Fantomzeit

Dunkelheit oder Leere im frühen Mittelalter?

10. Mai 2014                     Kategorie(n): Artikel aus den ZS, Zeitensprünge

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Bischof Gregor von Tours über die Gestirnsbewegungen

von Zsolt Németh (aus Zeitensprünge 1/2014)

Mitte der 1980er Jahre wurde eine heftige Diskussion in Nature, der wohl bedeutendsten naturwissenschaftlichen Zeitschrift der Welt, entfacht über etwas, das eigentlich gar nicht so richtig in diese Zeitschrift passt. Wolfhard Schlosser und Werner Bergmann (nachfolgend SB [1985]), Professoren an der Ruhr-Universität Bochum, haben beim Studieren des Werkes De cursu stellarum ratio, qualiter ad officium implendium debeat observari (eine Abhandlung über die Beobachtung der Gestirnsbewegungen zum Zweck der Bestimmung der Gebetszeiten, nachfolgend: DCS) von Bischof Gregor von Tours (ca. 538–593 [SB 1985, 46; Wood]) eine überraschende Hypothese aufgestellt. Der Bischof erwähnt einen Stern namens Robeola, der dem Namen nach zu urteilen eine rötliche Farbe haben soll, und den er als splendida, also prächtig leuchtend bezeichnet [DCS 870]. SB [46] identifizieren Robeola als Sirius, obwohl der Sirius heute weiß leuchtet. Sie begründen ihre Hypothese folgendermaßen:

  • Die Bezeichnung splendida kann sich nur auf den hellsten Stern des Himmels beziehen,
  • der Sirius wird in antiken Quellen ebenfalls als roter Stern beschrieben,
  • der eigentlich ein Doppelsternsystem ist: Sein roter Licht resultierte möglicherweise daraus, dass Sirius B, der heute blassere weiße Zwerg, im Altertum – ja sogar noch im 6. Jh. – noch ein roter Riese war, der den weißen Sirius A überstrahlte,
  • und wenn dem so war, muss der Sirius notwendigerweise damals um vieles heller geleuchtet haben als heute und konnte somit von den Himmelssternen einzig und alleine wirklich den Beinamen splendida verdient haben.

Für wen wurde DCS erstellt?

Noch bevor wir auf die Reaktionen auf diese Hypothese eingehen, müssen wir quasi als Schritt 0 etwas erforschen, was SB 1985 noch vollkommen gutgläubig als selbstverständlich erachten konnten: Für welche Ordensbrüder wurde die Abhandlung Gregors erstellt? ‘Selbstverständlich’ für den Benediktiner-Orden, weil der heilige Benedikt von Nursia (480–547) ja bereits Jahrzehnte vor der Erstellung von De cursu stellarum die Grundlagen des nach ihm benannten Ordens geschaffen hatte.

Im 20. Jh. haben eine Reihe von kirchlichen (Benediktiner) und weltlichen Wissenschaftlern bewiesen, dass der Benediktiner-Orden im 6. bis 9. Jh. in zahlreichen Teilen Europas noch gar nicht existiert hatte [Zusammenfassung: Illig 1994, 21; Clark 2003, 31, 224-226]. Wir wissen aber aus dem sehr gründlichen und detaillierten Werken von Francis Clark, dass Benedikt selbst höchstwahrscheinlich überhaupt nicht existiert hat. Sein Leben ist uns nur aus Dialogi, dem Werk Papst Gregors des Großen (540–604) bekannt; der Kirchenhistoriker Clark hat jedoch glaubwürdig dargestellt und belegt, dass dieses Werk unmöglich vom Papst Gregor I. stammen kann, sondern erst etwa 100 Jahre später entstanden sein muss und von einem Pseudo-Gregor geschrieben worden ist, dessen Ansichten von denen des tatsächlichen Papstes strikt abweichen [Clark 1987, 641]. Clarks Gedanken weiterführend, datiert Heribert Illig Dialogi auf Ende des 12. Jh. oder noch später [Illig 1994, 35], nachdem in diesem Werk das Fegefeuer als locus bereits erwähnt wird. Die Idee des Fegefeuers als reale Institution entstand jedoch, wie aus den Forschungen von Jacques Le Goff [191, 204] bekannt, in der Schule von Notre Dame de Paris um 1170/80.

Die Frühgeschichte des Benediktiner-Ordens hat bereits auch aus anderen Richtungen Zweifel aufgeworfen. Illig hat, in erster Linie auf der bauhistorischen Forschung von Rolf Legler basierend, festgestellt, dass die Existenz von Benediktiner-Klöstern vor der Mitte des 10. Jh. durch archäologische Funde nicht belegt werden kann, weiterhin, dass der Kreuzgang als das für diese Klöster am meisten charakteristische Baumerkmal erst im 11. Jh. erscheint [Legler 1989; Illig 2009].

Gibt es einen anderen Orden, für dessen Ordensbrüder Bischof Gregor seine Richtlinien hätte erstellen können? Theoretisch ja: Der heilige Columban von Luxeuil (ca. 543–615 [Metlake, 249]), der in Frankreich bekehrte und Kloster gründete, soll nämlich ein Zeitgenosse des Bischofs gewesen sein. Dem widerspricht jedoch die Tatsache, dass Gregor von Tours, auf den wir uns in erster Linie als eine der wichtigsten Geschichtsquellen der Merowinger-Zeit und nicht als Astronomen berufen, in seinen historischen Werken den zeitgenössischen irischen Mönch mit keinem einzigen Wort erwähnt (den hl. Benedikt übrigens auch nicht). Dies muss uns sonderbar erscheinen, weil Columban, sofern wir seine Biographie für glaubwürdig halten, wegen seiner Standhaftigkeit und strengen moralischen Normen überall in Konflikte geraten ist [Grace; Metlake]. Dies muss in kirchlichen Kreisen für Aufsehen gesorgt haben, was ganz sicher bis Gregor hätte durchdringen sollen. Weiterhin ist Columban laut Fachliteratur am Hofe des ab 587 herrschenden Childebert II. [wiki / Columban; Metlake] erschienen, wo auch Gregor ein und aus ging und somit den irischen Mönch persönlich gekannt haben sollte. Außerdem fängt Band IX der Historia Francorum laut Standpunkt der Geschichtswissenschaft  genau in diesem Jahr an. Jonas von Bobbio, der Jünger Columbans, der seine erste Biographie schrieb, benennt Sigibert als König von „Austrasia und Burgund“ zu Zeiten von Columbans Ankunft in Gallien [Vita 72]. Der Editor Ernst Dümmler – basierend wahrscheinlich auf den Mitteilungen in Historia Francorum – ist jedoch der Meinung, dass es sich dabei um Sigibert I., den Vater von Childebert II. gehandelt haben soll, und korrigiert Jonas von Bobbio [Vita 72, Fn. 3]. Auf diesen ‘Irrtum’ des Jonas werde ich im folgenden noch zurückkommen.

Gregor schreibt des Öfteren über Mönche bzw. Kloster oder deren Äbte, z. B. in den Kapiteln 7, 9 und 10 von Band V, in VI: 6 und 8, und VIII: 19. Er erwähnt jedoch nur in einem Fall, welche Regula sie befolgen, und zwar bezüglich des von der hl. Radegund gegründeten Frauenklosters in Poitiers. Gregor zitiert [Kap. IX:39] den von mehreren Bischöfen des Frankenlandes unterzeichneten Brief an die Gründerin des Frauenklosters. In diesem Brief steht, dass die Nonnen des Klosters „die Regula von Caesarius, dem erinnerungswerten Bischof von Arles“ befolgen sollen. Auch berichtet er [Kap. IX: 40], dass die hl. Radegund, zusammen mit der Äbtissin des Klosters, nach Arles fuhr und sie dort die Regula des Heiligen Caesarius und dessen Schwester Caesaria angenommen haben.

Die Einführung der Psalmodie in der dritten, sechsten und neunten Stunde wäre genau diesem hl. Caesarius von Arles (ca. 470–543) zuzuschreiben [Shahan], dessen Wirkungskreis im heutigen Südfrankreich lag. Seine Regula wurden jedoch „von der Regula von Columban, später von der des Heiligen Benedikt ersetzt“ [Shahan]. Es erscheint äußerst merkwürdig, wie die verschiedenen Regula einfach so selbstverständlich voneinander „ersetzt werden“; es ist eindeutig, dass solche Wechsel immer auf Entscheidungen beruhen.

Es ist unwahrscheinlich, dass Gregor von Tours sein astronomisches Traktat für Mönche in Südfrankreich geschaffen hätte, die von ihm so weit entfernt gelebt hatten; also kommen als Nutzer höchstens die Nonnen des Frauenklosters von Poitiers in Frage. Demnach bleibt der Titel dieses Abschnitts ohne befriedigende Antwort stehen….

Antithesen

Belassen wir es vorerst dabei und kehren zurück zu Robeola. Bruno Krusch, der Herausgeber der Standard-Version von DCS, beauftragte einen absoluten Experten mit der Identifizierung der von Gregor erwähnten Sterne und Sternbilder: Johann Gottfried Galle, den Entdecker des Planeten Neptun [DCS 857]. Die Identifizierung wurde notwendig, weil Gregor mit Ausnahme der „Pliades“ (Plejaden), des Stefadiums (Corona Borealis = Nördliche Krone) und des Plaustrums (Wagen = Großer Wagen bzw. Großer Bär) keinen einzi gen mit den heutigen Bezeichnungen übereinstimmenden Sternennamen nennt. Galle identifiziert den Robeola als den orangenroten Arcturus, den hellsten Stern des nördlichen Himmels (Sirius gehört zum südlichen Himmel).

Die Hypothese von Schlosser und Bergmann entfachte herbe Kritik, sowohl unter den Astronomen als auch unter den Historikern. Stephen McCluskey, Geschichtswissenschaftler der West Virginia University in Morgantown, weist in Anlehnung an die Schrift von Rachel Poole auf Folgendes hin:

„Die Bedeutung von Arcturus für klösterliche Zeitbestimmung wird dadurch verstärkt, dass er in einer klösterlicher Zeittafel aus Nordfrankreich als einer von sieben hellleuchtenden Sterne vorkommt, während Sirius nicht vorkommt.“ [McCluskey, 87; Übers. hier und im Folgenden HI]

Weiterhin folgert er nach einem Vergleich der selbst errechneten Sichtbarkeitsdauer von Sirius und Arcturus um 600 mit den von Gregor in Bezug auf Robeola angegebenen Daten:

„Offensichtlich ist Sirius [einer der Sterne von] ›Quinio‹ [eine von Gregor erwähnte Sterngruppe aus fünf Sternen, auf die wir später zurückkommen werden; ZN] und ›Rubeola‹ ist sehr wahrscheinlich Arcturus, ein Stern, der allgemein wegen seiner rötlichen Farbe bekannt ist“ [McCluskey, 87].

Auch Robert H. van Gent, Astronom des Sonneborgh Observatory in Utrecht berechnete den Gang der beiden hellen Sterne bezogen auf die geografische Breite von Tours und verglich ihn mit der Sichtbarkeitsdauer von Robeola. Zwei seiner Diagramme fügen wir als Abb. 1 bei. Der niederländische Astronom berücksichtigte die im Mittelalter gebräuchliche Unterteilung des Tages einerseits in temporale, andererseits in äquinoktiale Stunden. Letztere ist die heute angewendete Unterteilung, bei der die Stunden über den ganzen Tag verteilt gleich lang sind. Bei der temporalen Einteilung wird der Tag und die Nacht in jeweils 12 Stunden aufgeteilt. Dies bedeutete, dass die Dauer einer Stunde von Tag zu Tag variierte (in Deutschland zwischen 40 und 80 Minuten) und bei den Sonnenwenden ihr Extremum erreichte.

Van Gents erstes Diagramm zeigt die Berechnung der in DCS angegebenen Sichtbarkeitsdauer auf Grund der temporalen Stundeneinteilung und stellt fest: „Arcturus and Sirius passen beide sehr schlecht” [Gent, 88]. Das zweite Diagramm basiert auf der äquinoktialen Unterteilung und zeigt laut van Gent, dass Arcturus „fast perfekt die von Gregor gelieferten Daten erfüllt, während Sirius in keiner Weise übereinstimmt“ [ebd.]. Auf Grund seiner Berechnungen meint er:

„Es liegt auf der Hand, dass Schlosser und Bergmann den Beweis versäumt haben, ob ›Robeola‹ = Sirius. Es gibt keine Gründe, die übliche Identifizierung mit Arcturus in Frage zu stellen“ [Gent, 88].

Abb. 1: Die Sichtbarkeit von Robeola im Vergleich zu der von Arcturus und Sirius in der temporalen (oben), bzw. der äquinoktialen (unten) Stundeneinteilung auf der geographischen Breite von Tours nach R. H. van Gent [88]. Die gestrichelte Linie im oberen Diagramm ist eine vom Autor dieses Artikels vorgenommene Korrektur: Kein Stern kann im System der temporalen Einteilung 12 Stunden lang, also während der ganzen Nacht sichtbar bleiben, da sie ja im Morgengrauen oder in der Abenddämmerung schon/noch unsichtbar sind.

Abb. 1: Die Sichtbarkeit von Robeola im Vergleich zu der von Arcturus und Sirius in der temporalen (oben), bzw. der äquinoktialen (unten) Stundeneinteilung auf der geographischen Breite von Tours nach R. H. van Gent [88]. Die gestrichelte Linie im oberen Diagramm ist eine vom Autor dieses Artikels vorgenommene Korrektur: Kein Stern kann im System der temporalen Einteilung 12 Stunden lang, also während der ganzen Nacht sichtbar bleiben, da sie ja im Morgengrauen oder in der Abenddämmerung schon/noch unsichtbar sind.

Der niederländische Astronom hebt noch hervor, dass der Sirius in Teilen der antiken Quellen (im Einklang mit dem heutigen Wissen) als weißer Stern beschrieben wird, und betont, dass Robeola wie Arcturus auf dem Breitengrad von Tours jede Nacht am Himmel erscheint, während der Sirius dort während der Monate Mai-Juni-Juli nicht sichtbar ist. Ich möchte hier noch anmerken, dass die Deklination (= der Erhebungswinkel über dem Himmelsäquator) von Robeola während einer Konjunktion mit der Sonne deren Deklination übertreffen müsste, was im Falle von Sirius einen Wert von mindestens +25° voraussetzen würde gegenüber dem Wert von -16° in der Zeit um 580; die Abweichung ist demnach enorm. Meiner Meinung nach schließen allein diese beiden Feststellungen die Identifikation von Robeola als Sirius aus.

In ihrer Antwort beharrten die Professoren aus Bochum trotz gegenteiliger Meinungen auf ihren Standpunkt. Schlosser und Bergmann wiesen die Berücksichtigung des nach der äquinoktialen Stundeneinteilung berechneten, verhältnismäßig gleichen Ganges von Arcturus und Robeola entschieden zurück („we flatly reject“ [SB 1987, 89]), da ihrer Meinung nach Gregor, wie jedermann im Mittelalter, den Tag temporal, d.h. in ungleiche Stunden, aufgeteilt hatte (auf diese grundsätzliche Kritik kommen wir weiter unten noch zurück). SB haben auch eigene Berechnungen in numerischer Form veröffentlicht, deren Ausgangsparameter jedoch von denen von McCluskey und van Gent abweichen und somit einen unmittelbaren Vergleich der Ergebnisse unmöglich machen. Demzufolge haben dann SB die Identifizierung von Quinio als Sirius und Robeola als Arcturus verworfen und sind bei ihrer Hypothese Robeola = Sirius geblieben [SB 1987, 89].

Aus diesem ‘Fechtkampf’ wird deutlich, dass weder Robeola noch Quinio mit Sirius bzw. Arcturus am Ende des 6. Jh. identifiziert werden können. Aus diesem Grund konnte überhaupt so eine scharfe Diskussion unter etablierten Fachleuten entstehen. Galle hat höchstwahrscheinlich keine Berechnungen vorgenommen; ansonsten wäre es ihm aufgefallen, dass die Daten von Gregor so nicht in Ordnung sein können.

In Kenntnis der Phantomzeit-Theorie machte ich den Versuch, festzustellen, in welcher Epoche und geografischer Breite der Gang von Robeola mit dem von Arcturus identisch sein kann. Dabei ließ ich die Epoche der Beobachtungen und der geografischen Breite als Ausgangsparameter frei. Meine Forschungen brachten das überraschende Ergebnis, dass die von Gregor angegebenen Daten nicht einmal dann eine akzeptable Übereinstimmung mit dem Gang von Arcturus aufweisen, wenn diese 300 oder gar 600 Jahre später datiert werden, und zwar auch dann nicht, wenn ich als Beobachtungspunkt eine Ortschaft weit südlich von Tours bestimme (z.B. Bagdad oder Alexandria). Orte nördlich von Tours können nicht in Betracht gezogen werden, weil die nächtliche Sichtbarkeitsdauer von Robeola das ganze Jahr über kür zer ist als die des Arcturus. Die Identität Robeola = Sirius kann auf der geografischen Breite der vorerwähnten Städte ebenfalls ausgeschlossen werden.

Analyse der Sichtbarkeitsdauer

Noch bevor wir die obige Aussage bewerten, sollten wir die in DCS angegebenen Sichtbarkeitsdaten genauer analysieren. In ihrem 45. Abschnitt, in dem Gregor den Gang der Gestirne im Juni beschreibt, erwähnt er, dass die von ihm als Pliades bzw. Butrio (Herde) genannte Sternbild acht Tage vor den Calendae (d.h. dem Ersten) des Juli, also am 24. Juni am Himmel erscheint [DCS 872]. Die Pliades sind eine der wenigen von Gregor erwähnten Sterngruppen, die dem Namen nach als identifizierbar erscheinen, und zwar als die Plejaden. Es ist zwar diskutierbar, nach welchen Parametern die Sichtbarkeitsdauer von Butrio zu verstehen ist (wie viele Grade über dem Horizont bzw. gleichzeitig unter dem Horizont der Sonne zu einem Zeitpunkt, als der Himmel dunkel genug erscheint); er muss nämlich, gemäß welchen Parametern auch immer berechnet, ungefähr einen Monat, mindestens jedoch drei bis vier Wochen vor dem vom Bischof erwähnten Zeitpunkt am Morgenhimmel erscheinen.

Im 28. Abschnitt schreibt Gregor wieder von Butrio und teilt mit, dass dieser Ende Juni erscheint und eine Stunde lang sichtbar ist. Das entspricht zwar der Wahrheit, aber die zweite Hälfte der Aussage steht im Widerspruch zur Darstellung im Abschnitt 45. Er stellt auch richtig fest, dass Butrio im Mai nicht sichtbar ist [DCS 867]. Die Daten der Sichtbarkeitsdauer im Winter (9 Stunden im Dezember und 8 Stunden im Januar) entsprechen jedoch nicht denen der Plejaden, weder in temporaler (11 bzw. 9 Stunden) noch in äquinoktialer (8 bzw. 7 Stunden) Unterteilung des Tages.

Abb. 2: Darstellung der Pliades aus DCS (Seite 867)

Abb. 2: Darstellung der Pliades aus DCS (Seite 867)

 

Abb. 3: Darstellung von Falx aus DCS (868). Sie erinnert nicht im Mindesten an den von Galle gleichgesetzten Orion.

Abb. 3: Darstellung von Falx aus DCS (868). Sie erinnert nicht im Mindesten an den von Galle gleichgesetzten Orion.

Vor dem 28. Abschnitt zeigt Gregor die Abbildung von Pliades/Butrio als ein aus 9 Sternen bestehendes Dreieck (s. Abb. 2). Die Plejaden beinhalten sieben hellere Sterne, die jedoch kein Dreieck bilden. Ein Dreieck finden wir im Stier (Taurus), der von den Hyaden (auch Taurus-Strom oder Regengestirn genannt) gebildet wird; die Hyaden bestehen ebenfalls aus sieben Sternen.

Wir können keineswegs außer Acht lassen, dass die von Gregor angegebenen Sternbilder zum Teil nicht identifizierbar sind. Das vielleicht charakteristischste Sternbild des Himmels, der Orion erscheint zum Beispiel auf der Abbildung in keiner erkennbaren Form (s. Abb. 3), gleichzeitig wird auf den Seiten von DCS eine Reihe von nie gehörten Sternbildernamen aufgezählt (s. u.). Wie oben ausgeführt, konnte Gregor nicht einmal den Gang der beiden auf dem Himmel von Tours am hellsten sichtbaren Sterne (Sirius und Arcturus) nachvollziehbar beschreiben, genauso wenig wie den der Plejaden. Ein astronomisches Buch ohne genaue Stunden- und Datumsangaben ist aber wertlos.

Diese Abhandlung von Gregor wurde für einfache Mönche erstellt. Für mich ist es unvorstellbar, dass diese ziemlich verwirrende Arbeit, die so viele falsche Angaben zu schwer identifizierbaren Sternen enthält, für diese von Nutzen gewesen sein konnte. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass die Diskutanten von Nature sich nicht einmal einigen konnten, ob die vom Bischof angegebenen Daten im Sinne der äquinoktialen oder temporalen Tageseinteilung zu verstehen sind.

Meiner Meinung nach trifft keines von beiden zu: DCS ist nicht aus Informations-, sondern eher aus ‘Desinformation’-Zwecken entstanden. In diesem Zusammenhang würde ich gerne auf die Bemerkung von SB hinweisen, dass im Mittelalter die äquinoktiale Unterteilung des Tages gebräuchlich war; doch die den Gang des Robeola wenigstens in einem Jahresabschnitt glaubhaft beschreibende Kurve nähert sich im System der äquinoktialen Unterteilung jener des Arcturus an. All dies deutet darauf hin, dass es sich bei DCS um eine Schrift handelt, die später entstanden ist als konventionell angenommen. Obwohl van Gent nicht gewagt hatte, soweit zu gehen, schrieb er jedoch, dass

„eine Studie der Sichtbarkeitsdaten der anderen Konstellationen, die Gregor aufgeführt hat, tatsächlich zeigt, dass dieses Schema [d.h. die Angaben im äquinoktialen System; ZN] korrekt ist“ [Gent, 88]

Im Lichte der Anmerkung von SB macht jedoch gerade diese Aussage eindeutig, dass es sich bei DCS um eine Fälschung handelt!

In welcher Epoche ist der Autor von DCS zu suchen?

Die Forschungen der Zeitrekonstrukteure deuten ernsthaft auf die Möglichkeit hin, dass es sich bei Gregor um eine Phantom-Person handelt (d.h. um jemanden, der entweder gar nicht oder zu einer anderen Zeit gelebt hatte, als es in der konventioneller Zeitrechnung der Geschichtsschreibung möglich wäre). Diese Hypothese kann von mir auf Grund folgender neuen Überlegungen bekräftigt werden:

  • Im Hinblick auf die erschütterte Geschichte des Benediktiner-Ordens im Mittelalter erscheint es fraglich, für welche Ordensbrüder DCS um 580 geschrieben worden sein könnte. In Historia Francorum wird weder der Heilige Benedikt noch der von ihm gegründete Orden mit einem Wort erwähnt1.
  • Das Fehlen des hl. Columban in Historia Francorum weist darauf hin, dass wenigstens eine von beiden Personen, entweder Gregor oder der irische Mönch, eine Phantomperson oder auf der Zeitlinie falsch platziert ist, weil der Bischof in den Bänden IX-X. Ereignisse aus dem Jahr 587 bzw. noch später beschreibt. Das Fehlen Columbans ist umso auffälliger, weil Gregor [X: 23] von der Ungewissheit der Berechnung von Ostern schreibt, der irische Mönch aber laut seiner Biographie gerade deswegen mit dem Klerus des Frankenlandes in Konflikt geraten ist (er feierte Ostern zu einem anderen Zeitpunkt als die römische Kirche [s. Vita 5-9]. Allein diese Tatsache hätte einen Grund für das Erwähnen von Columban seitens des Bischofs von Tour geliefert. Nachdem die Existenz von Columban über alle Zweifel steht [Clark 2003, 234], kann nur bei der Existenz von Gregor oder seiner Platzierung auf der Zeitachse ein Problem vorliegen.
  • Gregor schweigt über den Ursprung der Merowinger-Dynastie, obwohl ihm dieser kaum ein Jahrhundert nach der Krönung von Chlodwig I. bekannt gewesen sein sollte. (Auf diese Frage kommen wir weiter unten zurück.)
  • Das Erscheinen der temporalen Tagesunterteilung im DCS. Über die obigen Erwägungen hinaus taucht diese explizit auf: Im 17. Abschnitt [DCS 863] teilt Gregor mit, dass der Tag und die Nacht in jeweils 12 : 12 Stunden aufzuteilen sind, die jedoch nicht gleich lange dauern, und gibt an, wie lange die Sonne in den einzelnen Monaten scheint. Zwischen April und August kommen bei ihm größere Zahlen als 12 vor; allein diese Tat sache beweist, dass der Autor von DCS sich des äquinoktialen Systems bediente.
  • Der eigentlich an die temporale Zeitrechnung gewohnte Autor von DCS macht an manchen Stellen erfolglose Versuche, Sichtbarkeitsdauer gemäß der äquinoktialen Einteilung anzugeben (detaillierte Ausführung s.u.). Ich möchte hier auf die vorerwähnte Beobachtung van Gents erinnern, wonach die von Gregorius gelieferten Sichtbarkeitsdaten im äquinoktialen System auch in Bezug auf die übrigen Sternenbilder akzeptabel sind.

Gregor beschreibt auch in Historia Francorum astronomische Ereignisse zwar genau, seine Zeitangaben sind jedoch ungenau. Dies ist ein typisches ‘Gebrechen’ von zurückdatierten astronomischen Ereignissen, da die für die Zurückdatierung notwendigen astronomischen Daten im 10. bis 13. Jh. noch nicht so detailliert bekannt waren wie heute, und so haben die auf mehrere Jahrhunderte extrapolierten Zurückdatierungen zu ungenauen Zeit- und Phasen-Angaben geführt.

Ich vertrete die Meinung, dass DCS, zumindest in der uns zur Verfügung stehenden Überlieferung, aus dem Grunde entstanden ist, um die Glaubwürdigkeit von Historia Francorum zu festigen, und zwar mit dem Versuch, die Existenz des Bischofs als wirkliche Person durch ihm zugeschriebene astronomische Beobachtungen zu beweisen. In den ersten acht Abschnitten des Traktats werden die sieben Weltwunder der Antike gewürdigt [DCS 857-859] (die nicht ganz identisch mit den heute uns bekannten sind) und um weitere fünf ergänzt. Sie haben nichts zu tun mit der Beobachtung der Gestirne und sollten nur die Weltgewandtheit des Autors in den Augen der Leser begründen, damit diese später nicht einmal daran denken, dass in den weiteren Teilen des DCS ungenaue ‘Beobachtungen’ beschrieben werden.

Von der ganzen Abhandlung existiert nur eine einzige vollständige, in Bamberg aufbewahrte Abschrift; sie ist mit langobardischen Buchstaben geschrieben und soll der Datierung nach aus dem 8. Jh. stammen [DCS 855]. Diese Datierung mag uns mit Recht als unglaubwürdig erscheinen. Behandeln wir das Traktat kritisch, kommt uns wohl mehr als merkwürdig vor, dass keine Exemplare aus der Zeit und vom Ort der Erstellung der Schrift vorliegen. Wäre die Abhandlung nämlich angewendet worden, so müssten etliche zeitgenössische Abschriften gemacht worden sein, die noch in verschiedenen Klöstern im Mittelfrankreich aufbewahrt sein könnten. Dagegen sind Gregors Beschreibungen der Weltwunder in mehreren Kodizes erhalten geblieben [s. DCS 855-857]. Wenn wir bedenken, dass für Klosterbrüder eher jene Abschnitte über Astronomie von Interesse sein sollten, ist es mehr als merkwürdig, dass es hier gerade umgekehrt ist.

Ein möglicher Grund dafür kann sein, dass die Mönche ganz genau gewusst haben: Der den Gang der Gestirne behandelnde Teil ist vollkommen  nutzlos. Ein anderer, und eher als wahrscheinlich erscheinender Grund ist, dass DCS eine Kompilation ist: Der Teil über die Gestirnsbewegungen wurde in einen Text aus dem frühen Mittelalter, eventuell der späten Antike eingefügt zu einer Zeit, in der man den Tag bereits nach dem temporalen System in Stunden aufgeteilt hatte. In der Anwendung der langobardischen Buchstaben können wir in diesem Kontext auch die Absicht der Irreführung erkennen: Der Skriptor wollte so das Manuskript gezielt veralten.

Falsche Beobachtungsdaten

In DCS kommen auch solche Angaben vor, die man beim besten Willen nicht als Ergebnis ‘ungenauer Beobachtung’ abtun kann, da es sich bei diesen um beabsichtigt falsche Daten handelt. Ziel der Veröffentlichung dieser offensichtlich falschen grafischen und numerischen Daten (z. B. die schlechte und zur Verwechslung mit den Hyaden ‘einladende’ Darstellung der Plejaden und die auf Wochen später gelegte Angabe ihres ersten Erscheinens am Morgenhimmel oder die 8 Stunden lange Sichtbarkeitsdauer von Robeola/Arcturus im Februar anstatt der richtigen Angabe von mehr als 9 Stunden) ist wahrscheinlich die Verhinderung dessen, dass Jahrhunderte später Astronomen die Epoche und geografische Breite der (angeblichen) Beobachtungen feststellen können. Dieses Streben nach Verschleierung hat nur dann einen Sinn, wenn es sich dabei um eine beabsichtigte Irreführung handelt. Und genau das steht dahinter: Aus den Daten der Gestirnsbewegungen, wie sie in DCS stehen, ist es unmöglich festzustellen, wann und auf welcher geografischen Breite diese Beobachtungen gemacht worden sein können!

Im 17. Abschnitt des Traktats gibt Gregor an, aus wie vielen äquinoktialen Stunden ein Tag in den einzelnen Monaten bestehen würde [DCS 863]; er nennt für Juni 15, für Dezember 9 Stunden. Das Verhältnis des längsten Tages und der kürzesten Nacht hängt von der geographischen Breite ab. Das Verhältnis 15:9 ist für die geographische Breite von Byzanz und Athen charakteristisch, für Tours jedoch (47°) gelten 16:8. Der Autor gibt demnach wieder Daten an, die man nur schwer als Fehl-Beobachtung abtun kann.

Eindeutige Zeichen deuten darauf hin, dass der Autor von DCS in einer Zeit gewirkt haben muss, als der Tag in der äquinoktialen Unterteilung gemessen worden ist; doch er imitiert die Angabe temporaler Stunden. In der letzteren darf keine einzige über 9, um die Wintersonnenwende sogar über 10 Stunden hinausgehende Sichtbarkeitsdauer angegeben werden, weil bis zum Erscheinen der Gestirne nach Sonnenuntergang, also Beginn der Einteilung der Nachtstunden (lichtabhängig) noch mindestens 1 bis 1,5 äquinoktiale Stunden vergehen müssen. Der Autor von DCS hat an einer Stelle im Werk sogar diesen groben Fehler begangen, was ganz deutlich belegt, dass er auf  Grund seiner Unkenntnis der Astronomie keine Beobachtungen, sondern manipulierte Angaben mitteilt.

Gregor schreibt im 25. Abschnitt von der Sterngruppe namens Trion, die nach Galle [DCS 866, Fn 3] und van Gent [88] mit den drei hellen Sternen des Adlers (Aquila) identifiziert werden kann. Die Sichtbarkeitsdauer der Trion im Juni gibt er mit 10 Stunden an. Dies kann höchstens im System der temporalen Tageseinteilung interpretiert werden, da die für die Beobachtung der Sterne zur Verfügung stehende Zeit um die Sommersonnenwende herum in der äquinoktialen Tagesunterteilung höchstens 6 Stunden beträgt. Eine Stunde beträgt jedoch in der temporalen Unterteilung nur 40 Minuten, die nach Sonnenuntergang bis zum Erscheinen der weniger hell leuchtenden Sternen der Formation im Dämmerlicht nicht ausreichen; andererseits verschwinden diese auch vor Sonnenaufgang 40 Minuten eher von dem sich erhellenden Himmel. Die Sichtbarkeitsdauer von Trion im Juni kann demnach höchstens 9, für die ungeübteren Augen eher 8 Stunden in der temporalen Zeitrechnung betragen.

Auf der Grundlage obiger Erwägungen wird es verständlich, warum Gregor die monatlichen Sichtbarkeitsdauer der von ihm in den Abschnitten 22-24 als Omega, Großes Kreuz und Kleines Kreuz erwähnten Formationen, die gemäß Galle [DCS 865, Fn 2 f.] und van Gent als Leier (Lyra), Schwan (Cygnus) und Delfin (Delphinus) identifiziert werden können, nicht angibt. Alle drei Sternbilder gehören zum Sommerhimmel, ihre Sichtbarkeitsdauer kann ohne entsprechend fundierten astronomischen Kenntnisse schwer auf die temporalen Stunden umgerechnet werden, weil die kurzen Sommernächte temporal nur 40 bis 45 Minuten betragen; ein Irrtum ist also sehr leicht möglich. Von all den Gestirnen der Sommernacht wagte sich Gregor nur im Falle von Aquila an die Angabe von Sichtbarkeitsdauer in den einzelnen Monaten, und sogar hier stand er, wie wir sehen können, nicht gerade auf der höchsten Stufe der Astronomie.

In seinem System der Mitteilung der Angaben können wir Gregor dabei ertappen, dass er sich wieder psychischer Mitteln bedient, um den Auslegungen in DCS Glaubwürdigkeit zu verleihen, genau so, wie er es früher schon mit der Auflistung der Weltwunder versucht hat. Er beginnt die Erklärung der Sterne mit Robeola, der (wie bereits dargelegt) den ‘Durchschnitt’ von Arcturus und Sirius bildet. Der Farbe nach ist er mit Arcturus identisch, die Sichtbarkeitsdauer steht auch der vom Arcturus näher, andererseits weicht er jedoch wesentlich von ihm ab und nähert sich den Daten vom Sirius. Die Bezeichnung splendida lässt den Leser auch eher auf Sirius, den hellsten Stern schließen. Auf diesen verunsichernden Anfang folgt (um das Vertrauen des Lesers wieder herzustellen) die Aufzählung von fünf Sternbildern, die ihrer Erscheinung und ihrem Himmelslauf nach eindeutig identifiziert werden könnten. Gregor gibt jedoch in Bezug auf nur zwei Sternbilder eine Sichtbar keitsdauer an; im Falle von Trion leider eine, die im System der äquinoktialen Tagesunterteilung unmöglich zutreffen kann.

Keiner der sieben nach Trion erwähnten Formationen kann in jeder Hinsicht problemlos identifiziert werden. Die Identifizierung Pliades = Plejaden wäre zwar plausibel, ist jedoch, wie oben ausgelegt, wegen der abweichenden Erscheinung und der falschen Angabe des ersten Erscheinens am Morgenhimmel nicht richtig. Von der Darstellung der übrigen Formationen ausgehend kann auch kein bekanntes Gestirn, keine Sterngruppe erkannt werden. Diese wurden von Galle und van Gent mit Ausnahme der Plejaden mit jeweils anderen Sternbildern identifiziert. Wenn es sogar Experten der Astronomie so schwer fällt, sich in diesem Wegweiser zurechtzufinden, wie haben sich dann einfache Ordensbrüder an DCS halten können!? Freilich, wenn sie nicht die Adressaten dieser Richtlinien waren, dann ist ihr Verständnis der DCS irrelevant.

Einen ähnlichen Umrechnungsfehler wie bei Trion hat Gregor auch bei Robeola begangen. Es ist vollkommen absurd, dass die Sichtbarkeitsdauer eines Fixsternes während eines Monats (hier November/Dezember) von 3 auf 8 Stunden erhöht wird, insbesondere in einer Jahreszeit, in der das System der temporalen Tagesunterteilung dem entgegensteht: Eine Nachtstunde dauert im Dezember länger als im November, eine Stunde besteht dann nämlich aus viel mehr als 60 Minuten, woraus folgt, dass die Erhöhung der Sichtbarkeitsdauer mehr als 7 äquinoktiale Stunden betragen sollte! Ähnlich absurd ist es, dass die Sichtbarkeitsdauer eines an jedem Tag des Jahres beobachtbaren, besonders hell leuchtenden Sternes mit positiver Deklination und ekliptischer Breite in keiner einzigen Jahreszeit 9 temporale Stunden betragen soll, obwohl es notwendigerweise Monate gibt, in denen er während der ganzen Nacht sichtbar bleibt. Die von Gregor angegebene Sichtbarkeit von Robeola wird sich dann (im März) mindern, als diese 2 bis 3 Monate lang theoretisch die maximale Länge (etwa 10 temporale Stunden) beibehalten sollte, während sie sich praktisch in der äquinoktialen Tageseinteilung tatsächlich zu mindern beginnt (s. Abb. 1). Hier wird eindeutig klar, dass es sich bei Robeola um einen ‘Phantomstern’ handelt, der weder als Arcturus noch als Sirius oder ein anderer „leuchtender“ Stern identifiziert werden kann, und dessen Angaben der Sichtbarkeitsdauer in sich widersprüchlich sind.

Der Autor von DCS ist sehr ‘sparsam’, weil er zwar (abgesehen vom nie untergehenden, als Großer Wagen bzw. Großer Bär identifizierten Plaustrum) dreizehn Sternformationen beschreibt, jedoch nur bei sechs Formationen explizite Sichtbarkeitsdaten angibt. Er sagt bei Omega, Großem Kreuz und Kleinem Kreuz überhaupt nichts von deren Sichtbarkeit aus, in Bezug auf die übrigen teilt er nur mit, dass diese einer bereits beschriebenen Formation mit einer Verschiebung von 1 bis 2 Stunden folgen, und „es ist ausreichend,  soviel von ihnen zu sagen“. Es fällt auf, dass gerade für drei von den fünf einwandfrei identifizierbaren, gut gezeichneten Sternbildern keine Sichtbarkeitsdaten vorhanden sind.

Wie bereits erwähnt, gibt er im 28. Abschnitt die Sichtbarkeitsdauer von Pliades/Butrio an, im Abschnitt 29 teilt er von Arte feretrum nur mit, dass diese den anderen (d.h. Butrio) 2 Stunden später folgen, im Abschnitt 30 schreibt er dann von Falx (Sichel), dass diese

„zwei Stunden nach den oben Erwähnten (Arte feretrum) aufgehen, ihren Lauf in den einzelnen Monaten haben wir jedoch nicht beschrieben, weil es unserer Meinung nach reicht zu sagen, dass dieser sich von den oben erwähnten zwei Stundenunterscheidet. Wir müssen jedoch wissen, dass diese im Mai, Juni und Juli nicht sichtbar sind“ [DCS 867 f.].

Einerseits könnte Gregor mit der Menge von Buchstaben, die er für die Erklärung der Nicht-Angabe der Sichtbarkeitsdauer von Falx verschwendet, diese genauso gut angeben. Andererseits ist es eine klare Absurdität, dass die Sichtbarkeitsdauer genau der Sternformation in einem Monat, die 2 + 2 = 4 Stunden auf Butrio folgt, genauso lang sein sollte wie die von Butrio; eine Detaillierung wäre also notwendig. Gregor weist ja auch darauf hin, dass Falx (im Gegensatz zu dem nur in Mai unsichtbaren Butrio) während der Monate Mai-Juni-Juli nicht zu beobachten sei. Hieraus folgt, dass Falx sich auf einer niedrigeren Deklination befinden soll als Butrio, wonach die Sichtbarkeitsdauer von den beiden Sternbildern in den einzelnen Monaten voneinander wesentlich abweichen soll. Drittens stammt die Anmerkung „folgt zwei Stunden später“ offensichtlich von jemandem, der an die Anwendung des Systems der äquinoktialen Tagesunterteilung gewohnt ist, da in der temporalen Zeitrechnung die Folgezeit logischerweise von Monat zu Monat variiert.

All dies ist ein weiteres Zeichen dafür, dass DCS nicht von einem gutmütigen, einigermaßen Astronomie-verständigen Menschen geschrieben worden ist für den Zweck, Ordensbrüdern beim Erfüllen ihres nächtlichen und frühmorgendlichen Offiziums behilflich zu sein. Viel eher handelt es sich dabei um eine beabsichtigte Desinformation, deren Autor dafür Sorge getragen hat, dass die Zeiten und Orte der angeblichen Beobachtungen mit astronomischen Mitteln ja nicht zu berechnen seien (Abb. 3).

Der amerikanische Astronom Robert R. Newton hat bereits in den 1970er Jahren dargelegt, dass der Almagest, das Werk von Claudius Ptolemäus, das als Standardwerk der Astronomie im Altertum gilt, lauter Fälschungen beinhaltet, und dass der Autor, entgegen seiner eigenen Behauptung, keine Beobachtungen erstellt hatte, sondern die von anderen fälschte, um seine eigenen (falschen) Thesen zu bestätigen [Newton]. Die Wissenschaft sah dies nicht als Grund an, die schriftlichen Quellen des ersten Jahrtausends nach Christi Geburt viel misstrauischer zu behandeln; für sie sind nicht einmal die  Werke von Illig und seinen Mitforschern für eine kritischere Behandlungsweise ausschlaggebend genug. Die Möglichkeit, dass die Fälschungen im Almagest vielleicht doch nicht Ptolemäus zuzuschreiben sind [vgl. Beaufort 2001], gilt hier auch nicht als Ausrede. In DCS wie in den überlieferten Almagest-Manuskripten werden ebenfalls nicht die eigenen Beobachtungen des Autors veröffentlicht, sondern eher zurückdatierte, manipulierte Daten.

Folgen der falschen DCS

Wer sich am Sternenhimmel auch nur ein wenig auskennt, kann mit Recht verblüfft sein darüber, warum auf Grund von Sternbeobachtungen in einer frühmittelalterlicher Schrift nicht entschieden werden kann, ob diese sich auf Sirius oder Arcturus beziehen, obwohl die beiden am Himmel so weit voneinander entfernt sind: Sirius gehört zur südlichen, Arcturus zur nördlichen Himmelshemisphäre; ihre Farben sind abweichend usw. Die Teilnehmer der Debatte auf den Seiten von Nature sind Opfer ihrer Gutgläubigkeit, die nicht bemerkt haben, dass sie in einem Vexierspiel Daten analysieren, die einem absichtlich desinformierenden Manuskript entstammen, das sie als seriös erachten. Für die Seriosität der Angaben in DCS möchte ich hier noch anmerken: Quinio wird von Galle mit dem Großen Hund (Canis Maior), von van Gent jedoch mit Skorpion gleichgesetzt [DCS, 868, Fn 1; van Gent, 88]. Die beiden Sternbilder befinden sich jedoch auf entgegengesetzten Seiten des Himmels!

Wir können mit der Aussage von SB nicht einverstanden sein, wonach DCS allein nicht für die Identifizierung der gebräuchlichen Sternbilder zu Zeiten der Merowinger mit denen von heute ausreichen würde [SB 1987, 89] – man bräuchte nämlich nur konkrete Angaben. Es ist auch nicht richtig, dass SB während ihrer Untersuchungen „alle geschichtlichen und astronomischen Aspekte des Manuskriptes in Betracht zogen“ [SB 1987, 89], weil sie mit der Möglichkeit einer Fälschung nicht gerechnet hatten. Leider trifft dies auch auf ihre Diskussionspartner zu, obwohl die lange Reihe von astronomischen Absurditäten im Manuskript deutlich auf eine Fälschung hinweisen.

Nachdem es sich bei der DCS, zumindest in der uns zur Verfügung stehenden Überlieferung und wie oben ausgeführt, mit Sicherheit um eine spätere Fälschung handelt, kommen notwendigerweise Zweifel auch an der Echtheit von Gregors Hauptwerk, der als die wichtigste Quelle der Merowinger-Zeit geltenden Zehn Bücher Geschichten (Decem libri historiarum; auch Historiae oder Historia Francorum). In deren letztem Kapitel verbietet Gregor seinen Nachfolgern, seine Bücher zu verwerfen, wobei er explizit sein Werk „über den Gang der Sterne für den kirchlichen Gebrauch“ hervorhebt. Wenn seine Arbeit tatsächlich so zuverlässig wäre, brauchte er solche Verbote nicht zu verlautbaren.

In der Historia Francorum sind auch astrologische ‘Beobachtungen’ enthalten. So ist [V: 23] z.B. zu lesen:

„In der Nacht des 11. Tages von November ist uns bei der Vigile des Sankt-Martins-Festes ein großes Wunder am Himmel erschienen: Es schien, als würde inmitten des Mondes ein heller Stern leuchten, und ähnliche Sterne sind nahe zum Mond, darüber und darunter, erschienen.“

Dass diese ‘beobachtete Erscheinung’ erfunden ist, ist eindeutig.

Für das konvent. Jahr 563 schreibt Gregor u.a.: „Am ersten Tag des Oktober verdunkelte sich die Sonne dermaßen, dass etwa nur ein Viertel ihrer Fläche noch Leuchtkraft hatte“ [Historia, IV: 31].

In jenem Jahr gab es tatsächlich eine in Gallien sichtbarer partieller Sonnenfinsternis, jedoch am 3. Oktober. Noch dazu lag das Ausmaß der Sonnenfinsternis gemäß der Karte des NASA-Forschers Fred Espenak über die geografische Ausdehnung des Phänomens (Abb. 4) in der Mitte von Gallien weit unter dem von Gregor angegebenen Wert von über 75 % [Espenak]. Diese Verschiebung des Datums um zwei Tage könnte man eventuell als ein Versehen des Autors oder als Schreibfehler des Abschreibers abtun; die mit diesem Fehler synchrone, in solchen Maßen ungenaue Beschreibung der Phase dieses Phänomens macht es jedoch eindeutig, dass man hierbei keineswegs von einer Beobachtung ausgehen kann. Die im Nachhinein berechnete Phase der Sonnenfinsternis wurde mangels genauer astrologischen Daten von dem Autor oder dem Überarbeiter der Historia Francorum falsch kalkuliert. Ich habe in der Datenbank von Espenak auch überprüft, ob es zwischen 200 und 900 vielleicht ein Jahr gegeben hätte, in dem sich ausgerechnet am 1. Oktober ein in ganz Gallien sichtbare Sonnenfinsternis abgespielt hätte. Die Antwort ist nein! All dies beweist, dass wir nicht nach einem existenten oder immerhin nicht überarbeiteten Gregor an einem anderen Punkt auf der Zeitachse Ausschau halten müssen, sondern dass es sich bei dem in der Historia beschriebenen Ereignis um ein im Nachhinein berechnetes Phänomen handelt.

Abb. 4: Das von der ringförmigen Sonnenfinsternis am 3. Oktober 563 konventioneller Zeitrechnung berührte Gebiet. Durch die Parallel-Linien wird das Gebiet angezeigt, wo die Phase der Sonnenfinsternis am größten, d.h. zu 94 % ausfiel. Es ist zu erkennen, dass diese Phase Gallien bei weitem nicht betrifft; dort blieb diese nämlich unter 25 %. Daten nach Fred Espenak (2010).

Abb. 4: Das von der ringförmigen Sonnenfinsternis am 3. Oktober 563 konventioneller Zeitrechnung berührte Gebiet. Durch die Parallel-Linien wird das Gebiet angezeigt, wo die Phase der Sonnenfinsternis am größten, d.h. zu 94 % ausfiel. Es ist zu erkennen, dass diese Phase Gallien bei weitem nicht betrifft; dort blieb diese nämlich unter 25 %. Daten nach Fred Espenak (2010).

In einem erheblichen Teil der uns nur in Abschriften überlieferten Werken über das erste Jahrtausend stehen ‘astronomische Beobachtungen’, die diesen Chroniken Glaubwürdigkeit verleihen könnten – und das ist wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass diese Beobachtungen (nachträglich) eingefügt worden sind. Sie sind nämlich fast ausnahmslos ungenau, entsprechend der beschränkten astronomischen Kenntnisse des Zeitalters, in dem die im Nachhinein berechneten Einfügungen vorgenommen worden sind. Die ‘Beobachtungen’ in Historia Francorum werden immer in Kapiteln mit Titeln wie „Zeichen von Wunder“ beschrieben. In diesem Werk kann es als Zeichen einer immer wiederkehrenden, manipulativen Absicht gedeutet werden, dass sich wiederholende astronomische Begebenheiten vom Autor systematisch in so einem Kontext behandelt werden. Tamás Adamik stellt fest:

„Nach Orosius ist Gregorius der erste christliche Geschichtsschreiber, der eine große Anzahl von Wundern in die Beschreibung von neuen und zeitgenössischen Ereignissen integriert“ [Adamik, 109].

Dies ist jedoch mehr als interessant, wenn man bedenkt, wie wenig eine solche Veralltäglichung von Wundern vom zeitgenössischen Papst Gregor dem Großen unterstützt worden ist; wogegen der spätere, eine völlig verschiedene Denkweise aufweisende Pseudo-Gregor, der unter dem Namen des heiligen Papstes das Buch mit dem Titel Dialoge herausgegeben, besser gesagt gefälscht hat, diesem Vorgang eine weit höhere Bedeutung beigemessen hatte [Clark 2003, 102-105].

Es ist äußerst interessant, Abhandlungen von Historikern über die Historia Francorum auf eine Art und Weise zu lesen, bei der man auch die Möglichkeit in Betracht zieht, bei diesem Werk handele es sich nicht um ein Original des 6. Jh. Obwohl die Historiker dieser Annahme keinen Raum lassen, findet man in diesen Abhandlungen trotzdem immer wieder Hinweise auf so eine Möglichkeit. In ihrer vor kurzem verfassten Studie zur ungarischen Ausgabe der Historiae schreibt die Historikerin Mónika Mezei:

„Über die Franken als Volk verliert der Autor in den Historiae ziemlich wenige Worte; selbst die Benennung Francus kommt nur sehr selten vor. Es ist also sehr zu bezweifeln, dass es sich bei diesem Werk um die Geschichte eines Volkes, um Ethnohistorie handeln würde, zumindest nicht auf die Art von Iordanes und Paulus Diaconus in ihren Arbeiten [über die Goten bzw. Langobarden; ZN]. Hauptziel von Gregor war wahrscheinlich nicht die Berichterstattung über die Geschichte eines Volkes, die Geschichte der Frankenkönige dient vielmehr nur als Hintergrund zur Hauptaussage seines Werkes“ [Mezei, 58; Hvhg. der Autorin],

der Belegung der Vormachtstellung des Katholizismus. Am Ende des 6. Jh. hätte diese Tendenz noch als anachronistisch betrachtet werden können, weil auch der heilig gesprochene Papst Gregor I., der ohne Zweifel existente Zeitgenosse des Bischofs Gregor, ebenfalls Geduld gegenüber den Nestorianern der Lombardei erwiesen hatte [Newadvent].

Gregor von Tours belässt den Ursprung der Merowinger-Dynastie ebenfalls im Dunkeln, genauso wie der laut konventioneller Geschichtswissenschaft ein Jahrhundert nach ihm schaffende burgundische Fredegar, obwohl dieser Ursprung beiden wohlbekannt gewesen sein sollte. Demnach handelt es sich um tendenziöses Verschweigen. Volker Friedrich zeigt in seiner kürzlich erschienenen Studie auf, dass sich die Geschehnisse der (fälschlicherweise) als Chronik von Fredegar bekannten Komposition mit dem Titel Liber Generationis nicht im 7., sondern im 6. Jh. ereignet hatten (eine These, die bereits 2001 von Klaus Weissgerber aufgestellt worden ist [Weissgerber, 87]), und mit jenen in der Historia Francorum in Einklang gebracht werden können, wenn  wir von den konventionellen Jahreszahlen des Liber Generationis 67 Jahre abziehen [Friedrich, 74].

Friedrich benennt in seiner Beweisführung an erster Stelle die Herrscherliste der Frankenkönige von Godmar, dem Bischof von Gerona, die durch arabische Quellen überliefert worden ist und etliche, in der konventionellen Geschichtsschreibung (nachfolgend „konv.“) aufgezählte Herrscher Galliens nicht aufführt [Friedrich, 78]. Einer der Herrscher, der in der Liste fehlt, ist Charibert I. (konv. 561–567). Friedrich [80] weist darauf hin, dass weder die Todesursache noch die letzte Ruhestätte des Königs von dem sonst so gut informierten Gregor erwähnt wird, genauso wenig wie die Namen seiner beiden Kinder. Es fehlt weiterhin Chlotar II. (konv. 584–628), bei wem es sich laut dem Historiker um eine Doppelgänger von Chlotar I. handelt [Friedrich, 79]. Es wird von Friedrich zwar nicht betont, durch seine Beweisführung aber eindeutig gemacht: Wenn die Herrscherliste von Godmar authentisch ist, dann ist die uns überlieferte Ausfertigung der Historia Francorum eine Fälschung, weil sie mit mehreren Phantom-Persönlichkeiten ‘aufgestockt’ worden ist.2

Der Preis für diese Anpassung des beide Chroniken muss auch beim Liber Generationis bezahlt werden, wie es der Herausgeber Bruno Krusch bereits 1882 zugab: „Offenbar ist das ganze erste Capitel erst hinzugesetzt worden, um den Anschluß an den Gregor zu ermöglichen“ [Krusch, 483]. Mit einer wenig vorsichtigen Formulierung dürfen wir behaupten, dass das erste Kapitel vom Liber Generationis mit Sicherheit eine Fälschung ist. Krusch weist auch darauf hin, dass die Chronik im Mittelalter im Metzer Arnulfskloster bearbeitet worden ist: „Es gäbe drei unterschiedliche Verfasser und mehrere Überarbeiter.” Friedrich wiederum meint, dass eine von Phantompersonen und -perioden geläuterte Historia Francorum und einem in seine richtige Zeit versetzten Liber Generationis einander eher belegen und die wahre Geschichte des VI. Jahrhunderts wiedergeben können.

Anhand der Erkenntnisse von Friedrich können wir den weiter oben erwähnten ‘Irrtum’ des Jonas von Bobbio aufklären, der den König in Gallien betrifft, von dem Columban empfangen wurde. Wenn wir von den bisher angenommenen, konventionellen Jahreszahlen des Liber Generationis 67 Jahre abziehen, stoßen wir zwischen 571 und 589 auf Sigibert III. Die Ordinalzahl ist selbstverständlich falsch: Wenigstens einer der Vorgänger ist eine Phantomperson, deren Identifizierung nicht Objekt dieser Studie ist. Fest steht jedoch, dass sich die Ankunft Columbans wirklich während der Herrschaft eines Königs namens Sigibert ereignete. Es irrt sich also nicht der Informationen erster Hand vertrauende Biograf; vielmehr irren sich die durch  Phantompersonen verwirrten, die Chroniken nicht mit der gebotenen Vorsicht behandelnden Historiker.

Nach den bisherigen Ausführungen erscheint es so, als wäre auch das 6. Jh. nicht frei von Phantompersonen; als untere Grenze eines Phantom-Zeitalters kann also nicht das Jahr 614 festgelegt werden. Gleichzeitig, wenn die zeitlich verschobenen Ereignisse nach der Eliminierung der Phantompersonen vom 7. ins 6. Jh. versetzt werden, kann letzteres restituiert werden.

Hier möchte ich darauf zurückkommen, warum der Ursprung der Merowinger-Dynastie sowohl von Gregor, als auch von „Fredegar” verschwiegen wird. Der Grund hierfür wird im Licht der neuesten Ergebnissen des ungarischen Forschers Gyula Tóth sichtbar. Diese in der Nussschale: Attila, König der Hunnen, bestimmte seinen jüngsten Sohn Csaba zu seinem Nachfolger. Einige Jahre nach Attilas Tod (454) startete sein älterer, von der Germanin Krimhilde stammender Sohn Aladar (= der Ältere / the Elder!) einen erfolgreichen Krieg um den Thron. Die ungarischen Chroniken berichten, wie Csaba nach dem Bruderkrieg zuerst nach Griechenland, dann nach Skythien flüchtete; viele Details seines Lebens sind uns bekannt. Der ungarische Forscher stellt nun die berechtigte Frage, was aus dem Sieger Aladar geworden ist, der als Herr von halb Europa scheinbar von der Bühne der Geschichte einfach verschwand [Tóth, 180 f.]. Seiner detailliert belegten Antwort nach erscheint Aladar unter dem Namen Childerich als erster Merowinger wieder. Diese These wird durch Childerichs Krönungsjahr (457) bzw. durch den zeitlich nahen Tod Attilas unterstützt.

Das illegitime Herrscherhaus suchte und fand Unterstützung zur Festigung seiner Macht in der bereits institutionellen christlichen Kirche, und zwar durch die Erschaffung eines neuen Machtzentrums in Rom, der damals neben den Bistümern in Kleinasien und Nordafrika noch nicht herausragenden Stadt. Um dies zu erreichen, musste es jedoch den arianischen Glauben aufgeben und zum Katholizismus konvertieren, was Chlodwig I., der Sohn Childerichs, auch getan hatte [s. Historia Francorum, II: 31]. In diesem Zusammenhang wird es auch verständlich, warum die christlichen Arianer für Gregor ein weit größeres Feindbild darstellten als die Heiden.

Hier kommt der Verdacht auf, dass die Person Aladars in Childerich und Chlodwig I. (Clovis) aufgespaltet worden ist – dies ist jedoch Thema einer anderen Studie. Der „Arianismus“ als solcher, unter besonderer Berücksichtigung dessen, dass die Existenz seines Gründers und Namensgebers fragwürdig ist [Topper 132-135], bedarf noch weiterer Forschungen – die bisherigen Versuche der Zeitrekonstrukteure in dieser Richtung [z.B. Beaufort 2009; Müller] sind nach der Meinung des Verfassers dieser Zeilen nicht überzeugend genug. Nach der These von Gyula Tóth leuchtet auch ein, warum der Ursprung der Merowinger als „unbekannt“ dargestellt werden sollte und warum diese Herr scherfamilie von der Bühne der Geschichte verschwinden sollte. Gallien und Germanien brauchten für eine ‘adäquate’ Geschichte bereits vor den Ottonen ein Herrscherhaus ‘reinen germanischen Blutes’: die erfundenen Karolinger.

Es ist nicht Ziel dieser Studie, die Glaubwürdigkeit der Werke von Gregor endgültig zu beurteilen; ihre kritische Umwertung erscheint jedoch als unvermeidlich. Etliche Fragen, wie z.B. ob die sechs- oder die zehnbändige Variante der Historia Francorum als echt betrachtet werden kann, wurden hier gar nicht berührt. In den letzten etwa 40 Jahren kamen so viele begründete Zweifel hinsichtlich der konventionellen Version der Geschichte des 1. Jtsd. auf, dass wir heute keine andere Wahl haben, als das naive Vertrauen auf die aus jener Zeit stammenden Manuskripte abzulegen und diese einzeln gründlich und genau zu prüfen, um ihre Echtheit festzustellen. Erst danach könnten wir den Versuch der Rekonstruktion unserer wahren Geschichte starten.

Zum Abschluss möchte ich mich bei Frau Martha Winkler für die sorgfältige Übersetzung meines Aufsatz bedanken.

Literatur

Adamik, Tamás (2010): Tours-i Gergely Historiae cimê mêvének nyelvezete, stRlusa és elbeszélÎ mêvészete; in Adamik, T, (Hg.): Korunk története. A frankok története (Geschichte unseres Zeitalters. Die Geschichte der Franken; Kalligram, Bratislava (engl.: Language, style and narrative art of the Historiae of Gregory of Tours)

Beaufort, Jan (2009): Arianer und Aliden. Über die gnostischen Ursprünge des Christentums und der Shi’’t’ Ali; Zeitensprünge 21 (1) 92-108
- (2001): Die Fälschung des Almagest. I. Versuch einer Ehrenrettung des Claudius Ptolemäus; Zeitensprünge 13 (4) 590-615

Clark, Francis (2003): The ‘Gregorian’ Dialogues and the Origins of Benedictine Monasticism; Brill, Leiden · London
- (1987): The Pseudo-gregorian Dialogues. 2 Bände in der Reihe Studies in the History of Christian Thought; Brill, Leiden

DCS s. Gregor von Tours

Espenak, Fred (2010): Five Millennium Catalog of Solar Eclipses · 0501 to 0600 (501 CE to 600 CE); http://eclipse.gsfc.nasa.gov/SEcat5/SE0501-0600.html (letztes Update 21. 07. 2010)

Friedrich, Volker (2013): Die fränkische Herrscherliste des Bischof Godmar von Gerona, 939/40; Zeitensprünge 25 (1) 73-94

Gent, Robert H. van (1987): (ohne Titel), Nature Jg. 325, 87-89

Grace, Sr. Madeleine: Columban – a true celtic pilgrim; http://www.ewtn.com/library/mary/fr91303.htm. (heruntergeladen am 05.12. 2012)

Gregor von Tours (1885): Historia Francorum; in Arndt, Wilhelm / Krusch, Bruno (Hgs.): Monumenta Germaniae Historica Scriptores Rerum Merovingicarum Tom. I; Hannover
- (1885, DCS =): De cursu stellarum ratio, qualiter ad officium implendium debeat  observari; in Arndt, Wilhelm / Krusch, Bruno (Hg.): Monumenta Germaniae Historica Scriptores Rerum Merovingicanum Tom. I., 854-874; Hannover

Illig, Heribert (2009): Fehlende Kreuzgänge und Benediktiner; Zeitensprünge 21 (1) 194-219
- (1994): Doppelter Gregor – fiktiver Benedikt. Pseudo-Papst erfindet Fegefeuer und einen Vater des Abendlandes; Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart 6 (2) 20-39

Krusch, Bruno (1882): Die Chronicae des sogenannten Fredegar II. Neues Archiv der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde, 421-516; Hannover

Legler, Rolf (1989): Der Kreuzgang. Ein Bautypus des Mittelalters; Frankfurt

Le Goff, Jacques (1991): Die Geburt des Fegefeuers. Vom Wandel des Weltbildes im Mittelalter. München, (franz. erstmals 1981, überarbeitet)

McCluskey, Stephen C. (1987): The colour of Sirius in the sixth century; Nature, Jg. 325, 87

Metlake, George (2007): The Life and Writings of St. Columban, 542?-615; (11914), Reprint Kessinger Publishing

Mezei, Mónika (2010): Tours-i Gergely élete és muvei – a történész szemszögébol (Leben und Werke von Gregor von Tours – aus dem Gesichtspunkt des Historikers); in Tamás Adamik (Hg): Korunk története. A frankok története (Geschichte unseres Zeitalters. Die Geschichte der Franken). Kalligram, Bratislava

Müller, Zainab A. (2007): Zur Gleichsetzung von Ali und Arius und zur Identität der Arianer; Zeitensprünge 19 (3) 600-609

Newton, Richard R. (1977): The Crime of Claudius Ptolemy; Johns Hopkins University Press, Baltimore

Poole, Rachel (1915): A monastic timetable of the eleventh century; Journal of Theological Studies 16, 98-104

Shahan, Thomas J. (1908): St. Caesarius of Arles; The Catholic Encyclopedia. Robert Appleton Company, New York. Retrieved March 30, 2013 from http://www.newadvent.org/cathen/03135b.htm

SB = Schlosser, Wolfhard / Bergmann, Werner (1987): Schlosser and Bergmann replies; Nature Jg. 325, 89
SB = Schlosser, Wolfhard / Bergmann, Werner (1985): An early-medieval account on the red colour of Sirius and its astrophysical implications; Nature Jg. 318, 45-46

Topper, Uwe (2001): Erfundene Geschichte. Herbig, München

Tóth, Gyula (2013): Szkítiától Maghrebig (Von Skythien bis Maghreb); Hatelem Kiadó, Budapest

Vita abbatis Columbani (Hg. Ernst Dümmler); in Monumenta Germanica Historica Scriptorum Rerum Merovingicanum Tom. IV. Hg: Bruno Krusch. Hannover, 1902

Weissgerber, Klaus (2001): Zur bulgarischen Phantomzeit I; Zeitensprünge 13 (1) 73-102

Wiki / Columban;http://de.wikisource.org/wiki/ADB:Columban

Wood, Ian Nicolas: Saint Gregory of Tours; http://www.britannica.com/EBchecked/topic/245712/Saint-Gregory-of-Tours. [Heruntergeladen am 06. 12. 2012]


1 Letzteres wird aus den Forschungen von Francis Clark und (in dessen Fußstapfen) Heribert Illig verständlich: Benedikt ist „eine Erfindung” vom Ende des 7. Jh. [Clark 1987; 2003] oder des 12. Jh. [Illig 1994].

2 Friedrich [87] merkt an, dass der Name „Qurtan” auf der Godmar-Liste auf Arabisch „kurz” bedeutet. Das ungarische Wort „kurta” bedeutet ebenfalls „kurz”.

 

3 Kommentare zu “Bischof Gregor von Tours über die Gestirnsbewegungen”
1
Basileus sagt:
4. September 2014 um 22:21

Die Beschreibungen zum Sternhimmel sind bei Gregor zu ungenau, um daraus irgendwelche belastbaren Schlußfolgerungen zu ziehen. Etablierten Astronomen gefällt es, an den Haaren herbeigezogene Spekulationen anzustellen und sich dabei möglichst noch zu zu überbieten. Keiner wird sie dafür schelten oder als Ketzer abstempeln, da ihre Spekulationen nichts mit Geschichts- oder Chronologiekritik zu tun haben.

Aber zu Gregors Finsternissen, die nach offizieller Zuordnung hinten und vorne nicht passen, kann man etwas Belastbares sagen. Warum sich aber gerade dazu kein etablierter Astronom äußert, dürfte somit klar sein !

Zsolt Németh: “Ich habe in der Datenbank von Espenak auch überprüft, ob es zwischen 200 und 900 vielleicht ein Jahr gegeben hätte, in dem sich ausgerechnet am 1. Oktober ein in ganz Gallien sichtbare Sonnenfinsternis abgespielt hätte. Die Antwort ist nein! All dies beweist, dass wir nicht nach einem existenten oder immerhin nicht überarbeiteten Gregor an einem anderen Punkt auf der Zeitachse Ausschau halten müssen, sondern dass es sich bei dem in der Historia beschriebenen Ereignis um ein im Nachhinein berechnetes Phänomen handelt.”
Diese Aussage des Autors ist nicht nachvollziehbar. Weder gibt er einen Grund an, die Suche nach einer bei Gregor beschriebenen Sofi (“1.10.563″) auf “zwischen 200 und 900″ einzugrenzen, noch begründet er seine Schlußfolgerung (“All das beweist …”).

Geht man offen an das Problem heran, so fällt einem die SoFi am 2.10.1084 auf, bei der der Bedeckungsgrad von ca. 80 % in Tours mit der Angabe in der Quelle übereinstimmt. Auch das Datum ist mit nur einem Tag Abweichung genauer als bei der Datierung nach offizieller Geschichte mit zwei Tagen Differenz zur Quelle.
http://eclipse.gsfc.nasa.gov/5MCSEmap/1001-1100/1084-10-02.gif
http://eclipse.gsfc.nasa.gov/SEsearch/SEsearchmap.php?Ecl=10841002

Auch eine weitere Finsternis von Gregor kann ich genauer datieren als die offizielle Geschichte. Die Finsternis “Mitte Oktober”, von der offiziellen Geschichte auf den 4.10.590 datiert, war nach meiner Auffassung offensichtlich eine MoFi, und keine SoFi, wie die offizielle Geschichte behauptet. Es handelt sich um die MoFi am 18.10.1111, ebenfalls 521 Jahre später wie auch die andere Finsternis von Gregor.
http://eclipse.gsfc.nasa.gov/5MCLEmap/1101-1200/LE1111-10-18P.gif
Somit stimmt auch die Quellenangabe “Mitte Oktober“, was nach offizieller Geschichte nicht der Fall ist. Genau diese MoFi wird auch von Fredegar berichtet.

Weitere übereinstimmende Finsternisse zu überlieferten Finsternisberichten – und zwar alle, die R.Starke in “Niemand hat an der Uhr gedreht!” auflistet (außer Ptolemäus) – hier:
http://de.geschichte-chronologie.de/index.php?option=com_content&view=article&id=132:astronomie-und-chronologiekritik&catid=35:2008-11-15-18-09-31&Itemid=121

2
admin sagt:
5. September 2014 um 19:40

Zu diesem Thema sei an einen Abschnitt in „Wer hat an der Uhr gedreht?“ von 1999 erinnert:

„Astronomische Feinabstimmung

Wir haben uns weithin an Kalender, an ihre Berechnung wie die zugehörigen Bauten gehalten. Die Verbindung von altem Schrifttum mit Ausgrabungsergebnissen der römischen Sonnenuhr gibt uns ebenfalls gute Kontrollmöglichkeiten. Hier hat nun die Astronomie ein gewichtiges Wort mitzusprechen, da sie nichtig nur den gegenwärtigen Himmel, sondern per sekundengenauer Rückrechnung für sich in Anspruch nimmt, auch die Vergangenheit unter die Lupe nehmen zu können. Ihre Betrachtungen wiederkehrende Kometen, Planetenkonjunktionen oder Supernovae haben wir bereits einbezogen; wir werden die Berichte mittelalterlicher Chroniken über einstige Finsternisse noch prüfen.

Die Astronomen haben mittlerweile Kontrollrechnungen hinreichend seltene Himmelsereignisse angestellt, die jede Phantomzeit ausschließen sollten, Sie sehen vor allem Sonnenfinsternisse als deutlich unterscheidbare Individuen, die für oder gegen meine Thesen aussagen können. 1997 wurde von den Professoren Werner Bergmann und Wolfhard Schlosser als erstes eine Sonnenfinsternis von 590 ins Spiel gebracht, über die uns Gregor von Tours folgendes in Buch X, Kapitel 23 berichtet: »In der Mitte des Monats Oktober verfinsterte sich die Sonne, und ihr Licht nahm so ab, daß sie kaum so groß blieb wie die Mondsichel am fünften Tag nach dem Neumond.«

So knapp diese Beobachtung geschildert ist, so überarbeitet ist sie bereits. Der lateinische Text spricht ausdrücklich vom 8. Monat, der damals der August war, nicht wie in alten Römertagen der Oktober; er spricht keineswegs vom Neumond, sondern einfach vom »fünften Mond«; eindeutig ist seine Aussage »Mitte des Monats«.

Insofern paßt die rückgerechnete Finsternis vom 4.10.590 nur bei großer Toleranz. Sie liegt keineswegs in der Mitte des 8. Monats, sondern am Anfang des 10. Monats, und die ringförmige Finsternis spricht gegen die Sichelform. Als Schlosser und Bergmann exakt 300 Jahre weiterzählten, fanden sie keine adäquate Finsternis und erklärten meine These für widerlegt.

Aber mit den von mir vorgeschlagenen 297 Phantomjahren wären sie am 20.10.887 einem adäquaten »Individuum« begegnet: wieder im Oktober, aber diesmal nahe der Monatsmitte, wiederum wie der 5. Mond, diesmal vom Vollmond aus gezählt, ein in der Spätantike auch geübter Brauch; nach Mucke und Meeus war es keine ringförmige, sondern eine totale Finsternis.“ [Wer hat an der Uhr gedreht, 144-145]

Es ist zwangsläufig so, dass sich jeder die ihm passende Finsternis heraussucht. Nachdem sie zwangsläufig in gewissen Intervallen auftreten, wird man sich immer wieder bestätigt fühlen. Wer unbedingt Gregor von Tours im 12. Jh. schreiben lassen will, der soll dies tun. Aber mit Sonnenfinsternissen große zeitliche Verschiebungen zu begründen und anders lautende Thesen zu verwerfen, hat nichts Zwingendes.

3
Basileus sagt:
16. September 2014 um 10:30

“Es ist zwangsläufig so, dass sich jeder die ihm passende Finsternis heraussucht. “

Um das zu vermeiden, habe ich genau die Finsternisberichte genommen, die R. Starke in seinem zitierten Buch auswählt, um zu beweisen, daß “an der herrschenden Chronologie auch nicht der geringste Zweifel bestehen kann” (so sein Anspruch). Eine Ausnahme bildet Ptolemäus, der aber auch schon von Ginzel als Ausnahme gesehen wurde, und auch in neuerer Zeit, z.B. Demandt. Damit verbunden ist ja der bereits seit früher Neuzeit erhobene Fäschungsvorwurf.

Ich vermeide daher die Fehler anderer Autoren, deren willkürliche Auswahlen in der Tat nicht nur voneinander abweichen, sondern auch von der Auswahl der Vertreter der offiziellen Geschichte. Lediglich bei letzteren kann man aber eine Begründung finden, warum gerade diese Finsternisse für die Überprüfung der Chronologie geeignet sind, die m.A.n. im Großen und Ganzen zutreffend ist.

“Nachdem sie zwangsläufig in gewissen Intervallen auftreten, wird man sich immer wieder bestätigt fühlen. “

Die Intervalle sind aber nicht beliebig und treffen auch nicht für alle Finsternisse gleich zu, so daß das Gefühl der Bestätigung sich nur bei willkürlicher Auswahl (siehe die üblichen Autoren) automatisch einstellt.

Danke für den Hinweis mit dem “8. Monat” zur Finsternis von “590″. Ich hatte das vor längerer Zeit schon einmal (auch im Original) gelesen; es war mir dann aber vor ein paar Monaten bei der Suche nach einer passenden Finsternis nicht mehr präsent.

Mal angenommen, der 8. Monat wäre hier aber doch als Oktober zu lesen (so wie auch bei der SoFi am 20.10.887 in dem von Ihnen zitierten Text). Den Text “et ita lumen eius minuit, ut vix, quantum quintae lunae cornua retinent, ad lucendum haberet.” übersetze ich mit “und sein Licht verminderte sich so sehr, daß er kaum soviel wie die Sichel des fünften Mondes (= 5. Tag nach Neumond) zum Leuchten hatte.”

