tadelte er mich:

“Es bleibt festzuhalten, dass Illig sich bei der Betrachtung eines allzu kleinen Ausschnitts der Geschichte festhielt. Einfach zu behaupten, das Geschichtswerk Einhards sei gefälscht, und die Pfalzkapelle von Aachen ein nicht-karolingischer Bau, reicht zur Untermauerung einer solch umstürzenden These nicht aus” [Dendl 199].

Diese retardierte Haltung war so enttäuschend, dass Gunnar Heinsohn, zu einem Diskussionsbeitrag aufgefordert, es ablehnte, auf eine ebenso eingeschränkte wie veraltete Sicht bei einer so weit greifenden These zu reagieren. Mir blieb natürlich nichts anders übrig, als den aktuellen Stand unserer Forschungen nachzutragen und die Irrtümer aufzuklären.

Interessant war die Replik von Franz Krojer. Er war jahrelang mein unerbittlichster Kritiker in Fragen der Astronomie (Stichwort ‘Spica”); erst nach den Antworten von Jan Beaufort, Heinsohn und mir [3/2003] auf sein Buch Die Präzision der Präzession schwieg er. Nun also beteiligte er sich neuerlich, wobei ich gar nicht sicher bin, ob uns Dendls Vorabdruck nicht bereits vor dem Jahresende 2003 vorlag. Auf jeden Fall hat Krojer einen dankenswert objektiven Beitrag publiziert. Auch ihm erscheint Dendls Beitrag anachronistisch, die rasche Abqualifikation meiner These als zu kurz greifend.

“Man muss also aus meiner Sicht einige Hürden nehmen, bevor die Phantomzeit-These an Gewicht verliert. Streng – etwa im mathematischen Sinne – widerlegbar ist sie nicht, jedoch gibt es hinreichend viele Argumente aus astronomischer Sicht, die deutlich gegen das ‘erfundene Mittelalter’ sprechen.” [Krojer 205]

Die genannten Beispiele, wie babylonische Keilschrifttafeln, Stern- und Planetenbedeckungen durch den Mond und viele andere astronomische Ortsangaben, sind möglicherweise noch vor unserer dreifachen Replik formuliert worden. Auf jeden Fall ist Krojer mittlerweile das Urkundenfälschen im 10. bis 13. Jh. in seiner “Massenhaftigkeit” zum Problem geworden. Nach Prüfung der Argumente im ‘Bayernbuch’ von Anwander und mir und nach Kontakt mit dem von Faußner aufgespürten “kreativen Fälschungsatelier” kam er zu folgendem Schluss:

“Es besteht somit ein öffentliches Interesse, dass sich Mediävisten gegenüber Laien zur fast unvorstellbaren ‘Massenhaftigkeit’ mittelalterlicher Fälschungen ausführlich und auch populär äußerten. Da sich eigene Positionen oft dann am besten nachvollziehen lassen, wenn sie sich in Auseinandersetzung mit dazu konträren Ansichten entwickeln, würde ich es sehr begrüßen, wenn die neuesten Bücher von Illig und Faußner einer fundierten mediävistischen Kritik unterzogen würden” [ebd.].

Zu ergänzen ist, dass Stefan Taube [268 ff.] in demselben anomalistischen Heft eine Rezension von Krojers Buch veröffentlicht hat. Darin empfielt mir Taube mit Nachdruck dieses Buch zur Lektüre. Deshalb gibt es doppelten Anlass, den Anomalisten mehr Aktualität zu wünschen, ist doch meine Krojer-Rezension elf Monate früher als die von Taube erschienen (die allerdings schon vor Drucklegung ins Internet gestellt worden ist).

Auch Uwe Topper als dritter Diskutant bleibt streng beim Thema und bemängelt, dass Dendl gar nichts für oder gegen den im Titel angesprochenen Karl den Großen vorbringe, sondern sich fast ausschließlich auf die Kalenderreform des Jahres 1582 und das Konzil von Nicäa beziehe. Er gibt hierzu interessante Erläuterungen, gerade auch zu den Jahreszahlen in spanischer ERA-Rechnung und Inkarnationszählung, bei denen nach seiner Auffassung Jahrespakete verwendet wurden,

“die einen mystischen (zuweilen ‘kabbalistischen’) Sinn erfüllen. Ein solches Paket bilden die 297 Jahre, die als ‘Phantomzeitraum’ von Heribert Illig erkannt wurden” [Topper 208].

Er bekräftigt daraufhin noch einmal den eigenen Grundgedanken und den von Kammeier:

“Es handelt sich demnach um Spiegelfechterei innerhalb des autobiographischen Romans, den sich die Kirche in der Renaissance schuf. Dabei ist der Gedanke noch einmal hervorzuheben, dass mit der Neufestlegung des Frühlingsbeginns (21. März) in bezug auf einen ‘historisch’ verankerten Zeitpunkt (Nicäa), der von der Kirche postulierte Zeitabstand [von ein oder mehreren ‘Paketen’ à 297 Jahren; H.I.] abgesichert wurde” [Topper 210].

Während Krojer von den Mediävisten verlangt, dass sie endlich zur Fälscherei des Mittelalters wirklich Stellung nehmen (was Johannes Fried, siehe unten, versucht hat) sieht Topper “vor allem archäologische” Forschungsergebnisse vonnöten, dazu wirklich naturwissenschaftliche Datierungsmethoden, die es bislang nicht gibt. Selbstverständlich braucht es all diese Anstrengungen, um hier voranzukommen. Doch bleibt uns die nüchterne Erkenntnis: Nachdem es bei den Mediävisten noch kein Problembewusstsein gibt, suchen sie nicht nach Lösungen, sondern stecken den Kopf in den Sand.

Linz wie die Wikinger ohne Phantomzeit

Martin Ebner sah den direkten Weg von der Bonner Wikingerausstellung zur Phantomzeitthese, allzu erbärmlich erschien ihm der ‘Beweis’ für die Wikingerheimsuchungen auf heute deutschem Gebiet und die offizielle Begründung für sein Fehlen: “Sie kamen, um zu nehmen und nicht, um zu geben.” Dass Dorestad bei Utrecht überfallen wurde, erstaunt keinen Kenner.

“’Erstaunlich hingegen ist, dass die Angreifer fast jedes Jahr wiederkamen. Allein zwischen 834 und 837 wurde Dorestad viermal zerstört und viermal erholte sich die Stadt innerhalb kurzer Zeit (während des Winters) und war so weit wieder hergestellt, dass sie für die Wikinger erneut eine lohnende Beute darstellte.’ Erstaunlich ist vor allem, dass man so etwas in einem Katalog schreiben kann, ohne daran etwas faul zu finden. Zumindest verwundert, dass nichts über etwaige Brandschichten in Dorestad, einer der größten archäologischen Ausgrabungen des 20. Jahrhunderts, zu erfahren ist. [...]

Der einzige unzweideutige Beleg für Wikinger im Rheinland sind und bleiben also die Chroniken des Mittelalters, die über blutrünstige Banditen aus dem Norden jammern. Kein frommer Museumsbesucher wird an der Glaubwürdigkeit ihrer Verfasser zweifeln: Kleriker, die stolz sind auf den Besitz der ‘Sandale Christi’ (im Kloster Prüm) und zuweilen auch von feuerspeienden Drachen berichten. Aber ob man mit solchen Zeugen vor Gericht durchkäme?

Die Bonner Ausstellung und ihr Katalog sind außerordentlich interessant und witzig. Jedenfalls, wenn man ein gesundes Misstrauen mitbringt und dazu die Wikinger-Kapitel in den Büchern von Heribert Illig liest” [Ebner].

Da fällt die Überleitung zu einer Festschrift leicht, hat doch Jubilar Fritz Mayrhofer Theorien korrigiert, denen zu Folge es eine Wik-Bezeichnung der Stadt Linz gegeben hätte (Altenwik – Altengwik – Bivium). So berichtet uns der Archäologe und Museumsleiter Willibald Katzinger in seinem Festschriftbeitrag. Der musste 1998/99 den Gedanken an eine Ausstellung Vom Ursprung der Städte im Frühmittelalter aufgeben:

“Eine solche hat sich aufgrund des absoluten Mangels an originalen Schauobjekten als nicht durchführbar erwiesen. Im Nachhinein betrachtet ist der Plan zur Ausstellung sogar als reichlich naiv zu betrachten, war doch die Fundleere zur fraglichen Epoche schon vorher bekannt” [Katzinger 328].

Er referiert im Weiteren vielfache Schwächen der Überlieferung – zu Handel, möglichst langer Geschichte, Heiligenlegenden, Urkunden(-büchern), Biographien – und zeigt, wie erfindungsreich die Kommentatoren Urkundenschwächen entschärfen, obwohl noch in Unkenntnis von Frieds Memorik (s. S. 625). Es geht dabei um die älteste Nennung von Linz im Jahre 799, erhalten in einer Abschrift aus dem 9. Jh. Da aus einer ‘Korrektur’ die nächste zwingend hervorgeht, zogen die ‘Entschlüsseler’ Vergleiche mit einer kirchlichen Neustrukturierung der neu erworbenen Avarica und folgerten,

“dass es bei der St. Pöltner ‘Synode’ von 799 um ähnliche Probleme gegangen sein muss und dass dabei ähnlich wie für die neu gewonnen[en] Gebiete Salzburgs in Pannonien von Bischof Waltrich ein Chorbischof eingesetzt worden wäre, aber eben nördlich der Alpen.

Abgesehen davon, dass für 799 keine Synode nachgewiesen ist, dass – wenn denn eine stattgefunden hätte – ob in St. Pölten oder anderswo, von einer Neuordnung der Avarica nirgends die Rede ist, auch in anderen Quellen kennen wir keinen Chorbischof und wissen auch nicht, für welches Gebiet er zuständig gewesen sein sollte. Doch damit noch nicht genug! [...]

Von einer auf Anregung Ernst Klebels von einem Historiker des 20. Jahrhunderts hinzugefügten Ergänzung synodus ibi schließt ein zweiter, den ersten überbietend, sogar auf ein Königsbotengericht, welches offensichtlich nicht von Königsboten, sondern – die Institution der Königsboten ad absurdum führend – vom Präfekten Bayerns selbst abgehalten wurde, dem damit eine königgleiche Stellung eingeräumt wird, die wiederum ganz und gar nicht in das politische Konzept König Karls d. Großen passte, sonst hätte er nach dem Sturz Tassilos III. in Bayern ja wieder einen Herzog einsetzen können. Überflüssig zu erwähnen, dass von alldem nichts in der Urkunde steht!” [ebd., 332]

Von den drei weiteren Nennungen von Linz im 9. Jh. ist die von 823 eine Fälschung aus dem 13. Jh., die von 821 gilt als unverdächtig, die von ca. 850 blieb unbeanstandet. Dazu kommt die Linzer Martinskirche, deren Form, Zweck und Alter jedoch von den Archäologen bislang nicht aufgeklärt werden konnte; ihre frühe Datierung bezieht sie von ihren Flechtwerksteinen.

“Mehr wissen wir zur Frühgeschichte von Linz im 8. und 9. Jahrhundert nicht, wenn wir von der Maut zu Tabersheim absehen und auf Rückschlüsse aus der Raffelstetter Zollordnung verzichten” [ebd., 337].

Katzinger stellt als Erklärungsmöglichkeit die Frühmittelaltererfindung vor und resümiert:

“Vielleicht käme man mit der Phantomzeitthese auch den Menschen von Linz-Zizlau näher auf die Spur, die aus der Sicht der Archäologie um 700 spurlos verschwunden sind und urkundlich erst im 12. Jahrhundert wieder auftauchen” [ebd., 340].

Es geht hier weder um die zwingende Richtigkeit unserer bislang angestellten Überlegungen, noch um das Aufplustern von scheinbar kleinen Unstimmigkeiten innerhalb der Diplomatik wie der Mediävistik ingesamt oder auch um das Kleinreden von rätselhaften Unstimmigkeiten im Gebälk des Theoriegebäudes, sondern um die stete Suche nach besserem Verständnis. Deshalb schreibt Katzinger im letzten Absatz seiner Arbeit:

“Selbstverständlich lassen sich auch alle übrigen zuletzt gebrachten Überlegungen aus den vorhandenen Quellen und Überresten nicht beweisen. Das liegt auch gar nicht in der Absicht des vorliegenden Beitrages. Vielmehr sollte nur gezeigt werden, dass alles auch ganz anders gewesen sein könnte und dass die Frühmittelalterforschung gut beraten wäre, wenn sie für dieses ‘Andere’ offen bliebe” [ebd. 340].

Siebigs’ Buch zum Aachener Dom

Hans-Karl Siebigs (2004): Der Zentralbau des Domes zu Aachen Unerforschtes und Ungewisses; Worms [abgekürzt mit = S.]

Siebigs war von 1983 bis 1998 Dombaumeister zu Aachen und kennt wie kein anderer Lebender den Bau von innen und außen. Insofern ist es höchst verdienstvoll, dass er versucht hat, Licht in die vielen Ungereimtheiten zu bringen, die diesen Bau umranken. Insbesonders beunruhigt hat ihn, dass im Lauf seiner Tätigkeit der Umfang der bauhistorischen und bautechnischen Rätsel eher größer als kleiner wurde [S. 7].

“Hier sollen vormehmlich einige technische Probleme angesprochen werden, wobei zwischen Lebende und geschichtlicher Realität, zwischen Spekulation und Nachweisbarem unterschieden werden soll. Manches wird für immer ungeklärt bleiben müssen, weil die archäologischen Beweise zerstört wurden oder keine entsprechenden Dokumente gefunden wurden. Man wird sich damit abfinden müssen” [S. 8].

Nicht damit abfinden sollte man sich damit, dass so viele Forschungen des 20. Jhs. nicht oder nur ganz ungenügend dokumentiert bzw. nicht ausgewertet worden sind und dass wissenschaftliche Schlusfolgerungen weitgehend unterblieben [S. Umschlag]. Bei einer so wissenschaftsfernen Verhaltensweise kann dieser Bau nicht entschleiert werden. Es ist auch nicht ermutigend, dass trotz eines exorbitanten Schrifttums – Siebigs listet an die 1.000 Titel auf – so wenig Konzises bekannt ist. Der einstige Dombaumeister musste in der Flut schier ertrinken; sein Verlag hat derweil nicht bemerkt, dass der Buchtitel nur den karolingischen Zentralbau anspricht, während der Text zur Hälfte die baugeschichtliche Entwicklung nach der Zeit Karls des Großen behandelt. Ein Register fehlt leider; dem steht die reiche Fülle der über 200 Abbildungen und Pläne gegenüber.

Ausgeklammert werden von mir die Passagen zur vorkarolingische Zeit, auf die Siebigs bis zurück in vorrömische Zeit eingeht. Wie im letzten Bulletin ausgeführt, obliegt es zunächst den Spezialisten, Argumente für oder gegen Volker Hoffmanns These zu finden, nach der es sich hier um einen Bau des frühen 6. Jhs. handelt. Wir warten ab, ob sie in absehbarer Zeit zu einer Meinung finden.

Hoffmanns These konnte Siebigs nicht kennen, wohl aber die These, dass es sich hier um einen deutlich jüngeren Bau handelt. Sie muss ihm so abwegig vorgekommen sein, dass er sie nicht einmal ansatzweise richtig wiedergeben kann – und das auch nur in der 751. und damit fünftletzten Fußnote:

“Die zweifelsohne vorhandene Ähnlichkeit zwischen Aachen und Ravenna scheint dazu verführt zu haben, dass man an dem um 800 unbedeutenden Platz Aachen ein originales Kunstwerk, einen Urbau, wie man zu sagen pflegt, nicht wahr haben wollte und diesen deshalb kurzerhand als eine Art Plagiat einstufte. Es ist eigenartig, dass man im Gegensatz zu Aachen nie die Frage nach den Vorbildern des Kölner Doms oder von St. Gereon in Köln gefragt hat. Auf der gleichen Linie liegen die Argumente derer, die Karl den Großen als Erfinder [sic] der Historiker bezeichnen und den Aachener Bau als Werk des hohen Mittelalters, wobei sie sich inkonsequenterweise der Ansicht von G. Carnevale anschließen, wonach das ‘echte’ Aachen in den italienischen Marken lag und das deutsche Aachen erst von Barbarossa gegründet worden sei” [S. 212].

Abgesehen von dem luziden Verschreiber, der den großen Karl auch noch zum Erfinder der Historiker macht und abgesehen von dem Fehlurteil, man habe nie nach den französischen Vorbildern des gotischen Kölner Doms gesucht oder nie die Ähnlichkeit des frühromanischen Dombaus VIII mit dem Klosterplan St. Gallen gesehen – was führt zu einem solchen Missverständnis, zu dieser Vermengung von Carnevales Gedanken mit den meinen?

Giovanni Carnevale [1996] sieht um 800 das Zentrum des Reiches nahe Macerata in den Marken – lediglich belegt durch zwei romanische Kirchen des 11. Jhs., die er auf 800 veraltet –, so dass es unter Barbarossa einer tatsächlichen translatio imperii bedurft hätte, um nach Aachen und zum Heiligen Römischen Reich deutscher Nation zu finden. Der Gedanke einer Epochenkürzung war weder Carnevale noch Siebigs zugänglich, ein Bautermin für Aachen um 1100 [S. 192, Fn. 231] und damit deutlich vor Barbarossa einfach unvorstellbar. Ohne Skrupel schließt sich jedoch Siebigs der Meinung Carnevales an, dass nahe Macerata zwei romanische Kirchen karolingisiert werden müssten: San Claudio al Chienti und S. Vittore alle Chiuse [S. 180 f.] – doch diese willkürliche Veralterung ist nicht durchhaltbar. Und ich habe mich dagegen verwahrt, das ‘echte’ Aachen der Zeit um 800 in den Marken zu suchen [Illig 1996b, 304]. Wieso bräuchte es während der Phantomzeit eine Alternative zu Aachen?

Immerhin bringt Siebigs zwei Korrekturen [S. 193, Fn. 258] zum Erfundenen Mittelalter. Dort [256] wird eine Äußerung von Kreusch fälschlich Huyskens zugeschrieben, und die Verbindung von Eisenankern mit Splinten betrifft nicht das Oktogon, sondern die Chorpfeiler. Mein Hinweis, die Kuppel bestehe aus schwerem Haustein, wird als “unsinnig” und als meine “Erfindung” gebrandmarkt, weil man für Gewölbekonstruktionen leichte Materialien benutze [S. 192, Fn. 231]. So ist es, und deshalb sind Hausteine im Vergleich mit Tonamphoren, wie sie Siebigs auf derselben Seite anspricht, tatsächlich schwer. Meine angebliche “Erfindung” geht auf A. Haupt zurück, der in wilhelminischer Zeit die Kuppel ohne Mosaiken sah und davon sprach, dass die Kuppel nicht unbedingt ganz aus Oolith, sondern zum größeren Teil wohl aus Tuffquadern errichtet worden sei [vgl. Illig 1996b, 28].

Schon Baurat Cremer sprach 1870 eindeutig davon, dass an der Unterseite vermauerte Steine zu sehen waren [S. 54]. Aber die Kuppel darf offenbar trotz dieser Beobachtungen seit einigen Jahren nicht mehr aus Stein gewölbt sein. Weil die Oberseite nach einem alten Photo aus Opus caementitium bestehen könnte, bietet Siebigs verschiedene Varianten an: Es

“bleibt natürlich die Frage, ob die Kalksintersteine an der Unterseite nicht eine Art ‘verlorener Schalung’ bildeten, über der dann eine dicke Schicht opus caementitium lag, die bis in die Zwickel hineinging. F. Kreusch hat angenommen, dass das Kuppelgewölbe von der Höhe des schmalen Gesimsbandes an aufwärts aus Kalksintersteinen bestand, wie auch das Mauerwerk des Tambours. Er folgerte, dass sich der Mörtel mit diesen Steinen so gut verbindet (‘verkrallt’), dass das Mauerwerk ‘Monolith-Charakter’ annimmt Damit wäre eine ähnliche Wirkung erzielt worden, wie beim opus caementitium” [S. 54]

“Man kann nur vermuten, dass Kalksintersteine verwendet wurden, vielleicht kombiniert mit opus caementitium” [S. 192, Fn. 233].

“Schließlich müsste geklärt werden, ob die Kuppel in ihrer gesamten Dicke aus Kalksinter oder aus anderen Materialien besteht” [S. 192, Fn. 235].

Es ist daran zu erinnern, dass auch Sven Schütte nichts mehr von einer steingewölbten Kuppel wissen wollte [vgl. Illig 2004a, 90]. Leider verdrängen beide Kenner den Umstand, dass es seit zwei Jahren eine Röntgenuntersuchung gibt, die nicht nur eindeutig Steine zeigt, sondern sogar Störungen in ihrem Gefüge aufdeckt [Patitz/Illich 2002; vgl. Illig 2003, 398]. Wenn gleichwohl Opus caementitium erhofft und ersehnt wird, dann geschieht das vielleicht aus Angst vor meiner Argumentation. (Und was kann Illich als einer der beiden Radarspezialisten dafür, dass er sich so schreibt, wie man Illig in Aachen spricht?). Dazu passte, dass Siebigs in Bezug auf dendrochronologische Datierung auf dem Stand von 1997 verharrt und den jüngeren Befund der Undatierbarkeit des hölzernen Rinagankerrestes ignoriert [vgl. Illig 2000, 479 f.]. Mittlerweile ist daraus für die Karlsverweser eine unangenehme Zwickmühle geworden, denn Opus caementitium verwiese natürlich nicht auf die Karolinger, sondern vielmehr in römische Zeiten, womit der Bau über Volker Herrmann bis 510 oder sogar noch weiter zurück veraltet werden müsste. Siebigs [192, Fn. 231] gibt gewissermaßen – ein Euphemismus bei so wenig einschlägigem Text – eine abschließende Einschätzung:

“Wenn Illig weiter behauptet [...], dass die Aachener Kuppel wegen der Gewölbe im Dom zu Speyer in die Zeit nach 1080 zu datieren sei, liegt dafür kein technischer Grund vor.”

Der einstige Dombaumeister hätte es wirklich besser wissen können, zumal er den ‘Vorläuferbau’ S. Vitale in Ravenna nicht gelten lässt (s.u.). Aber wir wollen nicht nur nörgeln, sondern eine Korrektur in eigener Sache bringen. Im letzten Heft [Niemitz/Illig 273] war davon die Rede, der Schlussstein des Oktogongewölbes sei gegossen worden. Tatsächlich hat Volker Hoffmann das kleine Kuppelgewölbe eines Treppenturms im Westbau gemeint.

Seltsam ist weiterhin, dass Siebigs als Auffinder eines kleinen, gewölbten Raumes im Untergrund des 16-Ecks gefeiert wurde [vgl. Illig 2004b, 258], als sein Buch in Aachen vorgestellt worden ist. Als unter Siebigs Leitung dieser Hohlraum inspiziert wurde, fand sich eine alte Flasche mit einem Zettel,

“der angab, dass der bis dahin angeblich nicht bekannte Hohlraum von den Herren L. Hugot und Sauer entdeckt worden sei. Diese hätten den Dombaumeister F. Kreusch und den Custos Prälat Stephany darüber informiert und dann die Öffnung wieder vermauern lassen” [S. 98].

Genug der Kritik. Denn Siebigs zeigt auf vielfältige Weise das “Unerforschte und Ungewisse”, wie es der Untertitel benennt. So bezieht er Stellung gegen das “Vorbild” in Ravenna:

“Außer der allgemeinen Zentralform hat S. Vitale gar keine Ähnlichkeit mit Aachen [...] Und vor allem ist das Gewölbesystem ein völlig anderes” [S. 39].

Interessant ist seine Bewertung der eisernen Ringanker, denen zwei Kapitel gewidmet sind.

“1. Oktogon. Zustand der Ringverankerung nicht bekannt. Funktionsfähigkeit fraglich.
2. 16-Eck, Zustand der Ringverankerung teilweise bekannt, nicht mehr funktionsfähig.
3. Chorhalle. Neue Ringverankerung funktionsfähig, aber kein Anschluss an Oktogon.
4. Westbau. Verankerungen nicht bekannt” [S. 178].

Ohne Augenschein hatte ich gemutmaßt, dass diese Armierung im Grunde gar nicht zwingend nötig war, sondern nur der Vorsicht gedient habe [Illig 1996b, 256]. Nachdem die Verankerung des 16-Ecks sowohl über der Wolfstür als auch beim Übergang zum gotischen Hochchor beseitigt worden ist und die Kuppel keinen Schub auf die Schräggewölbe der Empore leitet, wird es immer rätselhafter, wie dieser Bau die Jahrhunderte überdauert.

Interessant ist der Hinweis auf das Grab Ottos III., das 1002 noch nicht in diesen Bau eingetieft werden konnte, so meine Datierung Bestand hat.

“Nirgends wird begründet, warum das Grab Ottos [III.], das angeblich vorher am Ostrand des karolingischen Chörchens gelegen haben soll, in die Mitte der Chorhalle verlegt wurde. Aber nicht nur der Grund für die Translation ist mysteriös, sondern auch das, was über dessen späteren Verbleib geschrieben wurde” [S. 142].

Zur Bestattung des großen Karls hat Siebigs seine eigene, nicht überaus respektvolle Meinung:

“Erst Barbarossa hatte die Gebeine Karls angeblich wiedergefunden und sie in einen Schrein gelegt” [S. 199].

“Wir wissen also nicht, woher der Sarkophag kam, wann er nach Aachen kam und ob bzw. wann Karl in ihm gelegen hat. Als sicher gilt, dass Barbarossa 1165 die Gebeine Karls, oder was man damals dafür hielt, aus dem Proserpinasarkophag erheben ließ” [S. 87].

Wir wollen mit einer Einschätzung durch Siebigs überleiten zu Schütte.

“Wir kennen nicht die Motive, die Karl zu diesem Bau veranlassten. Wir wissen nichts Sicheres über die Entwurfsverfasser und Ausführenden. Wir wissen nur wenig über die ursprüngliche Innenausstattung und gar nichts über die äußere Gestaltung. Es ist müßig danach zu forschen, weshalb Karl seinen Bau in so abseitiger Lage an einer sumpfigen Stelle in den unerschlossenen Ausläufern des Eifel-Ardennengebirges errichten ließ. Die Quellen schweigen darüber. Spätere Erklärungen hierzu sind ausnahmslos spekulativ” [S. 180].

Schütte als Karlsretter im erdbebenbedrohten Aachen

Einmal mehr hat sich Sven Schütte zu Wort gemeldet. Im Westdeutschen Rundfunk [i.W. Stellpflug] ging es am 2. 8. um ein zunächst Kölner Problem, nämlich um das unterm Rathaus ausgegrabene Praetorium, einen riesigen Bau, der sich etwa 180 m am Rhein hinzog und vom Ufer weg rund 200 m erstreckte. Die Archäologen haben ab +40 vier Bauphasen festgestellt, vermuten aber eine noch ältere. Diesen Bau dürften später auch die Franken benutzt haben, was bislang noch durch nichts bewiesen ist. Für Schütte ist allerdings gesichert, dass in diesem Gebäude unter den merowingischen Königen und fränkischen Hofverwaltern Macht ausgeübt worden ist. Warum aber zog dann Karl der Große gegen 790 nach Aachen in die finsterste Provinz?

Zunächst stellte Schütte klar, dass Köln gegen jede publizierte archäologische Evidenz Völkerwanderung und Frankenzeit gut überstanden habe. Köln sei keine anarchische Siedlung mit Kappesfeldern im Stadtgebiet geworden, wie man noch vor zehn Jahren lesen konnte:

“Dieses Bild hat sich inzwischen durch die Archäologie gründlich gewandelt, wir wissen, dass Köln eine durchaus städtische Kontinuität hat, die Stadtmauer ist nicht als Steinbruch verwendet worden, es ist offensichtlich so, dass das städtische Leben zwar sich reduziert, aber es gibt die Stadt noch vollständig und funktionsfähig, wenn auch vielleicht nicht mehr mit ihren Institutionen” [Stellpflug].

Wenn es denn so gewesen wäre, bräuchte Karls Abzug einen triftigen Grund. Dem glaubt man jetzt im Praetorium auf die Spur gekommen zu sein. Die dort schon länger festgestellten Setzungsschäden sieht man nun als Erschütterungsschäden durch ein Erdbeben. Das diagnostizierte mit Klaus Günther Hinzen der Leiter der Erdbebenstation Bensberg. Er legte das Epizentrum 20 km westlich von Köln im Erftsprungsystem fest. Und weil im historischen Erdbebenkatalog für Deutschland und angrenzende Gebiete

“um die Zeit 800 herum oder gerade für die Jahre nach 800 eine auffällige Häufung von Beben im Katalog vorhanden ist, bei dem auch immer wieder das Rheinland und insbesondere Aachen erwähnt wird” [ebd.],

schließt Sven Schütte messerscharf, dass Karl wegen eines Bebens, das das Praetorium beschädigte, in eine sumpfige Stelle des besonders erdbebenbedrohten Aachen ausgewichen sei. Aus der Wolke seiner Mutmaßungen lässt sich allein als gesichert festhalten, dass der Aachener Zentralbau auf einem starken Fundament von 5 Metern Tiefe steht. Schütte schwächt jedoch sein eigenes Argument, indem er auf die Fundamente des Kölner Doms verweist.

Der dortige Bau VII kam noch ohne tiefgreifende Fundamentierung aus; Bau VIII bekam dann ein solides, bis sechs Meter hinabreichendes Fundament, wobei die Hanglage zu berücksichtigen ist. Ihn wollte man früher als Bau von Bischof Hildebold († 818) sehen; seitdem wird diskutiert, ob er dem späten 9. oder dem 10. Jh. angehört. Auf jeden Fall wird Erzbischof Bruno (953–965) der Bau von zwei Seitenschiffen zugeschrieben [Wolff 186 f.]. Doch ab dieser Zeit bekamen immer mehr Kirchen immer tiefere Fundamente. Von der gotischen Kathedrale zu Amiens (begonnen 1218) ist bekannt, dass zunächst 16 Schichten zu je 0,40 m übereinander gelegt wurden: aus Ziegelerde, Beton und 14 aus Kreidestein. Darüber kam eine weitere Steinschicht, dann drei Schichten Sandstein, also ein Fundament von deutlich über 7 m Tiefe [Cali 263] – ohne dass die einstige Picardie besonders erdbebengefährdet wäre. Aachens solides Fundament ist also ab Mitte des 10. Jhs. mit der Architekturgeschichte zu vereinbaren; die von Schütte beschworene Ähnlichkeit mit Römerbauten ist dank der Phantomzeit sogar plausibler geworden.

Memorik: Wie Fried Freud verdrängte

Fried, Johannes (2004): Der Schleier der Erinnerung. Grundzüge einer historischen Memorik; München, 509 S. [= F.]

Nun liegt die neue Grundlage für alle historische Arbeit vor. Der fleißige Fried hat ein voluminöses Buch über die Grundzüge einer historischen Memorik verfasst, das der Zunft einen Paradigmenwechsel abverlangt. Dieses Postulat könnte übersehen werden, weil Fried über Hunderte von Seiten immer neue Beispiele vorbringt, warum es keine objektiv wahren Schriftstücke gibt, sondern immer nur solche, bei deren Verfassung ein Gehirn zwischen Wahrnehmung und Niederschrift eingeschaltet war. Doch steht die Quintessenz schon im ersten Teil [F. 48; Hvhg. H.I.]:

“Historische Forschung muß, soweit sie auf erzählende Quellen angewiesen ist, vordringlich Gedächtniskritik betreiben. Das neue Fundament, auf dem künftiges Forschen aufruhen muß, heißt erinnerungskritische Skepsis und verlangt eine ‘Memorik’, die ihr gerecht wird: Alles, was sich bloß der Erinnerung verdankt, hat prinzipiell als falsch zu gelten.”

Das ist für einen Mediävisten eine überaus dramatische Kehrtwendung. (Dass diese Wendung allemal 100 Jahre zu spät kommt, wird uns unten noch beschäftigen.) Frieds beispielgebende vier Fälle [F. 22-46] machen das ganz klar. Da geht es um Nixons Lügen in der Watergate-Affäre, also um den politischen Bereich. Da geht es um die Unfähigkeit, ein für das 20. Jh. wesentliches Gespräch zwischen Niels Bohr und Werner Heisenberg zu rekonstruieren, also vordergründig um Naturwissenschaften. Da erinnert sich der Philosoph Karl Löwith nicht mehr richtig daran, wann er Max Weber reden hörte. Und da kann Philipp zu Eulenburg als Legationssekretär der Preußischen Gesandtschaft in München keinen zutreffenden Bericht über den Tod König Ludwigs II. nach Berlin schicken. Ergo: In allen Bereichen kämpft die Aufklärung seit langem gegen die selbstverschuldete wie auch um fremdverschuldete Unmündigkeit – in diesem Fall gegen das verformende Gedächtnis von uns selbst wie von anderen. In vielen Bereichen sind Frieds Beobachtungen bekannt; nun werden sie auch den Historikern nahe gebracht.

Insofern können wir uns direkt den im Untertitel angekündigten Grundzügen einer historischen Memorik zuwenden, die allerdings erst auf S. 358 beginnen und keine 40 Seiten umfassen. Ihr Rahmen:

“Die Geschichtswissenschaft ist eine Erfahrungswissenschaft, und die erste Erfahrung, der sie sich zuwenden muß, obgleich sie es bislang zumeist unterließ, ist die Schöpfermacht der die ursprünglichen Wahrnehmungen deformierenden, jegliche Erfahrung transformierenden, individuelles und kollektives Wissen konstituierenden Erinnerungen, die das Vergessen mit einschließen” [F. 360].

“Jede ‘Konzentration’ bedingt zugleich Exklusion und Vergessen” [F. 366].

Nun kommt die uns zentral betreffende Aussage von Fried, die tatsächlich so etwas wie eine kopernikanische Wende für die Historik bedeuten muss.

“Erinnerungskritik mündet somit zunächst in Quellenkritik. Ebensowenig wie diese läßt jene Quellen verschwinden, auch wenn sie Korrekturen am verbreiteten Handbuchwissen nötig macht. Sie prüft erinnerungskritisch den Quellenwert und die Tragweite der Aussagen. Gedächtniszeugnisse, mithin die meisten erzählenden Quellen, sind also in Hinblick auf ihre faktizistischen Aussagen grundsätzlich mit Skepsis, nicht mit vorauseilendem Vertrauen zu benutzen; denn jedes ist in jedem Fall, wenn auch in unbekanntem Umfang und mit nicht verifizierten Aussagen, als sachlich falsch zu betrachten, obgleich es auch Zutreffendes tradiert. Ein Erinnerungszeugnis beweist somit nichts, sondern verlangt nach dem Beweis (nicht der bloßen Annahme) der Glaubwürdigkeit jeder einzelnen seiner Faktenbehauptungen. Es wird erst dann interpretationsfähig, wenn das Verhältnis der angesprochenen Fakten und deren Modulation abgeklärt ist. / Wer Erinnerungszeugnisse heranzieht, dem obliegt die Beweislast, zu klären, was in positivistischem Sinne jeweils zutrifft, nicht umgekehrt: Nicht der Skeptiker muß nachweisen, was nicht zutrifft. Wenn eine derartige Beweisführung nicht gelingt, bleibt jede Sachaussage, die sich auf das fragliche Erinnerungszeugnis stützt, in hohem Maße hypothetisch und anfechtbar. Diese Forderung bedeutet eine Umverteilung der bisherigen Beweislast im Hinblick auf die Glaubwürdigkeit der historischen Quellen. Alles kann falsch sein; so muß prinzipiell alles als falsch betrachtet werden” [F. 368 f.; J. Frieds kursive Hvhg. hier und im Folgenden fettkursiv] .

“Wissenschaftliche Texte des Mittelalters bieten, von ihren erzählenden Passagen abgesehen, gewöhnlich korrekte Informationen zur Wissenschaftsgeschichte, aber auch nicht zu mehr. Selbst der gelehrteste Autor erinnert grundsätzlich nicht besser als andere Menschen. Kaum vom Gedächtnisproblem tangiert sind normative Quellen, sofern sie keine erinnerte Wirklichkeit referieren. Entsprechend wenig verraten sie, vielleicht von gewissen Intentionen abgesehen, über diese Wirklichkeit. ‘Akten’, Steuerverzeichnisse und andere serielle Quellen dürften – erinnerungskritisch betrachtet – in der Regel zuverlässige Daten überliefern; doch können hier andere Fehlerquellen einfließen” [F. 371].

Nach diesem Thesenanschlag fügt Johannes Fried eine Reihe erster methodische Postulate an, die der Rezensent für gut hält und deshalb zitiert:

“Zuallererst gilt es, entgegen dem bisherigen Trend in der Forschung, den Sachverhalt des irrenden, unwillkürlich Fehler produzierenden Gedächtnisses in seiner Relevanz für die Geschichtswissenschaft anzuerkennen, dessen erstaunlich hohe Fehlerquote hinzunehmen und in ihrer Bedeutung für das Zustandekommen der historischen Quellen, für deren Aussage und Kritik sowie den Diskurs, in den sie eingebunden waren, zu erfassen, um so eine Neubestimmung ihres Quellenwertes in die Wege zu leiten” [F. 373].

Berichtszeit und Geschehenszeit sind peinlich auseinanderzuhalten” [F. 374].

“Die zeitliche Schichtung der verfügbaren Quellen ist streng zu beachten; sie bewahrt die Spuren der Transformation” [F. 374].

“Erinnerungszeugnisse fordern somit eine systematische Suche nach Spuren nie ausbleibender Gedächtnisverformung” [F. 375].

“Der Bildungshorizont eines Autors ist angemessen zu berücksichtigen” [F. 375].

“Die Kooperation mit den Neurowissenschaften erscheint unvermeidlich, da diese Disziplinen nicht zuletzt derartige Verformungen systematisch untersuchen und neuronal begründen” [F. 376].

“Zurückhaltung empfiehlt sich auf jeden Fall gegenüber der Annahme langlebiger mündlicher Traditionen [F. 376].

Individuelles und kollektives Gedächtnis, natürliches, mediengestütztes, kommunikatives und kulturelles Gedächtnis sind auseinanderzuhalten. Wer immer es mit Formen des kollektiven Gedächtnisses zu tun hat, muß mit Aushandlungsprozessen zwischen Individuen und gesellschaftlichen Gruppen und deren Ergebnissen rechnen, auch mit der Wirksamkeit eines autoritativen Gedächtnisses oder mit Synthesen von allen” [F. 379].

“Die zeitliche Abfolge des Geschehens erscheint, wo keine schriftgestützte Erinnerung vorliegt, immer wieder gestört und durcheinandergebracht. Temporale Inversionen sind an der Tagesordnung” [F. 381].

“Bewußte und unbewußte Selektion ist ständig am Werk. Das Gedächtnis frönt unablässig aufwendigen Selektionsorgien” [F. 383].

Nach diesem Erkenntniszugewinn stellt sich natürlich die Frage: Wie spiegelt er sich in Frieds eigenem Werk wieder? Da lässt sich zunächst erkennen, dass Fried die Archäologie samt ihren Ergebnissen nicht mehr ganz ausblendet, ihr allerdings auch keinen Platz in der ersten oder zweiten Reihe zuweist. Das folgende Zitat weist alles aus, was in dem abschließenden Memorik-Kapitel über sie verlautbart:

“Für zuverlässig dürfen archäologische Befunde gelten. Freilich setzt deren Qualität eine entsprechend qualifizierte Methodik voraus und ist ihre Interpretation im Lichte der verfügbaren Schriftquellen von irritierenden Zirkelschlüssen gefährdet. Ein Ausgrabungsbefund spricht zunächst nur für sich selbst. Soll er mit einem Schriftzeugnis in Verbindung gebracht werden, bedarf es zuverlässiger Hinweise, die keinen zirkulären Postulaten unterliegen” [F. 371].

“Auch archäologische Befunde können oder müssen zur Kontrolle herangezogen werden. Sie spiegeln oftmals andere Verhältnisse, als die Texte vorgeben; besonders kraß verdeutlicht das die biblische Überlieferung. Nicht selten sinkt mit derlei Erinnerungskritik der historische Quellenwert der autoritativen Texte im Vergleich zu ihrer bisherigen Einschätzung. Die herangezogenen Beispiel verraten aber zugleich, daß zwar vertraute Geschichtsbilder aufzugeben sind, die Gedächtnisforschung gleichwohl keinen Scherbenhaufen hinterläßt” [F. 384].

Diese fünfzehn Buchzeilen sind mehr, als Fried bislang über diese “Hilfswissenschaft” verlauten ließ; sie sind aber noch kein wirkliches Maximum, eigentlich kaum mehr als ein Lippenbekenntnis. Fried gibt auch ein Beispiel für den von ihm angesprochenen sinkenden Wert einer Quelle, nämlich des Alten Testaments, wobei sich die archäologische Tätigkeit weit hinten in, nein, noch hinter der Türkei abspielt. Das in Frieds Buch so oft als Beispiel dienende Mittelalter scheint davor (noch) gefeit. Die berechtigterweise aufkeimende Angst vor dem großen Scherbenhaufen wird so niedergehalten.

Nach dieser Rollenzuteilung für die Archäologie geht es um “Erkenntnisgewinn durch Gedächtniskritik”, wie der Abschnitt im Buch betitelt ist. Als Beispiel dienen Fried die zunehmend als irreführend erkannten Reichsannalen. Es lohnt, einen längeren Abschnitt über Herzog Tassilo wiederzugeben.

“Falsch sind auch die Nachrichten derselben Annalen zu Tassilos, des letzten Bayernherzogs, Sturz. Wie im Falle des Geburtsjahres sind es Angaben älterer, von späterem Geschehen noch nicht überformter, nur isolierte Episoden bietender Annalen, die eine Kritik und die Korrektur der scheinbaren ‘Fakten’ erlauben, welche das offiziöse Werk offerierte. Sie zwingen abermals, eine andere Frühgeschichte des großen Karl zu entwerfen, als bislang in blinder Akzeptanz jener höfischen Annalen üblich war. Nicht zuletzt offenbaren sie die verschlagene Listigkeit und gefährliche Zielstrebigkeit dieses Mannes, der niederwalzte, was sich ihm in den Weg stellt.

Diese Nachrichten zu Tassilo verraten, wie im Kontext eines politischen Prozesses eine Vergangenheit konstruiert und erinnert wurde, in der sich alle Irrtumsmöglichkeiten des kollektiven Gedächtnisses – von der Teleskopie und Überschreibung über mancherlei zeitliche und qualitative Inversion bis hin zur autoritativen Darstellung ohne Gegen-, Parallel- oder Kontrollerinnerung – auszutoben vermochten. Keiner der Beteiligten hätte sich in der Lage gesehen, ihre Faktizität zu kontrollieren, gar zu korrigieren, weder der Herzog noch der König, noch einer seiner Gelehrten. Das einstmals Geschehene, nunmehr Erinnerte erweist sich – vor dem Zeitalter extensiver dialektischer Schulung – als ein den Bedürfnissen des Augenblicks willfähriger Rohstoff, ein modelierungsbereiter [sic] Lehm. In der Verfestigung des Unzutreffenden artikulierte sich aber, wichtig in sich, das ‘autoritative Gedächtnis’ des karolingischen Hofes. Es selektierte und konstruierte die Vergangenheit nach seinen eigenen Bedürfnissen und war damit so erfolgreich, daß selbst die kritische Geschichtswissenschaft der Moderne erst in jüngster Zeit die hier wirkende Modulationsmacht des kulturellen Gedächtnisses zu durchschauen begann” [F. 386].

Was für ein Zwiespalt tut sich hier auf! Da entdeckt ein Gelehrter ganz überrascht, dass Schriftliches nicht automatisch wahr ist. Von diesem Jahrhundertfund schier überwältigt, entfesselt er nun eine wahre Orgie von Interpretationsmöglicheiten, mit denen die fragliche Schrift, hier die Reichsannalen, geprüft und als Quelle relativiert wird. Was für eine Chance, nun denn doch noch die ursprüngliche Botschaft samt allen frühen und späteren Verformungstendenzen herauslesen zu können. Aber wir merken rasch, dass dieses Instrumentarium dazu gebraucht, vielleicht sogar missbraucht wird, um den großen Scherbenhaufen für die Mediävistik zu vermeiden. Der große Interpret sieht gelassen die Spuren überall dort, wo sich einst alle Irrtumsmöglichkeiten des kollektiven Gedächtnisses auszutoben vermochten, wie sich Fried ausdrückt.

Was aber wäre, wenn es weniger um Teleskopie oder Inversion ginge, sondern schlicht darum, dass Geschichte erfunden worden wäre und je nach Alter der Quelle in einer früheren oder späteren Fassung geboten würde und später dann immer wieder verformt worden ist? Was wäre, wenn die Archäologen recht behielten, die keinen Stein einer agilolfingischen, schon gar nicht tassilonischen Pfalz aufspüren, die auch sonst keine Spur des irdischen Wallens dieses Baiernherzogs finden konnten – ausgenommen vier oder fünf Zimelien, die ihm zugeschrieben werden? Was wäre, wenn der Konflikt zwischen Tassilo und Karl eine schlichte Erfindung, natürlich im Stil der damaligen Zeit, gewesen wäre, ausgedacht, um den Überkaiser weiter zu erhöhen und um Machtansprüche zu dokumentieren? Um solches zu entdecken, greift Frieds Memorik zu kurz. Das lässt sich gleich noch einmal studieren.

“Da hatte etwa der bayerische Herzog Tassilo III., derselbe, den sein Vetter Karl der Große vom Herzogsthron stürzte, einst zahlreiche Klöster mit Privilegien bedacht, von denen die Urkunden für Salzburg erhalten sind. Zwar sehen sie sich nur kopial überliefert, doch viele von ihnen existieren in jeweils zwei Abschriften aus dem 8. Jahrhundert, die rund zehn Jahre voneinander trennen. Deren eine, der sog. Indiculus Arnonis, entstand einige Jahr vor Tassilos Sturz, deren andere, die sog. Breves Notitiae, wurden bald hernach angefertigt. Jetzt hatte sich überall, wo zuvor nur der Herzog oder der (noch minderjährige) Herzog gemeinsam mit seiner Mutter als Aussteller aufgetreten war, klammheimlich die explizite Zustimmung König Pippins eingeschlichen, des Vaters des großen Karl.

Der Einschub war falsch, aber ihn als Fälschung zu deklarieren, würde die Bedingungen der an Mündlichkeit gewohnten Gesellschaft verkennen. Vielmehr hatte sich die Memoria den gewandelten Zeiten angepaßt; und sie riefen nach einem Karolinger” [F. 238].

Hier sehen wir sehr schön, was Fries Memorik leistet: Sie erkennt in kleinen und kleinsten Textveränderungen den Reflex auf sich ändernde Politik, spürt feinsinnig auf, wo die angepasste Memoria nach einer anderen Textfassung ruft. Aber das Wesentliche gerät ihr noch immer nicht vor die Augen: Fragt doch der Archäologe vergeblich nach einer vollständigen Liste aller Tassilo-Klöster, kann er nach Jahrzehnten der Suche noch immer keinen Stein eines Tassilo-Klosters vorweisen, bleibt ihm das Bayern der Agilolfinger terra incognita. Die Erklärung der alten Quellen, sie seien durchwegs in den Ungarnstürmen so gründlich niedergemacht worden, dass spätere Neugründungen vom Fundament aus notwendig wurden, lässt sich allein ‘memorikal’ schwer hinterfragen.

Es ist unübersehbar, dass Fried zwar eine große Aufgabe angepackt, aber noch immer nicht den Hebel zur Aufdeckung des Grundsätzlichen gefunden hat. So lange er nur das “endlose Fließen mündlicher und schriftlicher Überlieferung im Mittelalter” [F. 289] kritisch verfolgt, so lange bleibt er im Rahmen herrschender Diplomatik.

Aber der Gelehrte gibt ein Musterbeispiel dafür, wie sein eigenes Gedächtnis die Inhalte verformt. Gab es überhaupt keine Erinnerung an die dritte Kränkung des Menschen? Nach Kopernikus (Erde nicht mehr im Zentrum) und Darwin (Mensch kein Sonderwesen, sondern im Tierreich verwurzelt) hatte doch Sigmund Freud spätestens 1923 noch eine dritte Kränkung ausgemacht: Das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus, ist doch das “Es” eine viel stärkere psychodynamische Macht, die unterhalb von Bewusstsein und Vernunft die Weichen stellt. Weil dem so ist, gibt es z.B. Verdrängung und damit “aktives Vergessen”. Es gibt Projektion, Wendung gegen das Selbst, Regression, Verleugnung und Intellektualisierung.

Freuds Entdeckung schließt alle Menschen ein, selbst mittelalterliche und mediävistische Schreiber. Ergo finden sich auch bei diesen auffällig starke Spuren für die Niederhaltung des Ichs durch das Es. Um diese Gefahr zu bannen, hat Fried sicher Freud gründlich studiert, doch das Resultat vergessen. So wird Sigmund Freud nur ein einziges Mal und nur in einem Nebensatz genannt: “Als aber, etwa durch Sigmund Freud oder William Stern, die Psychologie sich änderte” [Fried 68]. Da fragt man sich denn doch, warum es 80 Jahre nach Freuds Entdeckung noch einmal ein Buch von über 500 Seiten braucht, um auch Historikern im frühen 21. Jh. behutsam die Psychologie des frühen 20. Jhs. näher zu bringen. Immerhin: Der Wortschatz hat sich von einem psychoanalytischen in einen neuro-medizinischen gewandelt.

Wenn wir uns noch an die Quintessenz von Markus Völkels Einschätzung von Frieds Arbeit am Gedächtnis erinnern [2/2004, 267 f.] – verdoppelnde Fragen sind trivial –, dann stehen wir vor der bitteren Erkenntnis, dass nicht nur in Bayern die Uhren anders gehen, sondern vor allem bei den Historikern, insbesondere bei den Mediävisten. 100 Jahre sind ihnen wirklich wie ein Tag.

In Hollywood sind Remakes spätestens seit Ben Hur üblich, weil es nicht genug wirklich gute Drehbücher gibt, und die Kinogänger moderne Filmtechnik und Schauspieler ihrer Zeit erwarten. Lässt sich daraus ein Grund ableiten, warum aus Fried Freud werden soll? Ähnliches Changieren haben wir schon von Friedell zu Fried beobachten können und in den Jahren 1996 [107-112] und 2001 [268 ff.] festgehalten. Friedell hatte 1936 [32 f.] in seiner Kulturgeschichte des Altertums formuliert: “Alle Geschichte ist Gegenwart” und “die Vergangenheit ist der Schatten, den die Gegenwart wirft”. Jetzt steht im Klappentext als Frieds “Ergebnis: Vergangenheit wird in der Gegenwart stets neu geschaffen”. Wir verneigen uns vor dieser Koinzidenz.

Damit ist klar, dass wir nicht bei dieser so gen. Memorik stehen bleiben können, die noch nicht einmal ihre eigenen Wurzeln aus dem frühen 20. Jh. kennen will oder kann. Wir haben auch keinen Grund zu retardieren, sondern dürfen feststellen: Texte, denen jeder Flankenschutz durch die Archäologen fehlt, müssen noch weit skeptischer beurteilt werden, als dies Fried bereits vorschlägt, plagt ihn doch nur das Problem, alten Schreibern auf die Schliche zu kommen. So werden in naher Zukunft nur alle Irrtumsmöglichkeiten des mediävistischen Sachverstandes ausgeschöpft und gegeneinander gehalten werden; doch das ist noch nicht zwangsläufig Wahrheitsfindung.

Lassen wir Fried noch ein drittes Beispiel geben. Es geht um Otto III., der in Karl den Apostel der Sachsen verehrt und deshalb seit Pfingsten 1000 dessen Erhebung zur Ehre der Altäre betrieben habe – “was erst neuerdings erkannt wurde” [F. 166]. Gewonnen wurde diese Erkenntnis nicht aus neu entdeckten Quellen oder Grabbefunden, sondern aus Ademar von Chabannes, der 1030 aus der Ferne die 30 Jahre zurück liegende Graböffnung Karls durch Otto beschrieb. Bestätigen ließ es sich zum Teil durch die Chronik von Novalese, 1050, die sich auf ein Augenzeugnis beruft.

“Beide Nachrichten verdeutlichen auf jeden Fall, wofür die Graböffnung ohne jene posthumen Erinnerungs-Inversionen gehalten wurde” [ebd.]

– nämlich für die vollzogene Heiligsprechung. Weil aber Otto III. schon 1002 starb, ließ sich folgern, dass Otto wegen Verletzung der Totenruhe so früh sterben musste und Karl für den Himmel kein Heiliger war.

“Alles, was zu seiner Verehrung in die Wege geleitet worden war, verfiel mit Ottos Tod in normativer Inversion dem Vergessen, war eben Sakrileg und Verbrechen und kein Heiligenkult und durfte nicht als solcher erinnert werden. So erklärt sich, daß nur fernstehende Autoren, vom Tod des Kaisers nicht mehr betroffen, das Geschehene überliefern. [...] Allein eine Grabsuche, die im Rahmen des liturgischen Gebetsgedenkens für den Kirchenstifter zulässig war, entging der Diskriminierung und schob sich jetzt statt der Elevation in den Vordergrund” [F. 167].

So ließe es sich erklären. Doch wie wäre es, wenn es auch schon damals um Legendenbildung ging? Wenn die beiden fernstehenden Autoren zu einer anderen Zeit als der ihnen zugestandenen geschrieben hätten? Sollte nicht erst geprüft werden, in wie weit die tatsächliche Heiligsprechung unter Barbarossa Schriften entstehen ließ, die einer wirklichen Elevation schon früher, gewissermaßen antizipierend den Weg bereitet hätten? Und gab es konträre Strömungen? Wie steht es mit der Faktizität von Ottos Abstieg in die Karlsgruft? Da es hier um ein Geschehen und Denken ohne archäologische Nachprüfbarkeit geht, wird es mehr als schwer sein, das einstige Geschehen realitätsnah zu rekonstruieren.

Andere Kritiker haben hier bereits angesetzt. Für Dominik Perler [2004] stellt sich bei Frieds Aufdeckung dunkler Verformungskräfte die Frage: “Ist das aber nicht bloß die rhetorische Verschärfung der herkömmlichen Imperative von Quellenkritik?”

So ist es. Fried hat das Wesentliche noch nicht erfasst oder zumindest noch nicht in Worte gefasst. Wenn er davon spricht, “wie es eigentlich gewesen” ist, so hat er für Perler noch nicht begriffen, welche Wirklichkeit uns eigentlich interessiert: die Deutung einer gedeuteten Wirklichkeit” [ebd.], ein Schleier, der uns mehr interessiert als die an sich unsichtbare Wirklichkeit.

Frieds Ansatz, den wir in den Zeitensprüngen seit allemal seit sieben Jahren begleiten, bedeutet trotz seiner Mängel für die Geschichtswissenschaften einen tiefen Einschnitt. Die Umkehr der Beweislast bei fraglichen Quellen stellt eine regelrechte Kehrtwendung der Disziplin dar. Ob sie auch als regelgerecht akzeptiert wird, bleibt zunächst dahingestellt. Nur für uns verlangt dieser Ansatz kein Umdenken, begegnen wir doch den schriftlichen Quellen seit langem mit der gebotenen Vorsicht, haben wir erkannt, was für menschlich-allzumenschliche Einflüsse bewusster wie unbewusster Art auf die Fixierung eines Textes einwirken. Wir haben allerdings die archäologischen Befunde ungleich stärker hervorgehoben, wohl wissend, dass Frieds oben angeführte “zirkuläre Postulate” zu “irritierenden Zirkelschlüssen” [F. 371] führen könnten:

“Denn sie [die Mediävistik] überträgt aus diese Weise die im 19. Jh. noch zwangsläufigen Fehler auf den archäologischen Befund des 21. Jhs. – ein Zirkelschlussverfahren mit dem einzigen Ziel, die momentan gelehrte Chronologie zu betonieren und damit zu retten” [Illig/Anwander 44].

Mit Sicherheit haben wir unterschätzt, wie eng die Mediävistik ihren Texten verhaftet ist – wer kann aber auch ahnen, dass die Crux mit den Zeugen bei Abfassung jedes Polizeiberichtes bei Historikern nicht oder nur ungenügend bekannt ist? Wer kann auch ahnen, dass Freud von Historikern so wenig gelesen worden ist? Zumindest können wir jetzt leidlich einschätzen, was schon Frieds Memorik bei seinen Kollegen an Umdenken verlangt, geschweige denn erst unsere Forderung nach Gegenkontrolle durch die Archäologie. Wird ein Buch von zwei Autoren geschrieben, können sich auch einmal zwei Meinungen nebeneinander halten. So schrieb ich 2002 in Bayern und die Phantomzeit:

“Wir verwerfen die Urkunden nicht in Bausch und Bogen, aber wir befleißigen uns großer Vorsicht und Skepsis” [ebd., 44].

Kollege Anwander ging einen Schritt darüber hinaus, sah er doch bereits die Gefahr, dass die Mediävisten zwar ihre Quellen noch kritischer prüfen, aber dabei die archäologische Seite weitgehend außer Acht lassen würden und formulierte härter:

“Für uns ist es selbstverständlich, dass Urkunden mit dem archäologischen Befund konfrontiert werden, wobei die Archäologie mit ihren überaus selten gefälschten Befunden priorisiert wird. Erst dann werden die vielfältigen Widersprüche zwischen Bauten, Funden und Schriften erkennbar, erst dann lässt sich prüfen, was wirklich echt, was wirklich falsch ist” [ebd., 43].

Ob Gleichwertigkeit von Text und archäologischem Befund oder Primat der Archäologie – es bestätigt sich, dass wir nach wie vor der Entwicklung der Mediävistik voraus sind und uns in keine Sackgasse verrannt haben.

Es gibt noch mehr Gutes zu vermelden. Balbina Bäbler hat Archäologie und Chronologie. Eine Einführung vorgelegt, eine präzise, empfehlenswerte (so auch K. Weissgerber) Darstellung der Probleme von Archäologie und Chronologie, auch der Probleme der Archäologie mit der Chronologie. Zu kritisieren ist eigentlich nur der Titel, der verschweigt, dass es hier ausschließlich um die klassische Archäologie der Griechen und Römer geht. Offenbar bleibt für die Kenner der Antike das Mittelalter ein Wurmfortsatz.

Hagia Sophia

Im letzten Heft [S. 275] ist erwähnt worden, dass Volker Hoffmann, Berner Professor für Architektur, für die Hagia Sophia im heutigen Istanbul praktisch die Quadratur des Kreises gefunden hat und dass sich dieses Verfahren auch auf den Entwurf des Aachener Zentralbaus anwenden lässt.

Mittlerweile ist das Verfahren in der Presse wie im Internet vorgestellt worden, so dass nachvollziehbar wird, wie Anthemios von Tralleis und Isidoros von Milet geplant haben dürften [im Weiteren s. Klotz]. Die Position der Vierungspfeiler wird durch zwei ineinander liegende Quadrate gegeben, deren Seitenlängen mit 100 und 106 byzantinischen Fuß dicht beieinander liegen. Dann werden für jedes Quadrat Inkreis und Umkreis geschlagen. Aus dieser Grundfigur lässt sich der gesamte Grundriss ableiten. Hoffmann und sein Mitarbeiter Nikolas Theocharis kommen zu dem Schluss, dass

“in der Hagia Sophia wohl keine bauplanrelevanten Punkte und Linien zu finden sein dürften, die sich nicht mit geometrischer Logik aus diesem Mutterriss ableiten liessen” [leica].

Fried

Für den Aufriss wird die Grundfigur senkrecht gestellt. Der äußerste Kreis steht am Boden auf, hat seinen Mittelpunkt auf Höhe des Kranzgesimses der Arkaden, und gibt die Kuppelhöhe vor. So ließe sich mit geringer Übertreibung an die Kubatur einer Kugel denken und damit an die Vollendung geometrischen Denkens.

Schwierigkeiten bereitet die (Re-)Konstruktion der eigentlichen Kuppel, da sie bereits nach 20 Jahren eingestürzt und durch eine andere, vermutlich höhere Kuppel ersetzt worden ist. Um mit der geometrischen Konstruktion die richtige Kuppelbasis und den richtigen -durchmesser vorzugeben, muss Hoffmann allerdings zu einem Hilfsmittel greifen. Er zirkuliert das Grundquadrat, sprich er konstruiert einen Kreis mit gleichem Inhalt wie das Quadrat. Diese Quadratur des Kreises kannten schon die alten Griechen in sehr guter Näherung, auch wenn es dank des transzendenten Charakters von o keine exakte Lösung geben kann. Mit diesem speziell gewonnenen Kreis ergeben sich dann die ‘Eckpunkte’ für die Kuppel. Hoffmann kann auch zeigen, dass zumindest die Wölbung der heute sichtbaren Kuppel dadurch gewonnen worden ist, dass das senkrecht gestellte Grundquadrat mitsamt seinen Um- und Inkreisen bis zur Kuppelbasis nach oben verschoben worden ist. Nun sind wir auf die Umsetzung der Konstruktion ins Aachener Oktogon gespannt, die Hoffmann in seinem zuletzt referierten Vortrag bereits angedeutet hat.

Mittlerweile haben sich mit Rudolf Stichel und Helge Svenshon zwei Wissenschaftler aus Darmstadt gemeldet [Stichel]. Sie fragen sich, ob tatsächlich ein byzantinischer Fuß von 0,309 m zugrunde lag. Weil das Maß nicht vollständig gesichert sei – auch wenn es Hoffmann von einem byzantinischen Aquädukt ableiten konnte –, schlagen sie eine minimale Korrektur um 4 mm auf 0,313 m vor. Dann ergäben sich statt 100 nur 99 Fuß, eine Größe, die bei weiteren Ableitungen viel öfters zu geradzahligen Werten führen würde. So ergäbe sich für die Diagonale zwischen den Vierungspfeilern der Wert von 140,007 Fuß, während sich bei Basis 100 ‘krummbucklige’ 141,421 Fuß ergäben. Stichel und Svenshon finden ‘ihr’ Maß in spätantiken Betrachtungen, zum Beispiel bei Proklos Diadochos, dem Haupt der Schule von Athen, dessen Schüler den Anthemius von Tralleis unterrichtet hat.

Dem steht jedoch entgegen, dass der Bauherr der Hagia Sophia, Kaiser Justinian I., im Jahr 529 und damit kurz vor Beginn des Baues (532–537) die Redner- und Philosophenschulen von Athen hat schließen lassen. (Im gleichen Jahr soll Benedikt von Nursia das Kloster Montecassino gegründet haben, doch ist diese Jahreszahl nur als großes Symbol dafür zu verstehen, dass damals die direkte Tradierung klassischer griechischer Philosophie abgebrochen und direkt vom Christentum abgelöst worden wäre. Die Vita des hl. Benedikts ist bekanntermaßen eine spätere Erfindung, um dem Abendland einen seiner beiden Väter als Ordensgründer par excellence zu schenken. Sie fasst dabei wohlüberlegt den Übergang von antiker Philosophie zum christlichem Glauben in einer einzigen Jahreszahl zusammen.)

Nachdem aber der Bau keineswegs so präzise errichtet worden ist, wie es mit Hilfe der heutigen 3D-Lasermessgeräte möglich wäre, erscheinen beide Grundmaße zunächst als möglich.

Karls-Evolutionen oder auch Kakophonie

Sage niemand, dass Karls Politik obsolet sei. Da erschien im Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte [Jg. 8 (1)] auch der Bericht über eine Tagung, die in Eichstätt zum Verhältnis der Vereinigten Staaten, Europas, Russlands und der islamischen Welt nach dem 11. September stattfand. Darin warnt Christian Hacke

“vor einem karolingischen Europa ‘unter der Führung Frankreichs mit deutsch-russischer Gefolgschaft’ und plädiert für eine ‘atlantisches und zugleich kraftvoll nach Osten erweiterndes Europa’” [Jäger].

So steht also ‘unser’ Karl gegen George Bush, wie die “Anti-Karolinger in Eichstätt” befunden haben. Was für eine Polarität.

Die Kreisstadt Dachau plant für ihre 1200-Jahr-Feier einen Festzug und ist dabei nur allzu gern bereit, die Befreiung des dortigen Konzentrationslagers vor 60 Jahren hintanzustellen.

“Während also die am besten dokumentierten und erforschten zwölf Jahre der Stadtgeschichte keinen Platz im Zug durch die Historie haben können, gibt es für die ersten Jahrhunderte ein ganz anderes Problem: Man weiß praktisch nichts über sie. Das bisherige Drehbuch für den Festzug schließt die Lücke mit Nonchalance: Ereignisse werden so lange verschoben, bis die Chronologie voll ist. Wilhelm Liebhart, Historiker an der Uni Augsburg, hat die Zeitsprünge akribisch aufgelistet: Da werden etwa zwei Episoden aus der wittelsbachischen Frühgeschichte um hundert bis zweihundert Jahre vordatiert. Mit dem fatalen Ergebnis, dass man das jetzt leer geräumte 12. Jahrhundert mit Jakobs-Pilgern bevölkern muss, die in Dachau – wenn überhaupt – ins 14. Jahrhundert gehören würden. Chronologisch falsch angesetzt ist der Rathausbau, wichtige Persönlichkeiten aus der Stadtgeschichte, zumeist Vertreter des altehrwürdigen Hauses Wittelsbach, haben im Zug überhaupt keinen Platz gefunden. So geht das nicht, wettert Liebhard” [Bernstein].

Weiß Wilhelm Liebhart nicht, dass es nur so geht? Anders ist das traditionelle Geschichtsbild nicht aufrecht zu erhalten. Und wo wäre ein Problem? Als Schirmherren sind bereits seine Königliche Hoheit Herzog Franz von Bayern und Ministerpräsident Edmund Stoiber gewonnen. So wird die nächste Geschichtsklitterung abgesegnet und durchgewinkt.

In Aachen hat sich der Wissenschaftler B. Bastert mit zwölf Kollegen zusammengetan, um im Geleitzug von Max Kerners groß angelegten Karls-Projektes Entschleierung eines Mythos Chroniken und Dichtungen auf Karls legendenhafte Erscheinung zu prüfen. Das Ergebnis: Karl der Große in der europäischen Literatur – Konstruktion eines Mythos, eine wissenschaftliche Aufsatzsammlung.

“Die Bilanz überrascht: ‘Karl ist mir immer rätselhafter geworden’, bekennt der Aachener Germanist Bernd Bastert” [Breitmann].

So geht es ihm ähnlich wie Siebigs mit dem Sechzehneck (S. 630), ohne dass einer von beiden daraus eine neue Erkenntnis gewänne.

Dafür jetzt etwas Handfestes, aufgedeckt von einer angesehenen Schweizer Zeitung.

“Schon vor 4000 Jahren hüllten die Ägypter und später die Mykener ihre Toten in edle Asbesttextilien. Das Material diente den Ureinwohnern Finnlands zur Herstellung feuerfester Töpfe. Die Lieblingsserviette Karls des Grossen bestand ebenfalls aus Asbest. Nach den Mahlzeiten soll er sie jeweils kurz ins Feuer geworfen haben, um sie zu reinigen” [ma].

Wir wünschen gesegnete Mahlzeit und die Erlösung vom Lungenkrebs durch raschen Tod.

Ingelheim am Rhein hat seit April ein erneuertes Museum bei der Kaiserpfalz bekommen. Das bisherige Gebäude wurde saniert und mit einem Anbau erweitert; im Innern hielten neueste Museumsstandards Einzug. Im August berichteten Monatsblätter für Kultur- und Heimatpflege über den mühsamen Weg, in Ingelheim ein Museum zu errichten, statt die Bestände einzulagern oder so auszustellen, dass sie unter der Woche nicht besichtigt werden konnten. Wir haben früher bereits erfahren, dass die dort präsentierte karolingische Epoche in einer Zigarrenkiste Platz finden kann [Illig/Lelarge]. In den Berichten zur Museumseröffnung fiel uns auf, dass zwei Mal von der berühmten Reiterstatuette die Rede ist, die so selbstbewusst für Karl reitet.

Da berichtet Gabriele Mendelssohn, dass nach 1948 die Sammlung durch einige Neuerwerbungen ausgebaut werden konnte: “wie etwa ein Bronzeabguss der so genannten Reiterstatuette Karls des Großen aus dem Louvre” [Mendelssohn].

Ein paar Seiten weiter spricht der Archäologe und Museumsbetreuer Holger Grewe über die Präsentation von Kaiserpfalzarchitektur, insbesondere vom Teilnachbau eines Säulengangs der Exedra (die Kapitelle waren auch in der Karl-Leo-Ausstellung von Paderborn, 1999, mit schwankenden Datierungen zu sehen [Illig 1999]). Obwohl die Pfalz Ingelheim so prachtvoll war und einen “bemerkenswerten Sonderfall (früh-)mittelalterlicher Baukunst” darstellt, blieb Karl davon unbeeindruckt und frönte dem “Reisekönigtum”.

“Der König, der gewissermaßen aus dem Sattel heraus regierte, wird durch die berühmte Reiterstatuette Karls des Kahlen aus dem 9. Jahrhundert versinnbildlicht (Original: Musée du Louvre, Paris)” [Grewe].

Wir danken für die Demonstration, dass Karl als kahler Großer zu einer Person zusammengefasst werden kann. Gert Zeising [1999] hat schon vor Jahren nachgewiesen, dass die Statuette aus bourbonischer Zeit stammen dürfte (Könige dieser Dynastie ab 1589).

Seine Priorität verliert der große Karl gerade in Soest. Bislang hieß es: “Die Geschichte Westfalens begann erst mit Karl dem Großen, vorher war die Region ein weißer Fleck auf der Landkarte” [Hennies]. Jetzt stellt sich heraus, dass ihm die Römer zuvorgekommen sind, 100 km jenseits der Reichsgrenze! Ausgräber Walter Melzer fand in einem germanischen Gehöft am Standrand von Soest Bleiformen für Schmuckstücke, flache Bleibarren und Bleitropfen vom Gießen – insgesamt mehr als 100 Kilogramm. Blei steht in und um Soest nicht an, musste also hierhergebracht worden sein. Nachdem es hier verarbeitet worden ist, müssen Römer die Anleitung dazu gegeben haben. Vielleicht gibt die Erde noch einen bleigegossenen Karl frei…

Im Archiv des Klosters Münsterschwarzach (Mainfranken) tauchte ein alter Schlüssel auf. Er ist beim Bau der Balthasar-Neumann-Basilika um 1730 im Fundamentbereich mitverfüllt worden und 1939 entdeckt, aber bald verlegt worden. Da an dieser Stelle auch die um 785 erbaute erste Klosterkirche in Münsterschwarzach stand, wurde der neun Zentimeter lange Schlüssel mit

Schlüssel
kleinem, einfachem Bart nach seiner Wiederentdeckung rasch als karolingisch erkannt. Obendrein gibt es ein Vergleichsstück aus Würzburg, das dort im Main gefunden worden ist [Hochholzer]. Er wurde in der dortigen Kiliansausstellung gezeigt, als einziges Exponat der Karolingerzeit. Wir fügten die damalige Aussage des Spezialisten hinzu [Illig/Anwander 160]:

“Trotz der zentralen Bedeutung Würzburgs im 7. und 8. Jahrhundert sind die archäologischen Funde aus dieser Zeit bisher äußerst spärlich.”

So haben wir jetzt bereits zwei Schlüssel zu einer ansonsten rätselhaft fundarmen Periode in Mitteleuropa, gewissermaßen Schlüssel ohne zugehörige Türen und Zimmer. Mit dieser schönen Metapher wollen wir es diesmal bewenden lassen.

Literatur

Bäbler, Balbina (2004): Archäologie und Chronologie. Eine Einführung; Darmstadt
Bernstein, Martin (2004): Dachaus Zug durch die Historie. Wie sich eine Stadt 1200 Jahre Geschichte zurecht schneidert; in Süddeutsche Zeitung, vom 27. 9. 2004
Breitmann, Eugen (2004): Viel Neues über den “rätselhaften Karl”. Bern Basterts spannendes Porträt des Kaisers; in Aachener Zeitung, vor dem 23. 9. 2004
Cali, FranHois (1963): Das Gesetz der Gotik. Eine Studie über gotische Architektur; München
Carnevale, Giovanni (1993): San Claudio al Chienti ovvero Aquisgrana; Macerata
Dendl, Jörg (2004): Karl den Großen gab es doch! Eine Kritik der chronologischen Voraussetzungen der These von den “fiktiven Jahrhunderten” von Heribert Illig, S. 192
Ebner, Martin (2004): Hägar der Spurlose. Freispruch mangels Beweisen? Für Wikinger-Züge ins Rheinland gibt es keine überzeugenden Belege; in Stuttgarter Nachrichten
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2 Kommentare zu “Siebigs’ Fund und Fried ohne Freud – Aktuelles zur Frühmittelalterdebatte und mehr”

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2. März 2004                     Kategorie(n): Artikel aus den ZS, Fantomzeit, Zeitensprünge

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Die Debatte der Schweigsamen. Zum ‘Schwachsinn’ des frühen Mittelalters

von Heribert Illig (Zeitensprünge 1/2004)

Frohes Karlstreiben

Die Karlologie brummt vor Emsigkeit. Fangen wir bei unserem Bericht ganz oben an. Nicht bei Karls Schädeldecke, sondern noch weiter oben. Am 24. März geruhte der frühere Karol Wojtyla, einen Sonder-Karlspreis entgegen zu nehmen. Damit haben die Initiatioren dieses Polit-Events die Decke erreicht. Oder sollten sie nach dem Stellvertreter auch noch Gott selbdritt diesen Preis antragen? Es wird also von nun an mit dem Karlspreis bergab gehen. Die Absurdität ist ohnehin kaum überbietbar: Da ist ein “Staatsverbrecher katexochen” [Deschner 1994b, 68] von einem Gegenpapst heilig gesprochen worden, was Rom nie akzeptiert hat – und dann akzeptiert Papst Johannes Paul II. einen Preis, der diesen seltsamen Heiligen für ganz Europa im Wappen führt.

Am selben Tag wurde über diesen Karl hart diskutiert. Michael Borgolte [2004] erregte sich mit Kein Platz für Karl über den Nestor der Mediävistik, Jacques Le Goff, und dessen neues Buch über die Geburt Europas im Mittelalter. Denn Le Goff scheint den Kaiser vom Platz zu weisen:

“So verweigert er dem Kaisertum Karls des Großen seinen Platz in der europäischen Geschichte. Karls Unternehmen sei ein ‘fehlgeborenes Europa’, eine ‘nationalistische Tat’, der erste aller gescheiterten Versuche, ‘ein Europa unter der Herrschaft eines Staates oder eines Reiches zu bauen. Das Europa Karls V., das Europa Napoleons und das Europa Hitlers waren de facto antieuropäisch, und in den Bestrebungen Karls des Großen ist bereits etwas von diesen Plänen angelegt, die dem wahren Europagedanken widerstreben. Ein Essayist, der als Historiker ernstgenommen werden will, darf so nicht argumentieren, weil es nicht angeht, aus der Geschichte zu verbannen, was einem nicht gefällt.”

Borgolte kann hier als Historiker nicht mehr ernst genommen werden. Er scheint tatsächlich zu glauben, Le Goff habe – genauso wie der von Borgolte mit einem Schweigegebot geächtete Urheber dieser Zeilen – dem Überkarl seinen Platz in der Geschichte verweigert. Dabei bringt Le Goff nur eine andere Gewichtung von angeblicher Person und Leistung; er spricht sich dagegen aus, dass sich EU und Karlspreiskommittee auf einen “Krieger, Eroberer, Mörder und Räuber im größten Ausmaß” berufen [Deschner 1994a, 498].

Kein Wunder, dass die Forscher immer genauer wissen wollen, was da in Karls Hirn vorgegangen sein mag. Zu diesem Behufe wird derzeit Karls Schädeldecke untersucht, die in der Aachener “Karlsbüste” enthaltene Reliquie. Bald werden wir wissen, ob Schädelkalotte und die Knochen im Karlsschrein von demselben Menschen stammen. Dessen Statur ist immerhin bekannt: einst 1,82 m groß, stämmig, mit auffallend feinen, schlanken Händen [dpa 2004]. Das sollte Johannes Fried zu denken geben, der televisionär den Unsinn vertrat, wegen ständigen Schwertführens habe Karl nicht die Feinmotorik für den Schreibvorgang ausbilden können [vgl. Martin 100].

Die Zunft hielt in Washington D.C. das dritte Medieval History Seminar ab, bei dem entstehende und fertig gestellte Dissertationen diskutiert werden. Dabei wurde in Anwesenheit von Fried festgestellt, dass mehrere Geschichtswissenschaftler “ihre historiographischen Quellen konsequent als Fiktionen verstanden” [Feuchter]. Olaf Schneider zeigte

“in einer eingehenden Analyse der Überlieferungsschichten, wie das bei Erzbischof Hinkmar von Reims (9. Jh.) gegebene negative Bild eines angeblichen Doppelbischofs Milo des 8. Jhs. entstanden sein dürfte. In der Diskussion herrschte Übereinstimmung, daß das 9. Jh. mit derartig ‘gefälschten’ historischen Texten durchsetzt sei, die zutreffender als ‘fiktionale’ anzusprechen seien” [ebd.].

Markus Späth befasste sich mit dem

“‘neuen kulturellen Gedächtnis’, das sich die Abtei San Clemente a Casauria am Ende des 12. Jhs. zulegte und gleichsam multimedial in Skulptur, Architektur und Buch ausstellte, zudem in jedem Medium jeweils unter Verschränkung von Bild und Text. Die Diskussion kreiste besonders um die Frage, wie in der Chartularchronik von S. Clemente mithilfe von ‘alten’ Schriftbildern die Authentizität der enthaltenen Urkundenabschriften erzeugt wurde” [ebd.].

Weniger progressiv ging es in Rom zu, wo im Februar eine Gemeinschaftsveranstaltung des Istituto Italiano per il Medioevo und des Deutschen Historischen Instituts “Forschungsstand und Perspektiven der deutschen Mediävistik” vorstellten. Da wurde etwa lang und breit von Michael Matheus erläutert, dass eine Epochengrenze um 1500 nicht immer brauchbar und sinnhaft sei [Johrendt 2]. Progressiv gab sich Gerd Althoff mit seinem Vortrag: “Die deutsche Mittelalterforschung und der performative turn”. Dabei geht es um die Annahme, dass

“Phänomene der sozialen Wirklichkeit durch symbolisches Handeln nicht nur abgebildet, sondern überhaupt erst hervorgebracht werden” [ebd., 3].

Derartige Analyse lässt anhand ritueller Handlungen die Königsherrschaft in manchem Bereich in einem neuen Licht sehen. Wir sind gespannt.

Der öffentliche Vortrag von Rudolf Schieffer über “Die Erschließung der Quellen. Alte Probleme und neue Entwicklungen” bildete nicht nur den Abschluss der Tagung, sondern geradezu den Schwanengesang auf eine untergehende Disziplin. Denn die originale Urkunde verliert zunehmend an Wertschätzung, neue Editionen verstehen sich nicht mehr von selbst, sondern müssen erst legitimiert werden:

“’Sind wir, ungewollt zumindest, auf dem Weg zu einer historischen Mediävistik, die Quellen bloß noch aus gedruckten Büchern (bzw. deren elektronischen Derivaten) kennt und für ihre Debatten hinreichende Stimulanz in der aus den immer gleichen Quellen geschöpften Literatur zu finden glaubt?’

Insgesamt läuft die mediävistische Zunft zunehmend Gefahr, daß die kritische Aufbereitung eines Quellenbestandes immer mehr zu einer Sache hochgradiger Spezialisten wird, die am Rande und nicht im Zentrum der Fachwelt stehen. Wozu diese Tendenzen führen, sieht man an Fälschungsverdikten, die teilweise mit einer ‘ziemlich irritierenden Leichtfertigkeit’ gefällt werden” [Johrendt 7].

So wird der Präsident der Monumenta Germaniae Historica zitiert, der fassungslos zuschauen muss, wie er selbst mit seinem geballten Wissen (angeblich hat er sich für das frühe Mittelalter entschieden, weil er den gesamten einschlägigen Urkundenbestand selbst lesen konnte) aus dem Zentrum seiner Zunft gerät, die sich doch ein für allemal durch den direkten Blick auf das geliebte Pergament definieren sollte. Wehe, wehe – dereinst werden selbst Archäologen mitreden und die Quellen kritisieren dürfen …

Doch bis dahin ist der Weg noch weit, treibt doch Karl vielerorts und mannigfach sein Wesen. So feierte das Gymnasium Carolinum in Osnabrück im Januar sein 1200-jähriges Bestehen. Zwar glaubt niemand mehr der Urkunde von 804: zwar kann ein Schulleiter als Beweis für das Alter nur die “historische Rekonstruktion von Wahrscheinlichkeiten” anzubieten – aber wenn zwei überaus ehrwürdige Lehrstätten um das Eichenlaub wetteifern, dann rechtfertigen sie sich auch schon mal mit Karls Admonitio generalis von 789, wie der Osnabrücker Schulleiter Helmut Brandebusemeyer. Denn sonst bliebe seine Erziehungsanstalt auf immer sieben Jahr hinter dem Paulinum in Münster zurück [Loy]. Dabei weiß man in Osnabrück, dass die eigene Schule eigentlich noch ein Jahrzehnt älter ist, weshalb man sich in aller Bescheidenheit “Älteste Schule Deutschlands” nennt. Schließlich kann Münster nur einen Indizienbeweis für seine Gründung von 797 anführen und ist einmal umgezogen. In Osnabrück dagegen verweist man auf “die Beständigkeit des Ortes und die lückenlose Dauer in der Zeit” [Orzessek]. Das Schulmotto bezieht sich in jedem Fall auf die Admonitio: “das Fehlerhafte verbessern, das Unnütze beseitigen und das Richtige bekräftigen”. Ergo: Karl auf immer.

Mittlerweile hat Ihn auch die Betriebswirtschaft als großes Vorbild aus der Rubrik ‘Heilige’ erkannt. Sie weiß ganz genau:

“Karl beherrschte vollendet die Kunst der Menschenführung und Delegation. Der ganze Regierungsapparat bestand im wesentlichen aus wenigen Dutzend Fachleuten, die nach Kompetenz ausgewählt wurden und einen weiten Handlungsspielraum hatten. Der Kaiser vertraute seinen Mitarbeitern, belohnte Leistung und ging mit seinen Ratgebern bei Hofe fürsorglich um. Mit einem Wort, das Betriebsklima stimmte. [...] Entscheidungen fielen zügig. Der Instanzenweg war kurz. Der Kaiser gab präzise ‘Anweisung, was alles am Tage getan oder den Beamten aufgetragen werden sollte.’” [Glogowski]

So muss es sein, wenn ein Heiliger das Staatsruder führt. Da stört dann auch nicht, dass die Herren mit dem “weiten Handlungsspielraum” täglich vom Kaiser präzise Anweisungen bekamen – also gewissermaßen mit der ganz langen Laufleine hart an der Kandare geführt wurden. Die Wirtschaft wird auch diesen Widerspruch in sich beherzigen. Das wird noch einfacher, wenn ein Rat befolgt wird, den Marie-Theres Fögen auf dem Brackweder Arbeitskreis für Mittelalterforschung (Bielefeld) erteilte:

“die humanistische Tradition, das Individuum mit seinen Intentionen und Handlungen, auf den methodischen Sperrmüll zu geben und stattdessen Evolutionstheorie zu studieren” [Jostmann].

Der Kommentar schlug in dieselbe Kerbe:

“Das einfache Schema der Geschichtsschreibung – etwas ist so, weil Menschen vorher dies oder jenes getan haben – überzeugt in den Nachbarwissenschaften schon lange nicht mehr. In der unübersichtlichen modernen Gesellschaft wirkt es naiv” [ebd.].

Bei solchen Tiefschlägen lohnt es, für die Mediävistik etwas Neues und ganz Handfestes nachzutragen. In Ingolstadt ist eine bronzene Gewandschließe aus der zweiten Hälfte des 8. Jhs. ausgegraben worden. Wie schon in Augsburg lockert der ersehnte Fund die bis dato korrekt geführte Zunge und lässt sie die bekannte Fundleere preisgeben [vgl. Illig/Anwander 125]:

“Damit hätten die Historiker den langersehnten Beweis gefunden, dass Ingolstadt der ‘Herrenhof’ des Königsgutes Karls des Großen war, teilte die Pressestelle der Stadt mit. Die Ausgrabungen bei der Moritzkirche galten als eine der letzten Möglichkeiten, dem alten Königsgut in der Altstadt auf die Spur zu kommen. [...]

Die ersten Grabungen in der Altstadt begann das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege 1986. Obwohl die Untersuchungen wichtige Erkenntnisse zum spätmittelalterlichen Ingolstadt lieferten, fehlen bis heute die Hinweise auf die Zeit Karls des Großen. Die Qualität der nun gefundenen Gewandschließe weist darauf hin, dass ihr Besitzer der gehobenen Gesellschaftsschicht angehörte und somit auch Kontakte zum Königshof des Frankenreichs gehabt haben dürfte. Die Archäologen hoffen nun, bei weiteren Ausgrabungen auch Hinweise auf die Lage des Herrenhofes zu finden” [dpa 2003].

‘Knallhart’ wäre eine unpassende Verniedlichung für diese unbestechliche Art faktenorientierter Beweisführung.

P.M. ignoriert das Schweigegebot

Von altem Schrot und Korn ist die neue Erkenntnis von Matthias Becher, dass Karl der Große nicht 742, nicht 743 und schon gar nicht 747 geboren sei, wie Vita Karoli Magni oder Annales Petaviani widersprüchlich berichten. Er plädiert als erster für 748, wobei die Begründung erkennbar knirscht. Zwar wissen alle, die den Reichsannalen Glauben schenken und sie der ersten Hälfte des 9. Jhs. zuordnen, dass dort das Jahr am ersten Weihnachtsfeiertag beginnt – doch Karls Geburt habe man nach einem an Ostern beginnenden Jahr gerechnet, weshalb sich die 747 in 748 wandeln. Gemäß Becher hätte der Überkaiser sein Riesenpensum in nicht einmal 66 Lebensjahren bewältigt. Das ist überwältigend [Bendl 67].

Die frohe Kunde findet sich in demselben P.M.-Themen-Heft über Leben im Mittelalter, das einen Artikel über die erfundenen Jahrhunderte bringt, die dem dortigen Titel nach bereits verschwunden sind. Es kommt die ganze Reihe der Gegner gebührend zu dem Wort, das sie eine ganze Zeitlang verloren hatte. An der Spitze ein vertrauter Name [Zitate Berndorff 88-91]:

“Johannes Fried, Professor für mittelalterliche Geschichte an der Universität Frankfurt am Main, entrüstet sich: »Fast alles, was Illig behauptet, ist Schwachsinn.« Viele seiner Kolleginnen und Kollegen pflichten ihm bei. Ihre Kritik beginnt damit, dass Illig in seinen Büchern falsch oder ungenau zitiere. Zudem lasse er wichtige Geschichtswerke unbeachtet.”

Wir haben noch in Erinnerung, dass Fried 1995 als erster mein anstößiges Buch in die Diskussion gebracht hat [Fried 1996; vgl. Illig 1996b]. Damals schilderte er in ganzen Frage-Kaskaden, wie schwer meine Gedankengänge zu widerlegen seien, wenn man sie nicht als gefährliche, negative, illusionäre Phantasie abtue, wie er es dann getan hat. Nun schlägt seine jetzige, vernichtende Wertung sehr schnell auf seine eigenen, so mühsam von den meinen unterscheidbaren Gedanken zurück.

Und die werten KollegInnen haben meine Zitationen geprüft? Es gab einzig und allein die maßlose Erregung von Sven Schütte über eine verdruckte Jahreszahl im 22-seitigen Literaturverzeichnis des Erfundenen Mittelalters (s.u.). Apropos; Die von Berndorff anschließend beklagte falsche “Null” bei Beda Venerabilis ist im zweiten Buch richtig gestellt worden, während es die Gegenseit nicht wagt, auf die anderen Ungereimtheiten bei Beda einzugehen [vgl. Illig 1999a, 125 ff.].

Schieffer verteidigt Einhard, als hätte dieser Unterhaltungsliteratur für gelangweilte Ehefrauen schreiben müssen:

“Aber man darf diesen Quellen auch nicht unseren heutigen Ansprüchen gemäß eine korrekte Dokumentation abverlangen.” [Berndorff 88]

Dann wird er offensiv: Ihm fehlen Antworten zu Langobarden und Byzantinern, zur Ausbreitung der Slawen, zu der des Islam. Dass es sehr wohl Antworten zum Islam und erstmals eine Erklärung für das 300-jährige Dahindümpeln führungsloser Slawen gibt, hat er leider nicht gelesen.

Bei Berndorff gehen nun Fried, Dieter Hägermann und Schieffer auf die Fälschungen ein und bleiben dabei, dass

“wir mit absoluter Sicherheit Originaldokumente aus der angeblichen Phantomzeit identifiziert [haben], zum Beispiel von der Frankfurter Pfalz”.

Wie lange mag die absolute Sicherheit noch halten, wenn Kölzer mit der Prüfung beginnt? Die fehlenden Steine aus Frankfurt kann der Archäologie Harald Koschik zwar nicht motivieren. Er vermisst auch wegen der Christianisierung Grabfunde.

“Dennoch haben wir zum Beispiel bei Ingelheim eine Fülle von karolingischen Funden, wie etwa Münzen gemacht, zudem Pfalzen, Klöster und Kirchen in ganz Mitteleuropa ausgegraben” [Berndorff 89].

Wir erinnern uns an den einzigartigen “karolingischen” Aquädukt und die einzige Münze von Ingelheim, jenen rätselhaften Golddenar [vgl. Illig/Lelarge 2001]; wir erinnern uns daran, dass kein einziges karolingisches Kloster ausgegraben worden ist, sondern nur der fiktive Plan von St. Gallen vorliegt [vgl. Hoffmann 1995]. In der Kreisstadt Erding habe ich kürzlich darauf hingewiesen, dass auch in diesem vielleicht pfalzreichsten Landkreis der Bundesrepublik kein einziger Stein einer Pfalz gefunden worden ist, genauso wenig wie von all den anderen agilolfingischen und karolinigischen Pfalzen Bayerns [vgl. Illig/ Anwander 2002, 99-103].

Sven Schütte ersetzt sämtliche Pfalzen, indem er ein kleines Beil mit gezähnter Schneide präsentiert, das “die Ottonen nicht mehr benutzten”, und reklamiert eine angebliche Sensation [Bernsdorff 89]:

“Niemand weiß, ob die Kuppel [des Aachener Oktogons] tatsächlich massiv ist, weil bislang keiner ins Innere des Steins geschaut hat. Darum kann sie sehr wohl nach byzantinischer Art, nämlich hohl gewölbt sein.”

Eine lächerliche Aussage für einen Archäologen und Bauhistoriker, der seit Jahren im Aachener Dom arbeitet. Kennt er nicht einmal die aktuelle Untersuchung des Oktogons mit indirektem Radarverfahren? Sie ist 2002 von Gabriele Patitz und Bernhard Illich publiziert wurden, also kein Geheimpapier. Damals hat man eine relativ homogen gemauerte Kuppel aus grobem Gestein und sogar Steinlagestörungen an zwei Stellen der Kuppel festgestellt [Patitz/ Illich; vgl. Illig 2003, 398]. Gewollt naiv imaginiert Schütte eine byzantinische Kuppel oder sogar eine Kombiwölbung – außen Stein, innen byzantinische Tonhohlkörper – die den einzigartigen Bau zu einer Steigerung von Singularität machen würden, da nirgends sonst so etwas gebaut worden ist. Diesem Mann fehlt einfach das Fachwissen. So wurde er im Jahr 2000/01 von Michael Toch gerügt, weil er “per Zirkelschluß eine sonst nicht nachweisbare Kontinuität jüdischen Lebens in Köln postuliert” habe. Dies geschah durch die “reine Behauptung” einer

“angeblich seit dem 4. Jahrhundert und kontinuierlich über die Merowingerzeit bestehende[n], in der Karolingerzeit dann neu aufgebaute[n] Prachtsynagoge, um die sich auch noch ein ganzes ‘jüdisches Viertel’ gebildet haben soll” [Toch 2001, 12 f].

Wenn es bei Bernsdorff [89] gleich weitergeht mit Dendrochronologie und den Brettern des “Aachener Karlsthron”, dann darf neuerlich an Schütte und seine überaus prompte Erfindung des “Karlsthrons” für die Ausstellung “Krönungen” in Aachen, anno 2000, gedacht werden, den ‘böse’ Dendrochronologen wie E. Hollstein und B. Becker rund dreißig Jahre zuvor zum Ottothron degradiert hatten:

“Zur Sicherheit waren an dieser Untersuchung mehrere Analytiker, Dendrochronologen und Radiokohlenstoff-Forscher beteiligt. Statistiker rüttelten die Kurven – und siehe da: Der große Karl darf wieder Platz nehmen” [Schütte 2001; vgl. Illig 2001].

Skeptiker können sich dieses Rütteln und Schütteln vorstellen. Deswegen erwarten alle am Aachener Dom Interessierten Schüttes Monographie über den Aachener Thron. Sie ist seit Frühjahr 2000, also seit vier Jahren angekündigt, aber nicht erschienen, wie nicht nur in Aachen beklagt wird [Georgi 2004, 120]. Schütte hat mir allen Ernstes bei meinem Vortrag in Köln vorgeworfen (12. 4. 2000 [vgl. Illig 2000b, 476-480]), seine Arbeiten zum Thron zu ignorieren. Als ich ehrlich bekannte, dass sie mir unbekannt seien, teilte er der erstaunten Corona mit, dass sie in wenigen Monaten erscheinen würden. Es blieb bis heute beim Konjunktiv. Insofern wird es nun Zeit, auf die Rolle hinzuweisen, die jener Kölner Lokalmatador spielt. Die damalige Veranstaltung war ein nur teilweise geglücktes Ränkespiel. Zwar fiel Moderator Johannes Lehmann zu meinem Vortrag lediglich viermal die gleiche Frage nach dem Sinn von Grundlagenforschung ein (‘Was nützt uns, was Sie im frühen Mittelalter erforschen?’), aber dann ließ er dem anonym bleibenden Schütte alle Zeit der Welt für seine wütenden Invektiven. Doch die anschließende Veröffentlichung des ‘Skandals’ hat nicht geklappt. Denn der Kölner Stadtanzeiger war zwar vertreten, bedauerte aber vorab, keinen Platz für die Vortragsankündigung gefunden zu haben; danach berichtete er nichts über die ‘Schütte-Show’. Daraufhin brachte Schütte seine Version beim vielleicht härtesten Beschimpfer der Phantomzeitthese auf die home-page, ein für einen Wissenschaftler und Forscher eher peinlicher Schritt.

Mehr Aufmerksamkeit als dieses üble Rütteln und Schütteln darf in dem P.M.-Themenheft neben Burghart Schmidt der Dendrochronologe Mike Baillie aus Belfast erwarten, der seit Jahren das frühe Mittelalter mit Baumringen verteidigt:

“Jahresring-Chronologien verschiedenster Regionen in Deutschland, Irland, England, Holland, Frankreich und den USA, datiert von verschiedenen Forschern, zeigen bis in die Römerzeit zurück völlige Deckungsgleichheit. Da bekommt man nicht einmal eine Phantomzeit von wenigen Jahren unter” [Bernsdorff 89].

Wenn dem wirklich so wäre, bräuchte es die verschiedenen Jahresring-Chronologien gar nicht. Ursprünglich glaubten ja die Dendrochronologen, mit der Standardsequenz für die kalifornische Borstenkiefer läge bereits ein weltweiter Maßstab vor. Erst als sich zeigte, dass diese Sequenz in Europa nicht weiterhilft, wurden und werden hier immer neue Eichensequenzen für immer kleinere Regionen erstellt, um weitere Hölzer leidlich befriedigend datieren zu können.

Fried äußert in dem P.M.-Heft einmal mehr die obsolete Meinung, es genüge, dass Gregor XIII. 1582 seine Reform auf das Konzil von Nicäa, 325, bezogen habe [vgl. Illig 1999b, 619 f]. Natürlich steht das in der Bulle von 1582, stimmt aber trotzdem nicht. Weil ich Cäsars Reform mit guten Gründen präferiere [vgl. Illig 2000a, 142-145], giftet er: “Doch das stimmt nicht, und Illig weiß das genau.” Da er alle einschlägigen Hefte der Zeitensprünge bekommt, könnte Fried genau wissen, dass Gregor-Nicäa nicht trägt. Vielleicht wird er wenigstens den Artikel von Werner Frank im kommenden Heft lesen, der diesen Tatbestand noch besser ausleuchten wird.

Schwach besetzt ist bei diesem ‘Anti-Phantomzeit-Forum’ die Archäoastronomie. Franz Krojer gesteht zu, dass sein Buch gescheitert ist: “Den unumstößlichen mathematischen Gegenbeweis gibt es nicht” [Bernsdorff 89]. Er akzeptiert nun wie Dieter B. Herrmann meine Argumentation, dass die historischen Quellen oft unpräzise Angaben machen, die Kometen nicht identifizierbar sind und über 200 von rund 250 in der Antike erwähnten Sonnenfinsternisse “zeitlich und räumlich ungenau oder falsch beschrieben sind”. Gleichwohl ist sich Herrmann immer noch sicher:

“Illigs These bietet die mit Abstand unwahrscheinlichste Erklärung für die Widersprüche in den geschichtlichen Quellen.”