Bei der Beschreibung einer Sonnenfinsternis mit einem Bedeckungsgrad von ca. 50-60 % am 4.10.590 (laut Rückrechnung) hätte man eigentlich so etwas erwartet wie “etwas weniger als die Hälfte der Sonne sichtbar” o.ä., aber keine Bezugnahme auf die vergleichbare Größe der leuchtenden Mondsichel !
(Übrigens funktioniert dieser Bedeckungsgrad nur bei den willkürlichen Delta-T-Werten nach offizieller Geschichte. Ohne diese Korrektur wäre die Sonne in Frankreich zu ca. 90 % bedeckt, was dann auch wieder dem Text widerspricht. In meinem Modell verzichte ich auf die willkürliche, spekulative Annahme physikalischer Anomalien in der entfernten Vergangenheit, ohne die die offizielle Geschichte nicht auskommt.)

Bei der MoFi am 18.10.1111 stimmt die Größe der verbliebenen Mondsichel (nicht bedeckter Mond) von etwa 40 % mit der Angabe im Text (5. Tag nach Neumond) überein, ebenso die Angabe Mitte des Monats. Gregor hatte dann entweder einen schlechten Informanten oder hat selbst beim Schreiben Sonne und Mond verwechselt (vielleicht auch nur, um die Dramatik dieses Jahres zu erhöhen, siehe unten) – soll ja alles vorkommen. Oder der Kopist hats versaut und Sonne und Mond verwechselt und das dazugehörige Pronomen auch.

Ohne Zusatzannahmen kommen also bei dieser Finsternis weder die offizielle Geschichte noch ich aus.
And the winner is (diesmal): Die Fantomzeitthese !
Zumindest mit dem Datum stimmts mit dem 20.10.887 (allerdings auch wieder mit Oktober statt August), aber ein Bedeckungsgrad von unter 30 % in Frankreich (über 70 % unbedeckt) paßt auch nicht zum Text.
http://eclipse.gsfc.nasa.gov/SEsearch/SEsearchmap.php?Ecl=08871020

Der Originaltext befindet sich in einem Kapitel über Wunder, Naturkatastrophen usw. im Jahre 590. Es würde daher passen, wenn Gregor neben Feuerbällen in der Nacht, Erdbeben, der Pest und weiteren Unglücken (alles in diesem Jahr 590) auch noch eine Sonnenfinsternis erdichtet. Hier zum Nachlesen in Latein und Englisch (Buch X, Kapitel 23):
http://www.thelatinlibrary.com/gregorytours/gregorytours10.shtml
http://www.fordham.edu/halsall/basis/gregory-hist.asp#book10

“Aber mit Sonnenfinsternissen große zeitliche Verschiebungen zu begründen und anders lautende Thesen zu verwerfen, hat nichts Zwingendes.”

Das sehe ich zum Teil etwas anders.
1) Mein beschriebenes Modell widerlegt die Versuche von R. Starke und anderen Autoren, astronomisch die Richtigkeit der Chronologie der offiziellen Geschichte zu beweisen.

2) Im Sinne einer Begründung chronologischer Verwerfungen kann es als Indiz neben weiteren dienen.

3) Beweisen kann man mit Finsternissen allein natürlich nichts. Da stimme ich Ihnen zu. Das geht schon aus wissenschaftstheoretischen Gründen nicht. Der explizit von den Vertretern der offiziellen Geschichte erhobene Anspruch das doch zu können, nämlich zu beweisen, daß “an der herrschenden Chronologie auch nicht der geringste Zweifel bestehen kann”, läßt schon ernsthafte Zweifel an der wissenschaftlichen Relevanz dieser Versuche aufkommen.

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5. Januar 2014                     Kategorie(n): Artikel aus den ZS, Fantomzeit, Frühmittelalter, Zeitensprünge

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Kommentar zur Graz-Diskussion vom 14. Mai 2013

von Heribert Illig (zusammengeführt und überarbeitet aus Zeitensprünge 2/2013 und 3/2013)

Die Universität Graz, genauer die „7. fakultät“ und damit ihr Zentrum für Gesellschaft, Wissen und Kommunikation, lud am 14.05.2013 zur Podiumsdiskussion in ihr Meerscheinschlössl. Dort drängten sich 160 Zuhörer, die Mehrzahl Studenten, um im überfüllten Saal zuzuhören und Fragen zu stellen. Auf dem Podium nahmen Platz: der Mediävist Prof. Johannes Gießauf und mit Prof. Manfred Lehner der erste Archäologe, der öffentlich mit mir, dem dritten Teilnehmer, diskutierte. Als Moderatoren fungierten Dr. Elisabeth Holzer und der im ‘Nebenberuf’ Archäologie studierende Oliver Pink. Ein Aufnahmeteam hielt den historischen Moment in Bild und Ton fest, damit ihn die Universität ins Internet stellen könne. Leider war der Tonmeister mit seiner Arbeit nicht zufrieden, so dass es bislang dazu nicht kam. Lediglich eine 3-Minuten-Zusammenfassung konnte produziert werden [uni graz].

Zumindest erhielt ich selbst einen Mitschnitt. Insofern konnte erstmals eine derartige Diskussion als Mitschrift wiedergegeben werden. Die Qualität wird sich kontrollieren lassen, sollte die Aufzeichnung doch noch ins Netz gestellt werden.

Es war nach 17 Jahren Debatte ums erfundene Mittelalter die erste öffentliche Diskussion, an der sich ein Archäologe beteiligt hat; kurze Wortmeldungen wie am 26.11.2006 in Ingolstadt durch Jochen Haberstroh und Bernd Riedel oder das Nicht-Antreten des Archäologen am 25.09.1999 in Lorsch am Rhein oder die einschlägige Debatte 1999 in Archäologie in Deutschland – doch ohne Archäologen! – sind dabei subsumiert. Es wird wohl weitere 17 Jahre bis zum nächsten dauern. Deshalb wurde das vollständige Protokoll vorgelegt, damit erkennbar wird, wie derartige Podiumsdiskussionen eigentlich ablaufen.

Weil etliche Statements während der Diskussion nicht beantwortet werden konnten, sind die Antworten hier nachzutragen.

Beim Kalender glaubt Gießauf weiterhin der Aussage Papst Gregors XIII., wenn dieser seine Korrektur auf das Konzil von Nicäa bezieht. Darauf ließ sich dort nicht antworten; meinen Lesern ist klar, dass dieser Glaube seit dem 400-Jahres-Kongress, 1982 im Vatikan, keine Grundlage mehr hat, gab es doch in Nicäa keinen Gedanken an eine Kalenderreform.

Gießauf vertritt weiterhin die Ansicht des 19. Jahrhunderts, wonach die breite Bevölkerung vor dem Jahr 1000 und der Parusie gezittert hätte. Das ist bereits seit 1904 durch José Ortega y Gasset widerlegt. Außerdem gibt es abseits von Augustinus andere Quellen, die von einem friedlichen End-Jahrtausend unter Christus und seinem kaiserlichen Stellvertreter ausgingen. Im Jahr 303 n. Chr. hat Eusebius errechnet, Rom und die Welt werde am ersten Tag des Jahres 801 untergehen – doch Karl d. Gr. verhinderte taggenau das  Ende, weil er in Rom gekrönt wurde und die Macht der römischen Cäsaren fortgesetzt habe [Illig 1999, 138; 2000, 634] – doch das konnte nicht zum Vortrag kommen.

Die frühen Tode von Otto und Silvester sind kein echtes Problem, wenn die Kirche verstanden hat, dass sie mit dem Kalender die Macht über die Zeit hat (die Macht über den Raum, sprich Landbesitz und Politik, hatte sie längst ergriffen). Seitdem standen immer ein Papst und die Kurie bereit, um das Kalenderwerk fortzusetzen und abzuschließen.

Das Problem mit den Quellen wird durch Gießaufs Kommentierung eher verschärft. Benenne ich die Widersprüche in ihnen (Stichwort Kaiserkrönung), so zieht er aus ihnen nicht nur seine Daseinsberechtigung als Mediävist und behagliche Reibungswärme als Beispiel für erneuerbare Energien, sondern auch den Schluss, es habe eben keinen Masterplan zu ihrer Fälschung gegeben. Wenn ich aber darauf hinweise, dass die Klosterchroniken bei Finsternisberichten von Sizilien bis Schottland auffallend ähnlich sind, dann hält er die Schreiber sehr wohl an autoritative Texte gebunden. Bewiesen ist damit nur, dass Schriftquellen in ihrer Vielfalt und in ihren Widersprüchen fast beliebig zu interpretieren sind.

Seltsamerweise schrieben die Mönche vor 1.000 Jahren genauso wie ich, nämlich eklektisch – Gießauf benutzte diese abwertende Vokabel sogar zweimal. Das Wort bezeichnet üblicherweise ein Werk, das nachahmend, „in unschöpferischer Weise nur Ideen anderer (z.B. in einer Theorie) verwendend“ ausgefallen ist. Dieser Vorwurf wäre überraschend, wollte doch kein einziger der über 150 Wissenschaftler, die sich zum erfundenen Mittelalter geäußert haben, und keiner der zahllosen Wissenschaftler, die ich zitierend herangezogen habe, meine Ideen gehabt haben. Die einfachere Aussage: „aus bereits Vorhandenem auswählend und übernehmend“ – so wie ich z.B. diese Begriffsdefinition übernehme [eklektisch] – ist hingegen banal, weil jeder Wissenschaftler aus dem vorhandenen Wissensbestand auswählt, prüft, zum Teil verwirft, zum Teil Neues kreiert. Die Abwertung sollte vielleicht davon ablenken, dass meine ‘Attacke’ wesentliche Probleme – unlösbar im herrschenden Modell – einer Öffentlichkeit vorstellt, die zugleich erfährt, dass es sehr wohl Thesen zur ihrer Lösung gibt, die man nur aufgreifen müsste.

Dass mich die Eklektik mit dem Mittelalter verbindet, spricht gegen Gießaufs Sicht, ich würde die damalige Mentalität nicht berücksichtigen. Vielleicht neigen Mediävisten dazu, bei ihrer kritischen, reflektierten Arbeitsweise als romantisches Gegenstück ein tumb-schlichtes Mönchlein zu imaginieren, das damals zum höheren Ruhme Gottes still sein Tagewerk verrichtet hat. Für mich sprechen die zahllosen (Schenkungs-)Urkunden von einem immerwährenden Zug des Menschen, nämlich von der Gier nach Grundbesitz und schnödem Mammon, von der Gier nach Macht und Einfluss. Urkunden  nach allen Regeln der Kunst zu fälschen, zeugt mehr von Raffinesse und Hintertriebenheit als von schlichtem Gemüt, Gottesfurcht und Jenseitsbezug.

Auch Gießaufs eigene Formulierungen scheinen keinem ausgeprägt mittelalterlichen Fühlen zu entstammen, wenn er etwa sagt: „Karl hat über Jahrzehnte an seinem Image gearbeitet“ oder „Im Mittelalter wird gefälscht auf Angriff“ oder Chroniken, „das sind public relations“, dort wird „Propaganda geschrieben“ oder auch „diplomatisch gearbeitet“ oder „ich halte ihn [Karl] für einen extrem durchtriebenen Politiker“. Ich schätze die mittelalterliche Mentalität nicht anders ein, aber nur bei mir gilt das als anachronistisch. Gießauf illustriert das im Übrigen sehr schön, wenn er nach den Tausenden von karolingischen Schenkungsurkunden die Menschen in eine orale Existenzweise zurückfallen sieht. Er sagt, damals sei kein Vertrag verschriftlicht worden, obwohl er sich genau in diesem Moment im Seminar mit einem solchen Schriftstück des 10. Jh. beschäftigt und obwohl die Karolinger davor genauso geschrieben haben. Der Verlust der Literalität im frühen 10. Jh. gehört wohl zu seinen Unlösbarkeiten – beim Streichen der hochliteraten, aber volatilen Karolinger entfiele das Problem rückstandslos.

Gießauf beweist schließlich als Österreicher, der selbst in Graz im baierischen Sprachraum lebt, feine Selbstironie, wenn er die einigermaßen vernebelten Baiern als Fußkranke bezeichnet, denen die Schreibfähigkeit abhanden gekommen wäre. Bislang wussten wir dank Johannes Fried, dass der große Karl wegen frühen Umgangs mit dem Schwert nicht die zum Schreiben nötige Feinmotorik entwickeln konnte. Nun erfahren wir, dass auch die Lahmen zur Schreibschwäche tendieren, obwohl man bislang eine sitzende Lebensweise als förderlich für das Schreiben erachtet hat.

Es bleibt als Generalnenner: Widersprüche in den Quellen sind bei den Historikern erwünscht, weil sie bei nicht wachsendem Quellenbestand immer neue Überlegungen erlauben, wie man divergierende Aussagen belassen, begründen, uminterpretieren oder auch vereinheitlichen kann. Es ist demnach praktisch unmöglich, bei einem Historiker über die Schriftquellen irgendeinen Zweifel an seinem Geschichtsbild zu säen.

Johannes Fried hat nach direkter Kommentierung meiner Thesen sogar die noch nie da gewesene Lösung gefunden: Quellen sind nicht von Haus aus zuverlässig (welcher Historiker hätte das geglaubt?), sondern sie entstehen nach entsprechender bewusster wie unbewusster Umformung der vermeintlichen Fakten durch ihre Urheber. So wollte er – 100 Jahre nach Freud – dem Unbewussten auch in der Geschichtsschreibung auf die Schliche kommen [Fried 2004]. Seitdem lässt sich hier noch mehr um und um interpretieren.

Geht es den Historikern um den schnellen Wechsel des Standpunkts, um  die herrschende Lehre zu bewahren, so ist dieser für den Archäologen fast unmöglich. Wie soll er all die fehlenden Klöster, Kirchen und Pfalzen der Karolingerzeit motivieren? Vor wenigen Jahren wurde noch die Unauffindbarkeit der karolingischen Holzhäuser vorgebracht, dann wurde auf die Hinfälligkeit der Bauten verwiesen, seien sie doch allzu schnell abgewohnt worden. Nun tritt die Behaglichkeit hinzu, als ob die oberen Zehntausend kein Bedürfnis nach Renommee, Prunk und vor allem Sicherheit gehabt hätten, würde doch eine attackierte Holzpfalz sehr schnell ein Raub der Flammen. Nun müssen die karolingischen Holzbauten, reduziert auf die Pfalzen, die zwischen Donau und Alpen allenfalls auf Hügeln postiert gewesen wären, auf Felsen gestanden haben, um keine nachweisbaren Pfostenlöcher hinterlassen zu haben, wobei das Hochmittelalter hinunterputzend dann den Rest erledigt hätte.

In der Diskussion ging es um die quellenmäßig fassbaren 313 Bauwerke der Karlszeit, die sich aus 16 Kathedralen, 65 Königspfalzen und 232 Klöstern zusammensetzen [Mann 1967, 320]. Was kann der Archäologe dazu sagen? Während einige wenige Kirchen heute als karolingisch angesehen werden, scheint es nicht möglich zu sein, auch nur einige Steine eines karolingischen Klosters vorzuweisen. Bei den Königspfalzen kommt man über einige wenige – Aachen, Ingelheim, Paderborn, Nimwegen – kaum hinaus. In Graz ging es speziell um Agilolfingerpfalzen, von denen ebenfalls kein einziger Stein bekannt ist. Sie sind in vielen Fällen nicht von Karolingerpfalzen zu unterscheiden, subsumiert werden Castrum, Curtis, Herrenhof, Herzogshof, Locus publicus und Villa. Zu ihnen gehören nach Spindler [I, 363] und Dannheimer/Dopsch [163]:

Aibling, Aiterhofen, Alkofen, Altötting, Aschheim, Attersee, Aufhausen, Chieming, Ding, Dingolfing, Ergolding, Freising, Helfendorf, Hochburg am Inn, Ingolstadt, Isen, Langenpreising, Lauterhofen, Linz (?), Mattighofen, Mautern (?), Münsing, Neuching, Oberföhring, Ostermiething, Passau, Pöring, Premberg, Ranshofen, 2 x Regensburg, Reichenhall, Salzburg, Salzburghofen, Traismauer (?), Tulln (?), Velden, Wels, Ybbs (?).

Schon die Fragezeichen Spindlers machen deutlich, wie vage diese Herzogssitze sind. Es geht auch nur selten um Sitze auf Anhöhen oder kleinen Bergen, etwa in Freising, Hochburg oder Salzburg. Trotzdem wird die nur aus Schriftquellen bekannte Pfalz auf dem Salzburger Festungsberg von Lehner als Ausnahme zur Regel erhoben.

Ich werte das als den verzweifelten Versuch, den archäologischen Fakten zu entkommen. Denn die Fundsituation ist bei Karolingern und Agilolfingern ‘brutalstmöglich’, adäquat der zeitgleichen 300-jährigen Menschenleere zwischen Linz und Baden bei Wien. Um einmal mehr daran zu erinnern: In über 2.200 für die Karolingerzeit benannten bayerischen Orten ist nur in 88 Fällen  überhaupt ein der Karolingerzeit zugeschriebener Fund registriert worden [Illig/Anwander 2002, 54, 617, 664]. Mittlerweile bekommt die Mediävistik – wie dem Auditorium nahe gebracht – seit vielen Jahren Forschungsaufträge, um meine Thesen zu widerlegen. Doch an der Fundsituation im Promillebereich hat sich nichts verändert.

Der Archäologe muss einräumen, dass er Probleme hat, kennt aber drei Wege mit ihnen umzugehen. Er könnte – rein theoretisch – meiner These folgen. Er könnte zweitens einen Siedlungshiatus unterstellen und dann versuchen, ihn nachzuweisen. Und drittens könnte er versuchen, besser die Funde zu verstehen, um das bislang Fehlende unter der bereits vorhandenen Fundmenge zu erkennen. Dieser von ihm bevorzugte Weg wirkt außergewöhnlich: Von zahlreichen Epochen hat der Spezialist genügend Befunde, um sie als solche erkennen und stimmig einordnen zu können. Nur aus dem frühen Mittelalter – und anderen dark ages – würde man die Funde noch nicht erkennen.

Dem lässt sich kurz und knapp begegnen. Es gibt nicht viele spätere Burgen, die ältere Pfalzbauten verdecken könnten, weder in Altötting, noch Chieming, Ergolding, Helfendorf, Isen, Münsing, Neuching, Oberföhring etc. etc. Es gab außerdem im Mitteleuropa des 10./11. Jh. zahllose Motten, also von einem Graben umgebene Holzbauten auf einem kleinen Hügel. Sie sind in großer Zahl bekannt, weil auch sie nicht überbaut wurden. Selbst bei Steinburgen finden sich Balken- oder Pfostenlöcher im Fels, die einen vorhergehenden Holzbau belegen, etwa auf dem unterfränkischen Herrenberg, der natürlich kein Agilolfingerbesitz war [Illig/Anwander, 169 f.]. Schließlich lässt sich auch in heute bestehenden Burganlagen vermeintlich Altes finden, etwa die Schlosskapelle von Sulzbach, die in kurzer Zeit von mittlerem 11. über spätes 10. auf frühes 9. Jh. veraltet worden ist [ebd. 354-357].

Demnach wären an vielen Plätzen Pfalzfunde möglich. Insofern ist der archäologische Nicht-Befund bei agilolfingischen Pfalzen eindeutig und unvereinbar mit den Schriftquellen. So musste denn Lehner den Notfallschirm auspacken. Zwar: „Zeug haben wir immer noch wenig“, aber:

„Es gibt da etwas in der Zeit, nur wir sind noch nicht so weit, dass wir das Zeug erkennen. Wir müssen noch Parameter finden, um die Sachkultur wirklich genau datieren zu können und darin sozusagen einen Forschungsauftrag für die Zukunft zu sehen.“

Also Prinzip Hoffnung, verbunden mit der Flucht hin zu Holzhäusern auf steilen Höhen. Bei dieser Haltung wird die Zunft auf weitere Forschungsgelder warten, die ich ihr einspiele, auf dass sich irgendwann ein ‘Parameter’ einstelle, der aus einem Vakuum jene Karolingerzeit aufblühen lässt, die einer Renaissance oder einer Correctio entsprechen müsste. Also Weitermachen um jeden Preis, gegen die kritische Ratio.

Wer so agiert, weiß um seine fehlenden Argumente, weiß, dass seine Position nicht zu verteidigen ist! Als Johannes Fried 1995/96 gegen mich zu Felde zog, lautete der Titel seines Vorabdrucks in der FAZ: „Die Garde stirbt und ergibt sich nicht!“ General Cambronne, von dem dieser Ausspruch stammen soll, überlebte Waterloo trotzdem. Wie sieht es bei Historikern und Archäologen aus: Überlebt das Paradigma die Mediävisten oder überleben sie den Paradigmenwechsel?

Seltsamerweise ging man im Meerscheinschlössl generell davon aus, ich hätte ausschließlich Das erfundene Mittelalter geschrieben (vielleicht noch Wer hat an der Uhr gedreht?). Dem gerade für das archäologische Verständnis geschriebene Buch von Gerhard Anwander und mir – Bayern und die Phantomzeit –, das auch die Evolution der gut erforschten Holzburgen (Motten) des 10.-12. Jh. auf von Hand aufgeworfenen Kuppen behandelt [ebd. 149-156, 169], war bis dahin der Weg nach Graz verwehrt geblieben. Genauso wenig schien bekannt, dass für die meisten dark ages von unserer Seite Neuansätze vorliegen, einschließlich dem mittlerweile viel älter datierten Neolithikum, das Lehner angesprochen hat [vgl. Illig 2010]. Generell widerlegt ist das von Gießauf indirekt bemühte ignoramus et ignorabimus von Emil du Bois-Reymont aus dem Jahr 1872. Auch in der Geschichtswissenschaft gibt es zukunftsweisende Thesen, mit denen die scheinbare Unlösbarkeit zahlreicher Rätsel des Frühmittelalters sofort verschwinden würde.

Die Universität wollte die Podiumsdiskussion verbreiten. Diesem Wunsch wurde mit der schriftlichen Fixierung entsprochen. Trotzdem sollte die Video-Aufzeichnung ins Internet gestellt werden, hat doch das Auditorium die Veranstaltung abschließend ebenso lebhaft wie dankbar beklatscht.

Literatur

Dannheimer, Hermann / Dopsch, Heinz (Hg. 1988): Die Bajuwaren · Von Severin bis Tassilo 488 – 788 · Gemeinsame Landesausstellung des Freistaates Bayern und des Landes Salzburg · Rosenheim/Bayern · Mattsee/Salzburg · 19. Mai bis 6. November 1988; München · Salzburg

eklektisch = http://www.enzyklo.de/Begriff/Eklektisch

Fried, Johannes (2004): Der Schleier der Erinnerung. Grundzüge einer historischen Memorik; München

- (1996): Wissenschaft und Phantasie. Das Beispiel der Geschichte; Historische Zeitschrift Bd 263 (2) 291-316 [Langfassung seiner Rede Die Garde stirbt und ergibt sich nicht. Wissenschaft schafft die Welten, die erforscht: Das Beispiel der Geschichte vor dem Historischen Kolleg, München, am 17. 11. 1995; gekürzt abgedruckt am 03. 04. 1996 in der F.A.Z.]

Illig, Heribert (22010): Geschichte, Mythen, Katastrophen; Gräfelfing

- (2000): Den Mythos erinnern, Karl vergessen; Zeitensprünge 12 (4) 626-638

- (1999): Wer hat an der Uhr gedreht? München

- (1996): Das erfundene Mittelalter; Düsseldorf, dann München und Berlin

Illig, Heribert / Anwander, Gerhard (2002): Bayern und die Phantomzeit · Archäologie widerlegt Urkunden des frühen Mittelalters · Eine systematische Studie in zwei Teilen; Gräfelfing

Mann, Albrecht (1967): Großbauten vorkarlischer Zeit und aus der Epoche von Karl dem Großen bis zu Lothar I.; in Braunfels, Wolfgang / Schnitzler, Hermann (Hg. 1967): Karl der Große · Lebenswerk und Nachleben. Bd 3: Karolingische Kunst, 320; Düsseldorf

Ortega y Gasset, José (1992): Die Schrecken des Jahres eintausend. Kritik an einer Legende; Leipzig (11904)

Spindler, Max (Hg. ²1981): Handbuch der bayerischen Geschichte. Band I: Das Alte Bayern · Von der Frühzeit bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts; München

uni graz = http://www.youtube.com/watch?v=Z5HjNN336VU [ein 3-Minuten-Film über die Diskussion, für die Uni gedreht und von ihr selbst auf Youtube gestellt]

 

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22. Februar 2013                     Kategorie(n): Artikel aus den ZS, Fantomzeit, Zeitensprünge

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Trierische Spätantike

Noch unchristlich oder schon Phantomzeit? (Trier III)

von Karl-Heinz Lewin (überarbeitet aus Zeitensprünge 1/2012)

In „2.000 Jahre Trier – was blieb übrig?“ [L. 2006] zählte ich die Nennungen von Baudaten und Grabungsbefunden in der Denk­mal­topo­­graphie der Trierer Altstadt [STA]. Funde, die dem 7. bis 9. Jh. zugeschrieben wurden, sind äußerst rar.

Fortschreibung der Baudatennennungen

Ende 2010 konnte ich endlich den zweiten Band der Trierer Denk­mal­topo­graphie [STS] erwerben, der den übrigen Teil des heutigen Stadt­kreises Trier behandelt, in dem sich zwei Drittel des ehemaligen römischen Stadtgebietes befanden. Doppelnennungen ignorierte ich nur dann, wenn sie unmittelbar hintereinander standen, und urkundliche Nennungen erfasste ich genauso wie solche, die durch Münzfunde oder dendro­chronologisch datiert wurden oder bei denen die zu Grunde liegende Datierungs­methode nicht erkennbar war. Das Ergebnis beider Auswertungen ist in dem abgebil­deten Diagramm wiedergegeben.

lewin_t3_diag01

Kritische Fragen

In dem abgebildeten Diagramm fällt auf:

  1. Die bereits [L. 2006, 487] im Ver­gleich zu 2., 4. und 6. Jh. konstatierte „Armut“ des 3. und 5. Jh.; das 5. Jh. war das Jh. der Franken- und Alamannen- und möglicherweise auch der Hunneneinfälle, für das 3. Jh. bedarf es noch einer Erklärung.
  2. Die ebenfalls bereits [L. 2006, 487] konstatierte zunehmende Fund­armut vom 7. bis zum 9. Jh.
  3. In den gegenüber der (mittelalterlichen) Altstadt wesentlich um­fang­­­reicheren Gebieten der Stadterweiterungen und Ein­ge­mein­dun­gen (27 von 28 Stadtbezirken) gab es auch Anfang des Hochmittelalters kaum nennenswerte bauliche oder sonstige archäologisch relevante Aktivitäten.

Michael Meisegeier [2010, 614] sieht die Zeit nach dem Toleranzedikt als zu früh für große Kirchenbauten. Demnach könne auch die konstantinische Doppel­basilika noch keine „Doppelkirche“ gewesen sein, sondern müsse eine kaiserliche Palastanlage gewesen sein [Meisegeier 2011, 567]. Ich halte dies für plausibel. Da es keinen Beleg für eine Fertigstellung und Nutzung dieses Baukomplexes gibt, lässt sich nicht mehr feststellen, ob er als Kirchenkomplex oder als Palastanlage geplant gewesen war. Für die Frage der Bauzeit ist dies unerheblich, die Frage der Christianisierung muss mit anderen Befunden beantwortet werden. Meisegeier [2011, 563] sieht die Christia­nisierung des Frankenreichs „offensichtlich erst ab Mitte des 10. Jh.“. Im Gegen­satz zu ihm gehe ich davon aus, dass spätestens kurz nach der Dekla­ration des Christentums als Staatsreligion unter Theodosius, also bis gegen Ende des 4. Jh., das Christentum in Gallien verbreitet war und dort Kirchen gebaut wurden, denn zu Justinians Zeiten war Gallien bereits fränkisch, und unter der Voraussetzung einer Phantomzeit bliebe andern­falls für die Christianisierung ganz Galliens bis zur Mitte des 10. Jh. zu wenig Zeit.

Gunnar Heinsohn [2011] fragt: „Ist die Spätantike eine Phantomzeit?“ Nach­dem er ausdrücklich auf Trier (Barbarathermen, Kaiser­thermen, Porta Nigra) verwiesen hat, beantwortet er die Frage positiv: „Archäologisch gibt es für die Periode |0|–600 mithin nur die Jahre |0|–300“ [453].

Ich untersuche im folgenden Text die dokumentierte Trierer Fundsituation im Hinblick auf diese Fragen.

Ausgewählte Baudenkmäler und Grabungsbefunde

Zur Orientierung gibt die folgende Tabelle eine Auswahl von Baudenkmälern und Grabungsbefunden Triers mit herkömmlicher archäologischer Datierung bis um 600. Die Auswahl enthält die Bauten, die heute noch das Stadtbild bestimmen, deren Reste noch teilweise zugänglich sind, und einigermaßen eindeutig datierte Befunde. Auch manchen vagen Befund habe ich zwecks Vervollständigung des Überblicks aufgenommen. In Fettschrift: heute noch oberirdisch deutlich sichtbare Bauten, Baureste oder Bau­bestand­teile; fett kursiv: Baureste oder Bau­bestand­teile, die in situ über einen besonderen Zugang zu besich­tigen sind, teilweise nur nach vorheriger Anmeldung; kursiv: Hinweise auf Hölzer und Mün­zen, die zur Datierung herangezogen wurden.

Datierung

Befund

Quelle

–122

Holzpfähle für Ufersteg oder Bockbrücke

[STA 14]

–121

frühe Wohnbauten Südallee, Holzpfosten

[STA 14]

–97

spätlatènezeitliche Burg in Ehrang

[STS 233]

–30

Wachtposten / Militärlager auf dem Petrisberg

[H. 40]

–17

erste Pfahljochbrücke über die Mosel

[H. 44 f.; 120]

30 – 40

Fachwerkhäuser Westteil Viehmarktthermen

[K. 224 f.]

~50

erste Schotterdecke des inneren Straßennetzes

[K. 24]

um 50

Töpfereien im Süden des Stadtgebiets

[STA 16]

50 – 70

Steinbauten Westteil Viehmarktthermen

[K. 225]

66 – 100

Kryptoportiken, Curie und Basilika am Forum

[STA 14]

70 – 80

Forum

[K. 23]

71

Reparatur der Moselbrücke, Pfeiler aus Kalksteinquadern auf eingerammtem Pfahlrost

[H. 120]

75 – 100

Thermen am Cardo

[STA 14]

~ 100

Tempelbezirk am Altbachtal

[STA 16]

~ 100

Tempel am Herrenbrünnchen

[STA 16]

Anf. 2.Jh.

erste Steinbauphase im Lenus-Mars-Tempel am Irrbach / Irminenwingert

[H. 183]

1. H. 2. Jh.

Gebäude der Viehmarktthermen (noch nicht als Thermen genutzt)

[K. 229]

111

Quellfassung 3 der Römersprudel-Quelle im Süden von Feyen, bis ins 20. Jh. als Heilquelle genutzt

[NE 12]

141

Quellfassung 4 der Römersprudel-Quelle

[NE 12]

144, 152, 157

Spundwände für Pfeiler der Römerbrücke, die direkt im felsigen Flussbett gegründet sind (steinerne Brücken­bögen erst 1343-47)

[H. 120]

[K. 160-163]

[STA 16]

~150

Barbarathermen

[H. 114]

2. Jh.

Theater im Tempelbezirk am Altbachtal

[H. 186]

2. H. 2. Jh.

Fußbodenmosaik aus Villa an Olewiger Straße

[STS 114]

2. H. 2. Jh.

Aufschüttung des Sumpfgeländes im NW der römischen Stadt

[K. 144 f.]

2. H. 2. Jh.

Erhöhung der Brückenpfeiler um 5 Steinlagen (2 m)

[H. 120]

154 – 158

Fangdämme für Türme am Brückenkopf

[STA 16]

160 – 196/7

Stadtmauer, Porta Media, Porta Nigra

[STA 90-94]

> 183

Keller in der Frauenstraße, münzdatiert

[K. 66 f.]

166 – 200

Amphitheater, keramikdatiert

[GW 58]

Ende 2.Jh.

Lenus-Mars-Tempel am Irrbach / Irminenwingert

[K. 215]

2. / 3. Jh.

Franzensknüppchen, römischer Grabhügel auf dem Petrisberg

[STS 114]

2. – 3. Jh.

Vicus Voclannionum westl. der Moselbrücke

[K. 36]

1. H. 3. Jh.

Igeler Säule (Grabdenkmal in Pfeilerform)

[H. 149; 198]

Mitte 3. Jh.

Mithräum im Tempelbezirk am Altbachtal

[H. 186]

260

Palast des Victorinus

[RL 94-96]

2. H. 3. Jh.

Grabkammer auf dem Reichertsberg

[STS 188]

~270

Albanagruft

[H. 282 f.]

294

Balken der Bühnenmaschinerie im Amphitheater

[K. 96 f.]

Ende 3. Jh.

Arenakellerunter Amphitheater

[K. 28]

275 – 326

palastartige Wohnanlage unter der östlichen Dom-Vierung

[STA 96]

3. – 4. Jh.

Friedhof in Olewig

[STS 114]

3. – 4. Jh.

Sarkophagbestattungen auf südl. Gräberfeldern

[STS 125]

3. – 4. Jh.

Grabkammer auf dem Westfriedhof

[STS 160]

< 300

Baubeginn Kaiserthermen

[STA 16; 80]

~300

Südl. Umfassungsmauer der Horrea (St. Irminen)

[K. 173]

305 – 311

Ziegelbau der Palastaula (Vorgängerbau der heutigen Basilika) mit Hypocaust-Heizung

[H. 276]

[STA 16; 160]

315 – 326

SO-Basilika (unter Liebfrauen)

[Ronig, Tab.]

326 – ~340

NO-Basilika (unter Dom)

[Ronig, Tab.]

~330

Horrea Getreidespeicher (St. Irminen/Oeren)

[STA 122]

~350

Porta Alba

[STS 295]

~350

Palatiolum/Palacium in Pfalzel

[K. 240]

Mitte 4. Jh.

Coemeterialbau unter St. Maximin

[K. 195 f.]

Mitte 4. Jh.

Umbau der Kaiserthermen in Kaserne

[GW 126]

4. Jh.

Skelettgräber in Steinsarkophagen unter der Moltkestraße

[STS 86]

4. Jh.

Reparaturen am Amphitheater

[STS 116]

4. Jh.

Villenanlage in Euren, Mauerzüge und Fußbodenmosaike, unter Pfarrkirche St. Helena

[STS 268-271]

364 – ~380

Quadratbau(Dom)

[Ronig, Tab.]

386 – 398

Marienkirche unter St.Paulin

[STS 36]

Ende 4. Jh.

Erweiterung Coemeterialbau unter St. Maximin

[K. 196]

< 400

Nutzung Viehmarktthermen

[K. 26 f.]

~400

Heiligkreuzkirche am Moselufer

[STA 19]

~450

Kirche des Cyrillus unter St. Matthias

[STS 134]

5. Jh.

Umbau des Amphitheaters zur Ringburg

[H. 112]

~550

Restaurierung Dom (Nicetius), Gründung St. Germanus

[STA 19]

6. Jh.

Kloster St. Maria (ad Martyres) / St. Mergen über den Resten einer römischen Villa suburbana

[STS 22]

6. Jh.

St. Medard

[STS 144]

Die Lage wichtiger Bauwerke zeigt der Stadtplan [wiki/Augusta Trvevrorum].

Exkurs zur Datierung

Die Trierer Archäologen verwenden verschiedene Arten der Datierung.

  1. Grob-Datierung: Zunächst muss natürlich an Hand des Baustils der ungefähre Zeitraum der Entstehung abgeschätzt werden.
  2. Historiographische Datierung: Wird auf einem Grabstein oder in einer Weihinschrift oder dergleichen der Name eines Herrschers oder kirchlichen Würdenträgers gefunden, dann wird dessen Amtszeit aus einem Geschichtswerk entnommen.
  3. Urkundliche Datierung: Wird in einer Urkunde ein Bauwerk erwähnt und auf einen Herrscher oder kirchlichen Würdenträger (z.B. eines Bischofs) bezogen, dann wird dieser historiographisch datiert; diese Datierung dient dann entsprechend den Angaben der Urkunde zur Datierung des Bauwerks. Auf diese Weise gewonnene Daten wurden in das Diagramm am Anfang dieses Artikels über­nommen. Im Text dieses Artikels kommen sie nur für 5. und 6. Jh. vor.
  4. Münzdatierung: Wird in einer Grabung in einem ungestörten Kontext eine Münze gefunden, dann kann das darüber liegende Material nur aus einer Zeit nach dem frühesten Prägungszeitpunkt der Münze stammen, und das darunter liegende Material kann nicht jünger sein als der späteste Umlaufzeitpunkt der Münze. Der früheste Prägungs­zeitpunkt und der späteste Umlaufzeitpunkt der Münze werden historiographisch bestimmt. Hierfür gibt es gesonderte Münzkataloge. „Hauptprägestätte war Rom, jedenfalls für den Westen des Reiches“ [H. 158], in der Spätantike wurde auch in Trier geprägt (s. u.).
  5. Dendrochronologische Datierung: Alle auf Holzresten beruhenden Datie­rungen im Trierer Gebiet wurden dendrochronologisch bestimmt. Hierzu verwenden die Archäologen des Rheinischen Landesmuseums in Trier (im Folgenden kurz „Landes­museum“) durchgängig die von Ernst Holl­stein aufgebaute und vom Dendro­chrono­logischen Forschungslabor des Landesmuseums fort­ge­führte „Mittel­euro­päische Eichenchronologie“ [Tafel im Landesmuseum], Hinweise dazu auch in [NE 6]. Sogar verkohlte Feuer­hölzer aus der Fund­stätte des römischen Militärlagers auf dem Petrisberg konnten „trotz ihrer geringen Größe“ von wenigen Zenti­me­tern „sicher in das Jahr 30 v. Chr. datiert werden“ [NE 13].
  6. Münzengestützte dendrochronologische Datierung: Der römische und spätantike Teil der Dendrochronologie ist zusätzlich durch Münzen abgesichert: Eine Münze auf einem Holz oder in einem Holz datiert das Holz. Umgekehrt kann eine Münze nicht in ein Holz geraten sein, bevor dieses gewachsen war. Mit genügend vorliegenden Exemplaren stützen sich die Datierungen von Münzen und Hölzern gegenseitig für mehrere Jahrhunderte [Tafel im Landesmuseum] – selbst dann, wenn die Grenzen nach oben (Richtung Phantomzeit) nebulös werden.
  7. Keramikdatierung: Die sonst in der Archäologie meist als „Leitfossilien“ herangezogenen Keramik­­befunde werden für das römerzeitliche Trier selten für die Datierung angegeben. Erst in der nachrömischen (fränkisch-mero­win­gi­schen) Zeit gewinnen Keramik­funde für die Datierung an Bedeutung. Heinen klassifiziert: Bis Mitte des 1. Jh. findet man nur Importware, dann beginnt die lokale Keramik­produktion in Trier, die sog. Belgische Ware, ab etwa 130 wird auch die feinere Terra sigillata lokal hergestellt, seit Ende des 2. Jh. „begegnen uns schwarzgefirnißte Becher mit Bar­bo­tine­verzierung“, die nun auch exportiert werden, seit Mitte des 3. Jh. „treten die bekannten Spruchbecher auf“, mit Sprüchen auf dem Becherboden, die der Trinker erst beim Leeren erblickt, wie „ama me amica“ (liebe mich, Freundin!); „Glasgefäße sind erst im 4. Jh. in Trier hergestellt worden“ [alle Zitate in diesem Absatz: H. 156]. „Dagegen war in Trier wie im Trevererland mit der Krise des 3. Jh. die Produktion von reliefverzierter Keramik zusammengebrochen. Man lieferte, soweit die Herstellung im 4. Jh. überhaupt wieder aufgenommen wurde, zunehmend verrohte und plumpe Keramik. [...] vor allem schlichte, dunkelbraune bis schwarze Gefäße [...] Eine Ausnahme bilden die in Trier bereits früher und auch im 4. Jh. noch produzierten Barbotinegefäße mit ihrem orna­men­talen Schmuck, Reliefappliken und ermunternden Aufschriften“ [H. 306].

Jahrgenaue Datierungen in der obigen Tabelle sind entweder Münz­datie­rungen oder dendrochronologische Datie­rungen von Hölzern aus der Eifel oder aus dem Hunsrück. Selbst bei Hinweisen auf verkohltes Holz fand ich in keiner mir zugänglichen Literatur zu Trierer Ausgrabungen irgendein Indiz für eine Radiokarbon-Datierung.

Zur Münzdatierung liefert Trier drei wichtige Hinweise:

Goldschatz von Trier (Feldstraße): Ca. 2570 Goldmünzen, „der um­fang­reichste Aureusschatz der römischen Kaiserzeit“, enthält Goldmünzen von Nero bis Lucius Verus (63/64–167) und von Didius Julianus bis Septimius Severus (193–211) [G. 13-18], von jedem der für die genannten Zeitspannen zuständigen Herrscher, von letzterem und seiner Gemahlin Julia Domna aber nur Prägungen bis 196. Daher wird vermutet, dass der Schatz wegen der Wirren des Aufstandes des Clodius Albinus gegen Septimius Severus, in deren Folge auch Trier belagert wurde, 196/97 vergraben wurde, und dass der Besitzer diese Zeit des Aufstandes nicht überlebte [G. 18; K. 153]. Der Aufstand dient auch der Datierung der Porta Nigra.

Schatzfund von Neubieber: 1942 Silbermünzen (Denare) und ein Antoninian (= 1 ½ Denar) aus der Zeit von Antoninus Pius bis Maximinus Thrax (138–238) [G. 18 f.].

Die römische Münzstätte in Trier: Unter den Kaisern des Gallischen Sonderreiches (260–274) sollen ab 269 Aurelius Marius, Victorinus und Tetricus in Trier Münzen haben prägen lassen. Wegen fehlender Emissions­zeichen ist nicht geklärt, welche Münzen in Trier geschlagen wurden. Ob die schriftlich bezeugte Münzstätte existiert hat [G. 28 f.], ist nicht sicher [H. 92]. Allerdings sollen „Prägungen der Trierer Münzstätte für Aurelian“ [H. 212] aus dem Jahr 275 existieren. 293/94,

„nachdem der zum Caesar der westlichen Reichsteile erhobene Constantius Chlorus Trier zu seiner Residenz gewählt hatte, [wurde] in Trier die Prägetätigkeit wieder auf­ge­nom­men“ [G. 26].

Zeitweilig gab es zwei oder drei Münzstätten in Trier, die die von ihnen geprägten Münzen mit wechselnden Münzstättenzeichen versahen: PT, STR,  TR, TRP, TRS, u. a. [G. 31-35].

„Mit Ausnahme des Jovianus (363–364) sind alle vom späten 3. Jh. bis zur Mitte des 5. Jh. n. Chr. im Westteil des Reiches respektive der [!] in Gallien herr­schenden Kaiser und Usurpatoren auf Trierer Prägungen über­­liefert“ [G. 35].

Damit sind die schriftlichen Berichte, die diesen Männern eine Herrschaft über Gallien zuschreiben, zumindest in diesem Punkt bestätigt. Die auf­ge­fun­de­nen Münzen überdecken die Zeiträume von Diocletian (293–305) bis Gallus (353–355), Julian (360–361), Valentinian I. (366–375) bis Eugenius (394), Constantinus III. (407) bis Valentinian III. (425–455) [G. 36-38], wobei das „Ende der regulären Münz­prägung um 440“ [G. 43] oder „ca. 445“ [H. 239] angesetzt wird. Von 355 bis 367 war die Münzprägung unterbrochen [G. 33; H. 311; K. 57].

„Wir kennen allerdings für Julianus als Augustus eine Gold- und zwei Silber­emissionen mit ‚Trierer Münzstättenzeichen’, wobei aber zu fragen ist, ob diese tatsächlich im Trierer Münzamt oder nicht von einer mobilen Münzstätte [...] geschlagen wurden“,

zumal für den gesamten Zeitraum der Unter­brechung keine Trierer Bronzeprägungen belegt sind [H. 237]. Ob die Gegenkaiser von Constantinus III. (407–411) bis Ioannes (423–425) in Trier prägen ließen oder „Münz­meister und Münzmaterial mit sich führten“ [H. 368], sei dahin gestellt. „Constantinus III. prägte sogar Münzen auf den Namen des Honorius, gegen den er sich doch erhoben hatte“, möglicherweise, „um seine Anerkennung seitens der Zentralregierung [...] vorzutäuschen“ [ebd.].

Die danach folgenden Prägungen von Theodosius II. und Valentinian III. (nur Silber, keine Bronze) wurden möglicherweise wieder in Trier selbst geprägt, da sie dort auch gefunden wurden.

„Wahrscheinlich war es in Trier, im Frühjahr 310, wo Konstantin der Große zum ersten Male den solidus, die neue Goldmünze der Spätantike, prägen ließ. [...]

Einen Begriff vom Ausstoß der Trierer Münzstätte und der weiten Zirkulation ihrer Gepräge vermittelt die Feststellung, daß in den Münzfunden der gallischen, germanischen und britannischen Provinzen die Trierer Emissionen mit 60 Prozent den Löwenanteil stellen“ [H. 311].

Auch die im Keller des Amphitheaters „geborgenen 1200 Münzen gehören fast ausschließlich dem 3. und 4. Jh. n. Chr. an“ [K. 97].

Die kleinen Lücken ignorierend kann man den Zeitraum der Trierer Münz­prägung auf die Jahre 293–440 ansetzen. Die beiden Schatzfunde über­decken überlappend die Jahre 63–238. Da beide Schatzfunde keine einzige der in Trier geprägten Münzen enthalten, ist die Vermutung durchaus nahe­liegend, dass die beiden Zeiträume disjunkt sind.

Die Münzfunde enthalten keine im Osten des Reiches geprägten Münzen. Soweit nach Münzen datiert wurde, stammen diese bis 269 aus Rom oder Lyon (Lugdunum), danach aus Trier, Lyon oder Arles (Arelate), dann ab 375 aus Trier, Arles oder Mailand (Mediolanum). Etwa 70 % der in Trier gefun­denen Münzen der Spätantike wurden „in der Trierer Münzstätte geschlagen“ [G. 21].

Bauten des 1. Jahrhunderts

Aus der Einstufung der Augusta Treverorum durch den Geographen Pomponius Mela als eine der „urbes opulentissimae“ Galliens in den 40er Jahren des 1. Jh., also eine der reichsten oder auch bedeutendsten Städte Galliens [H. 52], folgert Heinen [53], Trier müsse „bereits in augusteischer Zeit eine Substanz an öffentlichen und privaten Gebäuden gehabt haben“. Erste Reste römischer Wohnbebauung werden in die erste Hälfte des 1. Jh. datiert, meist bei Grabungen unter den späteren öffentlichen Bauten, die heute noch stehen; aber diese Angabe bleibt zu vage, um die Gebäude mit Bestimmtheit in die Zeit des Augustus setzen zu können. Nachweisbare öffentliche Bau­werke entstehen erst ab der zweiten Hälfte des 1. Jh. Heinen [179] stellt fest, „daß die große Umbruchphase von der keltischen zur gallo-römischen Kultur der Treverer, also die Zeit zwischen Caesar und dem Ende des 1. Jh. n. Chr., nur sehr wenige Zeugnisse aufweist.“

Basilika: Unter der Basilika „Reste von zwei Wohn-Insulae beiderseits einer Nord-Süd-Straße“ [K. 141].

Frauenstraße: Peristylhaus mit Zierbecken im Garten, außerhalb des Straßen­rasters der Gründungszeit, Ende 1. Jh. [RL 37, Abb. 7].

Grabung Fleischstraße/Metzelstraße: Das Gelände lag am Rande eines verlandeten Altarmes der Mosel und wurde in flavischer Zeit (69–96) ‚urban erschlossen’. „Das Gelände wurde nach Osten terrassiert und zur [Straße E] mit einer Mauer abgefangen.“ Auf der Mauer erhoben sich Pfeiler einer den Wohnhäusern vorgelagerten Galerie, die den Bürgersteig überdachte. „Das Lauf­niveau lag nahezu 1,50 m höher als das der Straße. [...] Die gegen­über­liegende westliche Bebauung befand sich dagegen auf gleicher Höhe mit der Straße“ [Breitner, 82]. Diese Häuser enthielten Räume mit Kies- oder Stampf­lehm­böden, die handwerklich oder gewerblich genutzt wurden, und Wohn­räume mit Estrichen. Westlich davon zur Straße D luxuriöse Peristyl­häuser, vermutlich mehrgeschossig, die in den folgenden Jahrhunderten nicht über­baut, sondern mehrfach reno­viert wurden. Wandmalereien des ausgehenden 1. Jh. blieben teilweise erhalten, andere wurden mehrlagig übermalt [ebd. 83 f.].

Kaiserthermen: Unter dem Westteil der Kaiserthermen „als älteste Spuren Reste von Holzhäusern, Vorratsgruben, Keller und Wasserbecken“ aus der Zeit vor Mitte des 1. Jh. wegen Abweichung vom späteren Straßenraster [K. 123].

St. Irminen: Ab 1. Hälfte des 1. Jh. sind „einzelne frei stehende Fach­werk­häuser mit Holz- und Estrichböden sowie bemalten Innenwänden“ nachgewie­sen [K. 166].

Victorinuspalast: Unter dem Baugrund des Stadttheaters frühe Wohn­be­bau­ung des 1. Jh. [RL 94].

Viehmarktthermen: „Die Häuser der Gründungszeit haben kaum Spuren hinterlassen, da in den dreißiger Jahren [des 1. Jh.] gründlich saniert wurde“ [GW 106], lediglich einige Pfostenlöcher sind nachgewiesen [RL 86]. Es entstanden zunächst Fachwerkhäuser mit lehmverputzten Innenwänden, auf deren Resten „qualitätsvolle Wandmalereien“ erhalten blieben, die heute im Landesmuseum zu bewundern sind. In der Legende einer Abbildung [RL 36, Abb. 4] wird die restaurierte Wandmalerei ins 1. Viertel des 1. Jh. datiert. Eine Generation später wurden die Mauern umgestürzt und Steinhäuser errichtet.

Bauten des 2. Jahrhunderts

Amphitheater: „Die Scherben aus den Schichten unter dem ältesten Laufhorizont reichen bis in das späte 2. Jh. n. Chr., so dass die heute sichtbare Anlage nicht vor diesem Zeitraum entstanden sein kann“ [K. 101]. „Auch der nachträgliche Bau der Stadtmauer auf dem westlichen Zuschauerraum lässt sich innerhalb dieser Schichtenfolge ablesen und ist entsprechend spät zu datieren“ [ebd.]. Neuere Werke bringen „2. Hälfte“ [RL 97] und „letztes Drittel“ [GW 58] des 2. Jh., beide mit Verweisen auf „bei neueren Grabungen (1977–1979)“ gefundene Keramik.

Barbarathermen: „Die Barbarathermen wurden in der zweiten Hälfte des 2. Jh. unter der Herrschaft der antoninischen Kaiser errichtet“ [K. 103]. Der „größte römische Thermenbau nördlich der Alpen“ [K. 103] umfasste „ein Gebiet von vier römischen Wohnblocks (insulae)“ [K. 103, Kursive im Original]. Andere datieren „um die Mitte“ [H. 114] oder „vor der Mitte“ [RL 84] des 2. Jh.

Basilika: Unter der Basilika „ein palastartiges Gebäude mit einem Apsiden­saal“ über der Straße des 1. Jh. und in der Achse der späteren Palastaula. Goethert sieht darin den Palast des kaiserlichen Legaten; die steinernen Reste können unter der Basilika besichtigt werden [GW 152-154].

Dom/Liebfrauen: „Älteste Befunde sind bisher die Rotsandsteinmauern römischer Häuser aus dem 2. Jh.“ [RL 64]

Frauenstraße: Hier wurde ein Keller ausgegraben, in dem mehrere Perioden und Bauphasen identifiziert werden konnten. In der zweiten Phase von Periode 2 wurde der Fußboden um etwa 35 cm erhöht, und in der Nordost- und Südostecke wurden je ein Bauopfer deponiert, von den eines „ein abgegriffenes As des Commodus von 183“ enthielt [K. 66 f.].

Grabung Fleischstraße/Metzelstraße: „Die [Straße E] wurde bis zu 2 m angehoben“ [Breitner, 85]. Die auf der Westseite liegenden Wohn- und Geschäfts­häuser mit kleinen Räumen wurden durch höher gelegene Häuser mit größeren Räumen ersetzt, wobei einige der älteren Mauern weiter genutzt wurden. Das Mauerwerk blieb bis in eine Höhe von 2,50 m erhalten. Der Bürgersteig lag nun auf gleicher Höhe wie der auf der Ostseite und wurde ebenfalls mit einer von Pfeilern getragenen Laubengalerie überdacht [ebd. 85 f.].

Kaiserthermen: Unter dem Westteil der Kaiserthermen Reste zweier großer Stadtvillen und ihrer zwei weiteren Neubauphasen bis Mitte 3. Jh.

Viehmarktthermen: In der 1. Hälfte [RL 86] oder noch vor Mitte des 2. Jh. [GW 107] wurden die Wohnbauten des 1. Jh. einplaniert und durch ein monu­men­tales Gebäude unbekannter Funktion und Nutzung ersetzt. Datie­rung ursprünglich ins 1. Jh. [STA 82] oder um 80, dann eher in die 1 Hälfte des 2. Jh. [K. 228 f.] Die nachgewiesenen Heiz­ein­rich­tungen und Wasser­ab­lei­tungs­­kanäle, die für eine Thermenanlage sprachen, wurden erst nachträglich eingebaut [K. 226]. Die Gestaltung des Bauwerks weist Über­ein­stim­mun­gen mit Thermenanlagen auf und wirft die Frage auf, „ob sich die Planer des Trierer Repräsentationsbaus von diesen Thermen­anlagen anregen ließen“ [K. 227].

Abb. 1: Thermen am Viehmarkt während der Grabungsarbeiten, Blick aus westlicher Richtung [STA 83], links und unten die unter die Thermengebäude reichenden überbauten Wohnhäuser des 1. Jh.

Abb. 1: Thermen am Viehmarkt während der Grabungsarbeiten, Blick aus westlicher Richtung (STA 83), links und unten die unter die Thermengebäude reichenden überbauten Wohnhäuser des 1. Jh.

Bauten des 3. Jahrhunderts

Basilika: Im späten 3. Jh. (bei Frankeneinfällen um 275?) „scheint dieser [unter der Basilika gefundene] Palast zerstört und nach anderem Grund­riss­muster wieder aufgebaut worden zu sein“ [K. 141].

Dom/Liebfrauen: „In den tiefsten Schichten“ unter dem Dom „Spuren eines vornehmen römischen Wohnquartiers“ des 2. und 3. Jh. [K. 116].

Kaiserthermen: In den beiden Stadtvillen unter den Kaiserthermen gibt es zwei weitere Neubauphasen bis Mitte 3. Jh., der prächtige „Mosaikboden mit dem Gespann des Rennfahrers Polydus“ (~250) liegt jetzt im Landesmuseum [H. 117; 278].

Victorinuspalast: Unter dem Baugrund des Stadttheaters lag über früher Wohnbebauung des 1. Jh. ein weiträumig angelegtes Peristylhaus des 3. Jh. Es enthielt einen Mosaikboden (heute im Landesmuseum) mit einer Inschrift des Prätorianer-Tribuns Marcus Pia(v)onius Victorinus, des späteren Kaisers (269–271) des Gallischen Sonderreiches, daher datiert um 260 [RL 94-96].

Abb. 2: „Mosaikboden mit Inschrift des Prätorianer-Tribuns M. Piaonius Victorinus. Um 260 n. Chr.“ [RL 95, Abb. 8g]

Abb. 2: „Mosaikboden mit Inschrift des Prätorianer-Tribuns M. Piaonius Victorinus. Um 260 n. Chr.“ (RL 95, Abb. 8g)

Südliches Gräberfeld: „Unter den Sarkophagen wurde der Rest eines Kalksteinfundamentes dokumentiert, der von einem Grabpfeiler herrühren dürfte. Gemeinsam mit zahlreichen Werkstücken ehemaliger Grabbauten des 1.–3. Jh., die sich in den Einfüllungen zwischen den Bestattungen fanden bzw. als Grabeinfassungen einer erneuten Nutzung zugeführt worden waren, verweisen sie [!] auf Monumente einer Gräberstraße, die wohl ausgangs des 3. Jh. abgebaut wurden“ [K. 179].

„In einem Sarkophag fanden sich zwei Folles des Maximianus sowie Constantius Chlorus, die in den Jahren 294 bzw. 296/97 geprägt worden waren.“ [K. 180]

Vom 1. bis zum 3. Jh. wurden „über 120 Brandgräber“ nachgewiesen [H. 120]. „In der ersten Zeit der Belegung – vom ausgehenden ersten Jh. v. Chr. bis ins 3. nachchristliche Jh. – herrschen Brandbestattungen vor“ [K. 181; 190]. Körperbestattungen beginnen im 2. Jh. und setzen sich vollends im 3. Jh. durch, sind also noch nicht unbedingt christlich, andererseits gibt es auch im 4. Jh. noch Brandbestattungen [H. 200], „Körper­be­stat­tun­gen in verschiedener Form mit zum Teil reichen Grabbeigaben lassen sich dem 3.– 5. Jh. zuwei­sen“ [K. 181; 190].

Warum gibt es so wenige Baudenkmäler des 3. Jahrhunderts?

„In den Wirren der zweiten Hälfte des 3. Jh. wurden die meisten vici und Villen unseres Raumes ein Opfer furchtbarer Zerstörungen. Viele Anwesen, vor allem in den abseitigeren Lagen, wurden danach nicht wieder aufgebaut. Der größte Anteil dieses Verwüstungswerkes geht wohl auf das Konto der Germaneneinfälle, besonders um 275/76. Doch auch die Aufstände der ländlichen Unterschichten (Bagauden [...]) und die militärischen Aus­ein­ander­setzungen um das Gallische Sonderreich [...] haben gewiß zu diesem Nieder­gang beigetragen.“ [H. 141]

„Erstaunlicher ist jedoch, daß um die Mitte des 3. Jh. auch die Bronze­emissionen Roms im wesentlichen nur noch in Italien und Africa zirkulieren, während die gallischen, germanischen und britannischen Provinzen weit­gehend außerhalb dieses Umlaufes bleiben. Vielleicht darf man diesen Befund mit den Krisen dieser Jahrzehnte und mit einer Verringerung des Fernhandels in Verbindung bringen. Den Höhepunkt der allgemeinen, aber auch der mone­tä­ren Krise leiten die Jahre um 259/60 ein.“ [H. 159]

„Von den Villen des Umlandes sind zahlreiche gebrandschatzt und danach nicht wieder aufgebaut worden.“ [H. 213]

Innerhalb der Stadtmauern Triers wurde aber nur für den Palast unter der Palastaula eine Zerstörung um diese Zeit herum (und ein baldiger Wieder­aufbau) festgestellt, so dass diese Zerstörung sicher nicht in die Stadt ein­fal­len­den Germanenhorden angelastet werden kann, sondern andere Ursachen haben muss. Leider werden wir nicht über die Art und das Ausmaß der Zerstörung unterrichtet.

Gerade aus der Zeit vor und nach den für das Umland so verheerenden Ein­fällen von Germanen und Aufständen im Umland sind aus der Stadt einige überzeugende Beispiele von Bauten archäologisch bezeugt. Diese Zeit ist auch besonders reich an wunderschönen Mosaikböden, von denen viele dank einer Über­bauung im 4. Jh. auch gut erhalten sind. Das Landesmuseum hat zur Ausstellung dieser Böden eigens einen Mosaikensaal geschaffen. Dagegen frappiert das Fehlen an Bauwerken aus der ersten Hälfte des 3. Jh., das weder die Archäologen des Landesmuseums bemerken, noch den Histori­kern der Universität Trier auffällt. Dies ist die Zeit der Severer und der frühen Soldatenkaiser. Möglicherweise gibt es hier bislang unbekannte Parallelitäten, vielleicht handelt es sich aber auch um eine Trierer Besonder­heit, deren Ursache noch einer Klärung bedarf.

Bauten um die Wende vom 3. zum 4. Jahrhundert

Dom/Liebfrauen: 275–326 palastartige Wohnanlage unter der östlichen Dom-Vierung [STA 96]. Die Kas­set­tendecke eines Prunksaals mit „qualitäts­vollen Fresken“ mit Eroten, Philosophen und „vier mit Nimbus geschmückten Damen“ [H. 269-275; K. 47-49], also vermutlich Damen des vorchristlichen Kaiserhauses, wurde aus dem Schutt geborgen und restauriert und ist im Bischöflichen Dom- und Diözesan­museum Trier (im Folgenden kurz „Dom­museum“) zu bewundern.

„Im Bereich des Gartens der Kurie von der Leyen entstand gegen Ende des 3. Jh. n. Chr. in einem dieser römischen Wohnhäuser [...] ein von Ost nach West gerichteter kleiner Saal (10 × 5,80 m) mit einer nach Westen angebauten Apsis.“ [RL 64; ähnlich GW 182]

St. Irminen: „Hinsichtlich einer zeitlichen Einordnung der Speicheranlagen von großer Bedeutung ist die Tatsache, dass die südliche Umfassungsmauer einen älteren, wohl privaten Wohnkomplex mit zwei Kelleranlagen und einem hypocaustum überbaut, der nach Aussage zahlreicher Münzfunde im letzten Drittel des 3. Jh. aufgelassen wurde“ [K. 172; Kursive im Original]. „Der nach­gewiesene südliche Abschnitt der Umfassung wurde in den Jahrzehnten um die Wende zum 4. Jh. errichtet“ [K. 173].

Kaiserthermen: Ende 3. Jh. wurde über einplanierten Wohnquartieren des 1./2. Jh. und einem Bad ein großes Thermengebäude errichtet [STA 80]. Funde aus dem Gebäude mit dem Mosaikboden des Polydus bis 2. Hälfte des 3. Jh. „datieren so das Projekt der gewaltigen Thermenanlage in die Zeit nach den Wirren des gallischen Sonderreiches“, eher nach 294 [K. 123 f.].

In den (geplanten) Massageräumen Fußbodenheizung und Verkleidung der Wände mit Hohlziegeln zwecks Wärmedämmung [K. 127] Die technische Aus­stattung mit Bewässerung, Heizung, Entwässerung einschließlich Dach­ent­wässerung ist auf der Höhe der Zeit, „im Vergleich zu den Barbarathermen noch weiter fortgeschritten und großzügiger durchdacht“ [K. 128].

Das Kellergeschoss wurde im Rohbau vollendet, im Osten ist der Bau bis über die erste Fensterreihe hinaus gediehen, dann aber wird „der Baubetrieb [...] schlagartig unterbrochen“ [K. 130]. Ein Zusammenhang mit der Verlegung der Kaiserresidenz nach Byzanz (324) wird vermutet [K. 124]. Es wurde unver­brauchtes Baumaterial ausgegraben, Haufen von Ziegelsplitt iden­ti­fizieren es als eindeutig römisch, darüber liegt eine zentimeterhohe Humus­schicht, die als Zeichen für eine länger dauernde Überwucherung mit Unkraut und/oder Überdeckung mit organischen Abfällen gedeutet wird [K. 131]. Die Thermen blieben „unvollendet und wurden wohl nie als Badeanlage in Betrieb genommen“ [H. 278].

Viehmarktthermen: Die Umnutzung zur Badeanlage soll erst im 3. Jh. erfolgt sein, Auflassung und Zerstörung im 5. Jh. [STA 84]. „Ende des 3. oder Anfang des 4. Jh. ist in der jetzt mit Kalksteinplatten gedeckten, im Westen verlaufenden Straße (cardo) ein gemauerter, überwölbter Abwasserkanal angelegt worden. Spätestens zu dieser Zeit wird das Gebäude als Thermen­anlage umgebaut worden sein“ [K. 229; Kursive im Original; s. a. RL 86; GW 109].

Bauten des 4. Jahrhunderts

Amphitheater: Neben Reparaturen im 4. Jh. wurde „ein Mauerwinkel festgestellt [...], der nach Münzfunden der 2. Hälfte des 4. Jh. zugerechnet werden muss [RL 97].

Barbarathermen: „Nach den durch die Germanen verursachten Zerstörungen des 3. Jh. sind die Barbarathermen im 4. Jh. wieder aufgebaut worden“ [H. 116]. Goethert widerspricht: „Der Bau war lange in Betrieb [bis ins 5. Jh.] und wurde während dieser Zeit anscheinend kaum verändert“ [GW 77].

Abb. 3: „Die Archäologischen Befunde der Basilika und ihrer Vorgänger­bauten“ (Aula Palatina, 4. Jh., darunter planierte ältere Gebäude) [K. 140]

Abb. 3: „Die Archäologischen Befunde der Basilika und ihrer Vorgänger­bauten“ (Aula Palatina, 4. Jh., darunter planierte ältere Gebäude) (K. 140)

Basilika: Der Palast aus dem späten 3. Jh. wurde im frühen 4. Jh. wieder eingeebnet. An der Stelle der heutigen ,Basilika’, der evangelischen ‚Kirche zum Erlöser’, wurde Anfang des 4. Jh. eine Aula Palatina (Palastaula) etwa gleichen Ausmaßes errichtet. Trotz der vielen Umbauten im Mittelalter und der zwei Neuerrichtungen im 19. und 20. Jh. sind noch (einige wenige) Reste der Mauern und des Außenputzes aus römischer Zeit in situ erhalten [K. 138].

„Für die Datierung berufen sich die Gelehrten normalerweise auf eine präge­frische Münze des Jahres 305 n. Chr., die 1937 im Mörtel einer Mauer der Vorhalle eingebettet gefunden worden war.“ Eine „Reihe der Ziegelstempel von ADIV, ARMO, CAPIO und TAIN“ zeigt „Parallelen zu Funden aus dem Kastell Köln-Deutz“. Dieses stammt „aus der Regierungszeit Konstantins des Großen“ [K. 141], genauer aus den Jahren 307–310 [H. 224 f.], so dass plausibel „eine Errichtung der [Palastaula] etwa um die gleiche Zeit“ ange­nom­men wird [K. 141].

„Die an die umgebenden Portiken im Westen anschließenden Räume erhielten nach Aussage der Fundmünzen im Jahre 330/31 [...] ihren Boden. [...] der untere Heizboden der Basilika [wurde] ebenfalls nach Aussage der Fundmünzen erst nach 337/41 gegossen“ [GW 151].

Dom/Liebfrauen: Über dem „Raum mit Apsis (Bau 1a)“ vom Ende des 3. Jh. wurde „ein größerer Saal mit Säulenstellungen, gegliedertem Rechteckchor [...] (Bau 1b)“ gefunden, die auf 315 datierte SW-Basilika, 326 entstand östlich davon die dreischiffige SO-Basilika [STA 17].

Über dem eingeebneten Wohnpalast unter dem Dom wurden „in der Regie­rungs­zeit Konstantins des Großen“ [K. 117] die NO-Basilika und westlich davon die NW-Basilika errichtet, mit „Säulen aus Odenwälder Granit [...], von denen eine als sog. Domstein noch heute vor dem Westportal des Doms zu sehen ist“ [ebd.; Abb. in K. 119; L. 2005, 676]).

„An der Westfront der Südbasilika wurden in einem mit Schutt verfüllten spätrömischen Keller die Reste einer frühchristlichen Glas­macher­werk­statt ausgegraben, die heute im Rheinischen Landesmuseum Trier zu sehen sind“ [K. 119].

Hans-Peter Kuhnen kritisierte den Ausgräber Theodor K. Kempf, der die Dokumentierung schuldig blieb, welche Mauern „tatsächlich beobachtet und welche hypothetisch erschlossen wurden“, und nach welchen Funden datiert wurde [K. 116; ausführlich zitiert in L. 2005, 674].

„Trotz zahlreicher Unklarheiten“ lassen die Funde unter Dom/Liebfrauen eine „bauliche Entwicklung [...] in groben Umrissen erkennen [K. 116]: „In den tiefsten Schichten [...] Spuren eines vornehmen römischen Wohnquartiers des 2.–3. Jh. n. Chr.“ [ebd.], das im frühen 4. Jh. abgebrochen und planiert wurde, darüber die vier Basiliken.

„[Ü]ber den abgebrochenen Mauern der Osthälfte der nördlichen Basilika“ wurden „die Grundmauern eines aus Rotsandstein mit Ziegeldurchschuss gemauerten Baukörpers von quadratischem Grundriss“, des sog. Quadratbaus, errichtet, sie werden „in das späte 4. Jh. datiert“ [K. 119]. Die spätantiken Mauern des Quadratbaus sind bis auf eine Höhe von 30 m heute noch in situ gut sichtbar, besonders von der Nordseite [dom].

Spuren einer Zerstörung durch Feuer, vermutlich durch einen der Frankenüberfälle im frühen 5. Jh., Wiederaufbau in der Süd-Basilika im 5. Jh., in der Nordbasilika im 6. Jh.

Hiermit ist römische Spätantike (4. Jh.) in mehreren Schichten nachgewiesen:

  1. Wohnpalast im NW, SW-Basilika bis 326,
  2. ab 326 SO-Basilika,
  3. ab 340 NO-Basilika,
  4. ab 364 Quadratbau.

Grabung Fleischstraße/Metzelstraße: In der Spätantike wurden die Häuser westlich der Straße E abermals durch solche mit größeren Räumen (bis zu 56 m2) ersetzt. Auch diesmal wurden ältere Mauern in die Neubauten ein­be­zo­gen. Auf der Ostseite der Straße E ein Gebäude mit Vestibül, beheizten Räumen, Badebecken, Marmor und Stuck sowie einem für Feucht­räume typischen „hydraulischen Ziegelestrich“, vermutlich ein kleines Bad. „Stempel auf den Ziegeln der Heizanlage lassen das Gebäude in das 4. Jh. n. Chr. datieren. Sie benannten eine Ziegelei, die zu den Hauptlieferanten der spätantiken Großbauten Triers gehörte“ [Breitner, 87].

St. Irminen: „Von den spätantiken, um 330 n.Chr. errichteten Horrea ist im barocken Westflügel der nördliche Abschnitt der Außenwand des westlichen Speicherbaus im heutigen Keller, Parterre und teils im Obergeschoss bis zu 8 m Höhe erhalten“ [STA 122].

Wohnquartiere im Bereich der Vereinigten Hospizien sind vom 1. Jh. bis zum Ende des 4. Jh. belegt [STA 17]. „Funde aus den Hofhorizonten belegen eine Nutzung der Anlage bis mindestens in die zweite Hälfte des 4. Jh.“ [K. 173].

Abb. 4: „St. Irminen, römische Horrea“ (Getreidespeicher, 4. Jh.) [STA 123]

Abb. 4: „St. Irminen, römische Horrea“ (Getreidespeicher, 4. Jh.)([STA 123)

Kaiserthermen: In der 2. Hälfte des 4. Jh. „wurde im Zuge eines grund­legenden Umbaus der Hof durch Abbruch des Kaltwasserbades erweitert und wurden an der Nordseite kleinere Thermen als Ersatz angelegt“ [K. 278; STA 82] (vgl. Abb. 5 rechts), vermutlich „eine Art von Kaserne für die kaiserliche Garde der Prätorianer“[K. 133], wobei die Zeitangaben auch leicht differieren: „Fertigstellung und Nutzung als Kaserne [...] 375–383“ [RL 81], „spätestens Mitte des 4.“ Jh. [GW 126].

Abb. 5: „Grundrisse der Kaiserthermen; links: erster Bauzustand [~300], rechts: zweiter Bauzustand [2. Hälfte 4. Jh.]“ [H. 277, Abb. 96]

Abb. 5: „Grundrisse der Kaiserthermen; links: erster Bauzustand [~300], rechts: zweiter Bauzustand [2. Hälfte 4. Jh.]“ (H. 277, Abb. 96)

St. Martin: „In der Tat steht – das zeigen die Funde – die Martinskirche in den Fundamenten eines spätrömischen Hauses, das offenbar seit dem ausgehenden 4. Jh. als Grabkirche diente“ [H. 317], „die von Martin, Bischof von Tours, selbst geweiht [...] wurde“ [STS 22; 78].

Victorinuspalast: „In einem Raum befand sich ein in der 1. Hälfte des 4. Jh. verlegtes Mosaik“ [RL 96]. In einer angrenzenden Insula fand sich ein Mosaikboden aus der 2. Hälfte des 4. Jh. [RL 94].

Viehmarktthermen: „Die Thermenanlage blieb bis zum Ende des 4. Jh. in Betrieb“ [K. 58].

Nördliches Gräberfeld: Unter St. Maximin Reste eines Coemeterialbaues aus dem 4. Jh., Sarkophage unter den Mauerfundamenten des 10./11. Jh. oder als Mauerfundamente genutzt [eigener Augenschein anlässlich einer Führung]. „Seit Mitte des 4. Jh. existierte ein für Bestattungen vorgesehener Großbau von 65 m Länge und 17 m Breite, in seiner Länge von Westen nach Osten orientiert, wie man seit den jüngsten Grabungskampagnen durch Heinz Cüppers und Adolf Neyses (1978–1993) sagen kann“ [K. 196] (s. Abb. 6, 7).

„Etwa 25 m östlich davor, ungefähr in der Mittelachse dieses Großbaues, bestand ein zweigeschossiger Grabbau, der an eine längere Nord-Südwand angefügt worden war. [...] Mit der Erweiterung des großen Coeme­te­ri­al­baues gegen Ende des 4. Jh. wurde der Grabbau nicht alleine in den Gesamt­komplex direkt mit einbezogen. Beiderseits wurden je eine Grab­kammer angefügt, so dass nun eine Flucht von drei Kammern im Osten des Großbaues für diesen einen geraden Abschluss boten [!]“ [ebd.].