Außerdem gebe es

“in der Astronomie genügend Beispiele, die unsere gewohnte Zeitrechnung und damit die Existenz des frühen Mittelalters bestätigen.” [beides Bernsdorff 89].

Irgendwann wird er sie preisgeben; die Hoffnung währt. Doch wir erinnern uns, dass Herrmann in fünf von sechs Anläufen mit seiner Beweisführung gescheitert ist und dass von all seinen Argumenten allein zwei Sonnenfinsternisdaten eines Bischofs Hydatius Bestand haben; allerdings sind sie in einen unwahrscheinlichen Kontext eingebettet [vgl. Illig 2000c, 677 f.]. Berndorff [89] weiß von all diesen Auseinandersetzungen nichts und schließt deshalb mit der Quintessenz:

“So scheint die Last der Indizien letztlich gegen die Phantomzeit zu sprechen. Heribert Illig bleibt trotzdem bei seiner These. Doch wenn er seine Kontrahenten überzeugen will, muss er wohl zunächst einmal deren Gegenargumente widerlegen.

Seit 1996 beschäftige ich mich mit der Vorstellung neuer Fakten genau so wie mit der Widerlegung aller Gegenargumente, wie schon die Literaturliste zu diesem Artikel beweist. Der Schwarze Peter liegt bei der Gegenseite, die sich allenfalls dann mit all diesen Fakten und Widerlegungen ein wenig auseinandersetzt, wenn sie von einem Journalisten dazu ‘gezwungen’ wird. Wo wäre auch nur eine Aussage zur Fundarmut in Bayern und damit pars pro toto in der gesamten Alten Welt? Vor eineinhalb Jahren vorgestellt, hütet sich die gesamte Zunft, einschließlich des hier befragten Harald Koschik, Leiter des Rheinischen Amtes für Bodendenkmalpflege, irgendeine Stellung zu beziehen – die Ausnahme von der Regel bildete Schieffer mit der paradoxen Begründung seines Schweigens (‘lieber blamiert als geantwortet’) [vgl. Illig 2003a, 399].

Aber das ist alles Vergangenheit. Wer diesen Heft liest, wird feststellen, dass die wesentlichen Momente der Phantomzeittheorie akzeptiert werden, nämlich Beseitigung archäologischer Lücken durch Kalenderverschiebung und Zeitensprungrechnungen von 300 Jahren im Mittelalter! In Verbindung mit der Einschätzung immer weiterer Urkunden als fiktional reicht dies aus, um in den nächsten Jahren ein völlig neues Bild von Mittelalter, Antike und Vorzeit entstehen zu lassen. Noch stehen die Schieffers und ihre aus Pergament geschnittenen Kulissen; doch eines Tages werden sie abgeräumt und dahinter wird das neue, offiziell akzeptierte Bild sichtbar werden.

Apokalyptisches Nachklappen

Eine schon fast versunkene Argumentation ist jetzt in einem Sammelband erschienen. Auf dem Apokalypse-Kongress, 2000 in Passau, sprach Thomas Frenz über mittelalterliche Berechnungen des Termins von Weltende und Weltgericht. Beim Vortrag nannte er nur einen Bezug zu meinen Gedanken (“die Zahl 297 haben wir heute schon einmal gehört”), doch diese Zahl taucht in der Druckfassung nicht mehr auf, dafür enthält sie nun zwei Argumente gegen die Phantomzeit. Zum ersten befand er [Frenz 113]:

“Da Gott selbst also der Schöpfer der Zeit ist, reiht sich jeder, die die Zeit zu manipulieren versucht, unter die Gegner Gottes ein und demaskiert sich als Vorläufer des Antichristen. Schon von daher käme also kein mittelalterlicher Herrscher auf die Idee, die Jahreszählung zu verändern. [Dazu Fn. 3:] Diese Bemerkung richtet sich selbstverständlich gegen die Thesen von Illig (vgl. seinen Beitrag oben und die Widerlegung durch Wurster). Sie bildet zwar an dieser Stelle keinen stringenten Beweis, verweist aber auf den grundsätzlichen Argumentationsfehler Illigs, dem Mittelalter moderne Denkweise zu unterstellen.”

Der Einfachheit halber steht noch auf derselben Seite Frenz’ eigenes Gegenargument.

“Und auch im Mittelalter hat man sich nicht mit dem Verbot des Evangeliums [nach dem Zeitpunkt des Weltendes zu fragen; HI] zufrieden gegeben. Die direkte Ermittlung des Weltuntergangstermins war zwar unzulässig, aber vielleicht ließ sich das Ziel auf indirektem Wege erreichen [Auf dem Umweg über das Alter der Schöpfung und die sieben Welttage; HI]. Natürlich ist das der Versuch, Gott übers Ohr zu hauen” [Frenz 113].

Was wäre also modern gedacht, wenn der Kaiser glaubt, dem Willen Christi zu entsprechen und zur rechten Zeit als sein irdischer Statthalter aufzutreten? Das würde kein Moderner denken, wohl aber ein mittelalterlicher Mensch. Zum Beispiel auch und gerade Joachim von Fiore, dessen Endzeitberechnung Frenz vorgestellt hat. Von diesem Abt des kalabrischen Kloster S. Giovanni in Fiore wissen wir, dass er den Anbeginn des (dritten) Reiches, Zeitalters oder Status des Heiligen Geistes aufs Jahr genau prognostizierte. Dies bewerkstelligte er durch eine Parallelbetrachtung von Altem und Neuem Testament, bei der jeweils zwei Personen analog gesetzt wurden: Adam entspricht Christus (1. Generation), David dem Kaiser Konstantin (12. Generation), Antiochus Epiphanes dem Kaiser Heinrich IV. und so fort. Dabei setzt er für das Alte Testament die tradierten Lebensdaten, für das Neue Testament jede Generation mit 30 Jahren an.

Die 25. Generation bildet König Ezechias (Hiskija), dem Gott nach Intervention durch Jesaja bei schwerer Krankheit 15 Jahre über die Zeit schenkte; bekräftigt wurde das Geschenk durch den Schatten, den Gott am Hochaltar 10 Stufen nicht abwärts-, sondern zurücklaufen ließ [2Kön 20]. Dem nur bedingt entsprechend, fügte Joachim zehn zusätzliche Generationen ein, also 300 Jahre, die für die Zeit von 750 bis 1050 stehen. Nur mit diesem Trick blieb er im Einklang mit dem AT, das 42 Generationen von Abraham bis Christus kennt. 42 Generationen à 30 Jahre ergeben für die Zeit nach Christus das Jahr 1260 als Status des Hl. Geistes, vor dem die Christen nach Joachims Tod (1202) zitterten.

Wie Frenz diesen Vorgang – den Einschub von 300 Jahren in die frühmittelalterliche Geschichte! – schildern und zugleich kritisieren kann, dass ein Einschub von 297 Jahren dem mittelalterlichen Denken zuwiderlaufe, bleibt sein Geheimnis.

Als zweiten Einwand weist Frenz auf den Zeitunterschied zwischen Vulgata – 1.946 Jahre von Adam bis Abraham – und Septuaginta bzw. Vetus Latina hin, die 3.312 Jahre für dieselbe Zeitspanne verzeichnen. Bei dieser Rechnung “ergibt sich ein Schöpfungsdatum 5198 vor und ein Weltgerichtsdatum 802 nach Christi Geburt” [Frenz 116]. Die zugehörige Fußnote lautet:

“Also nicht 800 oder 801. Damit wird auch Illigs These hinfällig, das Fälscherduo Otto III./Silvester II. habe die Kaiserkrönung Karls des Großen auf den Beginn des 7. Jahrtausends plaziert.”

Doch nur ein paar Zeilen später erledigt Frenz auch seinen zweiten Einwand. Denn es gab damals zwei heilige Sprachen: Hebräisch und Griechisch und deshalb zwei Wahrheiten: veritas hebraica und veritas graeca.

“Andere Autoren kommen zu noch anderen Daten. Damit ist aber unser Versuch gescheitert, das Weltende zu berechnen”. [ebd.]

Ich habe mir die auf 800/01 lautende Rechnung nicht ausgedacht, sondern bei verschiedenen Autoren gefunden, ob bei Arno Borst, Claude Carozzi oder Benno Krusch [Illig 1999a, 132-139]. Borst bezieht sich u.a. auf Victorius von Aquitanien, einen Nachfolger des Hl. Hieronymus und Vorgänger von Dionysius Exiguus und damit auf einen der ältesten Computisten der Christenheit [Borst 741]. Wo es keine absolute Wahrheit gibt, darf sie auch Thomas Frenz als Professor für Historische Hilfswissenschaften nicht für sich allein beanspruchen, zumal auch er nicht weiß, welcher der alten Koryphäen wann am meisten geglaubt worden ist.

Auf Herbert Wursters Referat gehe ich nicht mehr ein. Ihm als Diözesan-Archivar liegen vor allem die Urkunden am Herzen; dementsprechend verhaftet ist er dem Pergament. Beim Kongress selbst ließ er mir keine Zeit für eine sinnvolle Debatte; dafür bin ich ihm in dem Kongressband ausführlich entgegengetreten [Illig 2003b, 86-93]. In Bayern und die Phantomzeit [Illig/Anwander 2002] sind seine Kritikpunkte ‘Keramikfunde’ und ‘Entwicklung des Christentums’ ein weiteres Mal und in der notwendigen Ausführlichkeit behandelt worden. Selbst seine nachgeschobene dendrochronologische Kritik ist hier schon berücksichtigt [ebd., 127 ff].

Unterm Strich hat diese Zusammenfassung alter und neuer Kritik kaum etwas erbracht, was die Phantomzeitthese gefährden könnte. Ganz im Gegenteil: Frenz hat gezeigt, dass Joachim von Fiore im 12. Jh. einen 300-Jahres-Sprung in jene Chronologie eingebaut hat, die im 13. Jh. dann von vielen Christen geglaubt und deren Zeitenwende von 1260 fieberhaft erwartet worden ist (Friedrichs II. vorzeitiger Tod verhinderte ein weiteres Aufheizen der allgemeinen Stimmung). Nimmt man hinzu, dass im Falle der Maya-Kultur die kulturelle Lücke zwischen Spät- und Postklassik durch eine Kalenderverschiebung beseitigt wird, also ein archäologisches Defizit durch eine modifizierte Chronologie beseitigt wird (s. S. 171), dann hat die herrschende Lehre mittlerweile genau jene Werkzeuge akzeptiert, die von der Phantomzeitthese seit 1991 benutzt werden. Das wirkt wie Zustimmung ohne Bewusstsein dessen, was geschieht.

Ein Neuansatz von Martin Neusel

Während die Zunft verzweifelt – mal schweigend, mal lautstark – all die Löcher zu schließen versucht, durch die der Zweifel das Lehrgebäude zerfrisst, hat mit Manfred Neusel ein mir Unbekannter einen eigenen Entwurf für die Phantomzeit [2004] vorgelegt, nämlich eine Version von ca. 220 Streichjahren. Er beschränkt sich bei seinen Überlegungen auf das Rhein-Main-Gebiet und kümmert sich zunächst um den archäologischen Befund. Bei ihm findet er die sicheren Grenzen bei 640/50 und 860/70 [Neusel 46]. Dabei stützt er sich etwa auf eine Münze des Heraclius (610–641), die als Bestandteil eines Rings im Gräberfeld von Pfahlheim bei Ellwangen aufgefunden worden ist [ebd. 49]. Bauten spielen bei seinen Überlegungen ebenfalls eine wichtige Rolle: Er untersucht die Pfalzkirche von Frankfurt, deren Bau bislang bei 670/80 gesehen, von ihm aber als Pfalzkirche Ludwigs († 876) interpretiert wird, oder den ersten Dom zu Worms, der über dem Estrich einer römischen Markthalle, aber unter dem Fußboden des Doms aus dem frühen 11. Jh. nachgewiesen worden ist. Die einstige Kirche von 45 x 22,5 m Grundfläche wird Dagobert II. (erste Hälfte des 7. Jhs.) zugeschrieben (s. u.!), wo er für Neusel, aber nicht bei den Eckjahren 614||911 bleiben kann. Es geht ihm auch um die Justinuskirche in Höchst, Frankfurts älteste erhaltene Kirche, deren dendrochronologische Datierung auf 850 ebenfalls gültig bliebe [Neusel 58].

Neusels Ansatz wird durch personelle Gleichsetzungen gestützt, die bislang bei der 297-Jahres-Lücke zu wenig vorgestellt worden sind. Auslöser ist eine späte Bestattung auf dem Reihengräberfeld Griesheim, die bei 650 gesehen wird (danach sei auf dem Kirchof in der Ortsmitte bestattet worden). Doch der Tote hielt einen Carolus-Denar in der Hand, den angeblich Karl d. Gr. Ende des 8. Jhs. prägen ließ.

Herkömmliche Genealogie Neusels Abfolge [56]
Pippin I., d. Ä. – 640 Pippin (I.) – 640 / 858
Pippin II., d. M. – 714
Karl Martell, dessen Sohn – 741 Karl Martell, dessen Sohn – 655 / 877
Pippin III., dessen Sohn – 768
Karl d. Gr., dessen Sohn – 814
Ludwig d. Fr., dessen Sohn – 840
Karl d. Kahle, dessen Sohn – 877 Karl Martell/d. Kahle – 655 / 877

Aus der Wortbedeutung “Kerl, Geliebter” für “karal” leitet Neusel ab: Karl Martell war nicht der Sohn des zweiten, sondern des ersten Pippin, und er war der Geliebte einer merowingischen Königin. So

“drängt sich der Gedanke auf, die beiden Chlodwigs (gest. 657/876 [der Merowinger Chlodwig II. und der Karolinger Chlodwig, König von Italien]) einerseits und die Karls andererseits (gest. um 657/877) seien jeweils identische Personen. Spalteten Chronisten einen historischen Karl in den Hausmeier ‘Martell’ (= Hammer), den “Großen”, den “Kahlen” und den “Dicken”? [Neusel 55].

Der Vorteil einer kürzeren Streichzeit ist selbstverständlich die geringere Beweislast, geringere Sprungweite und damit ähnlichere Zeiten sowie vermehrte Realnamen. So bleiben nun Chlothar von Franken bis zu seinem Tod (629 / 855), dessen Sohn Dagobert († 639 / um 860/65) und dessen Sohn Chlodwig († 657 / 876?) erhalten [N. 58]. Zur welfischen Genealogie kann Neusel [67] ebenfalls einen Vorschlag machen:

Traditionelle Genealogie Welfen-Sagen Neusels Genealogie
Warin, † 790 Welf I., † um 876 Warin Welf Warin Welf, † 876
Isenbart, †806 Eticho, † um 907 Eticho Isenbart Eticho Isenbart, † 907
Judith, † 843 Heinrich, † 934 Heinrich Welf Heinrich Welf, † 934
(Ludwigs d. Fr. Frau) (mit d. gold. Wagen) und Judith Welf und Judith (Schwester)

Selbstverständlich können solche Bezüge auch bei einer längeren Phantomzeit konstruiert worden sein – sie sind kein wirklich trennscharfes Kriterium. Interessant ist die neuerlich gezeigte Abhängigkeit zwischen Lorscher Evangeliar (um 810 eingestuft) und dem Gero-Codex von 965/70, diesmal an einem zweiten Bildpaar (Zeising hat hier bereits das Nötige im Vergleich beider Codices gesagt, als er wegen der Darstellung des Evangelisten Johannes das Lorscher Exemplar in der ottonischen Zeit angesiedelt hat [Zeising 473 f]. Neusel [71] plädiert dafür, das Lorscher Evangeliar als praktisch gleich alt bei 965 anzusetzen. Da meine Einschätzung auf 980 zielt, zeigt sich, dass die Untersuchungen Hand in Hand gehen und im Neuansatz dicht beieinander liegen. Auf derselben Seite erwähnt Neusel [71] die Einhards-Basilika zu Steinbach bei Michelstadt und ihre Weihe von 827. Für ihn ist Abt Udalrich (1056–75) der erste Bauherr, weil die Sentenz – er “stellte das Klösterchen in Michelstadt wieder her, das 253 Jahre lang verödet war” – nur auf den Erbauer, nicht auf den Restaurator verweisen kann, sonst wäre die Kirche schon vor ihrer Erbauung verödet gewesen.

Zu kritisieren ist die Hinnahme der bisherigen Datierungen für die Reihengräberfelder bis 640/50 und für die Wandmalerei der Kirche von Mals im Vintschgau “um 881”. Damit wird nach meiner Ansicht ein zu knapper Rahmen abgesteckt, wie die vielen Beobachtungen zwischen Island und China bestätigt haben [vgl. Illig 1997a; Weissgerbers zahlreiche Beiträge in dieser Zeitschrift etc.] oder wie Tamerl [113] im Falle Mals und Müstair zu Recht bestritten hat. Auf Bayern übertragen müssten dann wohl die Reihengräberdatierung bis “kurz nach 700” erhalten bleiben, womit sich die Phantomzeit um weitere 60/70 Jahre reduziert hätte. Doch ein ‘kleingemachtes’ Phänomen verschleiert nur das Problem. Zum Wormser Dom ist nachzutragen, dass in Carlrichard Brühls Sicht

“eine Kirche errichtet wurde, die unzweifelhaft in merowingische Zeit, wahrscheinlich in das späte 6. Jahrhundert gehört. Dieser Bau wurde im 9. Jahrhundert nicht unbeträchtlich erweitert” [Brühl 123].

Demnach wäre dieser Kirchenbau für keinen der beiden Varianten ein Problem, sondern nur die Datierung seiner Erweiterung.

Zu loben ist die Auseinandersetzung mit Personen und Namen, gleich ob Könige, Bischöfe von Mainz oder Gaugrafen im Rhein-Main-Gebiet, darunter auch die um 900 aussterbenden Babenberger. Dabei ergeben sich immer wieder Parallelen in verschiedenen Jahrhunderten. So kann Neusel [74] diesen Abschlussbefund präsentieren:

“Die in der vorliegenden Studie vorgelegte alternative Chronologie geht davon aus, dass zwischen den Jahrzehnten 640/50 und 860/70 keine Funde vorliegen oder die vorliegenden vermutlich falsch datiert sind; so wurde der Gedanke Illigs übernommen, die fehlenden Jahre seien erfunden. Es ergab sich eine klare Möglichkeit, die beiden genannten Jahrzehnte zu verbinden. Die politische Situation und viele Namen um 640/50 und 860/70 sind verblüffend ähnlich. Die Verflechtungen sind so eng, dass man an so viele Zufälle nicht glauben möchte.”

Es wird sich zeigen, ob die kleine oder große Lösung der Wahrheit näher kommt, wobei nicht verschwiegen werden muss, dass die ganz großen, extrem unwahrscheinlichen Lösungen im Umkreis Fomenkos vertreten werden.

Zum Schluss noch die Antwort auf jene Frage, die wohl fast alle Leser dieser Zeitschrift interessieren dürfte: Was hat Franz Krojer geantwortet, mit dessen Buch sich immerhin 40 Seiten des letzten Heftes auseinander gesetzt haben? Die Antwort ist knapp: In den drei Monaten von Silvester bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe hat Krojer weder im Internet noch brieflich geantwortet. Allerdings zeigt das Internet eine Neuerung. Seine private Website läuft seit einer ‘Lex Krojer’ nicht mehr unter “Lehrstuhl für Informatik” – eine erfreuliche Klarstellung zur Vermeidung von Etikettenschwindel.

Literatur

Bendl, Helge (2004): “Wie erforscht man das Mittelalter?”; in: P.M. Perspektive 1/ 2004, 64-67
Berndorff, Jan (2004): “Die verschwundenen Jahrhunderte”; in: P.M. Perspektive 1/ 2004, 86-89
Borgolte, Michael (2004): Kein Platz für Karl. Jacques Le Goff beschreibt die Geburt Europas aus dem Mittelalter; in: FAZ, vom 24. 3. 2004, S. L17
Borst, Arno (1998): Die karolingische Kalenderreform; Hannover
Brühl, Carlrichard (1990): Palatium und Civitas. Studien zur Profantopographie spätantiker Civitates vom 3. bis zum 13. Jahrhundert. Band II: Belgica I, beide Germanien und Raetia II; Köln · Wien
Deschner, Karl-Heinz (1994b): Was ich denke; München
- (1994a): Kriminalgeschichte des Christentums. Bd. 4 Frühmittelalter; Reinbek
dpa (2004): Karls Schädeldecke wird untersucht; in: Die Welt, vom 13. 2. 2004
- (2003): Ingolstadt war der Herrenhof Kaiser Karls; in: SZ, München, vom 23. 4. 2003; dito: Auf den Spuren Karls; in: WAZ, Düsseldorf, vom 23. 4. 2003
Feuchter, Jörg (2003): Medieval History Seminar 24. 10. 2003-26. 10. 2003, Washington, D.C.

http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=402

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Gaisbauer, Gustav (Hg., 2003): Weltendämmerungen. Endzeitvisionen und Apokalypsevorstellungen in der Literatur. Fünfter Kongress der Phantasie (2000, in Passau); Passau,
Georgi, Werner (2004): Sedes Karoli – Herrschersitz oder Reliquienthron? Ein historischer Versuch zum “Karlsthron” der Aachener Marienkirche; in: Kerner, Max (Hg., 2004): Der Aachener Dom als Ort geschichtlicher Erinnerung. Werkbuch der Studierenden des Historischen Instituts der RWTH Aachen; Köln, S. 107-130
Glogowski, Erhard (2003): Heilige bezwingen zuweilen durch Sanftmut; in: FAZ, Frankfurt, vom 22. 12. 2003
Hoffmann, Volker (1995): Der St. Galler Klosterplan – einmal anders gesehen; in: ZS 7 (2) 168-180
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- (2001): Vom Rütteln (an) der Wahrheit. Zur weiteren Diskussion der Phantomzeitthese; in: ZS 13 (3) 513-523
- (2000c): Astromanie und Wissenschaft. D. Herrmann · F. Krojer · S. Rothwangl · W. Schlosser; in: ZS 12 (4) 662-679
- (2000b): Naturwissenschaftler verteidigen ‘ihren’ Thron. MA-Diskussion mit emotionalen Verwerfungen; in: ZS 12 (3) 476-494
- (2000a): Mittelalter im Brennpunkt. Ein Situationsbericht; in: ZS 12 (1) 126-149
- (1999b): Mumpitz in Absurdistan. Über den boykottierten MA-Boykott; in: ZS 11 (4) 613-628
- (1999a): Wer hat an der Uhr gedreht?; München
- (1997b): Replik. Drei Jahrhunderte bleiben fragwürdig; in: Ethik und Sozialwissenschaften 8 (4) 507-520 (nach Anfrage von HI: Enthält das frühe Mittelalter erfundene Zeit? und Stellungnahmen von neun Zuständigen, 481-507)
- (1997a): Zur Abgrenzung der Phantomzeit. Eine Architekturübersicht von Istanbul bis Wieselburg; in: ZS 9 (1) 132-143
- (1996b): Von der Karlslüge. Über die Fortsetzung einer wissenschaftlichen Debatte; in: ZS 8 (3) 327-336
- (1996a): Das erfundene Mittelalter; Düsseldorf
Illig, Heribert / Anwander, Gerhard (2002): Bayern und die Phantomzeit; Gräfelfing
Illig, Heribert / Lelarge, Günter (2001): Ingelheim – karolingisch oder römisch?; in: ZS 13 (3) 467-492
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http://hsozkult.geschichte.hu-Berlin.de/tagungsberichte/id=399

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Patitz, Gabriele / Illich, Bernhard (2002): Karls Kapelle klargemacht. Untersuchung des Mauerwerks am Aachener Dom; in: B + B (/2002, 16-19
Schütte, Sven (2001): Der Aachener Königsstuhl. Graffiti aus Jerusalem. Forscher beweist: Thron entstand doch schon zur Zeit Karls des Großen; in: Kölner Stadtanzeiger vom 2. 6. 2001
Tamerl, Alfred (2003): Antikes und Karolingisches in Tirol; in: ZS 15 (1) 105-136
Toch, Michael (2001): »Dunkle Jahrhunderte«. Gab es ein jüdisches Frühmittelalter? (3. »Arye Maimon-Vortrag« an der Universität Trier, Heft 4) 15. 11. 2000; Trier
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Zeising, Gerd (1999): ‘Zwischen den Zeiten’ oder Zeitensprung? Eine Schnittstelle und ein Konflikt zwischen spezialwissenschaftlicher und interdisziplinärer Forschung; in: ZS 11 (3) 459-479

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31. Dezember 2003                     Kategorie(n): Artikel aus den ZS, Fantomzeit, Mittelalterdebatte, Zeitensprünge

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Das Scheitern der Archäoastronomie

Zu Franz Krojer: Antworten von Heribert Illig, Jan Beaufort und Gunnar Heinsohn
(aus Zeitensprünge 3/2003)

Kr. = Krojer, Franz (2003): Die Präzision der Präzession. Illigs mittelalterliche Phantomzeit aus astronomischer Sicht. Mit einem Beitrag von Thomas Schmidt; Differenz-Verlag, München

I. Rückweisung der bislang gewichtigsten Kritik an der Phantomzeitthese

Heribert Illig

Viel mehr Ehre kann einem Forscher gar nicht widerfahren, als dass sich ein Kontrahent vier Jahre lang trotz Weib, Kind und Beruf damit beschäftigt, eine Theorie nach allen Regeln einer ihm gar nicht originär geläufigen Zunft zu widerlegen. Insoweit bin ich Franz Krojer dankbar, zumal er sich mannhaft, doch weitgehend vergeblich gegen die “damnatio memoriae” gestemmt hat, die höheren Ortes verfügt worden ist.

Es darf eingeflochten werden, dass es sich bei der “Austilgung des Andenkens” um einen Begriff aus dem römischen Strafrecht der Kaiserzeit handelt. Wegen Hochverrats konnte nicht nur die Todesstrafe, sondern darüber hinaus auch die “damnatio memoriae” verhängt werden. Daraufhin wurden die Standbilder des Staatsverbrechers entfernt, sein Name aus offiziellen Inschriften, manchmal auch aus privaten Urkunden gestrichen. Ich will hoffen, dass die Mediävisten hier nicht im Detail Bescheid wissen.

Bei Krojer gärt es ebenfalls im römischen Untergrund. Sein Buch beginnt mit einem offenen Brief von 1999 an mich, der wohlgemerkt “am Rubikon” verfasst worden ist. Vier Jahre später ist das Buch dann erschienen. Krojer mag also daran gedacht haben, dass Julius Cäsar -49 vom cisalpinen Gallien her das berühmte Flüsschen nahe Rimini überschritten und damit den Bürgerkrieg entfesselt hat. Vier Jahre später verröchelte er unter den Dolchen seiner Feinde. So sieht sich Krojer wohl als Brutus, der dem verhassten Tyrannen als Systembewahrer entgegentritt und ihn nach vier Jahren ‘erledigt’. Für Auguren ein aufregendes Bild, denn Brutus und seine Kumpane haben damals für fast 2.000 Jahre (der von Krojer verteidigten Kalenderzählung) genau jenen Zustand des Prinzipats, des Kaiserreichs herbeigeführt, den sie unbedingt hatten verhindern wollen. Auf den unpassenden Vergleich mit Cäsar verzichte ich gerne; ihm hat Krojer die Grundlage geschaffen.

Krojers 489 Seiten sind eine überaus mühsame Lektüre. Denn er fügt seine über die Jahre geschriebenen Beiträge chronologisch aneinander, wie sie zum großen Teil in eine Internet-Runde eingebracht worden sind. Über die wissenschaftliche Grundregel, dass immer der jüngste Stand einer Theorie zu kritisieren ist, hat ihn offensichtlich keiner seiner Berater informiert. So schleppt er alle eigenen Fehlinterpretationen und Fehler, aber auch längst bereinigte Fehler von meiner Seite unbeirrbar durch die Jahre mit. Weiter werden gerade die wichtigen Themenkomplexe mehrfach angesprochen, so dass es im Buch zu verwirrenden Wiederholungen, Präzisierungen und Wiederaufnahmen kommt, verkompliziert noch durch Nachträge aus verschiedenen Zeiten. Es wäre entschieden besser gewesen, der Autor hätte die wesentlichen Punkte straff zusammengestellt, Nebensächliches, Redundantes und Überholtes weggelassen und auf diese Weise ein halb so dickes Buch präsentiert. So bleibt es dem Leser überlassen, die nach vier Jahren gültig gebliebenen Resultate herauszufiltern – sicher nur für wenige eine lösbare Aufgabe.

Bereits auf S. 143 steht der ultimative Befund: “Das ‘erfundene Mittelalter’ ist eine Erfindung Illigs”. Dies folgert er aus seinem lange Zeit besten Trumpf, der Position der Spica im Sternbild Jungfrau, wie sie im Almagest berichtet ist. Diese Argumentation stand schon in seinem offenen Brief von 1999. Jan Beaufort [2001/02] hat darauf in den Zeitensprüngen eine gute Antwort gegeben, die Krojer ignoriert hat (s. S. 508). So steht auf diesen ersten 143 Seiten nichts, das die Phantomzeitthese gefährden würde.

Dafür wird manches aufgeboten, was man nicht unbedingt noch einmal lesen wollte. Da steht einleitend [Kr. 19], dass man nach meiner Auffassung “eben versehentlich in diese falsche Zeitrechnung hineingeschlittert” sei:

“Mir ist es wichtig, diesen von Ihnen vorgeschlagenen Mechanismus des Hineinschlitterns in eine falsche Zeitrechnung so in aller Kürze festzuhalten, denn meine Argumente sind nur dann gültig, wenn nicht davon ausgegangen wird, dass eine Mega-Verschwörung vorliegt. Dann müsste die Diskussion nämlich ganz anders, weitläufiger und prinzipieller, geführt werden” [Kr. 19]

Außer Krojer haben alle meine Leser begriffen, dass ich in Wer hat an der Uhr gedreht? eindeutig Absicht unterstellt habe, wie bereits der Titel ankündigt. Aber ich bin deshalb keineswegs von einer Mega-Verschwörung ausgegangen, schon gar nicht von einer, die möglichst bis zur Gegenwart den einstigen Geschichtsablauf radikal zu fälschen versucht. Krojers Entweder-oder greift nicht. Krojer argumentiert nun bis zur S. 355 im Wesentlichen astronomisch. Dann entdeckt er doch die Mega-Verschwörung und wird nun weitläufig und prinzipiell, indem er zur “Auschwitz-Keule” greift. Dabei hat er eingangs erklärt, “dass auch ich [Krojer] recht direkt in die ‘Auschwitzfalle’ getappt war” und hinzugefügt, dass das Wort Auschwitz “heute bei vielen unpassenden Gelegenheiten [...] ausgiebig verwendet wird” [Kr. 42]. Daraus wäre zu lernen gewesen (s. S. 516).

Zuvor aber zeigt er, was ein rechter Zuchtmeister ist: Jede Unschärfe, jeder Druckfehler in meinen Texten hat meine völlige Inkompetenz zu demonstrieren, gleich ob im Uhr-Dreh-Buch längst korrigiert oder irrelevant. So ist es ihm ein weiteres Mal wichtig, dass ich das erste Kepler’sche Gesetz nicht richtig wiedergegeben habe: “Die Erde läuft auf einer elliptischen Bahn mit zwei Brennpunkten”, wo doch Kepler formuliert hatte: “Die Erde läuft auf einer elliptischen Bahn, in deren einem Brennpunkt die Sonne steht”. Er lastet mir deshalb an, ich möchte “noch zusätzlich durch eigene Ungenauigkeiten Verwirrung stiften” [Kr. 26]. Er spricht es nicht aus, aber es ist klar, dass er mich im dringenden Verdacht hat, das heliozentrische System wieder abschaffen zu wollen. Da lassen sich seine eigenen Worte – “Aus diesem einen Wert macht Marx ein Riesen-Trara” [Kr. 119] – auf ihn selbst anwenden, zumal ihn das Ellipsenbeispiel auf S. 337 noch immer beschäftigt.

Ab S. 41 geht es erstmals um die julianische Kalenderreform. Da bringt er neuerlich seine irrige Auffassung über Schaltfehler unter Augustus. Der Leser erfährt erst ab S. 71, dass es da auch meine Gegenmeinung gibt, die er freilich mit Ablehnung bedenkt.

Krojer kennt bekanntlich alle einschlägigen Passagen aus den Zeitensprüngen, hat er doch für seine Newsgroup sogar einmal abgezählt, wie oft der Name Velikovsky in den gesammelten Jahrgängen vorkommt. Nur die Unterscheidung, ob dabei Velikovsky kritisiert oder gelobt wird, hat er vergessen [vgl. Kr. 65 ff.]. Ähnlich verhält er sich bei der Frage nach der gregorianischen Kalenderreform. Er druckt dazu die ganze Bulle Inter Gravissimas von Gregor XIII. ab [Kr. 45-51]. Weil darin Bezug auf das Konzil von Nicäa genommen wird, ist der Sachverhalt für ihn klargestellt – roma locuta, causa finita. Dass hier trotz päpstlicher Weisung weitergedacht werden kann und muss, hätte er vielfach in den Zeitensprüngen lesen können – von der Unmöglichkeit einer Kalenderreform in Nicäa bis hin zur Entdeckung von Werner Frank [2002, 649], dass der Bulle eine Diskussion vorausgegangen war, ob nun 10, 13 oder gar 15 Tage zu überspringen seien. Damit ist die Bulle fragwürdig. Solche Konsequenzen zu ignorieren, führt zu Ausblendungen, mit denen die Leser vor Genauigkeit geschützt werden.

Schön ist die neuerliche Begegnung mit der Sonnenuhr des Augustus. Hier geht es wiederum um die Schaltregelbenutzung unter Augustus; ein langer Sermon, den ich – wie oben erwähnt – argumentativ pariert habe.

Dass uns die Sonnenuhr bis auf Haaresbreite an die Lösung herangebracht hat – es fehlt nur der antike Hinweis darauf, ob unter Augustus der 23. 9. die Herbstäquinoktie war, die von der Anlage auf dem römischen Marsfeld hervorgehoben wird – kümmert Krojer wenig. Statt dessen weist er immer wieder – Fluch einer aus Einzelpublikationen zusammengestoppelten Buchfassung – nach, dass es keine Garantie für das strikte Einhalten der julianischen Schaltregel gebe. Mehr Zugeständnis braucht es nicht: Indem er klarstellt, dass sehr wohl auch drei Tage dazugekommen oder untergegangen sein könnten, trifft er sich mit mir in folgendem Punkt:

Niemand kann gewährleisten, dass der Kalender noch stimmt. Insofern existiert ein möglicher Schlupf im Kalender, der das Streichen von drei Jahrhunderten (im Prinzip auch das Hinzufügen) zulässt. Mehr ist den alten Quellen nicht abzugewinnen. Die eigentliche Basis schafft der Nachweis der Fundleere in der fraglichen Zeit, was Krojer allerdings erst auf seiner vorletzten Textseite [Kr. 457] anspricht. Krojers Leser ist jedoch noch bei der Sonnenuhr und erfährt dabei viel über extraterrestrisch induzierte Katastrophen und eine neue Unschärferelation: Wenn Illig in einem Punkt nicht vorzuführen ist, dann lässt sich allemal ein anderer Autor oder eine Autorin des Bulletins traktieren. Wehren muss ich mich gegen die Unterstellung, ich würde mir – wie im Falle Buchner – alles nach Lust und Laune zurechtlegen:

“Auf den Punkt gebracht: Illig und der (deutsche) Velikovskyanismus – nein, denn das hat mit Wissenschaftlichkeit – und Einstein bürgt dafür – nichts zu tun” [Kr. 83].

Als ich mich auf Einstein berief, meinte ich seinen Sinneswechsel, als die von Velikovsky postulierte Radiostrahlung des Jupiter nachgewiesen wurde. Daraufhin sagte er seinem Nachbarn Velikovsky in Princeton, für dessen Jerusalemer Reihe er schon in den 20er Jahren publiziert hatte, endlich für die Planetenforschung Unterstützung zu – leider starb er nur Tage später. Natürlich gab es in den Gesprächen zwischen Einstein und Velikovsky Konvergenzen wie Divergenzen [Velikovsky 287-295].

Nachdem sich Krojer nach seiner Meinung ausreichend über die Katastrophismen von Velikovsky und Konsorten lustig gemacht hat [Kr. 111 ff.], während Auswurf-Katastrophen ohne Venusentstehung seine Genehmigung finden [Kr. 112], entwickelt er plötzlich eine Uranus-Katastrophe während der Goethe-Zeit [Kr. 120 ff.]. Demnach wäre die Uranus-Entdeckung kaum früher als 1781 möglich gewesen, weil dieser Planet erst ca. 1750 “von Uranus in die eine Richtung ausgeschleudert und die vielen kleinen Planeten und Kometen [...] in die andere” [Kr. 121]. Auf der Erde folgten deshalb eine kleine Eiszeit und herunterfallende Felsmassen, die er direkt bei Goethe gefunden hat. (Der Hinweis auf Goethes Wilhelm Meister erscheint mir historisch bedeutsam, so dass die einschlägige Passage in dieses Heft aufgenommen ist.) Nachdem sich Krojer ansonsten von Humor nicht angekränkelt gibt, darf man sich wundern, wieso er sein neues Szenario so verabschiedet: “Lächerlich und völlig indiskutabel? In 650 Jahren wird man darauf zurückkommen” [Kr. 122].

Nach diesem merkwürdigen Intermezzo geht es ab S. 125 neuerlich um die Tageszählung im Kalender und neuerlich um Spica in der Jungfrau. Spätestens hier wanken auch treueste Leser. So erfahren sie nicht mehr, dass Krojer zur Abwechslung meine Gegner kritisiert, wenn sie glauben, “Illig mal ganz schnell abservieren zu können” [Kr. 126].

Der Kenner selbst ist unterschiedlich beeindruckbar. Er “traut seinen Sinnen nicht mehr” [Kr. 60], weil ein falsches, in meinem Buch trotz Econs Widerwillen bereits verbessertes Wort seine Astronomenehre beleidigt. Derart sensibel, macht es ihm nichts aus, den Kontrahenten durchaus robust zu beleidigen [Kr. 64 f.]. Dazu gehören “völlig sinnlose, durch nichts zu rechtfertigende Fragen” oder auch “frei erfundene Behauptungen, auf denen er seine These überhaupt aufbauen kann”. Wegen einer solchen möchte er mich vorführen, worauf ich das Astronomie-Lehrbuch meiner Studentenzeiten heranzog, das ich zugegebenermaßen schon früher hätte aufschlagen sollen. Doch jetzt war es wieder nichts:

“Was setzt Illig nun in seinem ‘Astromanie-Aufsatz’ dagegen? Einen Begriffsapparat [...] sowie eine Abbildung, die, um wirklich verstanden zu werden, eine viel ausführlichere, himmelsmechanische Diskussion verlangte, höchste Wissenschaftlichkeit nur vortäuschen soll, denn für unsere historischen und nicht himmelsmechanischen Zwecke reicht es vollkommen aus, von …” [Kr. 76 f.].

Also mal zu wenig, mal zu viel der Wissenschaftlichkeit, ganz wie es Krojer beliebt, der nur die eigene Haarspalterei zulässt.

Kommen wir zu Wesentlicherem. Klärung ist in einem weiteren, für Krojer sehr heiklen Punkt erzielt. 1.: In immer neuen Anläufen hat er gezeigt – u. a. im Kapitel “Wer hat all die Tage gezählt?” [Kr. 125-147] –, dass es völlig sinnlos sei, von einer präzisen Tageszählung zwischen Cäsar und Gregor XIII. auszugehen.

“Wenn einfach 300 Jahre zu viel sein können, wieso soll dann bei nur 3 Tagen über anderthalb Jahrtausende alles völlig korrekt gelaufen sein?”
“Bewiesen ist, dass mit dem Kalender nichts zu beweisen ist” [Kr. 126 f.].

Mit diesem Ergebnis bräuchte ich kein Problem zu haben, so es stimmte. Es wäre lediglich deutlich geworden, dass ich mir übertriebene Mühe gemacht hätte. Denn beginnend bei den Fälschungen mit antizipatorischem Charakter – also solche, die erst nach bis zu fünf Jahrhunderten in die tagespolitische Diskussion gekommen sind – bis hin zur rätselhaften Fundarmut hatte ich die Vorstellung, dass nur die herkömmliche Chronologie zu derartigen Widersprüchen in sich führt. Aber um offensichtlich leere Jahrhunderte zu streichen, musste die eindeutige Verbindung zwischen Antike und Gegenwart, musste unser Kalender “unscharf’ sein. Er brauchte ‘Schlupf’, z.B. durch eine 1582 nicht weit genug greifende Korrektur. Alle einschlägigen Überlegungen sind überflüssig, wenn ohnehin nicht gesichert ist, dass alle Tage gezählt und alle nötigen Schalttage eingefügt worden sind. Mit seinen feinfühligen Abschattierungen räumt mir Krojer mehr Freiraum ein, als meine Folgerungen benötigen.

Obendrein betont Krojer immer wieder, dass kein Kombattant der Versuchung erliegen dürfe, selbst eine genaue Rechnung der meinen gegenüberzustellen.

“Leider haben sich, wohl durch Illig angestachelt, auch andere Leute darauf eingelassen, Kalenderbeweise gegen ihn aufzustellen – ein Unterfangen, das bestenfalls im Patt enden kann” [Kr. 126].

Er hat das zwar selbst ausführlich getan [Kr. 53-92], aber gleichzeitig betont, dass es ihm bei allem Hin und Her nur “um die Tendenz und das Prinzip” gehe [Kr. 58, dito 74]. Auf jeden Fall kann er die Unschärfe fast quantifizieren:

“Die 3 Tage Unstimmigkeit, die Illig beim Verlauf der julianischen und gregorianischen Kalenderreformen auszumachen glaubt, würden sich vor einem solchen ‘Hintergrundrauschen’ vielleicht gerade noch zu erkennen geben” [Kr. 106].

Somit wären meine kalendarischen Überlegungen schlicht überflüssig gewesen, weil niemand die Genauigkeit unseres Kalenders garantieren kann. Ich hätte also von Anfang an davon ausgehen können, dass 1582 nicht die richtige Anzahl von Ausgleichstagen übersprungen worden ist.

2: Dieses Resultat seiner Bemühungen konnte Krojer natürlich nicht genehm sein. Deshalb all seine Versuche, mit antiken Finsternisdaten, mit babylonischen Himmelsaufzeichnungen und anderem mehr die richtigen, taggenauen Abstände einstiger Ereignisse zur eigenen Gegenwart festzustellen.

Diese werden nicht nur von ihm mit Hilfe immer weiter verfeinerter Computerprogramme berechnet, die Gestirnpositionen mit Sekundengenauigkeit erbringen. Auf welcher Tageszählung aber beruhen all diese Programme? Auf der julianischen Tageszählung (die allerdings laut Auskunft von Krojer gar nicht von Joseph Justus Scaliger und damit aus dem 16. Jh. stammt, sondern erst ab 1849 benutzt wird [Kr. 436 f.]). Diese Programme kennen kein unbestimmbares Hintergrundrauschen, sondern gehen von einem exakten julianischen Kalender aus, in dem ab Cäsar alle Schalttage richtig eingefügt sind und alle anderen, von Krojer gerade beredt geschilderten Störquellen schlicht unberücksichtigt bleiben. So wird jede babylonische Gestirnaufzeichnung über einen perfekt sauberen, taggenauen Kalender rückgerechnet. Ergo kalkuliert auch Krojer mit dem altvertrauten Standardkalender, dem er gleichzeitig alle möglichen Störungen anlastet.

Also resultieren alle Retro-Gestirnpositionen aus dem Einsatz des eindeutigen julianisch-gregorianischen Kalenders – der anschließend mit diesen Gestirnpositionen bestätigt wird. Von unserer Seite ist immer wieder hervorgehoben worden, dass bislang keine naturwissenschaftliche Methode bekannt ist, die nicht an der herkömmlichen Chronologie geeicht worden ist (C14, Dendro, Eisbohrkerne, Thermolumineszenz) und dabei zwangsläufig deren Fehler übernommen hat, die nur zum Teil durch Kalibrierung entfernt werden konnten. Auch die Archäoastronomie ist von einem derartigen Kreisschluss nicht ausgenommen!

Krojer hat nun die Wahl: Entweder dreht er das ‘Hintergrundrauschen’ ab oder er verzichtet auf archäoastronomische Rückrechnungen. In beiden Fällen könnte sein Buch noch einmal kräftig verschlankt werden.

Ab S. 147 geht es erneut um den Almagest und seine Datierung, neuerliche Reprisen sind zu bewältigen. Immerhin spielt jetzt selbst Krojer mit dem Gedanken, dass der alte, ehrwürdige Sternenkatalog “nicht aus einem ‘Guss’ ist” [Kr. 154]. Der informierte Leser weiß hingegen längst, dass der Almagest als Beweismittel keinen Bestand hat. Ebenso wenig greifen die Nachrechnungen antiker Horoskope, so dass der selbsternannte Spezialist dezent konstatiert: “die Probleme sind doch etwas größer als anfangs gedacht” [Kr. 166].

War bislang die Stoßrichtung klar – contra Illig & Konsorten –, so werden nun ein Professor für theoretische Physik und eine Doktorin für Ur- und Frühgeschichte vorgeführt, weil sie sich erdreistet haben, “über etwas [zu] schreiben, wovon sie möglichst wenig Ahnung haben” [Kr. 171]. Hier möchte Krojer nach eigener Aussage wie ein Zeitenspringer formulieren und gibt neuerlich zu erkennen, dass er eigentlich – nach seinem ersten Ausflug ins Katastrophische – irgendwie doch gerne auf dieser Seite wäre, nachdem die Professorenschaft sein Hobby, die Astronomie, gar so schlecht vertritt. Warum sonst erläutert er den für den Disput entbehrlichen doppelten Sosigenes, wenn nicht für den schönen Satz [Kr. 95]:

“Und lägen zwischen den beiden überlieferten Sosigenes statt 200 Jahren gar 300, dann könnte man dies sogar als einen heißbegehrten Beleg dafür nehmen, dass uns hier durch die Geschichte ein seltenes Beispiel einer verdoppelten Biographie überliefert wurde, mit und ohne Phantomzeit!”

Dass auch Prof. Dieter B. Herrmann die Thales-Sonnenfinsternis anfänglich gegen mich angeführt hat, wird von Krojer gerügt, ohne dabei dessen Namen zu nennen [Kr. 176]. Und er hätte mich einmal sogar fast gelobt: “er hat damit zwar nicht vollkommen, aber durchaus bis zu einem gewissen Grad Recht” [Kr. 175].

Solches Fast-Lob signalisiert, dass sich Krojer sicher fühlt, kann er doch mit der Sonnenfinsternis vom 15. 4. -136 ein Himmelsereignis präsentieren, das zwei verschiedene Keilschrifttexte berichten [Kr. 178]. Dies schreckt uns jedoch nicht mehr, wissen wir doch seit drei Jahren [Herrmann 2000], dass in der Chronik von Bischof Hydatius auch zwei Sonnenfinsternisse enthalten sind, die mit der herkömmlichen Chronologie übereinstimmen. Mit diesem Fund von Dieter B. Herrmann, den Krojer natürlich auch präsentiert [Kr. 185], stellte sich das Problem ganz neu: Wieso irrt sich ein Bischof bei den zehn Pontifikatsbeginnen zu seinen Lebzeiten um bis zu 7 Jahren, kennt aber zwei Sonnenfinsternisse auf Tag und Stunde genau? Warum sind von den 250 aus der Antike tradierten Sonnenfinsternissen mehr als 200, wenn nicht sogar 240 nach bisherigem Stand der Astronomen ungenau bis völlig falsch wiedergegeben? Alles falsch oder vieles bis fast alles richtig – das wäre leicht zu verstehen. Aber so wenige richtige Berichte aus langen Jahrhunderten – doch die dann wie zum Ausgleich überaus präzise? [vgl. Illig 2000b].

Das gleiche Problem könnten wir im archäologischen Bereich haben. Was wäre, wenn in Bayern neben 2.190 Nieten doch 10 archäologische Treffer die fragliche Zeit eindeutig bestätigen würden [Illig/Anwander]? Kann eine aufstrebende Macht wie die Karolinger und eine davor liegende tassilonische Renaissance derart wenige Spuren hinterlassen haben, dass sie an den Fingern zweier Hände abgezählt werden können? Während Fernsehberichte zeigen, wie in Alaska hart an der Beringstraße Lagerplätze steinzeitlicher Nomaden ausgegraben werden, hätten sich die Spuren der größten Macht Mitteleuropas bis auf ‘Spurenelemente’ verflüchtigt?

Überaus wenige Belege, überaus wenige korrekte Berichte werfen also ganz neue Probleme auf. Krojer als unser emsigster Leser aber blendet sie wieder aus und befindet:

“und es gibt eben doch einige Finsternis-Überlieferungen, die nicht beliebig datierbar sind und sehr wohl dazu taugen, das Projekt ‘streicht das frühe Mittelalter’ als ohne Aussicht auf Erfolg zu bewerten” [Kr. 187 f.].

Angefügt wird ein Sonnenfinsternisbericht des Simeon von Durham, der sich für 755 jedoch um ein Jahr geirrt hat [Kr. 195]. Das hat ja Richard R. Newton bereits festgestellt: Alte Klosterchroniken irren sich signifikant öfters beim Jahr als bei Monat und Tag, womit klargestellt ist, dass derartige Chroniken nicht fortlaufend entstanden sind. Es sind ganze Klosterchroniken bei anderen Klöstern abgeschrieben worden; nur so sind Fehler bei Jahreszahlen zu motivieren.

Es folgt ein Sonnenfinsternisbericht von 812 aus dem arabischen Raum, bei dem neuerlich die Ptolemäusproblematik aufgewirbelt, aber nicht geklärt wird [Kr. 203 ff.].

Für die wenigen korrekt tradierten Finsternisse gibt es natürlich eine einfache Erklärungsmöglichkeit: Die richtige Beobachtung ist innerhalb der Chronologie um die Dauer der Phantomzeit verschoben worden. So lässt sich gerade Hydatius mit seiner so unterschiedlichen Präzision mühelos erklären.
Nun rückt für acht Buchseiten der Stern von Bethlehem in den Mittelpunkt von Krojers Interesse, ohne dass daraus neue Erkenntnisse gewonnen werden könnten [Kr. 217]. Es folgt eigenes Erleben während der Sonnenfinsternis vom 11. August 1999. Hier ist ihm wichtig, dass selbst der amtliche Wetterbericht irren kann, weil der Himmel für ihn eine Ausnahme macht: “Auch in München ist der Himmel bedeckt” [Kr. 225] – das gilt nicht für Krojer, der im Stadtteil Giesing die Verfinsterung in allen Details verfolgen kann, auch wenn er sie nicht ganz so ergreifend schildert wie Adalbert Stifter. Da er sich bei freudigen Ereignissen gerne an Chianti labt [Kr. 226], könnte er einmal bei einer längeren Verkostung eine Liste all der toskanischen Kirchen aufstellen, die von der Kunstgeschichte der Phantomzeit zugeschrieben werden. Da werden deutlich mehr Flaschen den Tisch als Kirchen die Liste zieren – und das italienische Wort “fiasco” ginge nahtlos in das sinngemäß so ganz andere deutsche Wort Fiasko über. Würde das Krojer wieder ausblenden?

Da Krojer sein Thema in der ganzen Breite beherrscht, folgt nun eine Kritik an Hertha von Dechend (Hamlet’s Mill) und David Ulansey [Kr. 229-235]. Beide haben es gewagt, den Begriff der Präzession zu benutzen, was ihnen vergolten wird. H. v. Dechend kommt besser weg, weil die resolute Dame immerhin von “Velikovsky und ähnlichen Schrumpfhirnen” gesprochen hat. Zu den Büchern der beiden AutorInnen hätte Krojer, um seinem Buchthema zu entsprechen, kritische Äußerungen von mir bringen können [meine Rezension von Hamlet’s Mill 1994, 101-104; 2002, 655], aber da wollte er nicht gleicher Meinung sein. Lieber bringt er eine konträre Meinung aus den Zeitensprüngen. Auch dieses Changieren hat Methode: Findet sich bei mir gerade mal kein “Humbug” oder “Hirngespinst” [Kr. 59, 64], dann werden eben Äußerungen von Gabowitsch, Marx, Müller, Topper, vielleicht auch Fomenko zitiert, nach dem Motto: Sie alle bilden gemeinsam die “Vorhut eines vorwissenschaftlichen Weltbilds”. Wer aber allein meinen Namen in seinen Untertitel aufnimmt, sollte primär auf mich als Autor eingehen, nicht auf andere Beiträge innerhalb der Zeitensprünge, die keineswegs immer meine Meinung vertreten. Diese Meinungspluralität ist im Impressum vermerkt.

Das Kapitel setzt sich würdig fort mit einem Glückwunsch an Burkhard Kroeber, den Übersetzer von Umberto Eco. Der bekommt das eine Wort “Gratulation” zu einer Preisverleihung serviert [Kr. 239] – nachdem ihm fast drei Seiten lang vorgehalten worden ist, dass einer der besten Übersetzer Deutschlands das Wort Präzession missverstanden hat. Spätestens hier reift der Verdacht, dass Krojer sich das Warenzeichen “Präzession” beim Europäischen Patentamt hat eintragen lassen, worauf er jeden attackiert, der das Wort wissend oder gar unwissend in den Mund nimmt. Altertumsforscher und Naturwissenschaftler werden besonders gerügt, weil ihnen diese himmlische Gesetzmäßigkeit kein lebendiger Begriff mehr ist [Kr. 231] .

‘Konsequenterweise’ folgt nun eine Ehrenrettung der karolingischen Astronomie, bei der neuerlich konstatiert wird, dass es bei mir an “astronomischen Grundkenntnissen und Einfühlungsvermögen” gebricht [Kr. 243]. Wieso? Nun, ich habe gezeigt, dass astronomische Angaben in Grad und Sternzeichen die Reichsannalen des 9. Jhs. und dann erst wieder Aufzeichnungen des späteren 12. Jhs. bringen. Diesen einfachen Tatbestand möchte Krojer dadurch umgehen, dass es sich im 9. Jh. um “eine nur gewünschte Präzision” handele [Kr. 249]. Das macht die Sache noch unerklärlicher: Warum hätte man sich im frühen 9. Jh. die Präzision des späten 12. Jhs. gewünscht? Da helfen all seine vielen Worte über himmlische Kombimodelle, über Merkurdurchgang und einen mutmaßlichen Sonnenfleck nicht weiter. Er unterstellt mir dann, man hätte Konstellationen zwangsläufig zu späterer Zeit berechnet [Kr. 250, auch 263], als wenn nicht einfach auch ein 297 Jahre früheres Ereignis eingeblendet worden sein kann. So resümiert er: “Hauptsache, wir haben uns durchgewurschtelt” [Kr. 246] und spricht dabei zu Recht im Pluralis Majestatis.

Wechsel zum Halley’schen Kometen [Kr. 257-264]. Hier steht seit 1991 meine auf Hermann Hunger gestützte Aussage, dass die errechnete Nahbegegnung des Kometen (837) mit der Erde dazu führt, dass keine darüber zurückreichende Kalkulation Vertrauen genießen kann [Illig 1991, 36]. Angesichts einer um bis fast fünf Jahre schwankenden Umlaufzeit scheint auch die Nahbegegnung selbst nicht gut fixierbar. Krojer beschäftigt sich des längeren mit “Halley 837” und einem anderen Kometen von 817, ohne deshalb die von Hunger gezeigte Unzuverlässigkeit chinesischer Quellen zu berücksichtigen, noch zu bedenken, dass die als real erachtete Tang-Zeit samt ihren Beobachtungen von uns nicht aus der Welt geschafft wird, sondern wahrscheinlich früher zu verorten ist.

Einmal in Fahrt, präsentiert uns Krojer sein ganz erstaunliches Wissen: der große Komet von 1680 [Kr. 265], der Komet des Jahres 17 v. Chr. [Kr. 285] samt Todes-Meteor des Julian Apostata [Kr. 301], Kali-Yuga-Erkenntnisse sowie Aryabhata und Bharata bis hin zu Nehrus Erkenntnissen bezüglich des Mondes [Kr. 303]. Nach 31 Seiten zur indischen Chronologie lautet sein objektives Fazit:

“Soweit ich sehe kann mittels der indischen Chronologie keine eigenständige Bestätigung der abendländischen Chronologie erreicht werden, wie dies bei der babylonischen der Fall ist” [Kr. 329].

Dafür schon einmal Dank, auch wenn sich seine Sicherheit fürs Zweistromland nicht halten lässt (s.u.). Und es geht mit einer Überraschung weiter:

“Um aber Illig wirklich zu Ende zu denken, ist noch zu fragen, ob es nicht doch ein Szenario geben könnte, das auf authentischen antiken und frühmittelalterlichen Beobachtungen beruht und trotzdem das Einfügen einer künstlichen Phantomzeit ermöglicht: vielleicht sind alle Beobachtungen bzw. Überlieferungen einfach nur auf der Zeitachse gleichmäßig um ca. 300 Jahre verschoben worden, nachdem die Phantomzeit eingeführt worden war!” [Kr. 377]

Da lässt sich nur sagen: Donnerwetter, endlich hilft einer meiner Unbedarftheit auf die Beine. Allerdings ist in diesen Heften zu oft der Gedanke vertreten worden, dass echte Beobachtungsdaten um 297 Jahre versetzt in ein neues chronologisches Konzept eingefügt werden konnten, als dass hier eine originär Krojersche Erkenntnis vorläge (schon in Simmerings Film [1996] und damit Jahre vor Krojers entsetztem Interesse ersetzte ich in der Auseinandersetzung mit Wolfhard Schlosser eine durch Gregor von Tours berichtete Sonnenfinsternis von 590 durch eine besser passende von 887). Aber immerhin ist zu erkennen, welcher Seite Krojer lieber angehören würde: den “guten ‘Out-Laws’”, “wie ich bei Illig anfangs auch hoffte” [Kr. 114]. Aber ich erwies mich als nicht würdig; so gehöre ich zu den “schlechten ‘Out-Laws’” wie v. Däniken oder Velikovsky, die mit allen Mitteln zu bekämpfen sind [Kr. 113], wobei ihn fairerweise besonders ärgert, wenn sich Spezialisten zu Wort melden, die nicht einmal meine Bücher gelesen haben [Kr. 171] .

Er geht nun der Frage nach, wo astronomische Daten fix mit geschichtlichen Daten verbunden sind. Da wird er zunächst bei Ptolemaios fündig. Bei ihm sind in Staffelung Zeitabstände genannt: Regierungsbeginn Nabonassar – Tod Alexanders (424 ägyptische Jahre) – Herrschaftsbeginn Augustus’ (294 Jahre) – 17. Jahr Hadrians (161 Jahre, 66 Tage und zwei Stunden) [Kr. 379]. Da für Krojer dank Spica der Almagest im +2. Jh. verbleibt, ist dies für ihn ein zwingender Beweis für kalendarische Kontinuität. Bei der Betrachtung durch Beaufort ist der Almagest – selbst für Krojer nicht unbedingt aus einem Guss – in seiner Endfassung deutlich jünger, so dass hier die neue Zeitrechnung eingegangen sein kann.

Krojer glaubt mich nun einmal mehr dabei ertappt zu haben, dass ich “ahnungslos plaudere” [Kr. 130]:

“Wer ‘Robert Newton’ anführt und dabei ‘Ptolemäus war ein Fälscher’ sagt, kommt also nicht umhin, anzuerkennen, dass Ptolemäus auf der Basis von Hipparchos fälschte, und er muss diese Basis bzw. die entsprechenden Messwerte anerkennen” [Kr. 130].

Bleiben wir noch einmal kurz bei der von Beaufort überzeugend widerlegten Ansicht, dass der Almagest im +2. Jh. entstanden sei. Nur aus diesem Text kennen wir Hipparchs Sternenorte. Newton hat gezeigt, dass Ptolemaios aus den meist geraden Angaben bei Hipparch ‘krumme’ gemacht hat – 0,2° oder 0,4° statt halben oder viertel Grad, obwohl die Peilung mit nur bloßem Auge leichter zu einer Viertel-, als zu einer Fünftel-Grad-Aufteilung führt. Es gibt eine weiter Erklärungsmöglichkeit: Ptolemaios hat tatsächlich selbst beobachtet, wie es im Almagest steht, dann aber mit seinem festen, aber falschen Präzessionsfaktor die so genannten Hipparchschen Werte errechnet. Die hat er aus Anciennitätsgründen glatt – halbe ode ganze Grad – gestaltet, wobei sich für seine eigenen anfänglichen Messwerte die im Text genannten ‘unrunden’ Werte ergeben haben.

Zu relativ? Krojer selbst relativiert sein Stützgerüst für die bisherige Chronologie, indem er Messungen verschiedenen Ortes von verschiedenen Personen annimmt, die Hipparch “in der Rolle eines ‘Projektleiters’ und mit Rhodos als Koordinationszentrale” geleitet hätte, und die so entstandene Datensammlung zudem “später durch weitere Sterne ergänzt wurde” [Kr. 154].

Zurück zu Krojers Nachweisen von Verknüpfungen astronomischer Daten mit Regierungsdaten. Er selbst diskutiert aber schon wieder seinen Lieblingsstern Spica [Kr. 381 f.], als hätte der Leser das nun nicht schon oft genug bei ihm gelesen. Und es gerät ihm jedes Mal komplexer.

Doch er findet zum Thema zurück, indem er eine Tontafel mit den Angaben einer Mondfinsternis präsentiert, die auf das 7. Jahr des Kambyses, das 225. Jahr seit Nabonassar gelegt worden ist [Kr. 394]. Der Keilschrifttext “scheint bereits von den späteren babylonischen Abschreibern – evt. wegen bereits damaliger schlechter Textlage – verformt worden zu sein” [Kr. 395]. Es genügt für den Moment der Hinweis, dass die Tafel keineswegs aus der Zeit des Kambyses (konvent. 530–522) stammt. Weitere Erklärungsmöglichkeiten werden sogleich genannt.

Es kommt Krojers neues Trumpf-Ass: eine im einstigen Ost-Berlin verwahrte Keilschrifttafel. Die astronomischen Tagebücher (Inventar-Nr. VAT 4956) enthalten nicht nur einschlägige Beobachtungsdaten [Kr. 397], sondern auch die Datierung vom 1. Nisan des 37. bis zum 1. Nisan des 38. Regierungsjahres von Nebukadnezar (konvent. 604–562). Hermann Hunger, uns als Sprecher des Wiener Forschungsprojektes bekannt [vgl. Illig/Siepe 2003, 249], teilte Krojer mit:

“M. E. gibt es für tausende von Jahre keine gleiche Situation (einschließlich des Königs Nebukadnezar), so dass die Datierung sicher ist” [Kr. 398].

Hier geht es demnach in der Tat um Krojers stärkste Argument: Ist diese Tontafel unbezweifelbar, braucht sich niemand mehr Gedanken über kalendarische Verwerfungen während der letzten 2.500 Jahre zu machen. Dann hätte Hunger nicht zuletzt darin Recht, Schwierigkeiten bei der Synchronisation von Altägypten, mykenisch-minoischer Zeit und Vorderasien ausschließlich im -2. Jtsd. zu verorten. Nachdem Krojer es sich gespart hat, die Originalveröffentlichung durch Paul V. Neugebauer und Ernst F. Weidner [1915] anzusehen, wollen wir uns mit ihr, außerdem mit weiteren Publikationen von Weidner auseinandersetzen.

VAT 4956

Die fragliche Keilschrifttafel stammt aus der Vorderasiatischen Abteilung der Berliner Museen. Die beiden Editoren sind begeistert,

“stellt sie doch den ältesten heute bekannten astronomischen Beobachtungstext dar, der in der ausführlichen Form der babylonischen Spätzeit abgefaßt ist. [...] Unser neuer Text ist nun aus dem 37. Jahre Nebukadnezars II., also aus dem Jahre -567/66, datiert, ist mithin die erste größere rein astronomische Urkunde aus der Zeit vor dem Untergange des neubabylonischen Reiches. Was seinen Inhalt betrifft, so enthält er, wie alle späteren gleichartigen Dokumente, ausführlich gehaltene Mond-, Sonnen- und Planetenbeobachtungen, Angaben über meteorologische und geologische Erscheinungen, Notizen über Wasserstand und Lebensmittelpreise sowie am Schlusse einiger Abschnitte Mitteilungen über einzelne interessante Kuriosa” [Neugebauer/Weidner = N./W. 29].

Als Beispiel seien drei fortlaufende Einträge zitiert:

“4. In diesem Monat war der Preis für 1 GUR 12 KA Gerste, für 1 GUR 60 KA Datteln, für 1 GUR … Kassia …. [.... 1 Šekel Silber ... ]
5. Am 1. Šebat (der Tebet hatte 29d) wurde der Mond im südlichen Fische des Tierkreises sichtbar. 58m Sichtbarkeitsdauer. Ein Nordwind wehte. Damals: Jupiter hinter dem vorderen Sternhaufen des Schützen [ ]
6. Am 4. stieg die Flut. Am 4. hielt Venus 1/2 Elle über dem Ziegenfisch diesem die Wage. Am Abend der Nacht des 6. war der Mond von einem Halo umgeben. Plejaden, Hyaden, β+ζ Tauri [...... standen darin ......]” [N./W. 36].

Kurz zur Erläuterung: Die angesprochene Elle wurde am Himmel mit 2°· 0 bis 2°·3 retrokalkuliert [N./W. 78 f.]. Die größte Messgenauigkeit ist mit 1/3 Elle erreicht. Auf Erden maß die Elle 0,495 m und wurde in 24 Finger aufgeteilt [N./W. 43]. Unter den Beobachtungen fällt auch der Eintrag auf: “berechnete Mondfinsternis”, also eine, die in Babylon nicht sichtbar war. Der hohe oder niedrige Stand der Lebensmittelpreise war ein Zeichen für glückliche oder unglückliche Zustände im Land [N./W. 51]. Halten sich zwei Sterne die Wa[a]ge, dann wird dies interpretiert als “steht in gleicher Länge” [N./W. 78].

Von elementarer Bedeutung ist folgende Einschätzung der beiden Autoren:

“Das vorliegende Exemplar unseres Beobachtungstextes entstammt nicht dem Jahre -467/66 selbst. Wir haben es vielmehr mit einer viel späteren Kopie zu tun. Das beweist in erster Linie der sich zweimal findende Vermerk hi-bi ‘abgebrochen, verlöscht’ (R[ück]s[eite]. 15, 18), wodurch der Schreiber anzeigen wollte, daß er ein Wort der Vorlage nicht mehr entziffern konnte. [...] Für die Annahme einer späten Kopie spricht endlich die Terminologie. Es ist bekanntlich das Bestreben der babylonischen Astronomen gewesen, diese immer kürzer und bündiger zu gestalten. [...] In unserem Texte herrscht nun ein merkwürdiger Wirrwar in der Terminologie” [N./W. 38 f.].

Denn er bringt sowohl späte Abkürzungen wie ár, šap und ŠIM, wie auch die älteren Formen arkat, šap-lat und ŠIM-MAH. Dies wird so erklärt, dass die Abschreiber die Terminologie zum Teil auf ihre Zeit übertragen haben.

Die Daten sind von den Astronomen zur Zeit von Neugebauer/Weidner geprüft und gelegentlich als falsch korrigiert worden. Im größeren Umfeld konnten sich dabei erhebliche Probleme ergeben. Da sich durch VAT 4956 die Bezeichnungen für jeden der beiden Fische klärte, wird

“die große Sternliste Br. M. 86378 [...] durch diese unantastbaren Feststellungen, die zu ihren Angaben in keiner Weise passen, zu einem beträchtlichen Teile einfach auseinander gesprengt. Daß daher sich nun sehr viele Identifizierungen von KUGLER (Sternkunde, Ergänzungsheft) und von BEZOLD (Zenit- und Äquatorialgestirne) als höchst problematisch oder direkt falsch erweisen, ist natürlich kein Wunder” [N./W. 85].

Der König wird zweimal genannt – gleich am Beginn: “1. 37. Jahr Nebukadnezars, des Königs von Babylon” und in der vorletzten Zeile, in der das nächste Jahr begonnen worden ist: “22. 38. Jahr Nebukadnezars” [N./W. 34, 38]. Die Beiläufigkeit der Königsnennungen erscheint mir auffällig, war aber vielleicht Brauch.

Babylonische Sterntafeln

Ernst Friedrich Weidner hat mehr als 55 Jahre lang – über zwei Weltkriege hinweg – wissenschaftlich publiziert, eine erstaunliche Leistung. Wenn wir eine seiner jüngsten Arbeiten zur Hand nehmen, die Gestirn-Darstellungen auf babylonischen Tontafeln [W. = Weidner 1967], dann werden wir über die Tontafelbibliothek aus dem südbabylonischen Uruk (Warka) informiert, die in der Seleukidenzeit geschrieben worden ist. Diese Datierung stützt sich auf ein (zerstörtes) Datum des Königs Antiochus und auf eine Darstellung des Mannes im Mond mit Hosen, “was in vorpersischer Zeit undenkbar gewesen wäre” [W. 1967, 7]. Doch es gibt Hinweise auf ältere Vorgaben:

“Andererseits sind fast überall die alten Planeten- und Gestirnnamen verwendet, auch zumeist die in der Spätzeit üblichen Abkürzungen vermieden” [ebd., 7].
“Der Name des Planeten Jupiter wird im Text überall, wie in der älteren Zeit, als dsag-me-gar wiedergegeben, nur die Beischrift auf Tafel 2 zeigt die später übliche Schreibung dsàg(PA)-me-gar.” [ebd., 7, Fußnote]

Bei einer Tontafel (VAT 7851) steht eingangs ein Vermerk wie auf vielen Uruk-Texten der Seleukidenzeit, doch es handelt sich um eine Abschrift:

“Die Beschreibung der Finsternis und ihre Deutung sind völlig in der Form gegeben, wie wir sie in den astrologischen Texten der neuassyrischen Zeit finden.” [ebd., 12]

also in der Form des -8./7. Jhs. konventioneller Datierung.

“Es gibt nun auch ein Textbruchstück aus Assurbanipals Bibliothek (also rund 450 Jahre älter), das eine nahe, teilweise sogar wörtlich übereinstimmende Parallele zu Teilen unserer Texte bietet” [ebd., 39].

Genannt wird auch eine Keilschrift (VAT 7815), die “aus dem 120. Jahr der Seleukidenära = 192/91 v. Chr.” datiert ist [ebd., 41]

Aus diesen Beispielen lässt sich schließen, dass tatsächlich ältere Tafeln in jüngeren Abschriften vorliegen. Gibt es eine Garantie, dass außer Eingangsvermerken nichts an den alten Texten verändert worden ist? Überraschende Antworten erhalten wir aus Weidners sehr viel älterem Handbuch der babylonischen Astronomie von 1915:

“Aus der Zeit Ašurbanipals stammt dann wieder der erste rein astronomische Text mit Messungen von Fixsterndistanzen, wieder unter Benutzung eines Äquatorialsystems. Dann folgt aus dem 37. Jahre Nebukadnezars die erste Ephemeride, die uns erhalten ist, mit großartig genauen astronomischen Beobachtungen. Und von nun ab besitzen wir astronomische Texte in ununterbrochener Folge bis auf den Beginn unserer Zeitrechnung herab. Was die babylonische Astrologie anlangt, so enthält die Bibliothek Ašurbanipals Texte dieser Gattung, die gegen 4500 v. Chr. verfaßt oder wenigstens auf diese Zeit zurückdatiert sind” [W. 1915, 2; Hvhg. HI].

Zurückdatiert? Um was geht es da? Für Weidner ist das offensichtlich: Die Babylonier haben tatsächlich astronomische Beobachtungsaufzeichnungen zurückdatiert.

“Das Zwillingszeitalter (etwa 6200 bis 4400 v. Chr.) galt bei den späteren Babyloniern als der Anfang aller Kultur und alles Wissens. Auf diese Zeit wird daher möglichst alles zurückgeführt.” [ebd., 2, Fn. 3]
“Wie wir unten sehen werden, ist der Text auf das Zwillingszeitalter zurückgeschraubt, und zwar wahrscheinlich auf die Zeit, als der Frühlingspunkt bei η Geminorum lag. Das war vor -4000.” [ebd., 70]
“Wahrscheinlich stehen wir auch hier der Tatsache gegenüber, daß die Babylonier, um den Anschein hohen Alters zu erwecken, den Text auf das Zwillingszeitalter zurückgerechnet haben.” [ebd., 74]

Nicht genug mit diesen Fakten, finden sich weitere Hinweise darauf, wie babylonische Keilschrifttafeln innerhalb herkömmlicher Chronologie sinnvoll zu verorten sind:

“Aus Ašurnasipals Bibliothek besitzen wir drei Fragmente von Tafeln kreisrunder Form, die einst, als sie noch vollständig waren, in zwölf gleichmäßige Sektoren zerfielen. Jeder dieser Sektoren enthält am äußeren Rande den Namen eines Monats. Außerdem sind noch zwei konzentrische Kreise gezogen, derart, daß die ganze Scheibe in drei Ringe von gleicher Breite zerfällt” [ebd., 62]

Diese Scheibe wird verständlicher-, aber doch auch verwirrenderweise Astrolab genannt, ein Fall für den Astrolabienkenner Krojer [vgl. Kr. 157-161]. Es stellt sich heraus:

“Das Astrolab B ist um -1000 geschrieben”, gilt aber für eine Zeit, “die weit vor -1000 liegt, da das Astrolab doch nur eine späte Abschrift eines weit älteren Originals ist”,

die Weidner auf “um -2900” berechnet [ebd., 81]. Nach weiteren Beobachtungen zieht Weidner einen Schluss, den Krojer wie bei v. Dechend oder Ulansey perhorreszieren müsste:

“Da auch alle anderen Daten in unserem Texte für diese Zeit vorzüglich stimmen, wie in Kapitel III unter den einzelnen Sternnamen des näheren gezeigt werden wird, so kann kein Zweifel bestehen, daß die Abfassung des Originales unseres Textes in die Zeit um -3000, also noch vor Sargon I. fallen muß.” [ebd., 43; Kursivsetzung E.W.]
“Der älteste rein astronomische Text, den wir zurzeit kennen, entstammt der Tempelbibliothek von Nippur und ist um die Wende des dritten und zweiten Jahrtausends geschrieben. Er verzeichnet zwei so überraschend feine Messungen von Fixsterndistanzen, daß die Astronomie damals in Babylon schon auf kaum glaublicher Höhe gestanden haben muß.” [ebd. 1]

Wir stehen also vor der erstaunlichen Tatsache, dass die Babylonier wie die Assyrer uralte Aufzeichnungen besaßen, die sie aber oft Jahrtausende später immer noch abgeschrieben hätten. Das könnte nur durch eines motiviert worden sein: Die Aufzeichnungen behielten, weil sie ungemein exakt waren, noch immer wertvolle Informationen. Tatsächlich urteilt Weidner so:

Man sieht also leicht, daß die Meßkunst der Babylonier in der altbabylonischen Zeit der Meßkunst der hellenistischen Griechen in der alexandrinischen Periode durchaus überlegen war.” [ebd., 131]

Also wäre trotz steter Ausübung der Astronomie das Wissen und Können schlechter geworden. Das erscheint kaum glaubhaft. Es geht aber noch weiter. Weidner rekonstruiert aus den Aufzeichnungen eine Armille:

“Ein solches Instrument besteht aus einem großen ‘Ringe’, dem Meridiankreise, und einer Reihe weiterer innerhalb dieses Ringes befindlicher ‘Ringe’ (hauptsächlich Äquatorial- und Ekliptikalkreis), so daß die Bezeichnung ‘Himmelsring’ durchaus zu Recht bestände.” [ebd., 48]

“Damals [-3000 !] hat man also schon Armillen besessen. Es ist nun nicht anzunehmen, daß sie in der Folgezeit jemals wieder außer Gebrauch gekommen sind. In den 2300 Jahren seit Abfassung unserer Liste bis auf Ašurbanipal sind nun infolge der Präzession eine ganze Reihe Sterne aus einem ‘Wege’ in den andern gewandert, so daß die Annahme, die Babylonier hätten die Präzession nicht gekannt, auch von diesem Standpunkte aus als gänzlich unmöglich erscheint. Um dieses Wandern der Sterne nicht zu bemerken, hätten die babylonischen Astronomen entweder blind oder zu astronomischem Beobachten unfähig sein müssen. Da ersteres nicht gut anzunehmen ist, letzteres durch alles, was wir über die Babylonier wissen, vollständig ausgeschlossen wird, so findet auch hier die schon früher von mir auf anderem Wege bewiesene Annahme, die Babylonier hätten die Präzession gekannt, eine neue Bestätigung.” [ebd., 49]

Damit ist Krojer in eine unangenehme Zwickmühle geraten. Er hat hohnlächelnd Santillana und v. Dechend abgefertigt, weil sie in Hamlets Mill das Wissen um die Präzession weit ins Altertum legten. Krojer als einzig kompetenter Sachwalter in Sachen Präzession ist dagegen auf Höhe unserer Zeit:

“Zur Erinnerung: die Präzessionsbewegung der Erde wurde von Hipparchos ca. 130 v. Chr. erstmals richtig begriffen” [Kr. 59].

Wenn also Krojer sich nunmehr auf Weidner und dessen Sicht babylonischer Astronomie stützt, muss er auch das babylonische Wissen um die Präzession im -2. und vielleicht sogar im -3. Jtsd. akzeptieren (auch wenn sie dafür noch nicht die richtige Erklärung gehabt haben dürften). Diesen von ihm nicht bemerkten Widerspruch mag er lösen, wie es ihm möglich ist. Aus meiner Sicht ist klar, dass astronomisches Wissen bei ständiger Ausübung nicht schlechter wird. Insofern erwarte ich kein uraltes Präzessions-Wissen. Vielmehr ergibt sich auch hieraus eine Bestätigung für Gunnar Heinsohn These, wonach im Vorderen Orient die Reiche drei und selbst vier Mal hintereinander geführt werden. Bei Streichung der Vervielfältigungen klärt sich das geschichtliche, das archäologische und nun auch das astronomische Bild. Ich bin nicht sicher, ob diese Wendung im Sinne Krojers sein wird.

Was die verschiedenen Tontafeln angeht, so wird zu erforschen sein, wie und warum sie ihre Aufzeichnungen rückdatiert haben. Wenn hier Klarheit herrscht, wird man besser beurteilen können, wieso nur in ganz wenigen Fällen ein Königsname vermerkt worden ist, warum man zur Seleukidenzeit reihenweise alte und uralte Aufzeichnungen abgeschrieben hätte und warum die sperrige Keilschrift gerade nach der Hellenisierung noch so extensiv benutzt worden ist [Illig 1999a, 151 f.].

Papyri

Schließlich verweist Krojer auf die in Oxyrhynchos, südlich vom Faijum, gefundenen Papyri, deren seit 1897 ausgegrabene Menge gar nicht quantifizierbar scheint. Es gibt darunter griechisch geschriebene astronomische Aufzeichnungen, die vom -1. bis zum +5. Jh. reichen. Ein einziger ist darunter, der eine Synchronopse mit den Regentenlisten ermöglicht. Er ist auf den 31. 12. des 8. Regierungsjahres Trajans (+104) datiert. Dabei wird ein Himmelsobjekt zwischen verschiedenen Sternen lokalisiert.

“Jupiter wird zwar nicht ausdrücklich in dem von mir zitierten Text genannt bzw. explizit nur in einem beschädigten Absatz direkt neben dieser Textstelle, wie mir Alexander Jones weiter mitteilte; aber wenn wir uns fragen, ob ein bestimmtes Objekt zu dem genannten Datum an dieser Himmelsstelle gestanden habe, so ergeben heutige Rückrechnungen, dass es sich um Jupiter gehandelt haben muss, oder anders gesagt, im Rahmen der herkömmlichen Chronologie kann dieser Bericht eindeutig einer besonderen Himmelskonstellation zugeordnet werden, wodurch die herkömmliche Chronologie als ein sinnvoller Interpretationsrahmen ausgezeichnet ist, und dies anhand einer ‘fossilen’ Überlieferung aus der griechisch-römischen Zeit” [Kr. 403].

Thomas Schmidt hat nachgerechnet, in welchen Jahren Jupiter wieder an dieser Stelle stand. Nach seiner Tabelle kehrt zwar Jupiter alle rund 12 Jahre an diese Position zurück, doch Schmidt weiß, dass die Präzision der Rückrechnung nicht das Entscheidende ist:

“Sofern die (sich so zwanglos ergebende) Identifizierung als Jupiter richtig ist, kann also keine Verschiebung der Zeitachse um 297 Jahre vorliegen. Sollte sie nicht richtig sein, so wäre unsere konventionelle Interpretation des angegebenen Datums falsch (da zum konventionell interpretierten Datum eben Jupiter an exakt dieser Stelle stand), und eine systematische Untersuchung anderer möglicher Kandidaten wäre dann ziemlich uferlos, sofern man nicht ein bestimmtes alternatives kalendarisches Szenario zu Grunde legen würde. Unerklärt bliebe dann freilich immer noch der geradezu astronomische Zufall, dass eine Datumsangabe in einer nicht gefälschten (da original erhaltenen) Quelle von uns irrtümlich gerade so interpretiert wird, dass ein falscher Planet exakt am richtigen Ort steht” [Kr. 415].

Schmidt betont hier gleich zweimal, dass Jupiter “exakt” am richtigen Ort stand. Dabei hat er einleitend vermerkt, dass ihn gerade die Ortsbezeichnung irritierte.

“Es ist mir nicht ganz klar, was es heißen soll, dass Jupiter einen halben Monddurchmesser nördlich und westlich der Verbindungslinie zwischen Delta und Theta [zwei Sterne eines Sternbildes; HI] gestanden haben soll. Jener Punkt , in Bezug auf welchen Jupiter dieser Position hatte, liegt zwar in etwa auf der Verlängerung dieser Linie, aber es wäre ein ziemlich willkürlich gewählter Punkt” [Kr. 412].

So ist eine der ‘Bestimmungsgleichungen’ dunkel. Auch die Jahresangabe war nicht von vornherein astronomisch einsichtig, weshalb es bei den ersten Rechnerläufen noch keine Jupiteridentifizierung gab. So ist es keineswegs selbstverständlich, Jupiter in dieser Position zu unterstellen. Krojer selbst wusste darum und hat es auch geschrieben, als er noch nicht wusste, dass er eine Nebukadnezar-Datierung vorbringen werde:

“Babylonische Überlieferungen setzen beispielsweise häufig bereits einen bestehenden chronologischen Rahmen voraus und werden innerhalb dessen interpretiert und datiert” [Kr. 174].

Ausflüge

Nach dem babylonischen Triumph, der ihm unter den Händen zerfallen ist, verlässt Krojer die Astronomie, auf die er sich eigentlich im Titel festgelegt hat, um in anderen Wissensgebieten fündig zu werden. Er beginnt mit einem Kapitel über mittelalterliche Fälschungen, zu denen er freilich nichts Eigenes sagen kann. Aber es reicht für eine Akzentverschiebung. Als emsigem Zeitensprünge-Leser war ihm unsere Erwähnung der Arbeiten von Constantin Faußner aufgefallen.

“Faußner steht, soweit ich das zu beurteilen vermag, gegen den Mainstream der mediävistischen Forschung bezüglich der Königsurkunden; dass er vielleicht mit Illig in eine ‘Schublade gesteckt’ wird, ist zu befürchten; abzuwarten, bis die Diskussion vorangeschritten und die Positionen geklärt sind, ist für Außenstehende ohnehin ratsam; doch selbst wenn Faußner gewichtige Argumente brächte, wäre damit noch lange nicht die Phantomzeit ‘bewiesen’. Faußner soll einfach nur einen Karren herausziehen, der ziemlich tief im Morast steckt” [K. 428]

Krojer vergießt also bereits Krokodilstränen darüber, dass ein unbescholtener Rechtshistoriker mit mir in ein und dieselbe Schublade geraten könnte. Dabei ist das keineswegs meine Schuld: Es war Johannes Fried [1996, 312], der mit seinem Aufsatz ganz bewusst Faußners und meine Gedanken zusammengebracht hat, weil ihm beide Richtungen zuwider sind. Es ist außerdem klar, dass Faußner weder die Phantomzeit untermauern will noch sie ‘beweisen’ könnte. Er belegt mit guten Gründen, dass es vor 1122 keinerlei Grund für die Abfassung der erhaltenen Königsurkunden gab, sondern dass sie durchwegs gefälscht sind. Dieses Ergebnis ist freilich Wasser auf die Mühlen der ‘Phantomzeit’ (s. Anwander ab S. 518; auf Faußner ist hier noch einmal zurückzukommen.)

Wenn Krojer auf Fomenko et al. zu sprechen kommt, bin ich zum Glück nicht schuld, sondern er entwickelt Verständnis dafür, dass großangelegte Fälschungen in den Wissenschaften viele Durchschnittsmenschen dazu bringen, “in der Wissenschaft mehr Scharlatanerie [zu] vermuten als in der Scharlatanerie selbst” [K. 433]. Hinzufügen ließe sich, dass eine bequeme Geschichtswissenschaft gar nicht herausarbeitet, wo sich bei Fomenko die offensichtlichen Schwachstellen finden. Wenn ihre Vertreter bei jeder Gelegenheit “absurd” schreien, nur um sich Arbeit zu ersparen, dürfen sie sich über die Folgen nicht wundern. Wildwuchs kann nur eingedämmt werden, wenn der mainstream seine Grundlagen auf Widerspruchsfreiheit prüft und bereinigt.

Nun geht der Astronomiespezialist zur Dendrochronologie über, wobei er allein auf Mike Baillie vertraut. Dabei wäre es durchaus nützlich gewesen, auch andere Argumente zu kennen. So quält er sich mit dem Aachener Ringanker herum [K. 335 f.], ohne zu ahnen, dass der mittlerweile von Trierer Spezialisten als nicht mehr dendrochronologisch datierbar erachtet wird [vgl. Illig 2000a, 479 f.]. Dann bringt er eine Reihe römischer Holzfunde [K. 446-449], als ob dadurch unsere Kritik hinfällig würde. Wir setzen schließlich auf verdoppelte Teilsequenzen innerhalb der Standardsequenzen, auch wenn Baillie das für ausgeschlossen hält. Der bemerkt nicht, dass in Europa immer mehr regionale Eichenstandardsequenzen gebraucht werden, um mit all den Widersprüchen und Asynchronizitäten fertig zu werden. Nach unserer Meinung bleiben die römische Datierungen an ihren angestammten Plätzen und besitzen keinerlei Beweischarakter gegen die Phantomzeit.

Zweifel kommen selbst Krojer, wenn er der von Baillie postulierten großen Katastrophe (dendrochron. 536–554) nachgeht. Dieser und David Keys’ Katastrophe von 535 hatte ich die Kontinuität in Byzanz vom einfach weitergeführten Bau der Hagia Sophia bis zu den unvermindert weitertobenden Kriegen entgegengehalten [Illig 1999b, 668 f.] – das überlas Krojer, um dann wie ich Prokop aufzuschlagen und festzustellen: Dass die Geschichte “scheinbar unbehelligt von den äußeren Umständen weiterlief, erzeugt eine ungewisse Nachdenklichkeit” [K. 451], was immer man sich darunter vorzustellen hat.

krojer0001Katastrophenwinter 763/64: Frühmittelalterliche Jahrringchronologien von Tanne, Buche und Eiche (jeweils 1 Kurve) aus Hölzern von Ausgrabungen in Mittelfranken, Ober- und Niederbayern [Herzig 1997, 151]. Gemäß diesen Kurven wäre der Winter 706/07 noch schlimmer gewesen, was aber mangels Berichten ignoriert wird [vgl. Illig/Anwander 127 ff.].

Zum Glück findet er gleich eine neue Katastrophe: 763/64, von der auch Einhard gesprochen hat. So weist er triumphierend auf die Baumringe von Pfettrach in Niederbayern (s.u.) und in Haithabu. Und so formuliert er auf der vorletzten Textseite seines Buches den Satz:

“Wenn nach den kalendarischen Problemen die vermeintliche archäologische ‘Fundleere’ des frühen Mittelalters der Ausgangspunkt der Illigschen Phantomzeittheorie gewesen sein soll, dann frage ich mich, wie Illig angesichts der vielen dendrochronologisch gut datierbaren Funde aus Haithabu und Umgebung überhaupt zu einer solchen Ansicht gelangen konnte, denn so offensichtlich, wie Illig dies behauptet, ist diese Fundleere nicht festzustellen; sie muss schon extra konstruiert werden, indem sowohl Funde als auch Überlieferungen aus dem frühen Mittelalter in andere Zeiten katapultiert werden” [K. 457].

Zu diesem Urteil kann nur finden, wer sich gründlich abschottet. Nachdem er doch alles von mir liest, hätte er auch den Bayern-Doppelband von Anwander und mir zur Hand nehmen können, der exakt diesem Problem gewidmet ist und mehr als ein halbes Jahr von seinem eigenen Buch erschienen ist. Dann wüsste er, dass die Fundleere auf 70.000 qkm von uns nicht konstruiert, sondern evident ist. Dort stehen die Antworten zur Dendro-Chronologie und auch zu Pfettrach, wo man sich eigens wegen Einhard darauf geeinigt hat, das eigentliche Minimum zu ignorieren (s. Grafik auf S. 498). Aber wenn sie stören, dann blendet Krojer diese 957 Seiten einfach aus, genauso wie die 459 Seiten des C14-Crashs von Christian Blöss und Hans-Ulrich Niemitz. Genauso wenig interessieren ihn die in den Zeitensprüngen geschilderten Grabungsergebnisse, ob aus Aachen, Großbritannien, dem islamischen Raum, Katalonien, Köln, Polen, Ungarn, etc. etc.

Beim fortlaufenden Besprechen des Buches habe ich 18 Seiten übergangen. Denn dort wird die Emotion bedient. Er will zunächst ein Beispiel dafür bringen, dass die von uns betriebene Spurensuche keineswegs immer zu gültigen Resultaten führt. Das Amsterdamer Judenviertel ist untergegangen; seit den ersten Razzien von 1941 wurden und werden dort die kläglichen Überreste dem Erdboden gleichgemacht. Nur wenige Bauten – das Rembrandt-Haus, zwei Synagogen und zwei Gebäude aus dem 17. und 19. Jh. – haben inmitten einer neuen Straßenplanung überdauert; die Spuren des alltäglichen Leben im Ghetto sind verloren. Diese Verluste werden in einem Buch von 1970 beschrieben, wobei erwähnt wird, dass uns z.B. eine Schilderung von Egon Erwin Kisch und Bilder von Max Liebermann vorliegen [K. 346 ff.]. Zehn Seiten zuvor hat Krojer meine einschlägige Position abgedruckt:

“Das dritte Reich hat unendlich viele Spuren hinterlassen – Bauwerke, Kriegsschäden, Propagandamaterial, gegnerische Berichterstattung, Zeitzeugenaussagen sonder Zahl etc. etc. –, die ein bedrängendes Zeugnis jener Zeit ablegen. Gerade hier kann eine Prüfung der Evidenz niemals zu dem Schluss führen, dass diese Zeit nie stattgefunden habe” [K. 336].

Die Evidenz im Falle Amsterdams ist genauso klar: Wir haben auf den ersten Blick einige wenige Bauten, Beschreibungen der alten Stadt, Berichte, Bilder. Es gibt mit Sicherheit propagandistische Nazi-Zeugnisse, viele weitere Zeitzeugenberichte, Pressemeldungen vor wie nach 1945, insbesondere Fotos und Filmaufzeichnungen des modernen Abrissgeschehens. Wir haben also ein Bild der Verluste, ohne dass ein Archäologe bereits mit seinen Methoden die Spuren unter den modernen Straßen und Plätzen gesucht hätte. Natürlich sind die “Menschen, Schicksale und Illusionen, Erwartungen” zum allergrößten Teil verloren. Wie sollte es anders sein? Hätte ich je davon gesprochen, dass jedes Einzelleben, gar jedes Gefühl archäologisch belegbar sei? Es ging und geht immer darum: Jahrzehnte und Jahrhunderte gelebten Lebens hinterlassen in besiedelten Gebieten so viele Spuren, dass ihre Existenz mit Hilfe schriftlicher wie archäologischer Quellen nachweisbar ist.

Für Amsterdam liegt die korrekte Antwort längst vor, unbestritten, weil niemand Phantomzeitliches erwartete:

“Geschichtlicher Überblick

‘Keine einzige römische Ruine, keine Hinterlassenschaft Karls des Großen, auch keine romanische Kirche, nicht einmal eine Kathedrale’. Kurz und gut, nichts. Die Einleitung eines berühmten Buches über Amsterdam lässt keinen Zweifel: unter den großen Städten Europas ist Amsterdam die jüngste, ohne antike Vergangenheit, ohne ein Erbe, das weit in die Geschichte zurückführt. Dies leuchtet ein, wenn man weiß, dass die Stadt offiziell erst vor wenigen Jahren (1975) siebenhundert Jahre alt wurde. Die Bataver, ein legendäres Volk, das den Rhein entlangzog, um sich schließlich an der Mündung der Amstel anzusiedeln, hinterließen keine Spuren. Die Römer schenkten diesem ungesunden, sumpfigen und gefährlichen Überschwemmungen ausgesetzten Land keine Beachtung, und nicht einmal dem Heiligen Römischen Reich oder Karl dem Großen gelang es, eine sichere Kontrolle über diese nebligen Küsten auszuüben” [Leonardis 3].

Krojer kümmern solche prinzipiellen Unterschiede nichts, denn er befindet:

“Wenn er [Illig] aber glaubt, seine ‘Phantomzeittheorie’ stünde gänzlich über der jüngsten deutschen Geschichte und alle diesbezüglichen ‘Ängste’ seien unbegründet, dann kann man ihm einfach nur Blindheit vorwerfen, nicht nur bei den Karolingern” [K. 349].

Das mit der Blindheit kann insoweit stimmen, dass ich nur an die gedacht habe, die von Argumenten erreicht werden.

Krojer scheint trotz aller Zuversicht und mächtig geblähtem Buchumfang seinen astronomischen Argumenten nicht zu trauen. So tappt er nun ein zweites Mal [K. 348 f.] in die “Auschwitzfalle”, die er schon glücklich überwunden glaubte [K. 42]. Er verfällt auf eine neue Art der Verleumdung. Wenn er schon von mir selbst keine einschlägige Äußerung findet, dann sucht er in meinem Bekanntenkreis, bis er glaubt fündig geworden zu sein. Die fragliche Äußerung stammt aus einer Newsgroup, bei der die fürs Internet vorgegebene Netikette längst vergessen ist. Ich selbst schaue dort nicht hinein, da mir vollauf genügt, was an Invektiven kolportiert wird. Ich erachte diese Gruppe für eine verrohende Veranstaltung, weil sich manche ihrer Diskutanden bis zum Äußersten reizen, was durchaus zu der Empfehlung gehen kann, die Zeitensprünge und Heinsohns wie meine Bücher dem Feuer zu übergeben (was bei Krojer keine Reaktion hervorgerufen hat). Würde ich alle im Kreis für satisfaktionsfähig halten, käme ich aus dem Prozessieren wegen Beleidigung und Verleumden nicht heraus.

Eine Feinfühligkeit sei noch gekontert, weil sie auf zarte Weise die Geschichte kräftig zurechtbiegt. Für Krojer zeigt sich

“meines Erachtens durchaus, dass Befürchtungen, wie Johannes Fried sie auch in der Assoziation ‘Karls-Lüge – Auschwitz-Lüge’ andeutete, berechtigt sind und keineswegs nur hervorgezogen wurden, um Illig damit einen Schlag unter die Gürtellinie zu verpassen” [K. 349].

Hier vertauscht Krojer Ursache und Wirkung. Prof. Fried wusste 1995 weder etwas von mir, von meiner zukünftigen Beachtung noch von meinen Mitstreitern oder dermaleinstigen Internet-Auftritten des Mantis Verlages. Er brauchte mich in seinem Vortrag dringend als Vertreter einer negativen, illusionären, gefährlichen Phantasie und forcierte das Verständnis für meine angebliche Gefährlichkeit schlicht und einfach dadurch, dass er die Begriffe “Karlslüge” und “Karlsleugner” kreiert hat. Er hat nicht die “Assoziation ‘Karlslüge – Auschwitzlüge’” angedeutet [K. 349], wie Krojer das sanft umschreibt, sondern er hat ihr überhaupt erst den Nährboden geliefert, auf dass unbedarfte Sittenwächter aktiv werden können.

Allerdings taugt Krojer keineswegs als Sittenwächter in heikler Mission, nachdem er im persönlichen, direkt überschaubaren Bereich versagt. Dafür gibt es zwei Zeugen. Zum einen Constantin Faußner. Nach einem Telefonat mit ihm hatte Krojer nichts eiligeres zu tun, als den Inhalt des Gespräches unautorisiert im Internet öffentlich zu machen, wie er selbst mitteilt. Diese Fassung steht auch in seinem Buch [K. 427]. Dr. Faußner hat mich ermächtigt. folgendes Statement abzudrucken: Er ist sehr verärgert darüber, wie ein Privatgespräch nicht nur öffentlich gemacht, sondern auch völlig verzerrt wiedergegeben worden ist, denn das “grauenhaft” war nicht auf die Phantomzeitthese bezogen. Krojer wird nicht mehr sein Gesprächspartner sein.