„Durch die Erweiterung wurden Grabkammern an dessen Ostseite gegen 400 in den Großbau miteinbezogen. [...] Das Laufniveau innerhalb des Großbaues wurde erhöht [...] So war gegen Ende des 4. Jh. Raum für ca. 1000 Sarko­phag­bestattungen in dem Großbau westlich von den drei spät­antiken Grabkammern geschaffen“ [K. 198].

Abb. 6: „Ausgrabung in Sankt Maximin. Blick von Westen in das nörd­liche Seitenschiff mit der nörd­lichen Längsfront des Großbaues seit der Mitte des 4. Jh. und der Erweiterung des späten 4. Jh. im Osten“ [K. 195]

Abb. 6: „Ausgrabung in Sankt Maximin. Blick von Westen in das nörd­liche Seitenschiff mit der nörd­lichen Längsfront des Großbaues seit der Mitte des 4. Jh. und der Erweiterung des späten 4. Jh. im Osten“ (K. 195)

Abb. 7: „Grabung im südlichen Seitenschiff von St. Maximin 1985“ [Dahm 44]

Abb. 7: „Grabung im südlichen Seitenschiff von St. Maximin 1985“ (Dahm 44)

In der Moltkestraße fand man 1953 rund 100 Skelettgräber, die meisten in Steinsarkophagen, und eine Grabkapelle mit Vorhalle im Osten und Apsis im Westen. „Sämtliche Gräber sind christliche Bestattungen aus dem 4. Jh.“ [STS 86].

Unter und bei der heutigen Kirche St. Paulin sind Reste einer Grab­basilika nach­ge­wiesen [H. 336]. „Die Krypta unter dem Chor [der Barockkirche] [...] geht auf die Anlage des 4. Jh. zurück und erhielt ihre heutige Form wohl im 11. Jh.“ (mitsamt Sarkophag des hl. Paulinus) [STS 40].

Grabdenkmäler des 2. und 3. Jh. sind auf beiden Gräberfeldern bereits zu Beginn des 4. Jh. abgebaut worden, einige ihrer Fundamente sind von Sarkophagen überdeckt. „Reliefverzierte Steinquader sind für Körperbestattungen in Wiederverwendung ausgehöhlt worden“ [K. 191], teilweise wohl auch nach Neumagen zur Erbauung des dortigen Kastells transportiert worden.

Südliches Gräberfeld um St. Eucharius / St. Matthias: „Über ihren Gräbern [der Bischöfe Eucharius und Valerius] entstand im 4. Jh. an der Stelle der heutigen Matthiasbasilika eine Coemeterialkirche, die ihrerseits weitere christ­liche Bestattungen anzog. Im Laufe der folgenden drei Jahrhunderte sind in unmittelbarer Nähe mehr als fünftausend Sarkophage in die Erde eingelassen worden“ [H. 283].

Abb. 8: „Spätantike Bestattungen in Steinsarkophagen und schlichten Erdgräbern im Bereich des Abteivorplatzes“ (St. Matthias) [RL 137, Abb. 26d]

Abb. 8: „Spätantike Bestattungen in Steinsarkophagen und schlichten Erdgräbern im Bereich des Abteivorplatzes“ (St. Matthias) (RL 137, Abb. 26d)

„Von den jüngeren in Plattengräbern und Holzsärgen beigesetzten Bestattungen enthielten mehrere Münzbeigaben oder Trachtbestandteile, mit deren Hilfe sie der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts zugewiesen werden können“ [K. 180]

Ein Stück weiter in der Medardstraße mehr als 1000 Brandgräber, Grab­bauten und Sarkophage des 1. bis 4. Jh. [STS 156]

Kann man die Baubefunde des 4. Jahrhunderts dem 3. Jahrhundert zuweisen?

Es gibt bislang keine einzige Grabung, in der Funde aus allen Jahrhunderten übereinander gefunden wurden, aber wo immer in Trier und seinem Umland Funde aus auf­ein­ander­ fol­gen­den Jahrhunderten gefunden wurden, lagen die aus dem 2. über denen aus dem 1., die aus dem 3. über denen aus dem 2., die aus dem 4. über denen aus dem 3., so wie man es für eine ordentliche Stratigraphie erwartet. Die in Trier vorgefundenen Teile dieser Stratigraphien wurden oben unter den Stichwörtern „Basilika“, „Dom/Liebfrauen“, „Grabung Fleischstraße/Metzelstraße“, „St. Irminen“, „Kaiserthermen“, „Victorinuspalast“ und „Viehmarktthermen“ beschrieben. Soweit die Schich­ten durch Münzen datiert wurden, die ihrerseits historiographisch datiert sind, bestätigen die Schichten die relative historiographische Chrono­logie dieser vier Jahrhunderte. Damit kann die von Heinsohn zwar nicht durch­gehend behauptete, aber durchaus nahegelegte Parallelität des Zeitraums von 0–-300 mit dem von 300–600 oder gar die explizit behauptete Parallelität von Augustus und Constantin [2011, 432] unzweifelhaft zurückgewiesen werden: Die Münzen Constantins liegen über Schichten des 3. Jh., diese an einigen Stellen über Schichten des 2. Jh., diese an mehreren Stellen über Schichten des 1. Jh.!

Wir gewinnen damit sogar eine 8. Datierungsmethode, die Datierung nach dem verwendeten Baumaterial:

Man kann mit Mörtel gefugte Natursteinwände an Hand des verwendeten Mörtels als römisch (mit Ziegelsplitt) oder nach-römisch (ohne Ziegelsplitt) erkennen. Aber auch zwischen der früheren (0–275) und der späteren (nach 275) Kaiserzeit gibt es deutliche Unterschiede. Baute man in der früheren Kaiserzeit gerne in Naturstein fugenlos mit bleigeschützten Eisenklammern (Pfeiler der Römerbrücke, Porta Nigra), gemörtelt und mitunter mit Ziegelreihen durchschossen nur in Privatbauten wie in den Vorgängerbauten der Viehmarktthermen, wurde in der späteren Kaiserzeit auch bei öffentlichen Bauten vermehrt auf Ziegel gesetzt, im gemischten Verbund (zwei bis drei gemörtelte Lagen Naturstein gefolgt von zwei bis drei gemörtelten Lagen von Ziegeln) wie im Quadratbau im Dom, teilweise auch in den Kaiserthermen, dort aber Bogenbereiche nur mit Ziegeln, oder der ganze Bau (bis auf ein Schmuckgesims aus Natursteinen) in Ziegeln mit Ziegelsplittmörtel wie die Palastaula, gegründet auf einem Fundament aus Gussmauerwerk (opus caementicium) sowie letztendlich auch die vorher nicht übliche Verwendung von Spolien [Hinweise in H. 275 f.; 308].

Gibt es eindeutig christliche Funde aus dem 4. Jahrhundert?

In der südlichen Nekropole um St. Matthias sollen die frühen Trierer Bischöfe Eucharius (nach 250) und Valerius (2. Hälfte 3. Jh.) begraben worden sein, in der nördlichen die Bischöfe Agricius (auch Agritius, 312–389), Maximin (329–­­348) und Paulinus (346–358). Der 3. Bischof Triers, Agricius, zählte zu den Unterzeichnern der Konzilsbeschlüsse des Konzils von Arles im Jahr 314 [H. 227; 332]. Begräbnisstätten einflussreicher Trierer in der Nähe „ihrer“ Bischöfe im 4.–5. Jh. werden zu Keimzellen der späteren Abteien [K. 51 f.]. Die Umbettung der Bischöfe Eucharius und Valerius durch Cyrillus um 450 in dessen an der Stelle einer angeblichen „cella Eucharii“ erbauten Kirche (s. u.), von der die Gesta Treverorum um 1100 berichten [Becker, 3], mag man für eine um diese Zeit erfundene Legende halten, denn die „Vita dieser Bischöfe ist sehr spät (9. Jh.[?]) und legendär ausgestaltet“ [ebd.]. In ottonischer Zeit wurde der Coe­me­te­ri­al­bau unter St. Maximin durch einen Kirchenneubau ersetzt., „im Osten schuf man eine Innenkrypta, in die 942 u.a. die Gräber der Bischöfe Agritius, Maximin und Nicetius [525­–566] transferiert wurden“ [STS 82]. Der Coe­me­te­ri­al­bau unter St. Paulin soll eine unter Bischof Felix (386–398) erbaute Mari­en­kirche gewesen sein, in deren Krypta er die Gebeine seines in der Verbannung in Phrygien verstorbenen Vorgängers Paulinus (347–358/59) bestatten ließ [STS 36]. Dort wollen „die Kanoniker von St. Paulin in der nach diesem Bischof benannten Kirche im Jahre 1072 den Sarkophag des Paulinus [...] wieder­gefunden haben“ [H. 335]. Diese Transfers und die wunderbare Wie­der­­auf­findung mögen ähnlich fromme Erfindungen ihrer oder späterer Zeiten sein wie das 1127 berichtete Auffinden der „Gebeine des Apostels Matthias“ während der Bau­arbeiten für die Abteikirche [STS 134] und die Ansicht Meise­geiers bestärken, dass die Patrozinien erst in diesen späten Zeiten erfunden wurden [2010, 637].

So berichtet Heinen, dass die Legende vom Martyrium, das „Mitglieder der Thebäischen Legion sowie Christen der Stadt Trier“ unter dem „grausamen Präfekten Rictiovarus“ erlitten haben sollen, „erst im Mittelalter“ entstanden ist [H. 330]. Den in Trier überlieferten Maternus, der 314 als Bischof von Köln bezeugt ist, müsse man „aus der Trierer Bischofsliste streichen“ [H. 331], und auch die Tradition in Bezug auf Agricius beruhe „auf mittelalterlichen Fälschungen und Phantasieprodukten“ [H. 332]. Maximin aber wird von Athanasius erwähnt, der nach seiner Absetzung als Bischof von Alexandria nach Trier verbannt war (336/37) [H. 333]. „Daß Maximinus in der nördlichen Nekropole Triers in der nach ihm benannten Kirche beigesetzt worden ist, wird bereits von Gregor von Tours im 6. Jh. glaubwürdig bezeugt (Historiae VIII 12)“ [H. 334].

Ob man nun die Coemeterialbauten in den Trierer Nekropolen als früh­christ­liche Kirchenbauten ansieht oder deren christlichen Charakter bestreitet, jedenfalls scharen sich im Laufe des 4. Jh. mehr und mehr Grab­legen von Christen um die vermuteten Bischofsgräber, und später entstanden genau an diesen Stellen die Abteien St. Matthias im Süden, St. Maximin im Norden und die Kirche St. Paulin.

Abb. 9: „Noah-Sarkophag“ mit der Taube [H. 283, Abb. 102]

Abb. 9: „Noah-Sarkophag“ mit der Taube (H. 283, Abb. 102)

Woran erkennt man christliche Gräber? Im Laufe des 2. Jh. wurde die Sitte der Brandbestattung nach und nach durch eine Sargbestattung ersetzt [H. 200]. Neben dem Indiz der Beigabenfreiheit, die natürlich auch als Beleg schierer Armut angesehen werden könnte, gibt es handfeste Belege: Grabinschriften mit dem Christusmonogramm, Reliefs mit Errettungsszenen auf Sarko­phag­deckeln oder –seitenwänden wie ‚Noah begrüßt die zurückkehrende Taube mit dem Ölzweig im Schnabel’, „die Jünglinge im Feuerofen, Daniel in der Löwengrube, Jonas und der Wal sowie die verhinderte Opferung Isaaks durch Abraham“ [H. 283, Legende zu Abb. 102]. Ein „Sechsstrahlenstern“ dagegen dürfe nicht als Christogramm gedeutet werden, sondern „ist Christen wie Heiden geläufig“ [H. 307, Legende zu Abb. 111].

„Unterstrichen wird die dominierende Stellung der Christen im spätantiken Trier [...] vor allem auch durch die dort gefundenen zahlreichen christ­lichen Inschriften. Mit über neunhundert Epitaphien überflügelt Trier bei weitem alle anderen Städte des gallisch-germanischen Raumes“ [H. 285].

Von diesen über 900 Inschriften sind

„aber drei Viertel in einem so fragmentarischen Zustand, daß sie keine befriedigende Interpretation gestatten. Von den verbleibenden 237 In­schrif­ten vermag eine Kennerin wie N. Gauthier knapp 50 in das 4. Jh. zu datieren; selbst davon könnten noch einige in das frühe 5. Jh. gehören. In absoluten Zahlen ist die Ausbeute also gering, doch sie ist groß im Vergleich mit anderen Städten Galliens, ganz zu schweigen von Köln und Mainz“ [H. 340].

Heinen datiert die Inschriften in den Zeitraum „4. – 8.“ Jh. [H. 317; 319].

Abb. 10: ‚Griechisch-lateinische Grabinschrift für den „Orientalen“ Ursikinos’ [H. 266, Abb. 87]

Abb. 10: ‚Griechisch-lateinische Grabinschrift für den „Orientalen“ Ursikinos’ (H. 266, Abb. 87)

„Die marmorne Inschrifttafel stammt von der Nekropole St. Maximin in Trier-Nord und gibt sich durch das Christogramm sehr schön als christliches Zeugnis zu erkennen.“ [H. 265]

Den Text übersetzt Heinen als: „Hier ruht in Christus [ΧΡΩ] Ursikinos, er lebte mehr oder weniger 29 [ΚΘ] Jahre“ [ebd.]. Der lateinische Text „qui vixit an(nos) XVIIII, d.h. ‚der 19 Jahre lebte’“ wird als Versehen des Steinmetzen gedeutet. ‚Anatolikos’ wird mit ‚Orientale’ über­­setzt, da das Wort sich nicht auf das heutige Anatolien, sondern „auf die Diözese Oriens (Anatole) im östlichen Reichsteil, also auf Syrien und seine Nachbargebiete“ [ebd.] beziehe. Der Text ist sicher der Römerzeit nach Diocletian zuzuordnen, also dem 4. Jh., vielleicht dem späteren 4. Jh.

Der „Sarkophag mit der Darstellung Adams und Evas, des guten Hirten und der drei Jünglinge im Feuerofen“, der als Grablege des Agricius oder seines Nachfolgers Maximin gilt, „ohne daß dies wirklich beweisbar wäre“ [H. 332], ist spätantik und christlich. Auch der Paulinus zugeschriebene Sarkophag ist spätantik und enthält einen Holzsarg aus Zedernholz (undatiert) mit christ­lichen Darstellungen auf den Beschlägen (Sündenfall Adams und Evas, Auf­erweckung des Lazarus) und passt „gut in das ausgehende 4. Jh.“ [H. 336].

Abb. 11: Frühchristliche Grabinschrift der „Sucaria Castimonialis“ mit Christus­monogramm (Chi-Rho, ΧΡ) und Tauben, „die Bezeichnung »Castimonialis« (»die Keusche«) wird als Hinweis auf eine Nonne inter­pre­tiert“ [K. 54]

Abb. 11: Frühchristliche Grabinschrift der „Sucaria Castimonialis“ mit Christus­monogramm (Chi-Rho, ΧΡ) und Tauben, „die Bezeichnung »Castimonialis« (»die Keusche«) wird als Hinweis auf eine Nonne inter­pre­tiert“ (K. 54)

Constantin der Große war zweifellos kein Christ. Sicher scheint aber nach allen Quellen zu sein, dass Constantin sich zusammen mit Licinius dem Toleranzedikt des Galerius [wiki/Toleranzedikt des Galerius; /Mailänder Vereinbarung] angeschlossen hat. Die materiellen Befunde in den Gräberfeldern belegen, dass in der Zeit danach der Anteil der Christen an den Verstorbenen ständig zunahm, wie auch unter den Constantin folgenden Kaisern.

Ob nun die Doppelbasilika unter Dom und Liebfrauen bereits als Doppel­kirche geplant war oder wie der von ihr überbaute palastartige Prunkbau genutzt werden sollte, steht dahin. Abschließende Grabungs­publikationen sind nicht erschienen, wie Heinen und Kuhnen mehrfach bedauern [z.B. H. 268 f.]. Ich erkenne aber in der mir vorliegenden Literatur keinen Beleg für eine Fertigstellung der gesamten riesigen Anlage, allenfalls der Südbasilika, so dass ich annehme, dass die Errichtung ebenso abge­bro­chen wurde, wie es für die Kaiserthermen belegt ist. Die vom Ausgräber Kempf vermutete Nutzung eines steinernen Podestes als Memoria für den Heiligen Rock (die Tunica Christi) ist für diese Zeit verfrüht. Mit dem Wieder­aufbau der Nordbasilika unter den zweifellos christlichen Kaisern Valentinian und Gratian wird dagegen bereits die Bischofskirche errichtet worden sein, die sie laut schriftlichen Zeugnissen seitdem durchgehend gewesen ist, denn andernfalls hätte man Spuren einer Umnutzung finden müssen. Die mit diesem Wiederaufbau zeitgleichen Graffiti von Pilgern in der Südbasilika zeigen deutlich eine frühchristliche Nutzung zur Römerzeit an. Dass dort zu jener Zeit die Tunika Christi verehrt wurde, wie Kempf wiederum aus einem steinernen Podium erschlossen haben will [H. 269], darf bezweifelt werden – die erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1196 [wiki/Heiliger Rock], die erste Wallfahrt zum Heiligen Rock fand gar erst 1513 statt [ebd.].

Abb. 12: „Frühchristliche Graffiti auf dem Verputz einer Chorschranke unter der Liebfrauenkirche“ [K. 120]

Abb. 12: „Frühchristliche Graffiti auf dem Verputz einer Chorschranke unter der Liebfrauenkirche“ (K. 120)

Die Rekonstruktion einer als Chorschranke gedeuteten Trennmauer unter Lieb­­frauen, „auf deren Wand­putz sich viele frühchristliche Pilger durch Ritz­inschriften verewigten“ [K. 119] trägt zweimal eine Aufschrift mit einem Namen gefolgt von „VIVAS IN DEO (ΧΡ) SEMPER“, und ist im Dom­museum zu besichtigen. Unabhängig von einer Datierung liegt hier ein Nachweis frühchristlicher Nutzung des Gebäudes unter der Liebfrauenkirche in römischer Zeit vor.

Auffallend ist, dass das Christentum dieser Epoche sich mit einer ande­ren Symbolik schmückt als das Christentum des Mittelalters; das Kreuz scheint gänzlich unbekannt.

Gibt es eindeutig heidnische Funde aus dem 4. Jahrhundert?

Das Mithräum im Altbachtal wurde bis Ende des 4. Jh. benutzt. [H. 186; 191-193], überhaupt der gesamte heidnische Tempelbezirk im Altbachtal; auch im Lenus-Mars-Tempel am Irminenwingert reichen die Münzfunde „mindestens bis Gratian“ [H. 344].

Heidnische Grabinschriften sind im 4. Jh. bereits selten: „Erstaunlich ist dagegen die verschwindend geringe Zahl heidnischer Grabinschriften des 4. und 5. Jh. in Trier“ [H. 285]. Die einzige Abbildung, die ich gefunden habe, war allerdings nicht einem heidnischen Römer gewidmet, sondern (in Latein mit Fehlern) einem Germanen, dem jung verstorbenen Burgunder Fürstensohn Hariulfus, der als kaiserlicher General­stabs­offizier gedient hatte [H. 325, Abb. 122; 326]. Denkbar ist, dass frühere Ausgräber manche Inschriften nur deshalb ins 3. statt ins 4. Jh. datierten, weil sie nicht christlich waren, sondern heidnische Widmungen wie „Dis Manibus“ („den göttlichen Manen“) ent­hielten; so lässt sich ein Hinweis von Heinen deuten [H. 352].

Heinen zeigt [346 f., Abb. 115a, b] die vermutlich gezeichneten Abbilder zweier Glasschalen, die beide „1. Hälfte 4. Jh.“ datiert werden. Die eine zeigt „Herkules im Kampf mit dem libyschen Riesen Antaeus“, also eine Szene aus der heidnischen Mythologie, die andere zeigt „die verhinderte Opferung Isaaks durch Abraham“, also eine biblische Szene. „Beide Schalen (a und b) zeichnen sich durch die gleiche Schraffurtechnik aus und stammen vielleicht aus der gleichen Werkstatt“, vermutlich aus Köln.

Szenen aus vorchristlichen alten Mythen findet man auch auf Mosaiken, etwa auf dem sog. Ledamosaik, das auf Grund des Grabungsbefundes sowie stilistischer Kriterien in das spätere 4. Jh. datiert wurde: „im Rahmen eines von Musik und Tanz begleiteten Festmahls“ wird zwischen Leda und Agamemnon „die Geburt der Drillinge Castor, Pollux und Helena aus einem Ei“ dargestellt [H. 359-361].

Auch die Praxis des Schadenszaubers auf Verfluchungstäfelchen aus Blei scheint mit der Christianisierung nicht sofort aufgehört zu haben. Von den im Arenakeller des Amphitheaters gefundenen Täfelchen werden noch einige „sicher“ ins 4. Jh. datiert [H. 364].

„Das Christentum war auch im 4. Jh., gerade im Westen, vorwiegend noch eine Religion der Städte. Die ländlichen Bezirke, die pagi, waren dagegen Rückzugsgebiete der heidnischen Kulte (pagani = Heiden, franz. Païens)“ [ebd.].

„Im Umland Triers sind manche Tempelbezirke bereits bei den Germaneneinfällen um 275/76 zerstört bzw. definitiv aufgegeben worden. [...] Andere heidnische Stätten wurden dagegen, wie die Münzreihen zeigen, noch Ende des 4. bzw. in den ersten Jahrzehnten des 5. Jh. besucht: das Marsheiligtum auf dem Martberg bei Pommern, Möhn in der Nähe der Römerstraße Trier – Bitburg, der Kultbezirk bei der Villa von Fließem/Otrang (nahe bei Bitburg), das gallo-römische Heiligtum in Pelm bei Gerolstein.“ [H. 344]

Auch „der gallo-römische Tempelbezirk von Steinsel-Rëlent auf einem Plateau über dem Alzettetal nördlich der Stadt Luxemburg“ hat sich gemäß der Münzfunde „gerade in der zweiten Hälfte des 4. Jh. ganz besonderen Zulaufs erfreut“ [H. 364] .

„Im späteren 4. oder beginnenden 5. Jh. haben Christen oder Germanen den paganen Kulten im Altbachtal ein Ende bereitet: Viele Fundstücke  zeigen Spuren mutwilliger Zerstörung.“ [H. 186 f.]

Bauten des 5. Jahrhunderts

Amphitheater: Im Keller des Amphitheaters kamen „mehrere kostbare Werke frühchristlicher Kleinkunst des 5.– 8. Jh. zum Vorschein“ [K. 101].

Die Barbarathermen wurden vom 2. bis ins 5. Jh. genutzt [STS 132] „So wird – wie [...] Einschwemmungen in dem Abwassersystem der Barbarathermen belegen – der Badebetrieb in den öffentlichen Thermen während der ersten Hälfte des 5. Jh. aufgegeben“ [K. 79]. „Scherbenfunde beweisen, dass die Barbarathermen bis ins 5. Jh. hinein offensichtlich ihren Badebetrieb aufrecht erhalten konnten“ [K. 103]. Goethert sieht die Umbauten im 5. Jh., als die Bevöl­kerung vor den Überfällen der Germanen „Schutz hinter den meter­dicken Mauern“ suchte [GW 78], aus der sich eine kleine Siedlung entwickelte [Goethert auch in RL 84]. Die gefundene Keramik wird auch ‚Barbara­ther­men­ware’ genannt.

Dom/Liebfrauen: Wiederaufbau in der Süd-Basilika [K. 121]

Grabung Fleischstraße/Metzelstraße: „Nach der Wende vom 4. zum 5. Jahrhundert fehlen Anhaltspunkte für eine flächige Besiedlung“ [Hupe 90]. „Nachantike Baubefunde werden auf dem Gelände erst ab dem Hoch­mittel­alter fassbar“ [ebd. 91].

St. Irminen: „Zahlreiche Umbauten belegen eine Siedlungsabfolge mit zum Teil erheblichen Umnutzungen bis in die erste Hälfte des 5. Jh.“ [K. 168], Keller werden „bis in das beginnende 5.“ Jh. genutzt [K. 169].

Kaiserthermen: „So wird – wie keramikdatierte Verfüllungen in den Bedie­nungskellern der Kaiserthermen [...] belegen – der Badebetrieb in den öffent­lichen Thermen während der ersten Hälfte des 5. Jh. aufgegeben“ [K. 79].

Viehmarktthermen: vom 3. bis ins 5. Jh. genutzt [STA 84].

Nördliches Gräberfeld: vom 1. bis zum 5. Jh. belegt [STS 92].

Südliches Gräberfeld: Es gibt „kaum differenzierte Grabungsbefunde des späten 4. und 5. Jh.“ [K. 57], aber Begräbnisstätten um St. Maximin und St. Matthias „erblühen gerade in dieser Zeit“ (im frühen 5. Jh.) [K. 58], die „dort zu sehenden Objekte stammen aus dem 3. – 5. Jh. n. Chr., also aus der Endphase der antiken Nutzung“ [K. 181]. „Die Zahl von 4000–5000 Stein­sarko­phagen verdeutlicht die Häufigkeit und Dichte der Beisetzungen“ [K. 181].

„Eine [nur] urkundlich überlieferte Bauinschrift aus der Mitte des 5. Jh., die an der Wand der Krypta [von St. Matthias] zu lesen ist, spricht von einer Altarweihe zu Ehren der beiden Gründerbischöfe [Eucharius und Valerius] [...] Neben der literarischen Überlieferung bezeugen Funde frühchristlicher Schrankenplatten die Existenz einer Kirche des 5. Jh. an diesem Ort“ [K. 185 f.].

„Eine urkundlich [sieh da!] überlieferte Bauinschrift aus der Mitte des 5. Jh., die an der Wand der Krypta [von St. Matthias] zu lesen ist, spricht von einer Altarweihe zu Ehren der beiden Gründerbischöfe [Eucharius und Valerius]“ [K. 185]. „Neben der literarischen Überlieferung bezeugen Funde früh­christ­licher Schrankenplatten die Existenz einer Kirche des 5. Jh. an diesem Ort“ [K. 186].

Von einer „bis heute erhalten[en] Weihinschrift“ [STS 134] kann zwar keine Rede sein, aber für Schrankenplatten ist bislang keine heidnische Verwendung bekannt, so dass der Kirchenbau als plausibel anzunehmen ist.

Warum gibt es so wenige Baudenkmäler aus dem 5. Jahrhundert?

„Für den Zeitraum von etwa 200 Jahren nach der Mitte des 5. Jh. sind die archäologischen Zeugnisse zu Trier äußerst spärlich“ [K. 80]. Wie am Befund zu sehen ist, sind die archäologischen Zeugnisse zu Trier bereits seit Ende des 4., Beginn des 5. Jh. „äußerst spärlich“. Der Wieder­aufbau in der Süd-Basilika erscheint als Solitär inmitten einer Bauwüste. Die gefundenen „Werke frühchristlicher Kleinkunst“ wie auch die 5.000 Stein­sarkophage stehen in seltsamem Kontrast zu den fehlenden Bauten, so dass zu vermuten ist, dass das vorhandene Material auf die Jahrhunderte gestreckt wurde, wie „3.–5. Jh.“, um schließlich mit „5.–8. Jh.“ wenigstens noch einen Teil der Phantom­zeit abzudecken.

Bauten des 6. Jahrhunderts

Dom/Liebfrauen: Wiederaufbau in der Nord-Basilika. Bischof Nicetius (526/7–561) ließ „italische Bauleute“ nach Trier kommen, „die noch in antiker Technik zu arbeiten verstanden. So wurden statt der zer­bor­stenen Granitsäulen an alter Stelle etwa gleichgroße Säulen eines römischen Tempels mit entsprechenden Kapitellen aufgestellt und die Bogen­kon­struk­tio­nen mit antikem Material erneuert“ [GW 187, ähnlich bereits in L. 2005, 676, mit Verweisen auf STA 96; Ronig, 6 f.]. Die genannten Spolien-Säulen wurden 989/90 unter Erzbischof Egbert mit kreuzförmigen Pfeilern ummantelt [Ronig, 7; GW 188].

St. Martin „wurde durch den Trierer Bischof Magnerich (566/69 – 587) erneuert und dem heiligen Martin geweiht“ [H. 317].

St. Maximin: Im 6. Jh. eingebauter Ambo in Coemeterialbasilika unter St. Maximin [K. 80].

St. Medard: Eine spätantike christliche Grab- und Kultstätte wurde als Krypta der Mitte des 6. Jh. errichteten Kirche St. Medard verwendet [STS 146]; ein spätantiker Mosaikfußboden und eine frühchristliche Grabinschrift wurden bei einer Ausgrabung gefunden [STS 156].

Reste der Kirchenneubauten in St. Martin und St. Medard wurden ergraben; die Datierung erfolgte aber rein historiographisch nach den Gesta Treverorum aus der Abtei St. Matthias, die ab 1105 geschrieben wurden. Nach den Gesta sollen insgesamt 18 namentlich aufgezählte Kirchenbauten vor 700 existiert haben. Von diesen sind spätantike Vorgängerbauten von Dom und Lieb­­frauen nachgewiesen, letzterer mit eindeutig christlicher Nutzung, ebenso die ebenfalls spätantiken, von frühchristlichen Gräbern umgebenen Coemeterialbasiliken als Vor­gän­ger von St. Eucharius / St. Matthias, St. Maximin, St. Paulin und die Gebets­stube unter der Klosterkirche St. Martin. St. Symphorian wurde „völlig zerstört“ durch die Normannen 882 [STA 20] und bleibt ohne Spuren. Bei einigen Kirchen wurde bisher nicht nach­ge­graben, bei anderen konnten die Ausgräber nachweisen, dass die ältesten als Kirchen anzusprechenden Bauwerke am Platz unzweifelhaft nach der Spät­antike und vor der Romanik erbaut wurden. Leider datierten die früheren Ausgräber voreilig historiographisch, entweder nach den Gesta oder nach heute meist als gefälscht angesehenen dagobertinischen Urkunden – und heutige Historiker zitieren dennoch die Datierung, weil man lieber eine falsche als gar keine Datierung hat. Und leider ignorierten die früheren Ausgräber Befunde, die für eine archäologische Datierung möglicherweise hätten von Nutzen sein können.

Umso mehr erscheinen hier die Baumaßnahmen des Nicetius und seiner „italischen Bauleute“ wiederum als Singularitäten. Bisher konnte ich nicht ermitteln, aus welcher Quelle die „italischen Bauleute“ stammen. Aber es gibt den Bericht, und es gibt die Säulen.

Gab es nun eine Spätantike in Trier?

„Als die Moselhauptstadt im Rahmen der diokletianischen Reformen Verwal­tungsmetropole und Kaiserresidenz wurde, begann ein umfassendes Auf­bauprogramm, das den Kern der Stadt tiefgreifend verändern sollte“ [H. 266]. Dieses Aufbauprogramm ist nicht nur von Panegyrikern (Lobrednern) beschrieben worden, sondern hat sich massiv in der Erde materialisiert und ist teilweise heute noch deutlich sichtbar: Kaiserthermen (mit späterem Umbau und Umnutzung), Palastaula, Doppelbasilika, die großen Speicherhallen (Horrea) am Moselufer. Ausgrabungen haben gezeigt, dass diese Bauten mit Aus­nahme der Horrea auf einplanierten Vorgängerbauten der voraus­ge­gan­genen Jahrhunderte errichtet wurden, die bis ans Ende des 3. oder gar bis in den Beginn des 4. Jh. genutzt wurden. Mit den heute sichtbaren Resten der darauf folgenden Bau­maß­nahmen konnte gezeigt werden, dass das 4. Jh. architektonisch bestens bezeugt ist.

Für das 5. und 6. Jh. ist das Ergebnis keineswegs klar. Hier wird noch zu prüfen sein, wie viele Jahrhunderte die den Zeiten von 400 bis etwa 950 zugewiesenen Bauten belegen können.

War die Spätantike in Trier christlich geprägt?

„Jenseits des Nord- und Südtors dehnten sich entlang der Ausfallstraßen große Nekropolen aus, die im Laufe des 4. Jh. zunehmend christliche Züge erhiel­ten“ [H. 266 f.]. „Heidnische Grabinschriften des 4. Jh. fehlen fast vollständig in Trier, während sie vom 1. bis 3. Jh. zu Hunderten erhalten sind. [...] Mit Gewißheit dürfen wir annehmen, daß die Mehrheit der Stadtbevölkerung Triers in der 2. Hälfte des 4. Jh. christlich war“ [H. 340].

Also ist die Antwort eindeutig ja, unabhängig davon, ob Coemeterialbauten als Kirchen gedeutet werden dürfen oder nicht. Orte der Andacht, mög­licher­weise auch für Heiden, aber zunehmend auch für Christen, waren sie allemal.

Literatur

Becker, Petrus (1999): St. Eucharius – St. Matthias. Geschichte der Abtei von ihren Anfängen bis zur Gegenwart; in Germania Benedictina; St. Ottilien, IX: 902-937

Breitner, Georg (2007): Trier, Grabung Fleischstraße/Metzelstraße. Ent­wick­lung eines römischen Stadtviertels; in Funde und Ausgrabungen im Bezirk Trier, Heft 39; Rheinisches Landesmuseum Trier, 78-88

Dahm, Lambert (2004): Trier. Die mittelalterliche Stadt in Bildern. The Medieval City in Pictures (zweisprachig); Trier

dom = http://www.treveris.com/dom.htm

G. = Gilles, Karl-Josef (1996): Das Münzkabinett im Rheinischen Landesmuseum Trier. Ein Überblick zur trierischen Münzgeschichte; Schriftenreihe des Rheinischen Landesmuseums Trier, Nr. 13; Trier

GW = Goethert, Klaus-Peter / Weber, Winfried (22010): Römerbauten in Trier; Edition Burgen, Schlösser, Altertümer, Rheinland-Pfalz, Führungs­heft 20; Regensburg

H. = Heinen, Heinz (1996, 52002): Trier und das Trevererland in römischer Zeit; 2000 Jahre Trier, Hrsg. Universität Trier, Band 1; Trier

Heinsohn, Gunnar (2011): Ist die Spätantike eine Phantomzeit?; in ZS 23(2) 429-456

Hupe, Joachim (2007): Trier, Grabung Fleischstraße/Metzelstraße. Einblicke in ein mittelalterliches Stadtquartier; in Funde und Ausgrabungen im Bezirk Trier, Heft 39; Rheinisches Landesmuseum Trier, 89-99

K. = Kuhnen, Hans-Peter (2001, Hrsg.): Das römische Trier; Führer zu den archäologischen Denkmälern in Deutschland, Band 40; Stuttgart

L. = Lewin, Karl-Heinz (2005): Dom und Liebfrauen zu Trier, 1.690 Jahre Architekturgeschichte? (Trier I); in ZS 17 (3) 670-680

- (2006): 2.000 Jahre Trier – was blieb übrig? Eine Untersuchung der Baudenkmäler (Trier II); in ZS 18 (2) 453-496

Meisegeier, Michael (2010): Frühchristlicher Kirchenbau – zu früh (I). Rom, Jerusalem, Bethlehem, Konstantinopel; in ZS 22 (3) 612-639

- (2011): Frühchristlicher Kirchenbau … zu früh (Teil 3): Tebessa, Syrien, Frankenreich; in ZS 23 (3) 551-580

meisegeier = http://www.m-meisegeier.homepage.t-online.de/Rom.htm, ent­hält alle drei von Michael Meisegeier in ZS veröffentlichten Teile

NE = Neyses-Eiden, Mechthild (2005): Holz erzählt Geschichte. Dendro­chrono­logische Forschungen zwischen Mosel und Hunsrück; Schriften­reihe des Rheinischen Landesmuseums Trier, Nr. 29; Trier

RL = Rheinisches Landesmuseum Trier (Hrsg., 2005): Rettet das archäologische Erbe in Trier. Zweite Denkschrift der Archäologischen Trier-Kommission; Schriften­reihe des Rheinischen Landesmuseums Trier, Nr. 31; Trier

Ronig, Franz (1982): Der Dom zu Trier; Königstein im Taunus

STA = Landesamt für Denkmalpflege (Hrsg., 2001): Stadt Trier. Altstadt; Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz, Band 17.1, hg. im Auftrag des Ministeriums für Wissenschaft, Weiterbildung, Forschung und Kultur vom Landesamt für Denkmalpflege, bearbeitet von Patrick Ostermann; Worms

STS = Direktion Landesdenkmalpflege (Hrsg., 2009): Stadt Trier. Stadterweiterung und Stadtteile; Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz, Band 17.2, hg. im Auftrag des Ministeriums für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur von der General­direktion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz, Direktion Landesdenkmalpflege, bearbeitet von Ulrike Weber; Worms

wiki = http://de.wikipedia.org/wiki/

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15. November 2012                     Kategorie(n): Artikel aus den ZS, Fantomzeit, Zeitensprünge

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Zur Phantomzeit in Thüringen. Schriftquellen und archäologischer Befund

von Klaus Weissgerber (aus Zeitensprünge 3/99 und 4/99)

1. Vorbemerkung

Seit 1991 vertreten Illig und zunehmend mehr Autoren die These, daß die Berichte über Ereignisse, die im 7., 8. und 9. Jh. stattgefunden haben sollen, spätere Fälschungen sind und daß der Zeitraum, der konventionell auf etwa 614 bis 911 datiert wird, in Wirklichkeit eine “Phantomzeit” gewesen ist. Diese These wurde zunächst darauf gestützt, daß bei der Gregorianischen Kalenderreform 1582 nur 10 Leertage angesetzt wurden (13 Tage waren zu erwarten). In der Folgezeit wurde sie vor allem durch Illig in architektonischen Analysen und in grundsätzlichen Publikationen ["Das erfundene Mittelalter"; "Wer hat an der Uhr gedreht?"] weiter ausgebaut. Natürlich handelt es sich um ein weltweites Problem. Auch andere Autoren des Bulletins Zeitensprünge, wie Heinsohn, A. Müller, Rade und Zeller haben in Analysen zur Geschichte die ‘Randgebiete’ Europas und verschiedener Regionen Asiens recht überzeugende Lösungsvorschläge unterbreitet. (Nicht akzeptieren kann ich allerdings Toppers China-Thesen; die Fomenko-Konzeption lehne ich grundsätzlich als unwissenschaftlich ab.)

Nach langen kritischen Studien habe auch ich meine anfänglichen Zweifel überwunden und die grundsätzliche Richtigkeit von Illigs Konzeption erkannt. Am Beispiel meines Heimatlandes Thüringen möchte ich aufzeigen, daß auch hier im frühen Mittelalter drei Jahrhunderte nicht überzeugend mit archäologischen und schriftlichen Quellen abgesichert werden können. Ich möchte aber nicht einfach diese Zeit gänzlich als ‘un-historisch’ streichen, weil die Problematik m.E. komplizierter ist. Deshalb werde ich den mühsameren Weg beschreiten, die (wenigen) sich auf Alt-Thüringen beziehenden Schriftquellen (ich stütze mich, soweit möglich, nur auf Primärquellen) zu analysieren und vor allem in Beziehung zu dem archäologischen Befund zu setzen. Kaum prüfen kann ich den architektonischen Befund, weil in der gesamten nichtrömischen Germania vor dem 10. Jh. keine datierbaren Bauwerke auszumachen sind [vgl. Illig 1996b, 136ff].

Ganz verzichten möchte ich auf namenskundliche (Orts- und Flurnamen) und linguistische Untersuchungen, da diese bei der Lösung konkreter Chronologieprobleme nur in Ausnahmefällen hilfreich sind.

2. Das Thüringer Königreich

Der von Illig auf 614 bis 911 datierten Phantomzeit ging in Mitteldeutschland (zum Thüringer Kernland gehörte auch das südliche Sachsen-Anhalt) mehrere Jahrzehnte vorher das Thüringer Königreich voraus. Die Thüringer (Thuringii, Thoringii, beide Bezeichnungen auch ohne h) entwickelten sich aus den Hermunduren, die zwischen Elbe und Donau siedelten. Letztere sind archäologisch gut belegt [vgl. Behm-Blancke 1973a, 31ff] und, z.B. von Tacitus [Germania, Kap. 41; Annalen, Buch 13, Kap. 57] schriftlich bezeugt. Sie hatten schon Stammeskönige (z.B. Vitilius).

Aus der Verschmelzung der Hermunduren mit den im 3. Jh. aus dem Norden eindringenden Angeln und Warnen entstand der Stammesverband der Thüringer, deren Name erstmalig um 400 von Publius Vegetius Renatus genannt wurde und die 451 an der Seite Attilas an der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern teilnahmen (so Apollinaris Sidonius). 480 eroberten sie Batavis/Passau [Eugippus 27.3]. In der zweiten Hälfte des 5. Jhs. bildeten sie ein Reich, das von der Elbe bis zur Donau reichte und das als erster Staat auf dem Territorium des heutigen Deutschland betrachtet werden muß (Die Franken schufen etwa gleichzeitig ihren Staat auf dem Boden des heutigen Belgien und Nordfrankreich. Die Bayern drangen erst später, angeblich um 555, ins Gebiet des heutigen Freistaats ein).

In den Schriftquellen wurde als König der Thüringer namentlich zuerst Bisin(us) genannt, dem seine Söhne Baderich, Herminafrid (später Oberkönig) und Berthachar folgten. Nach dem Tode des Ostgotenkönigs Theoderich überfielen 531 die Franken Thüringen und zerstörten das Reich. Herminafrid wurde 534 heimtückig ermordet.

Das Thüringer Reich ist durch mehrere zeitgenössische Schriftquellen gut bezeugt. Es gibt zumindest zwei Überlieferungsstränge, die voneinander unabhängig sind: ein thüringisch-fränkischer und ein thüringisch-ostgotisch-oströmischer.

Der erste beruht auf der heiligen Radegunde, der Enkelin des Königs Bisin und Tochter des Teilkönigs Berthachar. Diese wurde nach dem Untergang des Thüringerreiches nach Gallien verschleppt, Ehefrau des Chlotar I. und schließlich, nachdem sie von diesem freigegeben wurde, Nonne in Poitiers. Sie beschrieb den Untergang in einem Klagelied “De excidio Thuringiae” [deutsch: Andert 213ff], das als Augenzeugenbericht gelten muß. In Verse gebracht wurde es von ihrem Vertrauten Venantius Fortunatus, der auch eine Lebensbeschreibung der Radegunde (“De vita sanctae Radegundis“) veröffentlichte, in deren Einleitung [deutsch: Andert 112f] kurz die Geschichte und der Untergang des Thüringerreiches geschildert wurde. Der Großvater der Radegunde heißt hier Bessinus.

Venantius Fortunatus war eng befreundet mit dem 10 Jahre jüngeren Bischof von Tours, Gregor (ca. 540-594), der bis 591 an den “Zehn Büchern fränkischer Geschichte“, der einzigen relativ zuverlässigen Primärquelle der Geschichte des frühen Frankenreiches, arbeitete. In diesem Werk wurde ausführlich, wenn auch mit stark fränkischer Tendenz, die Geschichte und der Untergang des Thüringerreiches geschildert [II.12; III. 4, 7, 8]. Gregor stützte sich zweifellos auf die Erinnerungen der Radegunde, aber auch auf andere fränkische Berichte. So schrieb er, daß Basina, die Mutter des eigentlichen Begründers des Frankenreiches, Chlodwig. die Ex-Frau des Thüringerkönigs Bisin(us) gewesen sei. Gregor von Tours hatte keinen Zugang zu ostgotischen Quellen, was sich deutlich an seiner Schilderung der ostgotischen Geschichte nach Theoderichs Tod [III.31.32] zeigt. Diese Schilderung besteht nur aus Fabeln und endet mit großen Siegen der Franken gegen die oströmischen Feldherren Belisar und Narses!

Die ostgotischen Überlieferungen beginnen ebenfalls mit zeitgenössischen Originaltexten. Erhalten geblieben sind zwei Briefe des Ostgotenkönigs Theoderich des Großen an Herminafred [lat.: Dobenecker I,1,2; deutsch: Andert 194ff, 217f]. Danach heiratete um 510 Herminafrid die Nichte Theoderichs, Amalaberga, die auch Gregor von Tours [III.4] erwähnt hatte. Diese kehrte nach dem Untergang des Thüringerreiches mit ihrem Sohn Amalfrid nach Italien zurück. Ihrer Augenzeugenschaft ist es wohl zu verdanken, daß in der Gotengeschichte des Jordanis (“Getica“), einem Auszug aus Cassiodor, recht objektiv, d.h. ohne fränkische Tendenz, über den Untergang des Thüringerreiches berichtet wurde [Jordanis LIX, 299]. Amalaberga war demnach die Tochter des Vandalenkönigs Thrasamund und der Schwester Theoderichs, Amalafrida, und die Schwester des späteren Ostgotenkönigs Theodahat. Radegunde erinnerte sich in ihrem bereits erwähnten Klagelied mit Schmerz an ihren Jugendfreund und Cousin Amalafrid, der später oströmischer Heerführer wurde [Prokop IV, 25]. Im Auftrag der Radegunde schrieb Venantius Fortunatus einen poetischen Brief an Amalafrid in Konstantinopel [Text: Bühler 350]. Prokop von Caesarea erwähnte in seinem “Gotenkrieg” ebenfalls die Beziehungen zwischen Ostgoten und Thüringern [I,12] und berichtete, offensichtlich auf ostgotische Quellen gestützt, objektiv über den Untergang des Thüringerreiches [I,13].

Es liegen somit gleichzeitige Quellen vor, die voneinander unabhängig sind, sich aber gegenseitig ergänzen, was ihrem gemeinsamen thüringischen Ursprung zu verdanken ist. Es liegt eine vertrauenswürdige schriftliche Überlieferung über die Geschehnisse in Thüringen bis 531 vor.

Es gibt aber auch andere Überlieferungsstränge, die aus späteren, also nicht zeitgenössischen Quellen stammen.

Paulus Diaconus (angeb. ca. 720 – ca. 800) berichtete in der ihm zugeschriebenen “Historia Langobardorum” über die engen verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen den Thüringerkönigen und den frühen Langobardenkönigen, die sich damals noch auf der Wanderschaft befanden bzw. sich seit 526 in Pannonien aufhielten. Danach war die Langobardin Mania die Ehefrau des Thüringerkönigs Bisin. Nach dessen Tod kehrte sie zu ihrem Stamm zurück und wurde Mutter des späteren Langobardenkönigs Audoin (um 545). Radikunde als Tochter des Bisin wurde mit dem Langobardenkönig Wacho (508-540) vermählt. (Diese Passage ist in der Ausgabe von 1992 nicht enthalten.) Illig [1993a, 41] hält das Geschichtswerk des Paulus Diaconus für eine Fälschung des 10. Jhs.; m.E. sollte sie als eine im 10. oder 11. Jh. entstandene Kompilation aus (glaubhaften) Volksüberlieferungen und echten Texten (z.B. Auszügen aus dem Werk des Gregor von Tours) sowie aus später gefälschten oder unrichtig datierten Texten (z.B. Fredegar und Buch der Päpste) betrachtet werden.

Einen vierten Überlieferungsstrang bot Widukind von Corvey (um 925 – nach 973) in seiner Sachsengeschichte (“Widukindi Rerum Gestarum Saxonicarum libri tres“), in der er ausführlich, aber seltsam verzerrt über den Untergang des Thüringerreiches berichtete. Gattin des Thüringerkönigs “Irminfrid” war auch bei ihm Amalaberga, die er als die einzige legitime Tochter des Frankenkönigs Huga bezeichnete. Letzterem folgte als Herrscher im Frankenreich dessen unehelicher Sohn Thiadrek (Theuderich).

Zum Krieg sei es wegen der Erbansprüche der Amalaberga gekommen. Die Thüringer wurden aber nicht von den Franken, sondern von den Sachsen besiegt, die blutige Entscheidungsschlacht habe an der Burg Skitingi an der Unstrut (allgemein mit der Burg Scheidungen identifiziert) stattgefunden. Topographische und archäologische Untersuchungen haben gezeigt, daß an dieser Stelle eine solche Schlacht mit Sicherheit auszuschließen ist [Andert 171ff]. Widukind berichtete weiter, daß der Frankenkönig Thiadrek nach der Schlacht den Irminfrid durch Iring, einem Gefolgsmann Irminfreds, der durch Thiadrek getäuscht worden war, ermorden ließ. Als Iring sich der Täuschung bewußt wurde, habe er noch an Ort und Stelle seinen Herrn durch Ermordung des Thiadrek gerächt. Hier kann es sich nur um eine Sage handeln. (Im Nibelungenlied – Strophen 2027 bis 2032 – treten bekanntlich Irnfrit von Thüringen und Iring von Dänemark als treue Bundesgenossen der Hunnen auf.)

Keine der zeitgenössischen Quellen weiß etwas von einer Beteiligung der Sachsen am Eroberungskrieg. Tatsache ist aber, daß das nördliche Sachsen-Anhalt danach von (Nieder-)Sachsen besiedelt wurde. Entsprechend seiner politischen Grundtendenz betonte Widukind die seitdem bestehenden engen freundlichen Beziehungen zwischen Sachsen und Franken, obwohl nach den fränkischen Quellen, auf die ich noch eingehen werde, Sachsen und Thüringer gemeinsam gegen die Franken 555/556 gekämpft hatten (Allerdings sprach Widukind [I.14] ganz nebenbei von einem “Treubruch der Franken”, ohne konkret zu werden).

Wichtig ist, daß das Thüringer Königreich auch archäologisch sehr gut bezeugt ist. Ich möchte hier nicht auf Einzelheiten eingehen und verweise auf das reich bebilderte Standardwerk von Behm-Blancke [1973a]. In den Grabfeldern in und um Mühlhausen, Erfurt (Gispersleben), Arnstadt (Dienstedt), Weimar, Oßmannstedt, Merseburg und Stößen/Elbe, um die wichtigsten zu nennen, wurden wertvolle Schmuck- und andere Kunstgegenstände gefunden, die zeigen, in welcher kultureller Blüte sich das Thüringerreich befand. Auch die Kontakte zu den Ostgoten sind gut belegt. In Weimar und Erfurt-Gispersleben wurden viele ostgotische Gewandspangen und anderer Edelmetallschmuck mit ostgotischen Stileinflüssen geborgen.

Daß die Funde in die Zeit des Thüringerreiches gehören, beweisen auch gefundene Zikaden-Fibeln, die denen gleichen, die im Grab des Frankenkönigs Childerich gefunden wurden [Behm-Blancke 45]. Die gefundenen Münzen stammen meist aus der späten Römerzeit, eine bei Eckolstädt gefundene Goldmünze (Solidus), die als Anhänger getragen wurde, ist vom oströmischen Herrscher Leo I. (457-474) geprägt worden [ebd, 163]. Ein Silberlöffel, der in einem Frauengrab in Weimar gefunden wurde, trägt die Aufschrift “Basinae”, was auf die Ehefrau des Bisin und Mutter des Chlodwig hindeutet [ebd, 166f].

Hinzu kommen archäologische Funde (Fundamente größerer Gebäude) in der uralten Siedlung Weimar, wo auch die wertvollsten Schmuckgegenstände entdeckt wurden, so daß von vielen Archäologen vermutet wird, daß sich hier der Hauptsitz der Thüringer Könige befand. Andert [80ff, 189ff] sucht diesen im Unstruttal (Herbsleben hieß zunächst Herifridesleiben, was auf ein ursprüngliches Her-mina-frides-leiben hindeutet). Er bemühte sich sehr intensiv, aber leider erfolglos, um eine Ausgrabungserlaubnis [Andert 7ff]. Unter diesen Umständen möchte ich mich hier nicht auf Spekulationen einlassen.

3. Thüringen nach 531: Die Schriftquellen

Ich bin etwas ausführlicher auf das Thüringer Königreich eingegangen, um deutlich zu machen, daß die thüringische Geschichte bis 531 sehr gut schriftlich und archäologisch belegt ist. Um so trostloser ist die Quellenlage für die folgenden Jahrhunderte.

Das beginnt schon mit dem Geschichtswerk des Gregor von Tours, das die Zeit bis 591 behandelt. Gregor gab zwar ein anschauliches Bild von den selbstzerstörerischen Bruderkriegen der Merowinger, wußte aber über die gleichzeitige Geschichte der Thüringer ab 531 so gut wie nichts zu berichten. Eigentlich erwähnte er nur einen Aufstand, der 555 stattgefunden haben soll:

“In diesem Jahre wurden die Sachsen aufständig, und der König Chlothar führte sein Heer gegen sie und verheerte den größten Teil ihres Landes, indem er auch ganz Thüringen durchzog und verwüstete, deshalb, weil sie den Sachsen Beistand gewährt hatten.” [Gregor IV.10]

In der mir vorliegenden Gregor-Ausgabe kommentierte der Herausgeber Giesebrecht [Bd. I, 159, Anm.] diese Stelle wie folgt:

“Marius von Avenches, der eine Chronik, die mit dem Jahr 581 schließt, schrieb, Gregors Zeitgenosse, giebt [sic !] zwei Züge Chlothars gegen die Sachsen an, den ersten i.J. 555, den zweiten 556. Die Verheerung Thüringens setzte er mit dem zweiten Zug in Verbindung,”

Gregor [IV.18] schilderte den zweiten Sachsenfeldzug als sehr blutig, aber keineswegs erfolgreich für die Franken:

“Doch als es zur Schlacht kam, wurden sie [die Franken; K.W.] von den Feinden unter gewaltigem Blutvergießen auf das Haupt geschlagen, und eine so große Menge fiel auf beiden Seiten, daß niemand sie schätzen oder berechnen kann. Darauf bat der König sehr beschämt die Sachsen um Frieden, nicht aus seinem Willen, sagte er, sei er gegen sie in den Krieg gezogen. Und als er den Frieden erhalten hatte, zog er heim.”

Es ist anzunehmen, daß es sich bei diesem Ereignis um den von Widukind [I.14] dezent angedeuteten “Treubruch der Franken” handelt. Meines Wissens ist dieser von Gregor geschilderte Sachsenkrieg in der kritischen Literatur noch nicht erörtert worden. Ich bin davon überzeugt, daß es sich hier um nichts anderes handelt als den, noch den Tatsachen entsprechenden, Urbericht, aus dem die Sachsenkriege Karls des Großen geformt worden sind.

Da diese Ereignisse, wenn man von 297 Phantomjahren ausgeht, sowohl in den Jahren 555/556 wie auch in den Jahren 852/853 stattfanden, können die Erinnerungen an die blutigen Ereignisse im Volk noch lebendig gewesen sein, daß sie den Schöpfern der Karls-Viten als Bausteine gedient haben. Auch Wittekind könnte der damalige Sachsenführer gewesen sein; immerhin wird er schon im Geschichtswerk des Widukind von Corvey [I. 31], das vor den großen Fälschungen unter Otto III. entstanden ist, erwähnt.

Der zitierte Bericht des Gregor über die Jahre 555/556 macht deutlich, daß auch danach Sachsen ein selbständiges Stammesherzogtum blieb, und bestätigt die spätere Darstellung des Widukind von Corvey, daß das frühe deutsche Reich auf dem Weg der Vereinigung selbständiger Stammesherzogtümer (Sachsen, Franken, Thüringer, Bayern und Alemannen) entstanden ist. Zu ergänzen ist, daß Sachsen auch nach 555/556 Raubzüge nach Italien und Gallien unternommen haben [Gregor IV.42].

Während die Geschichte des Frankenreiches bis 591 dank Gregor von Tours noch einigermaßen glaubhaft überliefert ist, kann man dies für das 7. Jh. beim besten Willen nicht behaupten.

Als wesentliche Schriftquelle gilt eine Chronik, die seit dem 16. Jh. [Wattenbach-Levison I,109] einem “Scolasticus Fredegar“, dessen Name vorher nicht bekannt war, zugeschrieben wird. Es ist ein sehr dubioses Geschichtswerk (“Chronicarum quae dicuntur Fredegarii Scolastici“), das auch von konventionellen Historikern durchweg abwertend eingeschätzt wird.

Der Inhalt ist verworren, nicht einmal die historische Reihenfolge des Geschehens ist eindeutig auszumachen (datiert wird nach den Regierungsjahren der fränkisch-burgundischen Könige), wozu noch viele innere Widersprüche kommen. Am Haupttext sollen nach textkritischen Analysen nacheinander vier Chronisten “gearbeitet” haben. Der erste Verfasser schrieb nach dieser Analyse lediglich ein “Handbuch der Weltgeschichte“, das zeitlich etwa 613 endete. Der zweite fügte einen Auszug aus den ersten sechs Büchern des Gregor von Tours bei und setzte das “Werk” bis 642 fort, wobei er auch den Urtext durch allerlei Fabelgeschichten ergänzte. Der dritte fügte weitere Ergänzungen an, ohne über das Jahr 642 hinauszugehen. Der vierte tat das gleiche [Wattenbach-Levison 110f]. Die ersten drei Bücher behandelten den Zeitraum bis zum Ende des 6. Jhs., lediglich im 4. Buch wurde die erste Hälfte des 7. Jhs. behandelt.

Das Werk wurde später durch andere Autoren “fortgesetzt”, d.h. um die Karolingerlegende ergänzt und noch mehrfach “bearbeitet”, wodurch die “chronologische Verwirrung” [Wattenbach-Levison II.162] noch gesteigert wurde.lllig [1996b, 142] betrachtet offenbar das gesamte “Werk”, Pichard zitierend, als Fälschung:

“Fredegar und seine zwei, drei oder gar vier Fortsetzer sind so dunkel, daß sie auch schon als humanistische Arbeit des 16. Jahrhunderts angesprochen worden sind.”

Ich betrachte die humanistischen Gelehrten als zu intelligent, um ein so primitives, verworrenes Machwerk herzustellen. Das ganze ist m.E., wie das Werk des Paulus Diaconus, eine Kompilation des 11. oder 12. Jhs., wobei echte Überlieferungen “überarbeitet” und durch Wiedergabe erfundener oder halbwahrer Informationen “ergänzt” worden sind. Dabei wurde auch die Methode der ‘Verdopplung’ von Königen, die schon im Alten Orient gebräuchlich war, angewandt. Ich gehe aber davon aus, daß ein echtes Grundwerk vorhanden war und daß die “Fortsetzer” zwar ein erfundenes 7. Jh. boten, aber auch Ereignisse des 6. Jhs. in den neuen Text einbauten. Ich werde in den folgendenm Abschnitten dieses Beitrages versuchen, die sich auf Thüringen beziehenden Passagen des “Fredegar” unter diesem Aspekt zu analysieren,

Es gibt auch ein Parallelwerk zu Fredegar, die “Taten der Frankenkönige” (Liber historiae francorum), das bezeichnenderweise von der Wissenschaft kaum zur Kenntnis genommen wird, weil der Verfasser eine ganz andere Chronologie als “Fredegar” bietet:

“Fredegars Chronik war ihm nicht bekannt, und soweit diese reicht, ist sein Werk nicht zu benutzen. [...] Die wenige Zeitangaben bedürfen teilweise der Berichtigung aus den Königslisten, die namentlich in Verbindung mit der Lex Salica überliefert und für die Chronologie der späteren Merowinger wertvoll sind” [Wattenbach-Levison I.115].

Das herrschende Chronologiesystem des 7. bis 9. Jhs. beruht somit auf den in der Nach-Phantomzeit erfundenen Königslisten!

“Fredegar” und seine “Fortsetzer” wurden chronologisch ergänzt durch die fränkischen Reichsannalen, die faktisch eine “Familienchronik des Karolingischen Hauses” [ebd, II.162] darstellen und die getrost als Fälschung des 11. oder 13. Jhs. betrachtet werden können. Im übrigen enthalten diese Annalen auch kaum Hinweise auf Thüringen, sonst wären sie von den Thüringen-Historikern längst ausgewertet worden (Dobenecker brachte keine Auszüge). Das gleiche gilt für die folgenden Annalen des Einhard (“annales Einhardi“). Ab Ende des 7. Jhs. datieren die verschiedenen Klosterannalen [vgl. Wattenbach 1885, 135ff], die für die Anfangsjahre nur bruchstücksweise erhalten sind und kaum politischen Bezug haben (also auch im 6. Jh. entstanden sein können). In der Erstausgabe seines Werkes zeigte Wattenbach [1885, 134] am Beispiel der Annales S. Amandi auf, daß spätere Passagen, die politischen Bezug haben, dem Text erst nachträglich zugefügt worden sind.

“Die am Eingang stehende Nachricht von der Schlacht bei Tertri 687 ist nachträglich zugesetzt, die regelmäßig fortgesetzten Aufzeichungen beginnen erst 708, und auch von da an möchte ich noch nicht behaupten, daß gleich von Anfang an alles gleichzeitig vorgetragen wäre.”

Daß über 60 Prozent der Königsurkunden aus der Merowingerzeit und viele spätere Kaiserurkunden gefälscht sind, wird kaum noch bezweifelt [Spiegel 29/1998]. Soweit es um die Karolinger selbst geht, hat Illig in seinen zahlreichen Untersuchungen deren Fiktivität so überzeugend bewiesen, daß es hier genügt, auf diese zu verweisen.

Analysiert man die ersten Kapitel des Geschichtswerkes des Widukind, das im 10. Jh., also vor Otto III., entstanden ist, zeigt sich deutlich, daß dieser Autor, obwohl zeitlich nahestehend, die Ereignisse, die sich im 7., 8. und frühen 9. Jh. abgespielt haben sollen, gar nicht gekannt hat.

Zunächst berichtete Widukind, nach einer kurzen Einleitung über die Ursprünge der Sachsen (gemeint sind natürlich die heutigen Niedersachsen) sehr ausführlich in 11 Kapiteln [I.4-14] über die Kämpfe zwischen Sachsen und Thüringern, die mit dem Untergang des Thüringer Königreiches endeten. Ist dieser Bericht, wie dargelegt, auch stark verzerrt, so behandelt er jedenfalls ein Ereignis, das tatsächlich stattgefunden hat. Nach dieser ausführlichen Schilderung, die mit dem diskreten Hinweis auf einen “Treubruch der Franken” (555/556?) endete, ging Widukind fast übergangslos ab Kapitel I.16 auf die späten Ostfrankenkönige (Arnulf, Ludwig) und die Sachsenherzöge des späten 9. Jhs. und nachfolgend auf Konrad I. und Heinrich I. ein, als ob es die (konventionell) dazwischenliegenden 350 Jahre nicht gegeben hätte! Lediglich in dem kurzen, nur aus drei Sätzen bestehenden Übergangskapitel I.15 wird der “große Karl” erwähnt, der “teils durch sanfte Überlegung teils durch kriegerischen Angriff” es schaffte, daß die Sachsen, “welche einst Bundesgenossen und Freunde der Franken waren, nun Brüder und gleichsam ein Volk durch den christlichen Glauben” wurden.

Es handelt sich hier offensichtlich um eine spätere Interpolation, Dafür spricht schon, daß dieses Kurzkapitel in keinerlei Zusammenhang zu dem vorhergehenden 14. und dem folgenden 16. Kapitel steht. Das Werk des Widukind ist nur in Handschriften zwischen 1220 und 1250 erhalten geblieben, die nicht identisch sind. Die Urfassung ging verloren, so daß nur Vermutungen über den ursprünglichen Inhalt des Kapitels 15 geäußert werden können. Es könnte Informationen über Chlothars Beziehungen zu den Sachsen enthalten haben, die dann auf den “großen Karl” übertragen worden sind. Das 16. Kapitel beginnt mit einer seltsam klingenden Bemerkung, die sich auf das Jahr 900 bezieht:

“Als der letzte der Karolinger, welche bei den Ostfranken herrschten, wurde Ludwig dem Arnulf, einem Brudersohn Karls, des Urgroßvaters Königs Lothars, der jetzt regiert, geboren”.

Widukind (oder ein späterer “Bearbeiter”) meinte den westfränkischen König Lothar (954-986), der als Urenkel von Karl dem Kahlen (konv. 840-877) gilt. Er identifizierte letzteren offensichtlich mit Karl dem Dicken (konv. 885-888), dem Onkel König Arnulfs (887-899). An anderer Stelle [I,28] nannte er Karl als einen der Söhne Kaiser Ludwigs (bei Widukind: “Hluthovichs, des Sohnes Karls des Großen”), dem nach der Reichsteilung und dem Wegsterben seiner Brüder das ganze Reich zufiel, ehe er vom Arnulf verdrängt wurde, der sich nach dessen Tod “sein ganzes Reich” aneignete. Er identifizierte auch Lothar I. und II. sowie Ludwig den Jüngeren mit Ludwig dem Kind, so daß hier offensichtlich eine frühe und chronologisch noch kurze Fassung der Ostfrankenlegende vorliegt.

Diese wurde wahrscheinlich geschaffen, um darzulegen, daß die ostrheinischen Stämme schon vor ihrer Vereinigung in einem einheitlichen Reich gelebt hatten; das neue Reich wurde so auch historisch legitimiert. In der vorliegenden Fassung der “Sachsengeschichte” wird der “große Karl” noch zweimal kurz erwähnt. In beiden Fällen bin ich überzeugt, daß in der Urfassung ein anderer Name stand:

“Und diese [Mathilda, die zweite Frau Heinrichs I, und deren Ahnen; K.W.] waren aus dem Stamme des großen Herzogs Widukind, welcher einen gewaltigen Krieg gegen den großen Karl fast dreißig Jahre führte” [I.31].

Von einer Niederlage Widukinds (Wittekinds) ist nicht die Rede, so daß ich empfehle, den Namen Karl durch den Namen Chlothar (I.) zu ersetzen. Im Kapitel 19 heißt es, daß “Karl der Große” die Awaren besiegt habe. Auch diese Stelle erinnert an den Sieg des Königs Sigibert I. (angeblich nach 562), auf den ich noch zu sprechen komme. Der Fälscher, der Widukinds Werk “leicht” überarbeitet hat, war offensichtlich noch ungeschickt. Er übersah Stellen, die gar nicht in seine Konzeption paßten. So wurde der Sieg Ottos I. 955 über die Ungarn am Lechfeld wie folgt gewürdigt: “Denn eines solchen Sieges hatte sich keiner der Könige vor ihm in 200 Jahren erfreut” [III.49]. Diese Feststellung besagt eindeutig, daß Widukind tatsächlich von der Existenz Karls des Großen nichts geahnt haben kann, sonst hätte er eine andere Zahl nennen müssen. Die Äußerung bekommt nur einen Sinn, wenn man von der Phantomzeit (297 Jahre) ausgeht. Dann kommt man auf das Jahr 458. Die Schlacht auf den Katalaunischen Feldern, in der Aethius im Bunde mit germanischen Königen die Hunnen unter Attila schlug, fand bekanntlich 451 statt. (Geringfügige Abweichungen von seinen angenommenen Phantomjahren räumt Illig bekanntlich ein; auch hat Widukind offensichtlich eine “runde” Zahl genannt). Widukinds Charakteristik Ottos I. [II.36] ähnelt auffallend der des “großen Karls”, so wie sie (Pseudo-)Einhard gezeichnet hat. Ansonsten hat letzterer fleißig römische Autoren, wie den Sueton, kopiert.

Diese grundlegenden Bemerkungen zu den einschlägigen Schriftquellen waren nötig, damit der Leser die Analysen in den folgenden Abschnitten dieses Beitrages nachvollziehen kann. Davor möchte ich jedoch noch grundsätzlich auf den archäologischen Befund für die Zeit nach 531 in Thüringen eingehen.

4. Thüringen nach 531: Archäologischer Befund

Die 531 eindringenden Franken sollen in Thüringen Befestigungsanlagen errichtet haben. Der Archäologe Berthold Schmidt [1983, 547] schrieb hierzu folgendes:

“Durch archäologische Funde sind die Hasenburg bei Großbodungen, Kreis Worbis, und die Sachsenburg, Kreis Artern als fränkische Befestigungen ausgewiesen.”

Die Hasenburg wurde um 1070 an der alten thüringisch-sächsischen Stammesgrenze von Kaiser Heinrich IV. errichtet. Es wurden auf dem Hasenbergplateau Siedlungsspuren aus urgeschichtlicher und fränkischer Zeit gefunden [Hoppe/John 75].

Es ist anzunehmen, daß wegen der strategischen Lage hier schon eine germanische Befestigungsanlage bestand, die von den Franken übernommen, also nicht errichtet worden ist. Behm-Blancke [73] erwähnte auch ganz allgemein, daß sich hier eine fränkische Militärstation befand, ohne dies konkret zu begründen (Stattdessen verwies er auf einige fränkische Kriegergräber, die an anderen Orten Thüringens ausgegraben wurden). Greifbar ist für mich nur der Schatz, der in einem Kartoffelacker bei Großbodungen gefunden wurde und der aus römischen Münzen, geprägt zwischen 350 und 423, und Resten von zerhackten römischen Silbergefäßen und einer Silberplatte besteht [Andert 34; B. Schmidt, Tafel 59]. Die Sachsenburgen (Hakenburg und Sachsenburg) an der Thüringer Pforte (nördlich der Unstrut) waren ebenfalls Grenzfestungen, die erstmals 1247 urkundlich erwähnt wurden. Das Gelände um die Sachsenburgen wurde von Zschieche untersucht und vermessen, wobei er feststellte, daß das gesamte, 136 Morgen große Gebiet durch Gräben und Wälle eine einzige, in sich geschlossene Anlage bildete. In dem von ihm geöffneten Grabhügel stieß er, wie andere bereits vor ihm, auf Funde (Scherben und Waffenreste) aus allen zeitlichen Epochen, von der Steinzeit bis ins hohe Mittelalter [Andert 120 ff]. Es handelt sich somit um eine uralte Befestigungsanlage, die aber nachweisbar auch von den Franken zeitweilig besetzt worden war:

“Neben zahlreichen fränkischen Waffenresten auf der Burg fand man am Fuße der Sachsenburgen zwei merowingische Goldmünzen. Auf der einen ist ein sonst unbekannter Münzmeister aus Constantio, dem heutigen französischen Coutanes [wohl Coutances; K.W.], vermerkt, die zweite Münze trägt das Portrait des Merowingerkönigs Childebert III., der in den Jahren 695 bis 711 regierte” [Andert 122f].

Natürlich trug die Münze keine Ordnungszahl des Herrschers, so daß genausogut Childebert II. (575-595/596)) oder (für mich wahrscheinlicher, da ich einen Zusammenhang zu dem noch zu erörtenden Feldzug des Sigibert gegen Herzog Radulf sehe) Childebert I. (511-558) in Betracht kommen. Umweit der Sachsenburgen befindet sich die Monraburg, wo ebenfalls fränkische Kriegerspuren gefunden wurden. In einer Kiesgrube bei Steinthalleben, auch in der Umgebung, wurden 1959/1960 Gräber fränkischer Krieger mit voller Waffenausrüstung gefunden [Andert 123]. Solche fränkische Kriegergräber sind auch aus anderen Stätten Thüringens überliefert, so in Mühlhausen [Andert 56], in Niederwillingen bei Arnstadt [Caemmerer 1956, 78, Anm. 503] und in Wandersleben bei Gotha [ebd, 78, Anm. 503a]. Umweit der Altenburg bei Weißensee wurde sogar ein kleiner fränkischer Friedhof mit acht Kriegergräbern ausgegraben [Andert 111ff]. Die fränkischen Kriegergräber ließen sich leicht von thüringischen unterscheiden:

“Der fränkische Krieger trug zwei dem Thüringer Krieger ungewohnte typisch fränkisch-merowingische Waffen: die lange, dem römischen Pilum nachgebildete Hasenlanze (ango) und die Wurfaxt (francisca)” [Caemmerer 1956, 76; vgl. Andert 56].

Diese Gräber und Fundstücke bestätigen, daß Thüringen im 6. Jh. zeitweilig von Franken besetzt war; eine weitere Besetzung noch im 7. und 8. Jh. kann mit ihnen aber nicht bewiesen werden. Verfechter der letztgenannten Behauptung können sich nur auf Vermutungen stützen, die letztlich nur mit falsch datierten Dokumenten gerechtfertigt werden. So stellte B. Schmidt [1983, 547] Vermutungen an, wo sich noch fränkische Befestigungen befunden haben könnten. Er wies auf Schriftquellen, insbesondere auf die Heden-Urkunde von (angeblich) 704 und die Bonifatiusbriefe (alle diese Urkunden werde ich noch analysieren) hin, kam aber zu seinem offensichtlichen Bedauern zu dem Ergebnis, daß diese schriftlichen Hinweise keine archäologische Bestätigung gefunden haben. Auch sonst konnte er nicht auf archäologische Funde hinweisen, die eindeutig dem 7. und 8. Jh. zuzuordnen sind. Wie alle anderen Archäologen betonte er die ausgesprochene Fundarmut, soweit es um diese Jahrhunderte geht, wobei er besonders auf Erfurt, auf das ich noch zu sprechen komme, hinwies [ebd].

Aufschlußreicher sind die mir vorliegenden Berichte über entdeckte Grabfelder, besonders in und um Mühlhausen und Weimar. Wie aus den kostbaren Grabbeilagen hervorgeht, war Mühlhausen ein bedeutender altthüringischer Adelssitz, möglicherweise sogar der Sitz eines Thüringer Teilkönigs. Wegen seiner strategischen Bedeutung (Unstrutfurt) ist dieser bestimmt nach 531 von den Franken besetzt worden. Der heutige Ortsname ist fränkisch. In einer allerdings stark umstrittenen Schenkungsurkunde, angeblich auf 775 datiert (sie wird Karl dem Großen zugeschrieben und gilt als Ersterwähnung der Stadt) heißt es “mulinhuso, ubi franci homines commanent” (Mühlhausen, wo Franken wohnen). Es wurde hier auch das Grab eines fränkischen Kriegers, erkennbar an der Francisca, gefunden. Ihm hatte man den Schädel eingeschlagen [Andert 56].