Der zweite Zeuge bin ich selbst – in durchaus objektivierbarer Weise. Krojer zitiert aus dem Brief, den ich seinem Freund Heinz Jacobi geschrieben habe [K. 336]. Jacobi stellte – gleiche Schule – mein Schreiben schnell ins Internet, selbstverständlich ohne um Erlaubnis zu fragen. Zum anderen zitiert Krojer aus einem Brief von mir an ihn [K. 335]. Keiner der beiden Abdrucke ist autorisiert. Ihm ist völlig fremd, dass es hierzulande eine Privatsphäre gibt, die juristisch geschützt wird.

Dieses strafrechtlich relevante Verhalten weist darauf hin, dass Krojer nicht allein eine These falsizifieren will; darüber hinaus geht es ihm um den Nachweis, dass ihr Urheber in astronomischen Fragen vollkommen inkompetent sei und in die Nähe des Rechtsradikalismus gerückt werden dürfe. Er selbst jedoch ist intangibel, führt er doch einen Kreuzzug gegen alle, die es wagen, das Wort Präzession in den Mund zu nehmen, auch wenn es für das Buch überhaupt keine Bedeutung hat, wie im Falle von Kroeber oder v. Dechend. Hier wird ein inquisitorischer Zug sichtbar: Das Böse, das sich ihm vor allem in Immanuel Velikovsky personifiziert, also “die Vorhut eines vorwissenschaftlichen Weltbilds” [K. 68] – muss mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden, was wie beim übergesetzlichen Notstand den Rechtsbruch mit einschließt. Inquisitoren alten Schlages brauchten sich ohnehin nicht durch geltendes Recht eingeschränkt zu fühlen.

Interessant scheint die Relation zwischen ihm und Vertretern verschiedener Wissenschaftsdisziplinen. Sie haben “ausnahmslos und bereitwillig und in hohem Maße” ihre Hilfe gewährt [K. 15]. Beim Durchblättern fielen mir folgende Korrespondenten Krojers auf, die sich mit knappen Auskünften, aber auch mit weitreichender Hilfestellung beteiligt haben (Titelnennung entsprechend Krojer): Mike Baillie [K. 339, 444 f., 448], Prof. Arno Borst [161], Prof. Edmund Buchner [88], Dr. Benno van Dalen [139], Prof. Hertha von Dechend [128, 229], Harry Falk [307], Robert Harry van Gent [119, 200], Dr. Michael L. Gorodetsky [242], Prof. Jens Uwe Hartmann [326], Prof. Erik Hornung [101, 118], Prof. Hermann Hunger [180 f., 295, 394, 398, 406], Alexander Jones [402 ff.], Richard Jenko [436], Dr. Wolfgang Kokott [114, 244, 252], Gary W. Konk [259], Prof. Paul Kunitzsch [128, 208], Raymond Mercier [314, 320], Leslie Morrison [182], Dr. Johann Reiter [88], Dr. Peter van Wagner [203, 209] (nur bei ihm wird von einer Druckgenehmigung gesprochen), Dr. Dorothea Weltecke [209, 211], David Womersley [276].

Es ließe sich darüber spekulieren, wie viele von ihnen Druckerlaubnis erteilt haben. Nachdem mir zwar begründete Zweifel (s. S. 512), aber keine Dementis bekannt sind, will ich davon ausgehen, dass die Corona bereitwillig nicht nur Hilfe, sondern auch ihre Namen zur Verfügung gestellt hat. So entsteht ein seltsames Bild: Ausgewiesene Wissenschaftler – bis hin zu Hermann Hunger als einem der Sprecher des bislang größten Chronologie-Projektes – fanden es für richtig, einen ‘Hobby-Astronomen’ gegen den “Hobby-Historiker” zu munitionieren. So müssen sie nicht selbst in den ihnen lästigen Streit (“damnatio memoriae”) eingreifen und sehen doch ihr Anliegen vorangetrieben. Despektierlich ließe sich allerdings auch an die Sieben Schwaben denken (“Hannemann, geh du voran ! Du hast die größten Stiefel an”).

Ungeachtet des peinlichen Bildes, das hier Wissenschaftler abgeben, folgten rasche Reaktionen auf Krojers Buch. Die Süddeutsche Zeitung hatte vier Monate mit dem Problem gerungen, das Bayern-Buch zu rezensieren. Herausgekommen ist nach einem langen Gespräch und vielem Bedenken eine Reportage vorwiegend zu meiner Person [Unterstöger], abgedruckt im Bayern-Teil der Zeitung. Obwohl nun die von Krojer präsentierten astronomischen Problemkreise wesentlich schwieriger zu durchdringen sind als archäologische Grabungsberichte, war dafür in höchstens vier Wochen eine Rezension fürs Feuilleton fertig [Kühne]. Ihr Verfasser hat durchaus Probleme mit Kalender und Astronomie, wenn er etwa grübelt:

“Der Leser wundert sich derweilen, ob astronomische Ereignisse nach dem Jahr 614 überhaupt verschieden sein sollten. Schließlich bleibt ihr zeitlicher Abstand zu heute mit oder ohne Umdatierung gleich, und erst vor dem Jahr 614 fehlen Illigs 297 Phantomjahre” [Kühne].

Da wäre es doch nützlich gewesen, dem Buch wie auch dem Objekt seiner Kritik längere Aufmerksamkeit zu schenken. Dann hätte sich der Rezensent auch nicht ausgerechnet vom Kanopus-Dekret beeindrucken lassen, dessen Darstellung in keinem einzigen strittigen Punkt weiterhilft. Kommentar:

“Spätestens auf Seite 100 [Kanopus; HI] beschleicht den Leser das ungute Gefühl, dass Krojer womöglich mit Atombomben auf Knallfrösche schießt” [Kühne].

In Sachen Phantomzeitthese muss jedoch das Kanopus-Dekret als Knallfrosch eingestuft werden, weil es nur ablenkt (die dort aufgestellte Behauptung, Ägypten habe unter den Römern die Schaltregel akzeptiert, gilt im Übrigen nur für Alexandria, nicht für das übrige Ägypten). Immerhin war sich Kühne daraufhin sicher [ebd.], dass nunmehr

“jeder aufgeklärter Skeptiker überzeugt sein und Illigs Theorie als eine sehr reizvolle, aber leider nicht haltbare These zu den Akten legen” wird.

Bald darauf folgte eine Gefälligkeitsrezension in der Naturwissenschaftlichen Rundschau. Verfasst hat sie Krojers Freund Johann Reiter, weshalb sie nur einen einzigen kritischen Halbsatz enthält. Dafür behauptet sie, M. Schütz habe längst Buchners Rekonstruktion der Sonnenuhr des Augustus “in allen wesentlichen Punkten widerlegt, so dass Illigs Argumente überhaupt nicht greifen”. Nachdem ich die Arbeit von Schütz vor Jahren in den Zeitensprüngen vorgestellt habe [Illig 1992], habe ich natürlich diese Argumente beachtet.

Richtig blamieren wollte sich das Spektrum der Wissenschaft. Sein Redakteur Christoph Pöppe demonstrierte, dass die besten Polemiken dann gelingen, wenn ihr Urheber nichts in der Sache weiß.

“Ich habe von dieser Idee mehrfach gehört, aber nie ernsthaft darüber nachgedacht. [...] Franz Krojer vom Institut für Informatik der Universität München hat es nun unternommen, sie mit astronomischen Mitteln zu widerlegen. [...] Die Widerlegung ist überraschend mühsam – die antiken Aufzeichnungen lassen viel Interpretationsfreiheit – , aber überzeugend.
Schön, dass jemand so sorgfältig mit dem Unfug aufräumt. Aber es bleibt das fassungslose Staunen, das auch durch die Wiedergabe der umfangreichen Polemik beider Seiten nicht nachlässt: Wie konnte sich dieser Unfug so weit verbreiten?” [Pöppe]

Immerhin, die Überschrift war passend gewählt: “Absurdes”. Allmählich staune ich nicht mehr fassungslos, wenn ausgerechnet Naturwissenschaftler die größtmögliche Kombination aus Arroganz und Ignoranz bieten. Ich erinnere an die Kritik in Sterne und Weltraum, in der Dr. Ulrich Bastian vom Astronomischen Rechen-Institut Heidelberg stolz darauf war, vor seinem Verriss keine Zeile von mir gelesen zu haben (“Wir kennen das Buch von Herrn Illig nicht, würden uns aber nicht wundern, wenn …” [vgl. Illig 2000a, 482]). Es muss ein erhebendes Gefühl sein, ein Rechnerprogramm bedienen zu können, weil man dann Parameter so lange verändern kann, bis das gewünschte, mainstream-gerechte Ergebnis ausgeworfen wird.

Zusammenfassung

Krojer hat mit Unterstützung vieler Wissenschaftler die ausführlichste Kritik an der Phantomzeitthese geübt. Das erscheint mir verdienstvoll, wird doch vieles geklärt, verbessert und ergänzt. Das Ergebnis ist allerdings anders ausgefallen, als Krojer sich vorgestellt hat. Im nicht-astronomischen Bereich kann er nichts Stichhaltiges bringen. Innerhalb der Astronomie hat der Fachhochschulingenieur für Physikalische Chemie und nun als Systemadministrator arbeitende Programmierer wesentlich besser gearbeitet als etwa Prof. Dieter B. Herrmann, der in der Not sogar auf ihn zurückgegriffen hat. Doch Krojers eigenes Fazit, schon in der Einleitung vorgegeben, lautet:

“Die vermeintliche Exaktheit der Astronomie war dabei starken Belastungsproben ausgesetzt, denn sie hatte sich zu bewähren in und gegenüber einer historischen Überlieferung, in der es eben nicht wie in einer exakten Naturwissenschaft zugeht” [K. 15].

Nach meiner Prüfung kann ich sagen: Die vermeintliche Exaktheit der Astronomie scheitert einmal an der historischen Überlieferung, zum anderen an den zu wenig reflektierten Grundlagen der vermeintlichen Exaktheit.

Die vielen Buchseiten zur Kalenderrechnung erledigen sich mit dem gleichzeitigen Einsatz der Rechnerprogramme, Ptolemaios ist kein Garant für den antiken Himmel, präzis bewiesene Sonnenfinsternisse werfen in ihrer Seltenheit neue Probleme auf, babylonische Sternbeobachtungen wurden in seleukidischer Zeit zugegebenermaßen ‘frisiert’ und auf alt getrimmt, Papyrusfunden fehlt die letzte Genauigkeit, alte Horoskope bleiben zu vage, Kometendurchgänge können nicht beliebig in die Vergangenheit rückgerechnet werden. So blieb Krojer nur die Flucht nach ‘Auschwitz’.
Insofern ist er in seiner angestrebten Rolle des Brutus gescheitert. Wie schrieb Shakespeare? “Denn Brutus ist ein ehrenwerter Mann. Das sind sie alle, alle ehrenwert.”

Ausblick

Nach Krojer wollen wir den größeren Rahmen abstecken. Weil die herrschende Chronologie seit rund einem Jahrhundert nicht mehr geprüft worden ist – so Prof. Stefan Weinfurter in einem Interview zu meiner These [vgl. Illig 1997, 127] –, drängt nun die lang vergessene Kritik nach vorn. Gerade weil die Fachwissenschaftler derartige Bewegungen nur lächelnd oder angewidert abtun, entstehen immer mehr derartiger Ansätze, gute und schlechte [vgl. K. 350 f.]. Sie werden sich weiter ausbreiten, wenn der Mainstream nicht in seinem eigenen Kompetenzbereich aktiv wird – nicht etwa durch weitere Verleumdungen. Es ist zwar begrüßenswert, wenn ein Außenseiter wie Franz Krojer zahlreiche Wissenschaftler zusammenführt, um den kalendarisch-astronomischen Aspekt gründlich zu prüfen. Aber es wird nicht genügen, dass sich die Spezialisten hinter selbsternannten Präzessionskoryphäen verschanzen und ihnen zuarbeiten. Da muss endlich ein Ruck durch die Fakultäten gehen – doch selbst eine derart Herzogliche Aufforderung lässt vorerst nichts erwarten.

Nach Prüfung von Krojers Buch sehe ich keine Veranlassung, meinen Ansatz als gescheitert zu betrachten – ganz im Gegenteil. Neuerlich bestätigt sich, dass die antike wie die spätere Tradition erstaunlich vage ist, wenn es um die von Krojer beschworene Präzision geht. Ich habe im letzten Heft [Illig 2003, 402 f.] klargestellt, dass die keineswegs konstruierte oder erfundene Fundsituation in der fraglichen Zeit auch dann eine Erklärung braucht, wenn ein realer Himmel über phantomzeitlichem Boden gesichert wäre. Doch auch und gerade nach dem Auftritt so vieler einschlägiger Spezialisten – die ja nun alle denkbaren Argumente versammelt haben sollten – bleiben im frühen Mittelalter Boden und Himmel gleichermaßen fiktiv.

Es geschieht nun das, was anderen Fakultäten wie etwa der Volkswirtschaftslehre längst vertraut ist: Die Mediävistik spaltet sich in zwei Schulen auf. Die herkömmliche setzt weiterhin auf Urkunden, erschwert sich jedoch die eigene Position durch stetes Falsifizieren von Urkunden. Die neue Schule setzt dagegen auf sämtliche Erkenntnismöglichkeiten, weil sie überhaupt erst einen kritischen, wechselseitigen Abgleich ermöglichen. Es wird sich bald zeigen, wo mehr Wissen geschaffen wird.

Literatur

Beaufort, Jan (2001/02): “Die Fälschung des Almagest I+II. Versuch einer Ehrenrettung des Claudius Ptolemäus”; in: ZS 13 (4) 590-616 u. 14 (1) 32-48
Frank, Werner (2002): “Welche Gründe gab es für die Autoren der Gregorianischen Kalenderreform 1582, die Frühlings-Tagundnachtgleiche auf den 21. März zurückzuholen?”; in: ZS 14 (4) 646-655
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- (1997): “Ein Schwelbrand breitet sich aus. Zur Fortführung der Mittelalter-Debatte”; in: ZS 9 (1) 125-131
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- (1911): Beiträge zur babylonischen Astronomie; Leipzig

II. Die Fälschung des Almagest und ihre Verdrängung durch Franz Krojer

Jan Beaufort

Illigs Phantomzeitthese lässt sich nur verteidigen, wenn der Almagest des Claudius Ptolemäus – wie er uns heute vorliegt – eine Fälschung ist: Das war ein wichtiges Zwischenergebnis der im Frühjahr 2001 geführten Diskussion in der Newsgroup de.sci.geschichte, an der sich neben meiner Person auch Franz Krojer und sein jetziger Co-Autor Thomas Schmidt beteiligten. Aus dieser Diskussion ist das vorliegende Buch Die Präzision der Präzession hervorgegangen.

Begründet wurde genanntes Ergebnis u. a. damit, dass sich anhand des 1.025 Sterne zählenden Katalogs des Almagest das Fortschreiten der Präzession berechnen lässt. Heutige Sternlängen sind im Durchschnitt um 27° höher als die Werte des Almagest. Wenn Illig recht hat, dürften sie jedoch nur um 22° bis 23° höher sein. (Von katastrophischen Szenarien nach der Römerzeit hatte mich der astronomisch hervorragend bewanderte, immer redlich und präzise argumentierende Thomas Schmidt abgebracht. Das gelang um so leichter, als sich bald die Fruchtbarkeit der Fälschungsthese zeigte.)1

Das damals erzielte Zwischenergebnis hat Thomas nicht vergessen, denn er schreibt im Krojer-Buch [361] völlig zu Recht, dass auch seine jetzt vorgelegten Überlegungen zu antiken Planetenstellungen nur richtig sind unter der Voraussetzung, „dass die historischen Beobachtungen nicht aus einer späteren Zeit stammende Fälschungen sind“.

Ganz anders Krojer. Er erinnert zwar [380] an die “dsg”-Diskussion, hat aber ihren Verlauf allem Anschein nach weitgehend verdrängt. Das ist kein Wunder, hatte er sich doch just in dem Augenblick aus der Diskussion verabschiedet, als ihm die Argumente ausgingen (unter dem Vorwand, dass ihm „langweilig“ wurde …). Kein Wunder wohl auch, dass Krojer dann nicht mehr die Umarbeitung meiner Diskussionsbeiträge zu einem Artikel für die Zeitensprünge registriert hat. Diesen Artikel (Die Fälschung des Almagest), der meine Internet-Argumentation erweitert und vertieft, blendet er vollständig aus.

Das mag mit daran liegen, dass das Thema „mittelalterliche Fälschungen“ nicht gerade das Lieblingsthema Krojers ist. Ein Kapitel seines Buches heißt Nur ein Blick auf viele Fälschungen. Der Titel passt, denn Krojer hat auf das Thema Fälschungen in der Tat nur einen flüchtigen Blick geworfen. Das war wohl zu wenig, um sehen zu können, dass im Mittelalter etwas häufiger gefälscht wurde als sonst üblich. Bei der in diesem Kapitel demonstrierten Ignoranz gegenüber dem Problem des mittelalterlichen Fälschens und Pseudepigraphierens verwundert es nicht, dass Krojer in seinem Buch schnell fertig ist mit meiner These, auch der Almagest sei im Mittelalter gefälscht worden.

Dabei ging es in der erwähnten Internet-Diskussion am Ende doch ausschließlich um diese These. Als ich damals fragte, warum denn der heute vorliegende Almagest keine Fälschung sein sollte, antwortete mir Thomas Schmidt, er könne sich zwar die Fälschung einzelner Urkunden vorstellen, nicht aber die des Almagest. Denn das würde die Existenz eines Proto-Almagest voraussetzen, dessen Exemplare sämtlich vernichtet wurden:

„All diese Exemplare ausnahmslos zu finden und zu vernichten (inklusive anderer Werke, welche den Proto-Almagest kommentierten oder Auszüge zitierten) wäre wohl doch deutlich schwieriger als bei Urkunden.“ [Beitrag vom 16. April 2001]

Darauf konnte ich postwendend antworten, dass genau das die Hauptthese des angesehenen Münchner Arabisten Paul Kunitzsch ist: Kunitzsch hatte anhand von Spuren in einigen wenigen Kommentaren entdeckt, dass es einen heute vollständig verschollenen Ur-Almagest gegeben haben muss. In seinem Buch Der Almagest (das mir ausgerechnet Krojer empfohlen hatte) führt Kunitzsch aus, dass von diesem Ur-Almagest einst eine mittelpersische (Pahlavi), syrische und arabische Version existierte. Weder diese alten Almagest-Übersetzungen noch eine vorphantomzeitliche griechische Fassung sind erhalten geblieben. Dabei unterschied sich der Ur-Almagest sowohl terminologisch als auch in den Sternkoordinaten erheblich von den heute vorliegenden Fassungen.

Nach meiner Antwort zog sich Thomas Schmidt aus der Diskussion zurück – vermutlich, weil ab jetzt an erster Stelle historisch und nicht mehr astronomisch zu argumentieren war. Krojer beteiligte sich zwar weiter, weiß aber offensichtlich heute nicht mehr, warum sich Schmidt damals zurückgezogen hat. Denn er bringt merkwürdigerweise erneut Schmidts Argument, in Byzanz können „unmöglich alle alten Versionen des Almagest vernichtet und durch die neuen ersetzt worden sein“ [Kr. 381]. Diese Wiederholung einer bereits widerlegten Behauptung kann angesichts Kunitzschs Befund, mit dem sich Krojer in seinem Buch an keiner Stelle ernsthaft auseinandersetzt, nur als Frechheit bezeichnet werden. Vorphantomzeitliche Exemplare des Almagest sind schlicht und einfach nirgendwo und in keiner Sprache mehr vorhanden – ob dies nun goutiert wird oder nicht. Wenn Krojer meint, dass es sich anders verhält, ist er in der Pflicht, solche Exemplare vorzuzeigen. So lange er das nicht tut, sind seine Behauptungen haltlos.

Selbstverständlich übergeht ein sich so gebärdender Autor auch weitere von Kunitzsch angesprochene Schwierigkeiten der Almagest-Überlieferung. Insbesondere schweigt er zum Problem der Herkunft des Namens „Almagest“ – obwohl Kunitzsch dem Thema zehn Seiten widmet. Das Problem besteht darin, dass der Name „al-mgsti“ (arabische Wörter schreibe ich hier ohne diakritische Zeichen) zweifellos eine arabische Ableitung des griechischen „megiste (syntaxis)“ ist, der Name „megiste syntaxis“ („Größte Zusammenstellung“) jedoch in der griechischen Werküberlieferung nicht vorkommt:

„Die griechische Textgeschichte des Almagest weist jedenfalls im Werktitel die Superlativform ‘megiste’ nicht auf; hier ist lediglich die Grundform des Adjektivs, ‘megale (syntaxis)’, belegt.“ [K. = Kunitzsch 1974, 118]

In meinem ZS-Artikel hatte ich die Hypothese formuliert, dass sich der ursprüngliche Name „megiste (syntaxis)“ auf den griechischen Ur-Almagest bezog. Mit der Vernichtung des Werkes verschwand dann auch dessen Name. Ich benutze die Gelegenheit, um diese Hypothese zu korrigieren. In Wirklichkeit dürfte es sich nämlich genau andersherum verhalten haben. „Megale syntaxis“ („Große Zusammenstellung“) war der Name des ursprünglichen ptolemäischen Werkes, die Fälschung hieß von Anfang an „Almagest“.

Ich liste hier kurz die Hauptgründe für diese Korrektur auf, die im übrigen auch mehr im Einklang mit Kunitzschs Forschungsergebnissen ist:

  1. Ich gehe inzwischen davon aus, dass die Fälschung im islamischen Bereich entstanden ist (s. u.). Die Griechen haben unter Konstantin VII. zwar die Fälschung übernommen, den alten Namen des Werkes aber beibehalten. Das ist plausibler als die umgekehrte Version, nach der die Griechen den Namen des Werkes in “megale syntaxis” geändert, die Araber aber an einem alten Namen “Almagest” festgehalten hätten.
  2. Es ist wenig plausibel, dass ein Werk gleich den Titel „Größte Zusammenstellung“ erhält, ohne dass es sich auf eine vorangehende „Große Zusammenstellung“ bezöge.
  3. Auch alte griechische Texte, etwa der Alexandriner Pappos (um +320) und Theon (um +365), kennen den Namen „megale syntaxis“ [K. 118 f.]. Diese Texte sind allem Anschein nach keine rückdatierten Pseudepigraphien. Von Theons Almagest-Kommentar hat es auch eine alte arabische Übersetzung gegeben. [K. 119]
  4. Der Name „megiste syntaxis“ taucht im Griechischen nur höchst selten und erst spät in Abhängigkeit von der arabischen Bezeichnung auf – z. B. um 1080 bei Symeon Seth, von dem bekannt ist, dass er gut arabisch konnte. [K. 118]
  5. Arabische Astronomen deuten den Titel „al-mgsti“ mit „al-kitab al-akbar“, „das größte Buch“. In den arabischen Almagest-Texten selbst wird das Werk aber einhellig „al-kitab al-kabir“ genannt: „das große Buch“ [K. 120].
  6. Kunitzsch meint zwar, es sei unbedingt daran festzuhalten,
    „daß das Vorbild für arabisch ‘al-mgsti’, eben der griechische Superlativ ‘megiste’, in einer griechischen Quelle gestanden haben muß, da kein Übersetzer [...] die griechische Steigerungsform von sich aus gebildet und eingesetzt hätte.“ [K. 119]
    Anders dürfte es sich aber im Falle einer arabischen Fälschung verhalten: Ein gewitzter Fälscher, mit dem Griechischen nicht völlig unvertraut, kann sich durchaus die übersetzte Steigerungsform als neuen Namen gewählt haben. Im übrigen macht Kunitzsch plausibel, dass die arabische Entlehnung „al-mgsti“ eine mittelpersische (Pahlavi-)Form voraussetzt [K. 123 f.]. Die Fälschung wäre demnach im persisch-arabischen, also im abbasidischen Bereich entstanden. Das passt mit meiner anderswo geäußerten Vermutung zusammen, nach der die Zeiterfindung im Werk des persisch-arabischen Historikers at-Tabari einen ihrer Ursprünge hat (s. u.).

Während die griechische Textüberlieferung relativ einheitlich ist, muss die arabische Almagest-Tradition als chaotisch bezeichnet werden. Kunitzsch lässt daran nicht den geringsten Zweifel. Über die erhalten gebliebenen Handschriften heißt es etwa: „Das Bild, das uns diese neun Handschriften vom arabischen Almagest vermitteln, ist äußerst verworren“ [K. 35]. Darüber beklagten sich bereits arabische Astronomen. So schreibt as-Sufi im 10. Jh.:

„Ich habe viele Exemplare des Buches Almagest durchgesehen und fand, daß sie sich untereinander bei vielen Sternen widersprechen.“

Dazu Kunitzsch: Für as-Sufi

„ist bereits im Jahre 964, als er das Fixsternbuch verfaßte, die Textsituation des Almagest im Sternkatalog so verwickelt, daß er in den Einzelanalysen aller 1025 Sterne nie auf einzelne Almagesttexte oder -versionen speziell Bezug nimmt; hierin liegt angesichts seiner sonst bewiesenen methodischen Exaktheit ein beredter Beweis für den schlechten Zustand der Überlieferung [...]. Diese ältesten, mit den Übersetzungen fast noch gleichzeitigen Urteile lassen es von vornherein als nahezu aussichtslos erscheinen, daß die Forschung heute, ein reichliches Jahrtausend später, ein klareres Bild von den verschiedenen arabischen Almagest-Textfassungen, zumal den ältesten, gewinnen kann.“ [K. 35 f.]

In einer Anmerkung fügt er hinzu:

„Ähnliche Schwankungen und für immer unauflösliche Vermischungen hat die Forschung sogar im ureigensten Bereich der arabischen Kultur selbst, in der Überlieferung so zentraler und fundamentaler Komplexe wie des Korantexts oder der klassischen altarabischen Dichtung registriert.“ [K. 37]

Anhand mehrerer Beispiele zeigt Kunitzsch, “wie regellos alle Texte ständig schwanken” [K. 155]. Besonders verwirrend ist das Werk des al-Battani. Dessen beide auf dem Almagest fußende Sternkataloge verzeichnen bei den Längenangaben Fehler von 20° und mehr! al-Battanis Herausgeber Nallino spricht in Bezug auf den zweiten Sternkatalog von „crassissimi errores“ und „incredibiles prorsus discrepantiae“. [Nallino 1899, pars II, 292]

Ich zitiere hier so ausführlich, um das Urteil der Experten Kunitzsch und Nallino über die Almagestüberlieferung seiner Einschätzung durch Krojer entgegenhalten zu können. Für Krojer ergibt sich nämlich lediglich „eine etwas verwirrende Situation in der Überlieferung der Koordinatenwerte [...] (kein sauberer Abstammungsbaum, sondern ein Netz)“ [Kr. 382; Hvhg. JB]. Auf die vielen Merkwürdigkeiten und Widersprüche der beiden erhaltenen arabischen Textfassungen des al-Haggag und des Ishaq, auf die ich in meinem ZS-Artikel aufmerksam gemacht habe, geht Krojer mit keinem Wort ein. Stattdessen folgt das befremdliche Zitat:

„’Im Ganzen ist der Sternkatalog des Almagest erstaunlich gut überliefert.’ (Telefonat mit Prof. Kunitzsch, 27.4.2001)“ [Kr. 383].

Über diese aus einem Privatgespräch mit Kunitzsch zitierte Bemerkung kommt der informierte Leser ins Grübeln, sagt Kunitzsch hier doch das genaue Gegenteil von dem, was er in seinem Almagest-Buch geschrieben hat. Könnte es sein, dass Krojer etwas falsch verstanden hat? Bezog sich Kunitzschs Aussage möglicherweise nur auf die griechische Überlieferung, die in der Tat relativ variantenfrei ist? Die Vermutung drängt sich auf, dass sich Krojer bei Kunitzsch ein ähnlich unautorisiertes Zitat erlaubt hat, wie er das erwiesenermaßen bei Faußner tat (vgl. den obigen Beitrag von Heribert Illig).

Über die Sternkoordinaten des Ur-Almagest wissen wir praktisch nur noch etwas durch das Opus astronomicum des al-Battani und durch den Traktat Über die Ursachen der Fehler des Arztes Ibn as-Salah. Dass Krojer mein Urteil über letzteren Text völlig verzerrt wiedergibt, kann nach dem Vorangehenden nicht mehr überraschen. Die verwirrenden Sterntafeln des al-Battani lässt er bequemlichkeitshalber ganz weg. Es war wohl zu anstrengend, die drei Bände des Opus astronomicum des Nallino selbst einzusehen.

Zusammenfassend kommt Krojer unter Desavouierung des Kunitzschen Lebenswerkes zu dem Ergebnis:

„Wir können also den Almagest so nehmen wie er sich gibt, nämlich als einen antiken Text, der in der Mitte des 2. Jahrhunderts in Alexandria als Summe des bisherigen astronomischen Wissens entstanden und hauptsächlich über die griechisch-byzantinische, arabische und lateinische Überlieferung auf uns gekommen ist.“ [Kr. 385 f.]

Kein Wort darüber, dass die lateinische Überlieferung von der griechischen und arabischen vollständig abhängig ist und deshalb bei der Beurteilung der frühen Almagest-Tradition überhaupt keine Rolle spielt – Kunitzsch arbeitet das in seinem Buch klar heraus.

Kein Wort auch darüber, dass wir bestenfalls von jenen 36 (sic!) Sternen, von denen Ibn as-Salah die Länge erwähnt, die Längenwerte des Ur-Almagest kennen (al-Battanis Sterntafeln bestätigen nur einige dieser alten Werte, sind sonst aber zu chaotisch, um weiterreichende Schlüsse zu erlauben). Von den Sternen, die nicht von Ibn as-Salah besprochen werden, können wir die ursprünglichen Koordinaten nur noch blind erraten. Das gilt auch für Krojers Leitstern Spica, der bei Ibn as-Salah nicht vorkommt. Spica hat in allen vorliegenden griechischen und arabischen Handschriften den Längenwert 26°40’ [K. 1991, 105]. Das bedeutet jedoch gar nichts, denn die Situation ist bei etwa ζ Leonis mit einer Länge von 0°10’ nicht anders. Für diesen Stern kennen wir aber zusätzlich die um 4° höhere (mit Illigs Theorie exakt übereinstimmende) alte Länge durch Ibn as-Salah.

Krojer bietet für diese und andere Abweichungen (es gibt auch Beispiele mit Längendifferenzen von 5°, was Krojer völlig übergeht, wenn er [Kr. 384 f.] mögliche Unterschiede des verwendeten Präzessionswertes erörtert) keine Erklärung an. Er nennt pauschal und unkritisch Abschreibfehler als Ursache [Kr. 382 f.] – obwohl Ibn as-Salah, der wie ein moderner Kritiker verschiedene Almagest-Versionen vergleicht und jeden von ihm vermuteten Abschreibfehler akribisch vermerkt, bei den genannten Beispielen Abschreibfehler gerade nicht geltend macht [vgl. auch Beaufort 2001/02, 41].

Zugute halten muss man Krojer, dass Kunitzsch selbst an zwei Stellen eine harmonisierende und deshalb verzerrende Bemerkung über den eigenen Befund macht. Krojer greift sie – und das muss man ihm wieder vorwerfen – als repräsentativ für Kunitzschs ganzes Werk heraus. Kunitzsch schreibt nämlich in seinem Ibn as-Salah-Buch:

“Das gesamte Spektrum dieser drei differierenden Blöcke [der alten, verschollenen Fassung und der beiden erhaltenen arabischen Versionen; JB] deckt sich völlig mit den auch für uns noch belegten Varianten in der griechischen Überlieferung” [K. 1975, 82; Hvhg. JB].

Ein Jahr zuvor hieß es im Almagest-Buch noch, dass

“die verschiedenen arabischen Versionen im wesentlichen das Spektrum der bereits aus der griechischen Überlieferung selbst bekannten Varianten widerspiegeln” [K. 1974, VIII; Hvhg. JB].

Diese Einschätzung kommt der Wahrheit zwar näher, verfehlt aber immer noch den entscheidenden Punkt. Würde sie stimmen, dann würde das bedeuten, dass die in den Übersetzungen verschollene Urfassung im Griechischen weitgehend erhalten geblieben wäre.

Unter den 36 von Ibn as-Salah diskutierten Sternlängen gibt es jedoch nicht weniger als 21 Werte mit arabischen Varianten, die sich in keinem griechischen Manuskript finden. Für einige andere Längen sind die arabischen Varianten lediglich als nachträglich hinzugefügte Superskripte in den griechischen Handschriften enthalten (was im übrigen ein weiterer Hinweis darauf ist, dass die nachphantomzeitliche griechische Überlieferung von der arabischen abhängig ist, und nicht umgekehrt – siehe unten). Leser mit Internet-Zugang können diese Angaben überprüfen [Kr. 2001].

Kunitzsch sammelt in einem späteren Werk sämtliche Werte der arabischen Almagest-Überlieferung, zu denen es kein Pendant im Griechischen gibt. Er braucht dafür sechs Seiten [K. 1986, 173-179]. Mit dieser Zusammenstellung widerlegt Kunitzsch seine eigene frühere, die Differenzen zwischen der arabischen und der griechischen Tradition herunter spielende Einschätzung. Als Gesamturteil über den Tradierungszustand des Almagest bleibt demnach festzuhalten:

  1. Die griechische Tradition ist relativ einheitlich. Es gibt zwar gelegentliche starke Schwankungen bei den Sternkoordinaten, aber sie erreichen nicht das Ausmaß, das uns die arabischen Handschriften darbieten. Auch gibt es nicht mehrere Textfassungen wie im Arabischen. Aus der griechischen Überlieferung allein ließe sich nicht auf eine Fälschung des Almagest schließen. Dieser Umstand muss aus der Sicht der Phantomzeittheorie bedeuten, dass die griechische Überlieferung insgesamt nachphantomzeitlich ist (tatsächlich werden die frühesten erhaltenen Handschriften konventionell ins 9. Jh. datiert).
  2. Im Arabischen liegen zwei unterschiedliche Textfassungen des Almagest vor, eine dritte – die älteste – ist verloren gegangen. Diese alte Version wich nachweislich stark von den heute vorliegenden Fassungen ab. Einige sehr wenige halbwegs verlässliche Angaben über sie besitzen wir dank dem Traktat von Ibn as-Salah. Zum Teil bestätigen sie Illigs Mittelalterthese. Zu den übrigen vorphantomzeitlichen Sternkoordinaten fehlt uns jegliche Information. Aus diesem Grund ist der uns heute vorliegende Almagest für die Berechnung des Fortschreitens der Präzession seit der Antike nicht mehr zu gebrauchen.

In einem Punkt hat Krojer schließlich recht. Er bezweifelt, dass eine byzantinische Fälschung in der arabischen Welt unbemerkt geblieben wäre. In meinem Almagest-Artikel vertrat ich noch die Auffassung, die Araber seien durch eine Fälschung des Konstantin VII. irregeführt worden. Ich schloss dies daraus, dass die griechische Überlieferung relativ einheitlich, die arabische dagegen extrem verworren war. In Wirklichkeit lässt sich aus diesem Umstand gar nichts ableiten. Mindestens genauso plausibel ist die Vermutung, persische und arabische Hofastronomen hätten absichtlich Verwirrung gestiftet. Im Grunde lässt sich das komplette Chaos der Sterntafeln des in der Abbasidenresidenz Rakka arbeitenden al-Battani (gest. 929) nur so verstehen.

Wie ich in den Dreißig Fragen zur Phantomzeittheorie ausführe [2002, Frage 21, 22], halte ich inzwischen ein Entstehen der Zeitfälschung im arabischen, genauer im abbasidischen Bereich für wahrscheinlich. Konstantin VII. hätte dann nur mitgemacht – wenngleich konsequenter und systematischer als die arabischen Urheber. Neben anderen Argumenten spricht für diese Sicht, dass Perser und Araber im Vergleich zu den Byzantinern nun mal die größeren Astronomen und Zeitspezialisten, obendrein auch die besseren Märchenerzähler waren.

Literatur

Beaufort, Jan (2001/02): Die Fälschung des Almagest I+II. Versuch einer Ehrenrettung des Claudius Ptolemäus; in: ZS 13 (4) 590-616 u. 14 (1) 32-48
- (2002): Dreißig Fragen zur Phantomzeittheorie; http://www.mantis-verlag.de/faq.html
Kr. = Krojer, Franz (2001): Zur Kritik der Koordinatenüberlieferung im Sternkatalog des Almagest; http://www.dbs.informatik.uni-muenchen.de/ikrojer/kunitzsch.html
- (2003): Die Präzision der Präzession. Illigs mittelalterliche Phantomzeit aus astronomischer Sicht. Mit einem Beitrag von Thomas Schmidt; München
K. = Kunitzsch, Paul (1974): Der Almagest. Die Syntaxis Mathematica des Claudius Ptolemäus in arabisch-lateinischer Überlieferung; Wiesbaden
- (1975): Ibn as-Salah: Zur Kritik der Koordinatenüberlieferung im Sternkatalog des Almagest mit Übersetzung, Einleitung und Anhang; Göttingen
- (1986): Der Sternkatalog des Almagest. Die arabisch-mittelalterliche Tradition. Band I: Die arabischen Übersetzungen; Wiesbaden
- (1991): Der Sternkatalog des Almagest. Die arabisch-mittelalterliche Tradition. Teil III: Gesamtkonkordanz der Sternkoordinaten; Wiesbaden
Nallino, Carolo Alphonso (Hg.; 1899): Al-Battani sive Albatenii Opus Astronomicum, pars IIII; Mailand

1 Es gibt eine dritte Möglichkeit, die Krojer [Kr. 377-380] erörtert: Ptolemäus, über dessen Leben praktisch nichts bekannt ist, könnte drei Jahrhunderte früher gelebt haben. Diese Möglichkeit ist ernster zu nehmen, als es Krojer tut. Es wären nur relativ wenige Stellen des Almagest zu fälschen gewesen – z.B. der von Krojer [Kr. 379] angeführte Passus, der die astronomische auf die politische Chronologie bezieht. Ptolemäus’ Beiname “Klaudios” – dessen Schreibweise, Herkunft und Bedeutung umstritten sind [K. 1974, 125 ff.] – könnte eine spätere Erfindung sein. Die Verwirrung der arabischen Überlieferung (s. u.) wäre dann auf die Unsicherheit über die Datierung des Almagest selbst zurückzuführen.

III. Krojer und die Auschwitzleugnung

Gunnar Heinsohn

Drei Jahrhunderte, die auf der Erde ohne Funde auskommen müssen, sollen durch astronomische Annahmen und darauf gestützte Berechnungen nunmehr wenigstens am Himmel verankert werden. Auch Franz Krojer will einen Groß-Alfred oder Groß-Karl, für die unstrittige Artefakte fehlen, kosmisch retten. Wie sähe die angemessene Eigenüberprüfung eines solchen Verfahrens aus? Ihre Vertreter müssten ihren Sachverstand mit denselben Methoden bei anderen Grundannahmen testen. Sie müssten z.B. von einer absoluten Zeitachse ausgehen, die – sagen wir – 300 Jahre länger ist als die jetzt akzeptierte. Dann müssten die alten Texte mit astronomischen Angaben, deren Aussagen ja durchweg Deutungen zulassen und für deren Erstellungszeit verschiedene Daten angenommen werden können, auf einen solchen Zeitraum hin ausgelegt und retrokalkuliert werden. Sodann müssten dieselben Texte unter der Annahme einer – sagen wir – 300 Jahre kürzeren Zeit ‘gelesen’ bzw. datiert werden, um wiederum die Retrokalkulationen vorzunehmen. Wenn sich auf allen drei Wegen ‘sinnvolle’ Resultate erzeugen lassen, kann die Methode nicht als zuverlässig gelten.
Da aber alle einschlägigen alten Texte Leerstellen haben, die von heutigen Philologen nach ihrem Glauben ergänzt werden müssen, und Maßangaben aufweisen, die in die heutigen mit allen daraus resultierenden Fehlerquellen übersetzt werden müssen, ist auch bei ehrlichstem Bemühen Willkür unvermeidlich und entsprechend das Errechnen ganz anderer Ergebnisse möglich.

Wegen Unterlassung der beiden Eigenkritiken schwächt Krojer sein Argument so erheblich, dass er ihm auf andere Weise Durchschlagskraft verschaffen will. Wer mit der Annahme arbeite, dass etwas nicht existiere oder nicht existiert habe, unternehme – so insinuiert er – nicht etwa eine der wichtigsten wissenschaftlichen Standardoperationen, sondern arbeite wie ein Auschwitzleugner. Krojer will dabei besonders geschickt vorgehen, indem er solche Anwürfe nicht selber formuliert, sondern andere zitiert, die das bereits getan haben [Kr. 349]. Er hätte diese anderen aber gerade für die Beiziehung ungehöriger Analogien kritisieren müssen, wenn er im wissenschaftlichen Kontext hätte bleiben wollen. Er hat am Ende also nicht nur die gebotene Selbstüberprüfung, sondern auch eine kritische Analyse seiner Zeugen unterlassen. In Wirklichkeit hat er sich bloß nach Bündnispartnern gegen Illig umgeschaut und nicht nach überzeugenden Argumenten für die Existenz von drei in Abrede gestellten Jahrhunderten. Das ist ein Verfahren, das in der Politik üblich ist, dem wissenschaftlichen Streit aber nicht angehören darf.

Bei aller Schäbigkeit von Krojers Vorgehen darf es gleichwohl nicht überbewertet werden. Der von ihm verursachte Hauptschaden liegt im Morschwerden der Verbalkeule. Wenn ihr Einsatz gegen wirklich böse Federn einmal unverzichtbar wird, erweist sie sich plötzlich als wirkungslos. Die Zeitgenossen haben dann so häufig erlebt, dass die Auschwitzkeule für unpassende Gelegenheiten – Stärkung einer politischen Position, Überspielung fehlender Argumente etc. – missbraucht wurde, dass sie selbst dann unansprechbar bleiben, wenn sie einmal dringlichst und dann sogar mit doppelter Wucht geschwungen werden muss. Das Vorgehen Krojers erleichtert den tatsächlichen Leugnern und Verharmlosern ihr Werk also dadurch, dass er sie gegen die Keule durch ihren übermäßig häufig wiederholten Einsatz immun macht.

Nun treffen Anwendungen der Auschwitzkeule nur in Ausnahmefällen Deutsche. Gegen die These von 300 fiktiven Jahren ist die Variante “so schlimm wie Auschwitzleugner” zum Zuge gekommen. Die wird im Gesamtspektrum des Auschwitzmissbrauchs aber viel seltener in Einsatz gebracht als die Variante „so schlimm wie Auschwitztäter”. Zählt man einmal hundert durchschnittliche Schläge mit dieser Waffe weltweit nach, dann sind in wohl 98 Prozent die Juden Israels das Hauptziel der Angriffe, und in beinahe ebenso vielen Fällen wird sie von Islamisten und ihren westlichen Sympathisanten eingesetzt. Israelis – so heißt es da unisono – täten Arabern und Muslimen an, was in Auschwitz Juden erlitten haben. Die hätten Nazimethoden oder betrieben einen Dauerholocaust gegen Palästina etc.
Wenn man nun in dieselbe Ecke wie das kleine Land in Nahost geknüppelt wird, dann steckt man noch lange nicht in derselben Gefahr wie seine bedrängten Bewohner. Erst wenn Krojer gewissermaßen Bomben in unseren Bus werfen wollte, wäre erhöhte Aufmerksamkeit vonnöten. Er würde uns dann dafür bestrafen wollen, dass die Eliminierung Groß-Karls aus der Historie so schlimm sei wie die Ermordung von Juden. Man muss nach den bisherigen Ausfällen darauf gefasst sein, dass die Verfechter des mediävistischen Dogmas auch nach dieser Variante greifen werden. Dass sie mit einem solchen Vergleich den Holocaust nun wirklich verniedlichen und dann in der Tat nahe bei seiner Leugnung landen würden, dürfte ihnen nicht einmal bewusst werden.

Literatur

Krojer, Franz (2003): Die Präzision der Präzession. Illigs mittelalterliche Phantomzeit aus astronomischer Sicht. Mit einem Beitrag von Thomas Schmidt; Differenz-Verlag, München

5 Kommentare zu “Das Scheitern der Archäoastronomie”

[...] im frühen Mittelalter? Vorheriger/Nächster Beitrag « Zeitensprünge 2003/02 | Home | Das Scheitern der Archäoastronomie » 31. Dezember 2003 um [...]

[...] Gegebenheiten der verlängerten Mittelalterchronologie angepasst worden (vgl. Beaufort (2001) und Illig/Beaufort/Heinsohn (2003)). Mit Theons Werk könnte eine entsprechende Manipulation vorgenommen worden sein. Wer solche [...]

[...] Jan (2003): Die Fälschung des Almagest und ihre Verdrängung durch Krojer; in: ZS 15 (1) [...]

[...] Gunnar (2003): Krojer und die Auschwitzleugnung (Das Scheitern der  Archäoastronomie III); in Zeitensprünge 15 (3) 516 [...]

[...] (2003): Das Scheitern der Archäoastronomie. Rückweisung der bislang gewichtigsten Kritik an der Phantomzei… Zeitensprünge 15 (3) [...]

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5. Mai 2003                     Kategorie(n): Fantomzeit

eingestellt von: ao

Das fundlose Frühmittelalter

von Heribert Illig und Gerhard Anwander (2003)

Heribert Illig / Gerhard Anwander (2002): Bayern und die Phantomzeit. Archäologie widerlegt Urkunden des frühen Mittelalters. Eine systematische Studie in zwei Teilen. Insgesamt 958 Seiten, 346 Abbildungen. 1. Auflage 2002, ISBN 3-928852-21-3 (amazon.de)

Die These, das frühe Mittelalter sei zum Teil eine Erfindung des späteren Mittelalters, rund 300 Jahre seien niemals Realität gewesen, ist nicht aus Sensationsgier heraus aufgestellt worden. Sie ist vielmehr die Antwort auf die unerhörte Fundarmut, die bislang das Frühmittelalter auszeichnet. Wer sich nicht von den vielleicht hundert Preziosen und Zimelien blenden lässt – von der Aachener Pfalzkirche über die Reichenau zum Lorscher Evangeliar, zum Codex Aureus von Regensburg und zu den wenigen Elfenbeinarbeiten der Hofschule Karls – , der muss feststellen, dass die Zeit zwischen 500 und 1000 viel zu wenige Spuren für eine aufkeimende Kultur, für eine exquisite karolingische Renaissance, aber auch für das Alltagsleben jener Zeit hinterlassen hat. Wo wäre ein Museum in Europa, das auch nur annähernd so viele Funde für das frühe Mittelalter wie für die römische Zeit Germaniens zeigen könnte? Die rund 400 Jahre Römerherrschaft haben Funde in einem Ausmaß hinterlassen, zu dem die fränkisch-alamannisch-bajuwarisch-sächsischen Funde in einer Relation von vielleicht 1 : 1000 stehen.

Es fehlt ja an allem: Die berichteten Pfalzen haben sich nur in minimalem Umfang erhalten, karolingische Klöster überhaupt nicht, Kirchen nur sehr wenige. Wo sind die Ansiedlungen? Viel zu wenige Siedlungen werden entdeckt. Die eilige Antwort, selbst die Pfalzen müsse man sich aus leicht verfallendem Fachwerkbau vorstellen, der nun einmal nicht nachweisbar sei, ist – mit Verlaub – kindisch, nachdem die Vorgeschichtler schon seit mehr als 100 Jahren steinzeitliche Hütten nachweisen können. Wäre karolingisches Holz wirklich besonders schnell verfault?

Weil das keine Antwort sein kann, musste eine bessere Antwort gefunden werden. Und sie liegt seit zehn Jahren in Gestalt der Phantomzeitthese vor, die nach einigen Jahren der Diskussion nunmehr von den Historikern einer „damnatio memoriae“ unterworfen worden ist. Bislang war solche Verdammung Potentaten wie Tuthmosis III. oder Stalin vorbehalten gewesen – nunmehr gefallen sich unter Wortführung von Prof. Michael Borgolte oder Rudolf Schieffer die Mediävisten in der Tyrannengeste.

Da es uns nicht um sich überschätzende Beamte (sprich: Professoren) geht, haben wir in aller Ausführlichkeit gezeigt, dass die europäische Fundarmut, genauer Fundleere im Frühmittelalter keine Erfindung ist, sondern sich präzise nachweisen lässt. Zu diesem Zweck haben wir uns den Freistaat Bayern in seinen heutigen Grenzen gewählt, also ein Areal von rund 70.000 qkm. Dieses Areal ist besonders aussageträchtig:

  • denn es wird durch den Limes in etwa halbiert. Seine nördliche Hälfte war nie römisch, während die Südhälfte römisches Staatsgebiet war und damit auch das Christentum als Reichsreligion hatte. Obendrein gehörte es unter Theoderich formal zum oströmischen Bereich, hatte also auch Kontakte zur stärksten Macht Europas.
  • Hier gab es bis 778 ein Herzogsgeschlecht, das mit den Karolingern verschwägert und mit den Langobarden verwandt gewesen sein soll, also gut innerhalb der europäischen Geschichte verankert scheint.
  • Hier hat es neben römischen und fränkischen Einflüssen viele weitere Einflüsse gegeben, die den bayerischen Schmelztiegel auszeichnen: also thüringische, alamannische, böhmische, generell slawische, awarische, ungarische und spätromanische (Walchen) Elemente.

Damit ist gesichert, dass Bayern zumindest Mitteleuropa, wenn nicht ganz Europa beispielhaft vertreten kann (Ähnlichkeiten zu irgendwelchen aktuellen politischen Geschehnissen sind rein zufällig).

Unsere Arbeit sollte nun die schriftliche Überlieferung mit dem archäologischen Befund fürs frühe Mittelalter konfrontieren.

Urkundliche Nennungen gegen Bodenfunde

Dazu mussten zunächst alle schriftlich genannten Orte jener Zeit erfasst werden. Das erwies sich viel schwieriger als erwartet. Denn die Urkundenspezialisten schwören zwar jeden Eid auf die von ihnen verwesten Urkunden, halten es jedoch nicht für nötig, eine entsprechende Liste aufzustellen. So stammt die letzte Arbeit von 1957 und bezieht sich nicht aufs heutige Bayern, sondern auf die Grenzen von 778, als etwa Südtirol und Teile Österreichs zu Bayern gehörten, nicht aber Schwaben oder Franken. Das Fehlen einer solchen Liste demonstriert einmal mehr die Hilflosigkeit gegenüber den Urkunden, weil niemand weiß, ob eine ortsnennende Urkunde seit der letzten Publikation als Fälschung entlarvt worden ist oder ob der Ortsname zu Recht mit einer bestimmten Ortschaft verbunden wird. Resultat: Man kann auf die Urkunden nicht bauen, sondern nur an sie glauben.
Wir haben unsere Suche bei der schönen Zahl 2.200 beendet. Damit ist auf jeden Fall dokumentiert, dass das einstige Bayern ein durchaus gut besiedeltes Land war, keineswegs ein ‘Urwald’ mit einigen klösterlichen Rodungsinseln.

Zum anderen suchten wir die Grabungsergebnisse und architekturhistorischen Erwägungen der letzten Jahrzehnte zusammen. Auch hier gibt es keinen kompakten Führer, sondern nur eine Vielzahl von Publikationen, die jede für sich kaum einen Überblick schaffen kann.
Als erstes Ergebnis ist festzuhalten, dass den 2.200 Schriftnennungen nur 88 archäologische Befunde entsprechen. Gemeint sind damit Siedlungsreste, Reste von Holz- und Steinkirchen, nicht zuletzt Flechtwerksteine (die zahlreichen Erdwerke und Reihengräberfelder sind separat untersucht worden, weil ihre Entstehungszeit einigermaßen willkürlich fixiert worden ist).
Selbstverständlich gibt es andererseits Befunde, die mit keiner Urkundennennung korrespondieren. Es sind sogar mehr, als der Urkundenlehre gut tut, nämlich59. Die Zahl liegt in derselben Größenordnung wie die von Orten mit Urkundennennung.

  • In der beigefügten Tabelle sind alle diese Orte aufgeführt, insgesamt 2.366.
    Die allermeisten Orte führen in der Erläuterung das folgende Sigel: <> O <>, das eine Urkundennennung ohne archäologische Bestätigung signalisiert.
  • Orte mit Urkundennennung und archäologischem Befund erkennt man daran, dass in der zweiten Spalte eine Jahreszahl und in der dritten Spalte (“ÜR”) eine gefettete Jahreszahl steht. Die Erläuterungen bringen dann einen Kurzhinweis und den Seitenverweis auf den Buchtext, in dem sämtliche Funde und Befunde abgehandelt sind.
  • Bei archäologischen Befunden ohne entsprechende Urkundennennung fehlt die Jahreszahl in der zweiten Spalte.

Erst der Gang durch die endlose Ortsnamenreihung macht plastisch, was hier alles fehlt: Nicht nur sämtliche Agilolfingerpfalzen und alle Karolingerpfalzen, auch die oft genannten Bischofspfalzen, nicht nur ein Münz-wesen unter den Agilolfingerherzögen, als hätten sie von ihren Verwandten nie von den Vorteilen des Münzschlagens gehört. Nein, auch das gesamte normale Leben jener Zeit, die zwar ohnehin keine Städte gekannt haben soll, aber doch Tausende von Ansiedlungen.

An dieser Stelle ist der Einwand zu erwarten, dass es aber immerhin 57 Siedlungen, 15 Flechtwerkfunde, 26 Holzkirchen und 70 Steinkirchen gegeben hätte. Die Existenz der wenigen Holz- und Steinbauten wird von uns in keiner Weise bestritten, sehr wohl aber ihre Datierung. Wir gehen ihr in jedem einzelnen Fall nach und kön-nen so zeigen, wie schnell eine Agilolfingerkirche ‘nachgewiesen’ ist. Man lege in eine spätgotischen Kirche eine Heizung und fördere ein altes Fundament zutage. Das ist nicht leicht datierbar, da sämtliche Zierformen fehlen. Aber da hilft der Blick in die Urkunden weiter. Ist da nicht bereits 774 von einer Kirche die Rede? Also haben wir ein agilolfingisches Fundament vor uns…

Schließlich haben die Archäologen genauso wie die Historiker ständig das Bedürfnis, das so fundarme Frühmittelalter mit Funden anzureichern. Und da bleibt es nicht aus, dass die Beigaben der Reihengräberfelder von ca. 600 bis nach 700 gedehnt werden, dass spätantike Funde jünger und frühromanische Funde älter gemacht werden. Nur so kann die Lücke einigermaßen kaschiert werden. Dieser Vorgang lief bislang in bester Absicht ab, seit einiger Zeit natürlich in der erkennbaren Absicht, die monierte Lücke immer besser zu schließen. Da kann es dann schon passieren, dass – wie in Sulzbach-Rosenberg – eine klar als ottonisch erkannte Burgkapelle in einen Karolingerbau verwandelt wird (innerhalb derselben Grabungskampagne) oder dass die Ramsacher Glocke binnen 24 Stunden zwei verschiedene Datierungen und verschiedene Herkunftsgebiete erhält, um sie nur endlich von der Realzeit in die Imaginärzeit zu verpflanzen (im Buch eingehend erläutert).

Wenn wir die Zeit von 500 bis 1000 nehmen, dann lässt sich die insgesamt ärmliche Fundsituation erheblich aufbessern, wenn drei dieser fünf Jahrhunderte entfallen und nicht mehr durch Funde belegt werden müssen. So lange dies nicht geschieht, bleibt das frühe Mittelalter die jammervollste Periode innerhalb der europäischen Geschichte, die uns scheinbar mehr Funde vorenthält als die Jungsteinzeit, als die keltische oder die Römerzeit – die nun alle deutlich älter sind als das Frühmittelalter und über weite Strecken nicht als Aufbruchszeit gelten können. Wir haben zum Vergleich die denkmalgeschützten Hügelgräber der Vorzeit, Keltenschanzen und römisches Fundgut mit aufgelistet.

Urkunden sind leicht fälschbar, Urkunden sind beliebig oft gefälscht worden – davon könnten die Diplomatiker ein Lied singen. Urkunden können deshalb nur dann für eine Zeit bürgen, wenn die von der Archäologie überprüfbaren Elemente dieser Texte auch zu einem Gutteil von den Archäologen bestätigt werden können. Wenn dies nicht geschieht, verwaltet die Wissenschaft Geisterreiche, die zwar auf Papier oder Pergament wunderbar wirken, doch in der Wirklichkeit niemals existiert haben. Dass sich der Glaube ans geschriebene Wort so lange halten konnte, ist wirklich ein Wunder.

Wie gesagt: Bayern steht nur als gutes Beispiel für ganz Mitteleuropa, ja für ganz Europa und die Alte Welt von Island bis Indonesien. Was sich vielerorts stichprobenartig abzeichnet, ist hier einmal durchexerziert worden: Das frühe Mittelalter (von 614 bis 911) ist nicht extrem fundarm, sondern fundleer. Daraus ergeben sich umstürzende Folgerungen: Im Buch ist nicht nur die fränkisch-bajuwarische Geschichte behandelt, sondern vor allem auch die Christianisierung von Mitteleuropa.

An dem grundstürzenden Befund dieses Buches kann auch eine astronomische Retrokalkulation oder eine damnatio memoriae nichts ändern. Es ändert sich nur die Einschätzung von Wissenschaftlern, die eine aufgeworfene Frage nicht beantworten, ein Problem nicht angehen wollen, weil die Antwort alles über den Haufen werfen würde. Die Bezeichnung „Wissenschaftler“ kann nicht mehr für solche ‘Bewahrer’ benutzt werden, die lieber verleumden oder totschweigen, als die eigenen Ergebnisse kritisch zu würdigen und die nötigen Schlussfolgerungen zu ziehen. Es sei an die jüngste und vielleicht letzte derartige Äußerungen erinnert, gemacht von Prof. Dr. Rudolf Schieffer:

„Wenn man gegen Illig sei, fühle er sich als Mittelpunkt der wissenschaftlichen Diskussion, und wenn man schweige, sage er, dass der Wissenschaft halt nichts Vernünftiges einfalle. Er, Schieffer, werde dennoch den Mund halten.“ (Süddeutsche Zeitung, 7.2.2003).

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30. Dezember 2002                     Kategorie(n): Inhaltsverzeichnisse, Zeitensprünge

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Zeitensprünge 2002/04

Zeitensprünge

Interdisziplinäres Bulletin
(vormalig ‚Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart’)
Jahrgang 14, Heft 4, Dezember 2002

Dieses Heft bestellen

596 Dominique Görlitz: Das vorzeitliche Schilfboot
Abora 2 kreuzte über das Mittelmeer. Konnten
bereits Seefahrer der Steinzeit gegen den Wind
segeln?
608 Meinhard Hoffmann: Ein Irrtum gebiert eine Wahr-
heit und findet einen Pharao
619 Manfred Zeller: Alles immer jünger?
629 Peter Winzeler: Lukas und die Seleukidenära
(Redatierungen des NT)
646 Werner Frank: Welche Gründe gab es für die Auto-
ren der Gregorianischen Kalenderreform 1582, die
Frühlings-Tagundnachtgleiche auf den 21. März
zurückzuholen?
656 Heribert Illig: Theoderich d. Gr. – Vorlage für Karl d. Gr.
672 Fabian Fritzsche: Dortmunder Leere
686 Anthelme Brillat-Savarin: Anrüchig-Morbides aus dem
Mittelalter
689 Franz Siepe: Auch Bernd I. Gutberlet revidiert Geschichtsirr-
tümer. Eine Rezension
692 Klaus Weissgerber: China zwischen Han und Tang
(Sinaica IV)
736 H. Illig: Von lesenswert bis ungelesen. Ein
Florilegium
746 Walter Klier: Das Rätsel Shakespeare, neu bedacht
von Mr Sobran
750 H. Illig: Aozonloch ade? Ein Nachtrag
595 Editorial
752 Register für den Jahrgang 2002

ISSN 0947-7233

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30. Dezember 2001                     Kategorie(n): Artikel aus den ZS, Fantomzeit, Zeitensprünge

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Karl der Einfältige (898/911-923) – Imitator oder Urmuster?

Ist er mit Carolus-Münzen und KRLS-Monogrammen lediglich ein nichtswürdiger Imitator Großkarls oder liefert er das Urmuster für den Überimperator und die restlichen frühmittelalterlichen Karls-Kaiser?

von Gunnar Heinsohn (Zeitensprünge 4/2001)

Die Initiation des Sammlers mittelalterlicher Münzen

Angehende Münzsammler werden von professionellen Ratgebern gerne damit ermutigt, dass sie insbesondere für das Mittelalter durchaus noch eigen-ständige Funde machen können. Immer wieder werden nicht nur Varianten bereits bekannter Münzen, sondern auch bisher nie gesehene Typen entdeckt. Dem ambitionierten Novizen wird aber auch umgehend nahe gebracht, wie er sich verhalten muss, wenn er seine Passion mit wissenschaftlichem Anspruch nachgehen will. Um ein gekauftes – und erst recht ein selbst gefundenes – Stück im Sinne der Fachdisziplin einordnen zu können, muss er genaue Kenntnisse der Zeitskala besitzen, denn Münzen „dienen [...] der Chronologie“ [Grasser 1976, 8]. Überdies muss er über eine „Regententabelle“ [ebd., 310] verfügen, damit er seinen Fund dann einem bestimmten weltlichen oder kirchlichen Herren korrekt zuweisen kann.
Dem angehenden Sammler wird also nicht aufgetragen, mit Hilfe seiner Entdeckung und der zugehörigen archäologischen Fundlage eine vorgefundene Chronologie oder die gerade gelehrte Herrscherliste auf ihre Stichhaltigkeit zu prüfen oder sie gar in Frage zu stellen. Vielmehr soll er ihr „dienen“. Der Außenstehende würde vielleicht vermuten, dass Wissenschaftlichkeit sich gerade durch einen solchen Prüfauftrag zu definieren hätte. Die Fach-mediävistik jedoch sieht das ganz anders. Man tritt ihr mit der Unterstellung keineswegs zu nahe, dass der herrschende Zeitrahmen für die Geschichte das härteste Dogma der Geisteswissenschaften abgibt. Es lässt sich über fast alles – Motive, Ursachen, Auswirkungen etc. – innerhalb der Geschichte kontrovers diskutieren, aber die Platzierung der Ereignisse und Herrscher auf der Zeitskala gilt mindestens ab dem -1. Jtsd. als unumstößlich. Die Chronologie ist heilig.
Nicht nur der gestandene Professor, sondern jeder Gebildete versteht sich als Kenner der Chronologie, weil er ihre Jahreszahlen ja permanent verwendet. Die besten Köpfe unterscheiden sich von den weniger begnadeten lediglich dadurch, dass sie die wichtigsten Daten und Namen der Geschichte auswendig hersagen können – oft schon seit der Schulzeit. Wer die Jahreszahlen nicht im Kopf hat, kennt zumindest renommierte Geschichtswerke, in denen er sie schnell und – da ist er überzeugt – zuverlässig nachschlagen kann.
Nirgendwo auf der Welt gibt es Studiengänge oder wenigstens Fachinstitute, die sich mit den Grundannahmen und Kontroversen aus den Zeiten der Erstellung der heute gelehrten Chronologie befassen. Regelmäßige Vorlesungen über die Geschichte der Chronologiebildung werden nicht angeboten. Selbst Blicke auf einzelne Aspekte der Chronologie durch sogenannte Hilfswissenschaften bilden die Ausnahme. Zentralprobleme wie die Diskrepanz zwischen Menge und Länge der historischen Epochen in den Lehrbüchern und den stratigraphisch wirklich ergrabenen Stufen der Geschichte in der Erde bleiben in den Universitäten dieser Welt ohne systematische Behandlung.
Dass die heute gelehrte Weltchronologie zwischen dem 10. und 17. Jh. zusammengestückelt worden ist und bereits mit den Werken des Franko-Italieners Joseph Justus Scaliger (1540-1609) De emendatione temporum (1583) sowie Thesaurus temporum (1606) kanonisiert war, gehört nicht zum gymnasialen Wissenskanon. Es gab damals keine Quellenkritik, keine Archä-o-logie, keine internationalen Abgleiche und keinerlei natur-wissenschaftliche Methoden. Dennoch hätten die Chronologiebastler wie durch höhere Fügung im wesentlichen gleich alles richtig gemacht. Warum lichte Köpfe wie Isaac Newton [1728] noch über hundert Jahre später diese Kombinationen aus frommen Überlieferungen und mystischen Zahlen-rhythmen zurückgewiesen haben, wird nicht zu Gehör gebracht.
Gleichwohl werden dem Sammler mittelalterlicher Münzen diese Sachverhalte nicht eigentlich verschwiegen. Er hört dazu vor allem deshalb rein gar nichts, weil die Autoren der fachlichen Ratgeber ohne jeden Arg den Glauben an die Heiligkeit der Chronologie und der in sie eingefügten Herrscherlisten teilen. Sie können ihre Leser schon deshalb nicht täuschen, weil sie ohne jedes Bewusstsein darüber sind, dass sie mit der Chronologie ein von fehlbaren Menschen aufgestelltes Dogma vertreten.

Karl der Einfältige

(898[König]/911[Imperator]-923; geb. 879, gest. 929) Imperialer karolingischer Dynastiestammvater und angeblich beschämender Imitator der übrigen karolingischen Karle.

Abb. 1

Den 1090. Geburtstag Frankreichs feiert mancher am 20. Dezember 2001, denn am 20. Dezember 911 soll Karl der Einfältige sich erstmals nicht nur – wie seit 898 – ohne ethnische Spezifikation als König (rex), sondern als rex Francorum bzw. König der Franken bezeichnet haben. Es sei durch ihn an diesem Tag – allerdings an unbekanntem Ort – das erste Diplom für Lothringen begeben worden, dessen Gewinn seine Großreichsposition bestätigt. Kurze Zeit später – im Januar 912 – habe Karl dann auch unstrittig im lothringischen Metz residiert. Seine Wege sind nicht immer leicht nachzuvollziehen, weil so viele seiner Urkunden unter noch nicht geklärten Umständen verloren gegangen sind. Man geht – 1949 – davon aus, dass lediglich 27 Originale aus dem 10. Jh. erhalten sind. Von weiteren 97 Akten gibt es bestenfalls spätere Erwähnungen und Kurzauszüge oder auch sogenannte Kopien, deren Wahrheitsgehalt nicht geprüft werden kann, da sie erst zwischen dem 12. – 15. Jh. verfertigt wurden und von den Originalen nicht ein einziger Schnipsel gefunden werden konnte [Lauer 1949, I ff.].
Die Nachfolger Karls haben den rex Francorum-Titel dann im Sinne von König der Franzosen und nicht so sehr vom König der Franken bis 1223 (Tod Philipps II. August) weiter verwendet. Nach über 300 Jahren also sind sie erst zum rex Franciae übergegangen. Die Mediävistik ist verwundert darüber, dass Karl den Titel rex Francorum zwar zu seiner Zeit wie eine Neuschöpfung aussehen lässt, in Wirklichkeit aber nur ein Imitat der „frühen Karolinger“ liefert [Schneidmüller 1991, col. 970; s. bereits Eckel 1899, 97], die selbst nach rätselhafter Pause von weit über hundert Jahren an die Verwendung dieses Titels bei den Merowingern anknüpfen. Denn des Einfältigen voller Name (Intitulatio) aus dem Jahre 911 lautet Karolus divina propitiante clementia rex Francorum vir illustris. Er ist identisch mit dem Titel zweier früherer Karle – Großkarl „zwischen 769 und 774 sowie Karlmann zwischen 769 und 772“ [Ehlers 1985, 25]. Das Kürzel R F findet sich sogar schon auf Münzen, die in das Jahr 754 Pippins des Kurzen platziert werden.
In der Titulatur wird von Karl dem Einfältigen also nicht nur anderthalb Jahrhunderte zurückgegriffen, sondern überdies auch gleich noch ein zweites Mal der Beginn eines universalen Frankenreiches feierlich markiert. Das gilt als mysteriös, weil mit dem Bonner Reichsteilungsvertrag von 921 – dazu gleich mehr – gerade während der Herrschaft Karls die Teilung des Frankenreiches in Ost und West, in Deutschland und Frankreich erfolgt.
Warum der rex Francorum-Titel vor Karl dem Einfältigen verloren gehen konnte bzw. warum mit ihm zweimal – zuerst unter Großkarl/Karlmann und dann wieder unter dem Einfältigen – begonnen wurde, ist der Mediävistik niemals verständlich geworden. Denn anschließend hat man keinerlei Schwierigkeiten damit, den Titel über etliche Jahrhunderte ungebrochen durchzuhalten. Zwischenzeitlich – so wird einstweilen spekuliert – sei das Francorum überflüssig geworden bzw. habe das bloße rex ausgereicht, weil kein

„christliches Königtum vorhanden war, von dem sich das fränkische durch ethnischen Zusatz hätte abheben müssen“ [Ehlers 1985, 26].

Hier gelingt den Gelehrten in ihrer Erklärungsnot eine interessante Kapriole. Weil Karl seine 898 begonnene Großreichspolitik für alle Franken schließlich aufgeben musste – allerdings erst im Jahre 921 zu Bonn (dazu gleich mehr) – hat er schon im Jahre 911 mit seiner Intitulatio signalisiert, dass er eigentlich nur eine französisch „regionale Konsolidierungspolitik vorantreiben“ wollte [Ehlers 1985, 26 f.]. Weil sich Karl in der Tat am Ende auf das Franzosenreich beschränken muss, habe er in Wirklichkeit auch nie etwas anderes gewollt.
Nach dieser Lehre mache sich also Karl im Jahre 898 sehr erfolgreich an das Schmieden eines Großreichs, das er 911 mit dem Gewinn Lothringens auch realisiert. Dann jedoch scheitert er im Jahre 921. Er habe dieses Fiasko aber nicht nur vorausgeahnt, sondern von vornherein erstrebt und sich deshalb listigerweise schon auf dem Höhepunkt seiner imperialen Macht im Jahre 911 einen Titel (rex Francorum) zugelegt, der nicht nur als Franken-, sondern auch als bescheidener Franzosenkönig gelesen werden kann. Im Angesicht der Niederlage konnte er dann unschuldig verlautbaren: &Mac226;Ihr Toren, ich wollte eh’ nur das kleine Franzosenland und nicht als Kaiser das ganze Frankenland. Nicht ich habe verloren, sondern ihr seid alle an der Nase herumgeführt worden’.
Solch atemberaubender Gedankenaufwand – nicht Karls, sondern der Mediävistik – hätte sich längst erübrigt, wenn die Möglichkeit einer Fehlverwendung von Dokumenten Karls des Einfältigen, die jetzt als verloren gelten, für die quellenmäßige Unterfütterung fiktiver früherer Karle ins Auge gefasst würde. Dafür jedoch müsste die Mediävistik über sich selbst nachdenken und nicht über allerlei Durchtriebenheiten Karls des Einfältigen.
Erst siebzig Jahre nach dem Tode Karls (929) erscheint in der Literatur ab etwa 1000 der cognominatus simplex (in den Miracula s. Apri aus Toul). Man wollte damit womöglich die Schlichtheit bzw. Gutmütigkeit des Herrschers zum Ausdruck bringen, so dass auf Deutsch besser vom einfachen als vom einfältigen Karl zu reden wäre. Von direkten Zeitgenossen gibt es allerdings nichts, was auf einen verminderten Status Karls vor 921 verweist. Das alles gehört schon in die frei schaffende Historiographie und nicht in die belegbare Geschichte.
Man sollte erwarten, dass eine Nation über ihren ersten König sehr gut Bescheid weiß, sich zumindest entschieden für ihn interessiert. Für Karl hingegen ist das wissenschaftliche Interesse immer bescheiden gewesen. Ihm zuzuweisende Karolus-Dokumente seien – aufgrund der immer wieder beklagten Verluste – extrem rar. Das erstaunt, weil er ja spät kommt und in die ab dem 10. Jh. einsetzende Blütezeit des Mittelalters hineinführt. Da sollte der Stoff gerade reichlicher fließen. Hingegen hat man früheren Karolus-Figuren aus der eher dunklen Zeit des 8. und 9. Jhs. ungleich mehr Dokumente und Münzen zugewiesen.
Für Karolus Simplex wird es 1844, bis ihm erstmals eine – gerade fünfzigseitige – Broschüre gewidmet wird [Borgnet]. Insgesamt braucht es von Karls Titulatur rex Francorum 988 Jahre, bis die erste veritable Monographie über ihn erscheint. Erst im Jahre 1899 nämlich legt Auguste Eckel mit Charles le Simple eine schmales Bändchen von 168 Seiten vor. Es ist bis heute das einzige geblieben, weshalb es im Jahre 1977 in einem Reprint von neuem zugänglich gemacht wurde.
Es mutet bei erstem Zusehen ein wenig paradox an, dass die These von der Existenzlosigkeit des dreihundertjährigen Frühmittelalters aus der bautenlosen Zeit vom frühen 7. bis zum frühen 10. Jh. gerade den einfältigen Karl, über den man doch so rätselhaft wenig weiß, als realen Karolinger in den Büchern belässt:

„Zum besseren Verständnis sei hier eingeflochten, dass [...] in Westfranken von 911 bis 987 eine Karolingerlinie in der Geschichte und an der Herrschaft bleibt. So ließe sich auch die immer wieder gestellte Frage, ob es nicht doch einen ‘kleinen’ Karl gegeben habe, der dann groß gemacht wurde, dahingehend beantworten, dass ‘der zur Hälfte reale’ Karl der Einfältige (879-929, reg. 898-922) zum Namenspatron für einen äußerst klugen und großen Karl gemacht worden sein könnte“ [Illig 1998, 60 f.; s.a. 1999a, 80].

Der Autor hat sich der These von Simplex-Karl aus dem 10. Jh. als der Originalvorlage für die anderen bzw. ,früheren’ karolingischen Karle des 8./9. Jhs. angeschlossen [Heinsohn 1997]. Für Simplex müssen die an sich schon spärlichen echten Dokumente und Münzen deshalb – und keineswegs rätselhaft – so rar sein, weil die meisten von ihnen für die fiktiven Karle der archäologielosen Zeit zwischen 750 und 900 in Einsatz gebracht worden sind.
Ungeachtet ihrer Nöte mit der Interpretation und Quellenarmut von Karolus Simplex ist für die herrschende Lehre doch unstrittig, dass schon die kargen Überbleibsel seinen „Anlauf zu karolingischer Hegemonialpolitik“ [Schieffer 1977, 187] unmissverständlich herausstellen. In seinen imperialen Zielen muss sich Simplex also vor Figuren wie Großkarl, Kahlkarl und Dickkarl nicht verstecken. Ab 898 verfolgt er „sein Konzept karolingischer Restauration“ [Ehlers 1985, 25]. Und wie Großkarl führt er ein kaiserliches Siegel mit Lorbeerkranz [3 Abb. bei Lauer 1949, Taf. IV], obwohl die Mediävisten ihn als Kaiser nun wirklich nicht wollen. Simplex-Karl unterscheide sich von Großkarl und den übrigen Karlen allerdings elementar dadurch, dass er nun einmal lediglich der „letzte“ Karolinger gewesen sei, der – nur kurzfristig und obendrein unvollkommen – von 911 bis 921 West- und Ostfranken in einem Großreich zusammenfassen konnte. Allerdings sei er nicht einmal dabei Kaiser gewesen (Abb. 2).

Abb. 2

Karls bitterer Bonner Reichsteilungsvertrag vom 7. November 921, den er 911 schon listig vorausgesehen habe, bringt formal die Entstehung Deutschlands – mit Heinrich I. – und Frankreichs mit ihm selbst als Herrscher. Diese Teilung von West- und Ostfranken verstört dadurch, dass sie wie eine Nachahmung des Teilungsvertrages aus dem Jahre 843 (Verdun) anmutet, der in die zur Streichung vorgeschlagene 300-Jahr-Periode fällt. Die Mediävistik hat sich [Ehlers 1985, 11] bekanntlich keinen Reim darauf machen können, dass das im Ergebnis von Verdun

„Karl dem Kahlen zugefallene Westreich im wesentlichen die Ostgrenze zum mittelalterlichen deutschen Reich seit 925 vorwegnahm.“

Die 925er Grenze ist die von Karl dem Einfältigen in Bonn akzeptierte. Die merkwürdige historische Verdopplung der Grenzziehung – einmal 843 und dann wieder 921 – würde bei Streichung von 300 Jahren zwischen dem 7. und 10. Jh. entfallen. Es gibt aber auch noch die Verdreifachung des 921er Teilungsvorhabens im Wormser Reichstag von 829 sowie seine Vervierfachung in der Divisio regnorum von 806. Die Vierfachverwendung lediglich einer Reichsteilung durch die Mediävisten wäre mithin das Resultat ihrer Not, leere Zeiträume mit Aktivität beleben zu müssen.
Die Titulaturen Karls und Heinrichs unter dem Bonner Vertrag von 921 machen nun vollends deutlich, dass Karls rex Francorum von 911 nie und nimmer eine Beschränkung auf das Franzosenland und den Verzicht auf eine Kaiserposition des vir illustris ausgedrückt haben kann, sondern auf ein fränkisches Imperium zielte und nichts sonst. Denn beide Herrscher nennen sich in Bonn rex Francorum. Karl erhält nun jedoch den mindernden Zusatz occidentalium und wird damit König der westlichen Franken. Heinrich hingegen erhält den Zusatz orientalium und wird damit auf das Königtum der Ostfranken beschränkt [Ehlers 1985, 30]. Hätte Karl schon 911 das Projekt lediglich eines Franzosenlandes vorangetrieben, dann hätte er sich eben damals schon als rex Francorum occidentalium bezeichnen müssen. Es ist in diesem Jahre 2001 am 7. November also erst der 1080. und nicht schon – bezogen auf 911 – der 1090. Geburtstag Frankreichs zu feiern. Auch Deutschland erreicht am selben Tag dasselbe Alter – keine Bonner Republik, aber halt doch das Bonner Reich.
Dafür könnte man am 20. Dezember 2001 die 1090. Wiederkehr des Gründungstages des fränkischen Groß- und Kaiserreiches begehen. Es dauerte nicht von 614 (ab Arnulf von Metz gerechnet) oder 751 (ab Pippin dem Kurzen gerechnet) bis 921, sondern nur ein Jahrzehnt von 911 (rex Francorum-Titulatur Karls) bis 921 (Bonner Reichsteilung zwischen Karl als nur noch rex Francorum occidentalium und Heinrich als nun immerhin rex Francorum orientalium).
Die Kindheit Karls, die jetzt an das Ende des 9. Jhs. datiert wird (879-895), gehört dann realhistorisch – bei Wegfall von 300 Phantomjahren – an die Wende vom 6. zum 7. Jh. Wie Großkarl einem Pippin folgt, gerät durch die Streichung von drei Jahrhunderten auch der imperiale Karolus Simplex in die Zeit eines Pippin, also des großen Majordomus (Hausmeiers), der im 6./7. Jh. lebt und zusammen mit Arnulf von Metz das Chaos im merowingischen Austrien machtvoll beendet (dazu gleich mehr).
Sich überhaupt einem Großreichsprojekt verschrieben zu haben, trägt Karolus Simplex immer wieder strengen Tadel aus der Mediävistik ein. Der „übersteigerte Anspruch auf Herrschaft über alle Franken“ [Schneidmüller 1991, 970] passe eben nur zu einem Großkarl und wird Simplex entschieden übel genommen. Bei einem Letztkarolinger verkomme dieser Ehrgeiz zu einer regelrechten Kaiserpersiflage. Gleichwohl ist für die herrschende Lehre unstrittig, dass Karl der Einfältige ganz wie sein angeblicher Urahn als Dynastiengründer auftritt. „Als Stammvater einer neuen und letzten, nur noch westlichen Karolingerlinie“ [Schieffer 1977, 187] von 911- 987 werde er aber eben nur zum Gründerkönig des
Franzosenreiches, nicht jedoch eines universalen Imperiums der Franken.
Nun ist durchaus die Pointe versucht worden, das Werden Europas nicht so sehr an die legendäre Kaiserkrönung Großkarls von 800 zu binden, sondern an Karl den Einfältigen als „letztem“ der gesamtfränkischen Karle. Europa ist – so Walter Schlesinger [1965, 794] – „zwar nicht aus dem Karlsreich, aber doch aus der Auflösung des Karlsreiches entstanden“, die Karolus Simplex 921 besiegelt. Wenn man aus dem „nicht aus dem Karlsreich“ ein „nicht war das Karlsreich“ machte, könnte der Satz Sinn gewinnen. Es ist dann nur ein einziger Karl, der – nach den zerstrittenen Franken der Merowingerzeit des frühen 7. Jhs. – für lediglich eine Dekade das fränkische Großreich realisiert, es dann aber nicht halten kann und die Bildung einer deutschen Nation mit ihrem rex Francorum orientalium und einer französischen Nation mit ihrem rex Francorum occidentalium entschieden wider-willig hinzunehmen hat.

„Denn es war natürlich eine gravierende ,capitis diminutio’ [Hauptesverminderung], dass Karl III. seinen Titel als rex Francorum mit Heinrich I. teilen musste“ [Brühl 1990, 173].

Das Unbehagen der modernen Historiker an Karl dem Einfältigen ist fast in jedem ihrer Texte mit Händen zu greifen. Er komme nicht nur spät, sondern schaffe dann mit dem zehnjährigen Großreich nichts wirklich Großes oder doch nichts Neues und benehme sich dabei entweder unglaublich listig oder unerträglich unreif, aber niemals kaiserlich. Denn er stiebitzte nicht nur den Titel rex Francorum. Obendrein „ahmte [er] Monogramm und Siegel Karls des Großen und Karls des Kahlen nach“ [Schneidmüller 1991, col. 979]. Sogar volle drei Karle – Karlmann, Großkarl und Kahlkarl – werden da von Karolus Simplex ausgebeutet, um eigentlich nur ein kleines Franzosenland zu repräsentieren. Wir werden sehen, dass er bei der Münzprägung den Text- und Formenschatz von noch mehr Karlen hemmungslos zu plündern scheint. Auch da führt er sich auf wie ein Kaiser, der er nach herrschender Mediävistik in keinem Falle sein darf. Erstaunlicherweise und doch konsequent erwähnt Simplex nicht einmal die ihm angeblich vorangehenden und imitierten Karle.
Karl der Einfältige würde vor der Zunft der Mediävisten ganz anders dastehen, wenn er all die für ihn unstrittigen Dinge als Erster gemacht hätte. Aber durchweg nur abzukupfern und nachzuahmen und dabei doch immer wieder nur wie ein blutiger Anfänger auszusehen, mutet so dreist und zugleich unbedarft an, dass die Historiker sich mit ihrer Geringschätzung des Mannes kaum genug tun können.

Verblüffende historische Parallelen

zwischen dem Frankenreich des 6./7. und des 9./10. Jahrhunderts

Bevor wir uns weiteren Übereinstimmungen zwischen Karolus Simplex und den anderen Karlen zuwenden, sei noch einmal in Erinnerung gerufen, welche historischen Konstellationen der Franken bei Streichung von etwa drei frühmittelalterlichen Jahrhunderten direkt aneinander rücken würden. Es ist ja längst gesehen worden [Illig 1999a, 79 f.], dass im frühen 7. und im frühen 10. Jh. diejenigen Gebiete, die heute von Frankreich und Deutschland eingenommen werden, mit verblüffend ähnlichen Problemen zu kämpfen haben. Das Machtloswerden der Zentralgewalt in Paris stellt dabei die bekannteste Parallele dar. Sie ist auch der herrschenden Lehre wohl bekannt. So hatte Karl der Einfältige zu Beginn des 10. Jhs. hinzunehmen,

„dass das bedeutende weltliche und geistliche Königsgut des Pariser Raumes nicht etwa ihm selber heimfiel, sondern an Robert überging. Karl duldete und sanktionierte in solcher Weise die vorerst freilich noch fluktuierende Ausformung starker Mittelgewalten, der großen französischen Lehnsfürstentümer“ [Schieffer 1977, 185].

Diese Adligen beginnen denn auch im 10. Jh. mit eigenen Münzprägungen [Poey d’Avant 1858]. Ganz ähnlich forderte 300 Jahre zuvor

„der Adel auf der Synode und Reichsversammlung zu Paris (614) seinen Anteil an der Herrschaft. [...] Die Grafen sollten in Zukunft nur aus den im Gau eingesessenen Grundbesitzern ernannt werden. [...] Der Graf war nicht mehr nur Beamter, sondern Fürst in seinem Gau, Teilhaber an der Herrschaft im Reich“ [Löwe 1964, 102].

Merkwürdigerweise fehlen dann aber die zu erwartenden Adelsmünzprägungen.
Zweimal im Zeitraum von 300 Jahren wird hier die römisch-kaiserliche Verwaltungsstruktur ausgehebelt bzw. „germanisiert“. Diese Synthese „römischer und germanischer Elemente“ [Löwe 1964, 102] macht zum Abschluss der Eroberung des römischen Imperiums durch germanische Stämme im 6./7. Jh. ihren Sinn. Warum sich die Germanisierung nach drei Jahrhunderten germanischer Herrschaft im 9./10. Jahrhundert dann noch einmal abgespielt haben soll, ist immer unbegreiflich geblieben.
Die Parallelen zwischen dem frühen 7. und dem frühen 10. Jh. enden jedoch nicht mit dem zweimaligen Mächtigwerden des französischen Adels. Sie sind aus jedem historischen Kompendium (für die Merowinger etwa Bleiber [1988] oder Ewig [1988]; für die Karolinger zahllose Studien) leicht herauszuziehen und sollen hier nur tabellarisch präsentiert werden:

Tabelle

Es sind solche Parallelen und die dazwischen liegende dreihundertjährige Zeit ohne archäologisch nachweisbare Bauten, aus der die Phantomzeitthese gewichtige Argumente zieht. In die 300 Jahre fallen nicht nur 150 karolingische, sondern davor auch 150 sogenannte Zerfallsjahre des Merowingerreichs, dessen klerikale Gliederung in Abb. 1 gezeigt wird.

Das Monogramm Karls des Einfältigen und weiterer Karle

Wenn jemand Großkarl prägnant verdichten will oder einem Leser blitzartig signalisiert werden soll, dass es nun um den Überkaiser geht, wird das Karlsmonogramm gewählt. Man könnte sagen, die Beschreiber Großkarls haben gar keine andere Wahl. Sie müssen das Signum KRLS wählen, um die Einzigartigkeit des Mannes unzweideutig präsent zu machen. Als 1965 das gewaltige Kompendium Karl der Große: Lebenswerk und Nachleben in fünf Bänden erschien [Beumann et al. 1965-68], prangte auf jedem Leineneinband in Gold das KRLS-Monogramm und sonst nichts. Als 35 Jahre später aus der Bremer Mediävistik Karl der Große: Herrscher des Abendlandes. Biographie [Hägermann 2000] in einem dicken Folianten herauskam, schmückte auch dessen Leineneinband nur ein goldenes Karlsmonogramm (Abb. 3). Einem möglichen Vorwurf mangelnder Originalität ist der Bremer Autor durch Auswahl einer anderen Ausführung des KRLS-Monogramms zuvorgekommen (Abb. 4).
So versessen sind die Großkarl-Autoren auf das Außerordentliche ‘seines’ KRLS-Monogramms, dass sie den Leser gern im Unklaren darüber lassen, dass auch andere Karle dieses Signum zur Unterzeichnung von Dokumenten und zur Beschriftung von Münzen verwendet haben. Am ehesten erträgt man noch Kahlkarl, weil der ja auch Kaiser gewesen sei. Aber mit Karolus Simplex, der das KRLS-Monogramm ebenfalls führt, tut man sich extrem schwer. Man kann sich einfach keinen Reim darauf machen, dass der sich anmaßt, monogrammatisch als Kaiser daherzukommen. Der Mann wirkt einfach großtuerisch und peinlich. Selbst so ein ungemein genauer und mit seinem archivalischen Fleiß restlos imponierender Autor wie Clemens Maria Haertle unterschlägt Karolus Simplex in einer Gesamtübersicht der karolingischen Münzmonogramme (Abb. 5), obwohl er über die Simplex-Münzen ausführlich berichtet. In diesen Einzelbeschreibungen weist er dann das KRLS-Monogramm fünfzehnmal für Simplex nach [Haertle 1997, 875, 890, 901, 907-911].
Wo explizit einmal darauf hingewiesen wird, dass der Einfältige „Monogramm und Siegel Karls des Großen und Karls des Kahlen nach[ahmte]“ [Schneidmüller 1991, col. 979], werden die Imitate dem Leser gleichwohl nicht gezeigt. Sind sie so plump gehalten, dass man sie gleich erkennen kann oder haben sie die Qualität echter Fälschungen? Wie aber könnte da einer fälschen, ohne den Zeitgenossen aufzufallen? Was hätten denn seine Vertragspartner von ihm denken müssen, wenn er sich statt Abzeichnung mit einem eigenständigen kleinfranzösischem Signum plötzlich mit einer längst außer Gebrauch gekommenen KRLS-Unterschrift von fränkischen Kaisern wichtig machte?
Veröffentlicht sind zwei Versionen des KRLS-Signums auf Karolus Simplex-Urkunden (Abb. 6) seit über einem halben Jahrhundert [Lauer 1949]. Als der Autor sich das einschlägige Werk in der Bibliothek der Universität Bremen – einem Zentrum der Großkarlsforschung – besorgte, war es noch nicht einmal aufgeschnitten. Man erkennt an den Abbildungen umgehend, dass die &Mac226;Nachahmungen’ keine vagen Annäherungen an das &Mac226;Original’ oder gar plumpe Verschleifungen darstellen, sondern von Großkarls KRLS-Signum nicht zu unterscheiden sind, wenn man davon absieht, dass eben jede Monogrammausführung als Handarbeit ein Unikat darstellt.
Auch in der herrschenden Lehre ist man sich darüber einig, dass von gut 250 Urkunden, die momentan Großkarl zugewiesen werden, schon jetzt über 100 als Fälschungen ausgeschieden werden müssen. Bei den Merowingerurkunden sieht man den gefälschten Anteil sogar bei über 60 Prozent [Kölzer 2001]. Auch wenn der Anteil noch viel höher liegen sollte, dürften am Ende genuine Stücke übrig bleiben. Diese müssen außerhalb der zur Streichung vorgeschlagenen 300 Jahre ihren Platz finden, wenn die Phantomzeitthese ihre Falsifizierung abwehren will. Mit Karolus Simplex ist nun ein Kandidat gefunden, der – ungeachtet der Pikiertheit unserer Mediävisten – Titel, Signum und Siegel nicht weniger kaiserlich führt bzw. ausführt als die zu streichenden kaiserlichen Karle. Was von denen als echtes Material erwiesen wird, ist also darauf zu überprüfen, ob es dem für beide Seiten der Kontroverse in den Büchern bleibenden Simplex ohne Schwierigkeit zugewiesen werden kann.

Münzen

Dass die Idee zum Karlsmonogramm griechisch bzw. byzantinisch inspiriert ist [Martin 2000, 100 ff.], wirkt sehr plausibel. Ob die Anregungen erst aus dem 12. Jh. stammen [ebd., 111] oder früher anzusetzen sind, ist allerdings zu überlegen. Dadurch, dass die Münzen mit dem KRLS-Monogramm – dazu unten mehr – ganz nahe an das Jahr 600 herankommen und von diesem nicht mehr 200 Jahre entfernt sind, gelangen sie in eine enge evolutionäre Verbindung mit merowingischen Monogrammen, deren oströmisch-griechische Herkunft ja auch für die herrschende Lehre unstrittig ist. Man sieht dann, dass gerade mit dem kreuzbasierten Monogramm einfallsreich experimentiert wurde (Abb. 7-9).
Die Monogrammexperimente sind dabei nicht einmal auf den merowingischen Bereich beschränkt. Auch die christianisierten Ostgoten versuchen sich – wiederum im 6. Jh. und ebenfalls byzantinisch beeinflusst – an einer Verbindung von Kreuz und Namen (s. Abb. 10). Von dahin ist der Weg zum Karls-kreuz dann vielleicht gar nicht mehr so weit.

Die Münzen Karls des Einfältigen und der übrigen Karle

Konsens besteht zwischen herrschender Lehre und der These von 300 fiktiven frühmittelalterlichen Jahren, dass die als karolingische Münzen bezeichneten Fundstücke – Denare („Silberpfennige“) und Obolen – zwar nicht allzu zahlreich, zum guten Teil jedoch echt sind. Die ebenfalls existierenden und für beide Seiten unstrittigen Fälschungen befreien nicht von dem Problem, die genuinen Münzen korrekt einzuordnen. Die karolingischen Münzen waren aus Silber. Das Ingelheimer Goldstück aus Arles wird auch in der herrschenden Lehre sehr argwöhnisch betrachtet [Heinsohn 2001; Illig/Lelarge 2001].
Wenn zwischen 600 und 1200 nicht mehr 600, sondern nur noch 300 Jahre zur Verfügung stehen, müssen die Herrscher namhaft gemacht werden, denen die bisher ins 7.-10. Jh. verbrachten Münzen problemlos zugewiesen werden können. Sie müssen vor ca. 615 oder nach ca. 910 anzutreffen sein. Nun trägt keine die fränkischen Münzen eine Jahreszahl. Es gibt Namen, Titel, Bilder, Monogramme, Ortsbezeichnungen und die Zeichen von Münzstätten (vgl. die Komplettübersicht zu den Beschriftungen in Depeyrot [1998, 24-57]). Fast alle fränkischen Herrschernamen auf Münzen, die jetzt innerhalb der umstrittenen Zeit von insgesamt 300 Jahren in die 150 Jahre zwischen 750 und 900 platziert werden, gibt es – einfach oder mehrfach – auch in der späteren unstrittigen Periode ab Karolus Simplex (911) bis zum Jahr 1032, in dem die karolingischen Münztypen auslaufen [Depeyrot 1998, 56]. Es geht dabei um Namen wie Arnulf, Berengar, Karl/Karlmann, Lothar, Ludwig und Odo. Arnulf und Lothar (Chlotar) gibt es zusätzlich während der früheren und weiterhin unstrittigen Zeit der merowingischen Franken des 6. und frühen 7. Jhs. Für alle diese Namen ist zumindest hypothetisch ein Münzherr auch bei Verzicht auf 300 Jahre dingfest zu machen. Exemplarisch soll das weiter unten an Karolus-Münzen gezeigt werden.
Auch die herrschende Lehre räumt unumwunden ein, dass aufgrund der Unveränderlichkeit der

„Gepräge und der Namensgleichheit der karolingischen Herrscher (Karl, Ludwig) die Münzen häufig nur mit Schwierigkeiten eindeutig zuweisbar sind“ [Reinhard 1999, „Karolingische Münze“].

Allein von den Münzen her kann also niemand auf ein halbes Dutzend Karle oder entsprechend häufige andere Herrschernamen schließen. Wie eingangs gezeigt, ist die Menge und Chronologie der ins 7. bis 10. Jh. platzierten Herrscher für die Münzforscher ein vorgegebenes Dogma. Ihnen ist noch niemals die Aufgabe gestellt worden, ihre Funde auf eine kürzere Chronologie mit weniger Karlen zu verteilen. Es spricht mithin für sie, dass sie rein von den Münzen her Schwierigkeiten haben, überhaupt mehr als einen Karl oder Ludwig etc. zu erkennen.
Die Münzen der Merowingerzeit (konventionell von 480 bis 750 angesetzt) sehen bis auf die frühesten fränkischen Silberpfennige – dazu gleich mehr – deutlich anders aus als die karolingischen. Sie sind zum guten Teil Nachempfindungen römischer und byzantinischer Stücke und von daher auch chronologisch passabel zwischen 480 und 600 einzuordnen. Nach 620 jedoch wird die Zuordnung ungemein schwierig. Ob nämlich eine Hildebertus-Inschrift einem ersten, zweiten oder dritten König Childebert zugehört, kann von der Münze her nicht entschieden werden (zu den Schwierigkeiten vgl. sehr beredt Prou [1896, XXIX-LIII]; s. Abb. 12).

Stammtafel

Die Münzen an sich können immer nur einen Childebert, Dagobert oder Sigibert etc. sicher belegen, weshalb man sich im Zweifelsfall für den jeweils ersten König dieses Namens zu entscheiden hätte und dann durchweg in der Zeit vor 620 landet. Aus diesem Grund ist jede Münzzuweisung an Merowingerkönige zwischen 620 und 750 mit Gegenargumenten konfrontiert. Die Fachforschung spricht für diese 130 Jahre vom „Zerfall der merowingischen Königsherrschaft“ [Kaiser 1993, 38], in der mysteriöserweise immer wieder dieselben Namen wie in der Zeit vor 620 mit eben denselben Konflikten zugange sind. Entsprechend können die Ereignisschilderungen als leicht veränderte Wiederverwendungen früherer Geschichten eingeordnet werden. Die These von den 300 fiktiven Jahren streicht diese Zeit eines 130 Jahre währenden Absturzes ersatzlos und kann alle ihr zugewiesenen Artefakte problemlos unstrittigen historischen Figuren aus der Zeit von 480 bis 620 zuordnen. (zur Merowinger-Genealogie s. Abb. 12). Entsprechend können die Ereignisschilderungen als leicht variierte Wiederverwendungen früherer Erzählungen ebenfalls in diesen Zeitraum eingeordnet werden.