Umweit von Mühlhausen, insbesondere bei Ammern und bei Görmar wurden mehrere Grabfelder entdeckt. Alle Archäologen ordnen sie der Zeit des Thüringer Königreiches zu. Dafür sprechen der Bestattungsstil (z.B. Reihengräber) und die reichlichen Grabbeigaben [Abbildungen bei Behm-Blancke 1973a passim]. Bei Ammern wurden zwei typisch altthüringische Gräberfelder gefunden, die zusammen über 30 Gräber bargen. Nur einige Meter entfernt entdeckte man ein anderes, wesentlich größeres Gräberfeld, das aus über 150 Gräbern besteht. Es wird als “thüringisch-fränkisch” bezeichnet und, ohne weitere Begründung, dem 7./8. Jh. zugeordnet [Andert 54]. Als einzigen Beleg für den “fränkischen” Charakter des letzten Grabfeldes fand ich in der Literatur die Angabe, daß dort eine “große, mit Glassteinen sowie mit Filigran üppig verzierte fränkische Goldscheibenfibel” gefunden wurde, die ähnlichen Fibeln entsprach, die im Gräberfeld Kaltenwestheim und auf der Bockhornschanze bei Quedlinburg geborgen wurden (Behm-Blancke [1973a, 68; 180, dazu Abb. Nr. 138, 139] betonte allerdings, daß es sich um ein “aus dem Westen importiertes Schmuckstück” handele). Das Grabfeld selbst trug allerdings eindeutig thüringischen Charakter:

“Ein Vergleich dieser drei Gräberfelder ergibt aber über zweihundert Jahre keine wesentliche Änderung der Grabsitten, der Beschaffenheit der Skelette und der Beigaben. [...] Auf allen drei Friedhöfen fand man Gräber, die wertvolle Waffen und kostbaren Schmuck enthielten. Das zeigt, daß im Lebensstandard des Thüringer Adels nach der Eroberung durch die Franken sich zunächst [? K.W.] nicht viel geändert haben kann” [Andert 54].

Auch die anderen Grabstätten in und um Mühlhausen bieten kein anderes Bild. Zu erwähnen ist, daß in den Grabfeldern auch Münzen gefunden wurden (Es war Sitte, den Toten Münzen in den Mund zu legen). Es fand sich keine einzige fränkische Münze. Im Mühlhäuser Gräberfeld wurde ein Solidus des Honorius (393-423) und ein Solidus des Anasthasius (491-518) gefunden [Andert 56]. All dies erhärtet meine These, daß es sich nur um Grabfelder des 6. Jhs. handeln kann. Weitere Funde wurden in und um Mühlhausen bis ins 10. Jh. nicht gemacht.

Aufschlußreich sind auch die Ausgrabungen, die in Weimar, von dem dort ansässigen Thüringer Museum für Ur- und Frühgeschichte durchgeführt wurden (schon aus diesem Grund ist anzunehmen, daß sie besonders sorgfältig waren). Wie schon dargelegt, wurden auf dem Nordfriedhof ausgedehnte Gräberfelder des Thüringer Königreiches mit wertvollen typischen Grabbeilagen gefunden. Diese Bestattungen wurden auch nach dem Untergang des Thüringerreiches fortgesetzt und trugen weiterhin eindeutig thüringischen Charakter. Dann kam das Ende:

“Auf dem Gräberfeld Weimar-Nord brach im frühen 7. Jahrhundert die Belegung ab” [Behm-Blancke 1975, 47].

Auch im übrigen Weimar wurden keine Grabstätten mehr gefunden. Weimar ist eine der ältesten Siedlungen Thüringens, die bis zum Anfang des 7. Jhs. archäologisch sehr gut belegt ist. In der Folgezeit müssen aber die Bewohner ihre Stadt verlassen haben, denn sie hinterließen keinerlei späteren Spuren. Nur widerstrebend weisen die Archäologen hierauf hin, wobei sie diese Besiedlungslücke nur mühsam zu kaschieren versuchen:

“Nur einige im Bereich der Jakobsvorstadt gefundenen Scherben aus dem achten bis neunten Jahrhundert deuten an, daß die völkerwanderungszeitliche Siedlung am Brühl und längs der Ilm bis zur frühdeutschen Zeit weiterbestand” [Blehm-Blancke 1975, 47].

Unerwähnt ließ aber Behm-Blancke, warum er diese Scherben gerade ins 8. und 9. Jh. datiert hat! Nach dem Ende der Phantomzeit wachte auch Weimar aus seinem Dornröschenschlaf wieder auf. Nunmehr fanden sich auch wieder archäologische Spuren und Grabstätten, die urkundliche Ersterwähnung erfolgte allerdings erst 975. Anscheinend hatten die Fuldaer und Hersfelder Klosterverwaltungen kein Interesse an Gütern in Weimar.

Auf die Keramikfunde bin ich noch nicht eingegangen; hierzu werde ich mich kurz fassen. Behm-Blancke ging ausführlich auf die zahlreichen Keramikfunde bis zum Ende des Thüringerreiches ein. Schmidt [1983, Tafel 57] beschrieb noch thüringische Keramik des 6. Jhs., die in und um Merseburg, Naumburg und Hohenmölsen (heute südliches Sachsen-Anhalt) ausgegraben wurde.

Dann brachen auch diese Funde ab. Als einziger Beleg für die folgenden Jahrhunderte gelten doppelkonische Schalen und Krüge, die als typisch fränkisch bezeichnet werden und die allerorts in Thüringen gefunden wurden. Allerdings wird auch angegeben, daß es sich um Importe aus dem Westen handeln muß, die von einheimischen Töpfern nachgeahmt wurden [Behm-Blancke 1983, 173]. Es gibt keinen überzeugenden Grund, diese dem 8. oder 9. Jh. zuzuordnen, zumal solche genauen Zuordnungen gar nicht möglich sind. Keramikforscher sind längst zu der Erkenntnis gekommen, daß zwischen (angeblich) Jahrhunderte auseinanderliegenden Stücken nicht unterschieden werden kann. (Zur Fragwürdigkeit der chronologischen Einordnung von Keramikfunden der Frankenzeit vgl. Niemitz [1994, 40ff].)

Um eine gewisse Seitenzahl nicht zu überschreiten, konnte ich mich nur auf Schwerpunkte beschränken, hoffe aber, überzeugend aufgezeigt zu haben, daß archäologisch gesehen auch Thüringen im frühen 7. Jh. in eine Phantomzeit eingetreten ist.

5. Thüringen um 600 (= 900)

Der archäologische Befund läßt nur den Schluß zu, daß Thüringen nur relativ kurz unter unmittelbarer fränkischer Herrschaft stand. Auch die Schriftquellen besagen nichts anderes, so daß manche (wenn ich zwischen den Zeilen lese, fast alle) Historiker nur noch von einer nominellen Oberherrschaft über das sonst selbständige Thüringen sprechen. Tille [3] brachte diese Erkenntnis wie folgt zum Ausdruck:

“Aber im ganzen kann von Bedrückung und starkem fränkischen Einfluß nicht die Rede sein, und ausgesprochen fränkische Funde sind nicht gemacht worden.”

Mitunter wird als Gegenargument der “Schweinezoll” erwähnt, der den Thüringern 531 auferlegt und erst 1002 durch Kaiser Heinrich II. erlassen worden sei. Jonscher [12] schrieb z.B.:

“Zum Zeichen der Unterwerfung war ein jährlicher Tribut an die Franken in Form von Schweinen zu entrichten, was als besonders demütigend galt”.

Es erstaunt schon, daß ein solcher Tribut über fast 500 Jahre ununterbrochen entrichtet worden sein soll. Tatsächlich gibt es vor 1002 auch keinen einzigen Beleg für einen solchen Zins, so daß davon auszugehen ist, daß es sich um eine reine Erfindung handelt. Diese Mär wurde wahrscheinlich aus politischen Gründen in die Welt gesetzt. Ekkehard I., seit 995 Herzog von Thüringen und Markgraf von Meißen [vgl. Thietmar von Merseburg V.7], hatte sich gegen Heinrich II. 1002 vergeblich um die Kaiserkrone bemüht und wurde anschließend ermordet.

Die politische Situation im Frankenreich des späten 6. Jhs. wird sehr eingehend in der vor 613 entstandenen Grundversion des “Fredegar” geschildert. Enge Verwandte und sogar Brüder kämpften in blutigen Kriegen gegeneinander, wie nach 600 Theuderich II. und Theudebert II., beide als Brüder Enkel der Brunechild, sowie Chlothachar/Chlothar II., der Sohn der Fredegunde.

Illig [1992b, 79] sprach zu Recht von einer “Selbstvernichtung der Merowinger”. Zum 16. Regierungsjahr des Burgunderkönigs Theuderich (konvent. 610/611) heißt es bei “Fredegar” :

“Theuderich marschierte nun gegen Theudebert, der auf der Walstatt von Toul besiegt wurde und floh. Hierauf brachte Theudebert aus Sachsen, Thüringern und anderen Stämmen von der anderen Seite des Rheines ein zweites Heer zusammen, erlag aber wiederum” [IV.39].

In der Folgezeit (613 ?) sandte Brunechild

“den Sigibert, Theuderichs ältesten Sohn, nach Thüringen. Sie ließ ihn den Hausmeier Warnacher sowie Alboin und andere Großen dorthin nachkommen. Diese sollten die Stämme jenseits des Rheins zum Widerstand gegen Chlothachar aufreizen.” [IV.41]

Ich möchte es hier dahingestellt sein lassen, ob diese Geschehnisse richtig dargestellt wurden (ein Bearbeiter fügte hier Arnulf und Pippin, die Urahnen der Karolinger ein) und ob die Chronologie stimmt (es wurden im Urtext noch keine absoluten Jahreszahlen genannt). Wichtig ist in unserem Zusammenhang, daß auch nach diesem Text Thüringen um 600 als ein selbständiger, den Sachsen ebenbürtiger Stamm galt. Die Franken konnten in Thüringen keine Krieger aufbieten, sondern waren gezwungen, Söldner anzuwerben. Geht man von dem Phantomzeit-Konzeption aus, bestand die gleiche Situatiom unmittelbar vor dem Beginn und unmittelbar vor dem Ende der Phantomzeit, worauf, im Hinblick auf das gesamte Frankenreich, Illig [1992b] schon mehrfach hingewiesen hat. Dies geht auch deutlich aus den Urkunden der letzten “ostfränkischen” Königen hervor. So heißt es in einer Urkunde, die König Ludwig (das Kind) 903 ausgestellt haben soll, daß eine Einziehung von Grundbesitz “nach dem Urteil der Franken, Alamannen, Baiern, Thüringer und Sachsen” erfolgt  sei [Dobenecker Nr. 307]. Diese Stammesherzogtümer bestanden schon im 6. Jh. und schlossen sich nach 919 zum “Ersten Reich” der Deutschen zusammen.

6. Herzog Radulf von Thüringen

Ich gehe davon aus, daß im “Fredegar”-Text auch historische Ereignisse geschildert werden, die sich tatsächlich schon im 6. Jh. ereignet haben. Um die Phantomzeit mit Ereignissen zu ‘füllen’, erfolgte m.E. auch eine Verdopplung von Herrschern und es wurden Taten der im 6. Jh. tatsächlich wirkenden Frankenherrscher in die folgenden Jahrhunderte versetzt. (Jeder Phantasie sind immerhin Grenzen gesetzt !) Dazu rechne ich alle Texte des “Fredegar”, die sich auf den Slawenkönig Samo und den Thüringerherzog Radolf beziehen. Interessant sind drei Passagen des Buches IV. In der ersten Passage [IV.48] wird berichtet, daß im 40. Regierungsjahr des Frankenkönigs Chlothaher (konvent. Chlothar II., also 623/624) sich die Slawen “gegen die Hunnen (Chuni), die man Awaren (Abari) nennt”, erfolgreich erhoben und in Böhmen “unter dem “fränkischen Kaufmann” Samo ein Königreich errichtet hätten.

Die Sorben in Ostthüringen unter Dervan(us) hätten sich ihnen angeschlossen [IV.68]. Geht man davon aus, daß dies im 40. Regierungsjahr des Chlothar I. (511-561), also nicht unter Chlothar II., geschehen ist, kommt man auf das Jahr 551 ! Gab es aber damals schon Slawen in Böhmen und Ostthüringen ?

Im Standardwerk “Die Slawen in Deutschland” [Herrmann 1970] wurden zahlreiche archäologische Belege für die ersten Slawensiedlungen vorgelegt, aber nicht datiert. Der Herausgeber Herrmann [ebd, 14ff] vertrat die Ansicht, daß eine Datierung nur nach den Schriftquellen erfolgen kann und hielt deshalb ein Eindringen von Slawen vor Mitte des 7. Jhs. für ausgeschlossen. Seine einzige Richtschnur bildete natürlich die dubiose Chronologie des “Fredegar”. Im gleichen Band [25ff] meldete jedoch Walther gegen die Auffassung seines Herausgebers gelinde Zweifel an und hielt sogar eine Ansiedlung von Slawen in der Mitte des 6. Jhs. für möglich! Hätte Herrmann den “Fredegar” besser studiert, hätte schon er merken müssen, daß auch in dessen Text davon ausgegangen wird, daß “ansässige” Slawen sich gegen die Awaren erhoben hatten. Es heißt sogar wörtlich, daß die Sorben,

“die seit alters zum fränkischen Reich gehört hatten, unter ihrem Herzog (dux) Dervanö sich Samo angeschlossen hätten” [IV.68] !

Nicht unerwähnt soll in diesem Zusammenhang bleiben, daß schon zur Zeit des Kaisers Justinian (527-565) slawische Stämme Byzanz angriffen und die Balkanhalbinsel zu großen Teilen besiedelten [Ostrogorsky 1952, 59ff]. Herrmann hat auch keinerlei Verwunderung darüber geäußert, daß der Stamm der Sorben, der in Thüringen östlich der Saale siedelte, schon so früh in einer Schriftquelle auftauchte, selbst wenn man wie “Fredegar” vom 7. Jh. ausgeht. In den anderen Quellen wird dieser Stamm erst ab dem 9. Jh. erwähnt ([Herrmann 202]; natürlich beziehen sich alle Belege auf das 6. und das 10. Jh., ohne daß es eine Zwischenzeit gab).

In der zweiten einschlägigen Passage des “Fredegar” [IV.68] wird berichtet, daß zum Kampf gegen die Sorben unter Derwan im 8. Regierungsjahr des Dagobert I. (konvent. 630/631; den Namen gab es auch im 6. Jh., vgl. Gregor [V.34]) ein Sigibert (III.) zum Mitregenten im östlichen Frankenreich (“Austrasia”) bestimmt worden sei. Dieser war nach der Fredegar-Legende zwar nur Mitregent, gebärdete sich aber bald wie ein Alleinherrscher (vgl. z.B. die Unterwerfung des Fara [IV.77]). Ich setze ihn mit Sigibert I. (561-575) gleich. Gleichzeitig mit Sigibert wurde der Adlige Radulf zum Herzog (dux) der Thüringer eingesetzt. Nach dem Bericht besiegten Sigibert und Radulf dann auch die Sorben [IV.68]. Anschließend gelang es Radulf, der sich auf den thüringischen Adel stützte, eine selbständige Machtbasis aufzubauen. Er hatte viele Sympathisanten im Frankenreich, seine Beziehungen reichten bis zum Königshof [IV.77]. Hochinteressant ist die sehr lange dritte einschlägige Passage des “Fredegar” [IV,77]. Hier heißt es, daß sich der Thüringerherzog Radulf bald unabhängig vom Frankenreich gemacht hat. Dies soll im 8. Regierungsjahr des Sigibert (stets ohne Ordnungszahl), nach meiner These also etwa 569, geschehen sein:

“Als Sigibert im 8. Jahr König war, empörte sich der Herzog Radulf von Thüringen mit Macht gegen ihn. Da entbot Sigibert alle seine austrasischen Mannen ins Feld und zog mit ihnen über den Rhein.” [IV.77]

Dieser Sigibert hatte somit seinen Königssitz westlich des Rheins, wie es auch bei Sigibert I. der Fall war. Zunächst zog er aber nicht nach Thüringen, sondern kämpfte gegen “Fara, Chodoachs Sohn, der mit Radulf im Einverständnis war”, den er schließlich besiegte und tötete. Erst dann drangen seine Mannen in Thüringen ein:

“Die Großen und alle Leute des Heeres gaben sich die Hand darauf, daß keiner dem Radulf das Leben schenken wolle. Daraus wurde jedoch nichts. Wie Sigibert mit seinem Heer in Eile durch die Buchonia zog, verschanzte sich Radulf in einem durch Holz befestigten Lager auf einem Berg über dem Fluß Unstrut in Thüringen, zog von allen Seiten soviel Mannschaft, wie er konnte, hier zusammen und setzte sich mit Weib und Kind in seinem Bollwerk fest, zur Verteidigung bereit. Als Sigibert mit seinem Heer dahin kam, schloß er die Festung von allen Seiten ein. Radulf saß drinnen, vortrefflich zum Kampf gerüstet.”

Sigibert war aber der Lage nicht gewachsen:

“Doch dieser Kampf wurde planlos begonnen, daran war die Jugend König Sigiberts schuld; denn die einen wollten noch am gleichen Tag zur Schlacht rücken, die anderen erst am nächsten, und so kam es nicht zum gemeinsamen Entschluß.”

Wie üblich, wurde Radulf sein schließlicher Sieg nicht nur seiner Tüchtigkeit zugerechnet. Es soll Verräter in den eigenen Reihen gegeben haben:

“Der Herzog Bobo von Arverna mit einem Teil von Adalgisels Mannschaft, Anovalans, der Graf des Sogiontinischen Gaus, mit seinen Leuten und ein großer Teil des übrigen Heeres rückten sofort an das Tor der Festung gegen Radulf zum Kampfe vor. Dieser aber hatte von einigen Herzögen in Sigiberts Heer die Zusage erhalten, daß sie ihn nicht ernsthaft angreifen, und brach nun aus seiner Festung hervor, fiel über Sigiberts Heer her und brachte ihm eine furchtbare Niederlage bei. Die Mainzer hatten sich in diesem Kampf als treulos erwiesen.”

Die Heerführer unterstanden somit nicht der Kommandogewalt des Königs. Ihre Namen zeigen, daß auch Adlige aus dem westlichen Frankenreich dabei waren, die heutige Auvergne hieß damals “Arverna”. Gregor [V.39; VI.45] nannte mehrfach einen Herzog Bobo, der allerdings im 6. Jh. gewirkt hat. Grimoald könnte des Urbild des Grimoald (Sohn Pippins des Älteren) der Karolingerlegende gewesen sein. Die Größe der Niederlage Sigiberts kommt im Text sehr deutlich zum Ausdruck:

“Viele tausend Menschen sollen durch das Schwert gefallen sein. Radulf kehrte siegreich in seine Festung zurück. Sigibert aber mit seinen Getreuen war schwer betrübt, er saß auf seinem Pferd, und mit Tränen in den Augen jammerte er über seinen Verlust, denn der Herzog Bobo, der Graf Anovalans und sonst noch die tapfersten Ritter seines Adels und ein großer Teil seiner übrigen Mannen waren unter seinen Augen bei diesem Treffen niedergemacht worden. Auch Fredulf, der Haushofmeister, der als Radulfs Freund galt, fiel im Kampf.”

Damit sein Restheer nicht völlig vernichtet wurde, blieb Sigibert nichts anderes übrig, als um Abzug zu bitten:

“Da man erkannte, daß nichts gegen Radulf auszurichten sei, wurden am anderen Morgen Gesandte zu ihm geschickt und ein Abkommen mit ihm getroffen, wonach Sigibert mit seinem Heer unbelästigt an den Rhein und nach Hause zurückkehren konnte.”

Radulf war nunmehr nicht mehr irgendein Herzog, wie es einige in Sigiberts Heer gab, sondern wurde de facto vom Frankenreich unabhängig, was im Bericht auch eindeutig zum Ausdruck kommt:

“Radulf aber, voll Übermut, gebärdete sich als König von Thüringen, schloß Freundschaft mit den Wenden [= Sorben; K.W.] und knüpfte auch mit den übrigen benachbarten Völkern ein friedliches Verhältnis an. Dem Namen nach erkannte er zwar Sigiberts Oberherrschaft an, aber in der Tat widersetzte er sich ihr kräftig.” [alle Zitate aus IV.77 nach Andert 145 ff]

Ich habe an der inhaltlichen Richtigkeit dieses Berichtes keinen Zweifel. Warum sollte ein Fälscher gerade eine fränkische Niederlage erfinden? Die teilweise zitierten Passagen heben sich im Stil deutlich vom übrigen Fredegartext ab. Ich neige der Ansicht zu, daß es sich ursprünglich um einen Text des Gregor von Tours gehandelt hat, der in das Werk des Pseudo-Fredegar übernommen wurde. Gregor hat sich immerhin auch nicht gescheut, die Niederlage Chlothars I. 555/556 gegen die Sachsen freimütig einzugestehen. Auch andere Indizien, auf die ich noch eingehen werde, sprechen dafür, daß hier Ereignisse des 6. Jhs. geschildert wurden.

Die Entstehung des selbständigen Thüringer Herzogtums paßt auch in die politische Gesamtsituation Mitteleuropas in der zweiten Hälfte des 6. Jhs. Immerhin hatten bereits 555/556 die Sachsen nach einem entscheidenden Sieg über die Franken ihre Unabhängigkeit erkämpft. Es entstanden in dieser Zeit auch andere, vom Frankenreich unabhängige Stammesherzogtümer. Bereits 536 machten die Alemannen, die von Chlodwig unterworfen worden waren, sich wieder selbständig. Ihr erster Stammesherzog war Garibald (536-554). Etwas später schufen auch die Bayern ihr Herzogtum. Ihr erster Herzog hieß auch Garibald (ca. 555-594). Im späteren Deutschland beherrschten die Franken nur noch das Rheingebiet (“Herzogtum Lothringen”, vielleicht nach Chlothar benannt) sowie das spätere Hessen und Ostfranken (“Herzogtum Franken”). Wir haben somit genau die Situation vor uns, die ich bereis im Abschnitt 5 dieses Betrages für die Zeit vor 600/900 rekonstruiert hatte!

Der historische Sigibert I. des 6. Jhs. hielt sich vorwiegend im Westfrankenreich auf. Sein Leben war, wie das aller Merowinger (und wie auch das des sog. Sigibert III.) blutigen Bürgerkriegen gewidmet. Gregor von Tours berichtet aber auch von zwei Feldzügen, die er gegen die “Hunnen” geführt hat:

“Nach dem Tod König Chlothars brachen aber die Hunnen in Gallien ein und Sigibert zog mit seinem Heere gegen sie aus, und als es zum Kampfe kam, wurden sie besiegt und in die Flucht geschlagen. Danach schloß der König derselben mit Sigibert durch Gesandte Freundschaft.” [IV.23]

“Die Hunnen wagten wiederum nach Gallien zu kommen. Gegen sie zog Sigibert in das Feld, und es folgte ihm eine große Schar tapferer Männer” [IV.29].

Diese “tapferen Männer” ereilte aber dasselbe Schicksal, das die “Mannen” des Sigibert III erlitten hatten: Die Hunnen “schlugen sie hart auf das Haupt”:

“Als nun das Heer Sigiberts floh, wurde er selbst von den Hunnen umzingelt. Und er würde in ihrer Gewalt geblieben sein, wenn er nicht, feig und verschlagen, wie er war, sie durch Geschenke gewonnen hätte, da er sie durch Waffengewalt nicht hatte unterwerfen können. Denn als er dem König Geschenke gemacht hatte, führten sie Zeit ihres Lebens keinen Krieg mehr miteinander.[...] Auch dem Hunnenkönig gab König Sigibert viele Geschenke. Dieser hieß Gagan [= Kagan, ein Titel; K.W.], denn alle Könige dieses Volkes führten denselben Namen.” [IV.29]

Beide Berichte entsprechen auffallend den Berichten der beiden Feldzüge des Sigibert III.: des ersten zusammen mit Radulf gegen die Slawen und des zweiten gegen Radulf, der sich mit den Slawen verbündete. Nur der Namen Radulfs fehlte in dem Bericht des Gregor. “Hunnen” war damals eine Gesamtbezeichnung für bis dahin unbekannte Völker, die, von Osten kommend, ins Reich eindrangen. So wurden die Awaren und später auch die Ungarn noch von Widukind als Hunnen (Chuni) bezeichnet. Aus Gregor [IV.29] ergibt sich eindeutig, daß zwei Stämme sich miteinander verbündet hatten. Der zweite war eindeutig der der Awaren, die von einem Kagan geführt wurden, der erste wurde nicht näher bezeichnet. Es könnten die verbündeten Thüringer und Sorben unter der Führung Radolfs gewesen sein. Fraglich erscheint, ob diese Feldzüge in Gallien stattfanden. Paulus Diaconus [II.10] – oder sein Kompilator – kannte zweifellos das Werk Gregors und verwertete es für sein Werk. Er schrieb:

“Zu der Zeit fielen die Ungarn oder Awaren, bei der Nachricht von König Lothars Tode, über dessen Sohn Sigibert her. Dieser stieß in Thüringen auf sie an der Elbe mit Macht und bewilligte ihnen dann Frieden, um den sie ihn baten.” [II.10]

Ich schließe nicht aus, daß der Autor die Elbe mit der Saale verwechselt hat. Nach dem vorliegenden Text des Paulus Diaconus räumten die Langobarden, “nachdem seit der Menschwerdung des Herrn 568 Jahre verflossen waren” [II.7] das Karpatenbecken (“Pannonien”), das sie dann “ihren Freunden, den Hunnen” (Awaren = Ungarn) überließen. (Die Datierung “568″ ist bei Paulus die einzige “n. Chr.” und insofern mit Vorsicht zu behandeln.) Der zweite Feldzug des Sigibert wurde in der Langobardengeschichte nicht erwähnt.Schon jetzt möchte ich dem möglichen Einwand entgegentreten, daß trotz allem Radulf archäologisch nicht belegt sei, d.h. daß er als Person keine Bauinschriften hinterlassen habe. Natürlich beweisen diese in der Regel auch nicht viel, weil sie, wie die Urkunden, gefälscht sein können. (Mit diesem Argument könnte man auch viele Herrscher der Weltgeschichte streichen. Z.B. wurde von den vielen Burgen, die König Heinrich I. errichtet haben soll, nicht eine einzige archäologisch gesichert.) Ich habe aber belegt, daß die archäologischen Funde eindeutig beweisen, daß der thüringische Stammesadel bis zum Ende des 6. Jhs. (nachfolgende Funde sind in der Regel dem 10. Jh. zuzuordnen) seine Macht und seinen Reichtum bewahrt hatte, während die fränkische Herrschaft nur kurz gewesen sein kann. Dieser Stammesadel brauchte aber in der Regel, um seine Macht gegen außen und innen zu sichern, ein Oberhaupt. Wer soll dies aber gewesen sein? Da immerhin eine, zudem noch gegnerische Schriftquelle von Radulf als erstem Thüringerherzog berichtet, sollte man dieser, nur zeitlich versetzt, Glauben schenken. Um beim archäologischen Befund zu bleiben: Ich neige dazu, die bei den Sachsenburgen gefundenen zwei merowingischen Goldmünzen, von denen eine m.E. von Childebert I. (gest. 558) geprägt wurde, und die dortigen Kriegergräber als Überreste der “Mannen” des Sigibert zu betrachten,. Andert vermutet auf Grund der topographischen Angaben im “Fredegar”, daß eine der Burgen in und um Wiehe (im Unstruttal) das “vigi” (Bollwerk) des Radulf gewesen sein könnte:

“Am ehesten könnte man Radulfs Burg oberhalb des Schlosses vermuten, der ‘villa’, dem ‘festen Haus’ der ottonischen Könige, das von Thietmar erwähnt wurde.” [Andert 147]

Archäologische Ausgrabungen sind hier noch nicht erfolgt! Über das weitere Schicksal Radulfs ist nichts bekannt. Manche Historiker behaupten zwar, daß er später von den Franken unterworfen worden sei, ohne den geringsten Beleg hierfür beizubringen. Eigentlich geht es ihnen hierbei nur darum, die angebliche spätere Zugehörigkeit Thüringens zum Frankenreich irgendwie plausibel zu machen. Andere behaupten, auch ohne jeden Beleg, daß Radulf 641/642 (konvent. Zeitrechung) verstorben sei. Hier geht es darum, Radulf als Vorfahren der Herzöge von Würzburg vorstellen zu können, die dann von den Franken abgelöst worden seien (hierzu im nächsten Abschnitt). Wenn man von einer Phantomzeit von 297 Jahren ausgeht, wurde Radulf 858 Herzog der Thüringer und schlug 864 die Franken unter Sigibert. Im den folgenden Abschnitten dieses Beitrages werde ich aufzeigen, daß nur die thüringischen Markherzöge des späten 9. Jhs. Nachfolger des Radolf gewesen sein können. Als früher Markherzog wurde in einer Urkunde Radulf genannt, der die Sorben (mit diplomatischen Mitteln!) unterworfen hat und der – wegen des angeblichen Zeitabstandes von 200 Jahren – als Radulf II. bezeichnet wird.

Mit Überraschung stellte ich fest, daß ein Herzog Radulf auch bei “Einhard” erwähnt wird, nämlich als Vater von Karls vierter Ehefrau, der Fastrada. Während es in der “Vita Caroli Magni” [Kap. 18] nur schlicht heißt, daß der Vater Fastradas “zum Volke der Ost- oder deutschen Franken” gehörte, ohne seinen Namen zu nennen, wurde “Einhard” in seinen Annalen (“Annales Einhardi“) konkreter. Zum Jahre 783 heißt es hier:

“Nun kehrte er in sein Frankenland zurück und heiratete Fastrada, die Tochter des Herzogs Radolf. Sie gebar ihm zwei Töchter” [Bühler 224].

Schon der Titel “Herzog” verwundert, denn unter “Karl dem Großen” soll es nur Grafen, aber keine Herzöge gegeben haben. Mit diesem Titel wurden in den einschlägigen Werken (Einhard, Notker, Nithart) sonst nur Stammesfürsten vor ihrer Unterwerfung (z.B. Tassilo in Bayern) bezeichnet. Wie Illig nachgewiesen hat, gehören sowohl Karl der Große als auch sein Biograph Einhard eindeutig in das Bereich der Legende. Fälscher haben mitunter Probleme, ihre fiktiven Erzählungen mit lebenden Menschen oder Namen zu füllen. Dem Fälscher, wohl aus dem 11. Jh., war der Name des Thüringerherzogs Radulf, schon aus der Volksüberlieferung, durchaus noch geläufig und er scheute sich nicht, diesen Herzog Radulf zur weiteren Verherrlichung des “großen Karl” zu dessen Schwiegervater zu erklären !

7. Die Herzöge in Würzburg

In der konventionellen, thüringenbezogenen Geschichtsschreibung ist es üblich, die “Hedene”, Herzöge in Würzburg, als Nachfolger Radulfs im thüringischen Herzogsamt zu betrachten, ohne dies überzeugend mit Quellen zu belegen. Da die wenigen Schriftquellen, die die “Hedene” erwähnen, zudem noch aus der Phantomzeit stammen sollen, könnte ich diese als schlicht erfunden betrachten. Eingedenk meiner zu Radulf gewonnenen Erkenntnisse möchte ich es mir aber so einfach nicht machen und auch diese Quellen näher analysieren.

Zunächst ist festzustellen, daß die “Hedene” weder von Gregor noch von “Fredegar” erwähnt wurden. Die wesentliche diesbezügliche Geschichtsquelle ist die “Passio Kiliani martyris Wirziburgensis“, die Leidensgeschichte des Heiligen Kilian. Es gibt mehrere Fassungen derselben. Die zweite Fassung soll von dem ersten Bischof Würzburgs, Burchard, stammen, von der es heißt:

“Sie ist fast wertlos, die wenigen Tatsachen, welche darin berichtet werden, sind teils entstellt, teils mit oder ohne Absicht erfunden.” [Wattenbach-Levison II, 177]

Solche abwertenden Bemerkungen interessieren mich stets, ich habe aber die zweite Fassung noch nicht zu Gesicht bekommen. Somit gehe ich hier von der ältesten Fassung aus [deutscher Text: Schneider 1976, 173ff]. Diese soll im 9. Jh. entstanden sein [Wattenbach-Levison I 145]. Immerhin ist es ein schlichter Text ohne politischen Bezug, in dem, außer den “Hedenen”, keine anderen Herrscher erwähnt und vor allem keine Jahreszahlen angegeben wurden.

Ich sehe keinen Anhaltspunkt dafür, daß diese Vita gefälscht ist. Den irischen Mönch und Missionar Kilian hat es nach dieser Passionsgeschichte nach Wirziburg (Würzburg) verschlagen, das noch von Heiden bewohnt und von heidnischen Herzögen regiert wurde. (Die für die Ankunft üblicherweise angegebene Jahreszahl 686 findet sich in dieser Quelle nicht). Kilian taufte den Herzog (“dux”) Gozbert und versuchte, diesen dazu zu bewegen, sich von seiner Ehefrau Gedana zu trennen, weil diese die Frau seines Bruders gewesen war. Daraufhin ließ ihn Gozbert auf Betreiben seiner Gattin ermorden (sein Christentum hielt somit nicht lange an!). Kilian wurde im Mittelalter als Schutzheiliger des oberen Maintales verehrt.

In der “Passio” selbst gibt es nur zwei Passagen, die historisch zu verwerten sind. In der ersten heißt es, daß Würzburg eine befestigte Stadt sei, die im östlichen Franken (also nicht in Thüringen) liegen würde:

“Damals herrschte hier ein Herzog namens Gozbert, der Sohn des älteren Hetan, der wiederum Sohn des Hruod war.” [Schneider 173]

In der zweiten Passage [Schneider 177], auf die ich noch ausführlicher zu sprechen komme, wird als Nachfolger Gozmanns dessen Sohn Hetan genannt. Mit keinem Wort ist davon die Rede, daß Gozmann oder Hedan “Herzöge von Thüringen” waren, im Text ist nirgends von Thüringern die Rede. Die Vorfahren des Gozmann wurden in der “Passio Kiliani” nicht einmal als Herzöge bezeichnet. Dem Sohne Gozberts, in der Literatur üblicherweise Hetan II. bzw. Heden II. genannt, werden zwei Dokumente zugeschrieben, mit denen Schenkungen von Gütern an “Bischof Willibrord” beurkundet wurden. Beide Urkunden wurden in der Burg Würzburg (“in castello Virteburch”) ausgestellt.

In der ersten Urkunde (angeblich auf 704 datiert) verschenkte er (er nannte sich Hedenus) seine eindeutig privaten (also nicht landesherrlichen) Güter in Arnstadt (“Arnestati”) und in zwei anderen Orten an Willibrord. Er bezeichnete sich in dieser Urkunde noch als “vir illuster Hedenus” (Erlauchter Herr Heden) Auf diese Urkunde werde ich im nächsten Abschnitt etwas näher eingehen. In der zweiten Urkunde (angeblich von 716) überließ er sein Erbgut im Saalgau bei der Hammelsburg (“ad hamulo castellum”) dem Bischof. Gemeint ist offensichtlich Hammelburg am Main (diese Angabe bezeugt, daß Hetan II. dem fränkischen Adel entstammte). In der Urkunde von 716 bezeichnete er sich als “illuster vir Hedenus dux” (Erlauchter Herr, Herzog Heden). Der Text der Urkunde findet sich bei Dobenecker [I.7]. Heden dürfte danach also zwischen (konvent.) 704 und 716 Herzog geworden sein. In keiner Urkunde nannte er sich “Herzog der Thüringer”; auch in keiner anderen schriftlichen Primärquelle wurde einer der “Hedene” so bezeichnet. Die Legende vom Thüringer Herzogtum in Würzburg könnte aus der Überlegung entstanden sein, daß der Sohn Hetans II., der in den Urkunden als Bürge auftrat, den Namen Thuring führte. Bei Patze u. a. [1989, 19] klingt das so an:

“Weil die Anfechtung der Schenkung vermöge des Erbrechtes ausdrücklich ausgeschlossen und von dem Sohn Hedens (Heden) dem Thüringer (Ego Thuringus filius Hedeni donationem patris mei firnavi) bestätigt wird, kann man schließen, daß diese Besitzungen nördlich des Thüringer Waldes von ihm verwaltet wurden.” [Für den Stil dieses Zitats kann ich nichts; ich habe wörtlich zitiert.]

Es wurde auch behauptet, daß Thuring seinen Namen von seiner thüringischen Mutter Theodrada habe. Diese Herkunft läßt sich aber urkundlich nicht belegen. Heimathistoriker haben, wiederum ohne jeden Quellenbeleg, Hruod, laut der “Passio Kiliani” Großvater des Gozbert, mit dem von “Fredegar” genannten Thüringerherzog Radulf identifiziert und behauptet, daß dessen Sohn Hetan I. seinen Sitz als Thüringerherzog nach Würzburg verlegt habe. Ein vernünftiger Grund hierfür wird nicht genannt und kann auch nicht gebracht werden. Warum sollten sich auch die Nachfolger Radulfs von ihrer Machtbasis im Unstrutgebiet entfernen, um sich gewissermaßen ins Exil zu begeben? Würzburg lag und liegt eben nicht in Thüringen, von dort aus wäre es unmöglich gewesen, Thüringen zu beherrschen. Denkbar ist natürlich, daß die Franken ein Gegenherzogtum in Würzburg errichteten (worauf ich im Abschnitt 11 noch eingehen werde).

Tatsache ist aber, daß die “Hedene” Privathöfe in Thüringen besaßen. Solche Höfe hatten andere Herren auch (in den von Dobenecker wieder-gegebenen Schenkungsurkunden werden viele dieser Herren mit Namen genannt), wir befinden uns immerhin in der Zeit des frühen “Feudalismus”. Bei dieser Sachlage mutet es kurios an, wie namhafte Heimathistoriker nach wie vor zu ihrer Thüringen-These stehen, auch wenn sie diese nicht begründen können:

“Die Herrschaft über das Land [Thüringen; K.W.] übte ein in Würzburg residierendes mainfränkisches Geschlecht aus, dessen letzter Vertreter Heden namentlich überliefert ist. Wie dieses Herzogsgeschlecht die Macht der Nachfolger Radulfs in Thüringen gebrochen hatte, ist unbekannt.” [Jonscher 19]

Im “Gebhardt”, dem anerkannten “Handbuch der deutschen Geschichte“, wird bezeichnenderweise aus dieser Vermutung schon eine Tatsache. Ohne Quellengrundlage wird hier dem dubiosen Karolinger Pippin die Unterwerfung der Thüringer zugeschrieben:

“Zuerst gelang es, das thüringische Herzogtum zu unterwerfen und zuverlässigen Franken wie Theotbald und Hedenus – Verwandten seiner Gemahlin Plektrudis? – zu übertragen, die von Würzburg aus über die Saalestraße auch das Land nördlich des Thüringer Waldes beherrschten” [Loewe 110].

Ich vertrete dagegen die Auffassung, daß die “Hedene”, soweit sie überhaupt existierten, nur gleichzeitig mit den Thüringer Herzögen (vgl. Abschnitt 11 dieses Beitrages) in Würzburg, nicht aber in Thüringen geherrscht haben können. Die konventionellen Genealogien sind einfach. Sie gehen stets von einer erfundenen Herrscherabfolge aus und variieren von Autor zu Autor in Bezug auf die Regierungszeiten, die natürlich auch nur fiktiv sein können. Verallgemeinert findet man in der Literatur etwa folgendes Schema:

630/631 - 641/642 (+) Radulf = Hruod
641/642 - nach 656 Hetan I. = Heden I., SdV
vor 687 - 690 (?) Gozbert = Theotbald, SdV
690/704 - 716/717 Hetan II. = Heden II., SdV

Nirgends fand ich berücksichtigt, daß Hetan II. nach seinen eigenen Urkunden erst zwischen 704 und 716 Herzog geworden ist. So heißt es in einer jüngst erschienenen Geschichte Ilmenaus, daß die Urkunde von 704 von “Herzog Heden” ausgestellt worden sei [Leisner 12]. Einer Erklärung bedarf noch Theotbald, der mit Gozbert gleichgesetzt wird, darunter auch von Loewe [ebd]. Dieser Theotbald entstammt der Lebensbeschreibung des Bonifatius, die (konvent.) zwischen 754 und 768 von dem Presbyter Willibald niedergeschrieben wurde [“Vita Bonifatii auctore Willibaldo“, lat. Willibald 1935]. Es handelt sich hier um eine sehr trübe Quelle, die ganz im Sinne der Karolinger-Legende abgefaßt ist. Im Kapitel 6 derselben findet sich eine Passage, die sich auf Thüringen bezieht und von Historikern ganz verschieden ausgelegt wird. Ich gebe diese nach Bühler [417] wieder:

“Hierauf wandte sich der heilige Bonifatius gen Thüringen. Dort besprach er sich mit den Großen und Führern des Volkes und erreichte bei ihnen, daß sie ihrer Unwissenheit Blindheit verließen und sich der christlichen Religion, die sie schon früher angenommen hatten, aufs neue ergaben. Denn nachdem das Reich ihrer Könige zusammengebrochen war, hatten sie unter der verderbenschwangeren Herrschaft des Theotbald und Heden, die sie in trauervoller Tyrannei niederhielten und die sich wie Feinde mehr durch Zerstörung als freiwillige Ergebenheit behaupteten, viele ihrer Grafen teils durch Tod, teils durch Gefangennahme auf den Feldzügen gegen Feind verloren, worauf sich der Rest des Volkes den Sachsen unterwarf.”

Diese Vita selbst kann nicht vor dem 10. Jh. entstanden sein, was mit Passagen aus allen Kapiteln bewiesen werden kann. In den “Briefen des Bonifatius” wurden Theotbald und Heden noch nicht erwähnt [vgl. Tangl]. Die Heimatforscher betrachten den zitierten Text als Bestätigung ihrer Behauptung, daß die “Hedene” doch Herzöge von Thüringen waren, obwohl Würzburg überhaupt nicht erwähnt wurde. Unbedenklich identifizierten sie den Heden des Textes mit Hetan I. oder II. (mit welchem konkret, wird nie gesagt) und den Theotbald mit dem aus der “Passio Kiliani” bekannten Gozbert. Obwohl keine Belege vorliegen, wurde behauptet, daß Gozbert nach der Taufe den Namen Theotbald angenommen habe, wobei unbegründet blieb, warum dieser keinen “heiligen” Namen, sondern einen anderen germanischen Namen angenommen hat.

Bei dieser Auslegung blieb unberücksichtigt, daß nach dem Text Heden und Theotbald “Heiden” waren, beide gleichzeitig lebten und sich blutig als Feinde bekämpften. (Ich habe das Gefühl, daß manche Historiker bewußt damit rechnen, daß kein Leser die Originalquellen liest.)

Ich hatte bereits den Gebhardt-Autor Loewe zitiert, der sich nur auf die angeführte Willibald-Passage gestützt haben kann. Es bleibt sein Geheimnis, wieso diese angeblich (jeder Beleg fehlt) von Pippin eingesetzten Vasallen, die sogar Verwandte seiner Gattin gewesen sein sollen, weiter Heiden blieben und sich als Todfeinde, ohne Rücksicht auf eine höhere Gewalt, blutige Schlachten liefern konnten. Von einer fränkischen Herrschaft über Thüringen wußte Willibald nichts. Bei ihm folgten dem “Zusammenbruch” des Thüringer Königreichs die Herrschaft der Herzöge, bis sich die Thüringer freiwillig den Sachsen “unterworfen” hatten. Obwohl Pippin in der Vita eine große Rolle spielt, weiß Willibald nichts von einer Eroberung oder Unterwerfung Thüringens durch diesen. Mit der “Unterwerfung” unter die Sachsen kann nur gemeint sein, daß der thüringische Adel 908, nach der Niederlage und dem Tod des Herzogs Burchard gegen die Ungarn, den Sachsenherzog Otto (den Erlauchten) zu seinem Herzog wählte (Thüringen blieb trotzdem selbständig). Zwischen dem “Zusammenbruch” des Königreichs und der “Unterwerfung” unter die Sachsen lag nach dem Text nur eine relativ kurze Zeit, eben die Zeit der Herzöge, was ganz der Phantomzeit-Theorie entspricht. Hoch interessant ist auch, daß nach dieser Darlegung des Willibald Bonifatius erst nach der “Unterwerfung” (908) in Thüringen gewirkt hat, was auch anderen Quellen entspricht, auf die ich noch konkret eingehen werde,

Es ist nicht ganz auszuschließen, daß die Urkunden von 704 und 716 gefälscht sind. Immerhin hat Bischof Willibrord schon einige Jahre später, angeblich 726, in seinem “Testament” [Dobenecker I.15] die ihm geschenkten Güter an das von ihm gegründete Kloster Echternach (im heutigen Luxemburg) überlassen. Es bestand somit ein echtes Fälschermotiv! Auch das Leben des “Friesenapostels” Willibrord, wenn er überhaupt gelebt hat, liegt sehr im Dunkel. Die älteste erhaltene Überlieferung (angeblich zwischen 785 und 787 niedergeschrieben) stammt von Alkuin, dem Hofdichter des “großen Karl” [“Alcuini Vita S. Willibrordi“, Text: Wattenbach 1888]. Dieser Text ist bedenkenlos einem späteren Jahrhundert zuzuordnen. Alkuin behauptete, aus einer anderen Quelle geschöpft zu haben, aus dem “Martyriologium” des Beda (konv. 672-735). Mit dieser “wissenschaftlichen Leuchte” hat sich Illig [1993, 59ff; 1999, 125ff] schon eingehend auseinandergesetzt. Beispielsweise rechnete Beda schon mit der Null, obwohl diese als Zahl erst nach 1200 in Europa bekannt wurde. Er schaffte es, die Ostertermine von 532 bis 1063 zu errechnen. Angeblich soll er wesentlich dazu beigetragen haben, daß die christliche Zeitrechnung sich in Westeuropa durchgesetzt hat, was gar nicht seinen angeblichen Lebensdaten entsprechen würde. Alle Quellen, abgesehen von später manipulierten Klosterurkunden, besagen eindeutig, daß in Europa vor 1000 die “christliche Zeitrechung” auffällig selten benutzt wurde (und dann auch nur in späteren Kopien), in den meisten Regionen wurde sie erst weitaus später eingeführt. Sogar der Vatikan hatte, wie ich noch ausführe, Schwierigkeiten. Der (angeblich) ursprüngliche Beda-Text blieb nicht erhalten. Nach der Alkuin-Biographie soll Willibrord ausgerechnet von Pippin 695 nach Rom gesandt worden sein, wo Papst Sergius I. (angeblich 687-701) ihn unter dem Namen Clemens zum Erzbischof von Lüttich geweiht habe.

Diese Vita steht im Widerspruch zu den Urkunden des Hetan (konv. 704 und 716), in denen von keinem Erzbischof die Rede ist. Auch der neue Name Clemens wurde nicht erwähnt. Der Aussteller oder Fälscher der Heden-Urkunden hat somit die Vita des Beda bzw. seine fiktiven Daten noch nicht gekannt. Selbst im Falle einer Fälschung kann ihm nur eine frühere Überlieferung bekannt gewesen sein. Wie Thiofrid, Abt von Echternach (um 1100) mitteilte, sei die älteste Vita des Willibrord von dem schottischen Mönch Rusticostilo in seinem Kloster geschrieben worden. Diese hätte sich grundlegend von der Vita des Alkuin unterschieden, sei aber inzwischen “verschollen” [Wattenbach-Levison I, 173]. Offensichtlich wurde sie nach 1000 nicht mehr für würdig erachtet, kopiert zu werden und ging so verloren. Möglicherweise entsprach die ältere Vita nicht der Karolinger-Legende und der neuen “Zeitrechnung” nach Otto III.!

Unter diesen Umständen neige ich doch dazu, Willibrord (den echten, nicht den der Legende) als real zu betrachten, was bedeutet, daß er zu Ende des 6. Jhs. gelebt und gewirkt haben muß. Hierzu sind weitere Forschungen nötig. So befindet sich in Paris eine angeblich eigenhändige Niederschrift Willibrords aus dem Jahr 728. Da damals meist nach Regierungsjahren der Könige datiert wurde, wäre der Originaltext der Aufzeichnung sehr aufschlußreich.

Frühmittelalterliche Urkunden können zeitlich auch anders zugeordnet werden. Dies möchte ich am Beispiel der Heden-Urkunde von 704 aufzeigen, deren Text mir vorliegt [Dobenecker I.5; deutsch: Heden-Urkunde 1984]. Es liegt nur eine spätere Kopie vor, was vom Kopisten ehrlicherweise ausdrücklich am Anfang seines Textes feststellt worden ist:

“Im Jahre der Menschwerdung des Herrn 704 machte der erlauchte Heden mit seiner Gemahlin Theodrada dem heiligen Willibrord die nachverzeichnete Schenkung”

Nur in dieser Vorbemerkung ist das Jahr 704 enthalten, die Urkunde mit dem folgenden kopierten Text kann demnach kaum vor 1000 angefertigt worden sein. In der kopierten Urkunde selbst wurde anders datiert :

“Geschehen in öffentlicher Verhandlung auf der Burg Virtebuch am 1. Mai im 10. Jahre der Regierung unseres Herrn, des ruhmreichen Königs Childebert.”

Da das 10. Regierungsjahr des Childebert III. (694-711) tatsächlich in das Jahr 703/704 fiel, nahm meines Wissens noch niemand Anstoß an der konventionellen Datierung. Ich muß anerkennen, daß dieser Kopist, im Gegensatz zu gleichzeitigen Pfuschern, in dieser Hinsicht sehr geschickt vorgegangen ist. Kein Historiker ist darauf gekommen, daß es vor dem (m.E. fiktiven) Childebert III. noch zwei echte Frankenherrscher dieses Namens gegeben hat: Childebert I. (511-558) und Childebert II. (575-558), auf die hier Bezug genommen worden sein könnte. Das Jahr 521 wäre offensichtlich verfrüht, da 10 Jahre vor dem Untergang des Thüringerreiches ein Franke Heden kaum Güter im Kern Thüringens besessen haben dürfte. Das Jahr 585, das 10. Regierungsjahr des Childebert II., erscheint mir dagegen real. Dieses entspricht auch dem Arnstädter archäologischen Befund, auf den ich im nächsten Abschnitt eingehen werde (Da ich mich mit der archäologischen Frühgeschichte Würzburgs noch nicht eingehend befassen konnte, möchte ich mich zu dieser vorerst noch nicht äußern).

Abschließend möchte ich noch auf das Ende des Hetan II. eingehen, da es hierzu zwei Überlieferungen gibt, die sich gegenseitig ausschließen. Nach der einen ist Hetan II. mit seinem Sohn Thuring (Tiring) am 21. März 717 während der Schlacht bei Vincy gefallen. Auf dieses Datum wiesen viele Historiker hin, ohne eine Quelle zu nennen [z.B. Tille 3; B. Schmidt 548]. Neuere Historiker übergingen diese Behauptung ganz oder versahen das angebliche Sterbejahr ohne Kommentar mit einem Fragezeichen [so Loewe 228]. Lediglich Caemmerer [1956, 84] stellte diese Version ganz in Frage:

“Er [Hetan II.; K.W] ist 716 zuletzt urkundlich bezeugt und fiel nach der oft wiederholten, aber geschichtlich nicht beglaubigten Annahme mit seinem Sohn Tiring [sic !] in Karls Gefolge in der Schlacht bei Vincy.”

Als einzigen Beleg fand ich in den “Fortsetzungen des Fredegar” [Kap. 106; vgl. Fredegar 1986, 116f] einen Bericht über eine Schlacht, die Karl Martell in seinem zehnten Regierungsjahr bei Vincecus (= Vincy) gewonnen habe:

“Darauf bot Karl sein Heer auf und zog gegen Chilperich und Ragamfred. Sie lieferten eine Schlacht am Sonntag in den Fasten, am 21. März, an einem Ort namens Vincecus im Camaracensischen Gau, und es geschah ein großes Blutvergießen auf beiden Seiten. Chilperich und Ragamfred wurden besiegt und ergriffen die Flucht; sie wandten den Rücken und entkamen. Karl verfolgte sie und eilte bis Paris.”

Da diese Passage zur Karolinger-Legende gehört, erscheint sie mir von vornherein als dubios. Es wurde auch keine Jahreszahl gegeben, vor allem wurde Heden mit keinem Wort erwähnt! Auch Dobenecker [Anm. zu Nr. I.7] half nicht weiter. Er zitierte keine Quelle zu Hedens Tod, sondern verwies auf “Breysig 44″. Auf dieses Werk [Breysig: Jahrbücher des fränkischen Reiches 714 – 741] bin ich auch schon bei meinen Vorstudien in einem älteren Lexikon [Meyers 1876] gestoßen, konnte es aber bis jetzt nicht beschaffen. Die Jahreszahl 717 entstammt somit den fränkischen Reichsannalen, die laut Illig [1993b, 58] zur Zeit von Barbarossa oder später verfaßt worden sind. Nach dieser Version sollen Heden und sein Sohn (hier: Tiring) als Gefolgsleute von Karl Martell (gewissermaßen im Dienste der Karolinger-Legende) bei Vincy gefallen sein. So fraglich diese Quellenbasis ist, umso kühner ist die Schlußfolgerung, die Historiker aus ihr gezogen haben. Ich zitiere hier nur Dobenecker [Anm. zu I.7]:

“Seit diesem Tage Thüringen ohne Herzog und Karls Gewalt über das Land fest begründet.”

Glücklicherweise gibt es eine andere, überzeugendere Version. In der für mich glaubhaften älteren Fassung der “Passio Kiliani” heißt es wie immer ohne Jahresangaben:

“Den Gozbert töteten seine eigenen Diener mit dem Schwert, seinen Sohn Hetan aber trieb das Volk der Ostfranken aus dem Reich. Seine Nachkommen verfolgten sie so, daß kein einziger von seinem Stamme übrigblieb.” [Schneider 177]

Aus dieser Passage wurde abgeleitet, daß Heden nicht im Dienst von Karl Martell, sondern im Kampf gegen ihn gefallen sei! Mit keinem Wort ist aber in der “Passio Kiliani” davon die Rede, daß Karl oder ein sonstiger Frankenherrscher Würzburg erobert hatte, wie immer wieder behauptet wird. Der Autor schrieb ausdrücklich, daß “Ostfranken” Hetan vertrieben hätten. Damit ist auch schon der Schlüssel zum Verständnis gegeben. Wenn man von meiner chronologischen Deutung der Heden-Urkunden ausgeht, so sind diese 585 und 597 ausgestellt worden. Unter Berücksichtigung einer Phantomzeit von 297 Jahren entsprechen diese Daten den Jahren 882 und 894. Was geschah damals in “Ostfranken” (Herzogtum Franken)? Es tobten blutige Bürgerkriege zwischen den Babenbergern und den Konradinern, die nach den Quellen mit der Ermordung ganzer Geschlechter endeten. Dieses Los dürfte wohl auch die “Hedene” getroffen haben, wie es deutlich in der “Passio Kiliani” zum Ausdruck gekommen ist. Damit erscheint mir erwiesen, daß auch die “Hedene” tatsächlich existiert haben, allerdings zeitversetzt im späten 6. = 9. Jh. Im Abschnitt 11 werde ich noch einmal auf diese Problematik zu sprechen kommen.

8. Die Heden-Urkunde und Arnstadt

Nach der im 10. Regierungsjahr des Childerich ausgestellten Urkunde hat Heden(us), damals noch nicht Herzog, einen ganzen Gutshof (“curtis”), drei Hofstellen im Bereich der Burg Mulenberge (“in castello Mulenberge”) und Teile eines Gutshofes namens “Monhore” mit Leibeigenen an Bischof Willibrord verschenkt. Die Historiker sind sich einig, daß mit dem “castello Mulemberge” die Mühlburg (eine der “drei Gleichen”) gemeint ist, die nur einige Kilometer von Arnstadt entfernt steht. Die Burg, die nur als Ruine erhalten blieb, stammt aus dem Hochmittelalter, die Existenz einer vorherigen Burg ergibt sich nur aus der Heden-Urkunde. Unterhalb der Burg liegt die Gemeinde Mühlberg, die möglicherweise im bereits erwähnten “Testament des Willibrord”, in dem von einer vor Arnstadt liegende Kirche im Dorf Mulnaim die Rede ist, erwähnt wurde. “Aber das muß offen bleiben” [Patze 1989, 285]. Den Gutshof namens “Munhore” konnte noch kein Historiker identifizieren, Es gibt nur Vermutungen. Heimatforscher in und um Sömmerda und Kölleda, aber auch anerkannte Archäologen wie B. Schmidt [1983, 547] und Historiker wie Wiemann und Patze [Patze u.a. 1989, 19] plädierten, nur wegen der Namensähnlichkeit, für die relativ weit von Arnstadt und der Mühlburg entfernte Region um die Monraburg bzw. Großmonra.

Ich wies schon darauf hin, daß diese uralte Burg Spuren fränkischer Besiedlung aufwies. In der Urkunde Hedens ist aber von keiner Burg, sondern von einem Gutshof die Rede, der den Namen Munhore führte. Patze hielt im gleichen Band [Patze u.a. 325] aber auch die Identität mit Ohrdruf für möglich, mit der Begründung, daß es dort einen Flurteil “Halbmondsfeld” gäbe, Manhore aber Halbmond bedeuten würde. Archäologische Funde wurden in Ohrdruf vor dem Hochmittelalter allerdings nicht gemacht [Caemmerer 85, Müllerott 1997,78; dort auch Wiedergabe der recht abstrusen Heimatliteratur]. Wahrscheinlicher ist, daß diese “curtis” in dem Bereich zu suchen ist, die von der Mühlburg aus militärisch gesichert war, also vermutlich südlich von Apfelstädt [so Müllerott 1998].

Herzstück der Urkunde ist, daß Heden “curtem nostram in loco muncupante Anestati, super fuvio Huitteo” an Willibrord verschenkt hat. Zweifellos geht es hier um das heutige Arnstadt, denn mit dem Fluß “Huitteo” (= Witte”) kann nur die Weiße gemeint sein, die neben der Gera Arnstadt durchfließt (allerdings hat sich im Stadtgebiet von der Wilden Weiße die Stadtweiße abgeteilt, was die genaue Lokalisierung des Hofes erschwert). Arnstadt gilt auf Grund der auf 704 umdatierten Urkunde als älteste urkundlich erwähnte Stadt Thüringens. (40 Jahre galt sie als älteste beglaubigte Stadt der DDR. Auch Würzburg betrachtet als Ausstellungsort auf Grund dieser Urkunde 704 als Jahr seiner ersten urkundlichen Erwähnung.)

Arnstadt ist nach den archäologischen Funden eine der ältesten Siedlungen Thüringens. Besonders im Gebiet der Alteburg wurden Funde von der Steinzeit über die Kelten, Hermunduren, Altthüringer bis ins 6. Jh. gemacht. Dann brechen diese Funde plötzlich ab, bis Arnstadt, wie die Funde zeigen, im 10. Jh. wieder aus tiefem Schlaf erwachte [Caemmerer 1956, passim]. Am 25. Oktober 954 fand dann in Arnstadt sogar ein Reichstag statt [Dobenecker I.389]. Dies ist die erste schriftliche Erwähnung der Stadt nach der Heden-Urkunde. In den letzten Jahren fanden erneut archäologische Ausgrabungen statt, die das Ziel hatten, Spuren der “curtis Arnestati” des Heden zu finden. Über die Ergebnisse wurde in der Heimatpresse unter der bezeichnenden Zwischenunterschrift “Bis heute gibt es noch keinen echten archäologischen Nachweis” berichtet:

“Während die archäologischen Quellen für das Umfeld der Liebfrauenkirche nahezu schweigen, ist für den Fundort Stadtgut eine Besiedlung im frühen Mittelalter nachweisbar. Jedoch die ältesten frühmittelalterlichen Funde im Stadtgebiet, die des 7./8. Jahrhunderts, wurden von Ulrich Lappe ergraben, der über viele Jahre hinweg im Auftrag des Museums für Ur- und Frühgeschichte Weimar in der Ruine eine wissenschaftliche archäologische Untersuchung durchführte, deren Ergebnisse derzeit im Neuen Palais (Schloßmuseum) zu sehen sind. Zu diesen Tonscherben stellt sich ein Fund römischer Importkeramik des 3./4. Jahrhunderts aus der Vorburg, dem h. Landratsamt, der die Bedeutung des Fundplatzes an sich unterstreicht. All diese Indizien gestatten es aber nur, die ‘curtis Arnestati’ zwischen heutiger Stadtweiße und Gera innerhalb der hochmittelalterlichen käfernburgisch-schwarzburgischen Residenz zu vermuten.” ["ott" 1998]

Kurz gesagt, wir haben denselben Befund, den wir in Weimar angetroffen haben. Es wurden nach römischer Importkeramik sowie Münzen des 3./4. Jhs. lediglich Tonscherben gefunden, die willkürlich dem 7./8. Jh. zugeordnet wurden, m.E. aber ebensogut aus dem 6. Jh. (für mich die Zeit Hedens) stammen können. Der Verfasser gab übrigens an anderer Stelle seines Artikels eine bezeichnende Darstellung der archäologischen Situation zur angenommenen Heden-Zeit (7./8. Jh.):

“Über die anderen thüringischen Regionen schweigen nicht nur die historischen Quellen, die fränkischen Funde des späten 7. und frühen 8. Jahrhunderts gehen zum Beispiel im Unstrutgebiet zahlenmäßig fast vollständig zurück.” [ebd]

Als Fachmann hätte er eigentlich schreiben müssen, daß es in ganz Thüringen keine (fränkischen oder sonstigen) archäologischen Funde gibt, die eindeutig dem 7./8. Jh. zugeordnet werden können! Inzwischen habe ich festgestellt, daß unter dem Pseudonym “ott” der anerkannte Heimatforscher Müllerott, Inhaber des Thüringer Chronik-Verlages in Arnstadt, geschrieben hat. Obwohl er die Phantomzeit-Theorie nicht kennt, ist er, Caemmerer folgend, darauf gekommen, wo allein der Hof des Heden gestanden haben kann, nämlich umweit der Alteburg:

“Die Siedlung Arnstadt von 704 ist beiderseitig und insbesondere südlich des Flusses Stadtweiße auf einem dem Berg Alteburg vorgelagerten Plateau, dem heutigen Marktviertel und angrenzenden Terrains zu suchen. Diese wurden von Westen, Norden und Osten durch Sumpfgebiete im Bereich von Gera und Weiße abgeschirmt” [Müllerott 1997, 12]

9. Bonifatius und Erfurt

Etwa in der Mitte der Phantomzeit soll der angelsächsische Mönch Wynfrith, besser bekannt als “Bonifatius, Apostel der Deutschen”, gewirkt haben. Meines Wissens haben die Phantomzeitforscher sich noch nicht mit ihm gründlich beschäftigt, anscheinend, weil sie ihn von vornherein für eine fiktive Gestalt halten. Verdächtig ist allerdings schon, daß er nach den fränkischen Reichsannalen 751 in der Pfalz Soissons den Karolinger Pippin den Kurzen zum König gekrönt haben soll [Bleiber 173]. Dies kann nur eine spätere Erfindung sein. Da Bonifatius auch in Thüringen gewirkt haben soll, bin ich gezwungen, auf diesen näher einzugehen, was nach meiner Methodik bedeutet, zu prüfen, ob er vor oder nach der Phantomzeit gelebt haben kann oder ganz aus der Geschichte zu streichen ist.

Als Hauptquelle gilt die Lebensbeschreibung des Willibald, auf die ich im Zusammenhang mit den “Hedenen” schon eingegangen bin. Ich möchte noch einmal betonen, daß ich dieses Werk trotz der zitierten Passage als späte Fälschung betrachte, da es fest mit der Karolinger-Legende verflochten ist. Es gibt aber auch noch andere Schriftquellen. Zunächst existiert ein Empfehlungsschreiben des Papstes Gregor II., das aus dem Jahr 722 stammen soll [Text: Dobenecker I.10; deutsch: Tangl Nr. 25]. Überliefert ist auch ein Briefwechsel des Bonifatius mit den Päpsten Gregor II. (715-731), Gregor III. (731-741) und Zacharias (741-752). Wenn Bonifatius überhaupt gelebt hat, muß er ins 6. oder ins 10. Jh. gebracht werden. Das ist nur möglich, wenn man die beiden Gregore des 8. Jhs. mit Gregor I., “dem Großen”, identifiziert.

Mit letzterem hatte sich Illig [1994b, 20ff] schon eingehend beschäftigt und nachgewiesen, daß die Gregor zugeschriebenen Schriften zu einem Teil späteren Datums sind. Über den realen Gregor I. ist Verschiedenes bekannt, so daß die von mir erwogene Identifikation nicht von vornherein auszuschließen ist. Wie sicher ist aber die päpstliche Überlieferung für die Zeit vor dem 9. Jh.? Es gibt ein “Buch der Päpste” (“Liber Pontificalis“), das nach dem päpstlichen Bibliothekar Anastasius aus dem 9. Jh. benannt ist. Da in diesem aber Exzerpte des Beda und Paulus Diaconus enthalten sind, nehmen konventionelle Historiker an, daß es schon im 7. Jh. begonnen wurde [Wattenbach-Levison I.58]. Ich habe dagegen keine Zweifel, daß das “Buch der Päpste” ein Produkt späterer Zeiten ist. Man sollte meinen, daß die Überlieferungen über die Päpste wenigstens archivarisch abgesichert sind. Tatsächlich sieht es aber im Archiv des Vatikan grausam aus:

“Daß seitdem [seit Mitte des 4. Jhs.; K.W.] in der päpstlichen Kanzlei regelmäßig Register [= Urkundenakten; K.W.] geführt worden sind, die dann im Archiv der Päpste aufbewahrt wurden und deren Eintragungen als authentisch gelten, unterliegt keinen Zweifel, wenn diese im Original aus der Zeit vor Innocenz III. (1198) auch bis auf ein einziges in der Kanzlei Gregors VII. geführtes Register verlorengegangen sind.” [Schmidt-Kallenberg 1913, 80]

Mit anderen Worten: Es gibt keine Garantie dafür, daß die nur in Kopien erhaltenen Papsturkunden vor 1198 echt sind! Aber aus der Zeit vor 1198 sind ohnehin nur von wenigen Päpsten Kopien (“Auszüge aus den Registern”) erhalten geblieben:

“Von 4 Päpsten vor Innocenz III., mit dem die, wenn auch nicht lükkenlosen Reihe der erhaltenen Originalregister beginnt, besitzen wir derartige Auszüge aus den ursprünglichen Registern, nämlich von Gregor I., Johann VIII., dem Gegenpapste Anaklet II. und von Alexander III.” [Schmidt-Kallenberg 1913, 80]

Es hat den Anschein, daß ein großer Teil des frühen Archives bewußt vernichtet worden ist, um ein neues Geschichtsbild zu schaffen, das nunmehr auf dem “Buch der Päpste” beruhte.

Die Datierung dessen, was erhalten blieb oder neu geschaffen wurde, ist verworren. Ursprünglich wurde wohl nach Konsuljahren datiert, die späteren Kopisten ließen diese einfach weg. Ab 550 (Vigilius) wurde nach oströmischen Kaiserjahren gerechnet [ebd, 77], spätere Umdatierungen sind anzunehmen. Der bestimmt fiktive Hadrian I. (772-795) zählte die Jahre nach der “Eroberung Italiens durch Karl den Großen”, spätere Päpste zählten nach Pontifikats- oder Kaiserjahren [ebd, 86]. Bei dieser Sachlage kann man m.E. alle frühen päpstlichen Daten, vor allem die der Phantomzeit, gelassen ignorieren.

Nun zum Wirken von Bonifatius in Thüringen selbst. Nachdem er in Hessen die Donarseiche gefällt hatte, begab er sich nach der Legende [Willibald 23f] nach Ohrdruf, wo er ein Kloster St. Michael errichtet haben soll. Reste dieses Klosters wurden nie gefunden [Patze 1989; Müllerott 1997, 78]. Wegen den Bedrohungen durch die “Heiden” verließ Bonifatius aber bald Ohrdruf. Erhalten blieb bzw. ständig kopiert wurde ein Brief des Bonifatius an Papst Zacharias [Dobenecker I.18], der auf 741 datiert wird. Darin berichtete er, daß er in Würzburg, in Bürnberg/Hessen und in Erfurt (“Erphesfurt”) Bistümer errichtet habe. Er bezeichnete hierbei Erfurt als “Stadt der Heiden” (“iam olim urbs paganorum”). In Sülzenbrücken, südlich von Erfurt, soll dann am 21. Oktober 742 ein Willibald zum ersten Bischof von Erfurt geweiht worden sein [Caemmerer 1956, 92]. In den späteren Quellen ist von dem Bistum Erfurt keine Rede mehr. Die Historiker gehen deshalb davon aus, daß dieses Bistum bald aufgegeben worden sei. Sie empfinden es aber als seltsam, daß in der Vita des Willibald die Errichtung der drei Bistümer mit keinem Wort erwähnt wird [Wattenbach-Levison II. 176]. Die angeblich von Bonifatus in Erfurt erbaute Marienkirche wurde nie gefunden. auch sonst hat Bonifatius in Erfurt keine Spuren hinterlassen. In der Zeit des Thüringer Königreiches bestand in Erfurt ein Adelssitz, auf den schon hingewiesen wurde (z.B. Gräberfeld in Erfurt-Gispersleben). Weitere Funde stammen aus dem späteren 6. Jh.:

“Die schriftlichen Nachrichten aus der thüringisch-fränkischen Zeit geben für das Erfurter Gebiet fast keinen Aufschluß, dagegen bieten Bodenfunde einige Anhaltspunkte (Gräber aus der 2. Hälfte des 6. Jh. auf dem Anger, bei der Henne, am Bahnhof Gispersleben, in der Günter- und in der Rudolfstraße und am Roten Berg – um 600).” [Wiegand 9]

Funde aus dem 7. bis 10. Jh. wurden auch in Erfurt nicht gemacht. Um diese Lücke einigermaßen zu füllen, hat Wiegand [ebd, 10] sich nicht gescheut, sogar eine nachweislich gefälschte Urkunde als inhaltlich wahr zu bezeichnen:

“Die erste auf Erfurt hinweisende Urkunde, datiert vom 1. März 706, bezieht sich auf das angeblich von König Dagobert III. gegründete Kloster St. Peter auf dem Petersberg. Wenn die Urkunde auch als eine Fälschung des 12. Jh. erkannt worden ist, so wird der Inhalt kaum zu bezweifeln sein. Enge Beziehungen verbanden schon früh das königliche Kloster St. Peter mit der Königspfalz. Sie wird zwar erst 802 schriftlich erwähnt, ist aber als Verwaltungssitz sicher älteren Ursprungs und vielleicht auch auf dem Petersberg zu suchen.”

In der Urkunde von 802 (“Actum ad Erfesfurt in palatio publicco”) wurde über eine Versammlung thüringischer Adeliger berichtet, in der diese Güter und Anteile an das Kloster Hersfeld überschrieben [John et al. 26]. Sie gehört damit zu den vielen Schenkungsurkunden des 9. Jhs., die entweder gefälscht oder später umdatiert wurden.

Im übrigen gestehen Historiker zu ihrem Bedauern auch ein, daß keinerlei Spuren einer Erfurter Burg vor dem 10. Jh. gefunden wurden:

“Es mag den Kenner der thüringischen Geschichte verwundern, daß es in dieser frühen Zeit für das Bestehen einer fränkischen Burg in Erfurt weder archäologische Funde noch schriftliche Urkunden vorliegen. Auf Grund der Briefe des Bonifatius [...] ist jedoch eine fränkische Burganlage, die mit großer Sicherheit auf dem Petersberg gelegen haben muß, wohl auch schon für das 7. Jh. zu erschließen.” [B. Schmidt 1983, 547]

Auch vom angeblich 706 von Weißenburger Mönchen auf der Petersburg gegründeten Kloster [Heckmann 13] wurden nie Spuren gefunden. Bei Historikern klingt das so:

“Die einigermaßen gesicherte Geschichte von E. beginnt mit der Gründung des Petersklosters ca. 706, von der wir zwar nur durch Nachrichten des 12. Jh. (Erfurter Annalen und eine gefälschte Urkunde) wissen, die aber schwerlich zu bezweifeln sind.” [Patze 1989, 102]

Erst seit 932 ist Erfurt durch eine Schriftquelle (über die Reichssynode des Königs Heinrich I.) eindeutig belegt, ab dieser Zeit haben wir auch wieder archäologische Funde.

Da alle Datierungen dubios sind, kann auch die Einordnung des Bonifatius in das frühe 10. Jh. erwogen werden. Das mag zwar überraschend klingen, aber auch dafür gibt es Belege. Ich habe schon auf eine Passage des Willibald [Bühler 417] hingewiesen, wonach Bonifatius erst nach der freiwilligen “Unterwerfung” der Thüringer unter die Sachsen (908) in Thüringen gewirkt hat.

Die “Legenda Bonifatii” wird von den konventionellen Historikern durchweg verschwiegen oder als Volkssage abgetan, weil die hier geschilderten Umstände der Bekehrung der Thüringer auf der Tretenburg, einer uralten Thüringer Thingstätte, zu sehr ihrer konventionellen Chronologie widersprechen:

“Auf diesem heute unscheinbaren Hügel zwischen den Dörfern Gebesee und Herbsleben fand der Sage nach das christliche Hauptereignis statt, die Bekehrung der heidnischen Thüringer. In der ‘Legenda Bonifatii’ wird berichtet, daß sie zunächst von dem Missionar und seinem neuen Gott nichts wissen wollten. Als Bonifatius ihnen aber versprach, mit Hilfe seines Gottes gegen ihre Feinde, die Ungarn zu ziehen, wurden sie taufwillig. Nach dem Sieg über die Ungarn bei Nägelstedt ließen sich alle Thüringer von ihm auf der Tretenburg taufen” [Andert 186].

Bekanntlich besiegte Heinrich I. 933 die Ungarn bei Riade. Selbst mein Gewährsmann, dem ich für diese Information dankbar bin, bemerkte, nichts ahnend von unserer Theorie, herablassend:

“Nur das unkundige Volk konnte diese 200 Jahre, die zwischen Bonifatius und der Schlacht bei Riade liegen, in einen Topf werfen. Es handelte sich hier also um eine echte Volkssage” [Andert ebd].