Zu wem gehören die „ersten karolingischen“ Münzen Pippins des Kurzen?

Bekanntlich beginnt die karolingische Münzgeschichte nicht mit einem Karl, sondern mit einem Pippin, genannt der Kurze. Nach zehnjähriger Arbeit in der Funktion des Majordomus ab 741 soll er im Jahre 751 zum König avanciert sein. Auf 754/755 datiert die herrschende Lehre seine ersten Prägungen. Bis 754 sollen noch merowingische Münzen umlaufen, ohne allerdings chronologisch sicher zuordenbar zu sein. Die merowingischen Pfennige (etwa die Ebroin-Denare [Bleiber 1998, Taf. 14]; s. Abb. 11) ähneln bereits den ersten Pippins-pfennigen, fallen aber ein ganz klein wenig leichter aus (im Minimum um 0,07 Gramm). Ihr Gewicht lag bei maximal 1,37 Gramm, während die karolingischen bei 1,44 Gramm beginnen [Hürlimann 1966, 21].
Einen mächtigen Pippin gibt es in der unstrittigen Zeit nach Karolus Simplex bzw. ab dem 10. Jh. nicht mehr. Nach einem Münzherrn dieses Namens muss bei Wegfall von 300 Jahren also am Beginn des 7. Jhs. gesucht werden. Direkt innerhalb der 150 karolingischen Jahre der strittigen 300-Jahr-Zeit hat man – einschließlich des Kurzen – fünf Pippine untergebracht (s. Genealogie, Abb. 13), ohne dass die Münzforscher diese mit deutlich unterscheidbarem Münzmaterial versorgen könnten. Aber Pippinmünzen als solche gibt es, und sie indizieren, in Absetzung zu den Merowingerdenaren à la Ebroin – auch eine Reform des fränkischen Münzwesens. Es ist deshalb für die chronologische Neuzuordnung der Karolingermünzen unabdingbar, einen unstrittigen Pippin auszumachen, dem mit diesem Namen versehenen Münzen zugewiesen werden können. Oder anders formuliert: Es muss der unstrittige Pippin gefunden werden, dem die Numismatiker am Schreibtisch seine Münzen weggenommen haben, um sie Pippinen der strittigen Zeit zu übertragen. Gibt es einen Pippin aus der Zeit vor den bezweifelten 300 Jahren und ist diesem Manne eine Reform des Münzwesens zuzutrauen?
In Frage kommt dafür nur der mächtige Majordomus Pippin von Austrien. Seine genauen Lebensdaten sind nicht bekannt. Geboren im 6. Jh. wird sein Todesjahr sehr vage auf 640 gesetzt. Man nennt ihn meist Pippin den Älteren. Als Leiter der königlichen Domänen, also als Vermögensverwalter ist ein Majordomus geradezu dazu prädestiniert, auch für die Geldemission Sorge zu tragen. In der Literatur wird Pippin der Ältere nicht nur als Majordomus, sondern als Stammvater „des karolingischen Hauses“ [Schulze 1987, 81] geführt. Wir wissen nicht, ob er wirklich Regent gewesen ist. Aber er ist es, der Ordnung bringt in eine chaotische Zeit der „Schattenkönige“ [Ploetz 391].
Die jetzt auf den Erstmünzer von 750, Kurzpippin, bezogenen Überlieferungen legen ja ebenfalls dar, dass er vom Majordmus-Posten erfolgreich nach der Königswürde gegriffen hat. Nun seien von Pippin dem Älteren aus der Zeit um 600 Münzen niemals gefunden worden. Das darf durchaus erstaunen, denn von den wenigen merowingischen Silberpfennigen, die denen Kurzpippins schon ähneln, sind einige gerade mit dem Namen eines Majordomus versehen. Aus der Vermögensverwaltungsposition heraus kann das auch gar nicht überraschen. Bekannt ist hier vor allem der Majordomus Ebroin aus der Zeit eines Königs Theuderich von Neustrien. Er ist Konkurrent eines Majordomus Pippin von Austrien, der ihn am Ende besiegt und seine Machtposition – wohl einschließlich der des Münzherren – übernimmt. Ebroin und dieser Austrien-Pippin werden momentan in die zweite Hälfte des 7. Jhs. datiert. Wenn es bei Theuderich jedoch um den zweiten dieses Namens geht, dessen Tod auf 612 datiert wird, hätte man in den Ebroin-Denaren eine sehr passable Vorstufe für Denare eines Pippin von Austrien, der Ebroin besiegte und dann Pippin der Ältere unserer Lehrbücher wäre.

Abstammung

Wenn also die ersten Karolinger-Denare, die jetzt in die Mitte des 8. Jhs. zu Pippin dem Jüngeren (Kurzpippin) gesetzt werden, an Austriens Pippin den Älteren fallen, wäre das Problem der Zuordnung der Pippinsmünzen, die ja nicht in die Zeit nach Karolus Simplex bzw. ab dem konventionellen 10. Jh. fallen können, einer Lösung zugeführt. Ebroin von Neustrien wäre gegen 600 der erste Münzreformer der Franken. Durch Schaffung des Denars (Silberpfennigs; s. Abb. 11) macht er sich von römischen und byzantinischen Vorbildern (Solidus etc.) frei. Pippin von Austrien allerdings kann ihn sehr bald besiegen. Er wird dann faktischer Herr eines vereinigten Frankenreiches. Ist er lediglich Regent geblieben oder auch selbst König geworden? Wenn ihm die Pippinsmünzen gehören, dann ist die in ihnen enthaltene Information auch auf ihn zu beziehen. Das RF für Rex Francorum auf der zweiten Silberpfennigprägung der Franken – auf den ersten „karolingischen“ Münzen also nach denjenigen Ebroins – würde belegen, dass der Ur-Pippin tatsächlich König wurde. Und dass ein Majordomus namens Pippin König wird, ist ja auch für die herrschende Lehre unstrittig. Sie weist die entsprechenden Auskünfte lediglich einem 750er-Pippin zu, den die Phantomzeitthese ersatzlos streicht.

„Stratigraphie“ und Menge karolingischer Münzen

Die Stratigraphie steht in der Überschrift in Anführungszeichen, weil das Sortieren der karolingischen Münzen während des 18. und 19. Jhs. nur selten nach archäologischen Gesichtspunkten erfolgte, sondern meist am Schreibtisch durchgeführt wurde. Mittlerweile gibt es auch stratigraphisch gesicherte Fundumstände für karolingische Münzen (besonders gut bei Haertle [1997, passim] verzeichnet). Die aber sind ohne Einfluss auf die überkommene Platzierung der Horte und Einzelstücke über die längst vorgegebene Chronologie geblieben. Eher ist es so, dass ein Fund, der von seinen Umständen her in das 10. Jh. gehört, triumphierend als Beweis für eine frühere Zeit vorgewiesen wird, weil der entsprechende Münztypus bereits an den Schreibtischen des 19. Jhs. in das 8./9. Jh. der konventionellen Chronologie verbracht worden ist.
So ist kürzlich (gezeigt in Simmering [1997]) gegen die These vom bloß fiktiven Großkarl mit dem Bruchstück eines in Paderborn ausgegrabenen Carolus-Denars (Silberpfennigs) aus Melle argumentiert worden. Die tüchtigen Ausgräber haben gar nicht erst in Erwägung gezogen, dass dieses Fragment zu Karolus Simplex gehören könnte, obwohl für ihn 228 Melle-Denare – sowie 922 Melle-Obolen – wohl belegt sind [Depeyrot 1998, 200 f.] und nicht anders aussehen als solche, die anderen Karlen zugewiesen werden. Es gibt für Simplex Denare mit dem Kaisermonogramm KRLS und Gratia-Dei-Rex-Rück-seiten. Es gibt Carlus-Rex-Denare mit Kreuz und es gibt Verschlagungen mit HRLS statt KRLS [Haertle 1997, 875, 890, 901, 907-911]. Die Paderborner wollten erst einmal nur gegen Illig die Oberhand behalten. In der Not, Großkarl beweisen zu müssen, konnten sie nur noch das Pfennigbruchstück heranziehen, weil sie mehr Karlinisches ohnehin nicht hatten. Im Eifer des Gefechtes glaubten sie, wissenschaftliche Standards einmal beiseite lassen, also über die Simplex-Denare schweigen zu dürfen. Später jedoch, das muss man ihnen zugute halten, wird der Paderborner Viertelpfennig – gerade wegen der immer noch nicht gesicherten Stratigraphie für die Zeit vor 900 – sehr vage und kurz abgehandelt [Mecke 1999, 176 ff.; s.a. Illig 1999b, 409, 415 f.]. Jeder triumphale Gestus wird jetzt vermieden. Aus Melle/Poitou allein stammen 8.922 [Depeyrot 1998, 196-201] der 33.677 karolingischen Münzen. Die größte Position umfasst 5.754 CARLVS-REX-FR-Denare, von denen niemand sagen kann, welchem Karl sie zuzuordnen sind, weshalb sie momentan als Großkarl „oder“ [Depeyrot 1998, 197] Kahlkarl geführt werden. Simplex-Münzen können wiederum nur schwer von solchen Kahlkarls und dessen Stücke kaum von denen Großkarls unterschieden werden. Um mit einem Melle-Carolus-Denar als stratigraphischem Beweismittel für Großkarl aufzutreten, bedarf es also einer profunden Unkenntnis selbst der herrschenden Numismatik.

Stratigraphie
Anzahl

Die Zahl der karolingischen Münzen, die in die Zeit von 750 – 900 und damit in die momentan zur Streichung vorgesehene Periode gesetzt werden, fällt – Stand 1998 – mit 13.723 Stücken aus 75 Funden [Depeyrot 1998, 84] relativ bescheiden aus. So gibt es etwa aus der salischen Zeit (1024-1125) in einem einzigen Fund (Vichmjaz am Ladogasee) mehr als 12.000 deutsche Münzen [Warwick 1992, 187 f; s.a. Illig 1998, 164]. Die Zahl der karolingischen Münzen, die in die nicht bestrittene Zeit von &Mac197;900-1000 gesetzt werden, liegt – wiederum Stand 1998 – bei 20.228 Münzen aus 36 Funden [Depeyrot 1998, 84]. Die Gesamtsumme beträgt 33.677 Stück.
Bei der Aufteilung der Münzen in kaiserlich/königliche und Adelsprägungen wird umgehend deutlich, wie die Schreibtisch-Stratigraphen ihre Zuteilungen vorgenommen haben. In das Vakuum der archäologielosen Zeit von 750-900 hat man sich ein absolut totales Kaiser-/Königtum konstruiert, das über gewaltige Territorien hinweg mit unbändiger Macht dafür gesorgt habe, dass es nur einen einzigen Münzherren gab – den Kaiser/König eben. Dass bereits zu Beginn des 7. Jhs. die Privilegierung des fränkischen Adels – also die oben behandelte „Germanisierung“ der römischen Verwaltungsbürokratie – erfolgt ist und von daher auch Adelsprägungen zu erwarten sind, muss dabei eisern übergangen werden. Man hat fast sämtliche Adelsmünzen in die zweite Hälfte des 10. Jhs. verbracht, obwohl die herrschende Lehre den Adel bereits am Beginn des 10. Jhs. – zweite Germanisierung – groß werden lässt. Andererseits soll das Kaiser-/Königtum als Münzherr zwischenzeitlich von einer Position totaler Macht (750-900) in totale Machtlosigkeit (950-975) abgestürzt sein.
In den übrigen Perioden des 10. Jhs., in der doch das Bauen und die Wirtschaftstätigkeit unstrittig archäologisch nachweisbar werden, bleibt die entsprechend zu erwartende Vervielfachung der Kaiser/Königsmünzen mysteriöserweise aus. Im Gegenteil, von 13.717 Kaiser/Königs-Münzen des 9. Jhs. wird sogar ein Rückgang auf 10.731 solcher Münzen im 10. Jh. verzeichnet.
Man hat also fast alle fränkischen Adelsmünzen für die zweite Hälfte des 10. Jhs. verbraucht, um da – wo alle auf viele Münzen rechnen – überhaupt nennenswerte Münzfunde vorweisen zu können. Und man hat den Löwenanteil der Kaiser-/Königsmünzen – wie auch der Kaiser-/Königsurkunden – für das 9. Jh. verbraucht, weil man dort neben den fehlenden Bauschichten nicht auch noch die fehlenden Münzen – bzw. Urkunden – eingestehen wollte.
Natürlich ist es nicht in dieser plumpen Machart verlaufen. Die armen Münzspezialisten hatten Vorgaben zu erfüllen. Die Mediävisten und die Chronologen haben ihnen einfach keine Erlaubnis erteilt, vernünftig vorzugehen. Sie haben eisern an den langen karolingischen Herrscherlisten festgehalten und für diese Münzen eingefordert. Generationen von Numismatikern haben dann damit Arbeit gefunden, über die Zuweisung einer Ludwig-Münze an das 9. oder das 10. Jh. zu streiten. Dieser Beschäftigung werden etliche von ihnen auch in Zukunft nicht missen wollen.
Wenn man aus der Absurditätsfalle der Münzverteilung heraus will, muss man die Bau- und Wirtschaftsschichten wieder mit den Münzfunden zusammenführen, also ca. 300 Phantomjahren entsagen. Das wird der Mediävistik schwer fallen, aber die Wissenschaft dürfte diesen Weg nicht für immer auf die lange Bank schieben können. Das Ergebnis sieht folgendermaßen aus:

Evidenz-Stratigraphie und Chronologie der fränkischen Münzen
(Datierungen tentativ)

910-1000 Sämtliche karolingischen Münzfunde, die mit 33.877 Stück den zu erwartenden bescheidenen Beginn der Bau- und Wirtschaftstätigkeit belegen, gehören in das 10. Jh. [so schon Illig 1998, 167].

ca.610 = ca.910 Nach Sieg über Ebroin erste Denare Pippins. Die unmittelbar anschließenden Karls-Denare sind solche von Karolus Simplex. 300 Phantomjahre entfallen.

600-610 Einführung des fränkischen Silberpfennigs/Denars noch unter Pippins Gegenspieler Ebroin

480-600 Merowingische Münzvielfalt

C/Karolus-Münzen zu Karolus Simplex!

Wenn fränkische Münzen – wie auch die Urkunden – mit den fränkisch urbanen Schichten aus der Zeit nach 900 zusammengebracht werden, müssen ab 900 reale Herrscher benannt werden, zu denen die ja real bleibenden Münzen – wie auch die ungefälschten Urkunden – gehören. Das soll hier exemplarisch an den wichtigsten, also den C/Karolus-Münzen versucht werden, unter denen sich zahlreiche Kaiserprägungen befinden.
Die Schwierigkeiten der Münzforscher, die einzelnen Stücke bestimmten Karlen zuzuordnen, war bereits am KRLS-Monogamm deutlich geworden, das Großkarl, Kahlkarl und Karolus Simplex teilen. Sie sollen hier an den Münzbeschriftungen weiter illuminiert werden

Münzen

Man sieht umgehend die Identitäten oder extremen Ähnlichkeiten der C/KAROLVS-Bezeichnungen. Differenzen zwischen den Münzstätten mögen hier das meiste erklären. Es gibt auch aus ein und derselben Münzstätte unterschiedliche Schreibweisen. Die Numismatiker haben jedoch einen Teil der Namens- und Titelabweichungen nicht so sehr auf unterschiedliche Münz-stätten und unterschiedliche Prägungen bezogen, sondern als materiellen Beweis für die Existenz zusätzlicher Herrscher ausgedeutet.
Die auffälligste Differenz findet sich bei den IMPerator AUGustus-Bezeichnungen. Die fehlen für Karolus Simplex gänzlich. Heißt das nun, dass er keine IMP AVG-Münzen hatte, weil er eben kein Kaiser war? Es kann auch heißen, dass man Simplexens IMP-AUG-Münzen den fiktiven Karlen zugeschlagen hat, von denen aus Chronologie und Regentenliste jeder ja schon immer ganz genau wusste, wie sehr sie Kaiser waren. Waren also IMP AVG-Münzen – es sind sehr wenige – zuzuordnen, ist Simplex von vornherein ausgeschlossen worden. Es ist diese Willkür bei der Münzzuteilung, mit der Numismatiker und Historiker Simplex erst als Schwindler hinzustellen vermögen. Ja, er führt ein Kaisersiegel. Ja, er führt das kaiserliche KRLS-Monogramm auf Münzen und er signiert damit auch seine Urkunden. Ja, er ist nach Auskunft seiner Münzen ganz wie Großkarl, dem – anders als Pippin [Völckers 1965, Taf. N; Depeyrot 1998, Kat. 5] – entsprechende Stücke übrigens fehlen, ein Verteidiger der Juden. Die Textüberlieferung zu Juden ging an Groß-, die David-/Salomo-Münze an Simplex-Karl.

Münzen

Ja, Simplex regiert von 911-921 ein kaiserlich anmutendes vereinigtes Frankenreich. Ja, er prägt Münzen von Köln und Bonn bis nach Nordostspanien (Katalonien). Aber – folgt dann – wo sind denn bitte sehr seine Kaisermünzen? Dass die so fragenden Numismatiker selbst ihm diese Stücke am Schreibtisch weggenommen und ihn so zum Hallodri unter den Frankenherrschern gemacht haben könnten, kommt diesen Gelehrten nicht in den Sinn.
Mit denjenigen Münzen, die man Simplex gelassen hat, ist man aber auch wieder nicht zufrieden. Einmal mehr wird er beim Nachäffen erwischt, weil seine Stücke entsetzlich unoriginell, also nichts als „eine Rückkehr zu einer sehr traditionellen Darstellung“ sind. Zu „alten Emissionen“ – vor allem Kahlkarls – liefern lediglich „Gewichtsabnahmen“ Unterscheidungsgründe [alles Depeyrot 1998, 49], für deren zuverlässige Feststellung wegen der Kargheit des Materials dann aber doch nichts Verbindliches ausgesagt werden kann.
Weil man die kaiserlichen Münzen von Simplex-Karl- wie auch die meisten seiner Urkunden – für Phantomkaiser aus der bautenlosen Zeit verbraucht hat, muß Simplex wie ein Imitator, ja nichtswürdiger Hochstapler aussehen. Dass er eine Welt von Zeitgenossen mit einer bloßen Kaiserposse hereinzulegen vermochte, können sich die Mediävisten viel leichter vorstellen als ein eigenes Irre-geführtsein.
Die bisherige Thesenentwicklung besagt nicht zwingend, dass sämtliche Karl/Karlmann-Münzen der Frankenzeit einem bis 911 königlichen und dann kaiserlichen Simplex zufallen müssen. Es könnten auch Adels- oder Majordomus-Prägungen für nicht königliche Herren namens Karl/Karlmann o.ä. dabei sein. Dies wird hier ausdrücklich weder behauptet noch ausgeschlossen. Ausgeschlossen werden lediglich mehrere Karls-Kaiser der Frankenzeit. Nur für einen gibt es Platz im real existierenden 10. Jh., während es in der Phantomzeit logischerweise nicht einen einzigen geben kann.An zwei ausgewählten Münzvergleichen zwischen Simplex- und anderen Karlen sei zum Abschluss das Zuteilungsverfahren der Numismatiker an Einzelbeispielen illustriert. Unterschiedliche Prägungsorte bzw. Stempelschneider für denselben Münztypus führen zur Kreation unterschiedlicher Kaiser. Wir beginnen mit Varianten desselben Münztypus, die aufgrund erwartbarer Abweichungen verschiedener Stempelschneider einmal an Simplex und einmal an Großkarl gegangen sind:

Münzen

Es folgen zwei Denare aus ein und derselben Münzstätte Blois (Blesianis Castra) mit identischer Beschriftung, die aufgrund leicht verschiedener Prägestöcke- oder gar nur unterschiedlicher Ausprägung von zwei Münzen desselben Prägestocks einmal an Simplex und einmal an Kahlkarl gegangen sind.

Münzen

Fazit

Karolus Simplex war keineswegs der schwächliche und verächtliche Betreiber einer „karolingischen Restauration“ [Ehlers 1985, 25]. Er litt auch nicht an einem „übersteigerte[n] Anspruch auf Herrschaft über alle Franken“ [Schneidmüller 1991, 970]. Aber in der Tat wirkt er kaiserlich, großmächtig und karolingisch. Da nun nichts dafür spricht, dass einer Imperator ist, zugleich aber in allem und jedem immer nur imitiert oder fälscht, ohne dass die direkten Zeitgenossen das merken, muss Simplex alle karolingischen Großleistungen zuerst erbracht haben. Er konnte die Vor-Karle nicht erwähnen, weil sie erst nach seinem Ableben erschaffen worden sind. Er konnte nicht etwas restaurieren oder nachahmen, das es vor ihm einfach nicht gegeben hat. Und weil es diese Dinge nicht gegeben hat, können die Archäologen für 300 direkt vor Simplex gesetzte Jahre auch keine Bauschichten finden. Er selbst also ist es, der – realhistorisch kurz nach 600 – aus den merowingischen Abgründen heraus ein karolingisches Großreich geschaffen hat. Nach einigen merowingischen rex Francorum-Königen ist allein Simplex – und eben nur nach seinem Namen Karl benennbar – karolingischer Herrscher über alle Franken mit diesem RF-Titel gewesen.
Die Münzen und sonstigen Artefakte für das karolingische Imperium sind also nicht deshalb so verblüffend rar, weil ein tückisches Geschick den mediävistischen Archäologen immer und überall von neuem böse Streiche spielt, so dass sie gerade für diese Periode kaum etwas finden können. Die Funde müssen so selten sein, weil das Imperium nicht einhundertsiebzig Jahre (von 751-921), sondern nur ein Jahrzehnt existiert hat. Das wird konventionell zwischen 911 und 921 datiert, was realhistorisch eben zehn durchaus imponierenden Jahren zu Beginn des 7. Jhs. entspricht. Die Merowinger wiederum erleben keinen fast 150 Jahre dauernden Absturz (von 600 bis 750) mit immer neuen Variationen derselben Verschwörungen, sondern erleben den Zenit ihrer Macht kurz nach 600. Und sehr bald danach folgt der in keiner Weise simple Karolus, dem Pippin der Ältere (Urmuster Pippins des Jüngeren/Kurzen) das Feld bereitet sowie – per Münzreform – auch die Finanzen ordnet. Es ist dieser Franke, in dem die europäische Geschichte einen wirklich großen Karl hat, wenn auch keinen Überkaiser dieses Namens. Einen solchen gab es nie. Wenn die Mediävistik einmal zu den Sachen findet, dann wird sie Simplex rehabilitieren und guten Gewissens in neuer Kennzeichnung als Karl den Großen in die Bücher nehmen.
Es muss kaum betont werden, dass all diese Befunde und Schlussfolgerungen schwerlich dazu taugen, Illigs These von 300 frühmittelalterlichen Phantomjahren zu erschüttern.

Literatur

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3 Kommentare zu “Karl der Einfältige (898/911-923) – Imitator oder Urmuster?”

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2. Januar 2000                     Kategorie(n): Fantomzeit

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Vergessen Sie 2000. Wir schreiben das Jahr 1703

“Welt am Sonntag”, 2. Januar 2000

Unsere Zeitrechnung beruht auf der Kalenderkorrektur von Papst Gregor XIII. Er hat 1582 im Kalender 10 Tage überspringen lassen, damit astronomische Situation und Tageszählung wieder übereinstimmen. Damit hat er aber nicht den Fehler korrigiert, der seit Cäsar (45 v. Chr.) im julianischen Kalender aufgelaufen ist, sondern nur den Fehler seit ungefähr 300 n. Chr. Und trotzdem liegt seitdem der Frühlingsbeginn (Äquinoktie) wieder auf dem 21.3. Mit falscher Korrektur zum richtigen Ergebnis!?

Die Spezialisten behaupten, dass sich Gregor auf das Konzil von Nicäa (325) bezog, weil damals der Kalender entweder korrigiert oder zumindest der Frühlingsbeginn auf den 21.3. festgeschrieben worden sei. Doch dafür fehlen die Belege; alle Argumente sprechen dagegen. Somit wäre der Abstand zwischen Cäsar und Gregor XIII. um rund 300 Jahre kürzer als bislang gedacht – gemäß meiner These sind drei Jahrhunderte erfundener Geschichte eingefügt worden.

Für fiktive Zeiten, die ich von 614 bis 911 ansetze, kann es keine realen Zeugnisse geben. Nun gelten diese Jahrhunderte ohnehin als “dunkel”, weil die geschichtlichen Überlieferungen ebenso dürftig sind wie die archäologischen Funde. So finden wir in keiner heutigen, ursprünglich römischen Stadt eine frühmittelalterliche Besiedlungsschicht; die zugehörigen Geschichtsquellen sind keines-wegs zeitgleich, sondern oft erst Jahrhunderte später verfasst worden; Hunderte byzantinischer Städte scheinen in dieser Zeit unbewohnt gewesen zu sein; die Funde im islamischen Spanien setzen keineswegs 711 mit der Eroberung ein, sondern erst im frühen 10. Jh. – und so fort.

So die These richtig ist, darf kein einziger Fund für eine Zeit zeugen, die nie abgelaufen ist. Deshalb waren die ihr zugeschriebenen Reste zu prüfen.

Von den über 1.000 schriftlich genannten Bauwerken ist kaum eines auch nur aufzuspüren. Die Aachener Pfalzkapelle als das berühmteste erhaltene Zeugnis aus dieser Zeit kann nicht ohne Bauhütte, ohne direkte Vorläufer und Nachfolger entstanden sein und gehört niemals – laut meinem unwiderlegten Beweisgang – in die “Dunkelzeit”. Die Lorscher Torhalle rückt von 770 oder 870 ins frühe 12. Jh. Die wenigen anderen Kirchen der “Karolingerzeit” lassen sich zwanglos den ottonischen eingliedern. Auch die “karolingische” Buchmalerei ist in Wahrheit ottonisch und aus diesem Grund kaum von den Kunstwerken dieser Zeit zu unterscheiden.

Fürs damalige Mitteleuropa sind Grabfunde am häufigsten. Aber sie können keineswegs absolut, jahrgenau datiert werden, sondern nur relativ. Die erkennbare Abfolge wurde aber nicht über rund 200 Jahre verteilt, sondern – der herrschenden Chronologie entsprechend – über mehr als 400 Jahre, womit ein scheinbarer Bevölkerungsrückgang im 6. Jh. und eine unerklärbare Bevölkerungsexplosion um 1000 n. Chr. erzeugt wurde.

Mit vielen derartigen Untersuchungen ließ sich zeigen, dass diese drei Jahrhunderte tatsächlich “ausgekehrt” werden können und müssen. Dies gilt für die gesamte, miteinander synchronisierte Alte Welt von Island bis Indonesien.

Wer hat die Uhr vorgedreht? Die Kaiser Konstantin VII. und Otto III. sowie Papst Silvester II. waren die Urheber. Otto (Kaiser 996-1002) wollte nach alter christlicher Rechnung 6.000 Jahre nach Schöpfung den siebten Welttag als Stellvertreter Jesu Christi einläuten. Der von ihm inthronisierte Papst (999-1003) unterstützte ihn als Kenner auch der arabischen Astronomie und Mathematik. Da Ottos Mutter vom byzantinischen Hof abstammte, war damals die Verbindung zum dortigen Kaiserhaus gegeben. Dort brauchte man zusätzliche Zeit, weil die Perser 614 die wichtigste Reliquie der Christenheit, das Kreuz von Golgotha, unwiederbringlich geraubt hatten. Nur innerhalb erfundener Zeit ließ sich das Rückgewinnen der Reliquie erzählen und motivieren.

Das gemeinsame Vordrehen der Uhr wurde durch eine Zusatzmaßnahme kaschiert. Indem man den Bezugspunkt der Jahreszählungen veränderte, wussten nur Eingeweihte, dass hier “in Gottes Namen” manipuliert worden war. Die Byzantiner wechselten von 1014 Seleukidenära auf 6508 Schöpfungsära, die Christen im Westen von 419 Märtyrerära auf 1000 n. Christi Geburt; die Juden schlossen sich an und stellten von 1014 Seleukidenära auf 4464 nach Erschaffung der Welt um. Bislang war unerklärlich, warum die Kulturträger in Europa allesamt, aber klammheimlich neue Zählungen eingeführt haben.

Erfundene, aber leere Zeit will gefüllt werden. Otto und Silvester erfanden Geschichten und einen besonders großen Kaiser Karl, auf den sich Otto genauso beziehen konnte wie das Papsttum, das ihn gekrönt und gesalbt hätte. Dieser Karl erhielt mit dem 25. 12. 800 einen Krönungstag, der schon 497 Jahre früher als Beginn des letzten Welttages errechnet worden war. Karl erfüllte demnach dieselbe Bedingung wie Otto – und wir verstehen nun, warum seine (fiktiven) Zeitgenossen darüber nicht in Angst oder Jubel ausbrachen. Denn die Krönung des erfundenen Karls sollte hinter dem Jahrtausendkaiser Otto zurückstehen.

Verständlich wird auch, dass der Millenniumsbeginn des Jahres 1000 keine Ängste freisetzte: Da die Umstellung kurz vor dem Stichtag erfolgte, konnten keine Endzeitängste aufkommen. Die Gestalt Karls d. Gr. erhielt von Otto III. bis Friedrich II. dann so viele Facetten, wie sie eine reale Person niemals gehabt haben kann. Andernorts entstanden andere Geschichten, so die Märchen um den ebenfalls fiktiven Harun al-Raschid. So hat sich das Mittelalter zu einem Teil selbst erfunden. Erst mit dieser kühnen These lösen sich die Widersprüche zwischen Bauten, Funden und Schriften.

Englische Übersetzung

(Übersetzung: Gunnar Ries und Ruth Lelarge)

Forget about the year 2000, we still live in 1703

Our christian chronology is based on the calendar correction of pope Gregorius XIII. In the year 1582 10 days were skipped in order to synchronize the astronomic circumstances with the calendar. This correction did not take into account the mistake which had accumulated in the Julian calendar since the time of Julius Caesar (45 BC). It only corrected the mistake that accumulated since 300 A.D.

Specialists claim, that Gregorius refers to the council of Nicea (325 AD). At this council was either the calendar corrected or at least the equinox fixed to the 21st of march. But there is no evidence for this; all facts argue against it.

So the time between pope Gergorius XIII and Julius Caesar seems to be 300 years shorter than originally presumed. According to the thesis of Heribert Illig 297 years of fictious history have been inserted. For a fictious period of time – according to Illig from 614 to 911 – there cannot be authentic evidences. These centuries are also called the “Dark Ages” anyway for the historical deliveries are as rare as the archeological findings. Today we do not find any proof of colonization during the early Middle Ages in originally Roman cities. The historical sources are by no means contemporary, but have been written centuries later. Hundreds of Byzantinian towns seem to have been uninhabited during this time. The findings in islamc spain do not begin in 711 with the islamic conquest but not before the early 10th century – and so on.

If Heribert Illig’s thesis is right, there must not be a single serious finding from that period of time. Therefore the rest of the findings dated back to this time had to be examined in detail.

What stroke Illig was that hardly no of more than 1000 building mentioned in documents could actually be found. The Pfalzkapelle (a huge chappel said to be built by emperor Karl) – the landmark of Aachen – is the most famous building of the questioned time. It has a huge arch which is not likely to exist without any predecessors or successors. The developement from the ability to build small arches to build huge arches cannot be duplicated. According to Illig´s argumentation that has not been disproved yet this building does not belong to the “Dark Ages”.

Another example is the “Torhalle” of Lorsch, which would then be dated in the early 12th century inspite of 770 or 870 A.D. The few other churches of the Carolingian era would also fit well into the Ottonian times. The Carolingian bookpaints are in truth also Ottonic and can therefore hardly be distinguished from the artwork of this time.

There are a lot of findings of graves im Middle Europe. Their ages cannot be named in absolute dates, but only in relation to each other. But the obvious succession wasn´t spread over 200 years, but – according to the conventional chronology – over more than 400 years. Doing this, a decrease of population in the 6th century and a still unexplained explotion of population around 1000 A.D. were created.

A lot of research results show that the three centuries and their history can and must be cleared out. This is applicable for the whole Old World from Iceland to Indonesia.

But who has advanced the clock? The emperors Constantin VII and Otto III and pope Sylvester II are the initiators. Emperor Otto III (emperor from 996 to 1002) wanted to be Jesus Christ´s representative on earth at the dawn of the 7th millenium (6000 years after Creation). The pope (999 to 1003) who was enthroned by Otto surported him with his knowledge of Arabian astronomy and mathematics.

Otto´s mother came from the Byzantinian court, which explains the relations to the Byzantinian dynasty. There, three “empty” centuries could be used well. The Persians had stolen the most important christian relic, the the cross of Golgatha in 614. Only within the fictious time could the return of the relic be explained.

The changing of chronology was concealed by additional arrangements. Changing the reference point of the chronology made sure that only initiated persons could know that manipulations “in the name of god” had taken place.

The Byzantinian changed from 1015 seleucidean era to 6212 after the creation of the world. The christians in the western part of the world changes from the year 419 in the era of martyrs to 1000 years after the birth of Jesus Christ. The jews followed them and changed fom 1015 seleucidean era to 4464 after creation. Up to now it could not be explained why all cultures of Europe changed their chronologies all at the same time, but on the quiet.

The invented but still empty centuries had to be filled with history. So Otto and Sylvester made up stories and a very big emperor Karl. Otto could refer to him as well as the pope, who had enthroned and anointed him emperor.

This Karl got his coronation on the 25 December 800 AD, a day that was determined 497 years earlier to be the last day of the world. So Karl fullfilled the same conditions as Otto III – and now we understand why his (fictious) contemporaries did not jubilate or show any fear. Karl´s coronation was supposed to be inferior to the Millenium-emperor Otto. It gets understandable why the beginning of the year 1000 did not cause any fears: As the change of chronology took place very shortly before the target day, there was no time for any end-of-world moods.

From Otto III to Friedrich II, the figure of Karl got more facets than a real person would ever have had. At other places other stories appeared, such as the fairy tale about (the ficitious) Harun al-Raschid. In this way, the Middle Ages partly invented themselves. Only with this bold thesis the contradictions between buildings, findings and documents disappear.

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19. Dezember 1999                     Kategorie(n): Fantomzeit

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Frühmittelalterliche Phantomzeit auf schwebenden Fundamenten

von Heribert Illig (aus der österreichischen “GEGENWART” 4/96)

Den Vorhang zu und alle Fragen offen? So verabschiedete sich der Verfasser zwar in seinem Artikel in der GEGENWART 28, aber SO einfach gab sich die Leserschaft damit nicht zufrieden. Die Redaktion bekam einen ganzen Sack voller Fragen, Zweifel und Kritiken in den Flur gestellt. Am häufigsten tauchte darin die Frage auf, wie sich ein um fast 300 Jahre gekürztes europäisches Mittelalter mit der Zeitrechnung anderer Länder und Völker vertragen solle.

Bevor wir uns der Synchronisierung “ringsum” widmen, wird die These noch einmal knapp wiederholt: Etliche Jahrhunderte des frühen Mittelalters bezeichnen die historischen Wissenschaften mit dem Attribut “dunkel”. Damit wird kein moralischer Verfall angesprochen, sondern die Tatsache, daß uns von diesen Jahrhunderten beunruhigend wenig bekannt ist. Weder gibt es greifbare Hinterlassenschaften in einer Menge, wie man sie mit Fug und Recht erwarten dürfte, noch existieren ausreichende zeitgenössische Quellen und Berichte. Zu allem Überdruß stammen diese wenigen Quellen häufig gar nicht aus diesen Zeiten selbst, sondern sind erst (viel) später geschrieben worden. Obwohl nun die Historiker seit zwei Jahrhunderten versuchen, diese Dunkelzeiten zu erhellen, verbleiben weite Bereiche in sehr tristem Dämmerlicht.

Der Verfasser löst dieses Dilemma und viele immanenten Widersprüche mit der provokanten These, daß ein ganzes Zeitalter niemals stattgefunden hat, nämlich die Zeit zwischen 614 und 911. Diese Phantomzeit ist erst später zwischen reale Zeiten eingeschoben worden, weshalb sie zwangsläufig keine realen Zeugnisse hinterlassen hahen kann. Wenn ihr gleichwohl Artefakte zugeschrieben werden, dann sind diese aus anderen Zeiten eingeschleust worden und müssen an diese wieder zurückgegeben werden. Das ist beispielgebend an dem berühmtesten Bauwerk des frühen Mittelalters, der Aachener Pfalzkapelle, gezeigt worden: Wegen zahlreicher anachronistischer Bauteile kann sie niemals einem 8. Jahrhundert entstammen und niemals von einem Karl dem Großen gebaut worden sein. Historische Gestalten dieser drei Phantom-Jahrhunderte sind entweder spätere Erfindungen – wie Karl der Große – oder wurden in diese Zeit verpflanzt, wie etwa die Werke des allzu frühen Scholastikers Duns Scotus Eriugena oder des allzu frühen Historikers Beda Venerabilis, der uns hier gleich beschäftigen wird. So wurden – unter Hilfestellung inshesondere von Hans-Ulrich Niemitz, Uwe Topper und Manfred Zeller – diese drei Jahrhunderte “ausgekehrt” oder “evakuiert”, worauf die Zeit vor 615 direkt in die Zeit nach 910 übergeht.

Es wurde auch geschildert, daß mit Kaiser Konstantin VII. und dem Duo Kaiser Otto III. und Papst Silvester II. Protagonisten gefunden sind, die zweierlei veranlassen konnten: das Vordrehen der Uhr um 300 Jahre und das anschließende Füllen der frisch geschaffenen Lücke nach eigenen Wünschen. So ist Karl der Große sicher von Otto Ill. kreiert worden, der einen Renommierahnen erster Güte wollte. Die Streitigkeiten zwischen Kaisern und Päpsten des 11. bis 13. Jahrhunderts – Stichwort Investiturstreit – führten dazu, daß dieser Popanz in immer prächtigeren Farben ausgemalt wurde, um schließlich von Friedrich Barbarossa unter die Heiligen eingereiht zu werden.

Ein Kaiser als Lückenbüßer, ein anderer Kaiser als Lückenreißer – all das geschah nicht im luftleeren Raum, sondern in einem Europa, das innerhalb der Alten Welt keineswegs eine Isolierstation bildete. Es führte – wie gewohnt – Kriege mit seinen Nachbarn, damals vor allem mit den Arabern, und hatte Handelsbeziehungen bis zum afghanischen Hindukusch, dessen Lapislazuli aus irischen Handschriften leuchten. Weil auch im Süden und Osten Zeitrechnung betrieben wurde, sollte es hier möglich sein, eine derartige Phantomzeit zu bestätigen oder zu widerlegen. Bevor wir die dortigen Epochenrechnungen prüfen, lassen wir Licht auf die uns allen vertraute christliche Zeitrechnung fallen.

Die Zeitrechnung “nach Christi Geburt”

Die Frage, wann sie eingeführt wurde, ist leichter gestellt als beantwortet. Ein Mönch namens Dionysius Exiguus datierte im Jahre 525 seine Osterterminberechnungen als erster “nach Christi Geburt”, weil ihn gestört haben soll, daß er mit der damals üblichen Diokletiansära (oder Märtyrerära) ausgerechnet einem Christenverfolger die Ehre gäbe. Aber dieser Wechsel des Bezugspunktes beeindruckte in seinem Jahrhundert keinen Menschen. Niemand benutzte seine neue “Epoche”, wie der Startpunkt einer Zeitrechnung von den Spezialisten bezeichnet wird.

Erst Beda Venerabilis, ein englischer Benediktiner (ca. 672–735), benutzte diese Datierungsmethode in seiner Kirchengeschichte des englischen Volkes und gebrauchte sie erstmals auch für Ereignisse vor Christi Geburt, doch das war anno 731 und damit zwei Jahrhunderte später. An ihm orientierten sich die karolingischen Chronisten und Notare, so daß wir in Urkunden des 8. und 9. Jahrhunderts öfters auf Daten n. Chr. stoßen. Im 10. Jh. läßt die Lust daran deutlich nach, um sich erst zur und vor allem nach der Jahrtausendwende über Europa zu verbreiten. So weit reicht das herrschende Wissen.

Nun wurde Beda von dem Astronomen Robert R. Newton 1972 dabei ertappt, daß er in einem seiner Werke die Null benutzt hat. Beda selbst empfand den Gebrauch der Null nicht als sensationell, denn er schrieb so, als ob er die Kenntnis dieser speziellen Zahl und Ziffer bei seinen Lesern voraussetzen könne. Nun ist die indische Null aber erst Ende des 11. oder Anfang des 12. Jahrhunderts über das maurische Spanien nach Europa gelangt, um 1203 Eingang in die Lehrbücher zu finden (liber abaci von Fibonacci). Waren Beda und sein Leserzirkel den übrigen Europäern um 400 oder noch mehr Jahre voraus?

In der herrschenden Historie konnte Newtons Problem in den letzten 24 Jahren nicht beantwortet werden. Stimmt meine These, kann Beda nicht im 7.-8. Jahrhundert gelebt haben, da es diese Zeit ohnehin nicht gegeben hat. Deshalb muß Beda in eine andere, reale Zeit verbracht werden, am besten in eine, die seinem Wissen entspricht. Die Verwendung der Null verlangt das 12. Jahrhundert. Dazu paßt Bedas Einschätzung durch Olaf Petersen, daß “kein wissenschaftliches Werk vergleichbaren Wertes in der lateinisch schreibenden Welt vor Beginn des 13. Jahrhunderts erschienen ist”. So können wir sinnstiftend postulieren, daß die unter Bedas Namen kursierenden Schriften in Wahrheit aus dem 12. Jahrhundert stammen.

Die ebenfalls “nach Christi” datierten “karolingischen” Urkunden müssen nicht mehr von Beda beeinflußt sein, können aber mit Fug und Recht erst aus der Zeit nach 1000 stammen, als diese Datierungsart sich verbreitet hat.

Damit gewinnen wir eine Erklärung für einen ansonsten nicht leicht verständlichen Vorgang. Wer meine Theorie prüft, muß fragen, wie ein Kaiser Otto III. die Uhr um 300 Jahre vordrehen konnte, ohne daß irgend jemand den heilsgeschichtlichen Schwindel kritisch kommentiert hätte. Wenn Otto beim Vordatieren den Bezugspunkt, die Epoche gewechselt hat, dann war dieser Epochenwechsel – im doppelten Sinne des Wortes – nur noch für ausgesprochene Spezialisten erkennbar. Diese wenigen Kenner waren allesamt in der Geistlichkeit beheimatet, die das Monopol auf Schriftkenntnis hatte und ohnehin Träger dieser Umdatieraktion gewesen sein muß.

Mit dieser Annahme löst sich ein weiteres Problem. Noch immer sind sich die Historiker uneins, ob das Nahen der Jahrtausendwende für die Christenheit Anlaß für eine wilde Massenhysterie oder ein eher gleichgültiges Ereignis war. Lange Zeit imaginierten sie eine in Panik versetzte Menschheit, der Weltensturz und Höllenrachen vor schreckgeweiteten Augen flimmern. Doch Jose Ortega y Gasset hat schon1904 nachgewiesen, daß “die Legende über das Jahr eintausend vollständig unwahr ist” – aber diese seine Dissertation wurde bezeichnenderweise erst 1992 gedruckt. Allzu “natürlich” erschien es fast allen Historikern, daß zu runden Jahreszahlen hysterische Reaktion ausbrechen, als daß man sich von nüchtemer Betrachtung leiten lassen wollte.

Nunmehr können wir vermuten, daß der christozentrisch denkende Otto III. das heilsgeschichtlich bedeutsame zweite Jahrtausend einläutete, indem er Bezug auf Christi Geburt nahm, was vor ihm nur ein “dürftiger (=exiguus)” Dionysius tat. So hatte das Volk gar nicht die Zeit, vor der Jahrtausendwende zu zittern. Das Zagen setzte erst danach ein, als man – jäh in endzeitliche Gefilde versetzt – apokalyptische Geschehnisse, das Auftreten des Antichrist und das Jüngste Gericht befürchten mußte. So setzen bald nach der Jahrtausendwende Hysterien, Irrlehren und Ketzerverfolgungen ein.

Otto III. konnte also durch den Wechsel der Epoche kaschieren, daß er die Uhr vom Jahr 703 ins Jahr 1000 vordrehte. Noch bessere Kamouflage versprach, den 297-Jahres-Sprung nicht in die eigene Gegenwart zu legen, sondern früher anzusiedeln, am besten noch vor Großvater Otto I. Dann bildeten die letzten 90 Jahre, die ohne schriftliche Fixierung gerade noch von den Lebenden erinnert werden, ein korrektes Kontinuum. Um dieses Kontinuum belegen zu können, mußten Urkunden der nun zum 10. Jahrhundert erklärten Zeit vom 7. in dieses l0. Jahrhundert umdatiert werden. Genau dieser Vorgang ist längst bekannt, aber bislang nicht verstanden worden. Denn viele Urkunden des 10. Jahrhunderts weisen nachträglich veränderte Datumzeilen auf. Dabei sind so haarsträubende Fehler passiert, daß die Urkundenkenner sich wundern, wie kaiserliche Notare vergessen konnten, in welchem Jahr sie eigentlich schrieben. Eine spätere Umdatierung zahlreicher Urkunden läßt gerade solche Fehler erwarten.

Byzantinische Weltära

Wenn wir uns nun anderen, gleichzeitigen Zeitrechnungssystemen zuwenden, dann stoßen wir auf ganz ähnliche Begleiterscheinungen. So hat auch das zweite, noch mächtigere Kaiserhaus Europas justament in den dunklen Jahrhunderten seine Epochenrechnung verändert. Nachdem es die Hauptstadt von Rom an den Bosporus verlegt hatte, mußte früher oder später auch der Wunsch keimen, nicht mehr nach der Gründung Roms (-753) zu datieren, eine keineswegs uralte Methode, sondern erst nach Cäsars Kalenderreform durch Varro eingeführt. Der Bezug auf Roms Gründung ließ sich von Byzanz am besten dadurch übertrumpfen, daß man so weit zurückging, wie irgend möglich, am besten also gleich bis zur Erschaffung der Welt.

Genau so ist man vorgegangen, und es traten Phänomene auf, die uns bereits vertraut sind. Denn die Alexandrinische Weltärarechnung ist von Panodoros und dann Anianos bereits vor 412 n. Chr. erfunden worden, indem sie beschlossen, daß die Erschaffung der Welt rund 5.900 Jahre zurückliege. Als neue Epoche (Startdatum) wählten sie – umgerechnet – den 25.3.5493 v. Chr. Panodoros’ Zeitgenossen hat das nicht weiter bewegt, und so kam diese alexandrinische Weltära bei den byzantinischen Geschichtsschreibern erst ab dem 7. Jahrhundert an stärker in Gebrauch. Diese Auskunft durch Altmeister Ginzel hat ihre Schwächen, kennen wir doch keinen byzantinischen Geschichtsschreiber des 7. Jahrhunderts. Denn gegen 610 scheinen die Kaiser demütig geworden zu sein: Sie verzichteten auf ihren Hofgeschichtsschreiber und damit auf ihren Nachruhm, obwohl ihnen Kaiser Justinian im 6. Jahrhundert mit Prokop ein überzeugendes Vorbild geliefert hatte. Auch übergreifende Historien waren nicht mehr gewünscht, so daß deren Tradition mit ein oder zwei kümmerlichen Ausnahmen erst im 10. Jahrhundert wieder aufgenommen wurde. Diese seltsame Bescheidenheit auf dem byzantinischen Thron wird erstmals durch die These der Phantomzeit verständlich: Hier wurden erst rückwirkend Leerzeiten mit Geschichte gefüllt.

Das stolze Byzanz gab sich mit einer Datierungsmethode nicht zufrieden, sondern bekam auch noch eine spezielle Byzantinische Ära. Ihr Startdatum lag auf dem 1.9.5509 v. Chr., griff also noch 16 Jahre weiter zurück. Erstmals benutzt wurde sie laut Ginzel im Jahre 691 n. Chr., doch sie verbreitete sich keineswegs zügig, das heißt ihre Benutzung im 7., 8., und 9. Jahrhundert ist kaum nachzuweisen. Erst im 10. Jahrhundert erhielt sie den Vorzug vor der etwas kürzeren Alternativrechnung und blieb dann bis zum Untergang von Byzanz im Gebrauch.