Wenn wir die genannten Jahre des 10. Jhs. mit denen des 7. Jhs. identifizieren, kommen wir zu folgendem Ergebnis:

908 = 611 Der Sachsenherzog Otto, Vater Heinrichs I., wird auch Herzog von Thüringen

933 = 630 Sieg Heinrichs I. bei Riade (Papst Gregor I. regierte von 590-604).

Alle Daten stimmen überein. Die Annahme einer Existenz des Bonifatius im frühen 10. Jh. ist zumindest historisch überzeugender als die weder durch zuverlässige Schriftquellen noch durch archäologische Befunde einigermaßen abgesicherten konventionellen Bonifatius-Darstellungen. Diese Annahme würde dem archäologischen Befund jedenfalls nicht widersprechen.

Historiker wissen über den Schlachtort Riade nur zu berichtem, daß er “irgendwo in der Nähe der thüringisch-sächsischen Grenze” lag [Müller-Mertens 1954, 68]. Etwa 20 Gemeinden streiten sich um den Ruhm. Andert [96, 113] hat beeindruckende Argumente dafür vorgetragen, daß die Schlacht bei Riethgen (umweit von Weißensee an der Unstrut) stattgefunden haben kann.

Nach Abschluß der ersten Fassung dieses Beitrages fand ich zufällig bei genealogischen Studien über die frühen Kevernburger/Schwarzburger einen weiteren Beleg dafür, daß Bonifatius tatsächlich im frühen 10. Jh. gewirkt hat.

Als Stammvater dieses Geschlechtes gilt Guntharius, der als sympathisierender Adliger aus Thüringen – neben anderen – in einem Empfehlungsschreiben des Papstes Gregor II. für Bonifatius (angeblich 722) als “Gundhareus” genannt wurde [Dobenecker I.10].

In den “Reinhardsbrunner Annalen” (um 1200) wurde hierauf Bezug genommen und gleichzeitig Graf Zigarus als dessen Sohn und Graf Sizzo als dessen Enkel, Sohn des Zigarus, bezeichnet. Alle drei werden in einem frühmittelalterlichen Gemälde in der Kevernburg (bei Arnstadt) ebenfalls als Großvater, Vater und Sohn bezeichnet. Es handelt sich somit um eine alte Familientradition, die im 11. Jh. zur Niederschrift gekommen ist. Das Erstaunliche ist, daß nach dieser Tradition der Enkel, Graf Sizzo (auch Syzzo) auch als einer der Stifter des Naumburger Domes, der um 1000 errichtet wurde, gilt! Nach den Annalen ist er im Dom begraben; eine der Stifterfiguren des Doms (geschaffen um 1200) trägt seinen Namen. Der Bruder dieses Sizzo wurde 1003 erster Bischof von Zeitz-Naumburg, er ist, genauso wie beider Bruder Günther (der Mönch) urkundlich gut belegt [Einzelheiten: Apfelstedt 8, 14ff, 17ff]. Diese Familientradition widerspricht eindeutig der konventionellen Chronologie (und bereitet den Genealogen deshalb Schwierigkeiten). Ich gehe davon aus, daß es die alten Kevernburger noch besser wußten und keinen Bedarf sahen, ihre Tradition der neuen Chronologie zu opfern (die sich übrigens auch erst nach Jahrhunderten durchgesetzt haben dürfte). Wenn diese Annahme richtig ist, muß Bonifatius im frühen 10. Jh. gewirkt haben, wie es auch Willibald (oder sein Fälscher) betont hatte.

Aufmerksame Leser werden bemerkt haben, daß es in den Schriftquellen über und von Heden II. einen Widerspruch gibt, auf den konventionelle Historiker gar nicht eingehen. Nach der “Passio Kiliani” und nach Willibald war Heden ein “Heide”, nach seinen Urkunden, die von Priestern ausgefertigt wurden und Schenkungen an einen Bischof beinhaltet haben, muß er ein Christ gewesen sein! Die logischste Erklärung wäre, daß er noch einem romfreien (“heidnisch” geprägten) Christentum anhing, dessen Existenz noch im frühen Mittelalter immer wahrscheinlicher wird (vgl. die diesbezüglichen Beiträge von H. Illig und P.C. Martin auf der ZS-Jahrestagung Mai 1998 in Leonberg). Bekanntlich waren schon die altthüringischen Könige Christen, aber Arianer. Auch die altthüringischen Grabbeilagen waren christlich geprägt. Bonifatius wäre dann der Pionier des “neuen” Christentums in Thüringen gewesen.

10. Weitere Schriftquellen des 8. und 9. Jahrhunderts

Von 768 bis 814 soll “Karl der Große” das Frankenreich beherrscht haben. Illig hat in seinen Publikationen überzeugend nachgewiesen, daß Karl gar nicht existiert haben kann. Er hat keine archäologischen Spuren, auch nicht in Thüringen, hinterlassen; der berühmte Kaiserdom zu Aachen ist späteren Datums. Ich kann mich deshalb hier kurz fassen. Dies fällt mir auch deshalb leicht, weil die Schriftquellen (Annalen und Viten des Einhard sowie Notkers des Stammlers), die offensichtlich erst Jahrhunderte später entstanden sind, nichts von einem Aufenthalt Karls in Thüringen wissen. In der Literatur wird zwar oft behauptet (ein Autor schreibt in der Regel ohne Quellenprüfung vom anderen ab), daß Karl 802 an der bereits erwähnten Adelsversammlung in Erfurt teilgenommen habe. Davon ist aber nicht einmal in der dubiosen Urkunde des Klosters Hersfeld die Rede.

In der Heimatliteratur wird Karl die Einführung der fränkischen Grafschaftsverfassung zugeschrieben, wogegen sich die Thüringer wehrten:

“Vermutlich infolge dieses Eindringens des Königsgutes und fränkischen Rechts verschworen sich im Jahr 785 thüringische Edle unter einem Grafen Hardrat gegen Karls Leben und die fränkische Herrschaft. Aber Karl erhielt davon Kunde und kam dem Aufstand zuvor.” [Devrient 19]

Als Belege gelten eine beiläufige Bemerkungen in Einhards “Vita Caroli magni” [Kap. 20] und die Lorscher Annalen (zu 785). Lediglich in den Annalen ist von “Thuringhi”die Rede, allerdings nur von den thüringischen Leibwächtern der (aus Thüringen stammenden) Königin Fastrada. Nachdem diese der Verschwörung bezichtigt wurden, beriefen sie sich darauf, Karl keinen Treueid geleistet zu haben.

In einer Lebensbeschreibung Ludwigs des Frommen (“Thegani Vita Hludovici Imperatoris” [Kap. 22]) wurde als Führer der “Verschwörer” Reginhar genannt, der bald darauf geblendete Tochtersohn Hartrats. Hardrat selbst wurde als “dux Austriae” bezeichnet! [Wagner 284].

Selbst der Fälscher des 11. oder 12. Jhs. wußte somit noch, daß Thüringen nach dem Siege Radulfs niemals dem Frankenreich angehört hat!

Natürlich wird Karl auch die Kodifizierung des thüringischen Rechtes, die “Lex Angliorum et Warinorum hoc est Thuringorum” zugeschrieben. Deren Verkündung soll 802, je nach Geschmack des berichtenden Historikers in Erfurt oder Aachen, erfolgt sein.

Allerdings gibt es keinerlei Beleg für eine Kodifizierung dieses Gesetzes durch Karl. Ort und Jahr des Aktes sind reine Erfindungen. Schon der Titel des Gesetzes zeigt, daß es sich um uraltes Volksrecht handelt, denn die im 3. Jh. eingewanderten Angeln und Warnen waren längst mit den Thüringern verschmolzen. Die Lex lehnt sich eng an die “Lex Ribunaria” an, die dem 7. Jh. zugeschrieben wird, lediglich die Rechte des Adels werden stärker betont [vgl. Büchner 1953, 44]. Die Lex ist nur in einer einzigen Handschrift erhalten. Die schriftliche Kodifizierung des alten Stammesrechtes dürfte m.E. im 10. Jh. erfolgt sein, mehr kann nach dem jetzigen Forschungsstand hierzu nicht gesagt werden.

Für die Zeit ab etwa 750 ist eine Vielzahl (fast 100) von Schenkungsurkunden erhalten geblieben, die sich besonders im 9. Jh. häufen. In diesen wurden die Orte bezeichnet, in denen sich die verschenkten Güter und Anteile befanden, woraus sich dann “urkundlich beglaubigte Ersterwähnungen” ergaben. Gerade die Kommunen sind an ihnen sehr interessiert, lassen sich doch mit ihrer Hilfe imponierende Jahrhundertfeiern gestalten (1996: “1200 Jahre Themar”).

Die ältesten mir bekannten Ortserwähnungen in Thüringen (außer Arnstadt) sind die von Geisa und Gerstungen (Schenkungen 744 an Kloster Fulda). Da diese aber in der neueren Literatur nicht mehr erwähnt werden, gehe ich davon aus, daß sie bereits als Fälschungen erkannt sind. Ihnen folgt Jüchsen. 758 habe ein Manolt sein Erbgut in “Gohhusa”, gelegen im “Pagus Grapfeld” (Grabfeld-Gau), an das Kloster Fulda verschenkt [Dobenecker I.220; Wölfing 1995, 88].

Ich könnte solche Ersterwähnungen fortsetzen. Der lateinische Text wird zumeist von Dobenecker wiedergegeben, weitere Angaben befinden sich in “Historischen Führern”, dem “Handbuch der historischen Stätten”, Ortschroniken sowie in regionalen Untersuchungen, wie sie Caemmerer für Zentralthüringen, Andert für das Unstruttal und Wölfing für Südthüringen vorgenommen haben. Eine reine Aufzählung ergibt jedoch nichts für weitergehendere Überlegungen. Es fällt aber auf, daß die bei weitem meisten Urkunden in den Klöstern Fulda und Hersfeld ausgestellt worden sind, denen die Schenkungen zufielen.

Deren “Scriptorien” gelten allgemein als frühmittelalterliche Fälscherwerkstätten. Zumindest blieben keine Originalurkunden erhalten, sondern nur spätere Kopien, wohl aus dem 11. und 12. Jh. Erst in diesen Kopien wurde nach der neuen christlichen Zeitrechnung datiert. Was in den Originalen für ein Datum stand oder ob gar die Kopie die Erstfassung ist, kann schwer nachgeprüft werden. Das 9. Jh. gilt in der Mediävistik beinahe sprichwörtlich als “Jahrhundert der Fälschungen”; ich würde formulieren: Das 9. Jh. war das Lieblingsobjekt der Fälscher der folgenden Jahrhunderte.

Ich finde es beschämend, daß selbst anerkannte Historiker sich nicht scheuen, auch eindeutig nachgewiesene Fälschungen als “inhaltlich echt” zu bezeichnen, um so ihre vorgefaßte Konzeption mangels anderer Belege zu rechtfertigen. So schrieb Facius zu Allstedt:

“Missioniert wurde das Gebiet aber erst im 8. Jh. vom Kloster Hersfeld, dem die Wigbertkapelle in A. nach unechter, aber in der Sache glaubhaften Urkunde (777) geschenkt wurde. Mit Sicherheit kann aus diesem Anhaltspunkt geschlossen werden, daß der gut bezeugte Königshof und die Pfalz nicht erst von den Liudolfingern angelegt worden sind. Man vermutet die Wigbertkirche von 777 und den königlichen Wirtschaftshof am Ostrand der Stadt.” [Patze 1989, 2]

Nachdem der Autor schon zugeben hatte, daß es keinerlei archäologische Belege für seine Annahme gibt, mußte er dann noch einräumen, daß die Königspfalz erstmals in einer Urkunde König Heinrichs I. vom 12. 10. 935 “sicher bezeugt” wurde! Ähnlich argumentierte auch Herrmann, anerkannter Archäologe und Spezialist für “Slawen in Deutschland”:

“Schon kurz vor 700 berichtet eine zwar gefälschte, aber in ihrem Kern inhaltlich zutreffende Urkunde von Dörfern im Waldgebiet südöstlich von Erfurt, die mit königlicher Billigung von Slawen angelegt und dem Erfurter Peterskloster übereignet worden seien” [Herrmann 28; nach Dobenecker I.6].

Solche Beispiele könnte ich beliebig fortsetzen. Die Absicht ist deutlich, irgendwie die Phantomzeit doch zu belegen. Zu den vielen Schenkungsurkunden, die angeblich vor dem 10. Jh. ausgestellt wurden, muß grundsätzlich gesagt werden, daß in keinem Ort, der in ihnen erwähnt wurde, archäologische Funde aus dem 8./9. Jh. gemacht worden sind. Es fanden sich bestenfalls Reste romanischer Kirchen aus dem 10. Jh., die aber bei näherer Überprüfung in der Regel später datiert wurden.

Ich kenne nur ein Beispiel, daß ernsthaft versucht worden ist, eine Ortserwähnung auch archäologisch zu rechtfertigen:

“Zwischen 815 und 824 gründete ein Graf Christian in Rohr ein im 10. Jh. wiederaufgegebenes Benediktinerkloster. Von der einstigen Klosterkirche St. Michael, einem einschiffigen Kreuzbau mit unmittelbar ansitzender Apsis, führt die Dorfkirche Teile des Langhauses fort, insbesondere aber die Hallenkrypta mit vier Stützen und nischenbesetztem Halbrund im Osten.” [Wölfing 1995, 77; vgl. entsprechend Patze 1989, 352]

Rohr liegt zwischen Meiningen und Suhl. Die Hallenkrypta wurde erst um 1900 wiederentdeckt und unter einer Falltür auf der Nordseite des Altarraumes zugänglich gemacht. Bei einer Führung, an der ich teilnahm, wurde ausdrücklich versichert, daß die Krypta aus dem 9. Jh. stamme. Andere Historiker beurteilen jedoch das tatsächliche Alter der berühmten Krypta realer:

“Auf das Kloster des 9. Jh, das bis 915 bestand, gehen der Kern der Anlage der Dorfkirche (Umbauten 12., 16., 17. Jh.) und deren Krypta (10. Jh.) zurück – einer der ältesten Kirchenbauten der DDR” [Hoppe/John 1978, 215].

Für Thüringen stellt es schon eine Ausnahme dar, wenn Reste einer Kirche auf das 10. Jh. datiert werden können, die meisten Kirchenbauten sind späteren Datums.

11. Die Thüringer Markherzöge

Bei seiner Begründung des direkten Übergangs von 614 zu 911 hat Illig [1992b, 81ff] auch auf das Phänomem des (nach konventioneller Geschichtsschreibung) Verschwindens der Stammesherzogtümer in der Phantomzeit) und ihres ‘überraschenden’ Wiederauftauchens im späten 9. bzw. frühen 10. Jh. hingewiesen.

“Die Herzogtümer wurden von den Karolingern als Vertretern einer konsequenten Zentralgewalt bekämpft und – im eigenen Reichsgebiet – zerstört: 714 Thüringen und kurz danach Elsaß, 746 Alamannien, zuletzt 788 Tassilo III. von Baiern.”

Das für die “Zerstörung” Thüringens angegebene Jahr 714 dürfte ein Druckfehler bei Illigs Quelle Fleckenstein sein. Wenn man Heden II. als Thüringerherzog betrachtet, stellte dieser nach konventioneller Zeitrechung noch 716 eine Urkunde als Herzog aus. Von einer Eroberung oder Unterwerfung Thüringens ist, wie ausgeführt, selbst in den Quellen, auf denen die Karolinger-Legende beruht, keine Rede.

Illig [ebd, 82] zählte dann die Herzogtümer, die kurz vor Ende der Phantomzeit wieder entstanden sein sollen (er vergaß hierbei Thüringen), auf und bemerkte grundsätzlich:

“Im Lichte unserer zeitrafferischeren These wird diese zweite Morgenröte der Herzöge wesentlich klarer. Wenn fiktive zentralistische Karolinger niemals die reale Herzogsmacht gebrochen haben, dann muß es nach der fiktiven Zeit genauso Herzöge geben wie vor ihr, eine Peinlichkeit für die Fälscher der Geschichte. Es gelang ihnen nur schlecht, deren Neuentstehen im Karolingerniedergang darzustellen. Deshalb fehlen den neuen Herzögen die wahren Ursprünge” [ebd].

Den unmittelbaren Übergang von 614 zu 911 kann man am Beispiel der Markherzöge, die am Ende des 9. Jhs. (was dem Ende des 6. Jhs. entspricht) Thüringen beherrscht haben, gut verdeutlichen.

Diese werden in der Thüringenliteratur Markherzöge genannt, weil sie eine Doppelfunktion ausgeübt haben sollen. Ein Markherzog war danach gleichzeitig Herzog der Thüringer (Dux Thuringorum) wie Graf (comes) oder Markgraf (marchio) der Sorbischen Mark (Limes Sorabicus), die östlich der Saale bestand.(Allerdings bezweifele ich nach meiner Urkundenanalyse, daß jeder Thüringerherzog gleichzeitig auch Markgraf gewesen ist [zur Sorbischen Mark vgl. auch Zeller 1996b, 5o8ff]).

Auch den Fälschern des 11. und 12. Jhs. war noch bewußt, daß Thüringen ununterbrochen bis zu Beginn des 11. Jhs. ein Herzogtum war, weshalb sie auch in den Urkunden des Ostfränkischen Reiches bedenkenlos vom “Ducatus Thuringiae cum marchis suis” sprachen. Diese Formulierung ist in dem auf 839 datierten Teilungsplan der Söhne Ludwigs des Frommen enthalten, nach dem Thüringen (mit seinen Marken) Lothar zugesprochen wurde [Heckmann 14]. In den Fuldaer Annalen ist 889 von der “regio Thuringorum” die Rede, an anderer Stelle wird der Begriff “regio” aber auch für Lothringen, Bayern, Mähren (Großmährisches Reich) und das Byzantinische Reich gebraucht [Eggert 113, Anm. 124]. “Regio” wird üblicherweise mit Großlandschaft oder Gebiet übersetzt, ich erwäge aber auch (es wurde kein klassisches Latein mehr geschrieben) die Übersetzung “Königreich” (“regius” = königlich).

Die Thüringer Markherzöge wurden hauptsächlich in Klosterannalen des späten 9. Jhs. erwähnt, meist in den Fuldaer Annalen, die 847 begonnen wurden und deren Fortsetzung ab 863 als recht zuverlässig gilt [Wattenbach 1885, 214f], aber auch in den Annalen des Abtes Regino von Prüm (um 907). Wir befinden uns am Ende des Phantomzeitalters, was für mich bedeutet, daß man diesen Annalen mehr Vertrauen als ihren Vorgängern entgegenbringen kann.

Dies gilt aber nur mit Vorbehalt für die Schenkungsurkunden, zumal diese meist aus dem berüchtigten Scriptorium des Klosters Fulda stammen. Unsicher sind vor allem die in christlicher Zeitrechnung angegebenen Jahreszahlen, die im späten 9. Jh. geschrieben worden sein sollen. Wie das Beispiel der Heden-Urkunden gezeigt hat, sind diese Überlieferungen nur dann zeitlich richtig einzuordnen, wenn man die Originaldatierung nach Regierungsjahren eines Herrschers kennt. Letztere wurden leider von Dobenecker, meinem Hauptgewährsmann, nirgends angegeben, so daß ich jede seiner Datierungen (ausschließlich in christlicher Zeitrechnung) von vornherein bezweifeln muß.

Herzog Radulf (Ratolf) wurde einmal in den Fuldaer Annalen erwähnt [MG.SS I.387; Dobenecker I.220a, Anm.]. Danach soll er im Januar 874 gegen die aufständischen “Sorben, Siusler und ihre Nachbarn” über die Elbe gezogen sein; “die Aufständischen wurden unterworfen, ohne daß es zur Schlacht kam”. Da nach konventioneller Chronologie der Radulf des “Fredegar” 200 Jahre früher gewirkt haben soll, wird der Radulf (Ratolf) der Annalen durchweg als Radulf II. bezeichnet. Nach rekonstruierter Zeitrechnung müßten aber beide identisch gewesen sein. Da die konkrete Datierung der Annalen mir zweifelhaft erscheint, bleibe ich (vorerst ?) bei der von mir auf anderem Weg (s. Abschnitt 6) gefundene Jahreszahl 858/859 für die “Unterwerfung” der Sorben durch Radulf. So ist es auch möglich, daß Radulf 874 erneut einen Feldzug gegen die Sorben durchgeführt hat.

In landesgeschichtlichen Werken werden übereinstimmend als Markherzöge nacheinander Thakulf, Radulf II., Poppo, Konrad und Burchard genannt, die Autoren geben jedoch die unterschiedlichsten Regierungszeiten an, auf deren Wiedergabe ich hier, da sie nichts bringt, verzichten möchte.

Als Vorgänger des Radulf gilt der Markherzog Thakulf, weil dieser nach einer Urkunde 873 verstorben ist, Radulf aber danach – 874 – die Sorben geschlagen hatte, obwohl in keiner Urkunde dieser Thakulf ausdrücklich als Vorgänger des Radulf bezeichnet worden ist.

Dieser Thakulf hat mir viel Kopfschmerzen bereitet. In der Erstfassung dieses Beitrages habe ich noch die Identität von Radulf mit Thakulf erwogen. Nachdem ich glaubhaft gemacht hatte, daß Radulf 561 (m.E. = 858) Herzog der Thüringer geworden ist und danach die Sorben unterworfen hatte, erschienen mir die in der Sekundärliteratur enthaltenen Angaben über Thakulf für dessen Identität mit Radulf zu sprechen. In den Quellen wurde er als “dux Thuringorum” bezeichnet [John u. a. 27]. Er soll 859 einen Sieg über die Sorben errungen haben und am 1. September 873 verstorben sein [Heckmann 14]. Erst das Studium und die Analyse der Primärquellen machte mir klar, wie unzuverlässig diese Angaben der Sekundärliteratur sind.

Am glaubhaftestens erscheint mir ein Vermerk in den Fuldaer Nekrologien zu sein, wonach Thachulf am 1. August (nicht: September) verstorben ist. Wäre er Herzog der Thüringer gewesen, wäre dies hier bestimmt vermerkt worden. Stattdessen heißt es: “Thachulfus comes et dux Sorabici limitis, mense Augusto defunctus est.” [MG.SS XIII.182; Dobenecker I.22Oa, Anm.]

Thakulf war also Graf und Herzog der Sorbischen Mark, offensichtlich gleichzeitig mit Radulf, der Thüringerherzog war! Im übrigen erscheint ein Thakulf nur in dubiosen Schenkungsurkunden und in genauso dubiosen anderen Schriftquellen.

Das erstemal taucht er bereits 811 (!) in einer Fuldaer Urkunde als “Tacgolf, Graf von Böhmen” auf. Schon der Inhalt dieser Urkunde spricht für sich. Als Gegenleistung dafür, daß er im Kloster Fulda beigesetzt wird, schenkte er seine Region (“regionem suam”) “Sarowe” dem Kloster! Dobenecker [I.85; Anm.] bezeichnete diese Urkunde, nicht nur wegen der Jahreszahl, sondern auch aus formellen Gründen, als eindeutig gefälscht.

Diese Schenkung muß dem Kloster sehr wichtig gewesen sein, denn auch in einer auf 861 datierten Urkunde schenkte “Tacgolf, Graf von Böhmen” dem Kloster Fulda die “provinciola Sarowe” [Dobenecker I.227a], Und schließlich mußte noch in einer Urkunde vom 16. Dezember 1012 Kaiser Heinrich (II.) dem Kloster den Besitz der “provincia Sarowe” bestätigen, die ihm Graf Thacholf, Graf von Böhmen (“quidam comes de Boemenia”) vermacht hatte [Dobenecker I.628]. Heimatforscher gehen davon aus, daß die Gegend um Syrau bei Plauen/Vogtland gemeint sei, aber auch dies ist umstritten. (Es ist sogar von einer Schenkung der Sorbenmark die Rede!)

Nach einer Mitteilung der Fuldaer Annalen soll König Ludwig (der Deutsche) 858 drei Würdenträger mit Feldzügen beauftragt haben:

  • seinen Sohn Karlmann gegen Mähren,
  • seinen Sohn Ludwig gegen die Abodriten und Linonen,
  • “Thachulf” gegen die rebellischen Sorben (“tercium autem per Thachulfum in Sorabos dicto oboe nolentes”) [MG.SS I.371; Dobenecker I.220a].

Hier handelt es sich eindeutig um eine mit der Karolinger-Legende verbundene Fälschung. Diese “Quelle” bildet übrigens den einzigen Beleg dafür, daß Thakulf 859 die Sorben unterworfen haben soll!

Ganz ominös ist ein Empfehlungsbrief [MG.SS XII.182] des Fuldaer Abtes Hatto II. an Papst Leo (konvent. regierte Leo IV. von 847 bis 855) für Herzog Thakolf, der nach Rom pilgern wollte. Dieser Brief ist “verschollen”, nur ein Exzerpt blieb in einer späten Kopie angeblich erhalten. Eine Jahreszahl wurde nicht angegeben. Dobenecker [I.214] geht auch hier von einer Fälschung aus. Nur hier wurde Thakulf als “Herzog der Thüringer” (“per Thacholfum Thuringorum ducem”) bezeichnet, wahrlich eine schwache Quellengrundlage, um Thakulf als Thüringerherzog vor Radulf zu bezeichnen, wie es in der Heimatsgeschichtsschreibung [z.B. John u. a. 27] üblich ist!

Unbekannt ist, wann Radulf verstorben und wer sein unmittelbarer Nachfolger gewesen ist. Als nächster Thüringerherzog wird in den Quellen ein gewisser Poppo (Boppo) genannt. Dieser erscheint erstmals 880 bei Meginhard als “comes et dux Sorabicus” [John u. a. 27; Heckmann 14], könnte also der Nachfolger Thakulfs in der Sorbischen Mark gewesen sein.

Auch Regino von Prüm bezeichnete ihn noch 891 als Markgraf – “marchio” [Dobenecker I.282; Tille 7]. Dieser Poppo wurde um 889 auch Herzog der Thüringer. Regino von Prüm berichtete in diesem Jahr, daß Sizzo (Sunderold), ein Mönch aus Fulda, Erzbischof von Mainz geworden sei. Dies sei im gleichen Jahr geschehen, in dem “Boppo” Herzog der Thüringer und Arnulf König geworden seien: “annitende Boppone Thuringorum duce et Arnolfo rege annuente” [MG.SS I.60; Dobenecker I.273a] – nach anderen Quellen wurde aber Arnulf konventionell schon 887 König).

Mit dem Namen Herzog Poppos ist der “sächsisch-thüringische Bürgerkrieg” verknüpft, der nach den Fuldaer Annalen auch 889 stattgefunden haben soll. Poppo kämpfte gegen Egido, einem Teilherzog der Sachsen, der sich auch als Thüringerherzog bezeichnet hat [Eggert 113; dort Quellenanalyse].

Herzog Poppo wurde schon 892 abgesetzt. König Arnulf trennte wieder Thüringen von der Sorbischen Mark. Thüringerherzog wurde der Franke Konrad, zum Markgrafen wurde Burchard ernannt [Dobenecker I.282]. Poppo resignierte aber nicht und regierte weiter. Konrad konnte sich gegen ihn nicht durchsetzen und verzichtete schließlich 897 formell auf seinen fiktiven Herzogstitel. 9o6 fiel er im Geschlechterkrieg gegen die Babenberger. Er gilt als Vater des späteren Königs Konrad I.

Herzog Poppo wurde 899 von König Arnulf feierlich rehabilitiert [Dobenecker I.286], Burchard bieb aber Graf der Sorbischen Mark. Poppo erhielt seine Güter zurück. Hierbei wurde auch Saalfeld erstmalig erwähnt, das jetzt seinen 1.100. Jahrestag feiert.

Nach der Sekundärliteratur soll Poppo 903 von Markgraf Burchard gestürzt worden sein, wofür es aber keine Belege gibt. In einer Urkunde König Ludwigs (des Kindes) vom 9. Juli 903 (Reichstag zu Forchheim) wurde “Purchart” als “marchio Thuringionum”, aber auch als “egregius dux, venerabilis comes” bezeichnet [Dobenecker I.305; John u.a. 27]. Über das Ende Herzog Poppos ist nichts bekannt.

In Urkunden von 887 und 890 [Dobenecker I.270 und 275] trat ein Graf Poppo aus dem Grabfeld (nördliches Mainfranken) u.a. als Zeuge auf. Umstritten ist, ob er mit Markgraf/Herzog Poppo identisch war; in den Urkunden wurde er jedoch nur als Graf bezeichnet. Er soll der Onkel von Herzog Adalbert I., des Oberhauptes der Babenberger gewesen sein und gilt als Vater Poppos III., des Stammvaters der Henneberger [Thiele 8].

Andererseits ähnelt das Ende des Würzburger Herzogs Heden II. (nach der “Passio Kiliani”) auffallend dem Ende des “Thüringerherzogs” Konrad. Letzterer residierte wohl in Würzburg, sein Bruder Rudolf wurde jedenfalls 892 von König Arnulf zum Bischof von Würzburg bestellt [Thiele 9]. Eine Identität beider könnte gegeben sein und würde erklären, wie und warum so spät Heden II. Herzog geworden ist. Wenn meine Neudatierung der Heden-Urkunden richtig ist, müssen beide zumindest Zeitgenossen gewesen sein !

Ob miteinander identisch oder nicht, Herzog und Graf Poppo waren Gegner des “Herzogs” Konrad und damit der Konradiner. Graf Poppo trat nach den erwähnten Urkunden zusammen mit einem Graf Thiutbold als Vertreter des Klosters Fulda bei König Arnulf auf, beide waren somit eng verbunden. Willibald bezeichnete als Gegner Herzog Hedens einen Herzog Theotbald (vgl. Abschnitt 6), so daß ich es für möglich halte, daß Willibald (oder sein Fälscher) diesen Thiutbold meinte. Wahrscheinlicher erscheint aber die Identität Theotbalds mit dem 906 hingerichteten Oberhaupt der Babenberger, Herzog Adalbert, dem Neffen des Grafen Poppo. Belegen kann ich dies allerdings (noch ?) nicht.

In diesem Zusammenhang noch einige Bemerkungen zu Arnulf und dessen Sohn Ludwig (dem Kind). Illig betrachtet alle Karolinger vor 911, auch Arnulf und Ludwig, als fiktiv. Ich halte die Existenz der Letztgenannten für möglich. Immerhin beginnt mit ihnen bei Widukind von Corvey [I.16] nach der interpolierten Karls-Passage die reale Geschichte, die unmittelbare Vorgeschichte des deutschen Reiches. Das Wirken Arnulfs, das ich natürlich ins späte 6. Jh. setze, entspricht den Berichten über die Auflösung des Merowingerreiches unter Chlothar II. Allerdings bezweifele ich, ob der historische Arnulf überhaupt Karolinger war. Seine Machtzentren bildeten bekanntlich das Herzogtum Bayern und die Markgrafschaft Kärnten. Seine Residenz war Regensburg. Von Bayern aus unterwarf er das östliche Frankenreich (Herzogtümer Lothringen und Franken) und legte sich den Königstitel zu.

Arnulf war übrigens ein Verwandter des späteren Bayernherzogs Arnulfs (des Bösen; 907-937), der sich in einer Urkunde von 918 auch König nannte [Eggert 117, 337]. Oda, die Mutter Arnulfs von Kärnten, war die Tante von Markgraf Luitpold, des Vaters des Bayernherzogs Arnulf [Thiele 7,109].

Der letzte Markherzog Burchard fiel 908 an der Spitze des Thüringer Heerbannes gegen die Ungarn. Der Sachsenherzog Otto vertrieb daraufhin die Söhne Burchards, Bardo und Burchard, und wurde zum Thüringerherzog gewählt. Burchard war den Konradinern zugetan, während Otto mit Hedwig, der Schwester des Oberhauptes der Babenberger, Herzog Adalbert, verheiratet war [John u. a. 27; Thiele 8]. Nach dem Tod Ottos 912 wurde sein Sohn Heinrich I. (später deutscher König) sein Nachfolger und nach ihm hintereinander Otto I., II. und III. Der vorübergehende Übergang des thüringischen Herzogtitels auf die sächsischen Liudolfinger (908) war die von Willibald erwähnte freiwillige “Unterwerfung” der Thüringer unter die Sachsen. Thüringen blieb aber selbständiges Herzogtum, Heinrich I. nannte sich “Herzog der Sachsen und Thüringer” (so 916 [vgl. John u. a 27]). Beide Herzogtümer waren nur in Personalunion verbunden. Als Otto I. 953 Sachsen Hermann Billung übertrug, behielt er Thüringen für sich. Dieses Herzogtum wurde für die Ottonen von den Grafen von Weimar verwaltet, bis Ekkehard I. um 995 Herzog der Thüringer wurde.

12. Nachbemerkung

Nach den überzeugenden Forschungsergebnissen Illigs betrachte ich alle Nachrichten der Karolinger-Legende (nach Illigs Konzeption bis 911, nach meiner Meinung möglicherweise nur bis 887 = 590) als gefälscht. Ich habe aber bewußt darauf verzichtet, alle anderen Nachrichten, die in Schriftquellen aus der Phantomzeit überliefert wurden bzw. nach den vorliegenden Daten in die Phantomzeit fallen, von vornherein als erfunden zu betrachten. Das betrifft auch Informationen, die sich auf die politische Geschichte Thüringens im “Phantomzeitalter” beziehen. Ich habe stets sorgfältig geprüft, ob diese nicht dem (ansonsten fast informationslosen) 6. Jh. zugeordnet werden können. Ich folgte hierbei der Methodik, die Zeller [1993b, 69] bei der Analyse der frühislamischen Geschichte angewandt hat, wobei er für mich überzeugend nachgewiesen hat, daß die frühen Kalifen (angeblich 7. Jh.) durchaus dem 7. und dem 10. Jahrhundert zugeordnet werden können, wobei er sowohl eine gründliche Analyse der Bauwerke wie auch der gleichzeitigen byzantinischen und iranischen Quellen vorgenommen hat. Er bewies wissenschaftlich, daß es auch im Vorderen Orient 297 Phantomjahre gab, die sich aber nicht nur aus einer einfachen Streichung, sondern aus seiner allseitigen Analyse ergaben.

Es findet sich deshalb sowohl bei Zeller wie auch bei mir derselbe Geschichtsstrang unter zwei Jahreszahlen. Beide bringe ich letztlich im 6. Jh. unter. 887 wird somit zu 590, die Phantomzeit von 614 bis 911 bleibt damit ereignislos. Im Ergebnis meiner Analysen bin ich zu folgendem wirklichen (nicht doppelten!) Geschichtsablauf gekommen:

531 = 828 Untergang des Thüringer Königreiches
555/556 = 852/853 Sieg der Sachsen über die Franken (Chlothar I.)
561 = 858 Ernennung Radulfs zum Herzog der Thüringer
569 = 866 Sieg Radulfs über die Franken (Sigibert)
576 = 873 Tod des Markgrafen Thakulf (Sorbische Mark)
585 = 882 Arnstadt-Urkunde des Heden II. (Konrad ?)
592 = 889 Poppo Herzog der Thüringer
595 = 892 Konrad Herzog der Thüringer
597 = 894 Zweite Urkunde des Heden II. (Konrad ?)
606-611 = 903-908 Burchard Herzog der Thüringer
611-615 = 908-912 Otto Herzog der Sachsen und Thüringer
nach 611 = nach 908 Wirken des Bonifatius in Thüringen
912-936 Heinrich I. Herzog der Sachsen und Thüringer
933 Schlacht bei Riade

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2 Kommentare zu “Zur Phantomzeit in Thüringen. Schriftquellen und archäologischer Befund”

[...] Weissgerber: Zur Phantomzeit in Thüringen. Schriftquellen und archäologischer Befunde [...]

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12. Mai 2012                     Kategorie(n): Artikel aus den ZS, Zeitensprünge

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Aachens Baudatum im Einklang mit allen Indizien

von Heribert Illig (aus Zeitensprünge 1/2012)

Die „nouvelle histoire“ war Ergebnis von französischen Mediävisten, die sich dem alten Thema Mittelalter auf neue Weise widmeten, indem sie weniger Regenten und Kriege bejubelten, sondern Wirtschaft und Gesellschaft stärker gewichteten. Aus der Tradition der Annales kommend, lag ihnen Strukturgeschichte stärker am Herzen, wie sie auch langfristige Entwicklungen stärker herausarbeiteten und Geschichte von unten, gerade im ländlichen Raum betrieben. Für das Jahrzehnt nach dem ersten Weltkrieg stehen folgende Koryphäen: Georges Duby 1919–1996; Jacques Le Goff *1924; Robert Fossier *1927 und Emmanuel Le Roy Ladurie *1929.

Gerade Duby erforschte die wirtschaftliche Entwicklung und die dahinter stehende Gesellschaft, insbesondere in seinem Buch Krieger und Bauern von 1973 [übersetzt 1984 = D.], das die Veränderungen vom 7. bis zum 12. Jh. unter die Lupe nimmt. Da geht es um die Produktivkräfte, die Sozialstruktur, um Feudalzeit, Bauern und Herren. Und es geht ums Detail: Welche Werkzeuge waren verfügbar, welche Ernährungsgewohnheiten gab es, welche Krankheiten dominierten, wie funktionierte damals Geldwirtschaft. So erfährt man etwa, dass das Verschwinden der Totenbeigaben in einer christlich werdenden Gesellschaft keineswegs die Hinterbliebenen bereicherte:

„Nun war es nämlich die Kirche, die den »Totenanteil« forderte, die all das in Anspruch nahm, was ihm [dem Toten; HI] die Erben für sein Leben nach dem Tode überlassen hatten. Wurden die Schätze früher in den Gräbern gehortet, so geschah dies nun in den heiligen Stätten des Christentums“ [D. 72].

Oder es wird auf die schwierigen klimatischen Bedingungen hingewiesen. So ereignete sich 1033 gemäß Radulfus Glaber eine Hungersnot, die bis zum Kannibalismus geführt habe:

„Permanente Regenfälle hatten den ganzen Boden so durchnäßt, daß es drei Jahre lang unmöglich war, Furchen zu ziehen, die Samen aufgenommen hätten“ [D. 207].


Es gab also immer wieder flächendeckende Katastrophen. Was Maschinen angeht, so verbreitete sich die (wassergetriebene) Kornmühle im 10. und 11. Jh. rasant. In England verzeichnet 1086 das Domesday Book bereits 6.000, d. h. im Durchschnitt 1 Mühle auf 46 Bauernhaushalte [D. 244]. Mühlen brauchten nicht nur Mühlsteine, sondern auch Eisenteile [D. 245]. Während in der  Zeit vor 1000 Eisenfunde äußerst rar sind [D. 24 f.], sind danach „die Fortschritte der Metallurgie in ganz Europa nicht zu übersehen“ [D. 253].

„Die Entwicklung der landwirtschaftlichen Techniken beruhte stets auf der verzögerten Verwendung des für militärische Angriffe erfundenen Werkzeugs bei der Feldarbeit – auch dies ein Aspekt des Übergangs von der Kriegsökonomie zur landwirtschaftlichen Ökonomie. Diese Entwicklung vollzog sich im Laufe des 12. Jahrhunderts; es kann aber sein, daß es schon zu früheren Zeiten entscheidende Verbesserungen in der Eisenverarbeitung gegeben hat. So zum Beispiel die Verwendung von Schmelzöfen mit einer verbesserten Belüftung und die Ausnutzung der Wassermühlenenergie für die Metallverarbeitung. Einen Hinweis auf die zuletzt genannte Annahme erkennen wir darin, daß schon 1086 manche Mühlen mit Eisenabgaben belastet waren. Auf jeden Fall häufen sich in den Texten vom Anfang des 12. Jahrhunderts in den Pyrenäen, den Alpen und dem Zentralmassiv Bemerkungen über Schmiedehämmer. Zur gleichen Zeit werden auch zum ersten Mal Eisenminen erwähnt“ [D. 254; Hvhg. HI].

Dies schrieb Georges Duby bereits 1973. Vor kurzem hat mich Marianne Koch, Leopoldshöhe, auf den Text hingewiesen und auch darauf, dass die zitierte Seite im Internet zu finden ist.

Aachen und Eisenhammer

Damit gibt es einen weiteren wertvollen Hinweis auf die Erfindung des Eisenhammers und seinen Einsatz mit Wasserkraft. In meinem Buch Aachen ohne Karl den Großen [ab sofort in einer um acht Seiten erweiterten Neuauflage mit zusätzlichen Indizien und Zurückweisungen erhältlich] konnte ich zeigen, dass es mittlerweile nicht nur Nachbauten von Fallhämmern aus dem späteren 12. Jh., sondern ebenso archäologische Funde und Hinweise auf ein entsprechendes Vokabular in den Schriftquellen der Zisterzienser gibt, so dass der Nachweis auf Fallhämmer ab 1135 gesichert ist.

In der Aachener Pfalzkapelle ist nicht nur tonnenweise Eisen verbaut worden, sondern ihre Ringanker bestehen aus zusammengefügten, stark belastbaren Stabeisen mit einem Gewicht von jeweils 180 und mehr Kilogramm, die von Hand nicht zu schmieden sind, schon gar nicht in einer fast eisenlosen ‘Karolingerzeit’:

„Der Eisenanteil muß demnach in der landwirtschaftlichen Ausrüstung äußerst gering gewesen sein; auch andere Texte bestätigen die Seltenheit des Metalls“ [Duby, 24].

Mit dem Fallhammer in Zisterzienserklöstern war also der Nachweis geführt, dass man bereits im 12. Jh. derartige Eisenmengen und große Einzelteile schmieden konnte. Diesem Argument konnte in Aachen von Seiten der Zeitungen und des Dombaumeisters nur mit beharrlichem Schweigen begegnet werden. Und ich war bereit, den von mir ermittelten Baubeginn für diese Kirche um mehrere Jahrzehnte zu verschieben, damit das erforderliche Eisen auch bereitsteht, und schrieb:

„Insofern ist der Baubeginn für Aachen erst im 12. Jh. zu erwarten, mutmaßlich um 1120, bis hin um 1140.“ [Illig 2011, 156]

Allerdings hatte ich im erfundenen Mittelalter nach Abgleich vieler anachronistischer Bauteile eine detaillierte Baugeschichte vorgeschlagen:

„In Analogie zu Speyer und Caen läßt sich ein Baubeginn [in Aachen] bald nach 1060 mutmaßen. [...]

Nachdem der Bau Zeit brauchte [...], kann das »Hochmünster«, das die ›oberen Stockwerke‹ und die Kuppel umfaßt, in der Zeit von 1080 bis 1100 oder kurz danach errichtet worden sein. [...]

Nach diesem umfänglichen Indizienbeweis haben wir in der Aachener Pfalzkapelle einen salischen Bau vor uns, der mit sehr großer Wahrscheinlichkeit in die Zeit Heinrichs IV. (1056 bis 1106) fällt!“ [Illig 1996, 298; damalige Hvhg.]

Jener Kaiser Heinrich IV. ließ beim Speyerer Dom zwischen 1080 und 1106 einen Um- und Neubau durchführen [wiki / Heinrich IV.], worunter eine neue Fundierung des Chorbereichs, eine neue Gliederung der Hochschiffwand samt Gewölbe im Mittelschiff und in der Vierung zu verstehen ist. Das erlaubt einen kurzen Vergleich zwischen Aachen und Speyer.

Die beiden Ansiedlungen

Von Aachen ist bekannt, dass es im 10. und 11. Jh. kaum greifbar ist [vgl. Illig 1996, 290-296]. Wenn man heutigen Internet-Angaben trauen möchte, dann hätten sich Pfalz und Ansiedlung von dem Normanneneinfall von 881 nicht erholt; für die Kaiser wäre es seit Ludwig dem Frommen nicht mehr als Wohnsitz genutzt worden. Gleichwohl wäre Aachen Krönungsort geblieben:

936 Otto d. Gr. 1028 Heinrich III.
961 Otto II. 1054 Heinrich IV.
983 Otto III. 1087 Konrad III.
1099 Heinrich V.

Wie das in einer Ansiedlung möglich war, die außer einer Pfalz und einer riesigen Kirche so gar nichts ausgezeichnet hat – keine Stadtmauer, keine ‘Münzprägeanstalt’, kein Markt, zu Zeiten Karls d. Gr. auch keine nachweisbaren Wohn- oder Handelsflächen –, ist nicht leicht vorstellbar. Glaubt man herrschender Lehre, dann wäre seit den Normannen, die die Pfalzkapelle als Pferdestall missbraucht hätten, die Kirche nicht mehr angemessen genutzt  worden. Das lässt folgende phantastische Vorstellung keimen: Ein Pfalzobmann verwahrte den Schlüssel, und wenn alle 20 bis 40 Jahre einmal gekrönt werden sollte, dann wurde eine Woche lang vorher geputzt, auf dass die Zeremonie prächtig werde, und danach die Kirche wieder zugesperrt. Erst Friedrich I. Barbarossa erteilte im Jahr 1166

„der Stadt Aachen das Markt- und Münzrecht und erklärte sie zur freien Reichsstadt. Als Gegenleistung begannen die Bürger Aachens im Jahr 1171 mit dem Bau der 2,5 km langen Aachener Stadtmauer, der so genannten »Barbarossamauer«“ [wiki / Geschichte der Stadt Aachen].

Der Verlauf der Barbarossamauer ist bekannt; sie ist in Teilen archäologisch nachgewiesen. Barbarossa tat ein Übriges und erklärte in seinem Karlsprivileg Aachen zum „Haupt aller Städte und Provinzen diesseits der Alpen“ [Müller]. Da wurde gewissermaßen ein Stecknadelkopf zum Ober-Haupt aufgeblasen.

In Speyer setzte die Entwicklung des Gemeinwesens volle zwei Jahrhunderte früher ein. 969 gewährte Otto d. Gr. der Stadt und der Vorstadt das Immunitätsprivileg. Damit unterstand Speyer allein der bischöflichen Gerichtsbarkeit. Im gleichen Jahr wurde mit dem Bau der ersten Stadtmauer begonnen. Vor 993 und vor 1009 erhielt Speyer das Markt- und das Münzrecht, wie wir aus entsprechend datierten Urkunden von Otto III. und Heinrich II. für Selz und Marbach wissen [dom speyer]. Um 1000 wurde mit der zweiten Stadtmauer begonnen. Im Jahr 1111 ließ Kaiser Heinrich V. Freiheitsbriefe ausstellen. „Sie begründeten den Gerichtsstand der Stadtbürger vor dem Stadtgericht“ [ebd.]. Trotzdem soll die Stadtbevölkerung vor dem Jahr 1100 erst 500 Köpfe gezählt haben [speyer]. Und das, obwohl doch eine große Anzahl von Handwerkern die Stadt bevölkert haben müsste.

Wer hier einen Vergleich mit Aachen riskiert, das doch erst später den Schutz einer Mauer benötigte, der muss davon ausgehen, dass Aachen vor 1100 höchstens 150 Personen beherbergt hat, also im heutigen Sinne eher ein Weiler als ein kleines Dorf war.

Die beiden Kirchenbauten

In Speyer wurde 1025/30 unter dem ersten Salier Konrad II. der Dom mit seiner als Grablege dienenden Krypta begonnen; aktuelle archäoastronomische Rückrechnung geht von September 1027 aus [Reidinger]. Eingeweiht wurde er 1061 unter dem noch minderjährigen Heinrich IV. (* 1050). Dieser rief nach Canossa und nach Abwehr des Gegenkönigs Rudolf von Rheinfelden im Jahr 1080 zum Um- und Neubau auf, der 1106, im Todesjahr des Kaisers, mehr oder weniger abgeschlossen gewesen zu sein scheint.

Fundlage vor dem ursprünglichen Altarraum der Pfalzkapelle

Fundlage vor dem ursprünglichen Altarraum der Pfalzkapelle (Grimme, 20) Karolingische Altarfundamente im Ostjoch des Sechzehnecks. Grundriß und Schnitt des Befundes von 1910 (nach Kreusch). a Ottograb, b Altarfundament, c Fundamentlücke mit Auffüllung, d Roter Estrich, e Altarfundament, f Hohlraum, q Bauschutt, h Erste Mauerumf., k Mörtelabdrücke, l Mörtelleiste, m Merkurstein, n Verkürzter Stein, o Dübelloch, p Putz, q Concha, r Absatz, s Aufrauhung, t,u,v,w, vier kreuzförmig verlegte Werksteine (Siebigs, 27).

Nun hatte Heinrich IV. eine besondere Beziehung zum Aachener Dom, soll er doch 1056 als Kind von Papst Viktor II., der zuvor Reichskanzler und Bischof von Eichstätt gewesen war, in Aachen auf den Thron Karls des Großen gesetzt worden sein [wiki / Heinrich IV.]. Wenn er selbst die Pfalzkapelle hätte bauen lassen, die es gemäß dem erfundenen Mittelalter damals noch nicht gegeben haben kann, dann hätte er auch selbst für den Mythos vom sechsjährigen Knaben auf den Schultern eines Riesen sorgen können.

In Aachen brachte die Existenz des Doms als Stiftskirche – die Bezeichnung Pfalzkapelle ist seit ungefähr 1996 verpönt – für das Gemeinwesen eine erhebliche Komplikation:

„Nach der Errichtung des Aachener Doms um das Jahr 800 feierten die Privilegierten und Stiftsherren des damaligen Reiches ihre Gottesdienste in diesem Gotteshaus, während der normale Bürger auf andere Kirchen ausweichen musste. Aus diesem Grunde wurde um 1180 an der Stelle der heutigen Pfarrkirche St. Foillan ein Gotteshaus gleichen Namens errichtet. Dieses existiert heute nicht mehr.“ [wiki / St. Foillan Aachen]

Konnten die Aachener Kleinbürger seit Bau der Pfalzkapelle fast 400 Jahre lang überhaupt nicht in die Kirche gehen? 1005 ließ Otto III. die Stiftskirche St. Adalbert erbauen, die zwar nicht im Gemeinwesen lag, aber zu Fuß erreichbar war [vgl. Illig 2011, 15]. Zuvor war das Gemeinwesen so klein, dass vermutlich auch eine Kapelle normaler Größe für den Gottesdienst ausgereicht hat. Eine solche wird unter dem Dom Pippin zugewiesen, auch wenn hinzugefügt werden muss, dass der schlecht registrierte Befund von 1910 nicht eindeutig ist [Siebigs, 22-28]. Auffällig ist, dass dieses Rudiment nicht nach Osten, sondern nach Nordosten orientiert war. Das entspricht der Orientierung der römischen Ansiedlung Aquae granni, während die heute bestehende Pfalzkapelle wie die Aula (heute Rathaus) präzis geostet ist. Das zeigt, dass die römische Ansiedlung, ob noch erhalten oder bereits ruinös – beim Bau dieser Kapelle noch richtungsweisend war. Erst für die Anlage von Pfalz und Pfalzkapelle wurde das Thermen-Terrain planiert – ein betoniertes Becken steckt in ihrem jüngst erforschten Fundament – und die Gebäude dem uns vertrauten W-O-N-S-Raster eingegliedert.

Nachdem es in Speyer um die Grablege der Salier ging, in Aachen um das Haupt aller Städte, scheint sich eine Tendenz ablesen zu lassen. Die Könige, ob Salier oder Staufer, scheinen damals der Geistlichkeit und/oder dem örtlichen Adel innerhalb der Städte misstraut zu haben, sonst hätten sie ihre Riesenbauten – immerhin gilt Speyer als größter erhaltener romanischer Bau; nur Cluny ist mit zwei Querschiffen, Vorkirche und Atrium noch größer gewesen (nicht aus Speyerer oder deutscher Sicht [s. wiki / Speyerer Dom]) – nicht in winzigen Ansiedlungen errichten lassen.

Die Bauzeit von Aachens Pfalzkapelle

Für Aachen konkurrierten kurzzeitig drei Datierungen: 800, 1090 und 1135. Nach aktuellem Stand der Bauforschung wäre die Kirche in kaum zehn Jahren um das Jahr 800 gebaut worden [vgl. Illig 2011, 34-38]. Gemäß meinen architekturhistorischen Abgleichen [1992; 1994; 1996] stammt sie aus der zweiten Hälfte des 11. Jh. bzw. aus den letzten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts, doch nach den experimentellen Arbeiten von Paul Benoît und anderen war sogar an die Zeit nach 1100, bis um 1140 zu denken. Dies bedeutete für meine These eine Verschiebung um 30 bis 50 Jahre, die ich akzeptierte, weil somit die nötigen Fallhämmer zum Schmieden der Tonnen von Eisen verfügbar waren.

Trotzdem störte mich, dass aus Bauvergleichen diese Verschiebung ins 12. Jh. nicht zu begründen war. Ich erinnere an folgende Befunde:

Wandauflösung (wegen Speyer) nach 1030
Oktogone nach 990, wahrscheinlicher nach 1030
Mischung aus Bruchsteinen und Quadern (wegen Speyer) ab 1040
Westwerk (wegen Essen) nach 1040
Antikisierende Formensprache (wegen Essen) nach 1040
Umgangswölbung (wegen Speyer) nach 1050
Vertikalität nach 1050
Säulengitter (wegen Essen und Köln) ab 1050
Kuppel (wegen Speyer) nach 1080
Strebesystem (wegen Caen) nach 1080
Doppelkapelle (wegen Hereford) zwischen 1070 und 1090
[Illig 1996, 296 f.].

Klargestellt war außerdem, dass Aachens komplizierte Umgangswölbung nach Art eines Wabenmusters erst nach der Wölbung von Speyers Seitenschiffen entworfen worden sein sollte. Nicht hinreichend beachtet hatte ich damals, dass Aachen extrem weit geöffnete Emporenöffnungen hat. Da die oberen Wölbungen vom 16-Eck zum inneren 8-Eck ansteigen, konnten diese Öffnungen so riesig werden. Dabei hat nach 911, nach der eingeschobenen Zeit noch mindestens 130 Jahre lang niemand Emporen bauen können. Dazu brauchte es normannische Erfindungskraft, die in zwei Klosterkirchen von Caen ihre Premiere hatte: die hochtürmige von St-Étienne und die insgesamt gedrungenere von Ste-Trinité, ohne Emporen. Beide wurden um 1060 begonnen. St-Étienne besitzt über dem Emporengeschoss noch einen Obergaden, also eine Fensterreihe im Mittelschiff, und entspricht damit dem Aufriss von Aachen. Diese Kirche wurde 1077 geweiht, hatte aber damals nur flache Decken. Erst ab 1120 wurden Rippengewölbe im ungefähr 10 m spannenden Mittelschiff eingezogen und die Vierung mit Rippen gewölbt.

Im direkten Vergleich kann Aachen mit seinen geweiteten Emporen und den bereits durch ein starkes Fundament vorbereiteten Wölbungen erst nach Caen begonnen worden sein. In Reims stünde mit der Basilika St-Remi zwar eine vielleicht noch frühere Emporenkirche, aber sie ist im Übergang von Romanik zur Frühgotik dermaßen stark verändert worden, dass mir sichere Aussagen zu ihrem ursprünglichen Zustand (Weihe 1049) nicht möglich erscheinen [vgl. Gall, 18]. Die Wölbung ihres Mittelschiffs und die Veränderung der Emporenöffnungen durch eingestellte Säulen – eine Parallele zu Aachen, wenn auch nicht so elegant wie das dortige Säulengitter – hat am Ende des 11. Jh. stattgefunden.

Damit sind wir – gerade auch hinsichtlich der Aachener Säulengitter – wieder auf die letzten beiden Jahrzehnte des 11. Jh. verwiesen, in denen auch Speyers Mittelschiff gewölbt worden ist (die Vierung danach). Speyer enthielt – wie Aachen – im Bereich von Chor, Vierung und Querschiff weitläufige Holzanker, die ebenso wie in Aachen vermodert sind [vgl. Illig 1996, 258]. Nachdem der Bau trotzdem steht, darf vermutet werden, dass auch in den erhöhten Mittelschiffsmauern der zweiten Bauphase neben Holzankern auch Eisenanker eingebaut worden sind, die nach der Abbindphase der Gewölbe deren Schub aufnahmen. Eine Publikation wie die von Schifferer [1997] darf hier nicht irreführen: Sie spricht von rostenden Eisenankern in der Westkuppel, die jedoch im Gegensatz zur uralten Ostkuppel aus dem 19. Jh. stammt.

Bei meinen Recherchen gab es noch eine weitere Datierungskomplikation. Im erfundenen Mittelalter [278] habe ich die Doppelkapelle von Hereford als zeitliche Obergrenze genannt. Sie ist unter Bischof Robert gebaut worden, der von 1079 bis 1095 im Amt war und sich laut Wilhelm von Malmesbury am Aachener Vorbild orientiert hat [Verbeek 1967; vgl. Illig 1996, 278]. Mittlerweile liegt eine deutlich jüngere Meinung vor. So stellt Ulrich Fischer 2009 fest:

„Dieser Bau, im 18. Jahrhundert leider verloren, aber in zuverlässigen Zeichnungen im Grund- und Aufriss überliefert, nimmt zu Recht eine Sonderstellung in der frühromanischen Sakralbaukunst Englands ein. Robert hatte einen quadratischen Baukörper auf zwei Ebenen als eine Doppelkapelle errichten lassen, wobei auf beiden Ebenen vier Stützen den zentralen Raum in neun Joche unterteilten, eine Bauform, die im Reichsgebiet mit Bischofs- und Pfalzkapellen assoziiert ist.“ [Fischer, 191]

(Nur in Parenthese sei angemerkt, dass diese zerstörte Kapelle bei Wikipedia [/ Doppelkapelle] als ältestes erhaltenes Beispiel geführt wird.) Nun hat mit Wilhelm von Malmesbury ein Zeitgenosse diesen Bau mit der Aachener Kapelle verglichen [Fischer, 192]:

„Das große Problem dieser Aussage liegt darin, dass die fast würfelförmige, nur von einer zentralen Kuppel überragte Doppelkapelle von Hereford keine offensichtliche Ähnlichkeit mit dem Oktogon von Aachen hat“.

Emporensystem von St-Étienne, Caen: erste und zweite Version

Emporensystem von St-Étienne, Caen: erste und zweite Version (Gall, 25, 78)

Diese Unähnlichkeit fällt auf. Aber für uns liegen die Probleme ohnehin anders. Zum einen spricht William von der Aachener Basilika („aquensem basilicam“ [Fischer, 192]), was nicht automatisch zu einem Zentralbau führt, zum anderen hat er von ca. 1095 bis ca. 1143 gelebt und ist damit kein Zeitzeuge für den Bau der Kapelle in Hereford. Selbst wenn er schon als 15-Jähriger über den Bau geschrieben haben sollte, steht meine alt-neue Datierung – Fertigstellung kurz vor oder um 1100 – davon unbeeindruckt auf sicherem Boden.

Insofern kann ich dank Georges Duby bei meiner Meinung von 1996 (und 1994 [278]) bleiben, doch jetzt bekräftigt durch die archäologischen Eisen- und Schmiedebefunde aus dem 12. Jh. und durch Dubys dazu passenden literarischen Befunde für die Jahre vor 1086.

Literatur

Bauchhenß, Gerhard (Red. 1982): Aquae Granni. Beiträge zur Archäologie von Aachen; Köln

dom speyer = http://www.dom-speyer.de/daten/domspeyer/seiten/geschichtezeitstrahl1ue.html

Duby, Georges (1984): Krieger und Bauern. Die Entwicklung der mittelalterlichen Wirtschaft und Gesellschaft bis um 1200; Frankfurt a. M. (11973)

Fischer, Ulrich (2009): Stadtgestalt im Zeichen der Eroberung. Englische Kathedralstädte in frühnormannischer Zeit (1066–1135); Köln u. a.

Gall, Ernst (²1955): Die gotische Baukunst in Frankreich und Deutschland . Teil I. Die Vorstufen in Nordfrankreich von der Mitte des elften bis gegen Ende des zwölften Jahrhunderts; Braunschweig

Illig, Heribert (1994): Hat Karl der Große je gelebt? Bauten, Funde und Schriften im Widerstreit; Gräfelfing

(1996): Das erfundene Mittelalter. Die größte Zeitfälschung der Geschichte; Düsseldorf

- (2011): Aachen ohne Karl den Großen. Technik stürzt sein Reich ins Nichts, Gräfelfing

Müller, Heinrich (2006): Hochdeutsch mit Knubbeln. Wie der Öcher halt so ist; http://www.unser-aachen.com/beiträge/hochdeutsch-mit-knubbeln

Reidinger, Erwin (2011): 1027: Gründung des Speyerer Domes. Orientierung – Achsknick – Erzengel Michael; in Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte, Bd. 63, 9-37; Speyer

Schifferer, Günter (1997): Schäden am Speyerer Dom; http://www.baufachinformation.de/denkmalpflege.jsp?md=1998027131035

Siebigs, Hans Karl (2004): Der Zentralbau des Domes zu Aachen. Unerforschtes und Ungewisses; Worms

speyer = http://www.deutschland-deluxe.de/speyer-dom-unesco-weltkulturerbe.html

wiki / unter den entsprechend bezeichneten Artikeln

Ein Kommentar zu “Aachens Baudatum im Einklang mit allen Indizien”

[...] H.: Aachens Baudatum im Einklang mit allen [...]

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20. September 2011                     Kategorie(n): Artikel aus den ZS, Zeitensprünge

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Was las man denn zur Karolingerzeit? – Teil IV

von Paul C. Martin (aus Zeitensprünge 2/2002)

Was gelesen werden kann, muss zuvor geschrieben worden sein. Dabei muss es sich bei dem Geschriebenen um Texte handeln, die im Abendland in der Zeit „um 800“ in Form von Schriftrollen, Kodizes oder Einzelblättern vorhanden gewesen sein müssen. Als Material kam Papyrus oder Pergament in Frage.

Theo Kölzer hat uns mit seiner Edition der Merowinger-Urkunden bemerkenswerte Einsichten in das schriftliche Schaffen der vorkarolingischen Periode ermöglicht [Kölzer 2001].

Von 196 Merowinger-Urkunden, die er ediert, sind für ihn 129 gefälscht, interpoliert oder zweifelhaft, was nebenbei die „mit Abstand höchste Fälschungsquote unter den mittelalterlichen Herrscherurkunden“ [ibid. XII] darstellt. Kölzer landet schließlich bei 38 „Originalen“ des Zeitraums von 625 bis 717, was natürlich die Frage aufwirft, wie viele Urkunden aus dieser „dunklen Zeit“ überhaupt auf uns gekommen sind. Kölzer schätzt nach Ganz/Goffart [1990, 912 f.] den Anteil des Erhaltenen auf weniger als 0,001 % und meint, dass

„selbst einfache Überlegungen [zeigen], daß bezüglich der Königsurkunden mit Sicherheit nur Bruchteile von Prozent überliefert sind“ [Kölzer 2001, XV],

wobei er seinen Lehrer Brühl und sich selbst als Autorität angibt.

Beziehen wir das auf die 38 „Originale“, kommen wir also „mit Sicherheit“ auf mehrere Zehntausend, wenn nicht gar Millionen Urkunden der Merowinger-Zeit. Letzteres, sofern wir die 38 Urkunden als 0,001 % der insgesamt ausgefertigten ansehen. Nehmen wir die als „unecht“ betrachteten Urkunden hinzu, die zum großen Teil im nämlichen Zeitraum ausgefertigt wurden, könnten wir sogar mit insgesamt an die 5 Millionen echten oder gefälschten, jedenfalls geschriebenen Urkunden konfrontiert sein, und dies allein für die „Merowingerzeit“, was sich von der Fabrikation der „Karolingerzeit“ nicht wesentlich unterscheiden dürfte.

Damit könnten wir im Zeitraum zwischen dem Ende des 5. und dem letzten Drittel des 9. Jhs. mit einer Zahl von 10 Millionen Urkunden zu rechnen haben, wenn nicht gar mit noch viel größeren Zahlen, da sich das Gebiet, in dem und für das Urkunden ausgestellt wurden, gewaltig vergrößert hatte. Das „Karolingerreich“ stellt flächenmäßig das mindestens Achtfache des Reichs der Merowinger dar, womit selbst 40 bis 50 Millionen Urkunden nicht ausgeschlossen werden können, was einer durchgehenden Tagesproduktion von ca. 300 Stück entspräche.

Abb. 1: Handschriftenproduktion im Reich [Neddermeyer 1998, 615]. Ein statistisch nachvollziehbarer Trend startet erst um ca. 1100.

Abb. 1: Handschriftenproduktion im Reich (Neddermeyer 1998, 615

Dieses kolossale Schriftgut ist nun bis auf die bekannten minimalen Reste rätselhaft verschwunden. Hinweise auf die Umstände dieses großen Verlustes sind nirgends zu finden. Ganz offensichtlich haben wir es also mit märchenhaften Vorgängen zu tun. Eine Würdigung der von Kölzer als „echt“ bezeichneten Urkunden wird in kommenden Ausgaben der ZS erfolgen.

Die überwiegende Mehrzahl aller bis heute erhaltenen Texte sind Kodizes, diese wiederum fast ausschließlich auf Pergament geschrieben; mit ihnen beschäftigen wir uns in diesem mehrteiligen Aufsatz. Die Karolingerforschung spricht bis heute von ca. 8.000 aus der Karolingerzeit überlieferten Kodizes, worauf bereits in Teil I hingewiesen wurde.

Als Entstehungsorte dieser Kodizes, sofern es nicht höfische Schreibstätten waren, gelten gemeinhin die sog. „Skriptorien“ der zahlreichen Klöster, die es zur Karolingerzeit gegeben haben soll.

Ipsi mihi scripsi?

Wir können davon ausgehen, dass nur dann etwas geschrieben wurde, wenn es außer dem Schreibenden selbst auch noch mindestens einen Zweiten gegeben hat, der es anschließend auch lesen konnte. Das Verhältnis Leser zu Schreiber muss daher bei mindestens bei 2 : 1 gelegen haben. Dies schließt auch den Schreiber ein, der nur wissen kann, ob und was er weiter schreiben soll, wenn er das bereits Geschriebene außer beim Schreiben selbst ein weiteres Mal liest.

Zu dem Problem, ob es nur einen Schreiber und Leser geben kann, hat der Philosoph Hans Blumenberg [1998] einen kleinen Aufsatz veröffentlicht, der sich mit dem Nietzsche-Satz „Mihi ipsi scripsi“ auseinander setzt. Der Aufsatz ist auf ausdrücklichen Wunsch Blumenbergs nach seinem Tod veröffentlicht worden, so dass sich das Problem bereits erledigt hatte, bevor es überhaupt entstehen konnte.

Uwe Neddermeyer hat im selben Jahr, da der Blumenberg-Aufsatz erschienen ist, eine groß angelegte Untersuchung über Schriftlichkeit und Leseinteresse im Mittelalter und in der frühen Neuzeit unter quantitativen und qualitativen Aspekten in zwei Bänden erscheinen lassen. Die Untersuchung ist mir erst während des Verfassens dieses Teils des Aufsatzes bekannt geworden.

Im Folgenden werden Neddermeyers quantitative Aspekte für das Thema  herangezogen. Das Diagramm 1a/b Neddermeyers ist als Abb. 1 zu sehen. Es zeigt in der oberen Hälfte insgesamt einen Zuwachs der Handschriftenproduktion im Reich, der nach der Erfindung des Druckens mit beweglichen, konkreter: beliebig reproduzierbaren Lettern um 1450 noch steigt, um danach steil abzufallen. In der letzten Spitze konkurrierten Buch-Handschrift und Buch-Druck noch kurze Zeit gegeneinander, bis sich dann ergab, was sich ergeben musste: Die Produktion von handgeschriebenen Büchern verlor aus Gründen der unterschiedlichen Herstellkosten.

Würde ab sofort die Herstellung von Druckerzeugnissen unmöglich, würde die Handschriftenproduktion wieder einsetzen und zu einem neuen Gipfel gelangen, der über dem um 1450 erreichten liegen muss. Aus dieser Tatsache lässt sich unschwer ableiten, dass im Zeitablauf jeweils erreichte Hochs und Tiefs relativ zu zeitlich vorangegangenen Hochs und Tiefs immer ansteigen müssen, sofern das, worum es geht (Mehr Leser als Schreiber = Lesen > Schreiben) mindestens den selben Wert beibehält.

Dies muss bei Lesen > Schreiben der Fall sein, da es sonst ‘wertvoller’ (besser, vorteilhafter) für den Leser würde, nicht zu lesen als zu lesen. Da dies als außerhalb jeglicher rationalen Betrachtung liegend angenommen werden kann, muss sich also immer verifizieren lassen, was als verifiziert vorausgesetzt wurde, dass nämlich Lesen einen Vorteil gegenüber Nichtlesen hat, was auch für das entsprechende Schreiben, das Lesen immer erst ermöglichen kann, gelten muss.

Neddermeyer hat in seinem Diagramm eine um die höheren Verluste älterer Manuskripte bereinigte Statistik geliefert. Ihr Tief im 14. Jh. („jäher Einschnitt“) ist eindeutig durch die damals in Europa wütende Pest bedingt, die einen ansteigenden Lese- und damit Schreibtrend unterbrochen hat. Auch für den Abbruch des im Jahrzehnt 1100 bis 1109 (deutlicher in der unteren Hälfte des Diagramms) begonnenen Aufwärtstrend zwei bis drei Jahrzehnte später („Plateauphase“, danach „langsamerer Abstieg“) lässt sich unschwer eine Ursache finden: die Zeit der Kreuzzüge und der durch sie bedingten Wirren, die letztlich auf eine Minderung der Zahl der potenziellen Leser hinausgelaufen sind.

300 Jahre mit und ohne Lesen & Schreiben

Davor lässt sich nach den Regeln der Wahrscheinlichkeitsrechnung, bezogen auf einen vorgegebenen Trend, keinerlei Erklärung mehr für das Hin und Her zwischen den einzelnen Jahrzehnten finden. Ein vorgegebener Trend (da Lesen > Nichtlesen) kann nicht zum reinen Zufall werden (in welchem gilt: Nichtlesen = Lesen). Wie unschwer aus dem unteren Teil des um Zufälligkeiten bereinigten Diagramms zu entnehmen (z.B. späteres Pergament hält län ger als früheres Pergament), handelt es sich bei dem „Zufallszeitraum“ just um die ca. 300 Jahre, deren Existenz Heribert Illig seit Jahren vehement bestreitet. Es ist die Zeit, die um ca. 800 beginnt (Trendbeginn) und um ca. 1100 (Trendende) schließt.

Dass der ‘Zeithaufen’ davor, die drei einzeln stehenden Säulen keinerlei Aussage über Trend oder Nichttrend ermöglichen, versteht sich von selbst. Wann welche 300 Jahre erfunden wurden, spielt keine Rolle, sie müssen nur vor Mitteilung ihrer „Existenz“ erfunden worden sein. Es kann sich um jede davor liegende x-beliebige Zeitspanne handeln: also um 1500/1200, um 1400/1100, um 1000/700 oder um – wofür alles spricht, was Illig & Co. behaupten – um ca. 900/600.

Was folgt aus alledem? Wir haben im Neddermeyer-Diagramm einen ca. 300 Jahre dauernden Trend, der kein Trend ist, weder aufwärts, noch abwärts. Daraus folgt wiederum, dass diejenigen, die Handschriften über einen 300-Jahres-Zeitraum datieren, falsch datieren müssen. Dabei spielt es keine Rolle, wann datiert wurde: entweder durch das Vermerken (Ex-Ante-Fälschen) eines Datums auf einer bereits vorhandenen Handschrift oder durch das Ex-Post-Datieren einer Handschrift.

Die Fälscher waren raffiniert, aber nicht raffiniert genug

Beide, die Ex-Ante-Datumsfälscher und die Ex-Post-Datierer haben bei aller Raffinesse ihres Vorgehens übersehen, dass sie entlang eines Trends hätten fälschen bzw. datieren müssen. Geschichte läuft nicht als Nichtgeschichte ab. Durch den Ablauf von Geschichte ergeben sich ununterbrochen neue Informationen, die vermittelt werden können, was aber nur über zusätzliches Schreiben und Lesen geschehen kann, nachdem es Schreiben und Lesen gibt – was es bekanntlich seit der Früh-Antike geben muss (wann immer „Frühantike“ datiert wird).

Werden diese Informationen nicht vermittelt, bedeutet dies gleichzeitig, dass bei ununterbrochen zunehmender Möglichkeit, über mehr informiert zu werden, der Wille abnimmt, informiert zu werden und daraus irgend einen Vorteil (und sei es nur Vergnügen) zu ziehen.

Je mehr also – quantitativ – geschieht, weil Zeit verstreicht, desto geringer wird bzw. würde – quantitativ – die Information über das Geschehene. Oder, um zum Ausgangspunkt zurückzukehren: Je mehr Klöster und damit Skriptorien gegründet werden, um so mehr erlischt das Interesse der Skriptorien daran, über das Kloster selbst, die Umstände seiner Gründung, seinen Gründer, die Zahl und das Schicksal der Äbte, die Taten der Äbte usw. schreibend zu berichten. Dies gilt natürlich auch für Karl den Großen selbst.

Obwohl nicht nur über ihn selbst (Lichtgestalt), sondern auch über seine Nachfolger (Nicht-Lichtgestalten) immer mehr zu berichten war (sofort bekannte Fakten, neu entdeckte Fakten, Sagen, Lieder, formulierte Sehnsüchte nach seiner Wiederkehr usw.), nimmt die Tradierung Karls des Großen relativ zur Tradierung allen Geschehens ab, überdies in unerklärlichem Hin und Her, da überhaupt erst ab 1100 ein erkennbarer Handschriften-, also Tradierungstrend einsetzt, der wenig später bereits – wie im Diagramm zu sehen – als Aufwärtstrend abbricht und von einem Abwärtstrend abgelöst wird, um ab 1220 von einem neuem Aufwärtstrend, entlang der gesamten Trendlinie verlaufend, abgelöst zu werden.

„Karls-Literatur“ 300 Jahre nach Karl

In der Zeit „um 800“ hat es bereits „Literatur“ gegeben, wie allein schon das bekannte „Karls-Epos“ („De Karolo rege et Leone papa“) zu Genüge beweist, das nach allerletztem Stand der Forschung als „am Aachener Hof um 802 [! PCM] verfasst worden“ definiert wird [Hentze 1999, 72]. In diesem Epos wird überdies ausdrücklich auf „Literaten“ wie Cato, Cicero und Homer (!) Bezug genommen [Brunhölzl 1999, 14, Zeilen 73 ff.].

Nun muss nur noch gefragt werden, warum die „deutsche“ Karls-Literatur erst im 12. Jh. beginnt [Geith 1977], also just um jene 300 Jahre später, die Illig als völlig frei erfunden enttarnt hat. Denn dass es „deutsche“ Literatur bzw. die Möglichkeit, sich in deutscher Sprache auszudrücken schon „um 800“ gegeben hat, beweisen zahlreich erhaltene „Deutsch“-Dokumente [vgl. u.a. Schmuki-Ochsenbein-Dora 1998, 11].

In einem „um 790“ datierten Pergament wird sogar ein lateinisch-deutsches „Vokabular“ vorgestellt [ibid., 13], das Wörter enthält wie „cumito“ (= „elinpogo“ = Ellenbogen) und „babille“ (= „tutten haubit“ = Brustwarzen), die in keinem „vor 790“ datierten biblischem oder sonstigem „religiösem“ Text vorkommen.

Da kein (!) akademischer Historiker der Welt die Frage, warum „lateinische“ Karls-Literatur ohne gleichzeitige „deutsche“ Karls-Literatur auftritt, wobei „deutsch“ immerhin die Volkssprache war, schlüssig und in sich nachvollziehbar beantworten kann, müssen sich die Historiker über kurz oder lang die Frage gefallen lassen, was sie eigentlich so treiben.

Wie viele Klöster gab es überhaupt?

Zur Angabe von konkreten Zahlen der um 800 existenten Klöster kann sich die Karolingerforschung bis heute nicht durchringen, ein Problem, auf das Illig [1998, 213] unter Zuhilfenahme von Angaben von Bayac und Mann bereits eingegangen ist: „400 Klöster entstanden ab 750 in den Wäldern des Reiches,  mehr als fünf in jedem Jahr von Karls Herrschaft.” Wie viele Klöster aber existierten bereits 750, und zwar solche, welche die Karls-Zeit noch erlebten?

Der 1997 erschienene „Große historische Bildatlas des Christentums“ bildet auf den Seiten 104/05 und 112/13 Karten ab, auf denen Klöster aus dieser Zeit verzeichnet sind. Der Autor des Textes ist der Chef der Abteilung Kirchengeschichte an der Theologischen Fakultät der Päpstlichen Universität Comillas in Madrid, Dr. D. Juan Maria Laboa Gallego (geb. 1939). Erschienen ist der Atlas im Stuttgarter Kreuzverlag, der auf seiner Homepage (http://www.kreuzverlag.de) schreibt:

„Seit der Verlagsgründung im Jahr 1945 erscheinen bei uns Publikationen für Menschen, die sich für Fragen des Christentums interessieren. Wir bieten Antworten und Hilfen für Menschen, die sich als Christen bezeichnen, egal ob sie evangelisch oder katholisch orientiert sind – durchaus auch kritische Geister. Spiritualität ist heute aktueller denn je.“

Nach den Angaben Laboas wurden im Gebiet des späteren Karolingerreiches 590 bis 640 insgesamt 28 Klöster gegründet, 641 bis 660 weitere 29, 661 bis 680 weitere 23 und 681 bis 730 weitere 12. Zusammen also 92. Gründungen zwischen 730 und dem Beginn der Regierungszeit Karls des Großen werden nicht aufgeführt. Ab 750 können wir uns mit den 400 „karolingischen” Klöstern behelfen (anteilig, siehe eben), so dass wir für die Zeit „um 800” mit 450 bis 500 Klöstern rechnen können, zumal die Aufzählung Laboas verschiedene Klöster nicht abdeckt, die nach Angaben im Internet [www.bayern.de; www.pantel-web.de] vor 730 in Bayern und Baden-Württemberg bzw. der Schweiz gegründet worden sein sollen, wie Amorbach, Kelheim/Weltenburg, Gengenbach und vor allem Reichenau.

Auch entstehen zwischen 730 und dem Regierungsantritt Karls des Großen als König (768) allein in Bayern weitere 28 Klöster, darunter so namhafte Abteien wie Benediktbeuren (740), Kempten (752) oder Tegernsee (746/65). In Baden-Württemberg sind es weitere 4, darunter das famose Lorsch (764). Die Zahl der Klöster, die bei Karls Regierungsantritt vorhanden waren und dies in seinem ‘Stammreich’ und dem Teil seines Reiches, den er mit Hilfe von Eroberungen, vor allem in Südwestdeutschland und Italien später seinem Reich einverleibte, kann grosso modo mit 130 bis 150 angegeben werden (Angaben aus Frankreich sind nicht zu erhalten).

Aus dem Neddermeyer-Diagramm geht nun hervor, dass sich aus der Zeit von 750 bis 780 rätselhafterweise keine einzige Handschrift erhalten hat. Die mindestens 130 bis 150 Klöster (vielleicht sogar 200 bis 250 Klöster, sofern die so genannte „Klostergründungswelle” ab 750 mit berücksichtigt wird) müssen sich der Schreibkunst offenbar 30 Jahre lang entledigt haben, um sie dann erneut zu entdecken.

Karl der Knausrige

Nun hat Laboa [1997, 113] auch eine Zusammenstellung von „Schenkungen und Privilegien, die Karl der Große Klöstern und Kirchen zukommen ließ“ publiziert. Daraus ergeben sich in Bezug nur auf Klöster insgesamt 65 Schenkungs- und/oder Privilegienvorfälle.

Vergleicht man nun die Liste der Vor-Karl-Klöster mit denen, die er in irgendeiner Form bedacht hat, so ergibt sich ein weiterer merkwürdiger Befund. Der überaus freigiebige Herrscher hat von den ca. 500 bis zu seinem Regierungsende vorhandenen Klöstern nur insgesamt 6 beschenkt bzw. mit Privilegien ausgestattet (Bobbio, Disentis, Ebersmünster, Flavigny, Honau, St-Maur-des-Fosses). Das Gründungsprivileg Karls des Großen für Werden, datiert auf den 26. April 802, ist gefälscht, wird aber dennoch weiterhin auf Ausstellungen gezeigt [Gerchow 1999, 424]. Die beiden Karls-Privilegien in Nonantola sind ebenfalls gefälscht, da sie identische Privilegien enthalten, wie ich beim Besuch des dortigen Archivs feststellen konnte. Alle anderen Klöster (außer den sechs) entbehrten der königlich-kaiserlichen Gnade. Dass sich dies nicht zusammenreimt, liegt auf der Hand, zumal die Klöster teilweise auf engem Raum zusammenstanden.

Über die Besetzung der Klöster um 800 gibt es nur vage Andeutungen. Auf die sog. „Verbrüderungs“- oder „Professbücher“ kann hier nur exemplarisch eingegangen werden. St. Peter in Salzburg, das als „ältestes Kloster im deutschen Sprachraum“ bezeichnet wird [St. Peter 1982, Titelblatt] gibt mit Hilfe des

„im Todesjahr Bischof Virgils 784 angelegten Verbrüderungsbuches von St. Peter wie für die Unterschriftenreihe der Notitia Arnonis von 788”

18 Kleriker und Mönche an, von denen mindestens 10 romanisch-lateinische Namen tragen“ [St. Peter 15 f.]. Weitere 86 Namen kommen aus der Zeit des Episkopats Virgils dazu (746/7–784). So beläuft sich die Zahl der Mönche binnen 100 Jahre auf ca. 100. Daraus ließe sich, grob orientierend an der Regierungszeit Virgils, eine durchschnittliche Konventsgröße von 30 bis 40 Mönchen errechnen.

In St. Gallen finden wir aus der Zeit von Abt Otmar (Audemarus, 719–759) 53 Namen [Krieg 1931, Tafeln I u. II], deren Namen angeblich „nur zum Teil überliefert“ sind [ibid., 18] (vgl. Abb. 2). Für Abt Johannes sind es 25 Eintragungen. Unter oder nach Abt Werdo (784–813), in dessen „letzten Jahren“ das Professbuch angelegt wurde [ibid. 18], erscheint bis Seite XV des Buches die gleiche Professformel mit Schwerpunkt auf „stabilitas“, „oboedientia“ „conversio morum“ (mit Varianten), die sich insgesamt auf ca. 370 Namen bezieht.

 

Abb. 2: St. Galler Professbuch, hier die Seite 4 [aus Krieg 1931]. Die Mönchsgelübde sind auf den ersten sieben Seiten jeweils von der selben Hand geschrieben.

Abb. 2: St. Galler Professbuch, hier die Seite 4 (aus Krieg 1931). Die Mönchsgelübde sind auf den ersten sieben Seiten jeweils von der selben Hand geschrieben.

Die St. Galler Professformel ändert sich, oft sogar von Eintrag zu Eintrag, und für das gesamte Dokument sind 61 (!) Verschiedenheiten in der Professformel festzustellen. Außerdem ist die Schrift der ersten sieben Seiten einheitlich, die der

„folgenden Seiten aber zeigt so große Mannigfaltigkeit und Unordnung, dass die Handschrift gegen Schluss den Eindruck eines Schülerheftes macht, in das die Professen ihre Namen in unbeholfener und willkürlicher Weise eintrugen“ ([ibid. 12], vgl. Abb. 3).

Abb. 3: St. Galler Professbuch, die dort mit 19 nummerierte Seite. Die Mönche haben sich in ihren Autographen höchst unterschiedlich dargestellt.

Abb. 3: St. Galler Professbuch, die dort mit 19 nummerierte Seite. Die Mönche haben sich in ihren Autographen höchst unterschiedlich dargestellt.

Zählt man sämtliche Namen, unbeschadet diverser Doppeleintragungen zusammen, so kommt man auf etwa 620 Namen von St. Galler Professen. Da das Professbuch für „rund zwei Jahrhunderte“ zur Eintragung der Mönchsgelübde gedient haben soll [ibid. 33], landen wir bei durchschnittlich 3 Neuzugängen pro Jahr. Nehmen wir die durchschnittliche Verweildauer, abhängig vom erreichten Lebensalter, der Mönche mit 40 Jahren an, wobei wir uns an der Regierungszeit von Abt Otmar orientieren können, so lag die Mönchszahl St. Gallens im Schnitt bei etwa 120.

Für Fulda, einem noch zentraleren und bedeutenderen mönchischen Ort als St. Gallen, werden unter Abt Sturm nach 751 sogar insgesamt „400 Brüder, außer den vielen Novizen und niederen Personen“ gezählt [Böhringer 1849, 129].

Zahlen aus Frankreich waren mir nicht zugänglich. Immerhin wird das vom Iren Kolumban um 590 im Burgund gegründete Luxeuil ausdrücklich als „Großkloster“ bezeichnet [St. Peter 1982, 18], was auch auf mehr als 100 Mönche hinweist. Im nicht minder bedeutenden Corbie an der Somme in Norden Frankreichs wurde Ende des 8. Jhs. der berühmte „Corbie Orosius“ geschrieben, an dem insgesamt 12 Schreiber wie am Fließband gearbeitet hatten (siehe Teil I). Ein so stark bestückter einzelner Teil des Klosters, das in erster Linie ein Wirtschaftsbetrieb war, lässt auch auf eine ‘Besatzung’ von mehr als 100 Mönchen schließen.

20.000 Mönche in der Karolingerzeit ?

Um ein Kloster überhaupt als Kloster zu führen, sollte die Mindestzahl der Mönche zwischen 30 und 50 gelegen haben. Daraus ergibt sich bei den ca. 500 Klöstern der Zeit um 800 eine Gesamtzahl von 15.000 bis 25.000 Mönchen. So können wir ein nicht ganz unwahrscheinliches Mittel von 20.000 annehmen. Was konnten bzw. mussten diese Mönchen gelesen haben, also in Kodizes, die in bereits geschriebener Form – möglicherweise von ihnen selbst in ihren eigenen „Skriptorien“ gefertigt – existiert haben müssen?

Einige Klöster konnten zunächst durchaus nach Regeln geführt worden sein, die nicht der des Hl. Benedikts entsprachen und die für das 7. Jh. als „regula mixta“ bezeichnet werden. Für eine Diskussion darüber, welche Regeln nun für welche Klöster galten und ob um 600 Papst Gregor der Große die Benediktsregel für verbindlich erklärt oder nur empfohlen hat, ist hier nicht der Platz.

Die beiden ältesten erhaltenen Manuskripte der Benediktsregeln sind Oxford, Bodleian, Hatton 48 und der Kodex 914 St. Gallen, wo 747 Abt Otmar „auf Druck von König Pippin“ die Benediktsregeln eingeführt hatte, was dieser wiederum „im Rahmen von Vereinheitlichungsbestrebungen im fränkischen Reich“ veranlasst hatte [Schmuki/Ochsenbein/Dora 1998, 52]. Daraus muss geschlossen werden, dass die meisten Klöster zumindest im Kernreich Karls des Großen dieser Regel folgen mussten.

Wo sind die Bücher der Mönche geblieben?

Wir dürfen also davon ausgehen, dass für die 20.000 Mönche diese Regeln verbindlich waren. Die Regeln schreiben die Existenz einer Bibliothek zwingend vor, worauf zahlreiche Stellen hinweisen. Laut Regel 9 „lesen die Brüder [...] abwechselnd aus einem Buch aus dem Pult drei Lesungen vor.“ Laut Regel 10 „fallen wegen der kurzen Nächte die Lesungen aus dem Buch weg“. Laut Regel 38 darf

„beim Tisch der Brüder [...] die Lesung nie fehlen. Doch soll dort nicht der nächste beste das Buch nehmen und lesen, sondern der für die Woche bestimmte Leser beginne am Sonntag.“

Laut Regel 48 „sollen sich die Brüder zu bestimmten Zeiten mit Handarbeit, zu bestimmten Stunden dagegen mit heiliger Lesung beschäftigen“, dabei „lese [jeder, nach der Sext] so, dass er keinen anderen stört“ und:

„Während der Tage der österlichen Bußzeit sind die Brüder vom Morgen bis zum Ende der dritten Stunden frei für ihre Lesungen. [...] Für diese Tage der österlichen Bußzeit erhält jeder aus der Bibliothek ein Buch, das er von Anfang bis Ende ganz lesen soll. Diese Bücher werden zu Beginn der österlichen Bußzeit ausgeteilt“ (Fettkursive Hervorhebungen bei Zitaten immer von mir].

Laut Regel 53 „liest [man] dem Gast zur Erbauung aus dem göttlichen Gesetz vor.“

Die Mindestausstattung aller Klöster umfasste dabei außer der Hl. Schrift noch die Regeln des Hl. Benedikts, worauf Regel 58 verweist:

„Wenn er [der Novize] verspricht, standzuhalten und auszuharren, soll man ihm nach Verlauf von zwei Monaten diese ganze Regel vorlesen“.

Somit muss eine gigantische Buchproduktion die Klostergründungen begleitet haben.

Dazu nehmen wir für die (geschätzt) 20.000 Mönche, die es „um 800“ im Karolingerreich gegeben haben sollte, jeweils ein Buch zur „heiligen Lesung“ an, wobei es sich letztlich nur um die Bibel oder Teile derselben gehandelt haben kann, was allerdings als „kaum beweisbar“ bezeichnet wird [Steidle 1983, 86, Fußnote]. Die Bibel wurde gemeinhin in neun „Bücher“ geteilt, die sich wiederum in entsprechende einzelne Kodizes hätten verwandeln lassen.

Nun müsste betreffend die Produktion der „Skriptorien“ überschlägig etwa so gerechnet werden:

Pro Seite lassen sich 30 bis 40 Zeilen, jeweils zweispaltig geschrieben unterbringen. Daraus ergibt sich für den gesamten Text der Bibel ein Kodex im Umfang von 1.200 Seiten. Die 42-zeilige Gutenberg-Bibel, zweispaltig gesetzt, hat insgesamt 1.282 Seiten. Die Auflage Gutenbergs betrug ca. 180 Stück. Zahl der gedruckten Seiten also ca. 230.000!

Die 1.200 Seiten der karolingischen Kloster-Kodizes hätten in neun kleinere Kodizes für die Lesungen der Mönchen auf ihren Zellen zerlegt werden können, so dass das Buch zur heiligen Lesung aus jeweils einem Kodex von durchschnittlich ca. 130 Seiten bestanden hätte. Neun Mönche hätten sich also in neun Klein-Kodizes, alias „Bücher“ der Bibel „geteilt”.

Bei 20.000 Mönchen, die alle Klöster der Karolingerzeit gleichzeitig bevölkert haben dürften, ergeben sich demnach umgerechnet 2.200 Bibel- „Bücher“ oder 286.000 Seiten oder 143.000 Blatt oder etwa 10 (zehn!) Millionen einzelne Zeilen.

Schon dieser grobe Überschlag zeigt, dass entweder mit den Klöstern oder ihren Skriptorien oder der „Regel“ etwas nicht gestimmt haben kann, zumal sich von diesen beschriebenen, geradezu überbordenden biblischen Skriptorien-Materialien nirgends etwas erhalten hat.

Sollte gar aus der von Benedikt vorgeschriebenen Bibliothek jedem Mönch eine Vollbibel zur „Lesung“ zur Verfügung gestellt worden sein, hätte es in der Zeit „um 800“ mehrere Tausend Vollbibeln gegeben haben, mit ca. 20 Millionen beschriebener Seiten zu je 30 bis 40 Zeilen, was bei aller vorstellbaren Leistungskraft der Skriptorien ins Reich fantastischer Historiographie gehört.

85.000 Seiten Benediktus-Regeln ?

Hinzu kommen die Benediktsregeln, die beim St. Galler Exemplar 172 Seiten umfassen, wahrscheinlich schon aus dem einfachen Grund, dass sie auch leicht lesbar sein sollten, was übrigens für die Bibeln nicht minder gegolten haben muss. Dass es gerade bei zentralen religiösen Texten auf deren gute  Lesbarkeit ankommt, ergibt sich u.a. aus einem Brief von Enea Silvio Piccolomini vom 12. März 1455 an den späteren spanischen Kardinal Juan de Cavajal, der 1454 auf dem Frankfurter Reichstag Lagen von fünf Bögen verschiedener, unbezweifelbar von Gutenberg gedruckter Bücher der Hl. Schrift, in „höchst sauberer und korrekter Schrift ausgeführt“, einsehen konnte, die „mühelos und ohne Brille lesbar“ waren [Füssel 2000, 11].

Wenn jedes Kloster nur eine Benediktsregel zur Verfügung gehabt hätte, was für Fulda rätselhafterweise nicht der Fall war (siehe Teil I), dann wären wir bei weiteren ca. 170 Seiten × 500 Klöster und weiteren 85.000 beschriebenen Seiten. Dass sich von diesen Massen an mit der Benediktregel Beschriebenem, die es im einstigen Karolingerreich gegeben haben muss, so gut wie nichts aus der Zeit „um 800“ erhalten hat, außer dem bereits erwähnten St. Galler Gesamtexemplar, geschrieben um 817, stellt ein weiteres Rätsel der Buchgeschichte dar, das sich innerhalb der herkömmlichen Geschichtssicht nicht auflösen lässt.

Wie viele Schreiber hat es denn gegeben?

Der langjährige (1947-81) St. Galler Stiftsbibliothekar Johannes Duft lässt die „erstmals nachweisbare ‚Herstellung von Handschriften’“ in St. Gallen in das 8. Jh. fallen. Um 760 gibt er 15 einheimische Schreiber an [1983, 10*]. Im Professbuch (s. o.), haben wir 719/59 insgesamt 53 Eintragungen. Angenommen, alle Professen hätten die 40 Klosterjahre erlebt, ergäbe sich noch kein Missverhältnis zwischen Mönchen und Schreibern, wenn auch von den Mönchen nur Eintragungen von ein und derselben Hand zu finden sind (Abb. 2).

Aus der Zeit Waldos (782-84 Abt in St. Gallen, danach bis 806 Abt und Bibliotheksgründer auf der Reichenau) lassen sich nach Duft „gegen sechzig einheimische Schreiberhände erfassen“ [ibid.].

Dies ist für die Zeit bis 784, also bis zum Beginn der Zeit das Abtes Werdo schon fragwürdig, da zu den 53 bereits angeführten gerade noch 25 neue Professen hinzu gekommen waren, so dass von den seit 719 erschienenen Mönchen (in Gesamtzahl 78) insgesamt 60 als Schreiber hätten tätig gewesen sein müssen. Duft weiter:

„Unter dem Scriptor Wolfcoz zur Zeit des Abtes Gozbert (816-837) und dessen unmittelbaren Nachfolgern sind sogar gegen hundert einheimische Schreiber tätig gewesen.“

Da das Professbuch in den letzten Jahren von Abt Werdo abgelegt wurde (er starb 813) müssen diese hundert Schreiber sich zum größten Teil also im Professbuch eingetragen haben, deren Gesamtzahl mit ca. 370 ermittelt werden konnte, dessen letzte Seiten von den Professen (und fraglos späteren Schrei bern) allerdings in eigenwilliger Form gefüllt wurden (s. Abb. 3). Es erübrigt sich, darauf hinzuweisen, dass ein „Wolfcoz“ im Professbuch nicht auftaucht.

Die Ermittlung der Zahl der Schreiber und ihr Verhältnis zum gesamten Mönchsbestand ist von besonderer Delikatesse. Das Problem der offenkundigen Nichtübereinstimmung der Autogrammschrift und späteren Schriften, die der Mönch dann gefertigt haben mag (Buchseiten, Urkunden) löst Krieg [20] mit dem Hinweis:

„Manchmal ist eine Übereinstimmung schwer nachzuweisen, da zwischen der Eintragung ins Professbuch und der Niederschrift einer Urkunde von der Hand des gleichen Mönches ein größerer Zeitraum liegt, innerhalb dessen eine Handschrift sich geändert haben kann. Zuweilen mag der gleiche Schreiber hier mehr kursiv geschrieben, dort seine Schrift zur Buchschrift stilisiert haben.“

Wer konnte denn nun wie gut schreiben?

Allerdings sind auch Professbucheintragungen selbst „in schöner Buchschrift“ geschrieben [Krieg 21], drei weitere Eintragungen sind „von einer sorgfältigen Buchhand [...] geschrieben“ [ibid., 22], „Eintragungen [...] sind wiederum in Buchschrift mit Neigung zur Unziale [geschrieben]“ [ibid., 23], drei weitere Eintragungen sind „in einer sehr schönen Buchschrift geschrieben“ [ibid., 23].

Außerdem gibt es (Seiten VIII u. IX) zwölf Eintragungen, die im ersten Teil „von einer steilschreibenden, im zweiten Teil von einer gerne kursivschreibenden Hand“ stammen [ibid., 23], womit sich Kriegs Erklärungsversuch per se erledigt.

Zu den möglichen Übereinstimmungen zwischen dem Schreiber des Autogramms und seinen ihm namentlich zugeschriebenen „Urkunden“ können wir u.a. lesen [Krieg 21 ff.]: „Eintragungen [...] stehen nahe“; „gewisse Berührungspunkte“; „lassen sich schwerlich Schlüsse auf ein Autogramm ziehen“; „Urkunden [...] gehören zum gleichen Schreiberkreis“; „Schrift zeigt [...] Berührungspunkte“; „vielleicht stammen [...] alle [...] vom gleichen Schreiber“; „ein Vergleich [...] zeigt ganz auffällige Ähnlichkeit“; „Schrift [...] erinnert“ [an den Schreiber einer Urkunde]; „Berührungspunkte [mit Urkunden] sind unverkennbar“; „Schrift hat gewisse Berührungspunkte“ [mit einer Urkunde]; „Schrift [...] weist [auf Urkunden] hin“; „Schrift deckt sich anscheinend mit jener der Urkunde des gleichnamigen Schreibers“; „dürfte mit der Schrift [der Urkunde] identisch sein“; „weist eine gewisse Ähnlichkeit [mit der Urkunde] auf“.

Selbst wenn wir annehmen, dass der Autogrammschreiber mit dem Urkundenschreiber identisch wäre, so findet sich doch kein einziges Beispiel, wo die Autogrammschrift mit der eines Buches in Verbindung gebracht wird. Damit stehen wir vor dem Rätsel, wo denn die Schreiber der vielen Kodex-Seiten hergekommen sein mögen, deren Produktion letztlich das zentrale Geschäft der Skriptorien gewesen war.

Der St. Galler Katalog

Für St. Gallen weist der Kodex 728 ein Verzeichnis von Büchern aus, das „zu den wichtigsten Bibliothekskatalogen des Frühmittelalters [zählt]“ [Schmuki/ Ochsenbein/Dora 1998, 92]. Es wird auf 884/88 datiert und unterscheidet sich in Umfang und Gestaltung erheblich von dem bereits vorgestellten ersten Fuldaer Bücherverzeichnissen (s. Teil I). (Abb. 4)

Abb. 4: Der älteste Bibliothekskatalog von St. Gallen 884/888 [Schmuki et al. 1998, 93]. Es erscheinen Titel („De...“) von Büchern, wiewohl Kodizes damals ausschließlich mit ihrem Beginn („Incipit...“) bezeichnet wurden.

Abb. 4: Der älteste Bibliothekskatalog von St. Gallen 884/888 (Schmuki et al. 1998, 93). Es erscheinen Titel („De...“) von Büchern, wiewohl Kodizes damals ausschließlich mit ihrem Beginn („Incipit...“) bezeichnet wurden.

Dieser „älteste Bibliothekskatalog” von St. Gallen [ibid., 92] umfasst 18 Seiten in der sog. „Hartmut-Minuskel“ (Abt Hartmut 872-883) und enthält insgesamt 294 Einträge mit 426 Bucheinheiten. Das Manuskript fällt auf durch klare Gliederung und sorgfältige Handschrift. Die Zwischenzeilen („De libris…“) sind mit roter Tinte geschrieben; ebenfalls in Rot sind auch zahlreiche Buchstaben, etwa an Zeilenanfängen („Item“), bei „et“ oder „&“ sowie bei den (römischen) Zahlen zu sehen. Vergleicht man den Katalog mit anderen Manuskripten des 9. Jhs., die für die Mönchsgemeinde ungleich wichtiger gewesen sein mussten, wie der Benediktsregel (Kodex 914) oder dem ältesten muttersprachlichen Evangelium (Kodex 56), so besitzt es – unbeschadet späterer Nachträge, Korrekturen und Kommentare – eine Qualität, die weit über jene hinausgeht, die von einem einfachen Verzeichnis erwartet werden sollte, wie wir es etwa vom erzkarolingischen, da mit dem „Capitulare de Villis“ Karls des Großen unlösbar verbundenen Verzeichnis der Bücher von dem Staffelsee-Kloster auf der Insel Wörthkennen, wo die Bücher, immerhin auch ca. 20 Bände, in schlichter Sequenz aufgeführt werden.

Und dass zwischen dem Verzeichnis der Bücher des „Bildungsklosters“ Fulda, dem Verzeichnis der „Palastbiblitohek“ Karls des Großen ([Berlin, Diez B. 66], s. Teil III) und dem St. Galler Verzeichnis grafisch und orthografisch Welten liegen, muss nicht eigens erwähnt werden.

Auch die ungarischen Erzabtei Pannonhalma (St. Martin), gegründet im 10. Jh. und nicht minder bedeutend als St. Gallen, besitzt ein berühmtes Bücherverzeichnis, das sich in einer auf 1093/95 datierten Urkunde findet und auf Geheiß des heiligen Königs Ladislaus erstellt wurde. Es bringt die im Kloster vorhandenen ca. 80 Kodizes in einfacher Reihenfolge ab Zeile 19 im urkundlichen Lauftext [Abb. in: Pannonhalma 1996, 18]: „VI missales, I Bibliotheca, IIII nocturnales, IIII antiphonaria, IIII gradalia…“

Neun Notkers in St. Gallen

Zu dem St. Galler Katalog soll auch der berühmte Notker Balbulus beigetragen haben, der selbst im St. Galler Kodex 14 (Ende 9. Jh.) angibt: „bibliothecae sancti Galli, cui Dei gratia multa accumulavi“.

Welcher der im Professbuch erscheinenden insgesamt 9 (neun!) Notker es gewesen sein könnte, lässt sich nicht feststellen, obwohl deren Verpflichtungen u.a. diese Namenszüge tragen (Abb. 5):

Abb. 5: St. Galler Professbuch, Seite 20. Auf zehn Zeilen lassen sich vier „Notkers“ zählen.

Abb. 5: St. Galler Professbuch, Seite 20. Auf zehn Zeilen lassen sich vier „Notkers“ zählen.

Das Verzeichnis enthält auch keine der Schriften Notkers, dies ganz im Gegensatz zu dem St. Galler Bücherverzeichnis von 1461, worin ein „Notkerus noster Balbulus“ mit 6 Einträgen und einer Vita prominent vertreten ist. Thomas von Aquin bringt es in diesem Verzeichnis nur auf 2 Einträge. Vom „Notkerus noster“ ist 1461 auch eine „vita s. Galli“ verzeichnet, die im ersten Bibliothekskatalog fehlt, was aber nicht verwundern muss, da Notker erst 912 verstorben sein soll und seine Vita dieses Heiligen beim Abschluss dieses ältesten St. Galler Verzeichnisses noch nicht fertig gewesen sein könnte. Warum nicht ein späterer Zusatz geschrieben wurde, zumal das erste Verzeichnis sonstige Zusätze, auch die eines „Revisors“ enthält, ist völlig rätselhaft. Ein Buch über den Klostervater selbst wird nicht ins bestehende Bücherverzeichnis aufgenommen?

Äußerst ärgerlich ist allerdings, dass sich die Gallus-Vita des Notker auch in den späteren St. Galler Verzeichnissen nicht konkret findet, vor allem nicht in dem „Hagiographiekatalog“, der vom 10. bis 14. Jh. geführt wurde [Duft 1983, 26* ff.] und der auf dem St. Galler Kodex 566 basiert, der vom einem Benediktinermönch ediert wurde. Munding [1918] hatte in seinem „Heiligenverzeichnis” leider übersehen, dass ein Heiliger, um überhaupt als solcher zu existieren, zumindest in seinem ureigensten Beritt auch als Heiliger geführt werden muss, was am simpelsten eine Vita belegt.

Was von einer „Vita S. Galli“ zu berichten ist, haben zunächst Reichenauer Mönche im 9. Jh. tradiert (sog. „Vita vetustissima“), was allerdings im St. Galler Bibliotheksverzeichnis auch keinen Niederschlag findet. Vom „Hauptwerk” des Gelehrten Notker Balbulus, seinem „Martyrologium“ [St. Galler Kodex 456, vgl. Schmuki/Ochsenbein/Dora, 1998, 110 f.], in dem er ausführlich über Gallus, die Überführung seines Leichnams („translatio corporis sancti Galli“), die Weihe des Gallusmünsters und von Wunderheilungen berichtet sowie die älteste geographische Beschreibung des Klosters St. Gallen selbst gibt („inter duos montes“), ist im „Hagiographiekatalog“ explizit ebenfalls keine Rede.

 Der St. Galler Bücherkatalog als Verkaufshilfe

Der hochgelehrte langjährige St. Galler Stiftsbibliothekar Johannes Duft schreibt obendrein ausdrücklich [Ochsenbein 1999, 11]:

„Neueste Forschung erbrachte nun aber aus philologischen und historischen Überlegungen den Wahrscheinlichkeitsnachweis, dass die älteste erschließbare Gallus-Vita schon um 680 abgefasst worden sein dürfte, damit nicht lange nach dem gegen 650 anzunehmenden Tod des Gallus.“

Die Datierung des ältesten St. Galler Bücherverzeichnisses mit dem Titel BREUIARIU(M) LIBRORUM DE COENOBIO S(AN)C(T)I GALLI CON(FESSORIS) XPI (zuletzt vorgestellt von Duft [1983, 14* ff.]), das selbst keine Vita des „Heiligen“ (!) Gallus enthält, entpuppt sich damit als plumper Unfug.

Es handelt sich – nebenbei erwähnt – um eine perfekte Parallele zu den Vorgängen im Kloster Fulda, wo sich in dessen ältesten Bücherverzeichnissen ebenfalls keinerlei Viten oder gar Schriften des „Klostergründers“ Bonifatius finden (s. Teil I). Ganz abgesehen davon, dass Bonifatius den „Märtyrertod“ gefunden haben soll, während Gallus im Alter von 95 Jahren sanft an einem 16. Oktober entschlafen sein soll, was den Begriff „confessor Christi“ (= letztlich Märtyrer) ins Lächerliche zieht.

Das St. Galler Bücherverzeichnis ist tatsächlich etwas völlig anderes als bisher dargestellt: Es ist ein Verkaufskatalog! Solche Kataloge sind auch aus der Frühzeit der gedruckten Bücher überliefert [Burger 1907; Voullième E. 1919; vgl. zuletzt Neddermeyer 1997, 155, u. Hoffmann 2000].

Es ist nicht einzusehen, warum ein Kloster, das letztlich ein Wirtschaftsbetrieb gewesen ist, nicht auf die Produkte seines Skriptoriums hätte hinweisen sollen. Wie hätte ein potenzieller Leser überhaupt erfahren können, dass ein Skriptorium dieses Buch vorrätig, da bereits geschrieben hat? Da in allen klösterlichen Bibliotheken Bücher zu finden sind, die nicht aus den Skriptorien dieser Klöster selbst stammen, sondern zum Teil aus Klöstern, die Hunderte von Kilometern entfernt lagen, hätten also zur Zeit „um 800“ ununterbrochen Mönche aus allen ca. 500 Klöstern unterwegs gewesen sein müssen, um festzustellen, ob eines der anderen Klöster ein Buch hat, welches das eigene Kloster noch nicht besitzt. Da sich der eigene Bestand dadurch ununterbrochen vergrößert hätte, hätten sich alle diese „Buch-Aufspürer“ immer mehr Bücher merken müssen, die ihr eigenes Kloster noch nicht besaß. Wie hätten sie sich das anders merken können, als mit einer Bücherliste?

Die St. Galler Forschung will uns offenbar weismachen, dass nach Vorlie gen des „ältesten Bibliothekskatalogs“ einer oder mehrere St. Galler Mönche ständig auf der Suche waren, ob es nicht irgendwo einen Band gibt, den ihr Kloster außer seinen 426 „Einheiten“ noch nicht verzeichnet hatte. Eine solche Rundreise hätte jeweils mindestens zwei Jahre dauern müssen. Gleiches gilt für alle anderen Klöster auch. Dass eine solche „Buchverbreitungstheorie“ grober Unsinn ist, liegt auf der Hand.

Neddermeyer hat eine reiche Handschriften-, d. h. Buchproduktion erst ab ca. 1100 nachgewiesen, die zur Massenverbreitung des Buches mit den unschwer erklärbaren Trendunterbrechungen geführt hat. Dass ab 1100 in der „karolingischen Minuskel“ geschrieben wurde, die später zur sog. „Humanistenschrift“ mutierte, ist unstreitig. Die berühmte „karolingische“ Minuskel ist nicht etwa als für alle Buchproduktion und allgemein geltend (absolut) eingeführt worden und hat sich dann nur noch in abnehmender Quantität (relativ) gehalten, um von den Humanisten „wiederentdeckt“ zu werden, sondern sie ist jene Schrift, die durchgehend als „Antiqua“ bezeichnet wird und genutzt wurde – und dies seit der Antike (s. Teil III).

Bezogen auf die Schrift, in der geschrieben und gelesen wurde, können also ebenfalls die 300 Phantomjahre Illigs unschwer verschwinden, nur dass bei der Buchproduktion nicht die Jahre 600 bis 900 verschwinden, sondern die Jahre 800 bis 1100.

Der St. Galler Katalog war nie ein „Besitzerverzeichnis“!

Weitere wichtige Einwände gegen den St. Galler Katalog als „Bestandsverzeichnis“ der eigenen Bücher müssen bedacht sein:

  • In mittelalterlichen Bücherkatalogen, die „Besitzerinventare“ waren, wurde nicht etwa ein „Titel“ angegeben, weil es einen solchen überhaupt nicht gab. Alles, was man hätte aufnehmen können, wäre das „Incipit“ (= Es beginnt…) gewesen, was aber eine Identifizierung des konkret physisch vorhandenen Buches niemals sicher gestellt hätte.
  • Die Bücher waren viel zu wertvoll als dass sie unter Angaben wie „Augustini contra faustum manicheum“ oder „Exameron s(an)c(t)i ambrosii“ [s. St. Gallen, Abb. S. 93, Zeilen 3 und 9] aufgenommen worden wären. Der älteste bekannte Preis für ein Buch ist um 1250 tradiert [Neddermeyer 1997, 833]. 415 Blatt Averroes, Commenta in Aristotelis Opera, geschrieben 1243, kosteten 30 fl., was umgerechnet, den 1252 in Genua und Florenz eingeführten Goldgulden zu 3,537 g Feingold zu Grunde legend, 106 Gramm Gold und damit einem heutigen Preis von über 1.000 Euro entspricht. 1360 kosten 273 Bll. Robertus Holcoth, Expositio in librum Sapientiae, geschrieben 1353, 20 fl. = ca. 700 Euro, usw.
  • Tatsächlich war im „Mittelalter“ ein ganz anderes System der Identifizierung der betreffenden Bände entwickelt worden. Dabei wurde bei jedem Band das Wort angegeben, mit dem das zweite Blatt oder manchmal auch die zweiten Spalte des ersten Blatts begann und das Wort, mit dem das vorletzte Blatt schließt. Diese Entdeckung machte der spätere Kardinal Franz Ehrle schon 1916, als er die päpstliche Bibliothek von Avignon zu rekonstruieren versuchte [Maier 1952, 1 u. 14].
  • Mit Hilfe ihres „Besitzerinventars“, das nach „De libris…“ sortiert ist, hätten die St. Galler Äbte oder ihre Bibliothekare im 9. Jh. niemals feststellen können, ob das ganz konkrete Exemplar eines Kodex sich physisch noch in ihren Beständen befindet oder nicht etwa ein anderer Kodex, der sich durch schnelles Abschreiben hätte fertigen lassen, zumal viele Bücher nur wenige Seiten umfassten und man den Sammelbänden nicht ansehen kann, was in ihnen überhaupt „gesammelt“ gewesen war.
  • On top kommt die völlig willkürliche Interpretation des St. Galler Katalogs. Vermerke, die mit einem „ad“ beginnen („ad scholam“, „ad sacrarium“, „ad Rorbach“) werden „als ausgeliehen“ interpretiert [Duft 1982, 15*]. Wo steht, dass ein „ad“ ein „an jemand ausgeliehen“ bedeuten muss? Warum sollte das „ad“ kein Verkaufsvermerk sein, mit Hinweis darauf, an („ad“) wen der Band verkauft wurde? Bei einem Homilienband wird ein Zusatz „datum est domno Karolo regi“ angeführt, der auch gleich automatisch als „Karl III.“ firmiert. Dies ist freilich ein böser Schnitzer. Denn Karl III. war zur Zeit der Abfassung des Katalogs (884/88, s. o.), bereits Kaiser (seit 881, vgl. die zuletzt bei Heinsohn [2001, 649] wieder gegebene „typische Darstellung der karolingischen Abstammungsreihe“ nach Löwe) und der Eintrag hätte „datum est domno Karolo imperatori“ lauten müssen. Die St. Galler Mönche werden mit Bestimmtheit um den Unterschied zwischen „rex“ und „imperator“ gewusst haben.

Salzburger Rätsel-Datierungen

Derlei Probleme haben die Paläographen immer wieder. Der legendäre, aus Freising stammende Kirchenmann Arn (Arno) wird 783 Abt im flandrischen Saint-Amand, dann 784/85 Bischof von Salzburg und Abt von St. Peter ebendort. Er ist zugleich so sehr mit Karl dem Großen befreundet, dass Papst Leo III., der seit 795 regiert, ihn auf Karls „Wunsch“ hin [St. Peter 418] 798 zum Erzbischof und Metropoliten der bayerischen Kirchenprovinz erhebt. Arn stirbt 821.

Wer die Schriftdenkmäler dieser Jahre besichtigt, stellt nur Merkwürdiges fest. Zunächst soll Arn laut Eintragung in einem Totenbuch des 12. Jhs. reichlich Schriftaufträge vergeben haben: „plus quam 150 volumina iussit hic  conscribi…“ [zit. Bischoff 1980, 61]. Was ist von solchen Mitteilungen zu halten?

Anfänglich lässt Arn auch eine eigene, äußerst schlichte und strenge Schriftform entwickeln, wobei sogar in schmalen Kolumnen geschrieben wird (sog. „Arn-Stil“ [Bischoff 1980, 61 ff.]), der für Saint-Amand und Salzburg nachgewiesen wird, in Salzburg allerdings rätselhafterweise neben einem dortigen Lokal-Stil existiert und dann 821 fast schlagartig von der „neuen Kalligraphie“ des neuen dortigen Erzbischofs Adalram abgelöst wird. Dass sich Arn mit seinem eigenen Schriftstil eindeutig den Vereinheitlichungsbemühungen Karls des Großen widersetzt, die 781 begonnen haben sollen und von Karl und Alkuin nach Kräften gefördert wurden [Illig 1998, 56], stimmt nachdenklich. Warum fördert Karl einen Kleriker, der sich einem seiner wichtigsten Anliegen so nachhaltig und zeitgleich widersetzt? Der „Arn-Stil“ kann Karl, der selbst vorzüglich zu lesen wusste (s. Teil III), unmöglich verborgen geblieben sein, zumal zwischen Saint-Amand und Aachen nur wenige Kilometer liegen.

Die Anzahl der Arn als von ihm in Auftrag gegeben zugerechneten ca. 150 Bände („volumina“) passt nun in keiner Weise mit der Zahl der Schreiber zusammen, weder in Saint-Amand noch in Salzburg. Vom ersten Skriptorium, aus dem mehrere Kodizes, zweifelsfrei im Auftrag Arns geschrieben, nach Salzburg gekommen sind, weiß Bischoff [1980, 69 f.] zu berichten, „dass an 10 oder mehr Schreiber das gleiche Pensum, z.B. zwei Quaternionen, ausgeteilt wurden“, sowie, dass sich im „älteren Codex der Alkuin-Briefe [...] an die 30 Hände scheiden lassen“ und dass sogar ganze „Mannschaften“ [! PCM] beim Schreiben zugange waren.

Für das Salzburger Skriptorium, dem der Status einer „organisierten Schreibschule“ mit „großer Leistungsfähigkeit“ bescheinigt wird [Forstner 1962, 18, 21] gilt Ähnliches. Für die Zeit Arns sind mindestens 25 heimische Hände nachweisbar. Nimmt man das Potenzial der für Arn insgesamt tätigen Schreiber mit nur 30 an, dann entfallen auf jeden von ihnen gerade mal 5 Bände, die der einzelne Schreiber im Durchschnitt seiner möglicherweise vier oder fünf Jahrzehnte dauernden Beschäftigung im Skriptorium gefertigt hat. Dass dies weder mit der „leistungsfähigen Organisation“ von Skriptorien noch mit der unschwer nachvollziehbaren Schnelligkeit des Schreibens, die oft, offenbar unter Zeitdruck, in Flüchtigkeit, Schlamperei und zahlreiche Schreibfehler ausartet, in Übereinstimmung zu bringen ist, liegt auf der Hand.

Will heißen: Entweder die Kapazität der Skriptorien wurde nicht mal annähernd ausgeschöpft; ein Schreiber saß tage-, wenn nicht gar wochenlang an einer einzigen Seite (der „Arn-Stil“ gilt allerdings als notorisch schmucklos), oder die Kapazität wurde ausgeschöpft. Dann müssen sich weit mehr als 1.000 Kodizes allein aus dem Arn’schen Bereich spurlos verflüchtigt haben.  Dieses spezielle Karolinger-Rätsel, das sich letztlich auf alle Klöster und ihre Skriptorien übertragen lässt, wird noch von einem Datierungsrätsel überlagert.

Salzburg wurde 798 zum Erzbistum erhoben, doch der erste Erzbischof Arn wird ausgerechnet in seinem Todesjahr 821 in den Salzburger Annalen ausdrücklich als „Episcopus“ bezeichnet statt „Archiepiscopus“ [Bresslau 1923, 40]. Gerade aber die Tatsache, dass Arn in der Salzburger Hs. a IX 16 mit dem Vermerk erscheint „EPISCOPUS ARNUS CONSTITUIT LIBRUM ISTUM IN SUIS TEMPORIBUS“ dient den Paläographen zur exakten Datierung dieser Handschrift (es handelt sich um die Bücher Salomos). Sie wird wegen Salzburg vor 798 gesetzt, da es „völlig undenkbar [ist], dass man Arno unmittelbar nach der Verleihung des Palliums als Bischof bezeichnet hätte“ [Forstner 1962, 20].

So haben wir also einen Mann, der als Bischof einen Kodex in Auftrag gibt, kurz danach Erzbischof wird, und 23 Jahre später wieder als Bischof sterben muss.

Der Flop der „schottischen“ Bücher in St. Gallen

Aber kehren wir nach St. Gallen zurück. Warum im dortigen „ältesten Bücherverzeichnis“, das in Wirklichkeit eine Verkaufsofferte war, das darin als Randbemerkung vorkommende „habet“ mit „hat ausgeliehen“ übersetzt wird und nicht als „besitzt es“, eben nachdem der Betreffende es gekauft hatte, wäre nur zu erklären, wenn man den Katalog als Besitzerverzeichnis eines Bestandes interpretiert, der nebenbei auch als Leihbücherei fungierte. Das ist schon deshalb absurd, weil das prall besetzte Skriptorium (siehe oben) nur darauf wartete, Aufträge zu erhalten.

Ein Homilienband wird unter „habet domna Rickart“ verzeichnet, und ein Prophetenband als „habet Rickart“, wobei die „domna“ als Karls (III.) Gemahlin Richardis firmiert, also immerhin als Herrschersgattin. Warum die Hohe Frau sich nicht den Erwerb dieser beiden Bände, die ein Skriptorium innerhalb einer Woche unschwer abgeschrieben hätte, leisten konnte, sondern ausgeliehen hätte, bleibt um so unerfindlicher, als gerade doch die karolingischen „Herrscher“ sowohl über Sach- als auch Münzvermögen in solchem Überfluss verfügt hatten, dass sie sich gar nicht schnell genug ihrer Immobilien via Schenkungen und ihrer Münzen über politische Aktivitäten größten Stils zu entledigen wussten.

Das im St. Galler Katalog häufiger am Rand erscheinende „R“ wird als ein „R(equire)“ gedeutet und mit „fehlend“ bezeichnet. Da das “R“ bei 19 von 294 Einträgen erscheint, war also jedes fünfzehnte Buch bei der „Revision“ nicht mehr auffindbar. Ein solcher Schwund ist für eine Klosterbibliothek, die kein allgemein zugänglicher Buchladen war, nachgerade lächerlich.

Das „R“ kann genau so gut „R(erservatum)“ bedeuten oder ein „R(elatum)“ (Zurückgabe nach Ansicht) oder ein „R(eceptum“), also ein Wiedererhalt oder ein Kaufhinweis sein, der mit dem Anfangsbuchstaben des Namens des für den Kauf zuständigen Mönches gezeichnet sein kann.

Außerdem wird in dem Katalog ein Band als Besitz eines Wolfker bezeichnet („Vvolfkeri est“), und von einem weiteren Band behauptet ein Ruodinus, dass er sein Eigentum sei („Ruodinum vidi habere, qui dixit suum esse“). Beides ist wiederum völlig unerklärlich, wenn es sich bei dem Katalog um ein klosterinternes Dokument gehandelt haben soll. Wolfker und Ruodinus können keine Mönche gewesen sein, da Mönche über kein privates Eigentum verfügen. Über Bücher schon gar nicht, da diese nach der Benediktsregel in der Bibliothek stehen mussten. Nimmt man das St. Galler „Bücherverzeichnis“ dagegen als Verkaufskatalog, der einem bestimmten Interessentenkreis zugänglich war, klären sich solche Glossen schnell auf. Wolfker hatte schon erworben, und Ruodinus entdeckt nach Einsicht der Bestände einen Band, der ihm gehört und nicht dem Kloster.

Offenbar war dem ins 12. oder 13. Jh. (wenn nicht noch später) zu datierenden St. Galler Verkaufskatalog nicht der erhoffte Erfolg beschieden. Die in ihm ebenfalls enthaltenen Bände „Libri scottice scripti“ müssen vollständig gefloppt sein, vermutlich weil die angelsächsische Schrift beim kaufenden Publikum nicht (oder nicht mehr) ankam. Deshalb heißt es dann auch [Schmuki/Ochsenbein/Dora 1998, 92]: „Die meisten irischen Codices wurden später (leider) beseitigt und zu Makulaturpergament zerschnitten.“

Dass ein solches Vorgehen weder etwas mit einem Pietätsgefühl dem irischen Gründer Gallus noch mit einer Ehrfurcht kanonischen Texten (u.a. zwei Bücher des Alten und sieben des Neuen Testaments!) gegenüber zu tun hat, muss nicht hervorgehoben werden.

Der Markt für Handschriften – und dies war zweifelsfrei der Markt des Frühhumanismus, wie Neddermeyer nachweisen konnte! – verlangte nicht nach christlichen Texten, sondern nach antiken und spätantiken Klassikern, deren Anzahl im ersten Katalog als „auffallend klein“ beschrieben wird, „wiewohl die Klosterschule in jenem 9. Jahrhundert ihre höchste Blüte erlebte“ [Duft 1983, 17* f.]. Dem halfen die St. Galler rasch ab, indem sie eine Unmenge von Klassikern aus dem Nichts herbeizauberten und in Katalogen vorstellten.

In der „vierten Liste“ St. Gallens finden wir schon Boethius, Fulgentius, Vegetius, Vergil und eine „Cosmographia [sic!] Iulii Caesaris“. Schließlich wird von Duft [24* f.] ein Brief „des bücherkundigen Notker des Deutschen“  um 1015 an den Bischof von Sitten zitiert, der von der Klosterbibliothek geradezu eine Explosion antiker Schriftsteller zu künden weiß. Insgesamt sind inzwischen 70 (siebzig!) Autoren aus dem Nichts aufgetaucht und:

„Dieselbe Anzahl lässt sich aus der gleichzeitigen Reichenau nachweisen, wobei die Namen sogar 55mal übereinstimmen. Darin scheint sich also der gute Durchschnitt des Bibliotheksbestandes in den Reichsklöstern zu offenbaren.“

Zu den bekannteren Klassikern der säkularen Literatur zählen u.a. Cicero, Julius Caesar (erneut mit einer „Cosmographia“!), Cato, Flavius Josephus, Horaz, Lactanz, Lukan, Martial, Ovid, Sallust, Seneca, Terenz, Vergil und Vitruv.

Woher die Klöster Reichenau und St. Gallen, zu denen aufgrund ihrer Bestandsqualität und Bestandsquantität auch Murbach und Lorsch gezählt werden, deren Bestände sogar schon im 9. Jh. mit antiken Autoren vollgestopft gewesen sein sollen, die Vorlagen für die Massen lateinischer Texte genommen haben, bleibt allerdings wohl auf immer ein unlösbares Geheimnis. Die als „Überwinterungsorte“ angeführten Klöster „Vivarium“ des Cassiodor, Monte Cassino oder das nördlichere Bobbio können es nicht gewesen sein (s. Teil III).

In dem Verzeichnis von Handschriften, die mit Angabe ihres Preises zwischen ca. 1250 und ca. 1570 überhaupt bekannt sind, finden wir 84 Exemplare. Darunter sind genau drei antike Klassiker: Seneca, Tragödien (1403), Terenz, Komödien (1438) und Horaz, Satiren (um 1442), also 3,6 % [Neddermeyer 1997, 833-836]. Von 70 Autoren, die 1070 in St. Gallen lagerten, sind in 320 Jahren ganze 3 in je einem Exemplar also zu einem bekannten Preis umgesetzt worden? Die Florentiner Bibliomanen wie Niccoli und die Medici, die schon ausführlich in Teil II behandelt wurden, können wir dabei per se weglassen.

Was will uns die Historiographie auftischen: Eine Tragödie, eine Komödie oder eine Satire?

Hippokrates schreibt an Mäcenas!

Der uns schon geläufige große Paläograph Bernhard Bischoff hat die südostdeutschen Bibliotheken der Karolingerzeit in zwei großen Bänden veröffentlicht [Bischoff 1940, 1980]. Darin erscheinen antike Autoren außer in minimalen Fragmenten (siehe gleich) bestenfalls als Scherzeinträge, wie ein Text „Hippocrates ad Maecenatem“ (in einer Unziale des 7. Jhs.! [1940, 256]). Zwischen beiden Herren liegen bekanntlich drei Jahrhunderte! Oder es erscheinen Autorennamen wie „Smaragdus“, die sich irgendwann einstellen mussten, nach dem die Erfindungsgabe in diesem Punkte offenbar nachgelassen hatte („Tertullian“, „Quintilian“, „Silius Italicus“ usw.; zu den Namen dieser angeblich „antiken“ Schriftsteller erscheint demnächst ein Beitrag in ZS) .

Aus Untersuchungen auf Bischoffs Spuren im Salzburgischen entstand eine interessante Teilrekonstruktion der Bibliothek des schon erwähnten „ältesten Klosters im deutschen Sprachraum“, nämlich von St. Peter. Der Bestand der Manuskripte ist zu Ende des 12. Jhs. aufgezeichnet worden unter dem Titel „Hic est numerus librorum, qui continentur in bibliotaeca Salzpurgensis ecclesie ad Sanctum Petrum“ [Becker 1885, 233-238].

Aus diesem „Becker-Verzeichnis“ hat der Paläograph Karl Forstner die im 8./9. Jh. „vorhandenen“ Manuskripte rekonstruiert; er kommt dabei auf 26 Handschriften und 20 Fragmente aus dem 8. und 9. Jh. [Forstner 1962, 10 f.]. Darunter findet sich allerdings nur drei antike Klassiker-Fragmente [Nr. 10, 11, 12] unter den Einträgen „Tres Virgiliani“ und „Duo medicinales lib.“, ansonsten – außer einem Schnipsel „Leges Langobardum“ [Fragment 20] – nur die üblichen kirchlichen oder kanonischen Texte, wozu schließlich auch der inzwischen offenbar etablierte „Smaragdus“ mit seinen „Collectiones“ zählt.

Warum jene in Lorsch, Murbach, Reichenau und St. Gallen en masse vorhandenen lateinischen Klassiker nicht bis Salzburg vorstoßen konnten, wo ein höchst „leistungsfähiges“ Skriptorium Aufträge herbeisehnte, bleibt ebenfalls unbeantwortbar.

Eine „karolingische Handschrift“ 500 Jahre später?

Aber vielleicht hilft bei der Klärung des von den Paläographen so sorgsam kaschierten Sachverhaltes, dass sie ihren Stoff nicht in den Griff bekommen haben, die Behandlung eines Beda-Textes weiter (s. Abb. 6).

Abb. 6: Beginn des Salzburger karolingischen Beda-Textes (Forstner 1962, Abb. 15). Das „dignatus“ in Zeile 5. Der Text endet mit S. 98v.

Abb. 6: Beginn des Salzburger karolingischen Beda-Textes (Forstner 1962, Abb. 15). Das „dignatus“ in Zeile 5. Der Text endet mit S. 98v.

Bei der Beschreibung von Bedas „Expositio in actus apostolorum“ [Salzburger Signatur a V 38] kommt nämlich Erstaunliches zu Tage: Die ganze Handschrift besteht auf der Rückseite von Blatt 1 in 5 Zeilen aus einer Schrift, die ins 12. Jh. datiert wird. Im übrigen ist der Text, der von 1r bis 79v sich erstreckt, als „karolingisch“, also ins 8./9. Jh. datiert, „von einer zarten Salzburger Hand geschrieben“ [Forstner 1962, 30].

Doch nun kommt’s: „Ab 80r [! PCM] bis Ende folgt eine Schrift des 14. Jh.“!

Abb. 7: Beginn von Ciceros „De Oratore“ in einer Humanistenschrift des 15. Jh. [Bibliotheca Laurenziana, Plut. 50.31 ca 1]. Das „dignitate” ebenfalls in Zeile 5

Abb. 7: Beginn von Ciceros „De Oratore“ in einer Humanistenschrift des 15. Jh.(Bibliotheca Laurenziana, Plut. 50.31 ca 1). Das „dignitate” ebenfalls in Zeile 5

Wie ist es möglich, dass ein Text, der auf „nach 850“, also noch eindeutig als „karolingisch“ datiert und bezeichnet wird, 500 Jahre später erst zu Ende gebracht wurde, wobei sich zwischen der „zarten Salzburger Hand“ der Karolingerzeit und einer klassischen Humanisten-Schrift, wie der des ciceronischen „Orator“ [Laurenziana, Plut. 50.31] im Ernst keinUnterschied feststellen lässt (man vergleiche in Abb. 7 nur das „dignatus“ und das „dignitare“ –  jeweils unterstrichen).

Ähnlich ist es bei den Manuskripten a IX 16 (s. o., mit der „sicheren“ Datierung vor 798), wo mittendrin ein Blatt einer Hand des 11. Jhs. erscheint, oder in a IX 27, wo 1–226 in einer kleinen „karolingischen“ Minuskel, dann 227-230 in einer kräftigeren Schrift der karolingischen Zeit weiter gemacht wird, um dann wiederum eine Seite später in einer Hand des 12. Jhs. auszulaufen.

Dies führt uns auch auf dem Weg über die „karolingischen“ Skriptorien zu der misslichen Erkenntnis, zu der uns alles in diesem mehrteiligen Beitrag gebracht hat: Schrift- und/oder Buchproduktionen und/oder Lektüren in einer „Karolingerzeit“ sind völlig frei erfundene Märchen. Die karolingische „Minuskel“ ist nichts anderes als die Antiqua der Humanisten und sämtliche „karolingischen“ Schreib- und Lesestücke sind Jahrhunderte später entstanden, als sie bis heute verbissen datiert werden.

Literatur, soweit nicht schon in Teil I – III angeführt

Becker, G. (1885), Catalogi bibliothecarum antiqui; Bonn

Bischoff, B. (1940), Die südostdeutschen Schreibschulen und Bibliotheken in der Karolingerzeit, Teil 1: Die bayrischen Diözesen; Leipzig

- 1980), Die südostdeutschen Schreibschulen und Bibliotheken in der Karolingerzeit, Teil II: Die vorwiegend österreichischen Diözesen; Wiesbaden

Blumenberg, H. (1998), „Mihi ipsi scripsi”, in: Lebensthemen. Aus dem Nachlaß; Stuttgart

Bresslau, H. (1923), Die ältere Salzburger Annalistik; Berlin

Burger K., (Hg., 1907), Buchhändleranzeigen des 15. Jahrhunderts in getreuer Nachbildung; Leipzig

Dué, A. / Laboa, J.-M. (1997), Der große historische Bildatlas des Christentums; Stuttgart

Duft J. (1983), „Die Handschriften-Katalogisierung in der Stiftsbibliothek St. Gallen vom 9. bis zum 19. Jahrhundert”, in: Die Handschriften der Sitftsbibliothek St. Gallen (…); St. Gallen

Forstner, K. (1962), Die karolingischen Handschriften und Fragmente in den Salzburger Bibliotheken (Ende des 8. Jh. bis Ende des 9. Jh.); Salzburg

Füssel, St. (2000), „Gutenberg-Forschung. Neunzehnhundert – Zweitausend”, in: Gutenberg-Jahrbuch 2000, 9 – 26; Mainz

Ganz, D. / Goffart, W. (1990), Charters Earlier than 800 from French Collections, in: Speculum 65, 906 – 932

Geith, K-E. (1977), Carolus Magnus. Studien zur Darstellung Karls des Großen in der deutschen Literatur des 12. und 13. Jahrhunderts; Bern · München

Gerchow, J. (Hg.), Das Jahrtausend der Mönche. Kloster Werden 799-1803, Ruhrlandmuseum Essen; Köln

Heinsohn, G. (2001), „Karl der Einfältige (898/911-923)”, in: ZS 13/4, 631-661

Hoffmann, L. (2000): „Buchmarkt und Bücherpreise im Frühdruckzeitalter”, in: Gutenberg-Jahrbuch 2000, 73-81; Mainz

Kölzer, Th. (2001): Die Urkunden der Merowinger (Monumenta Germaniae Historica), 2 Teile; Hannover

Krieg, P.M. (1931), Das Professbuch der Abtei St. Gallen. St. Gallen / Stifts-Archiv Cod. Class.1.Cist.C.3.B.56; Augsburg

Maier, A. (1952), Der letzte Katalog der Päpstlichen Bibliothek von Avignon (1594); Rom

Munding, E. (1918), Das Verzeichnis der St. Galler Heiligenleben und ihrer Handschriften in Codex Sangall. No 566 (…); Beuron · Leipzig

Neddermeyer, U. (1997), Von der Handschrift zum gedruckten Buch. 2 Bde; Wiesbaden

Ochsenbein, P. (Hrsg., 1999), Das Kloster St. Gallen im Mittelalter. Die kulturelle Blüte vom 8. bis zum 12. Jahrhundert; Darmstadt

Pannonhalma (1996) = Die Erzabtei Pannonhalma. Ein illustrierter Führer; Pannonhalma

Steidle, B. (131983), Die Regel des Hl. Benedikt. Eingeleitet und übersetzt; Beuron

St. Peter in Salzburg (²1982), Das älteste Kloster im deutschen Sprachraum. St. Peter in Salzburg. 3. Landesausstellung. 15. Mai – 26. Oktober 1982. Schätze europäischer Kunst und Kultur (Katalogredaktion Heinz Dopsch und Roswitha Juffinger); Salzburg

Voullième E. (1919), „Nachträge zu den Buchhändleranzeigen des XV. Jahrhunderts in getreuen Nachbildungen, hrsg. v. K. Burger”; in: Wiegendrucke und Handschriften, Festschrift Konrad Haebler, 18-44; Leipzig

Ein Kommentar zu “Was las man denn zur Karolingerzeit? – Teil IV”

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5. August 2011                     Kategorie(n): Artikel aus den ZS, Fantomzeit, Frühmittelalter, Zeitensprünge

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Was las man denn zur Karolingerzeit? – Teil III

von Paul C. Martin (aus Zeitensprünge 2/2001)

Karl der Große kannte das Phänomen „Schrift“ bestens. Er hat zahlreiche Urkunden, die das „Karlsmonogramm“ zeigen, mit seinem berühmten „Vollziehungshäkchen“ rechtskräftig gemacht. Es ist ganz unvorstellbar, dass ihm seine Notare nicht mitgeteilt haben, was es mit den Pergamenten, die sie ihm vorlegten, auf sich hatte, zumal es um – in heutiger Kaufkraft gerechnet – milliardenschwere Transaktionen ging.

Der große Kaiser kannte auch das Phänomen „Buch“, also jene Kodizes, die – ebenfalls aus Pergament – aus der „Karolingerzeit“ zu Tausenden überliefert sind, zumindest in Bruchstücken.

Im „Karlsepos“, das in der Paderborner Ausstellung 1999 allerdings nicht gezeigt wurde, obwohl es als die Quelle zur Begegnung zwischen Karl und Papst Leo im Jahre 799 gilt (deshalb damals das 1200-Jahres-Begän­g­nis), heißt es dazu ausdrücklich [Brunhölzl in Hentze 1999, 15, Zeile 68; fett­kursive Her­vorhebungen in allen folgenden Zitaten jeweils von PCM]:

„Nullo umquam fuerat tam clarus tempore lector (zu keiner Zeit gab es einen so vortrefflichen Leser).“

Auch werden an gleicher Stelle Vergleiche zwischen Karls Redekunst und der antiker Autoren gezogen [a.a.O., Zeile 73-75]:

„Inclita nam superat preclari dicta Catonis,
Vincit et eloquii magni dulcedine Marcum,
Atque suis dictis facundus cedit Homerus.”

Diesen Passus übersetzt Brunhölzl [a.a.O., 15]:

„Denn seine Aussprüche übertreffen die herrlichen Worte des trefflichen Cato, seine Reden stellen an Wohlklang die eines Cicero in Schatten, und selbst der sprachgewaltige Homer verblasst vor seinen Worten.“

Mehr an Genie und Gelehrsamkeit kann ein einzelner Mensch kaum auf sich vereinen. Das Karlsepos ist eine ehemals St. Galler Handschrift, heute in einem Sammelband mit 4 Stücken des 9. bis 13. Jh. (!) in Zürich, Zentralbiblio­thek C. 78, existent.

Die drei genannten antiken Autoren haben höchsten Rang, unabhängig davon, ob Karl und seine Umgebung ihre Texte je zu Gesicht bekommen haben oder ob sie nur in Form eines „name-dropping“ tradiert gewesen waren. Schmuki-Ochsenbein-Dora vermögen keine konkreten Spuren des Dreigestirns in St. Gallen zu entdecken [1998, 6]: Die

„ältesten in St. Gallen geschriebenen und heute noch erhaltenen Handschriften enthalten fast ausschließlich Bibel- und Kirchenvätertexte.“

Ein St. Galler Cicero-Text [Handschrift Nr. 850] enthält keine Reden Ciceros, sondern die von einer Humanisten-Hand geschriebenen philosophischen Tex­te „Tusculanae disputationes“, die aus dem Nachlass des Glarner Universalgelehrten Aegidius Tschudi stammen (1505-1572). Dieser Cicero wird im Verkaufskatalog des Tschudi-Nachlasses von 1767, den der St. Galler Fürst­abt Beda Angehrn erwarb, als „zu Zeiten Caroli Magni“ geschrieben vorgestellt. Diese Alterung der Handschrift um mehr als 600 Jahre wird von Schmu­ki-Ochsenbein-Dora [160] als „aber wohl ohne böse Absicht“ geschehen verniedlicht.

Bei der Nennung der drei Namen, die dem Verfasser des Epos, angeblich zu Beginn des 9. Jh., bekannt waren, ist überdies [folgendes] bemerkenswert:

Die Überlieferung der Reden Catos in die Karolingerzeit, die heute sämtlich als verloren gelten, ist rätselhaft. Schon Cicero selbst, der sich an der Redekunst Catos schulen wollte, die dieser nicht in einem Korpus veröffentlicht hatte, fand erst nach langem Suchen ca. 150 Stück, wie er in seinem Brutus, 17,65 mitteilt. Mark Aurel konnte sich im Jahre 149 aus der Palatinischen Bibliothek Catos Reden entleihen [Fronto, Epistolae 4,5]. Allerdings verliert sich dann ihre Spur, und Karl Büchner klagt in Hunger [1961, 319]:

„Was wüßten wir alles von der Krise des römischen Volkes, wenn uns diese Reden erhalten wären! Wir haben Fragmente und 80 Titel, die sich vermindern, weil gleiche Reden unter verschiedenen Titeln zitiert werden.“

Im Katalog von San Marco [Ullman/Stadter 1972, 125 ff.] findet sich nur der Eintrag „Libri de agricultura M. Catonis et Varronis, in volumine mediocri longo viridi in membranis“. Von „Reden“ leider keine Spur. Der „Agricultura“-Band, der vermutlich dem uns bereits bekannten Bibliomanen Niccoli gehörte, ist verloren. Damit stehen wir vor der Frage, warum sich Catos Texte trotz ihrer schon in der Karolingerzeit erkannten Bedeutung weitgehend verflüchtigt haben.

Karl besiegt („vincit“) in seiner Redekunst Cicero. Der wird „Marcus“ genannt. Mir ist keine Stelle in einem Bibliotheksverzeichnis auffindbar, wo Cicero als Autor nicht mit M. Tullius oder M. Tullius Cicero oder einfach nur als Cicero oder schlicht als Tullius auftritt. In dem berühmten Ms. Diez B 66 der Berliner Staatsbibliothek, das uns noch beschäftigen wird, ist ein Bücherverzeichnis enthalten, das der bedeutende Paläograph Bernhard Bischoff und andere als Wiedergabe von Büchern der Hof- bzw. Palastbibliothek Karls des Großen erklären [Bischoff 1965; Diez 1973, 9, 22; Winter 1986, 71].

Abb. 1: Das Explicit eines Cicero-Textes [Hs. St. Gallen 850]. Wie durchgehend in allen Cicero-Mss. zu beobachten, erscheint der Name des Autors nie als „Marcus“ allein.

Abb. 1: Das Explicit eines Cicero-Textes (Hs. St. Gallen 850). Wie durchgehend in allen Cicero-Mss. zu beobachten, erscheint der Name des Autors nie als „Marcus“ allein.

In Diez B 66 erscheinen als Cicero betreffenden Einträge: „In Catelena (sic!) Ciceronis libri VII“ und „Incipit Verrem actio M. Tulli Ciceronis“. „Marcus“ war ein überdies viel zu häufig auftretender Vorname, als dass er einem Schriftsteller allein hätte zugeordnet werden können. Im 14. Jh. verwenden die großen Büchersucher und -abschreiber fast ausschließlich sogar ein „M. Tullius Cicero“ oder „M. Tullii“ oder ein „Marci Tulii Cyceronis“ wie in der St. Galler Zimelie (Abb. 1).

 

 

In der Handschrift Basel F III 42 aus dem ausgehenden 15. Jh. [Fulda 98 ff.] finden wir folgende Einträge: „Tullius de amicicia et senectute“ (Nr. 644), „Epistole contra Ciceronem et responsiue Tulii“ (645), „Oracio Tullii pro Marco et Marcello“ (646 – sollte Tullius für sich selbst als „Marcus“ gesprochen haben?), „Tullius de arte rethorum“ (647), usw., usw.

Das „Marcus“ im Karlsepos mag zwar reimtechnisch erforderlich gewesen sein, aber Karl den Großen mit einem „Marcus“ zu vergleichen, so dass der Kaiser selbst und andere Leser des 9. Jhs. sogleich wussten, dass es nur Cicero sein konnte, ist eine verwegene Vorstellung.

Und woher kannten die Schreiber des Karlsepos den Griechen Homer? Dass sie Papyros-Fragmente seiner Dichtungen einsehen konnte, kann als ausgeschlossen gelten (z.B. heute London 2. Jh., Berlin 3. Jh.). Welchen Text könnten sie vor sich (oder ihrem geistigen Auge) gehabt haben? Die älteste komplette Handschrift der Werke Homers wird ins 13. Jh. datiert [Hunger 1961, 167]. Die Forschung ist sich einig, dass die handschriftliche Überlieferung der Texte Homers problematisch ist, vor allem im Westen, also dem Gebiet, aus dem das Karlsepos zweifelsfrei stammt [Hunger 363]:

„Im 5. Jh. gehen die griechischen Studien, die bis zum Jahre 400 [...] selbstverständlich gewesen waren, ja eine bedeutende Höhe erreicht hatten, entschieden zurück. [...] Das alles geht in den Gotenkriegen verloren [...] Nachdem der »Kampf um Rom« für die Goten verloren ist, sind die Kräfte zu erschöpft: die byzantinische Herrschaft hat nicht zu einer Erneuerung der griechischen Studien führen können.“

Danach hören wir erst wieder von einer Beschäftigung mit Homer im 12. Jh. durch Joannes Tzetzes [a.a.O., 452]. Das hungersche Standardwerk zur antiken Textüberlieferung summiert [516, 530]:

„Homer [...] ist einer der blutleeren Schatten, die nur als Namen durch die Literatur geistern; weder Dante noch ein anderer Zeitgenosse kannte ihn im Original oder in einer Übersetzung. [...] Als Nikolaos Sigerios 1353 Petrarca den Homer als Geschenk aus Konstantinopel gesandt hatte, bedankte sich der Beschenkte wärmstens; doch der Kodex blieb für ihn stumm, er selbst »taub für die Stimme Homers«.“

Homer ist bis ins 14. Jh. „der große Unbekannte“ [Hunger 538], wobei erst Boccaccio „einen Eindruck vom Dichter Homer gewinnen konnte“ [561]. Somit stehen wir also verwundert vor der Tatsache, dass der Autor des Karlsepos und damit möglicherweise der Kaiser selbst, dem als „tam clarus lector“ diese Hymne auf ihn, sein Wirken, seine Familie usw. nicht verborgen geblieben sein konnte, mehr von Homer verstanden hatten als etwa Dante oder Petrarca. Wie nur konnte das alles für viele Jahrhunderte in Vergessenheit geraten sein?

Die Handschrift Diez B 66

Wir kommen nun zu der Handschrift Diez B 66, die in der Berliner Staatsbibliothek in Faksimile eingesehen werden konnte. Der Philologe Ludwig Traube wird in der Einleitung mit den Worten zitiert [Diez 1973, 9], der Kodex sei

„eine Handschrift, die von verschiedenen Schülern der Hofschule [Karls des Großen; PCM] geschrieben wurde“, [die] „zeigt, was die Leute beschäftigte, welche Schriften sie lasen und wie sie auf Grund ihrer Lektüre von diesen zu eigenen Versuchen fortschritten.“

An diesem Kodex, der 181 Bll. umfasst, interessiert vor allem das Bücherverzeichnis, das auf den Seiten 218 f. zu bestaunen ist. Dass dieses Florilegium jene Schriften, die ihm vorangehen bzw. nachfolgen, nicht enthält, erinnert an die ältesten Fuldaer Bücherverzeichnisse, über die in Teil I bereits ausführlich berichtet wurde. Deshalb ist erneut die Frage angebracht, warum ein Bücherverzeichnis in einem Schriftenkonvolut – und zwar nicht etwa als Einzelblatt, sondern lagenmäßig mit den Texten fest verbunden – nicht die Schriften des Konvoluts selbst anführt, die den Schreibern des Verzeichnisses unmittelbar vor dem Gesicht gelegen haben.