Wir finden also dasselbe Phänomen wie im Westen: Neue Bezugspunkte für die Zeitbestimmung werden definiert, aber zunächst kaum oder gar nicht benutzt. Die faktische Durchsetzung ist schwer datierbar. Gravierend ist hier: Obwohl die Reihe der römisch-byzantinischen Kaiser kontinuierlich von Augustus bis Konstantin XII., von -30 bis + 1453 reicht, läuft die Zeitrechnung nicht kontinuierlich, sondern wird gleich zweimal umgestellt, wobei die Umstellungen in dunkle Zeiten fallen. Offenbar sollte hier genauso wie im Westen etwas verschleiert werden.

Jüdische Zeitrechnung

Es bleibt uns noch eine Zeitrechnung, die weiterhelfen könnte. Jüdische Gelehrsamkeit hat seit Abfassung der Genesis unentwegt Geschichtsschreibung betrieben, immer auf Schriftlichkeit gesetzt. So glaubten wir zu wissen – tatsächlich aber finden wir im frühen Mittelalter ein konträres Phänomen. Nachdem der babylonische Talmud im 6. Jahrhundert seine Endredaktion erfahren hatte, setzte keineswegs die Auseinandersetzung mit diesem Werk ein, erschien keine Flut von weiteren Kommentaren und Disputen. Statt dessen verzichteten die Juden für mehrere Jahrhunderte auf das Schreiben. Ausgerechnet die große Zeit der Schriftgelehrten, die Zeit der Gaonim, muß ohne Werke auskommen. Nur aus späteren Zeiten wird das eine oder andere Zitat tradiert.

Der Begriff der Dunklen Jahrhunderte bezieht sich auch bei den Juden auf Textquellen und auf die Fundlage. Jüdisches ist im Europa des 7., 8. und 9. Jahrhundert nicht zu greifen. Zwar saßen Juden schon im 4. Jahrhundert am Rhein, doch eine Kontinuität jüdischen Lebens bis ins 2. Jahrtausend ist nirgends nachweisbar. So werden jüdische Gemeinden erst im 10. Jahrhundert wieder greifbar. Weil nichts über Vertreibungen oder Pogrome bekannt ist, wird Kontinuität gemutmaßt. C. Roth und I. Levine haben ihr einschlägiges Buch The Dark Ages genannt und gleich eingangs festgehalten, daß sie die Zeitumstände in drei Jahrhunderten allein durch Interpolation erhellen konnten. Indem sie die Zeit vor 600 mit der nach 900 verglichen, schlossen sie auf die Zeit dazwischen. Diese rätselhafte Lücke bei Funden und Schriften konnte bislang allenfalls durch langanhaltende Schreibfaulheit motiviert werden – die These der Phantomzeit erklärt diese Dunkelzeiten erstmals befriedigend.

Aber haben die Juden nicht schon immer ab der Weltschöpfung gerechnet? Besitzen wir nicht seit biblischen Zeiten ein Zeitgerüst, das seitdem ständig ausgebaut worden ist und deshalb keine Diskontinuitäten zuläßt? In Wahrheit haben die Juden fast ein Jahrtausend lang nicht nach ihrer Bibel, sondern nach der Seleukidenära gerechnet. Das war die Datierung für Geschäftskontrakte, die eine Schlacht zwischen Diadochen (-312) zur Basis hatte.

Im Jahre 358/59 n. Chr. bezeichnete Rabbi Hillel das Jahr 670 der Seleukidischen Ära als das Jahr 4119 annus mundi (=Jahr der Welt), schuf also vielleicht die erste Jahreszählung ab der Erschaffung der Welt. Doch damit war die Weltära keineswegs eingeführt. Die Jerusalemer Encyclopedia Judaica erachtet Hillels Anteil als ziemlich dunkel und sieht die Ära-Einführung erst um 500 n. Chr. Für die Berliner Encyclopedia Judaica ist die Weltschöpfungsära erst im 8. Jahrhundert eingeführt und erst 921 in ihre endgültige Fassung gebracht worden. Andere glauben, daß sie sich in diesem 10. Jahrhundert auch durchgesetzt habe, während ihr ein Kenner wie Arno Borst überhaupt erst im 12. Jahrhundert Akzeptanz zugesteht.

Mit anderen Worten: Wir haben wieder einen Ära-Einführer, der lange unbeachtet blieb. Seine Idee soll sich im besten Fall nach 600 Jahren, vielleicht noch später durchgesetzt haben. Das erinnert seltsam an Dionysius Exiguus und an Panodoros und belegt, daß auch die Einführung der jüdischen Weltära hinter geschlossenen Vorhängen stattfand.

So gibt es in Europa keine Kalenderrechnung, die kontinuierlich durch die Zeiten läuft. Alle vier Ären, die christliche, die beiden byzantinischen wie die jüdische setzen so ein, daß ihre eigentlichen Anfänge nicht greifbar sind. Die verfügbaren Quellen führen zu so widersprüchlichen Aussagen, daß diese Widersprüche geradezu für die Phantomzeit bürgen.

Im Wissen um drei Jahrhunderte Phantomzeit läßt sich noch eine Spekulation anfügen. Wir haben bereits von der Alexandrinischen Weltära gehört. Es gab nun zwei weitere, fast identisch benannte Ären. Zwölf Jahre vor der Seleukidenära startete die Ära nach dem Tode Alexanders, auch Philippinische Ara benannt. 294 Jahre nach dieser Epoche, anno -30, eroberte der spätere Kaiser Augustus die Weltstadt Alexandria. Der Tag der Einnahme wurde als Epoche der Ära des Augustus definiert, eine Zeitrechnung, die auch Alexandrinische Ära genannt wurde. Wer auch immer einen Zeitsprung plante, fand hier die beste Deckung. Indem er Daten der alexandrinischen Ära in solchen der alexandrischen Ära ausdrückte, drehte er die Geschichtsuhr um 294 Jahre vor. Wenn er dann noch in einer alexandrinischen Weltära weiterrechnete, war die Verwirrung vollkommen und ein Zeitsprung verdeckt, der den von mir errechneten 297 Jahren auffällig nahe kommt.

China und Indien

Außerhalb Europas verschwimmt alles noch mehr, falls dies im angeblich so überaus präzisen Kalenderwesen noch möglich ist. Immerhin läßt sich festststellen, daß China und der ganze Ferne Osten nicht hinreichend mit der Welt im Westen synchronisiert sind. Vor dem 10. Jahrhundert ist nur eine einzige relevante Berührung mit dem Westen bekannt: 751 sollen in der Schlacht bei Samarkand arabisch geführte Truppen gegen chinesische Verbündete gesiegt haben. Aus diesem schwächlichen Bindeglied – 2.100 km von Bagdad, 4.200 km von Peking angesiedelt – kann nicht abgeleitet werden, daß die chinesische Tang-Dynastie (618–907) eine Phantomzeit ist und deswegen ihre staunenswerten Funde abgeben muß. Aber es wird sich auch hier empfehlen, den Kalender kritisch zu prüfen. Möglicherweise resultiert Chinas jahrhundertelanger Vorsprung auf vielen Gebieten schlicht und einfach daher, daß östliche und westliche Historie falsch synchronisiert worden sind.

Das östlichste Gebiet, das im frühen Mittelalter noch mit der abendländischen Geschichte abgestimmt werden kann, ist Indien. Nun stammen aus diesem Subkontinent zwar unsere Ziffern samt der Null und wichtigen Rechenregeln, aber die dortige Kalenderrechnung kann wenig erhellen.

So haben die Versuche, Buddhas Todesdatum festzulegen, nur eine Sicherheit gebracht: Die indischen Zeitrechnungssysteme widersprechen einander allesamt. Schwierigkeiten macht nicht nur der Nachweis von Buddha als historischer Person, sondern vor allem sein Einfügen in die Geschichte. Die “lange Chronologie” des südlichen Buddhismus datiert Buddhas Tod auf -544, die “korrigierte ceylonesische Chronologie” auf -486, die “kurze Chronologie” auf 368 v. Chr.; heutige Berechnungen nennen sogar 290 v. Chr. Diese Daten – tibetische gar nicht beachtet, die Buddha schon im -3. Jtsd. sterben lassen – schwanken in einem Ausmaß, das den Dunklen Jahrhunderten gleichkommt. Die Fundmengen der verschiedenen indischen Epochen lassen die Möglichkeit offen, daß hier bestimmte Zeiträume überdehnt worden sind, um eine Korrelation mit griechisch-hellenistischen Angreifern und Kolonisatoren zu ermöglichen.

Persische und parsische Zeitrechnung

Das sassanidische Persien, lange Zeit der mächtigste Gegner von Byzanz, hat in zwölfter Stunde eine neue Zeitrechnung eingeführt. Ihr letzter König, Yezdegird III., soll den Tag seiner Thronbesteigung 632 zum Beginn einer neuen Zeitrechnung bestimmt haben. Warum hätte sie die arabische Eroberung überdauert, die schon ein Jahr später einsetzt und 641 die Sassaniden stürzt, zumal die Araber doch eine eigene Zeitrechnung mitbrachten? Gleichwohl soll sie jahrhundertelang benutzt worden sein, bis im 11. Jahrhundert Großsultan Dschelaleddin den nach ihm benannten Kalender einführen ließ.

Das Geschehen in Persien ist schwer ausleuchtbar, so daß wir nur zwei Streiflichter auf bislang Unverständliches fallen lassen können. Trotz der frühen arabischen Eroberung von 641 und der sofort einsetzenden Verdrängung des Zoroastrismus ist Persien, zumal sein Osten, im 10. Jahrhundert noch keineswegs islamisiert. Als Erklärung wird die wohl gleichzeitig einsetzende Toleranz der Moslems in religiösen Dingen bemüht. Diese Toleranz muß im Falle von Persiens berühmtestem Dichter noch mehr strapaziert werden. Firdausi lebte von 939 bis 1020 und beschrieb in 60.000 Doppelversen die Geschichte des iranischen Reichs bis zur arabischen Eroberung (das Schah-Name oder Königsbuch). Warum er es sich leisten konnte, dieses Epos seinem Sultan zu widmen, obwohl es weder die arabischen Heldentaten seit 651 erwähnt noch den Islam noch Allah, ist bislang unerklärt. Erst wenn die Islamisierung des Irans – beim Auskehren der Phantom-Jahrhunderte – ins 10. Jahrhundert rückt, dann klärt sich auch die persische Geschichte.

Im Iran lebten im übrigen auch die Parsen. Schon im letzten Beitrag ist erwähnt worden, daß diese Religionsgemeinschaft bis heute nicht verstanden hat, warum der Kalender ihrer Glaubensbrüder in Indien von dem im Iran geltenden um 300 Jahre differiert. Auch hier stiftet die These von den Phantom-Jahrhunderten Sinn.

Hidschra, der arabische Kalender

Unser bislang frustrierender Rundgang endet bei der islamischen Kalenderrechnung. Bekanntermaßen verließ Mohammed im Jahre 622 Mekka in Richtung Medina. Diese Übersiedlung (Hidschra) wurde von Kalif Omar I. (633-644) – für eine Ära-Epoche erstaunlich früh – zum Startpunkt der islamischen Zeitrechnung erklärt. Trotzdem fehlt diesem Kalender das für uns Wesentliche: Er verbindet nicht Antike und Mittelalter, überbrückt nicht die ganze Phantomzeit (618-911). Seine frühe Einführung ist – wen wird es noch wundern – wiederum schlecht überliefert. Da es aber Münzen mit zweistelligen Hidschra-Daten gibt, führt diese Zeitrechnung immerhin von heute bis nahe den Beginn der Dunklen Jahrhunderte zurück. Nachdem dieser Kalender ab vielleicht 640 durchgängig belegt scheint, müssen andere Überlegungen angestellt werden. Zunächst fallt auf, daß die frühe arabische Zeit ähnlich dunkel wirkt wie die entsprechende Zeit im christlichen Europa. So ist das maurische Spanien vor 930 kaum faßbar. Die Kunstgeschichte kann nur auf einige Wandbögen in der Moschee von Cordoba verweisen, die ganz allein die maurische Architektur von 711 bis fast 950 repräsentieren müssen. Dabei soll Cordoba gegen 800 n. Chr. 500.000 bis 1.000 000 Einwohner gezählt haben, die in ihrer hochzivilisierten Stadt den primitiven Germanen vormachten, wie man riesige Bibliotheken anlegt, Straßen pflastert, Straßenbeleuchtung unterhält und zahllose Badeanstalten betreibt. Diese Weltstadt hat uns leider keine Scherbe hinterlassen, genausowenig wie die Millionenstadt Bagdad, in der Harun al-Raschid nächtens durch die Straßen gehuscht sein soll. Nachdem wir auch die großen geistigen Kulturleistungen des frühen Islams nur in Form von Zitaten kennen, die spätere Schriftsteller und Historiker berichtet haben, gilt der Verdacht, daß auch die arabische Welt bis ins 10. Jahrhundert hinein fiktiv ist.

Die Folgerungen daraus sind kaum absehbar. Wir wissen etwa, daß die islamischen Historiker des 11. bis 13. Jahrhunderts nach der Hidschra und nach Christi Geburt datiert haben. Wenn sie sich nach Otto III. der christlichen Zeitrechnung angeschlossen haben, hätten sie sich auch die Zeitlücke eingehandelt, die sie dann mit Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht füllten. Da in Phantomzeiten keine gemeinsame Geschichte von Ost und West geschehen sein kann, passen die Erfindungen des Abendlandes und des Morgenlandes nicht immer zueinander. So gibt es keine arabischen Belege jener Gesandtschaften, die Karl der Große und seine Nachfolger nach Bagdad geschickt haben sollen, keine arabischen Berichte zur Kaiserkrönung von 800 und zu Haruns Krönungsgeschenken wie Elefant oder Orgel. Von arabischen Historikern wurde auch die epochale, europarettende Niederlage gegen Karl Martell übersehen, was die westlichen Historiker verdroß, die doch mehr als 200.000 Sarazenen südlich der Loire hatten liegen sehen wollen.

Damit kommen wir zu dem Rätsel, wie die Araber so schnell die halbe Welt erobern konnten. Binnen 99 Jahren (633–732) stoßen sie im Westen bis zur Loire vor, binnen 118 Jahren (633–751) erreichen sie Zentralasien –eine überdimensionale Zangenbewegung mit einem Ausgriff von 7.500 km. Bei diesem unaufhaltsamen Vordringen werden die ersten vier Kalifen und der Sohn des vierten ermordet (634, 644, 656, 661, 680). “Normalerweise” hätten immer neue Blutfehden die Araber ins finsterste Chaos stürzen müssen – statt dessen fanden sie erstmals richtig zusammen.

Die frühe arabische Geschichte muß deshalb insgesamt überprüft werden. Ist sie ganz anders verlaufen, ist sie eher persische Geschichte, lebte Mohammed schon im 4. Jahrhundert, was aus religionsgeschichtlicher Sicht möglich wäre und die Hidschra-Daten bestätigen würde? Erst dann wird sich auch das Rätsel unserer Abbildungen lösen. Bislang ist schwer verständlich, warum arabische Münzen des 8. und 9. Jahrhunderts den islamischen Vorgaben – unter anderem keine Darstellung von Menschen und Tieren – rigid entsprechen, während im frühen 10. Jahrhundert sehr wohl Pferde, Reiter und musizierende Personen abgebildet werden, als ob der endgültige Kanon islamischer Kunst noch gar nicht definiert war.

Doppeltes Fazit

Wir sind zu zwei Ergebnissen gekommen. Zum einen müssen wir akzeptieren, daß unser bisheriges Geschichtsbild des frühen Mttelalters keiner kritischen Betrachtung standhält. Selbst die verschiedenen Zeitrechnungen, die doch das Rückgrat aller Geschichte bilden, verschleiern mehr, als sie klarstellen können. Wo wir Gewißheit und Prüfbarkeit erhoffen, stoßen wir nur auf Fehlstellen und Dunkelzeiten.

Andererseits löst die auf den ersten Blick abstrus wirkende These dreier Phantom-Jahrhunderte Probleme, die bislang unlösbar waren und obendrein aus ganz verschiedenen Bereichen stammen. Dank ihr verstehen wir die Fundleere in Italien genauso wie die in Spanien oder Bagdad; wir verstehen, warum die Zeitrechnungssysteme der Parsen oder der Inder nicht einmal untereinander kompatibel sind; wir verstehen, warum ein alter Engländer sehr “voreilig” die Null verwendet und eine berühmte irische Handschrift wie das Book of Kells afghanische Farben aufweist, obwohl um 800 kein Fernhandel möglich gewesen sein soll (das berühmte Manuskript stammt in Wahrheit aus der Zeit um 1000); wir begreifen die Jahrtausendwende-Hysterie in Frankreich und die Datumsänderungen in “deutschen” Urkunden, die bislang kaiserlichen Notaren fortgeschrittene Verblödung attestierten. Wir verstehen jetzt auch, warum die Juden zeitweilig das Schreiben vergessen haben und während des frühen Mittelalters “untertauchen”; wir verstehen, daß die Araber einfach Karl Martell übersahen; wir verstehen, daß ein Perser des 10. Jahrhunderts nur eine sassanidische Vergangenheit schildern konnte und daß der Iran damals noch kaum islamisiert war. Wieviel Sinn muß eine These stiften, bevor auch die zuständigen Fachgelehrten ihren Wert erkennen?

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19. Dezember 1999                     Kategorie(n): Fantomzeit

eingestellt von: ao

Was bleibt vom Mittelalter? Signale für einen Paradigmenwechsel

von Heribert Illig und Hans-Ulrich Niemitz (Aus der österreichischen “GEGENWART” 3/96)

Es begann alles ganz einfach. Den einen von uns faszinierte die unglaubliche Fülle mittelalterlicher Fälschungen. Deren Umfang läßt sich allenfalls mit einem Vergleich veranschaulichen. 1986 veranstaltete die Monumenta Germaniae Historica. Deutsches Institut für Erforschung des Mittelalters, also die einschlägige Institution, einen großen Kongreß zum Thema “Fälschungen im Mittelalter”. Allein die Protokolle dieses Kongresses füllten fünf Bände mit mehr als 3.700 Seiten. Es dürfte wenige mittelalterliche Phänomene geben, die in ihrer Fülle wie in ihrer Vielgestaltigkeit, auch in ihrer Anmaßung und Selbstverständlichkeit die Forscher noch mehr verwirren und damit noch stärker herausfordern würden.

Besonders rätselhaft erscheint die Mentalität der Fälscher, wie sie Horst Fuhrmann, damals Präsident der Monumenta, in der Eröffnungsrede dieses Kongresses dargestellt hat. Er konzentrierte sich auf die umfangreichsten und entscheidendsten Fälschungen, so auf die “Konstantinische Schenkung”, die den Kirchenstaat begründen sollte, so auf die “Pseudoisidorischen Fälschungen”, eine Sammlung von über 10.000 kirchenrechtlich bedeutsamen Dokumenten. Alle diese Fälschungen entsprängen einem dubiosen Verfahren, denn sie seien -trotz aufwendiger und mühseliger Anfertigung- erst “Jahrhunderte später [...] in das Bild von Welt und Kirche eingebaut worden” (Fuhrmann 1988:90). Fuhrmann vertrat die Ansicht, daß erst das Umfeld bestehen mußte, um eine Fälschung wirken zu lassen:

“Es ist ein naiver Positivismus, wenn man meint, Fälschungen der hier vorgeführten Art hätten die Welt verändert. Ein solcher Satz vertauscht Ursache und Wirkung: vielmehr hat eine entsprechend veränderte Welt die Fälschungen aufgenommen. Oder anders ausgedrückt: Der sich herausbildende Zentralismus des Papsttums hatte die Fälschungen nicht nötig; wohl aber hatten die Fälschungen für ihren Erfolg den Zentralismus des Papsttums nötig” (Fuhrmann 1988:91).

Geht es denn noch seltsamer: Die Kirche fälscht, ohne es nötig zu haben (Niemitz 1/91)? Damals wurde auch der andere der beiden Verfasser mit diesen Fragen konfrontiert. Wir diskutierten Fuhrmanns Bild und fanden es absurd: Da erfinden kluge Mönche hochbrisante Dokumente-doch zu niemandes Nutz und Frommen. Statt dessen verstauen sie ihre Machwerke in einer Schublade, bis nach Jahrhunderten die Welt sie ans Licht hebt und “aufnimmt”? Wie gelingt es, die Zukunft so gut einzuschätzen, wie untermauert man zukünftige Ansprüche eines noch ungeborenen Potentaten, wieviele Varianten muß man prophylaktisch fälschen? Mönche als Hellseher?

Bald fragten wir uns, ob nicht etwa der große Fuhrmann wiederum Ursache und Wirkung vertauscht hatte. Daraus entstand die These: Wenn die Fälschungen Jahrhunderte später zweckmäßig werden konnten, liegt das daran, daß der Zeitpunkt der Fälschung und der Zeitpunkt ihres Einsatzes dicht beieinander lagen, später aber durch eine Manipulation an der Zeitachse weit voneinander getrennt wurden. Dafür gab es eine Kontrollmöglichkeit: Unser Kalender ist 1582 korrigiert worden, um die seit Caesars Zeiten zu häufig eingesetzten Schalttage auszugleichen. Diese Korrektur geschah durch das Überspringen von zehn Tagen. Da Caesars wie Gregors XIII. Reformen zeitlich fixiert sind, läßt sich nachrechnen, ob richtig korrigiert worden ist. Diese Rechnung ist ebenso einfach, wie ihr Ergebnis überraschend ist: Man sprang um drei Tage zu kurz -und trotzdem sind heute Himmel und Kalender im Einklang. Die Konsequenz: Die Zeitspanne zwischen Caesar und Gregor muß zirka 300 Jahre kürzer als bislang angenommen sein (Illig 1/91).

Zwischen der Antike und der Renaissance führen die Historiker rund 300 Jahre zuviel in der Chronologie. Auf Christi Geburt bezogen leben wir heute nicht im 20., sondern gerade noch im 17. Jahrhundert n. Chr., vielleicht im Jahre 1699. Drei Phantom-Jahrhunderte auf der Zeitachse – wo wären sie aufzuspüren? Nun sind im frühen Mittelalter die dunkelsten, das heißt unbekanntesten Zeiten abendländischer Geschichte angesiedelt. Angesichts der dortigen Fund- und Problemlage ließ sich die These drastisch verschärfen: Die Phantomzeit liegt -so der bisherige Befund- zwischen den Jahren 614 und 911. Diese Zeit und die ihr zugeordneten Ereignisse hat es nie gegeben. Sie ist irgendwann in unsere Zeitrechnung eingefügt worden und deshalb absolut leer. Bauten und Artefakte, die dieser Phantomzeit angehören sollen, sind ihr erst später zugeschrieben worden (lllig 4/92a).

Darauf stellten sich tausend Fragen. Die beiden nächstliegenden waren: Warum haben andere diesen Zeitfehler nicht längst bemerkt? Und zweitens: Wenn wir schon eine Hypothese von so großer Tragweite aufstellen, dann müssen sich dadurch sehr viele quälende Probleme lösen. Hat die einschlägige Forschung überhaupt so viele Probleme? Auf die erste Frage gab es sofort eine Antwort: Zeitachse und christlicher Kalender sind so selbstverständlich, daß niemand auf die Idee gekommen ist, sie in Frage zu stellen. Dabei sind beide kein Gottesgeschenk, sondern nur ein fehleranfälliges Rechenergebnis. Als wir nun in den verschiedensten Fachgebieten die Literatur zu Spätantike und Frühmittelalter studierten, fanden wir Forschungsprobleme en masse, aber kein Problembewußtsein. Die chronologiegläubigen Spezialisten wundern sich immer nur kurz, fühlen sich aber in Einklang mit ihren Nachbar-Disziplinen und können ungestört weiterarbeiten. Das gilt für Archäologen wie Historiker, Städteforscher wie Münzkundler, Siedlungsarchäologen wie Radiokarbon- und Dendrochronologie-Datierer, Keramikspezialisten wie Kirchengeschichtler, Byzantinisten wie Islamforscher. Wir dagegen nahmen die Probleme als Probleme und prüften an ihnen die Phantomzeit-These, wobei wir alle Synchronismen von Island bis Indien beachteten. Aus der Fülle der Forschungsprobleme wollen wir hier nur sechs Beispiele kurz anreißen. Die Parsen -das sind die Feueranbeter beziehungsweise Zarathustra-Anhänger, von denen ein Teil aus dem Iran nach Indien floh- streiten über ihre eigene Chronologie. Als im 18. Jahrhundert Botschafter vom Iran nach Indien kamen, um eine religiöse Wiedervereinigung zu versuchen, teilten sie den indischen Parsen mit, daß sie sich in ihrer Jahreszählung seit ihrer Flucht von zu Hause um rund 300 Jahre geirrt hätten; auch die Lexika verorten diese Flucht mal in das 7. und mal in das 10. Jahrhundert (Topper 3/ 94). Hier präsentierten sich die postulierten 300 Phantomjahre unmittelbar.

Die jüdische Geschichte im christlichen Europa zeigt Dunkelzonen und Diskontinuitäten, die auch dort als “dark ages” geführt werden. Wir zitieren den Fachmann, der zwingend von der Existenz von Juden im damaligen Europa ausgeht: “Trotzdem gibt es keine Zeugnisse, ja nur geringe Wahrscheinlichkeit dafür, daß eine größere Anzahl von Juden irgendwo in der westlichen Welt zu dieser Zeit lebte” (Roth 1966:4). Mit anderen Worten: Zwischen dem 6. Jahrhundert und dem beginnenden 10. Jahrhundert finden sich keine jüdischen Spuren in Europa. Sie werden durch Interpolation zwischen Spätantike und hohem Mittelalter ersetzt (lllig 5/91).

Die Byzantinisten bewegt eine Forschungsfrage ganz besonders, die genau diesen Zeitraum betrifft: Wann wurde die große Verwaltungsreform (Themenreform) durchgeführt, wann und wie entwickelte sich der Feudalismus? Eine Gruppe kommt zum Ergebnis, daß sich alle wesentlichen Details vor 600 ausbildeten und daß in den folgenden 300 Jahren eigentlich nichts passierte. Die andere Gruppe postuliert (‘interpoliert’) zwischen 600 und 900 einen so langsamen Wandel der Gesellschaft, daß er den Akteuren selber kaum ins Bewußtsein kam. Beiden Forschergruppen fehlen für die fraglichen Jahrhunderte Quellen und archäologische Befunde, so daß sie ihre allzu lange “Kontinuitätsdebatte” ‘freischwebend’ führen müssen (Karayannopulos 1959:15; Niemitz 1/94).

Auch in Deutschland fehlen archäologische Funde für genau diese Zeit. Zwar fanden die Archäologen in Frankfurt/Main eine wunderschöne, ungestörte Schichtenfolge, die Römerzeiten mit Renaissancezeiten verband; nur die Schichten für die Zeit von 650 bis 910 fehlten. Aber da nicht sein kann, was nicht sein darf, ‘meisterten’ die Archäologen diese Schwierigkeit, indem diese fehlenden Schichten durch abseitige Abfallgruben ersetzt wurden. Deren zahlreiche Scherben verteilten sie über die “Phantomzeit”, um der Chronologie zu entsprechen (Stamm 1962; Niemitz 3/93).

Leider stellen auch die Naturwissenschaften keine unfehlbaren Datierungsmethoden bereit. Die allgemein bekannte Radiokarbonmethode (C14-Methode) hängt für den uns interessierenden Zeitraum völlig von der Dendrochronologie ab (Willkomm 1988:176). Diese vergleicht die Muster von Jahresringen in Hölzern. Da ähnliche Ringfolgen zur gleichen Zeit gewachsen sein müssen, versucht sie sich mit zeitlich überlappenden Ringfolgen von Holzprobe zu Holzprobe datierenderweise in die Vergangenheit zurückzuhangeln. Als die Dendrochronologen vor rund 25 Jahren die Jahrtausendwende überschritten und das frühe Mittelalter anschließen wollten, hatten sie extreme Schwierigkeiten, passende Hölzer zu finden. Und wenn sie welche gefunden hatten, dann wollten die Datierungen nicht ins chronologische Schema passen. Es dauerte rund ein Jahrzehnt, bis sich die Dendrochronologen und Historiker im ‘freien Diskurs’ geeinigt hatten; sie opferten dabei die bis dato benutzte dendrochronologische Methode. Aus einer optischen Priifung war ein statistisches Verfahren geworden, dessen hochkomplizierte Korrekturrechnungen nur noch dem Spezialisten zugänglich sind. Trotzdem ließ sich zeigen, daß signifikante Fehler gemacht wurden, um der herrschenden Chronologie zu genügen (Niemitz 3/95).

Sechstens Aachen, Anhand unseres sechsten Beispiels soll ausführlicher demonstriert werden, wie eines der wichtigsten unter den relativ wenigen Zeugnissen des frühen Mittelalters nach allen Regeln der Kunstgeschichte neu datiert werden kann.

Um die wichtigsten Anachronismen der Aachener Pfalzkapelle zu verstehen, greifen wir aus der europäischen Architekturgeschichte ein ebenso markantes wie stabiles Element heraus: den Bau von Gewölben (Illig 1994: 198–281).

So wie Rom nicht an einem Tag erbaut worden ist, so konnte auch die Kunst der Wölbung nicht von heute auf morgen perfektioniert werden. Der Weg bis zum 48 Meter hohen gotischen Chor von Beauvais, dem kühnsten Kirchenbau des Mittelalters, war schwierig und von manchen Rückschlägen begleitet. Dieser himmelstürmende Drang, als Ausdruck der faustischen Seele des Abendlandes empfunden, setzte gegen das Jahr 1000 ein. Seit damals wuchsen Türme, Vierungskuppeln und Gewölbe immer höher, obwohl zunächst nur romanische Rundbogen, Mauermassen und selten genug Gewölberippen zu Gebote standen. Dementsprechend dürftig waren die Anfänge.

In Katalonien, im südlichen Frankreich und auch in Burgund versuchte man sich ab etwa 970 in kleinen und bescheidenen Kirchen mit ebenso bescheidenen Gewölben. Es ging um Spannweiten von kaum 3,50m. Und nur solch kleine Kirchen -etwa die Pyrenäenbauten St.-Michel de Cuxa und St.-Martin-du-Canigou- wurden zur Gänze eingewölbt. Noch St. Philibert in Tournus (zirka 1015) wird dafür gefeiert, daß wenigstens seine Vorkirche vollständig eingewölbt werden konnte. Zwischen 1030 und 1060 gelang es erstmals, große Raumteile zu wölben: Im Dom zu Speyer erhielten die beiden Seitenschiffe -70 m lang und 7,75 m breit- einfache Kreuzgratgewölbe. Erst zwischen 1082 und 1106 gelang es dann -wieder in Speyer-, auch Mittelschiff und Querschiff einzuwölben, also Spannweiten von 14 und sogar 15,40 m, dazu eine Scheitelhöhe von 33 m zu beherrschen. Dazu mußten mächtige Holzbalken die Wände zusammenbinden. Dieselbe Ankertechnik sicherte Querschiffe und Vierungsturm. So konnten die Baumeister in Speyer ein unregelmäßiges Oktogon wagen, das in 50 m Höhe bis zu 15,40 m spannt. Allenfalls in Cluny hat die Romanik mächtiger gebaut.

So führt ein in zahllosen Details belegter Evolutionsweg bei den Kirchenschiffen innerhalb von 140 Jahren von ängstlichen Anfangen bis zu erhabenen Dimensionen: Die Spannweite wächst von gut 3 m auf das Fünffache, die Gewölbehöhe steigert sich von 4 m auf rund das Achtfache. Man muß keiner Dombauhütte angehören, um zu verstehen, daß dafür Steinbearbeitung, Steinschnitt, Statik, Schubableitung und Ankertechnik ständig verbessert werden mußten. Diese bautechnische Entwicklung ist genauso gut belegt wie die ästhetische Entwicklung innerhalb der Romanik.

220 km nordwestlich vom Dom zu Speyer treffen wir auf einen Bau, der dazu in direkte Konkurrenz treten kann: die Aachener Pfalzkapelle. Ihr Zentralbau ist bislang zweifelsfrei Karl dem Großen und der Zeit kurz vor 800 zugeschrieben worden. Sein 30 m hohes Oktogon zeigt im Emporengeschoß, wie man Mauern in ein filigranes Säulengitter auflösen kann. Es wird von einer Kuppel überspannt, die zwischen 14,50 und 15,60 m spannt.Diese mächtige Kuppel braucht Unterstützung. Deshalb wird sie nicht nur von einem Eisenkorsett zusammengeschnürt, sondern von Strebepfeilern und dem doppelstöckigen Umgang gestützt. In diesem Umgang sind Wölbungsprobleme mit erstaunlicher Meisterschaft gelöst. Für sein Erdgeschoß wählte man keineswegs eine simple Tonne oder ein schlichtes Kreuzgratgewölbe. Nein, man baute eine wabenförmige Struktur, die in bestem Steinschnitt zwischen innerem Achteck und äußerem Sechzehneck vermittelt. Die Emporenlösung ist beinahe noch raffinierter. Sechzehn Mauern steigen zum Oktogon hin an und stützen es. Paarweise werden sie von ebenfalls ansteigenden Tonnengewölben verbunden, die gleichfalls den Schub ableiten. In den Zwickeln zwischen den acht Tonnen finden wir dreieckige Stichkappen, über den Wendeltreppen Schneckengewölbe. So läßt sich mit Fug und Recht behaupten, daß der zuständige Baumeister das ganze Repertoire an romanischen Wölbtechniken virtuos eingesetzt hat.

Aber konnte er um 800 bereits romanische Techniken kennen? Konnte er auch nur eine Wölbungsart kennen? Wenn wir die oben skizzierte, bestens belegte Evolutionslinie zwischen 970 und 1110 ernst nehmen, dann konnte er überhaupt noch nicht wölben. Warum also trotzdem ein Oktogongewölbe in Aachen, das ebenso weit spannt wie das von Speyer und ebenso hoch reicht wie dessen Mittelschiff? Nachdem handwerkliche Tradition nicht vom Himmel fällt, sondern mühsam genug erworben wird, müssen wir feststellen, daß Aachen außerhalb der abendländischen Entwicklung zu stehen scheint. Ganz egal, ob wir Wölbtechnik, Steinschnitt, Ankertechnik, Mauerauflösung betrachten – immer liegt Aachen 200 bis 300 Jahre in Front. Das gilt für mehr als ein weiteres Dutzend Bauelemente. Ob Strebesystem oder Vertikalität, Wandgliederung oder gebundenes System, Turmbau oder Westwerk, Säulengitter oder Bronzeguß, nicht zuletzt die Formprinzipien Doppelkapelle und Oktogon – all diese Merkmale sind der Romanik wohlbekannt, leiten sich aber nicht direkt von Aachen her, sondern werden Jahrhunderte später noch einmal erfunden, um erst dann an der Bauevolution der Romanik teilzunehmen.

Es bliebe als Ausweg, Aachen als spätesten Vertreter antiker Baukunst einzustufen. Das versuchten die Architekturhistoriker auch; aber es ist beim Versuch geblieben. Zwei ‘Genealogien’ wären möglich. San Vitale in Ravenna vermittelt einen vergleichbaren Raumeindruck wie das fast 300 Jahre spätere Aachen. Aber bautechnisch stammt Aachen niemals von byzantinischen Vorbildern ab. Denn bei diesen wurden die Wölbungen so leicht wie möglich ausgeführt: mit Ziegeln und hohlen Tonelementen wie Amphoren oder Tonröhren. Dank dieser Gewichtsreduktion blieben die Schubkräfte beherrschbar, selbst bei der Riesenwölbung der Hagia Sophia, die wie San Vitale unter Kaiser Justinian (527–565) erbaut worden ist. Aachens Oktogon wird dagegen von massivem Stein überwölbt, der noch an der schwächsten Stelle 81 cm mißt -eine in Byzanz nie versuchte Aufgabe. Aachen könnte aber auch vom kaiserlichen Rom abstammen. Hat Karl der Große Anleihen bei den alten Römern gemacht, etwa bei Pantheon oder Konstantinsbasilika? Auch das kann zuverlässig verneint werden. Denn die damaligen Römer gossen Betonkuppeln aus zementähnlicher Pozzulanerde und leichtesten, vulkanischen Zuschlagstoffen. Derartige Kuppeln entwickeln kaum Schubkräfte, wie mit einer umgedrehten Kaffeetasse auf vier Bauklötzchen leicht demonstriert werden kann.

Baugeschichtlich hat das Aachener Oktogon also keine Vorläufer. Sollen wir an das Wunder glauben, daß die Bauhütte zu Aachen, die ja selber auch mindestens zwei Jahrhunderte zu früh käme, ad hoc meisterliche Lösungen für alle Gewölbeprobleme gefunden hätte? Binnen zehn Baujahren ein Entwicklungssprung anstelle einer Evolution, die in der Romanik 140 Jahre gedauert hat? Und warum brauchte es diese Evolution, wenn schon alles erfunden war? Die Aachener Pfalzkapelle, ein vollendeter Bau ohne Vorläufer, ohne direkte Nachfolger, außerhalb jeder Bautradition, ein erratischer Block in der abendländischen Baugeschichte.

Aber auch dieser gordische Knoten kann zerschlagen werden. Wir hinterfragen ganz einfach Aachens Datierung. Das ist bislang nie geschehen, weil ja Karl der Große als Bauherr feststand. Erkennt man diesen Kaiser als eine der gelungensten Fiktionen der drei “Phantom-Jahrhunderte” (Illig 1994), dann erlauben die bisherigen Anachronismen der Pfalzkapelle eine sehr genaue Datierung innerhalb der romanischen Evolution. Alle Widersprüche lösen sich, wenn dieser Bau in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts entstanden ist, in engster zeitlicher Nähe zum Dom von Speyer. Selbstverständlich bricht schon damit die vertraute Geschichte des frühen Mittelalters zusammen. Denn wenn diese Pfalzkapelle erst gegen 1100 fertiggestellt wurde, dann verliert die zentrale Pfalz des Karolingerreichs ihren Kern. Wenn allenfalls spärliche Baureste übrigbleiben, die der Zeit um 800 zugeschrieben werden könnten, dann fehlt dem großen Karl die königlich-kaiserliche Kirche, dann fehlt noch eine ganze Zeitlang die Krönungskirche fränkischer Herrscher, dann verschwindet die Ansiedlung Aachen als Zentrum eines Frankenreiches. Mit nur geringer Übertreibung läßt sich sagen: Ohne Aachens Pfalzkapelle ist kein fränkischer Staat zu machen.

Einstige Überlieferung und heutiger Baubefund stehen hier in krassem Widerspruch, der sich nur durch eine Umdatierung beseitigen läßt. Aus diesem Beispiel, das für viele ähnliche Befunde steht, haben wir drei Erkenntnisse gewonnen:

  • Das frühe Mittelalter kann niemals so gewesen sein, wie es die Lehrbücher darstellen.
  • Die mannigfaltigen Schwierigkeiten lassen sich dadurch beheben, daß man eine gewisse Zeit als künstliche Phantomzeit erkennt, die zwischen realen Jahrhunderten steht.
  • Viele Indizien deuten im Abendland auf einen zusammenhängenden Abschnitt von fast genau 300 Phantomjahren hin, der das 7., 8. und 9. Jahrhundert umfaßt.

Kam diese Phantomzeit zufällig oder beabsichtigt in unsere Geschichte? Gegen reinen Zufall spricht, daß ein solcher längst hätte bemerkt werden müssen. Bei einer absichtlichen Verfälschung des Kalenders sollten sich jedoch Indizien und vor allem Motive finden lassen. Wir zeigen zwei religiöse Motive für Geschichtsfälschung, die sich ergänzen, aber auch unabhängig voneinander gewirkt haben können.

Der Byzantinistik sind zwei unverstandene Vorgänge bekannt. Ab 835 sind alle in griechischer Majuskel abgefaßten Texte nach und nach in die neue Minuskel umgeschrieben, die Originale aber vernichtet worden (Schreiner 1991:13). So ist das gesamte Schriftgut der damals führenden Kulturnation binnen ein, zwei Generationen komplett neu geschrieben worden, und niemand weiß, ob hier nur sorgfältig abgeschrieben oder auch neu geschrieben worden ist. Daraufhin hat Kaiser Konstantin VII. Porphyrogennetos (911–959) viele antike Schriften in Auswahl kopieren und zusammenfassen lassen. Diese Exzerpte sind heute unser einziger Zugang zu vielen antiken Texten. Da in einem phantomzeitlichen 9. Jahrhundert keine Umschreibung stattgefunden haben kann, würden beide Aktionen auf Konstantin VII. zurückgehen, der schließlich auch die byzantinische Geschichte der letzten 300 Jahre neu schreiben ließ, ja zum Teil selbst verfaßte. Dieser Kaiser hatte eine sehr christliche Motivation für die vielleicht gewichtigste Zensuraktion des Abendlandes. 614 raubten die heidnischen Perser die erhabenste Reliquie der Christenheit, das Kreuzesholz. Seine tradierte Rückeroberung wirkt so obskur (ein Engel entwirft dem Kaiser den überaus riskanten Schlachtplan), daß sie eine andere Wahrheit zu verdecken scheint: Byzanz und die Christenheit wollten Jahrhunderte Abstand zu diesem Skandalon. In dieser fiktiven Zeit wäre das Kreuzesholz zumindest fiktiv rückgewonnen, in tausend Partikeln übers Abendland verteilt und so die unsägliche Schmach getilgt worden (Illig 4/ 92b).

Mit dieser ‘Distanzierung’ hätte Kaiser Konstantin das gesamte Abendland vordatiert. Und so regierte dann Kaiser Otto III. in dem ominösen Jahr 1000. Otto und der von ihm eingesetzte Papst Silvester II. legten aus eschatologischen Gründen -tausend Jahre sind wie ein Tag- größten Wert auf diese Jahrtausendwende. Mit ihr konnten beide das Zeitalter Christi auf Erden als seine Stellvertreter eröffnen. Wir wollen zum jetzigen Zeitpunkt nicht die Möglichkeit ausschließen, daß Otto und Silvester selbst das Rad der Geschichte um drei Jahrhunderte vorgedreht haben, um das Jubeljahr zu erleben. Die politische Situation im ausgehenden 10. Jahrhundert war auf alle Fälle selten günstig. Ottos Mutter Theophanu war mit dem byzantinischen Kaiser Johannes 1. Tzimiskes (969–976) verwandt, der aus derselben Makedonischen Dynastie stammte wie Konstantin VII. Und Otto III. arbeitete mit dem Papst Hand in Hand -einmalige Eintracht zwischen Byzanz, Rom und dem Kaiser im Westen (Illig 3/91)!

Dieses Vordrehen des Kalenders, ob durch Konstantin oder Otto, erzeugte 300 leere Jahre. Sie zu füllen, gab vielen die Möglichkeit, 300 Jahre ‘gelebter’ Geschichte nach eigenem Gusto zu erfinden. Für Kaiser wie Papst war es vorteilhaft, die anzustrebende Zukunft als schon einmal gewesene Vergangenheit auszumalen, mangelnde Autorität durch Rückgriffe auf übermächtige Ahnen zu ersetzen. So kreierten sie einen Karl den Großen, dessen Reich all das umfaßte, was Otto III. anstrebte. Die erste Skizzierung malten spätere Generationen von Kaisern, Königen, Päpsten, Mönchen und Historikern zu einem immer prächtigeren Bild aus. Die Fälscherenkel, wie Heinrich IV., Friedrich Barbarossa oder Friedrich II., konnten nicht ahnen, daß dereinst Geschlechter auftreten würden, die lieber im Boden wühlen, als sich durch schöne Geschichten beeindrucken zu lassen.

Wir lassen hier den Vorhang fallen und alle Fragen offen, um einem berühmt-berüchtigten Vorbild zu folgen. Was immer weitere Forschung ans Licht bringen wird – für das frühe Mittelalter steht ein Paradigmenwechsel an, der uns zu neuen Erklärungen der eigenen Vergangenheit führen wird.

Allgemeine Literatur

Horst Fuhrmann: Von der Wahrheit der Fälscher. Monumenta GermaniaeHistorica Band 33 Fälschungen im Mittelalter Internalionaler Kongreß der Monumenta Germaniae Historica München 16.-19. September 1986 Teil 1:83–98
E. Hollstein: Dendrochronologische Untersuchungen an Hölzern des frühen Mittelalters. Acta Praehistorica 1(1970):147–156
E. Hollstein Mitteleuropäische Eichenchronologie. 1980
Johannes Karayannopulos: Die Entstehung der byzantinischen Themenordnung. Beck München 1959
Cecil Roth / I.H. Levine (Hrsg.): The Dark Ages. Jews in Christian Europe 711–1096. Band 11 der World History of the Jewish People, London 1966
Peter Schreiner: Die byzantinische Geisteswelt vom 9. bis zum 11. Jahrhundert. In: Anton von Euw; Peter Schreiner (Hrsg.): Kaiserin Theophanu. Begegnung des Ostens und Westens um die Wende des ersten Jahrtausends. Gedenkschrift des Kölner Schnütgen-Museums zum 1000. Todesjahr der Kaiserin. Band 11 Köln 1991
Otto Stamm: Spätrömische und frühmittelalterliche Keramik der Altstadt Frankfurt (Schriften des Frankfurter Museums für Vor- und Frühgeschichte). Frankfurt/Main 1962
Horst Willkomm: Kalibrierung von Radiokarbondaten.Acta Praehistorica 20 (1988): 173-181
Literatur zur Phantomzeit
Heribert Illig, Hat Karl der Große je gelebt? Bauten, Funde und Schriften im Widerstreit. Mantis, Gräfelfing 1994

Die nachfolgenden und weitere Artikel erschienen in Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart – Interdisziplinäres Bulletin, seit 1995 unter dem neuen Titel Zeitensprünge im Mantis Verlag, Dr. Heribert Illig, D-82166 Gräfelfing, Lenbachstraße 2a. Sie sind zwischen 5 und 23 Seiten lang; 1/91 bedeutet zum Beispiel: Heft 1 aus den Jahr 1991.

Heribert Illig (l/91), Die christliche Zeitrechnung ist zu lang
–(3/91), Vater einen neuen Zeitrechnung: Otto 111 und Silvester 11.
–(5/91), Jüdische Chronologie. Dunkelzonen, Diskontinuitäten, Entstehungsgeschichte
–(4/92a), 614/911 – der direkte Übergang vom 7. ins 10. Jahrhundert
–(4/92b), Vom Erzfälscher Konstantin VII. Eine “beglaubigte” Fälschungsaktion und ihre Folgen
Illig /Niemitz (1/91), Hat das dunkle Mittelalter nie existiert?
Hans-Ulrich Niemitz (1/91), Fälschungen im Mittelalter
–(3 4/93), Eine frühmittelalterliche Phantomzeit – nachgewiesen in Frankfurter Stratigraphien
–(1/94), Byzantinistik und Phantomzeit
–(3/95), Die “magic dates” und “secret procedures” der Dendrochronologie
Uwe Topper (3/94), Zur Chronologie der islamischen Randgebiete. Drei Betrachtungen

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17. November 1999                     Kategorie(n): Inhaltsverzeichnisse, Zeitensprünge

eingestellt von: ao

Zeitensprünge 1996/01

Zeitensprünge

Interdisziplinäres Bulletin
(vormalig ‚Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart’)
Jahrgang 8, Heft 1, März 1996

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3 Editorial
5 Einladung nach Hamburg. Zeitensprünge-Jahrestreffen
am 17./18. Mai 1996
8 Heribert Illig: Wie Reiche immer reicher werden. Neuer
Glanz für Ägyptens Mittleres Reich
14 H. Illig: David Rohl’s Test of Time
17 Peter Winzeler: David direkt nach Amarna. Velikovsky
auf die Füße gestellt
38 Gunnar Heinsohn: Die Wiederherstellung der Geschichte
Armeniens und Kappadokiens
69 Otto Ernst: Zur Herkunft der Chaldäer
87 Heribert Illig: Didyma – Magnesia – Rom.
Die lückenhafte hellenistische Architektur und eine
Methodenkritik
107 Heribert Illig: Streit ums zu lange Frühmittelalter.
Mediävisten stolpern über hohe Ansprüche und
leere Zeiten
2 Impressum
4 M.A.N.T.I.S. und Pippin
120 ‘Mediales’ Karlstreiben
121 Register für den 7. Jahrgang, 1995
128 Leserbriefe und Hinweise
131 Verlagsprogramm

ISSN 0947-7233

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"Dennoch bleibt eine Spanne von drei Jahrhunderten zwischen den einzelnen Datierungshypothesen bestehen, und drei verschiedene Interpretationen versuchen das künstlerische Phänomen zu verstehen, das dieses große Werk entstehen ließ". [J.P. Bognetti in 'Castelseprio - Historisch-Kunstgseschichtlicher Führer',1968, Neri Pozza Ed., p. 60]