Zu den das Bücherverzeichnis umgebenden Schriften, die sämtlich als von zwei Schreibern (A und B) stammend ins 9. Jh. datiert werden (bis auf Randnotizen aus späterer Zeit), muss zunächst weiteres Merkwürdige festgehalten werden.

Erstens: Ihr „bunter Inhalt [wurde] von den beiden Schreibern nach vielerlei Vorlagen zusammengeschrieben“ [Diez 14]. Wo sich diese Vorlagen befanden bzw. ob sie gar auch in der Hofbibliothek gestanden haben, wird nicht mitgeteilt. Auch ihr weiteres Schicksal bleibt dunkel.

Zweitens: In Diez B 66 findet sich auf S. 3 bis 66 eine Ars Grammatica, beginnend mit „Dicit Donatus: Partes orationis sunt octo“, die in enger Verbindung mit dem Kodex 207 der Berner Burger-Bibliothek steht [Homburger 1962, 32 ff.]. Der mit drei Zierseiten und großer Initiale ausgestattete Berner Grammatik-Kodex enthält ein „frühmittelalterliches, vermutlich in Fleury zusammengesetztes Corpus der Grammatiker“ (Abb. 2). Fleury wurde 630/ 650 gegründet, erhielt 660 die Reliquien des Hl. Benedikts und wurde 865, 879 und 897 von den Normannen niedergebrannt. Wie der Kodex das dreifache Flammenmeer überstanden haben mag, ist rätselhaft.

Als Vorbesitzer wird laut eines Exlibris (angeblich aus dem 9./10. Jh.) dennoch Fleury genannt. Allerdings lautet der betreffende Vermerk „hic ./. lib sci Benedicti floriacensi“. Einen solchen grammatikalischen Schnitzer („floriacensi“ statt „floriacensis“) in einem Lehrbuch der Grammatik zu entdecken (und dies auch in anderen Fleury-Exlibris), erstaunt. Dass der Berner Kodex zum ersten Mal im Bücherkatalog des Klosters Fleury vom Dezember 1552 (!) als überhaupt existent erscheint, verwundert schon weniger, wenn wir an andere Bücherverzeichnisse denken (Fulda!, San Marco!), die ebenfalls erst Jahrhunderte nach der angeblichen Entstehung des Originals erstellt wurden.

Drittens: Der Berner Kodex mit seinen bekannten, in der Forschung immer wieder betonten Parallelen zu Diez B 66 zeigt auf dem Titel (f. 2r) zunächst den Titel zur „Ars minor“ des Donatus, die Homburger [35] ausschreibt mit IN N(O)M(ine) D(e)I SVM(m)I INCIP(it) ARS DONAT(i) GRAMM(atici) URBIS R(O)M(ae)“, um fortzufahren [36]: „Die vier Schriftreihen wechseln mit Zeilen roter, entsprechender Runenschrift…“.

Diese „Runenschrift“ ist eine Köstlichkeit der besonderen Art. Denn um 48 Schriftzeichen in Runenschrift mitzuteilen, benötigt der Verfasser 33 verschiedene Buchstaben. Im lateinischen Text („In Nomine…“) dagegen kommt der Schreiber bei 52 Schriftzeichen mit 14 verschiedenen Buchstaben aus.

Ein Alphabet mit 33 Buchstaben ist schon ungewöhnlich genug. Doch damit beginnen erst die Probleme des angeblich „karolingischen“ Berner Kodex 207. Denn der Schreiber in Fleury arbeitet nicht nur bereits auf dem Titel mit 33 Runen, sondern er hat auch mindestens acht Runen überhaupt nicht benutzt, die in dem von Johan Ihre im 18. Jh. festgelegten Runen-Alphabet angeführt sind [Östlund 2000, 211-213], das mit insgesamt 15 Zeichen auskommt, wobei das „R“ in zwei Varianten erscheint. Verglichen mit den Ihre-Runen muss es zur Zeit Karl des Großen also mindestens 41 Runen gegeben haben.

Abb. 2: Titelseite des Kodex 207 der Berner Burger-Bibliothek, enthaltend die Grammatik des Donatus aus Rom. Der lateinische Text ist von einer „Runenschrift“ unterlegt, die sich mit keinem Runenalphabet entziffern lässt.

Abb. 2: Titelseite des Kodex 207 der Berner Burger-Bibliothek, enthaltend die Grammatik des Donatus aus Rom. Der lateinische Text ist von einer „Runenschrift“ unterlegt, die sich mit keinem Runenalphabet entziffern lässt.

Wenn man das heute allgemein anerkannte, nach den ersten Buchstaben der Buchstabenfolge benannte und spätestens auf die Zeit des Augustus datierte „Futhark“-Runenalphabet nimmt, das aus 24 Buchstaben besteht [Blum 2000, 21; zur Entstehung: Seebold 1991, 450; zur Datierung: Odenstedt 382], hat der Schreiber von Fleury auf dem Titel mindestens 16 Runen ausgelassen, so dass sich deren Gesamtzahl auf ca. 50 belaufen muss.

Überdies führt der Fleury-Schreiber auf f. Av – Br (264v-257r), blattmäßig unmittelbar anschließend an den Osterzyklus 779-797, ein komplettes Runen-Alphabet an, das aus ca. 65 Buchstaben bzw. Zeichen in rot und schwarz besteht (vgl. Abb. 3).

Die Skurrilität eines solchen Alphabethaufens selbst zur Zeit Karls des Großen liegt auf der Hand.

Abb. 3: „Runenalphabet“ aus dem Kodex 207 der Berner Burger-Bibliothek (unteres Drittel) mit Buchstaben- und/oder Ziffernzeichen. Nach jeweils ca. 21 Zeichen Wechsel von roter zu schwarzer Schrift. Darüber ein griechisches und (möglicherweise) hebräisches System (beginnend mit א [aleph]). (unteres Drittel) mit Buchstaben- und/oder Ziffernzeichen. Nach jeweils ca. 21 Zeichen Wechsel von roter zu schwarzer Schrift. Darüber ein griechisches und (möglicherweise) hebräisches System (beginnend mit א [aleph]).

Abb. 3: „Runenalphabet“ aus dem Kodex 207 der Berner Burger-Bibliothek (unteres Drittel) mit Buchstaben- und/oder Ziffernzeichen. Nach jeweils ca. 21 Zeichen Wechsel von roter zu schwarzer Schrift. Darüber ein griechisches und (möglicherweise) hebräisches System (beginnend mit א (aleph)).

Viertens: Auch versagt jegliche Übersetzungs- und/oder Deutungskunst mit Hilfe welchen Runenalphabets auch immer bereits auf dem Titel des Berner Kodex. Weder ergeben die dort zu bestaunenden Runen von links oder von recht gelesen einen Sinn, noch gedeutet als Form einer alten „germanischen“ und schon gar nicht als Deutung einer Form der lateinischen Sprache.

 

 

Die gesamte Runen-Darbietung des Berner Kodex 207 ist demnach gefälscht. Und die Absicht des Fälschers ist schnell durchschaut, da die Runen in ihrer Anzahl in jeder Zeile fast genau so viele Buchstaben haben wie der darüber stehende lateinische Text (nochmals ausgeschrieben: IN NOMINE DEI SUMMI INCIPIT ARS DONATI GRAMMATICI URBIS ROMAE). Also wird vom Fälscher subsumiert, dass es sich um eine „Übersetzung“ in eine Runensprache handelt und sich die Beinahe-Gleichheit der Runenbuchstaben daher ergeben „musste“.

Allerdings führt nun am Wort ROMAE (in lateinischen Zeichen sind nur die Buchstaben R und M geschrieben) auch in einer Runensprache kein Weg vorbei. So ist diese Buchstabenfolge besonders interessant. Sie beginnt mit einem R, wie auch in der Runenschrift überliefert. Danach kommen ein Fantasiebuchstabe, ein L in der Runenschrift und zwei weitere Fantasiebuchstaben [Zum Buchstabenabgleich Barthel 1972, 197 sowie die bereits zitierten bzw. im Internet abrufbaren Runenalphabete].

Dass das ROMAE des Berner Kodex 207 in Runenschrift nichts mit einer Darstellung des Namens „Rom“ in lateinischer Schrift zu tun haben kann, ergibt sich auch aus dem von Heiner Eichner [in Bammesberger 604] vorgestellten Text auf einem Mitte des 19. Jh. in Frankreich (Auzon, Haute Loire) entdeckten, aus Walknochen gefertigten Kästchens, das „nach Nordhumbrien des beginnenden 8. Jh. n. Chr.“ lokalisiert und datiert wird [ebd., 606].

Der Text enthält die Wörter „rómwalus and réumwalus /… / in rómaecaestri óplae únneg“ (Romulus und Remus /… / in der Stadt Rom fern der Heimstatt“ (Abb. 4).

Abb. 4: Runenschrift auf einem aus Walknochen gefertigten Kästchen (Northumbrien, beginn. 8. Jh.). Die Buchstabenfolge „Rom...“ bzw. „Romae...“ stimmt mit den „Romae“-Buchstaben der Titelseite des Kodex Bern 207, der in die selbe Zeit datiert wird, nur mit dem ersten Zeichen („R“) überein.

Abb. 4: Runenschrift auf einem aus Walknochen gefertigten Kästchen (Northumbrien, beginn. 8. Jh.). Die Buchstabenfolge „Rom...“ bzw. „Romae...“ stimmt mit den „Romae“-Buchstaben der Titelseite des Kodex Bern 207, der in die selbe Zeit datiert wird, nur mit dem ersten Zeichen („R“) überein.

Allein: Schon das O und das M der northumbrischen Runenschrift stimmen in keiner Weise mit dem O und M von Bern 207 überein, ganz abgesehen davon, dass es sich um Stabreimverse in einer nordischen Sprache handelt, die in „enger Verbindung mit dem Beowulfepos“ stehen sollen [ibid.].

Fünftens: Die Berner „Runen“ sind eng verwandt mit alphabetisch-numerischen Systemen, die von Zisterziensern in England im frühen 13. Jh. entwickelt wurden, über deren Verwendung der Mathematik-Historiker David A. King seit längerem intensiv arbeitet und forscht und das von John von Basingstoke († 1252) entwickelt worden ist. Eine bei King [202] gebotene Darstellung des Basingstoke-Systems zeigt sofort, dass viele „Runen“ des angeblich aus der Karolingerzeit stammenden Berner Kodex 207 tatsächlich erst ab dem 13. Jh. genutzt wurde (Abb. 5). Überdies waren sie nichts anderes als ein Zahlensystem, in dem aus einzelnen Zahlen auch Zahlenkombinationen möglich wurden.

Abb. 5: Das im 13. Jh. von John v. Basingstoke entwickelte „Zahlensystem“ in der bei David King zitierten Darstellung. Die Übereinstimmung mit dem Berner Kodex 207 (8./9. Jh.) ist bei vielen Zeichen offensichtlich, z.B. in Reihe 1 die Zeichen Nr. 2, 3, 5, 6 usw.

Abb. 5: Das im 13. Jh. von John v. Basingstoke entwickelte „Zahlensystem“ in der bei David King zitierten Darstellung. Die Übereinstimmung mit dem Berner Kodex 207 (8./9. Jh.) ist bei vielen Zeichen offensichtlich, z.B. in Reihe 1 die Zeichen Nr. 2, 3, 5, 6 usw.

Sechstens: „Runenartige“ Buchstaben und ein von englischen Zisterziensern entwickeltes Zahlensystem auf den Titel von Bern 207 zu schreiben, kann also nur eine Absicht gehabt haben: Es sollen „nördliche“ Kultur, Schrift- und Lesekenntnisse vorgegaukelt werden. Daher nimmt es nicht Wunder, dass ein Paläograph die im Kodex selbst zu lesende lateinische Schrift als „it may be a strictly local Fleury version of the Continental Irish“ bezeichnet [zit. Homburger, 34]. Klartext: Auch auf dem Weg über Fleury soll suggeriert werden, dass es so etwas wie eine „irische Mission“ des Kontinents gegeben hat, die bekanntlich durch alle Lehrbücher geistert.

Diese Mission scheitert allerdings an einem bis zum Lächerlichen aufgepumpten Runenalphabet bzw. der Tatsache, dass viele der im „karolingischen“ Fleury niedergeschriebenen „Runen“ überhaupt keine Runen sind, sondern numerische Zeichen der Zisterzienser, die ihrerseits erst im 13. Jh. entstanden sind.

Siebtens: Auch die vom Fleury-Schreiber bzw. -Maler mehrfach auf dem Titel gebotene verschlungene Tiersymbolik passt bestens zum Gesamtbild (vgl. Abb. 6 aus Blum, jeweils über den Kapitelüberschriften), schließlich hat soeben auch Franz Siepe [103 ff.] auf das zeitübergreifend Zoomorphische der „karolingischen“ Tiersymbolik hingewiesen.

Abb. 6: Von Runenschrift umrahmte Darstellung mit verschlungener Tiersymbolik, aus einem Standardwerk zur Runenkunde. Der Vogel- und Schlangenstil entspricht der Darstellung von Bern 207 (Abb. 2). Die Wiedergabe im Profil (sog. „Jellingstil“) ist im 10. Jh. entstanden, erheblich später, als der Berner Kodex datiert wird.

Abb. 6: Von Runenschrift umrahmte Darstellung mit verschlungener Tiersymbolik, aus einem Standardwerk zur Runenkunde. Der Vogel- und Schlangenstil entspricht der Darstellung von Bern 207 (Abb. 2). Die Wiedergabe im Profil (sog. „Jellingstil“) ist im 10. Jh. entstanden, erheblich später, als der Berner Kodex datiert wird.

 

Abb. 7: Die Stelle in der Berliner Sammelhandschrift Diez B 66, die auf die Bücher des Alchimus („Libri alchimi“) verweist. Zwischen den “alchimi” und dem folgenden “Sic incipit” erscheint eine Lehrstelle, die Rätsel aufwirft angesichts der Enge, mit der das gesamte Florilegium – angeblich ein Verzeichnis der Titel in der “Hofbibliothek” Karls d. Gr. – geschrieben ist. Sollte in dem ohnehin mit Reagenzmitteln behandelten Verzeichnis ein „e“ in Wegfall gekommen sein?

Abb. 7: Die Stelle in der Berliner Sammelhandschrift Diez B 66, die auf die Bücher des Alchimus („Libri alchimi“) verweist. Zwischen den “alchimi” und dem folgenden “Sic incipit” erscheint eine Lehrstelle, die Rätsel aufwirft angesichts der Enge, mit der das gesamte Florilegium – angeblich ein Verzeichnis der Titel in der “Hofbibliothek” Karls d. Gr. – geschrieben ist. Sollte in dem ohnehin mit Reagenzmitteln behandelten Verzeichnis ein „e“ in Wegfall gekommen sein?

Zu der „nordischen“ Tiersymbolik bietet Elsner [62] zwei Datierungen an: 1. Den „Borre-Stil“:

„Spätes 9. und 10. Jahrhundert [...] Tierfiguren nicht mehr nach allen Richtungen greifend, sondern in geschlossen wirkendem rundlichen Aufbau: Körper schlangenartig, noch betont zweigliedrig, Köpfe von vorn gesehen aber dreieckig, mit hervortretenden Augen und ‚Micky-Maus’-Ohren.“

2. Den „Jelling-Stil“:

„10. Jahrhundert [...] Tierfiguren nicht mehr als ‚Greiftiere’, sondern als schma­le, langgestreckte, schlangenartige Figuren, Wiedergabe im Profil.“

Der Schmuck der Titelseite von Bern 207 ähnelt deutlich mehr der zweiten Variante. Die Handschrift kann daher nicht aus „Fleury, VIII./IX. Jahrh.“ stammen, wie von Homburger [32] behauptet.

Achtens: Auf den Bll. 264v – 257r (sic!) stehen im Berner Kodex laut Homburger [34] verschiedene Alphabete: „griechisch, hebräisch, Runen, Schrift des Aethicus Ister, Ogham etc.“ Leider konnte der Kodex an dieser Stelle nur mit Hilfe von Fotokopien und Farb-Dias eingesehen werden. Aber solche Alphabete in einem eindeutig in die Karolingerzeit datierten Manuskript zu finden, das nebenbei auch einen Osterzyklus der Jahre 779-797 enthält, gibt Rätsel auf, die auch die von Homburger [39] angeführte Literatur nicht zu lösen vermag (die sog. „Oghamschrift“, die in Irland und Schottland gefunden wurde, bleibt einem späteren Beitrag vorbehalten).

Möglicherweise handelt es sich bei „Ogham“ gar um den „Venerabilis Inceptor“ bzw. „Doctor Invincibilis“ William Ockham (ca. 1285 bis 1347/49), weil dieser Ogham in Bern ausdrücklich als Name einer Person und nicht als Sachbegriff erscheint? Das Alphabet des „Ogham“ wird karolingisch datiert, weil der „Cyclus paschalis“ für die Jahre 779-797, auf der Rückseite (Bv) der Alphabetenabfolge, die mit Br endet, geschrieben wurde. Nun gibt es allerdings kein „Alphabet“ von William Ockham, dafür aber eine Zeichen(!)-Theorie [Kaczmarek 1983; Biard 1989; Eco 1989; Leffler 1995]. Ob Zeichen zu Erkenntnissen führen, wurde bekanntlich seit Roger Bacon unter Theologen erbittert diskutiert [Tachau 1988]. Das kann nur bedeuten: Entweder war Ockham ein Zeitgenosse Karls des Großen oder der gesamte Kodex 207 ist schon wieder nicht ins 8./9. Jh. zu datieren, sondern frühestens in die Zeit Ockhams, d. h. ins 14. Jh., wenn nicht gar ins 15. Jh., in dem die bekannte Bibliomanie startete.

Der Name der Donau, an der Karl der Große im 9. Jh. das Kastell Werfenstein errichtet haben soll, war seit den Römern „Danuvius“ und nicht mehr das griechische „Ister“. Ein „Aethicus Ister“ ist nicht nachweisbar, weshalb man ihn gerne mit dem Bischof Virgil von Salzburg gleichsetzen möchte [vgl. Wolfram 274].

Neuntens: Das Alphabet-Problem tritt uns auch in der Hs. Diez B 66 selbst entgegen, die mit Bern 207 in engem Zusammenhang steht. Diez B 66 enthält gleich zwei Alphabettraktate. Da sie am Hofe Karls entstanden sein soll, würde dies bedeuten, dass Karl und seine vielen Gelehrten über diverse Alphabete informiert gewesen sein mussten. Da uns aber aus der „Karolingerzeit“ nur Texte in westeuropäischer Schrift in diversen Abarten erhalten sind, stehen wir erstaunt vor der Tatsache, dass in der Karolingerzeit selbst entfernteste Alphabete und Buchstabennamen (griechisch und hebräisch, sogar chaldäisch und ägyptisch!) bekannt gewesen waren; allerdings hat sich kein einziger konkreter Text in diesen Alphabeten bzw. Buchstaben aus dem Karolingerreich erhalten. Wie kann das möglich sein?

Zehntens: Im zweiten Alphabettraktat (Diez, 346) finden wir diese Frage: „Apud Latinos quod [recte: quot! PCM] genera scribendi esse videntur?“ Und danach diese Antwort:

Coequaria et antiquaria manus et Virgilica manus, qua nunc Romani utuntur, et epistularis; cui adiacet Schotica manus et Brithanica manus.“

Insgesamt also sechs Alphabet- bzw. Schrifttypen. Bischoff [Diez 32] übersetzt „Coequaria“ mit „gleichzeitig“ und deutet sie als „damals übliche Minuskel“; er interpretiert die „Antiquaria“ als eine „außer Gebrauch gekommene, aber in den benützten Handschriften noch gegenwärtige Schrift.“

Leider gibt es aber für diese „Antiquaria“ keinen einzigen Beleg, der auf uns gekommen wäre. Sie kann weder die Unzialis gewesen sein, in der angeblich die ältesten Vergil-Texte überliefert wurden, noch eine andere „römische“ oder aus einer römischen abgeleitete Schrift, da sie ja sonst den „Romani“ zugeordnet worden wäre. Noch können es die „insularen“ Schriften gewesen sein, da diese eigens genannt sind – ganz abgesehen davon, dass die insulare Minuskel, die sich in Abarten („merowingisch“ oder auch „Corbie-Schrift“, siehe Abb. 2 in Teil I) erhalten hat, gerade durch die karolingische Schriftreform beseitigt werden sollte. Die „Epistolaris“ ist die mit ihren hochgezogenen Buchstaben daherkommende „Urkundenschrift“.

Also wie steht es nun wirklich um die „Antiquaria“, zu der Bischoff gleich noch einen weiteren Textbeleg aus einer Hs. der Bibliothèque Nationale (9. Jh., Corbie) zitiert:

„Sed de figuris litterarum nemo interetari potest, quia apud Latinos multa genera sunt scribendi. Quattuor genera sunt: antiquaria manus, Virgiliaca, iactiaca, coequaria.”

Abgesehen davon, dass der Schreiber des Diez-Textes die Schriftarten nicht so breit und gekünstelt wirkend auffächert, wie dies inzwischen von den Paläographen betrieben wird [ausführlich Bischoff 1986], und dass die „Iactiaca” auch von Bischoff nicht zu deuten ist (vielleicht war es die „Epistolaris“?) haben wir wieder eine „Antiquaria“ und wieder ohne einen einzigen bis heute aufgetauchten Beleg.

Daraus ist nur ein vernünftiger Schluss möglich: Die „Antiquaria“ war, ist und bleibt die klassische „Antiqua“ wie sie seit dem 15. Jh. von den Humanisten verbreitet wurde und zwar nicht etwa „aus Nachahmung entstanden“, wie Bischoff [1986, 198] mitteilt, der damit die Nachahmung der karo­lingischen Minuskel meint, sondern als Nachahmung bzw. Variante und Verfeinerung jener Schriften klösterlicher Skriptorien, die allesamt erst Jahrhunderte nach den angeblichen Karolingern entstanden sind.

Die Skriptorien haben diese „Antiquaria“ plus die ihr gleichende, etwas gestelzter daher kommende „Epistolaris“ der Karolinger erfunden, damit deren zahlreiche Schenkungen nicht nur per Urkunden, sondern auch per „tatsächlicher“ (in Wirklichkeit ebenfalls völlig frei erfundener) Geschichte glaubhaft wirkten. Die Tradition dieser „Antiquaria“ lässt sich – ohne jeglichen Zeitenbruch, also ohne rätselhaftes völliges Verschwinden und Jahrhunderte späteres Wiederauftauchen – nahtlos bis zur Antiqua der frühen Drucker vor allem in Venedig und von dort bis heute verfolgen.

Die „Coequaria“ lässt schon von der Wortkonstruktion her deutlich erkennen, dass sie nie und nimmer aus dem „klassischen“ Latein abgeleitet sein kann, das in der Karolingerzeit geläufig gewesen sein müsste, wenn es sie gegeben hätte. Die „Coequaria“ waren normale Kursive und/oder Texturschriften („Gotica“ usw.) bis hin zur Bastarda, wie sie sich seit dem 11. Jh. entwickelt haben [Bischoff 1986, 171 ff.] und von denen bis heute kein Mensch sinnvoll erklären kann, warum sie jemals die wundervoll klare und bis heute einfach zu lesende „Antiqua“ alias karolingische Minuskel hätte ablösen sollen oder müssen.

Elftens: Der am größten ausgestaltete Text des Kodex Bern 207 ist „in insular umgestalteter Kapitalis geschrieben, mit der die Würde antiker Inschriften erreicht werden soll“ [Homburger 1962, 36]. Dass dies an die frühen Jahre Poggios erinnert, der als erster mit großem Eifer römische Inschriften kopierte, sei am Rande erwähnt. Allerdings bleibt Fakt, dass die römische Capitalis (Quadrata), die in Ms.-Form überliefert wurde, kein A mit nach unten geknicktem Querstrich kennt; man vergleiche dazu den „Vergilius San­gallensis“ aus dem 4. oder beginnenden 5. Jh. ([Schmucki-Ochsenbein-Dora 1998, 13]; Abb. 8).

Abb. 8: Das klassische A mit geradem, nicht geknicktem Querstrich im St. Galler Vergil-Text, der ins 4./5. Jh. datiert wird. Wie es zum A mit nach unten geknicktem Querstrich wie im Berner Kodex 207 gekommen ist, bleibt unerfindlich, zumal im Buchstabenverzeichnis und der Paginierung dort das A ohne Knick-Querstrich erscheint (Abb. 3).

Abb. 8: Das klassische A mit geradem, nicht geknicktem Querstrich im St. Galler Vergil-Text, der ins 4./5. Jh. datiert wird. Wie es zum A mit nach unten geknicktem Querstrich wie im Berner Kodex 207 gekommen ist, bleibt unerfindlich, zumal im Buchstabenverzeichnis und der Paginierung dort das A ohne Knick-Querstrich erscheint (Abb. 3).

Inzwischen haben auch die Forschungen zur „ottonisch/hattonischen“ Schrift ebenfalls das „Knick-A“ ausgeschlossen, wie an den Inschriften von St. Georg auf der Reichenau in dem vorzüglichen Buch von Koichi Koshi nachgewiesen wurde [Koshi 1999, mit Bildabbildungen des „A“ passim]. Im übrigen weise ich auf die von mir bereits vorgestellte „A“-Problematik beim KAROLUS-Monogramm und den in Paderborn ausgestellten Schriftenproben hin [Martin 2000a, 102 ff.]

Zwölftens: Im ersten Teil von Diez B 66 tauchen Städtenamen auf wie „Roma, Pisa, Mantua, Cremona“ und daraus leitet der Handschriftenforscher Hagen ab, als Autor käme „Petrus von Pisa“ in Frage, der als „erster Grammatiklehrer Karls des Großen“ gilt. Doch dazu tritt laut Diez [1973, 28] eine Parallelstelle im Berner Kodex 207 [dort fol. 155 r], die größte Verwirrung stiftet:

„Cuius linguae? Latinae Grecae et Hebreae. Quomodo? Latinae sicut est Vergilius Tibullus Fulgentius, Grecae vero Omerus Menelaus et alia plura. Hebraee autem Bartholomeus Mattheus Tatdeus et cetera.“

Der Grammatiklehrer Karls weiß nicht nur über die Existenz dreier Sprachen Bescheid, sondern kann auch gleich bekannte Autoren nennen. (Was mit den aus der „Karolingerzeit“ tradierten deutschen Texten geschehen sein mag, z.B. dem St. Galler „Vaterunser“, das „um 790“ datiert wird, bleibt offen.)

Zum Lateiner Tibull wird von den Überlieferungskundigen angemerkt [Hunger 19961, 398]:

„Der Elegiker Tibull beruht nicht auf mehreren antiken Überlieferungsströmen, sondern ein Exemplar hat sich ins MA. hinein gerettet [...] nichts deutet darauf hin, daß im frühen MA. etwa andere, unabhängige Quellen zur Verfügung gestanden hätten.“

Erstaunlich, dass dieses eine Exemplar gerade in Fleury und überdies auch dem Grammatiklehrer Karls bekannt gewesen ist. Allerdings bleibt die Frage, warum Tibull nicht sofort, sondern erst im 11. und vor allem im 13. Jh. abgeschrieben und verbreitet wurde [a.a.O, 398 f.], unbeantwortet. Einen so bedeutenden Schriftsteller sollte man doch sofort zu Dutzenden abgeschrieben haben, zumal er nur in einem Exemplar, dem wir in der „Hofbibliothek“ noch einmal begegnen werden, vorhanden gewesen zu sein scheint. Stattdessen vergeuden die Chefs der zahlreichen Skriptorien wertvolle Zeit und teures Material mit dem Schreiben dritt- und viertklassiger Texte, wie sie auch in Diez B 66 zu bestaunen sind.

Zu Homer ist das oben bereits Angeführte zu wiederholen, und wenn Menelaus jener Menelaus von Alexandria sein soll (-1. Jh.), von dem ein Werke „Sphaerica“ überliefert ist, dann ist dessen Überlieferungsgeschichte dubios: er erscheint überhaupt erst im Bücherverzeichnis von San Marco, nur heißt er dort einmal „Milleus“ [Nr. 765] und ein zweites Mal sogar „Milleus Romanus“ mit dem Eintrag „de figuris sphericis“ [Nr. 785].

Ein römischer Geometriker also, der neben Homer gestellt wird? Einen anderen „griechischen“ Menelaus gibt es nicht – außer dem, den Homer besingt und der selbst nicht gesungen hat, auch wenn die Homerstelle, wo er sich über widrige Winde beklagt, in der Literaturgeschichte als eine Parabel für die Entstehung der Poesie bezeichnet wird [Odyssee, 4. Buch]. Aber solche Deutungen in die Karolingerzeit zu verlegen, wäre mehr als verwegen, zumal die Odyssee dem Schreiber nicht bekannt gewesen sein kann, teilen doch die Experten bei Hunger [363] mit:

„In dieser Zeit [i.e. 5. Jh.; PCM] ist in Gallien und Afrika die Kenntnis der griechischen Schriften so zurückgegangen, daß im 6. Jh. die griechische literarische Kunst aus diesen Provinzen überhaupt verschwunden ist.“

War das an der Loire gelegene Fleury also eine Insel der Griechischkenntnisse mitten in einem Meer der Vergessenheit und des Unwissens?

Die „Hebräer“ sind nicht minder dubios. Zwar dürfte es sich bei Matthäus um den Evangelisten gehandelt haben, dem entsprechende Sprachkenntnisse zuzutrauen sind, auch wenn sein Evangelientext bekanntlich nur in griechischer Urform vorliegt. Allerdings geht die Sage, die Eusebius von Caesarea (4. Jh.) tradiert, dass Pantaenus von Alexandria im 2. Jh. eine Matthäus-Evangelium in Hebräisch gefunden habe – in Indien! Dort soll es der andere Apostel Bartholomaeus („Sohn des Tolmai“) hinterlassen haben, der nach der Tradition des 9. Jhs. als „Nathanael“ bezeichnet wird [s. Eintrag in der Encyclopedia Britannica].

Die Textüberlieferung der Kirchengeschichte des Eusebius wiederum ist ebenfalls kraus. In Griechisch gibt es nur Fragmente, ansonsten ist sie in einer armenischen Übersetzung erhalten. Die im Westen noch existierenden Handschriften sind aus dem 10. und 11. Jh. [Hunger 434]. Aus welcher Quelle die Schreiber von Fleury geschöpft haben können, bleibt dunkel. Warum schließlich noch (Judas) Thaddaeus auftritt, bleibt ebenfalls unklar. Legen­den des 4. Jhs. nach soll er Persien missioniert und dort den Märtyrertod gefunden haben. Schriftliches von ihm ist nicht überliefert. In San Marco erscheint nur ein „magister Taddeus“, der einen Kommentar „In Aristoteles libros De Anima“ verfasst hat und der nicht gemeint sein kann.

Zu Eusebius (gest. ca. 340) und seiner „Chronologia“, die der umfassend gelehrte Kirchenvater Hieronymus (gest. ca. 420; voller Name: Eusebius Hieronymus) noch verfeinert hatte, existiert in der Laurenziana eine Hs. Plut. 67,15 von der Hand des Poggio Bracciolini in einer wundervoll klassischen Humanisten-Minuskel, das dieser zur Jahreswende 1408/9 niedergeschrieben hat. Darin wird Salamis auf -480 datiert, wie es bis heute guter alter Brauch ist. Der „Bellum famosum Carthaginensium“ allerdings findet laut „Eusebio-Girolamo“ schon -393 statt, während er für die heutigen Gelehrten um -264 ausbricht. Und die Begebenheit „Romani gallos superant“ wird ins Jahr -347 datiert. Auf das Poggio-Ms. und andere „Eusebius-Hieronymus-Datierungen wird in den „Zeitensprüngen“ noch ausführlich eingegangen werden.

In Diez B 66 sind schließlich „Prolegomena einer Einführung in die Metrik“ enthalten, die Bischoff [34] schon von sich aus als „eines der sonderbarsten Produkte frühkarolingischen Unterrichts“ bezeichnet. Es muss, da es das Zeitalter Pippins als „abgeschlossen“ erscheinen lässt „etwa zwischen 768 und 790“ datiert werden und steht „ganz am Beginn der karolingischen Bildungserneuerung“ [36].

Der große Paläograph kann freilich nicht umhin, den Text mit Epitheta wie „formlos“, „unklar“, „manieristisch“ und „abstrus“ zu belegen. Worte wie „michanicia“ oder „rusticitas“ oder Satzteile wie „in astrologiam et mathesin et magessen“ sind in der Tat schlichter Unfug. Bischoff erkennt „eine sehr eigentümliche Terminologie“ und „fehlgreifende Übersetzungen“, offenbar aus dem Griechischen, mit dessen Kenntnissen sich der unbekannte Verfasser schmücken wollte (ein mutmaßlicher Ire), der zu den vielen Nordwesteuropäern gezählt haben muss, die sich zu einer Zeit, da das Griechische vollständig aus diesen Räumen verschwunden war, wie die Textüberlieferungsforscher behaupten (s. oben), offenbar noch teilweise in dieser fremden und weit entfernten Sprache zu Hause fühlten, deutet er doch den Namen eines „Theodorus“ als aus „theos“ und „D(e)orum“ (= Graecorum) zusammengesetzt.

Auch tritt ein gelehrter Erzbischof auf, der Hl. Theodor von Canterbury († 690), von dem – außer der Behauptung, dass er existiert und angeblich ein Poenitential hinterlassen habe – nichts weiter vorhanden ist. Er soll ca. 602 in Kilikien geboren sein und ab 669 in Canterbury gewirkt, zerstrittene Könige miteinander versöhnt und die englische Kirche schließlich geeint haben. Ein mit ihm genannter „Albinus“ lässt sich aus dieser Zeit nur als Abt Albinus von Canterbury nachweisen. Aber dessen Todesdatum wird inzwischen auf ca. 732 gesetzt, so dass beide Herren zeitlich nicht zusammenpassen. Schon im Jahrhundert nach dem Tode von Theodor und Albinus war dies am Hofe Karls offenbar übersehen worden.

Nicht übersehen dagegen wurde ein in Gedichtform in Diez B 66 dann noch dargebrachtes Wunder des hl. Donatus von Arezzo, der durch ein Gebet einen zerbrochenen Messkelch wieder in den Zustand der Unversehrtheit zurückkehren ließ.

Dies ist also das von zwei Hofschreibern Karls des Großen geschaffene schriftstellerische Umfeld, in dem sich nun der „Katalog von Handschriften klassischer Autoren aus der Hofbibliothek Karls des Großen“ [Bischoff in Diez 38] befindet und das ebenfalls, da eindeutig vom zweiten Schreiber korrigiert, in die „Zeit um 800“ zu datieren ist.

Die „Hofbibliothek“ Karls des Großen

Kommen wir nun zur „Hofbibliothek“ des Großen Kaiser selbst. Nichts ist für Handschriftenforscher verlockender, als die „Palastbibliothek“ Karls des Großen zumindest in Teilen rekonstruieren zu können.

Der in Diez B 66 erscheinende Katalog, „dessen Inhalt auf Bücher der Hofbibliothek bezogen werden muß“ [Bischoff in Diez 38], ist diverse Male transkribiert, zuletzt u.a. von Ullman 1954, der das Florilegium lieber nach Corbie stellen würde, was aber weiter keine Rolle spielt, sowie Bischoff 1965 und 1973.

Die erste Seite wurde von oben herab mit einem Reagenzmittel behandelt, wodurch die erste Zeile bis auf ein „Incipit“ (Es beginnt…) unleserlich wurde. Warum versucht wurde, das Bücherverzeichnis ganz oder in Teilen zu löschen, bleibt unklar, zumal am Anfang offensichtlich Vergil erscheint, der das ganze Mittelalter über ein hochgeschätzter Autor gewesen ist.

Der Vorgang der Löschung erinnert an das früheste Fuldaer Bücherverzeichnis (s. Teil I), dessen erster Teil durch Rasur unleserlich gemacht wurde, vermutlich um die dort aufgeführte (inzwischen lesbare) „Paulus-Apo­ka­lypse“ zu löschen. Bischoff beschreibt danach die Liste der Autoren [Diez 22]:

„Lucan, Statius, Terenz, Iuvenal, Tibull, Horaz, Claudian, Martial, Iulius Victor, Servius (‚De finalibus’), Cicero, Sallust, Achimus (d.i. wohl Alcimus Avitus), Arusianus Messius. Fast alle diese Autoren und Werke, die aufgezählt werden, müssen für die frühkarolingische Zeit große Seltenheit gewesen sein, nachdem sie jahrhundertelang vergessen waren; manche, wie Tibull und die Reden aus Sallusts ‚Historien’, sind es das ganze Mittelalter geblieben, die von Alchimus genannten Schriften sind sogar verloren.“

Wie Jahrhunderte lang vergessene Autoren und Werke plötzlich in Aachen wieder auftauchen konnten, bleibt unklar. Nirgends wird mitgeteilt, wo denn diese Texte ‚überwintert’ hatten, was aber doch interessieren würde, zumal sich die immer wieder gern zitierten süditalienischen Überwinterungs­orte wie Monte Cassino oder das „Vivarium“ (Fischteich) des Cassiodor ernsthaft nicht in Frage kommen (s. Teil II), ganz abgesehen davon, dass Monte Cassino und Kalabrien überhaupt nicht zum karolingischen Einzugsgebiet zählten, sondern zum Herzogtum Benevent bzw. den Resten der oströmischen Herrschaft.

Das Florilegium der Aachener „Hofbibliothek“ enthält die Autoren und ih­re Werke betreffend jede Menge groben Unfugs, so dass man Mühe hat, sich überhaupt damit zu beschäftigen. Zu Recht urteilt eine Wissenschaft­lerin:

„Die Aufspürung dieser berühmten, legendären Hofbibliothek ist so frustrierend wie [...] die Suche nach der Cheshirekatze: Von ihr bleibt nichts als ein geheimnisvolles Lächeln.“ [Villa 1995, 52]

Zu Lucan ist anzumerken, dass seine „Pharsalia“, ein Epos, das die Schlacht von Pharsalos zwischen einem truppenmäßig weit unterlegenen Caesar und Pompeius beschreibt (-48), bei der schließlich Caesars Elite-Infantrie die Kavallerie des Gegners überraschend besiegt und die Schlacht entscheidet, als „eines der Grundbücher des Mittelalters überhaupt“ gegolten hat [Hunger 1961, 516]. Allerdings lässt sich im Florenz des 15. Jhs. nur noch ein einziges Exemplar auftreiben [Ullman/Stadter 1972, Nr. 959], was für ein „Grundbuch“ lächerlich ist, zumal Boethius in elf, Cicero in acht und selbst ein unbedeutender Autor wie Priscian in der Niccoli-Bibliothek vier Mal vorhanden war.

Der Lucan-Text startet („sic incipit“) mit „Bella per Eamithios…“, was bereits Probleme schafft, denn etwelche „Eamithier“ sind historisch nicht nachweisbar. Ullman [1954] kommentiert daher Lucan auch nicht weiter und lässt den Leser ratlos zurück. Überdies ist Lucans „Bellum civile“ heute in 10 Büchern erhalten (das Gedicht bricht mitten im zehnten Buch ab), während es in Karl Hofbibliothek nur in fünf Büchern vorhanden war.

Das Florentiner Lucan-Exemplar wird als von Antonio Vespucci stammend mit 1499 datiert. Ansonsten gibt es noch einen „Lucanus imperfectus et fragmentatus“ in einem kleinen weißen Band und „valde antiquo“, in dem 3 Bll. 1471 ergänzt wurden [Nr. 945].

Statius erscheint mit seiner „Thebais“ in zwölf Büchern (die im Gegensatz zu der karolingischen Zählung bei Lucan bis heute 12 Bücher geblieben sind), was aber so recht nicht zu der Angabe „in volumine parvo [!; PCM] albo in membranis“ passen will, die in Florenz unter Nr. 948 mit dem Hinweis erscheint, das Buch sei in Paris 1367 gekauft worden. Wie gehen wohl zwölf Bücher in einen „kleinen Band“? Im übrigen sind die viel berühmteren „Silven“ des Statius nur in einem einzigen Kodex auf uns gekommen, „den Poggio von einem schlechten Schreiber hatte abschreiben lassen“ [Hunger 409].

Terenz, der gelehrteste aller gelehrten Römer, erscheint mit „Terentii andria. libri multi“. Das mit den „libri multi“ kann sich nicht auf die „Andria“ beziehen, entspricht aber ansonsten seinen in ca. 620 Büchern erhaltenen 74 Werken durchaus. Allerdings der Eintrag bei Diez B 66 ist inkorrekt. Denn eine Zeile danach steht zu lesen:

„Incipit eunuchus. sic incipit thais meretrix / parmeno servus. pamphilus aduliscens. sostra / tamulier pamphi lusa duliscens. bachimeretrix / antichila mulier. clinia aduliscens. sirus servus“.

Tatsächlich trägt Eunuchus den Titel „Thais meretrix, Phaedria adulescens, Parmeno servus“. Die unter den Karolingern ausgelassene Phaedria ist ebenso unerklärlich wie die Schreibweise „aduliscens“ oder „duliscens“. Die übrigen Gestalten kommen im Eunuchus nicht vor, sondern in anderen Werken, die Terenz zugeschrieben werden.

Bei Juvenal fällt sofort der nächste Lateinfehler auf. Diez B 66 enthält „De incommodis meritorum“ (statt „maritorum“). Die weiteren Textproben, die angeblich aus Juvenals Satiren stammen sollen, konnten von mir vorerst nicht verifiziert werden, z.B. „spelunca domusignem que laremque“.

Tibull erscheint anschließend mit „lib. II“. Tatsächlich endet das älteste von ihm erhaltene Ms. mit den Worten „Explicit liber [Einzahl! PCM] Tybulii“ [Ullman 1954, 26]. Von Tibull sind außer Exzerpten und Florilegien laut Hunger [397 f.] nur eine „jetzt verlorene“ Hs. sowie Hss. bekannt, „von denen keine älter als das 14. Jh. ist“. Immerhin soll sich von seinen Elegien „ein Exemplar [...] ins MA. hinein gerettet haben“. Beruhigend zu wissen, dass dieses in Karls Hofbibliothek verfügbar gewesen sein muss! Vermutlich gilt das auch für Catull und Properz, die zwar nicht in Diez B 66 erscheinen, von denen aber Hunger [400] zu berichten weiß, „daß sich von den drei Elegikern je ein (!) Exemplar in die karolingische Zeit gerettet hat“. Ob das mit übernatürlicher Fügung zusammenhängt?

Von Horaz berichtet Diez B 66: „ars poetica explicit“, was auf den Schluss („explicit“ als Gegenstück zu „incipit“) des Werkes hinweist. Die „Ars Poetica“ enthält nur 476 Verse, woraus sich beim besten Willen kein Buch fabrizieren lässt. Selbst das großzügig geschriebene „Karlsepos“ bringt es mit seinen 536 Versen gerade mal auf elf Blatt! Gleich anschließend, noch in der Horaz-Zeile, berichtet Diez B 66 allerdings: „Incipit glaudiani [recte: claudiani!] deraptu [sic!] proserpinae lib. III.“

Dies würde bedeuten, dass der schmalbrüstige Horaz-Text mit einem etwas umfangreicheren Text zusammengebunden in Aachen vorlag. Allerdings ist dann zu fragen, was Karls Hofbibliothekare um alles in der Welt veranlasst haben mag, den überragenden Könner Horaz, einen Zeitgenossen des Augustus, nicht mit seinen anderen Werken zusammenzubinden (die unsterb­lichen „Oden“!), sondern mit Claudian, einem Zeitgenossen von Honorius und Stilicho (370-404), der durch ein in Versform dargebrachtes Histörchen auf sich aufmerksam zu machen versuchte.

Danach tritt in Diez B 66 ein Claudius auf: „Claudii in eutropium lib. III; Debello (sic!) Gothico; Debello (sic!) gildonico”. Dieser Autor lässt sich nicht konkret nachweisen, und die Vermutung der Forschung, es handle sich wohl ebenfalls um Claudianus, klingt wenig überzeugend. Die Ostgoten kamen erst nach dem Tod von Claudianus (404) gegen Rom zum Großeinsatz. Die Westgoten besiegten zwar die Römer 378 bei Adrianopel, eroberten aber Rom dann doch erst 410 unter Alarich. Da der Text des „Gothenkrieges“ eines „Claudius“ nirgends verfügbar ist, muss die Fantasie einspringen.

Beim Gildonenkrieg geht es besser. Gildo war ein „maurischer” Potentat, der 397-8 gegen Rom rebellierte und die Hauptstadt vom Getreidenachschub abschnitt. Gildos 70.000 Mann (!) starke Armee verschwand schließlich zwischen Algerien und Tunesien, Gildo selbst wurde enthauptet. Die einzige Quelle für diesen Sachverhalt ist allerdings nicht Claudius, sondern Claudianus, der in Diez B 66 als „Glaudianus“ erscheint und zum Zeitpunkt von Gildos Tod 28 Jahre alt war.

Kommen wir zu Martial, von dem laut Diez B 66 in Aachen acht Bücher Epigramme aufscheinen. Bis heute sind es interessanterweise zwölf geworden. Die Differenz kann niemand erklären.

Weiter zu Cicero. „Incatelena“ (sic!) werden „libri VII“ angeführt. Dass dies Unsinn ist, wissen wir aus allen existenten Cicero-Ausgaben. Dass „Catilina“ wenig später unter „Incipit Sallusti crispi orationis ex catilena“ noch in anderer Schreibweise auftritt, dürfte nicht weiter überraschen. Der Hinweis von Ullman auf einen Katalog aus Cluny aus dem 12. Jh. (!) runden das völlig verquere Bild ab [28].

Fazit: Diez B 66 kann niemals „karolingisch“ sein und jeder, der das behauptet, macht sich zum Gespött.

Noch ein Letztes: Hinter dem Eintrag „Libri alchimi“ in Diez B 66 auf der sechstletzten Zeile erscheint eine rätselhafte Fehlstelle, die nicht zu dem durchgehend eng gehaltenen Schreibduktus zu passen scheint, die aber mangels Einsichtsmöglichkeit in das Original nicht näher untersucht werden konnte (Abb. 7).

Ob der Schreibhiatus eine Bedeutung hat oder nicht: Immerhin kann nicht ausgeschlossen werden, dass wir es bei dem Wort „alchimi“ mit etwas zu tun haben, was die Karolinger-Forschung gar nicht schätzen würde, nämlich um Alchemie. „Libri alchimi“ wären Bücher von Autoren, die sich an der Kunst des „Steins der Weisen“ versucht hätten, die schon Bertholet in ihren Manuskripten als „durchaus apokryph“ und dem „Ende des Mittelalters“ zugehörend apostrophierte [Morosow 1912, VIII] und die sämtlich von arabischen Schriftstellern stammen sollen.

Das arabische Idiom war den Könnern der Karolingerzeit durchaus geläufig, wie sich aus Bern 207 ergibt, der mit Diez B 66 in engstem Zusammenhang steht (siehe oben).

Der berühmteste, in zahlreichen Auflagen erschienene Druck einer alchemistischen Schrift ist der von Peter Kertzenmacher, die in der EA 1534 unter dem Titel „Alchimi und Bergwerck“ erschienen war und der in einer Auflage von 1538 in Straßburg unter dem Titel „Alchimia. Wie man(n) alle farben, wasser, olea, salia und alumina, damit mann alle corpora, spiritus und calces preparirt, sublimirt und fixirt, machen sol“ gedruckt wurde.

Auf die Möglichkeit, dass der nach der Karolingerzeit rätselhaft verschwundene Alchimus, der in Karls Hofbibliothek erscheint, in Wahrheit der „Erfinder“ der Alchemisten-Kunst gewesen sein kann oder dass die Diez-Stelle auch als „Libri alchimi(e)“ gedeutet werden kann, muss zumindest aufmerksam gemacht werden. Dies umso mehr, als die Beziehungen zwischen den Höfen im fränkischen Aachen und im arabischen Bagdad (Harun-ar-Raschid!) sehr eng waren [Hägermann 2000, 518 ff.].

Man darf niemals den bekannten Elefanten vergessen, den Harun ar-Raschid dem Frankenkaiser geschenkt hat und der am 20. Oktober 802 in Aachen eintraf, was dem berühmten Mediävisten Hägermann [446] den Ausruf entlockt: „Eine logistische Meisterleistung!“ Dass der Elefant nicht nur mit Wärtern und Emissären von Bagdad nach Aachen getrottet ist, sondern auch begleitet von einem freundlichen Schreiben des Kalifen in dessen Sprache, dürfte sich von selbst verstehen. Gunnar Heinsohn hat inzwischen die Karlselefanten-Story als ins 13. Jh. zu datieren und Friedrich II. zugehörig enttarnt [Heinsohn 2000, 228 ff.].

Der Diez-Schreiber B, von dem das Florilegium aus der Hofbibliothek stammt, hat seinen Text an neun Stellen korrigiert, teilweise durch Rasur, was bei den wenigen Zeilen verwundert, zumal diese Korrekturen an Stellen stattgefunden haben, die ein an einer kaiserlichen Bibliothek tätigen bzw. für sie schreibenden Hand eigentlich von vornherein hätte vermeiden müssen. So wird u.a. „uicera“ zu „uiscera“, „frida“ zu „frigida“ oder „pars“ zu „partis“, was bei solchen, jedem Lateiner geläufigen Standardwörtern verwundert.

Insgesamt dürfte das Ms. des weltberühmten Florilegiums der „Hofbibliothek“ Karls des Großen just das sein, was der Paläograph Bernhard Bischoff über Textteile von Diez B 66 ohnehin geurteilt hat: „Aus einer trüben Quelle geflossen oder als Ulk entstanden“.

Die Forschung ist auf einen Ulk hereingefallen und tut sich schwer damit es zuzugeben.

Literatur (als weitere Ergänzung zu Teil I u. II):

Biard, Joel (1989): Logique et théorie du signe au XIVe siècle; Paris

Bischoff, Bernhard (1965): „Die Hofbibliothek Karls des Großen“; in: Karl der Große, Lebenswerk und Nachleben 2, 54 u. 57-61; Düsseldorf

Bammesberger, Alfred (Hg. 1991): Old English Runes and their Continental Background; Heidelberg

Blum, Ralph (132000): Runen. Anleitung für den Gebrauch und die Interpretation der Gemeingermanischen Runenreihe; Kreuzlingen · München

Diez (1973) = Sammelhandschrift Diez. B. Sant. 66 (…) Vollständige Faksimileausgabe im Originalformat der Handschrift aus der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz. Einführung Bernhard Bischoff; Graz

Eco, Umberto (1989): „Denotation”; in: Eco/Marmo (Hg.): On the medieval Theory of Signs, 43-77; Amsterdam · Philadelphia.

Elsner, Hildegard (²1994): Wikinger Museum Haithabu: Schaufenster einer frühen Stadt; Schleswig

Heinsohn, Gunnar (2000): „Kaiserelefanten des deutschen Mittelalters: Karl der Große und Friedrich II. von Staufen“, in: ZS 12 (2) 228-233

Kaczmarek, Ludger (1983): „Significatio in der Zeichen- und Sprachtheorie Ockhams“; in: Eschbach/Tranbant (Hg.): History of Semiotics, 87-104; Amsterdam · Phildadelphia

King, David A. (1995): „A Forgotten Cisterian System of Numerical Notation”; in: Citeaux, fasc. 3-4, 183-217

Leffler, Oliver (1995): Wilhelm von Ockham: Die sprachphilosophischen Grundlagen seines Denkens; Werl

Koshi, Koichi (1999): Die frühmittelalterlichen Wandmalereien der St. Georgs­kirche zu Oberzell auf der Bodenseeinsel Reichenau, Text- und Tafelband; Berlin

Martin, Paul C. (2000c): „Was las man den zur Karolingerzeit? Teil II“; in: ZS 12 (4) 639-661

- (2000b): „Was las man denn zur Karolingerzeit? Teil I“; in: ZS 12 (3) 449-475

- (2000a): „Können Münzen Karl den Großen retten?“; in: ZS 12 (1) 88-112

Odenstedt, Bengt (1991): A New Theory of the Origin of the Runic Script: Richard L. Morris’s Book Runic and Mediterranean Epigraphy, in Bammesberger 1991, 358-387

Östlund, Krister (2000): Johan Ihre on the Origins and History of the Runes. Three Latin Dissertations from the mid 18th Century; Uppsala

Seebold, Elmar (1991): „Die Stellung der englischen Runen im Rahmen der Überlieferung des älteren Futhark“; in: Bammesberger (1991), 439-569

Siepe, Franz (2001): „Notizen zu Otto Pächts »Buchmalerei des Mittelalters«“; in: ZS 13 (1) 103-107

Tachau, Katherine H. (1988): Vision and Certitude in the Age of Ockham. Optics, Epistemology and the Foundation of Semantics; Leiden et al.

Winter, Ursula (1986): Die Handschriftenverzeichnisse der Deutschen Staatsbibliothek zu Berlin, Neue Folge, Erster Band: Die europäischen Handschriften der Bibliothek Diez, Teil 1 u. 2; Leipzig

Wolfram, Herwig (1995): Salzburg, Bayern, Österreich. Die Conversio Bagoariorum et Carantanorum und die Quellen ihrer Zeit; Wien · München

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3. Juli 2011                     Kategorie(n): Artikel aus den ZS, Fantomzeit, Frühmittelalter, Zeitensprünge

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Was las man denn zur Karolingerzeit? – Teil II

von Paul C. Martin (aus Zeitensprünge 4/2000)

Zu den größten Rätseln der Bücher- und Bibliotheksgeschichte gehört der Übergang von jenen Texten, die angeblich schon im Altertum und im Mittelalter, dabei vor allem in der uns interessierenden Zeit „um 800“ existiert haben sollen, in die Gegenwart. Seit langem schon geht der Verdacht um, dass ein Großteil dieser Texte (wenn nicht gar alle) ein Fabrikat des späteren Mittelalters bzw. der frühen Neuzeit gewesen sein könnten.

So schreibt schon der russische Chronologie-Kritiker Nikolaus Morosow (1854-1946), sich auf die Forschungen des berühmten Chemikers Marcellin Berthelot (1827-1907) beziehend, dem Ungereimtheiten in der Überlieferung historischer Texte der Alchemie aufgefallen waren (Fettungen im folgenden von mir) :

„Schließlich kam Berthelot zu der Ansicht, dass alles, was in den ersten gedruckten Sammlungen auf uns gelangt ist (15., 16. und 17. Jahrhundert), ebenso wie die vorhergegangenen Handschriften aus der alten Periode der Alchemie, durchaus apokryph ist und dass weniger bekannte Schriftsteller der Renaissance die Gewohnheit hatten, ihre Werke unter dem Namen alter berühmter Autoren oder als Übersetzungen aus dem Griechischen, Arabischen oder Hebräischen herauszugeben. Ob nicht eine solche Gewohnheit auch bei den mittelalterlichen Mönchen und Theologen bestand? Ob sie ihre Werke und Predigten nicht mit dem Namen alter Berühmtheiten deckten und dadurch unsere Vorstellungen von der Entwicklung der christlichen Ideen im Altertum irre geführt haben?“ [Morosow 1912, VIII].

Schon der hoch gelehrte Jesuit Jean Hardouin (1646-1729) hatte eine Reihe vermeintlich antiker Autoren ins Reich der Fabeln verwiesen [Hardouin 1693], dem der Basler Professor und Sprachforscher Robert Baldauf zum Beginn des 20. Jhs. beitrat [Baldauf 1902]. Auch der Privatgelehrte Wilhelm Kammeier (1889-1959) war, ausgehend von den massenhaften Fälschungen mittelalterlicher Urkunden zu dem Ergebnis gekommen, dass zahlreiche antike Texte erst im 15. Jh. entstanden sein konnten [Niemitz 1991].

Wir werden über diese „erfundenen“ Schriften noch einiges kennen lernen, wenn wir uns mit den Schriftstellern (und Fälschern) des 15. Jhs. beschäftigen, allen voran mit Poggio Bracciolini. Dabei werden wir sehen, dass die Motive, antike Autoren zu fälschen bzw. überhaupt zu erfinden, nicht nur theologischer Natur waren, sondern auch monetärer, und dies sogar in der Hauptsache: Sobald sich in den Köpfen reicher Leute die Vorstellung verfestigt, sich unbedingt eine Bibliothek zulegen zu müssen, ist dem Betrug natürlich Tür und Tor geöffnet. Wird für Schriften – und es müssen natürlich bisher unbekannte sein – enormes Geld bezahlt, ist die Versuchung groß, solche Werke selbst zu schreiben und unter dem Namen eines überlieferten bekannten oder sogar eines völlig neu entdeckten Autors zu präsentieren, der damit der Vergessenheit entrissen wurde.

Der Florentiner Bibliomane Niccolò Niccoli (1364–1437), der Sohn eines reichen Spekulanten, geriet durch seine Büchersucht im Ende seines Lebens in eine kolossale finanzielle Schieflage und schuldete 1433 allein Cosimo und Lorenzo de Medici 355 Goldgulden [Ullman/Stadter 1972, 12], was umgerechnet über den Goldpreis (1 Fiorino largo damals ca. 3,5 g) heute rund 25.000 DM nominal entspricht.

Der Wert seiner gesamten Bibliothek von 800 Bänden wurde mit 6.000 fl. (= Florentiner Goldgulden) angegeben [a.a.O., 61]. Dies sind immerhin rd. 21 Kilo Gold mit einem heutigen nominalen Goldpreis von 420.000 DM. Ein Buch käme demnach auf 525 DM, über den Goldpreis umgerechnet.

Um den Wert der Bücher aber zeitbezogen einschätzen zu können, muss man einen Blick in die Florentiner Steuerlisten werfen. Der Maestro Giovanni di Antonio da San Miniato, dessen Steuererklärung von 1457 im Original mir vorliegt, wurde damals nach dem seit 1427 geltenden catasto für sein Nettovermögen mit etwas über 33 fl. taxiert und zählte zu dem einen Prozent der Haushalte, die am meisten Steuern zahlten. Nach dem catasto von 1457 zahlten nur elf Bürger mehr als 50 fl. Steuern, und 51 zahlten zwischen 20 und 50 fl.; einsam an der Spitze standen Cosimo di Giovanni und Pierfrancesco de’ Medici mit 576 fl. [de Roover 1963, 29, 31]

Der gesamte Cassa-Bestand der Medici-Bank, die „Tavola“, lag laut Ausweis vom 12. Juni 1427 bei ganzen 4.223 fl. [de Roover 226]. Die Cash-Position der damals stärksten Bank der Welt hätte also nicht ausgereicht, um die 800 Bücher des Privatsammlers Niccoli zu kaufen! Ein Bücherbestand, der mit 6.000 fl. bewertet wurde, bedeutete demnach eines der größten Vermögen von Florenz, der damals neben Venedig reichsten Stadt der Welt.

Abb. 8: Typische erste Seite eines Manuskripts des 15. Jhs. aus der Medici-Bibliothek Laurenziana [Hs. Strozzi 50]. Es ist die lateinische Übersetzung von Xenophons “Kindheit des Kyros”, angefertigt von Poggio Bracciolini. Die folgenden 190 Seiten sind reine Textseiten.

Abb. 8: Typische erste Seite eines Manuskripts des 15. Jhs. aus der Medici-Bibliothek Laurenziana (Hs. Strozzi 50). Es ist die lateinische Übersetzung von Xenophons “Kindheit des Kyros”, angefertigt von Poggio Bracciolini. Die folgenden 190 Seiten sind reine Textseiten.

Nun waren die Bücher des Niccoli, die sich zum Teil bis in die Gegenwart erhalten haben und unschwer als aus seiner Bibliothek stammend zu rekonstruieren sind (sie enthalten zumeist den handschriftlichen Vermerk „Ex hereditate famosi viri Nicolai Niccoli“ [vgl. Ullman/Stadter 1972, Pl. I]), sowie die Bücher der Medici fast durchwegs einfache Handschriften, bestenfalls mit floralen Bordüren oder dem einen oder anderen Kopf in einem Initial (vgl. Abb. 8), jedenfalls ohne die ungeheure Pracht der Ausgestaltung, die heute noch bei so mancher der ca. 8.000 „karolingischen“ Handschriften zu bestaunen ist, von denen sich rätselhafter Weise ohnehin kein einziges Exemplar in den Florentiner Bibliotheken des 15. Jh. nachweisen lässt. Wer diese „karolingische Buchmalerei“, abgebildet von Mütherich/Gaehde bis hin zum Paderborner Katalog, auf sich wirken lässt, kommt unschwer zu dem Ergebnis, dass solche Bücher noch erheblich teurer gewesen sein müssten, wären sie im 15. Jh. auf dem Markt verfügbar gewesen.

 

 

Warum sie nicht verfügbar waren, obwohl vor allem die Medici alles daran gesetzt hatten, alte Bücher zu erwerben, ist völlig unklar. Dass diese „karolingischen“ Handschriften, wenn sie denn wirklich Fabrikate der Karolingerzeit waren, ja irgendwo existiert haben müssen, als die Bücherjäger der Florentiner – wie der berühmte Poggio – 600 Jahre nach der Zeit „um 800“ durch die Klöster zogen, um alte Schriften einzusammeln, ist unbezweifelbar. Die Frage, warum nicht wenigstens eine einzige karolingische Handschrift, zum Beispiel aus dem reichhaltigen Cimelien-Bestand des Klosters St. Gallen, das Poggio intensiv durchstöbert haben soll, oder aus dem überreichen Schatz des Raumes Salzburg oder gar das legendäre Lorscher Evangeliar, den Weg nach Florenz gefunden hat, lässt sich nicht beantworten [vgl. u.a. Forstner 1962; Homburger 1962; Mütherich/Gaehde 1976; Zimelien 1975/76; Schmuki/Ochsenbein/Dora 1998 sowie zahlreiche Ausstellungs- und Versteigerungskataloge, zuletzt im Herbst 2000 die Ausstellung „Juwele der Buchkunst“ im Historischen Museum der Pfalz in Speyer]. Wenigstens ein einfaches, schmuckloses „karolingisches“ Manuskript hätte sich doch auch dem harthörigsten Abt abschwätzen lassen, wo doch angeblich den Äbten so viele frühe Manuskripte abgeschwatzt werden konnten.

Es drängt sich also immer wieder der ungeheuerliche Verdacht auf, dass die gesamte „karolingische“ Buch- und Schriftenvielfalt Produkt einer erheblich späteren Zeit ist.

Dieser Verdacht scheint sich vor allem bei der zentralen Quelle zur karolingischen Wirtschaft zu erhärten, dem bereit in Teil I kurz vorgestellten „Capitulare de villis“ (= CV). In 70 Kapiteln gegliedert, befasst es sich mit der Verwaltung des königlichen Kronguts. Es soll für das ganze Reich Karls des Großen gegolten haben, ist aber rätselhafter Weise nur in einem einzigen Exemplar auf uns gekommen, das die typischen Merkmale fast aller „karolingischen“ Schriften aufweist: Es wurde erst Jahrhunderte post festum irgendwie ‚zufällig’ entdeckt:

„Nach allgemeiner Annahme stammt die Handschrift aus dem Besitz des gelehrten protestantischen Kirchengeschichtsschreibers Matthias Flacius Illyricus († 1575). Das ist zwar nicht stringent beweisbar [... Allerdings] hat Flacius den Codex nachweislich gekannt. Wie er in seinen Besitz gekommen ist, wissen wir nicht. Der Ruf des Flacius als eines ‚Sammlers’ von Handschriften ist umstritten“ [Capitulare de villis 1971, Beiband, 5].

Was will uns nun dieses zentrale Schriftstück der Karolingerzeit sagen, das als Codex Helmstadensis 254 der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel Weltruf genießt? Zunächst einmal sind von gleicher Hand ein Briefwechsel zwischen Karl dem Großen und Papst Leo III., dem Kirchenherrscher also, der auch in Paderborn hervorgetreten ist, überliefert sowie die bereits in Teil I ausführlich besprochenen Brevium Exempla (BV), die sich dadurch auszeichneten, dass sie einen Bücherschatz eines winzigen Klösterleins auf einer Insel im Staffelsee beim oberbayerischen Murnau zum Besten geben, der den für die Zeit „um 800“ im zentralen Kloster der damaligen Christenheit nördlich der Alpen, nämlich Fulda, bei weitem überragte.

Der hoch gerühmte Karolingerforscher Alfons Dopsch, der sich wie kein Zweiter mit dem CV und den es umrankenden Forschungen des 19. Jhs. beschäftigt hat, kommt zu einer nachgerade hymnischen Beurteilung:

„Die Wirtschaftsentwicklung der Karolingerzeit gilt [...] als die bestbekannte der Wirtschaftsgeschichte überhaupt [...] Das berühmte Capitulare de Villis bot scheinbar in nuce die planvolle  Organisation in allen Einzelheiten dar. Sie hoben diese Periode aus dem Dunkel der Vorzeit in ein Licht, das ihren Inhalt in um so strahlenderer Größe hervortreten ließ, als auch die nächste Folgezeit ihnen an solchen Erkenntnismitteln nichts Gleiches an die Seite zu setzen hatte.“ [Dopsch 1921, III]

Dopsch ergänzt die bis zu seiner Zeit aufgelaufenen CV-Forschungen und -Deutungen sogar noch dahingehend, dass er den Zweck seines zweibändigen Werkes darin sieht, „die Notwendigkeit einer neuen Grundlegung der deutschen Wirtschaftsgeschichte zu erhärten.“ [a.a.O., VI].

An einer Stelle seines Standardwerkes beschleichen ihn allerdings doch Zweifel, ob es sich bei dem CV um eine genuin „karolingische“ Quelle gehandelt haben mag [a.a.O., 32]:

„Noch vom Beginne der sogenannten Neuzeit haben wir geradezu eine ähnliche Wirtschaftsordnung erhalten von einem Gutshofe des Mainzer Erzstifts in Erfurt, das sogenannte ‚Engelmanns-Buch’ (1495-1516). Nicht ganz mit Unrecht hat man es schon einmal mit dem Capitulare de Villis in Parallele gestellt. Und doch wird es wohl niemandem einfallen, daraus für die Wirtschaftsverfassung Deutschlands am Beginne des 16. Jahrhunderts so weitgehende Schlüsse zu ziehen, wie dies bei dem Capitulare de Villis der Fall war“.

Wenn nun schon aus dem Inhalt und der Entdeckung des CV sich zeitliche Parallelen zum 16. Jh. ergeben, darf doch gefragt werden, ob sich im CV nicht noch andere Hinweise entdecken lassen, die seine Zuweisung in die „Zeit um 800“ fraglich machen.

Der Name Karls als des Urhebers dieser Wirtschaftsordnung, die sich speziell mit der Verwaltung des Kronguts beschäftigt, taucht in dem Dokument direkt nicht auf. Es wird nur angenommen, dass es sich um Karl d. Gr. gehandelt haben muss, da dem CV unmittelbar die von gleicher Hand geschriebenen BE und die Briefe von Papst Leo III. an Karl vorangehen. An vier Stellen taucht der Passus auf: „nos vel regina“, was Klaus Vernhein zu dem Schluss führt „dass der Urheber der Verordnung ein verheirateter (fränkischer) König war“, wobei an Pippin „niemand [dachte]“ und „auch heute noch [niemand] denkt“ [Vernhein 1953/54, 323]. Warum es aber ein fränkischer König gewesen sein muss, ist allerdings nicht einzusehen, zumal es bis hinauf zu Karl V. (seit 1516 König von Spanien und erst 1519 zum deutschen Kaiser gewählt, der also auch bestens ins 16. Jh. passen würde), jede Menge deutscher Könige gegeben hat, die keinen oder noch keinen Kaisertitel trugen.

Das CV, darin ist sich die Forschung einig, hat für das ganze riesige Reich des Frankenkönigs Karl gegolten. Intensiv beschäftigt es sich mit Vorschriften über die Haltung von Schweinen, Schafen, Enten und Hühnern. Es ist zu melden, wenn ein Hengst umsteht, und zu vermeiden, dass zu viel Tischwein gekauft würde. Die Zahl der gefangenen Wölfe ist zu nennen, und selbst über die Aufzucht junger Hunde ergehen Befehle.

Die Schwachstelle des CV ist aber eindeutig ein abschließendes Glossar von 72 Pflanzen, von denen einige aus klimatischen Gründen überhaupt nicht im Frankenreich angebaut werden konnten:

Costum (Frauenminze). Sie kommt auch in den BE vor, und Vernhein [1953/54, 347] konzediert, dass es Pflanzen seien, „die ins Treibhaus hätten gebracht werden müssen, um den Winter im nördliche Klima zu überstehen“. Dopsch selbst zitiert den Botaniker v. Fischer-Benzon, der bei der Untersuchung der „karolingischen“ Pflanzen „bei einer ganzen Reihe davon zu einem entschieden negativen Ergebnisse [kommt]“. Zu nennen seien nur Lorbeer, Drachenwurz, Koloquinte (eine Wüstenpflanze) sowie Rosmarin, Ficus (Feige) und Pinus (Pinie). Dazu gehört auch noch die Squilla (Meerzwiebel, scilla maritima L.), die an den sandigen Küsten vor allem der portugiesischen Algarve gedeiht. Wichtig sind dann vor allem noch:

Morarius (Maulbeerbaum), auch in den BE. Damit sollte Seide im Frankenreich heimisch gemacht werden. Seide kam im Mittelalter im Westen als Rohstoff nirgends vor. Bekanntlich beginnen die Versuche mit der Zucht von Seidenraupen erst ab den 1480er Jahren in Frankreich.

Ascalonica (Schalotten), in CV und BE. Dabei interessiert weniger der botanische Belang, sondern die Tatsache, das es sich um Pflanzen handelt, die ihren Namen von der Stadt Askalon in  Palästina ableiten. Das ist doch nun wahrlich bemerkenswert, dass die Karolinger dem Verlauf der Kreuzzüge vorgegriffen haben, in deren Verlauf Askalon erobert und zu einem Stronghold der Christenheit ausgebaut wurde! Da kann man nur mit Horst Fuhrmanns ausrufen:

„Allen diesen Fälschungen ist eigentümlich, dass sie zur Zeit ihrer Entstehung kaum gewirkt haben. Sie hatten, von der Entstehungszeit her gesehenen, antizipatorischen Charakter.“ [Fuhrmann 1996, 54].

Pisi Maurisci (Maurische Erbsen): Diese werden auch in den BE genannt. Dies ist aber völlig unhistorisch, da in der „Karolingerzeit“ die Muslime nicht „Mauren“ oder gar „Maurisken“, geheißen haben konnten. Die Muslime hießen noch in der Zeit der Kreuzzüge eindeutig „Sarazenen“. Dies gilt schon für die englische Übertragung des Theophanes, wobei es sich im Original um „Araboi“ gehandelt hat [Mango/Scott 1997, 469]. Auch in den Briefen Leos, die den BE und dem CV vorangehen, ist im Original von „Sarracenis“ und von „mauri“ die Rede (vgl. Abb. 9), wobei letztere in der deutschen Kurzfassung von Carlheinrich Brühl [1971, Beiband, 15f] immer wieder mit „Sarazenen“ übersetzt werden. Hägermann [2000, 541] entzieht sich dem Problem der Nomenklatur, indem er von „arabischen Quellen“ spricht bzw. von „muslimischen Gegnern“, als er Karls Politik „jenseits von Alpen, Pyrenäen und Elbe“ beschreibt. Entsprechend ist in der Karte zu Beginn seiner Karls-Biographie auch von dem „Omaijadischen Emirat von Córdoba“ die Rede.

Abb. 9: Ausschnitte aus den Briefen Papst Leos III. an Karl den Großen (oben mit dem Wort „SARRACENIS“, unten mit dem Wort „mauri“). In der Karolingerzeit existierten aber keine Mauren, deren Name erst in der Zeit der Reconquista aufkam. Auch aus diesem Grund ist das mit den Leo-Briefen zusammenhängende „Capitulare de Villis“, das wirtschaftliche Grundgesetz Karls des Großen, als Märchen enttarnt.

Abb. 9: Ausschnitte aus den Briefen Papst Leos III. an Karl den Großen (oben mit dem Wort „SARRACENIS“, unten mit dem Wort „mauri“). In der Karolingerzeit existierten aber keine Mauren, deren Name erst in der Zeit der Reconquista aufkam. Auch aus diesem Grund ist das mit den Leo-Briefen zusammenhängende „Capitulare de Villis“, das wirtschaftliche Grundgesetz Karls des Großen, als Märchen enttarnt.

Wegen der gartenbautechnischen Probleme haben einige Forscher die Entstehung des CV sogar nach Südfrankreich gelegt, während A. Dopsch [1921, 40] weit verstreute und schwer zu datierende Quellen anführt, in denen von „Mauri“ die Rede ist, um sich schließlich mit dem Hinweis aus der Affäre zu ziehen, dass es sich in Wahrheit um „punische Kichererbsen“ gehandelt haben müsse. Die belegt er mit dem römischen Landwirtschafts-Schriftsteller Lucius Iunius Moderatus Columella, einem Zeitgenossen Senecas, gebürtig aus Cadiz, dessen Hauptwerk „De re rustica libri“ komplett erhalten ist. Zu diesem erläutert Manfred Fuhrmann [1999, 302]:

„Columella schreibt präzise, anschaulich, mit ungesuchter Kunst; sein Werk gehört zu den wertvollsten Hinterlassenschaften der römischen Fachschriftstellerei. Die Resonanz des Werkes war – außer bei Autoren vom selben Fach – gering; erst die Humanisten sorgten für einige Verbreitung.“

In Venedig erschien 1472 ein Druck „M. Cato, Columella et Palladius de agrorum cultu“ in einem Band. Das älteste komplette, gedruckte Exemplar der Schriften des Columella „Opera agricolationum Columellae, Catonis, Varronis nec non Palladii, cum excriptionibus Philippi Beroaldi, et co¯mentariis quae in aliis impressionibus non extant“ wurde in Bologna 1494 zum Druck gebracht.

Im Katalog von San Marco erscheint unter Nr. 795 „Moderati Columellae rei rusticae Libri XIII“ (sic!), wobei Ullman/Stadter anmerken [1972, 217]:

„This lost manuscript was probably that copied by Niccolò Niccoli.”

Niccoli soll es von einem „vetustum exemplar“ kopiert haben, das – wie sollte es auch anders sein? – der bekannte Poggio entdeckt hatte [a.a.O., 102]. Damit sind wir wieder mitten in der Problematik, dass die Humanisten immer wieder von ganz alten Exemplaren abgeschrieben haben, die anschließend rätselhaft verschollen sind – worauf wir noch des öfteren stoßen werden.

Vom großen Werk des großen Fachmanns aus dem 1. Jh. sind offenbar auch weitere Codices erhalten, die als „frühmittelalterlich“ bezeichnet werden [Fuhrmann 1999, 302]. Auch Boccaccio soll Columella gelesen haben, das Exemplar aber ist ebenfalls verschollen [Ullman/Stadter 1972, 91, 99].

Ob es nun Columella wirklich gegeben hat, ob sein großes Werk tatsächlich aus der Antike überdauert hat, kann jetzt noch nicht überprüft werden. Aber angenommen Columella sei keine Phantomfigur, sondern ein Autor, dessen Werk die Antike überdauert hat (wovon Dopsch zweifelsfrei überzeugt ist), dann stellt sich allerdings jetzt doch die Frage:

Wozu musste Karl sich mit seinem CV abmühen, wo es doch zu seiner Zeit ein spezielles Fachbuch zum Thema gegeben hat, das sämtliche Aspekte von Ackerbau, Viehzucht, Gartenbau, Gutsverwaltung usw. usw. ausführlichst behandelte?

Entweder hatten missliebige Zeitgenossen des großen Kaisers dieses großartige Standardwerk vor ihm versteckt oder es wurde tatsächlich erst vom bekannten Bücherjäger und -finder Poggio entdeckt und ‚verbreitet’.

Von dem CV als einer ernst zu nehmenden „Quelle“ der Zeit „um 800“ müssen wir uns allerdings so oder so leider verabschieden.

Wie stark sich in der Buchgeschichte immer wieder monetäre mit genuin historischen Interessen mischen, zeigt auch das Beispiel des großen Sammlers Martin Bodmer (1899-1971). Dieser, ein überaus vermögender und zurückhaltender Mann, hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, eine Bibliothek aufzubauen, von der er sagte: „Sie will die großen Texte aller Zeiten in möglichst ursprungsnaher Form vereinen.“ [Bodmeriana 2000, 25]. Die weltberühmte Bibliotheca Bodmeriana verfügt inzwischen über 150.000 Handschriften und Bücher.

Das darin angehäufte Vermögen sprengt natürlich jede Vorstellungskraft und dürfte sich jenseits  der Milliarden-Grenze bewegen. Schon das Frontispiz der Bodmeriana-Ausstellung, die 2000 in Zürich und Marbach und 2001 noch im berühmten Grolier-Club in New York gezeigt wird, macht den Triumph des reichen Buchbesitzers deutlich. Es zeigt auf fol. 2d den großen Boccaccio, wie er Adam und Eva aus seinem Buch vorliest. Das erste Menschenpaar in gebückter Haltung, ärmlicher Kleidung, stehend und mit einem bittstellerisch-fragendem Ausdruck. Boccaccio dagegen an gewaltigem Tische sitzend, in pelzverbrämtem, scharlachrotem Prachtgewand, sein Gesichtsausdruck herrisch und herablassend. Genau das ist das Selbstverständnis eines Mannes, der weiß, was für einen gewaltigen Schatz er da den armen Leuten präsentiert, die froh sein dürfen, daran überhaupt Teil zu haben (vgl. Abb. 10).

Abb. 10: Das Frontispiz der großen Bodmeriana-Ausstellung, die 2000/2001 in Zürich, Marbach und New York gezeigt wurde/wird. Es zeigt Boccaccio im Habitus eines schwerreichen Patriziers zwischen den ärmlichen Ur-Eltern Adam und Eva – Hinweis auf die enorme Kostbarkeit früher Bücher [Ms. Frankreich, 15. Jh.: „Des cas des nobles hommes et femmes“].

Abb. 10: Das Frontispiz der großen Bodmeriana-Ausstellung, die 2000/2001 in Zürich, Marbach und New York gezeigt wurde/wird. Es zeigt Boccaccio im Habitus eines schwerreichen Patriziers zwischen den ärmlichen Ur-Eltern Adam und Eva – Hinweis auf die enorme Kostbarkeit früher Bücher (Ms. Frankreich, 15. Jh.: „Des cas des nobles hommes et femmes“).

Da Bodmers teuerste Stücke natürlich die ältesten sind, war ihm frühzeitig daran gelegen, die Spuren seiner Schätze möglichst weit in die Vergangenheit zurück zu verfolgen. So finanzierte er bereits in den 60er Jahren das große Werk „Geschichte der Textüberlieferung“, wobei uns hier der erste Band interessiert. In seiner Einleitung schreibt Bodmer [Hunger 1961, 17]:

 

 

„Die hier vorliegende Geschichte der Textüberlieferung ist auf dem weiten Feld der Literaturwissenschaft ein Novum. [...] Das Unternehmen [soll] zeigen, warum und wodurch für uns Heutige eine antike und mittelalterliche Literatur überhaupt existiert: dank eben der Textüberlieferung! Und diese wiederum ist einer oft komplizierten Reihe von Umständen zu danken. Die wohl seltsamste Frage dabei ist, warum ein so grundlegendes Problem bisher unerörtert blieb [... Dass] die Grundlagenforschung gerade auf diesem Gebiet eine Art Stiefkind geblieben ist, gehört zu den Seltsamkeiten, die man nur registrieren, aber nicht erklären kann.“

Die Erklärung, dass es durchaus nicht seltsam ist, wenn etwas nicht erklärt wurde, weil sich in Sachen „Textüberlieferung“ schon allein deshalb nichts zusammen reimt, weil die meisten Texte gar nicht aus der Antike „überliefert“, sondern in späteren Jahrhunderten frei erfunden wurden, können wir an den hier bereits gebrachten Beispielen schon ahnen, werden dazu aber noch erheblich mehr erfahren.

Nehmen wir als Beispiel nur die Nr. 145 der grandiosen Bodmeriana-Ausstellung. Es ist eine Handschrift mit „De victus ratione liber II seu De observantia ciborum“ des Hippokrates (460-377). Es ist ein klassisches karolingisches Manuskript, laut Katalog „Fulda, Erste Hälfte des 9. Jahrhunderts“ (vgl. Abb. 11). Warum Fulda? Dazu der Katalog:

„Das Pergament stammt aus England und die Schrift ist von angelsächsischem Einfluss geprägt, die für Fulda typisch sind, das ja bekanntlich durch einen englischen Mönchen, Winfried gegründet wurde, besser bekannt unter dem Namen des Heiligen Bonifatius. Auf diese Weise ist der Kodex Bodmer ein wichtiger Zeuge der Medizingeschichte [...] und ein interessantes Beispiel klösterlicher Gelehrsamkeit aus Fulda, dem geistigen Zentrum des karolingischen Europa.“ [Bodmeriana 2000, II 161]

Abb. 11: Der «Kodex Bodmer», angeblich Fulda, 1. Hälfte des 9. Jhs. auf Pergament, das aus England importiert wurde. Der Kodex enthält einen bis zum 15. Jh. völlig unbekannten Hippokrates-Text. In Fulda besaßen die Mönche in der 1. Hälfte des 9. Jhs. ausweislich ihrer Bücherverzeichnisse allerdings noch nicht einmal eine komplette Hl. Schrift und waren des Schreibens nur bedingt mächtig.

Abb. 11: Der «Kodex Bodmer», angeblich Fulda, 1. Hälfte des 9. Jhs. auf Pergament, das aus England importiert wurde. Der Kodex enthält einen bis zum 15. Jh. völlig unbekannten Hippokrates-Text. In Fulda besaßen die Mönche in der 1. Hälfte des 9. Jhs. ausweislich ihrer Bücherverzeichnisse allerdings noch nicht einmal eine komplette Hl. Schrift und waren des Schreibens nur bedingt mächtig.

Dieses ist nachgerade lächerlich! Wie es um die „klösterliche Gelehrsamkeit“ Fuldas in der Karolingerzeit gestanden hat, wurde bereits in Teil I dargestellt: Fulda hatte damals noch nicht einmal die für einen christlichen Ort grundlegenden Schriften, keine komplette Bibel, fehlen doch die vier Evangelien und die Paulusbriefe [zit. ZS 3/2000, 468]; es gibt keine Schriften des „Bonifatius“, statt einer Mönchsregel deren mehr als ein Dutzend, und selbstverständlich keinerlei Schriften des Hippokrates. Erst in dem Fuldaer Bücherverzeichnis Handschrift Basel F III 42 ist unter Position 604 („sequuntur libri diversarum medicinarum“ [Fulda 1992, 156]) etwas im bodmerschen Sinne verzeichnet. Allerdings heißt es darin „Libri medicinarum diuersorum medicorum videlicet Auicenne, Constantini, Galieni, Ipacratis [sic!]“.

Dummerweise stammt Basel F III 42 auch nicht aus der ersten Hälfte des neunten, sondern „aus dem ausgehenden 15. Jahrhundert“ [Fulda 1992, 98]. Und warum die schreibstarken Mönche Fuldas, die, wie auch in Teil I nachgewiesen wurde, nicht einmal „apostulorum“ oder „antiphonarium“ richtig schreiben konnten, sich das Pergament aus dem weit entfernten England beschafften, kann kein Forscher vernünftig beantworten.

Der Bodmer-Katalog [161] beschreibt überdies den „Kodex Bodmer“ (man beachte auch hier wieder den unbändigen Stolz des Besitzers) mit dem Hippokrates-Text:

„Nun [ist] unsere Version dem griechischen Original weit näher. Der Kodex Bodmer repräsentiert also die älteste lateinische Tradition dieses in der Medizingeschichte so wichtigen Textes.“.

Was mag wohl „weit näher“ heißen? Hatten sie einen Text, den sie abgeschrieben haben (eben den heutigen Kodex Bodmer), dann ist zu fragen, warum das Original in ihren karolingischen Verzeichnissen nirgends auftaucht. Hatten die Fuldaer Mönche einen griechischen Text zur Hand, den sie – des Lateins noch nicht mal mächtig – besser zu übersetzen wussten als andere? Das wäre eine wissenschaftliche Sensation: von England aus missionierte deutsche Heiden, die obendrein noch perfekt Griechisch konnten!

Außerdem soll der Kodex Bodmer Fulda „vor dem 16. Jh.“ verlassen haben [a.a.O. 159]. Vor dem 16. Jh. heißt spätestens im 15. Jh., was also just in die Zeit fiele, da die großen Florentiner Bibliotheken entstanden. Unter den griechischen Handschriften des Niccoli taucht ein Hippokrates nicht auf  [Ullman/Stadter 1972, 62ff], auch nicht in den 178 griechischen Manuskripten des gesamten San-Marco-Kataloges von 1500, die aufgelistet sind [248ff]. Dort erscheint fast alles, was Rang und Namen hat, von den griechischen Kirchenvätern bis zu den großen Gelehrten, Schriftstellern und Dichtern der griechischen Antike.

Unter den lateinischen bzw. in Lateinische übersetzten Schriftstellern finden wir allerdings diverse Hinweise auf Hippokrates bzw. Auszüge aus seinen Schriften (Aphorismi, De infirmitatibus, Epistolae, Prognostica, Propositiones), die in der medizinischen Abteilung eingestellt wurden. Sein „De victus ratione liber II seu De observantia ciborum“  ist allerdings nicht dort zu finden. Dies verwundert, da in diesem „in der Medizingeschichte so wichtigen Textes“ [s.o.] die Grundlagen des hippokratischen Gedankens dargelegt sind, wonach der Körper durch Säfte und Luft regiert wird. Unter den der Gesundheit zuträglichen Früchte zählt Hippokrates laut Kodex Bodmer auch die Feige auf, die in Fulda, „dem geistigen Zentrum des karolingischen Europas“ [Bodmeriana 2000, 161] in der „Zeit um 800“ allerdings nicht gewachsen sein konnte, ebenso wenig wie heute.

Aus alledem lässt sich schließen, dass der Kodex Bodmer mit Sicherheit nicht aus dem „karolingischen“ Fulda stammen kann. Er ist mit großer Wahrscheinlichkeit ein Fabrikat des 15. Jhs. oder, da es nicht den Weg in die Florentiner Bibliotheken gefunden hat, womöglich noch später zu datieren.

Schließlich ist an dieser Stelle auch ein Wort über die Herstellkosten der Bücher zu verlieren, wie sie in der heutigen Bibliothekswissenschaft die Runde machen. Der Berner Professor R. Barth dazu [2000, 05 Klosterbibliotheken im Mittelalter, 1f]:

„Für ein großes Doppelblatt eines mittelalterlichen Kodex benötigte man unter Umständen die Haut eines ganzen Tieres. Man hat ausgerechnet, dass z.B. für das berühmte Evangeliar Heinrichs III. (heute im Escorial) für seine 170 Blätter 85 Kälber benötigt wurden. [...] Für den Codex Amiatinus, einer angelsächsischen Bibel aus der Zeit um 800, mussten 520 Kälber ihr Leben lassen.“

Damit stößt die Buchproduktion der „Zeit um 800“ allerdings in gigantische Dimensionen vor. Nehmen wir an, dass für die 8.000 überlieferten „karolingischen“ Handschriften nur jeweils 50 Kälber ihr Leben lassen mussten, dann sind wir bei 400.000 Tieren. Was kostete damals ein Kalb? Es sind zwar keine Preislisten aus der „Zeit um 800“ überliefert, aber es gibt die „Lex Salica“, das karolingische Hausrecht. Dort steht unter Pactus 3 „De furtis animalium“ [Lex Salica 1953, 109]:

„§2. Wenn einer ein einjähriges bis zweijähriges [Kalb] stiehlt, werde er 600 Pfennige („sint dinarii DC qui faciunt“) außer Wert und Weigerungsgeld zu schulden verurteilt.“

Damit haben wir einen Anhaltspunkt. Ein Kalb, das Rohprodukt für das oben angesprochene Pergament, dürfte sich wertmäßig in etwa der Größenordnung der Strafe, die sozusagen ‚zusätzlich’ gekommen ist, bewegt haben. Ohne das zu vertiefen, nehmen wir als Preis für ein typisches karolingisches Pergament-Lieferungs-Kalb jetzt 500 Denare an. Diese zu 1,7 g reinem Silber (dahin ging bekanntlich die „karolingische Münzreform“ von 794/5) setzen den Preis für ein Kalb auf 850 g Silber fest (heutiger Marktwert ca. 300 DM, was im übrigen auch ziemlich nahe am aktuellen Marktpreis der Gegenwart für Jungtiere liegt).

Dieses multipliziert mit der Zahl der Kälber, die für die karolingische Buchproduktion ihr Lebens lassen mussten, ergibt sich ein Gewicht von 340 Tonnen Silber. Dabei können wir den Wert des Fleisches, das verzehrt wurde, durchaus dem Wert des vom Kalb gewonnenen Pergaments gleich setzen, so dass wir für die Buchproduktion auf 150 bis 170 Tonnen Silber kommen, zumal das Pergament umständlich bearbeitet werden musste [vgl. u.a. Gilissen 1977, 14-177; LeMaire 1989, 38-125].

Dies muss mit zeitgenössischen Zahlen verglichen werden, um zu einem Urteil zu kommen. Die größte aus der Karolingerzeit bekannte Summe ist das aus fränkischen Quellen gewonnene „Danegeld“. Dieses waren Tribute im 9. Jh., bei deren Bezahlung sich u.a. Karl der Kahle 866 mit 4.000 Pfund hervortat [d’Haenens 1969, 272f]. Insgesamt wurden an die Dänen (Normannen) etwas mehr  als 18 Tonnen Silber abgeführt, möglicherweise auch das Zwei- bis Dreifache [Spufford 1988, 63].

Selbst wenn wir für die größte Transaktion der Karolingerzeit knapp 50 Tonnen Silber annehmen, so wären das doch nur ca. ein Drittel der Summe, die für den Rohstoff Pergament der „karolingischen“ Buchproduktion ausgegeben wurde, zuzüglich der sonstigen Kosten für Schreiber, Maler, kostbare Rohmalstoffe usw.

Dass dies außerhalb jedes Bezuges zu einer wie auch immer definierten Realität liegt, versteht sich von selbst. Die gesamte „karolingische“ Buchproduktion der Zeit „um 800“ hat sich endgültig als das entpuppt, was sie ist: ein Märchen.

Da natürlich gigantische Summen – in heutiger Währung – auf dem Spiele stehen, muss alles getan werden, um zu verhindern, dass sich das Märchen der „karolingischen“ Buchkunst in Schall und Rauch auflöst. Dazu dieser interessante Vorfall: In Auktion 98 versteigerte das hoch angesehene Haus Hartung & Hartung in München unter Nr. 46 zwei Blatt einer lateinischen Handschrift auf Pergament, 9./10. Jh. ca. 300:220 mm. Beschreibung:

“32 Zeilen, 2 Spalten, leicht geneigte schwarzbraune karolingische Minuskel. Teil der Viten des ersten Athener Bischofs Dionysios Aeropagita (1. Jhdt) u. des hl. Arztes Pantaleon (gest. um 305). Eine Seite im w. Längenrand mit Darstellung eines jungen Mannes, wohl des im danebenstehenden Text behandelten Gottes Merkur (schwarzbraune Federzeichnung grau und rot koloriert).“

Die absolut belanglosen Blätter waren aus einem Einband gelöst, hatten Bräunungen und Textverlust und Anmerkungen einer Hand des 19. Jh. (vgl. Abb. 12). Dieses minimal-mediokre Stück war mit DM 4.000 fair taxiert. Ich hatte versucht, es zu ersteigern, um die Blätter anschließend einer physikalischen Analyse zu unterziehen. Es war sinnlos. Denn der Zuschlag erfolgt bei – sage und schreibe – 120.000 Mark. Da kein Mensch, der bei Verstand ist, diese Summe für eine solche Nichtigkeit ausgeben würde, kann es nur eine Erklärung für den Irrwitz-Zuschlag geben: Jemand wollte verhindern, dass die „karolingische“ Minuskel einer Datierungsprobe unterzogen wurde. Damit bleiben die völlig abartigen Preise für sog. „karolingische“ Manuskripte weiterhin gesichert.

Und der Kreislauf von Fälschung und Geld schließt sich erneut.

Abb. 12: Ein von Hartung & Hartung, München, im Frühjahr 2000 versteigertes Ms.-Fragment in „karolingischer“ Minuskel, datiert auf 9./10. Jh. Das Lot enthielt zwei aus einem Einband gelöste Blätter mit einer Darstellung eines jungen Mannes. Schätzpreis: 4.000, Zuschlag 120.000 Mark! Wollte jemand mit diesem Irrwitz-Preis verhindern, dass dieses Ms. einer Datierungsprobe unterworfen würde?

Abb. 12: Ein von Hartung & Hartung, München, im Frühjahr 2000 versteigertes Ms.-Fragment in „karolingischer“ Minuskel, datiert auf 9./10. Jh. Das Lot enthielt zwei aus einem Einband gelöste Blätter mit einer Darstellung eines jungen Mannes. Schätzpreis: 4.000, Zuschlag 120.000 Mark! Wollte jemand mit diesem Irrwitz-Preis verhindern, dass dieses Ms. einer Datierungsprobe unterworfen würde?

An dieser Stelle sollte auch die Frage angesprochen werden, wie denn die Schriften der Antike auf dem Weg über die „Karolinger“ auf uns gekommen sein könnten. Dabei soll jetzt nicht auf die Geschichte der antiken Textüberlieferungen in toto eingegangen werden. Dies behalten wir uns für zahlreiche noch zu behandelnde Einzelbeispiele vor. Es geht zunächst darum, überhaupt einmal die grundlegende Theorie zu betrachten, die derzeit angeboten wird.

In der Antike existierten zahlreiche private und öffentliche Bibliotheken, die in der Literatur und in Handbüchern ausführlich dargestellt werden [zuletzt Mazal 1999], auch wenn vieles übertrieben und märchenhaft klingt. Antikes Schriftgut hat sich in lesbarer Form erhalten, wie das jüngst mit einer „Kleopatra-Unterschrift“ entdeckte Papyros-Fragment im Berliner Ägyptischen Museum oder auch nur noch als verkohlte Reste wie die 1.700 Papyros-Rollen einer Villa in Herculaneum, die im August +79 durch den Vesuvausbruch mit Asche verschüttet und im frühen 18. Jh. wieder aufgefunden wurde.

Der italienische Altphilologe Luciano Canfora hat sich bei der Untersuchung des Brandes der Bibliothek von Alexandria auch Gedanken gemacht, wie sich das Kulturgut des niedergeschriebenen Wortes über die Jahrhunderte gerettet haben mag [1998, 183]:

„Die Geschichte der antiken Bibliotheken schließt oft mit einem Brand. [...] Brände entstehen nicht ohne Grund. Es ist, als ob eine höhere Macht an einem bestimmten Punkt eingriffe, um einen Organismus zu zerstören, der nicht mehr kontrollierbar ist [...], weil die Elemente, die darin zusammenfließen (Beispiel: die Fälschungen) von ambivalenter Natur sind.“

Fälschungen und Brände sind zweifellos Topoi, die uns in der Bibliotheksgeschichte immer begleiten. Dabei sei – vorausgreifend – nur an die Geschichte des Klosters Hirsau erinnert, in dem der bekannte Trithemius als Abt wirkte, den wir noch als Fälscher gerade „karolingischer“ Tatbestände kennen lernen werden und dessen Kloster 1692 abgebrannt ist. Canfora weiter [a.a.O.]:

„Es ist schwer zu sagen, wann sich diese Vorstellung, dass die Bibliothek im Feuer endet, festgesetzt hat. Vielleicht hat sie entfernte Wurzeln in der mehr oder weniger bestimmten Wahrnehmung davon, wie die Bibliotheken der großen orientalischen Reiche geendet haben, bei denen der unvermeidliche, abschließende Brand des ‚Palastes’ im allgemeinen den Brand der anstoßenden Bibliothek nach sich gezogen hat.“

Hinzu kommen bewußte Bücherverbrennungen der Antike, z.B. als Teil der Christianisierung, wie eine aus der Zeit Justinians überlieferte Szene beschreibt [zit. Canfora 184]:

„Im Monat Juni [...] wurden einige Griechen (das heißt: Heiden) verhaftet, durch die Stadt gezerrt, und ihre Bücher wurden [...] verbrannt.“

Oder auch als Teil der Muslimisierung, wie es in Alexandria abgelaufen sein soll, wo der Kalif in Bagdad seinem Statthalter in Ägypten auf dessen Frage, was nun mit den Büchern zu geschehen habe,  diese Botschaft zukommen ließ [zit. Canfora 103]:

„Bezüglich der Bücher, von denen Du mir geschrieben hast, so ist hier meine Antwort: wenn ihr Inhalt sich mit dem Buch Allahs vereinbaren lässt, so können wir auf sie verzichten, da in diesem Falle das Buch Allahs mehr als ausreicht. Enthalten sie hingegen Dinge, die vom Buch Allahs abweichen, dann gibt es erst recht keinen Grund, sie aufzubewahren. Schreite also zur Tat, und vernichte sie.“

Angeblich wurden nur die Schriften des Aristoteles verschont.

Rom war um die Mitte des 4. Jh. eine Stadt ohne Bücher, und wenig später ging auch die Bibliothek von Antiochia im Feuer unter. Und auch die verbliebenen letzten großen Bibliotheken, die im Palast des Kaiser und in dem des Patriarchen von Byzanz, gehen unter. Canfora [187]:

„Zerstörungen, Verfall, Plünderungen und Brände treffen vor allem die großen Verdichtungen an Büchern, die normalerweise im Zentrum der Macht anzutreffen sind. Auch die Bibliotheken von Byzanz machten hiervor keine Ausnahme. Deshalb kommt das, was am Ende geblieben ist, nicht aus den großen Zentren, sondern aus ‚randständigen’ Orten, (den Klöstern) oder aus sporadischen privaten Kopien.“

Als wichtigster Privatmann gilt Boethius (480-524). Dieser römische Konsul besaß eine Bibliothek, deren Nichtverfügbarkeit er im Kerker beklagt, als er wegen des Vorwurfs der Konspiration mit Ostrom gegen Theoderich inhaftiert ist. Da er hingerichtet wurde und sich Nachrichten über gotische Bibliothekspflege nicht erhalten haben, dürfte auch seine Bibliothek untergegangen sein. Von seiner „Consolatio philosophiae“, die jenen Bibliothekspassus enthält, existieren zwar 400 Handschriften, „die aber nicht über das 9. Jh. zurückgehen“ [Hunger 1961, 421]. Für die „Zeit um 800“ kommen also weder er selbst noch der Hinweis auf das ‚Bibliotheksphänomen’ kaum in Frage.

Als wichtigster „randständiger Ort“, in dem Bücher überdauern konnten, gilt einmal Monte Cassino. Doch das 529 gegründete Kloster wurde schon 581 von den Langobarden zerstört, 883 ein weiteres Mal durch die Sarazenen, und kommt so als Tradierungsort alter Schriften oder Schriftideen ernsthaft kaum in Frage. Vermutlich wurde es ohnehin erst 950 gegründet [Illig 1994, 38]. Und wie steht es mit dem seit jeher genannten Kloster Vivarium in Kalabrien?

Nachdem seit der Wiedereroberung Italiens durch Justinian „die bangen Fragen an[fangen], ob ein Buch die Eroberung Roms überstanden hat“ [Hunger 1961, 367], soll sich der römische Senator und Allround-Gelehrte Cassiodor nach Kalabrien zurückgezogen haben, um in oder bei seinem Geburtsort Scyllacium (heute Squillace) dieses buchgeschichtlich so zentrale Kloster zu errichten.

In den ihm zugeschriebenen „Institutiones divinarum ac saecularium litterarum“, einer Anleitung für Kleriker, schrieb Cassiodor (den übrigens schon Hardouin neben vielen anderen „alten“ Schriftstellern als märchenhaft beschrieben hatte) detailliert vor, was wie abzuschreiben sei, warum es auf die Genauigkeit der Orthografie ankomme und wie schön die Schrift auszusehen habe. Leider lassen sich die Erzeugnisse aus Vivarium nicht überprüfen, da sie verschollen sind bzw. sich ihre Spuren, ohne konkret nachvollziehbar zu sein, im oberitalienischen Kloster Bobbio oder über die längst nicht mehr existente Sammlung des Laterans verstreut in anderen Bibliotheken verlieren.

Die ausdrückliche Anweisung Cassiodors, dass bei den in Vivarium zu erfolgenden Abschriften auch Textkritik zu üben sei, die sogenannte „notarii“ zu vollziehen hätten, ist ungehört verhallt, denn unter den „vor 1000“ datierten Abschriften gleicht kaum eine der anderen, nicht einmal beim Buch der Bücher, wie die historisch-kritischen Editionen der Bibel und der Patristik uns immer aufs Neue vor Augen führen. Außerdem verschweigt Cassiodor in seinen „Institutiones“, die auch als ältester erhaltener Bibliothekskatalog interpretiert werden, dass es auch antike Dichter gegeben hat, die er allerdings in anderen, ihm zugeschriebenen Schriften häufig zitiert.

In Fulda erscheinen Cassiodors Schriften erst in dem Bücherverzeichnis aus dem ausgehenden 15. Jh., in den „karolingischen“ Verzeichnissen sind sie nicht enthalten ([Fulda 1962, 130f], unter Nr. 316 „Cassiodorus de institucione diuinarum scripturarum“, also in einem unbeholfenen Latein). In St. Gallen wird unter Handschrift Nr. 855 der zweite Teil der „Institutiones“ präsentiert,

„in der älteren und kürzeren ‚sehr inkorrekten’ (Gustav Scherrer im Handschriftenkatalog der Stiftsbibliothek St. Gallen von 1875) Fassung, die mit zahlreichen relativ unbeholfenen erklärenden Federzeichnungen und schematischen Darstellungen geschmückt ist“ [Schmuki u.a. 1998, 56].

Eine zweite St. Galler Handschrift [Codex Sangallensis Nr. 199] enthält die ausführliche zweite Fassung, wobei ungeklärt bleibt, warum es zu keiner Textabgleichung gekommen ist. In San Marco finden sich aus der Bibliothek Niccolis die „Institutiones“ in einem Band zusammen mit Schriften des Hieronymus und des Augustinus, datiert auf 12.-13. Jh. [Ullman/Stadter 1972, 155]. Als Schrift wird im Ms. „literis Longobardis“ angegeben.

Ist die Überlieferungsgeschichte dieses zentralen Werkes zur klerikalen Buchkultur anhand dieser Beispiele schon windig genug, wird es vollends dunkel, wenn wir uns noch kurz mit dem Phänomen „Vivarium“ beschäftigen, dem Kloster des Cassiodor, in dem das entscheidende Verbindungsglied der Buchgeschichte zwischen Antike und „Karolingerzeit“ vermutet wird. In der Staatsbibliothek  Bamberg findet sich unter Hs05 [Signatur Msc. Patr.61] ein weiteres Exemplar der „Institutiones“, „als von einem offenbar von Cassiodor selbst durchgesehenen Exemplar herkommend“ [einsehbar unter www.uni-bamberg.de usw.]. Es handelt sich um die „älteste erhaltene Handschrift“ und wird auf „Süditalien (wohl nicht Montecassino), 2. H. 8. Jh.“ lokalisiert und datiert.

Diese Handschrift ist geschrieben „in frühbeneventanischer Minuskel“. Diese „Beneventana“ ist freilich eine süditalienische Schrift, die in dem ab der Mitte des 10. Jhs. neu aufgeblühten Skriptorium von Monte Cassino

„und, seit dem frühen 11. Jahrhundert, in der Kanzlei der Fürsten von Benevent eine kalligraphische Form von ausgeprägtem, unverwechselbaren Charakter [erhielt]“ [Barthel 1972, 212].

Die „Beneventana“ ist überhaupt eine bemerkenswerte Schrift, hat sie sich doch von 750/800 bis 1200/1300 erhalten. In ihr ist nämlich auch der Cassiodor-Text von San Marco geschrieben, als „literis Longobardis“ bezeichnet! Sie hat damit nicht nur die „karolingische“ Schriftreform unbeeindruckt überstanden, sondern sie wurde auch in einem Raum gepflegt, der niemals zum Reich der Langobarden zählte und dennoch nach ihnen benannt wird.

Und Vivarium selbst? In der Bamberger Handschrift findet sich eine prachtvoll ausgemalte Darstellung dieses Klosterkomplexes (Abb. 13), „als farbige Federzeichnung auf Bl. 29v, zwischen Kap. 29 und 30 eingefügt“. Wer sich freilich die Mühe macht, von Catanzaro aus knapp 30 km weiter nach Squillace ins ärmlichste Kalabrien zu fahren, um der großartigen Anlage einen Besuch abzustatten, findet – nichts! Nicht einen Stein.

Abb. 13: Darstellung von Kloster „Vivarium“ des Cassiodor im kalabrischen Squillace (Staatsbibliothek Bamberg Msc. Patr.61). Das Kloster, zentraler Ort der Überlieferung antiker Texte in die Karolingerzeit, ist bis heute unauffindbar; nachfragende Besucher werden mit dem Hinweis abgespeist, dass ein „Vivarium“ tatsächlich kein Kloster, sondern ein Fischteich sei.

Abb. 13: Darstellung von Kloster „Vivarium“ des Cassiodor im kalabrischen Squillace (Staatsbibliothek Bamberg Msc. Patr.61). Das Kloster, zentraler Ort der Überlieferung antiker Texte in die Karolingerzeit, ist bis heute unauffindbar; nachfragende Besucher werden mit dem Hinweis abgespeist, dass ein „Vivarium“ tatsächlich kein Kloster, sondern ein Fischteich sei.

Und wer die ortsansässigen Experten zur Rede stellt, wird mit zwei Hinweisen abgefertigt: Zum einen würden die Steine der Kirchenanlage des Cassiodor in Catanzaro liegen und zum zweiten seien „Vivaria“ in Wirklichkeit „Fischteiche“, die zum einen an dem (ausgetrockneten) Flüßchen Pellena angelegt gewesen seien sollen und von denen man überdies noch Reste entlang der Küste finden könne: mit den Ausmaßen von 10-12 m Länge, 4 -5 m Breite und 1,5 – 2,5 m Tiefe, samt Abstich direkt zum Meer. Im übrigen habe man 1952 auch einen Sarkophag gefunden, der unbezweifelbar der des Cassiodor gewesen sein muss [vgl. ausführlich Zinzi 1994].

Die gesamte Buchgeschichte, die in die „Zeit um 800“ reichen sollte, entpuppt sich also mehr und mehr als Märchen..

Literatur (Ergänzung der Liste von Teil I)

Baldauf, Robert (1902): Historie und Kritik, Bd. 1; Leipzig

Bodmeriana (2000) = „Spiegel der Welt. Handschriften und Bücher aus drei Jahrtausenden. Eine Ausstellung der Fondation Martin Bodmer Cologny“, Bd. I, II; Cologny/Marbach

de Roover, Raymond (1963): The Rise and Decline of the Medici Bank 1397-1494; Cambridge, Mass.

D’Haenens, Albert (1969): “Les Invasions normandes dans l’empire franc au IXe siècle”; in I Normanni e loro espansione in Europa nell’alto medioevo, Settimane di Studio del Centro Italinao sull’ altomedioevo, XVI; Spoleto

Dopsch, Alfons (1921): Die Wirtschaftsentwicklung der Karolingerzeit vornehmlich in Deutschland, 1. Teil, zweite veränderte und erweiterte Auflage; Weimar (Der 2. Teil erschien 1922.)

Fuhrmann, Horst (1996): Überall ist Mittelalter. Von der Gegenwart einer vergangenen Zeit; München

Fuhrmann, Manfred (1999): Geschichte der römischen Literatur; Stuttgart

Hardouin, Jean (1693): Prolegomena ad censuram veterum scriptorum; Paris

Illig, Heribert (1994): „Doppelter Gregor – fiktiver Benedikt. Pseudo-Papst erfindet Fegefeuer und einen Vater des Abendlandes“; in VFG 6 (2) 20

Lex Salica (1953): Lex Salica. 100 Titel-Text, hg. K.A. Eckhardt; Weimar

Morosow, Nikolaus (1912): Die Offenbarung des Johannis. Eine astronomisch-historische Untersuchung; Stuttgart

Niemitz, Hans-Ulrich (1991): „Kammeier kritisch gewürdigt“, in Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart 3 (3/4) 92, Gräfelfing

Schmuki, Karl / Ochsenbein, Peter / Dora, Cornel (1998): Cimelia Sangallensia. Hundert Kostbarkeiten aus der Stiftsbibliothek St. Gallen; St. Gallen

Spufford, Peter (1988): Money and its Use in Medieval Europe; Cambridge (GB)

Vernhein, Klaus (1953/54): „Studien zu den Quellen zum Reichsgut der Karolingerzeit“; in DA 10, 311-394.

Zinzi, E. (1994): Studi sui luoghi cassiodorei in Calabria; Rubbettino

Ein Kommentar zu “Was las man denn zur Karolingerzeit? – Teil II”

[...] Paul C. Martin: Was las man denn zur Karolingerzeit? Teil II [...]

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2. Oktober 2010                     Kategorie(n): Artikel aus den ZS, Zeitensprünge

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Fehlende Kreuzgänge und Benediktiner – Entwicklung von Bautyp und Orden

von Heribert Illig (überarbeitet aus Zeitensprünge 1/2009)

Kreuzgänge können der Kontemplation und Meditation dienen. Sie können aber auch Schauplatz werden für einen Gelehrtenstreit, bei dem in drei Stufen das Entstehen des Kreuzgangs als architektonisches Grundelement vom 6. übers frühe 9. bis in späte 10. Jh. verjüngt wird. Gleichzeitig und in gleicher Weise rückt der Beginn des Benediktinerordens ins 10. Jh. Als Basis für zwei der drei Stationen dienen die Bücher von Rolf Legler [= L. 1984; 1989; 1995; 2007], der im Rahmen herrschender Lehre die fruchtbarste Kritik an ihr geübt hat.

Während dem ruhesuchenden Europäer seit langem die Kreuzgänge von Klöstern und Kapiteln vertraut sind, hat sich die Forschung diesem ‘Knotenpunkt’ monastischer Kultur lange Zeit nur unzureichend angenommen. Es war Legler, der hier wohl erstmals tragfähigen Boden bereitet hat und zu Einsichten vorgestoßen ist, die bei Gültigkeit der These vom erfundenen Mittelalter zu überraschenden Konsequenzen führen. Die Basis legte der Vielgereiste 1984 mit seiner Dissertation, die 1989 in aktualisierter Form publiziert worden ist. 1995 verband er seine grundlegenden Gedanken mit einem Fototeil, um 2007 eine knappe, aber fundierte Übersicht über Architektur, Symbolik und Gebrauch des Kreuzgangs vorzulegen. Seine Teilnahme am Internationalen Symposium 1999 in Tübingen wie die dortigen Vorträge [bei Klein 2004] belegen, dass sich die übrigen Spezialisten mit seinen Thesen auseinandersetzen und seiner „Fundamentalkritik der bisherigen Forschung durchaus beipflichten” [Jacobsen, 39].

Legler belegte, „daß die kunsthistorische Forschung zum Kreuzgang als eigenem Bautypus kaum über eine Handvoll von Aufsätzen hinaus gediehen ist” [L. 1989, 19; bestätigt von Klein 2004, 9].

„Dabei ergab sich ein erstaunliches und zählebiges Potential von falschen Prämissen und Konjekturen, das bei kritischer Sicht nicht mehr länger aufrecht zu halten ist. Sowohl die mit Lenoir und Viollet-le-Duc einsetzende, von v. Schlosser, Hager, Leclercq über Fendel, Dehlinger, Rey bis hinauf in die jüngere Generation von Bousquet, Horn und Braunfels fortgesetzte Frühdatierung der klaustralen Anlage auch als deren Herleitung aus provinzial-römischer Hofarchitektur erwiesen sich als wenig stichhaltig und müssen wohl nach den vorliegenden Ergebnissen aufgegeben werden” [L. 1989, 177].

Ist der Grund für die Malaise einmal gefunden, lässt sich unschwer nachvollziehen, wie verheerend sich die Freude an hohem Alter und die so eng wie möglich angesetzte Verbindung von Benediktinerorden und Kreuzgangarchitektur auswirken musste: Julius von Schlosser hat 1889 in seinem „verhängnisvollen Aufsatz” den ersten Kreuzgang im ersten Kloster von Monte Cassino ‘aufgespürt’ [L. 2007, 11] und sogar im Klostergrundriss eingezeichnet. Wie kam v. Schlosser dazu? Indem er das lateinische Wort claustrum (Plural claustra) nach Belieben mit geschlossenem Klosterbezirk oder mit Kreuzgang übersetzte. Legler bewies, dass erst ab dem 10. Jh. claustrum für Kreuzgang verwendet wurde und es bis ins 11. Jh. kein eigenständiges Wort für Kreuzgang gegeben hat, fehlt es doch sogar um 1040 bei den Consuetudines des Klosters Farfa, das einen Kreuzgang hatte, der auch genannt worden sein müsste [L. 1989, 61, 11 f.]. Statt dessen wurden Kreuzgänge mit porticus, ambitus, ambulacrum etc. umschrieben, wobei der Leser von heute prüfen muss, ob es sich nur um einfache Laufgänge oder um einen Kreuzgang im Sinne des Wortes handelt [ebd., 12]. Das deutsche Wort creutzgang ist wohl erst fürs 16. Jh. nachgewiesen [L. 2007, 8] und muss eigentlich verwundern, da der Gang im Karree und nicht über Kreuz führt.

Insofern definierte Legler erstmals die Merkmale eines echten Kreuzgangs, der als „eigenständiger Bautypus” [L. 1989, 19] zu gelten hat:

„Der Kreuzgang wird gebildet aus vier Galerien, die sich mit jeweils einer Seite an die Hoffront der umgebenden Konventsgebäude lehnen und an der entgegengesetzten Seite zum Hof hin von einem fortlaufenden System von Öffnungen durchbrochen sind. Diese vier Galerien sind durchgängig an den Ecken miteinander verbunden und bilden so zusammen ein kontinuierliches Gangsystem. Galerie und Hof sind durch eine verschieden hoch ausfallende Sockelbank getrennt. Der Zugang zum Hof ist lediglich durch einzelne, regelmäßig oder unregelmäßig verteilte Unterbrechungen dieser ansonsten durchgängigen Bank gewährleistet. Diese Gangarchitektur ist eine selbständige, autonome, den Konventsgebäuden vorgelegte Architektur mit eigener Hoffassade und eigenem Dach [...]

Auf keinen Fall darf der Kreuzgang verwechselt oder gar gleich gesetzt werden mit dem Hof der Klausur, dem er einbeschrieben ist” [L. 2007, 13 f.].

Damit sind alle Schwierigkeiten beseitigt, die vor allem in anderen Sprachen durch dieselben Worte für Kloster, Klausur und Kreuzgang dazu führen, dass etwa im Französischen höchst umständlich von einem „cloître véritable” oder einem „cloître au sens architectural précis” gesprochen werden muss [L. 1989, 55]. Die Sockelbank bedingt im Übrigen die Miniaturstützen der Kreuzgänge, da deren arkadentragenden Pfeiler und Säulen auf die Bank gestellt werden [ebd., 246].

Die Forscher der ersten Generation (Lenoir, Viollet-Le-Duc) waren bis 1860 noch an den Bauwerken selbst, nicht wie die späteren Forscher vorrangig an den schriftlichen Quellen interessiert [L. 1989, 51]. Die zweite, schriftorientierte Generation folgte zunächst dem von Legler [2007, 11] als Mogelei oder – höflicherweise – auch Konjektur bezeichneten ‘Übersetzungsfreiraum’ v. Schlossers, musste aber dann peu à peu immer weiteren Abstand vom fiktiven Ursprungskreuzgang auf dem Monte Cassino nehmen. Zunächst ließ sie eine Zeitlang den Kreuzgang allgemein ab Mitte des 7. Jh. existieren, etwa in Jumièges oder Rom, Tre Fontane (SS. Vincenzo ed Anastasio) [L. 1989, 37, 41]. Dann rückte der Beginn immer weiter hin zur Gegenwart. So wurde der letztgenannte Kreuzgang von Hübsch 1862 ins 7. Jh., von Fendel 1927 ins 8. Jh. verlegt, während er von dem baubezogenen Lenoir 1852/56 dem 11. Jh. und von der heutigen Forschung der zweiten Hälfte des 12. Jh. zugeschrieben wird [L. 1989, 32, 35, 65]. Fendel kam zu dem Schluss: „Bis zur Mitte des 7. Jahrhunderts läßt sich weder in Italien, noch in Gallien ein ‘regelrechter’ Kreuzgang nachweisen” [L. 1989, 54].

Aber vor 800 musste der Typus doch entstanden sein, sprach doch Wolfgang Braunfels noch 1969 davon, dass der Kreuzgang „für die Benediktinerklöster um 800 eine Selbstverständlichkeit geworden” war [ebd., 93], was Legler [ebd., 85] mit einem harschen Urteil quittierte:

„Die Kreuzgangsforschung, sofern man überhaupt von einer solchen sprechen kann, hat in nunmehr ca. 120 Jahren nichts wesentlich über Lenoir [1852/56] und Viollet-le-Duc [1858] Hinausgehendes, von falschen Theorien abgesehen, zuwegegebracht. Rühmliche Ausnahmen sind in Ansätzen Rey, Horn und Bousquet.”

Erst Legler führte den Nachweis, dass auch die 150 Jahre vor 800 ohne Kreuzgang auskommen mussten. Trotz aller Forschung

„bleibt aber summarisch gesehen der Tatbestand unübersehbar, daß die älteste, durch archäologische Grabungen bestätigte und an einem historisch bedeutsamen Ort entstandene benediktinische Klaustralanlage in Stein nicht vor dem 9. Jahrhundert anzusetzen ist” [L. 1989, 111].

Angesichts von Reichenau-Mitterzell stellt Legler außerdem klar, dass

„in der vorliegenden Form [...] aus methodischen Gründen kein Beweis für die Existenz einer kompletten Vierflügelanlage aus Holz im 8. Jh. erkannt werden [kann]. Eher bietet sich der Verdacht auf einen klassischen Zirkelschluß an: Weil wiederum von der unbewiesenen und ungeprüften Annahme der Existenz solcher klaustralen Anlagen als Norm für das 7. und 8. Jh. ausgegangen wurde, mußten unklare oder unvollständige Grabungsbefunde so verkettet und ‘sinnvoll’ ergänzt werden, daß auch eine geschlossene klaustrale Vierflügelanlage zumindest möglich wurde” [ebd., 408].

Um die Zeit bis 800 von imaginierten Kreuzgängen zu bereinigen, brauchte es nicht viel Mühe. So scheidet der angebliche Kreuzgang von Centula/St-Riquier sofort aus. Erstens kennen wir die im 11. Jh. verloren gegangene Anlage nur von zwei Stichen aus dem 17. Jh., und diese zeigen einen Arkadengang von rund 720 m Länge zwischen drei Kirchen, aber keinem einzigen Klostergebäude; außerdem gestattete die vorauszusetzende Holzbauweise keine Arkaden [L. 1989, 89].

„Centula war der utopische Entwurf und ambitiöse Wurf eines einflußreichen Mitgliedes der Kaiserfamilie, verständlich nur vor dem Hintergrund des einzigartigen kulturellen Höhenfluges der sog. karolingischen Renaissance” [ebd.].

Gleichwohl hatten Jumièges (Gemeticum) wie Centula/St-Riquier

„wohl bis zum Beginn des 9. Jh’s noch keinen Kreuzgang [...] Für die Zeit vor 800 kann kein einziges Beispiel [eines Kreuzgangs] mit Sicherheit genannt werden” [ebd., 93].

Das Urteil über ein kreuzgangsloses 7. und 8. Jh. gilt vor dem Hintergrund, dass in den Jahren 768-855 gemäß den schriftlichen Quellen insgesamt 417 Klöster, davon allein 232 während der Regierungszeit Karls d.Gr. (bis 814), im Karolingerreich gegründet worden sein sollen [ebd., 89] und folglich wieder spurenlos verschwunden wären (s. u. „Ausklang”)!

Die Zeit zwischen 800 und 840

Für die Zeit von 800 bis 840 spricht Legler nach dem vorangehenden ‘Nichts’ von einem „Quantensprung” in der Klosterbaukunst mit reichem Baubestand:

„Der Fortgang der Entwicklung zeigt nach aktuellem Forschungsstand zur Klosterbaukunst das, was man in der Physik einen Quantensprung nennt. Ebenso aufschlussreich wie archäologische Funde können objektive Befundstatistiken sein. Der bis zum Ende des 8. Jhs. zu konstatierende totale Negativkatalog in Bezug auf komplett geschlossene Vierflügelbauten endet abrupt. Dagegen, für den extrem kurzen Zeitraum von unmittelbar nach 800 bis zur Mitte des 9. Jhs., ergibt sich für den konkreten Nachweis einer geschlossenen Klausuranlage mit einbeschriebenem Kreuzgang eine beeindruckende Liste:

- Fünf komplett ergrabene Vierflügelanlagen mit Kreuzgang (Müstair, vor 805; Lorsch, ab 805 Ergänzung zur Klausur unter Abt Adelung; Kornelimünster [= Inden], nach 814; St. Gallen unter Abt Gozbert, Befund der Ausgrabungen von Sennhauser; Hamage bei Douai, Zeit Ludwigs d. Fr.)

Zwei ergrabene Klöster, die wahrscheinlich bereits einen Kreuzgang besessen haben (Hersfeld, Freckenhorst).

- Zwei literarische Quellen (der Regelkommentar des Hildemar, um 840, [der für den Kreuzgang eine Ausdehnung von mindestens 100 Fuß verlangt; L. 2007, 27, 152] und die Beschreibung des Klosters Fontanella, Mitte des 9. Jhs.)

- Ein gezeichneter Idealplan (Klosterplan von St. Gallen, Original von 819, Kopie von 829/830, herkömml. Datierung).

Gegenüber eines Null-Befundes [vor 800; HI] ist diese Zahl der Belege für eine gebaute Kernklausur in rechteckiger oder quadratischer Form doch überwältigend, sie erscheint wie ein Urknall” [L. 2007, 24 f.; Hvhg. HI].

Den Autor beschäftigt die Unwahrscheinlichkeit von ‘Quantensprung’, ‘Urknall’ oder auch „Explosion” [ebd., 23], weiß er doch um die nötigen evolutionären Wachstumsprozesse im Ablauf historischer Entwicklungen oder Genealogien bei sich entwickelnden Kunstformen [ebd.], die auch seine Kollegen zögern lassen [Klein, 12]. Aber betrachten wir die Befunde im Einzelnen.

Lorsch

Dieses Kloster wird wegen seines Kreuzgangs an die Stelle gesetzt, die einst von Jumièges und St-Riquier eingenommen worden ist [L. 1989, 97], aber Legler selbst blieb lange zwiespältig: Auf der einen Seite gestand er Lorsch II mit Sicherheit zu,

„den ersten archäologischen Beweis für die Existenz einer kompletten vierflügeligen Klausuranlage mit innerem Umgang im 1. Viertel des 9. Jh.’s, aller Wahrscheinlichkeit noch kurz vor dem St. Galler Riß entstanden, erbracht zu haben. Da für Aniane die klaustrale Anlage archäologisch nicht erwiesen ist, bleibt Lorsch der Ruhm, die älteste erhaltene, bis heute nachweisbare Anlage zu sein, die das später für Benediktinerklöster verbindliche Schema der klaustralen Anlage bereits voll ausgebildet verwirklicht hat” [L. 1989, 98].

Andererseits bezweifelt er den aus dem ergrabenen Grundriss gewonnenen echten Kreuzgang [ebd., 107]. Er bestätigt die Vierflügelanlage, aber keinen echten Kreuzgang, zumindest nicht am Ost- und Südflügel [ebd., 109]. In dem Buch von 2007 fehlen die Zweifel, doch das dürfte der hier zwingenden Kurzform geschuldet sein. Anzufügen ist, dass Lorsch I aus Holz in einer Form gebaut war, über die „wir nicht einmal im Grundriß unterrichtet” sind [ebd., 105]. Zu beachten ist, dass die Datierung der weltberühmten Torhalle extrem schwankt: Für die einen ein Ruhmesbau für den großen Karl von 774 [wiki], für andere ein spätkarolingischer Bau aus der Zeit um 875 [weltschätze], dagegen meine Spätdatierung nach 1050 [Illig 1997, 249], während französische Bauhistoriker sie aufgrund ihrer antikisierenden Tendenzen analog zur Kathedrale von Autun (Baubeginn 1120) sogar in die Zeit nach dem großen Klosterbrand von 1090 verweisen.

Fontanella und andere

Was Fontanella (St-Wandrille) angeht, so gilt es – auf dem Pergament – als „das älteste Beispiel einer reformierten Abtei, die den Kreuzgang als neue Bauform verwirklicht hat” [L. 1989, 182]. „Ungeklärt bleibt trotz der Detailtreue des Textes der Chronik das konkrete Aussehen dieser beschriebenen Kreuzgangsarchitektur” [ebd., 182]. Es handelt sich tatsächlich um eine reine Literaturquelle.

Die übrigen Fundstätten, also Müstair, Kornelimünster, St. Gallen, Hamage, Hersfeld – Grabungsreste „als Anhaltspunkt” [L. 1989, 185] – und Freckenhorst werden bei Legler nicht weiter behandelt, so dass sich nur auf Tamerls Überlegungen zu Müstair [2003] verweisen lässt und zu bedenken ist, dass immer dort, wo Karolinger oder Merowinger zu gewärtigen sind, Bodenfunde sehr schnell denselben zugeschlagen werden. Umgekehrt wird ein Fälscher ‘karolingischer’ Schriften sich nicht auf ein Kloster kaprizieren, dessen junge Anfänge gut erinnert werden, sondern auf ältere seiner Art.

Der St. Galler Klosterplan

Ausschlaggebend für den ‘Quantensprung’ war lange Zeit fast ausschließlich der St. Galler Klosterplan, der in seiner ursprünglichen Fassung auf 819, in der erhaltenen Kopie auf 829/30 datiert wird. Weil in ihm gleich drei Kreuzgänge – für Mönche, Novizen und Kranke – enthalten sind, gibt es für die Forschung keinen Zweifel, dass damals der Kreuzgangsgedanke in voller Blüte stand. Allerdings: Während der Mainstream davon ausgeht, dass die Ausgestaltung dieser Idee eine viele Jahrzehnte währende Entwicklungszeit benötigte, die der Plan als Zufallszeuge bestätigt, sieht Legler die Möglichkeit, dass es sich um einen regelrechten Schöpfungsakt gehandelt hat [L. 1989, 178]. Sein Vorschlag, ihn unmittelbar auf Benedikt von Aniane und seine Reform zurückzuführen, ist allerdings von ihm selbst zurückgezogen worden [ebd., 154; jedoch 406]. Statt dessen wird Abt Haito (Heito) von der Reichenau als Urheber gesehen.

Die Paläographen berichten, dass es sich um ein auf der Reichenau entstandenes Werk zweier Verfasser handele, die in alamannischen und karolingischen Minuskeln geschrieben haben. Von der Reichenau sei der Plan nach St. Gallen geschickt worden, wobei der Widmungsbrief nur von einem Gozbert ohne Abtstitel spricht: „Bei dem Plan kann man folglich wohl eher von einer ‚Übung‘ im weitesten Sinne sprechen. Denn auch als Bauplan diente er nicht” [Berschin].

Legler hat darauf aufmerksam gemacht, dass für alle drei Kreuzgänge auch die Arkadenstellung eingezeichnet (Titelbild), also der reine Grundriss durch ein Aufrissdetail ergänzt worden ist (dasselbe gilt auch für die Abtspfalz). Hieran knüpft eine längere Überlegung, ob auf der Kirchenseite des Mönchskreuzgangs eine hölzerne Bank eingezeichnet ist, ob also das Kriterium einer ersten, noch provisorischen Sockelbank erfüllt ist.

Auf die Probleme mit diesem Pergament habe ich bereits vor Jahren hingewiesen, weitere sind hinzugetreten:

  • Als erste Architekturzeichnung ca. 400 Jahre vor der nächsten [Illig 1996a, 262]. „Er ist die einzige große architektonische Zeichnung in Europa zwischen dem Ende des Weströmischen Reiches und dem 12. Jahrhundert” [Plan1].
  • Die Türme sind nicht vor Ende des 10. Jh. zu erwarten [Illig 1996a, 262].
  • Details des Plans wirken als „Muster der Absurditäten” und könnten den ersten fingierten Bauplan belegen [so Hoffmann 1995; vgl. Illig 1996a, 262].
  • Das Kloster St. Gallen ist nicht nach diesem Plan erbaut worden.
  • Das Alter des Pergaments ist nicht geprüft worden; die auf der Rückseite geschriebene Vita des hl. Martin stammt paläographisch gesehen aus dem „späten 12. Jh.” [uni], ihre Formulierung aus der Zeit um 400 [Plan2], verrät nichts über das Alter der Zeichnung.
  • Die Zeichnung des Christ-Church-Monastery, Canterbury (1150; Abb. S. 216), vermischt ebenfalls Grund- und Aufriss [L. 2007, 118].
  • Der Kreuzgang von Maulbronn entspricht den Abmessungen vom St. Galler Plan sehr gut, stammt aber frühestens aus dem 12. Jh. [L. 1989, 222].

Indem Legler keinen Kreuzgang vor 800 annimmt, muss er diese Architekturzeichnung als Beleg für den ersten Kreuzgang überhaupt sehen, bei dem nur noch die Restmauer zwischen den Arkaden entfallen und die steinerne Bank eingeführt werden muss, um dem späteren Grundtypus zu entsprechen [L. 1989, 179]. Aber diese Annahme ist heikel, weil sie die zwingend zu erwartenden Vor- und Zwischenstufen für einen derartigen Idealplan einfach entfallen lässt.

Vor einem Lösungsvorschlag ist erst die weitere Kreuzgangsentwicklung und vor allem die Entwicklung des Benediktinerordens zu betrachten. Aber es darf bereits hier angemerkt werden, dass stärker als alle hier vorzubringenden Argumente zählen wird, dass sich der Kreuzgangsbau noch einmal für mehr als 150 Jahre aus Europa, bis fast zur Jahrtausendwende verabschieden wird – ein für Legler und seine Gewichtung von Benedikt von Aniane unerklärlicher Umstand. Das erledigt außerdem einen alles Weitere erzeugenden ‘Urknall’ von 819 und reduzierte ihn, so es ihn gegeben hätte, zu einem Strohfeuer.

Hier ist Werner Jacobsen [37] entgegengetreten, indem er seinen Vortrag 1999 mit den Worten einleitete: „Auch nach einem Jahrhundert intensiver kunsthistorischer Forschung liegen die Anfänge des Kreuzganges noch immer im dunkeln”, was sich auch gegen Leglers Thesen richtet. Er sieht respektive hört nicht Leglers ‘Urknall’, sondern sucht Vorläufer im 8. Jh., außerdem  Übergänge von den spätantiken oder irischen Laurenanlagen, bei denen sich einzelne Mönchsbehausungen um einen Hof gruppieren, die in Gallien bis ins 9. Jh. genutzt worden sein dürften, und von einer Klausurart, die er als „Wohnhaustyp” bezeichnet, die neben dem St. Galler Plan noch Bestand hatte [Jacobsen, 42]. Dazu verweist er auf Lorsch vor 805, das schon Legler akzeptiert hat, auf Müstair, auf St. Alban in Mainz, auf Schwarzach, Reichenau-Mitterzell, insbesondere auf Herrenchiemsee „mitsamt einer subtilen zeitlichen Entwicklung” [ebd., 47-52, Zitat 49]. Freilich sind alle diese Befunde über Urkundennennungen datiert.

Daneben sieht Jacobsen auch Klosteranfänge in römischen villae, wie in Pfalzel oder Schuttern, oder in römischen Thermen, wo es überall auch verbindende Laubengänge gab. Er sieht also – ohne „die alte Peristyl- und Atriumstheorie wiederzubeleben” [Jacobsen, 55] – verschiedene Entwicklungsstränge, aus denen der St. Galler Idealplan erwächst, ohne gleich verbindlich zu werden. Aus diesen Übernahmen und Anempfindungen heraus verliert der St. Galler Plan seinen ‘Urknall’-Charakter, der dem Wesen von Architekturentwicklung nicht gut entspricht. Gleichwohl bestreitet Legler [2004, 69] mit guten Gründen und gestützt auf Viollet-Le-Duc und Meyvaert jegliches Bindeglied zur antiken Architektur, zumal ihm in Architektur und inhaltlicher Betrachtung des entstehenden Mönchtums „die Identität von ‚ordo und Ordnung‘, von Form und Funktion” begegnet ist [ebd., 79].

Die weitere Entwicklung bis 1020 respektive 1150

Legler hat dankenswerterweise versucht, die vielen Tausende von erhaltenen und/oder berichteten Kreuzgänge über viele Jahrhunderte aufzulisten und statistisch auszuwerten, immer in dem Bewusstsein, dass die spätere Fülle kaum zu ermessen ist. Zunächst wirkt alles perfekt:

„Die Benediktiner hatten endlich ihr optimales Gehäuse, die bestmögliche ‚Werkstatt aber, in der wir das alles gewissenhaft üben sollen‘ (c. 4,78 [RB]), gefunden. Diese Werkstatt war so perfekt geraten, dass sie für weitere ca. 800 Jahre die ausschließliche Architektur ihrer ursprünglichen Schöpfer, ja sogar darüber hinaus zur obligat symbolischen Architektur für jede Form von Mönchtum im Abendland wurde und dies bis zum 16. Jh.” [L. 2007, 36].

Da war also das Gehäuse so optimal, dass es zunächst einmal 160 Jahre niemand für nachbauenswert hält. Denn nach 840 bleibt die Zahl der ‘französischen’ Kreuzgänge bis ins 12. Jh. durchaus überschaubar. Obwohl der Spezialist den Zeitraum von 800 bis 1050 als „formative Epoche” benennt [so bereits L. 1989, 15], geschieht nach 840 sehr wenig, im Gegenteil: Er muss von c. 840 bis 1000 von der „Dunkelzone” sprechen, endete doch das „erste Fanal [...] so  schnell, wie es aufgetaucht war” [L. 2007, 36]. Im Klartext: Es wird kein weiterer Kreuzgang bis 1000 genannt, weil der einzige mögliche Vertreter aus Köln von Legler selbst ausgeschlossen worden ist.

Diesen angeblich ältesten Kreuzgangsrest in St. Pantaleon, Köln [vgl. Illig 2007, 341 f. ] führte Legler zwar 1989 [20] als ottonische Bogengalerie auf, vermerkte aber, dass die Fundamentbreite von fast 1 m keiner Arkadenstellung entspricht, so wenig wie der zugehörige, massive Stützpfeiler [L. 1989, 239]. 1995 [12] benennt er die in St. Pantaleon wiederaufgerichtete Rekonstruktion als Öffnungen des Kapitelsaals, vor denen erst ein noch nicht nachgewiesener Kreuzgang zu gewärtigen wäre. 2007 fehlt dieser Stolz Kölns bei ihm.

Bis 1020 kann der Kenner dann lediglich zwei Kreuzgänge vorstellen, die ganz allein „die formative Epoche” vertreten müssen:

- Zum einen den „sog. Kreuzgang” des Priorats Charlieu, St-Fortunat, erbaut von Abt Odilo von Cluny (994-1049) zu unbekannter Zeit. Legler gibt einen Hinweis:

„Die Kapitelle der Arkaden des frühromanischen sog. Kreuzgangs von Charlieu zeigen deutliche Verwandtschaft mit der Kapitellstruktur der spätkarolingischen Tradition. Sie könnten noch gegen Ende des 10. Jh. spätestens aber in den ersten zwei Jahrzehnten des 11. Jh. entstanden sein” [L. 1989, 187].

Aus chronologiekritischer Sicht ist dies ein weiterer Hinweis darauf, dass die „spätkarolingische Tradition” nichts anderes ist als vorromanische Kunst.

Hier stellt sich natürlich die Frage nach dem größten Kloster des Abendlands, nach Cluny, das 910 gegründet worden sein soll und in drei Bauphasen zu unüberbotener Größe angewachsen ist, wie auch seine geradezu umwerfende Kirche der dritten Bauphase erst vom 1506 begonnenen Petersdom überboten wurde (und 1789 den Revolutionären ein solches Ärgernis war, dass sie gesprengt worden ist). Doch das Zentrum des Benediktinertums kann mitsamt seiner Reformbewegung vor 1000 keinen Kreuzgang bieten: Cluny I ist uns kaum bekannt, Cluny II war aus Holz gebaut, auch der gar nicht belegte Kreuzgang, weshalb dort keine Arkadenbögen zu erwarten sind [L. 1989, 202].

Erst Odilo lässt Klausurbauten aus Stein errichten [L. 1989, 235], aber nach denen von Charlieu und damit nach 1000 [ebd., 187], für Peter Klein erst in den letzten Jahren Odilos, also vor 1049 [Klein 2004, 105]. Bei ihrer Beschreibung im späteren 11. Jh. wird übrigens kein Kreuzgang erwähnt [L. 2007, 85]. (Das unvergleichliche Cluny III wurde erst ab 1089 errichtet und steht außerhalb dieser Betrachtung.)

- Als zweiter Kreuzgang gilt St-Martin-du-Canigou um 1010 als bereits vollständig eingewölbt [L. 1989, 188]. Es wird gleich zu zeigen sein, dass dieser Pyrenäen-Bau womöglich zu früh datiert wird.

Zur Klarstellung: Holzgedeckt bezieht sich auf die von unten sichtbare Überdachung mit Balken, ob flach oder schräg, werden doch auch Steingewölbe mit einem hölzernen Pultdach geschützt (abgesehen von wirklich südlichen Ausnahmen wie dem portugiesischen Tomar).

Damit ist bereits die „formative Epoche” ausgeschritten. Von 1020 bis 1150 schließt sich die Erste Blüte an, die zum größten Teil aus holzgedeckten, also noch nicht gewölbten Kreuzgängen bestimmt wird. Als markanter derartiger Bau mag Moissac genannt sein. Im Jahr 1100 innerhalb der kluniazensischen Abtei vollendet, gilt er als „der älteste erhaltene Kreuzgang mit figürlichem Schmuck und gleichzeitig der größte seiner Art in Frankreich” [Klein, 15].

Lediglich drei weitere Bauten waren in diesem Zeitraum gewölbt: St-Guilhem-le-Désert, Nieul-sur-l’Autise und LePuy. Dieser letztgenannte Kathedralkreuzgang war übrigens von Viollet-Le-Duc noch für den ältesten erhaltenen Kreuzgang in Frankreich gehalten und dem 10. Jh. zugerechnet worden [L. 1989, 31]; heute rangiert er in der ersten Hälfte des 12. Jh. [ebd., 250]. Nachdem auch Nieul dem 12. Jh. angehört [ebd., 250] und in St-Guilhem der Kreuzgang wohl nach dem Chorhaupt der Kirche gebaut worden ist, „um 1100″” [Toman 1996, 164], müsste es sehr überraschen, wenn St-Martin-du-Canigou bereits um 1010 „vollständig mit Bruchsteinmauerwerk eingewölbt” gewesen wäre [L. 1989, 188], zudem auf steilem Gelände, das nicht einmal einen rechteckigen Kreuzgang zuließ und Subkonstruktionen erforderte. Nachdem das arg verfallene Bergkloster erst Anfang des 20. Jh. „mehr vom Übereifer als vom Sachverstand geleitet” restauriert worden ist, darf angenommen werden, dass dieses Kloster zwar weiterhin „den ältesten erhaltenen gewölbten Kreuzgang” besitzen kann [L. 1989, 188], der aber einige Jahrzehnte jünger ist!

Wenn man bedenkt, wie spät die Wölbung im eigentlichen Kirchenbau Einzug hält – nur in den sog. Vorkirchen von Romainmôtier bald nach 1000 und von Tournus nach 1020 [vgl. Illig 2008, 95], dann lässt sich um 1000 oder vor 1030 [L. 1989, 232] noch kein gewölbter Kreuzgang mit seinen so ungleichen Widerlagern – hier massive Hochschiffswand, dort freie Arkadenstellung – erwarten. Es ist also Legler zu widersprechen, der bereits in dieser Zeit sowohl den holzbedeckten wie den steingewölbten Kreuzgang „in die Klosterarchitektur eingeführt und ausgebildet sieht” [L. 1989, 188].

Damit wäre wohl Tournus, das wir von seinen frühen Gewölben in der Vorkirche her kennen [Illig 1996a, 33], mit seinem jochweise eingewölbten Kreuzgang von 1046 der früheste Aspirant – sofern seine Datierung korrekt ist. St-Guilhem entsteht erst am Ende des 11. Jh. [L. 1989, 232], frühestes Beispiel für den Versuch, die große Arkadenöffnungen des Kreuzgangs durch Kleinarkaden zu gliedern [L. 2007, 69], bezeichnenderweise mit Biforen wie in  der Torhalle von Frauenchiemsee: Deren Entstehen wird neuerdings für ca. 780 postuliert (s. S. 217), obwohl Biforen ansonsten erst ab 1020 auftreten [vgl. Illig 2008, 106, 97].

Das ändert freilich nichts daran, dass „die ideale Ausformung des Kreuzganges” ihren „Höhepunkt im späten 11. und 12. Jh.” erfährt [L. 1989, 241]; erst in „der zweiten Hälfte des 12. Jh. läßt sich eine verstärkte Hinwendung zum echten steingewölbten Kreuzgang verzeichnen” [ebd., 263]. Dieses Ergebnis mag durch die Internet-Werbung der Kleinstadt Tournus illustriert werden:

„Die Klosterkirche, der Kreuzgang, der Kapitelsaal, das Refektorium und der Vorratskeller bilden das einzige Klosterensemble, das sich aus dem 12. Jahrhundert in Europa erhalten hat” [tournus; Übers. HI].

Da selbst Tournus für diese Gesamtheit Ergänzungen aus dem 12. Jh. benötigt, kann dies als Wink gelten, dass es keine ältere vollständige Klosteranlage gibt – trotz zahlreicher Nennungen von Merowinger- und Karolingeranlagen in den Urkunden.

Italien

Lässt sich diese Fundarmut in Italien bestätigen? Legler hat sich hier der Mühe unterzogen, den schier uferlosen Bestand aufzusuchen, zu prüfen und zu Tabellen zu verdichten. Daraus kann leicht das überraschende Ergebnis erschlossen werden. Im vermeintlichen Mutterland der Benediktiner gibt es bis 1150 nur zwölf echte Kreuzgänge:

  • 6 einstöckige, holzgedeckte: Voltorre; Bologna, S. Stefano; Valpolicella, S. Giorgio; Verona, S. Zeno; S. Antimo; Brindisi, S. Benedetto;
  • 2 echte einstöckige, steingedeckte: S. Venero del Tino; S. Fruttuoso;
  • 4 zweistöckige, holzgedeckte: Bergamo, S. Fermo I; Pomposa, Gerichtsgebäude; Verona, Duomo; Siena, S. Cristoforo [L. 1989, 302 und passim].

In den nächsten 150 Jahren bis 1300 findet Legler dagegen 73 echte Kreuzgänge, darunter 44 holzgedeckte und 22 steingewölbte (die sog. „falschen”, in Gebäude hineinverlegten Gänge sind hier weggelassen) [ebd., 302]. So zeigt sich, dass auch hier der Kreuzgang eine überraschend späte ‘Erfindung’ darstellt und dass die Entwicklung keineswegs zwangsläufig zu steingewölbten Kreuzgängen hinstrebt, sondern vor allem im Mittelmeerraum die holzgedeckten gleichberechtigt bleiben [ebd., 248]. Um so mehr würde das Pyrenäenkloster St-Martin-du-Canigou mit einer vorzeitigen Wölbung überraschen.

Wenn man die wenigen Kreuzgänge des 11. Jh. und die Leere des 10. Jh. zur Kenntnis nimmt, dann werden alle Bemühungen äußerst fraglich, die Anfänge dieses Bautypus viel weiter in die Vergangenheit zu rücken. Das 6. bis 8. Jh. ist von Legler völlig zu Recht ‘ausgeräumt’ worden, aber selbst sein Beharren auf einem ‘Urknall’ oder ‘Quantensprung’ kurz nach 800 erledigt sich quasi automatisch!

Vielmehr treffen wir auf dieselbe Situation wie im Falle Karls des Großen, die Ferdinand Gregorovius beschrieben hat:

„Die Erscheinung des großen Karl konnte jetzt mit einem Blitzstrahl verglichen werden, der aus der Nacht gekommen, die Erde eine Weile erleuchtet hatte, um dann wiederum die Nacht hinter sich zurückzulassen” [vgl. Illig 1996a, 14].

So wie der fiktive „pater Europae” allein das Dunkel der Zeit zwischen 600 und 900 zu durchdringen scheint, so bleibt das „Fanal” der karolingischen Kreuzgänge zunächst folgenlos. Vielmehr muss der Kreuzgang ein zweites Mal erfunden worden sein, anders wäre die anschließende Leere samt nachfolgendem Rückschritt gegenüber dem Idealplan von St. Gallen nicht zu erklären.

Nun wird in der Literatur immer wieder betont, dass der Kreuzgang untrennbar mit dem benediktinischen Klostergedanken verbunden ist. Insofern ist hier ein weiteres Mal dem Entstehen des ältesten Mönchsorden des Abendlands nachzugehen.

Die Ausbreitung der Regula Benedicti

Wer den wikipedia-Eintrag über den hl. Benedikt von Nursia aufsucht, erfährt in der englischen Fassung nicht die Spur eines Zweifels an seiner Existenz, obwohl mit Francis Clark der härteste Kritiker an einem einst leibhaftigen Benedikt aus dem angelsächsischen Raum kommt. Die deutsche Version ist etwas offener:

„Die Hauptquelle für sein Leben ist die Heiligenvita, die Gregor der Große um das Jahr 600 verfasste. In der modernen historischen Forschung wird die Historizität dieser Angaben allerdings teilweise bezweifelt, und einige Forscher gehen aufgrund des Fehlens zeitgenössischer Nachrichten sogar davon aus, dass es Benedikt niemals gegeben habe. Andere (etwa Johannes Fried) dagegen zweifeln zwar nicht an Benedikts Existenz, halten es aber für wahrscheinlich, dass Gregor, der in seinen übrigen Schriften nie auf Benedikt verweist, gar nicht der Autor der Benediktsvita sei.”

Andernorts habe ich bereits dargestellt [1993; 1994], dass seit 1945 die deutschsprachigen Benediktiner sehr kritisch mit ihrem Ordensgründer umgegangen sind und die Figur unter der Kutte gefährlich ausgehöhlt haben. Darüber hinaus verwies ich auf Clark und sein Werk von 1987: The Pseudo-Gregorian dialogues. In zwei Bänden hat er den Nachweis geführt, dass nicht Gregor d. Gr. die Dialoge um 590 geschrieben haben kann – unsere einzige Quelle zum Leben des hl. Benedikt -, sondern ein Pseudo-Gregor Ende des 7. Jh. (Diese Position Clarks schreibt Wikipedia fälschlicherweise Fried zu.) Mich führte sie zu den Schlüssen, dass der hl. Benedikt von Subiaco und  Montecassino eine Fiktion ist und dass diese Fiktion erst im 12. Jh. geschrieben worden ist, weil erst damals die Dialoge stilbildend wurden und erst damals jenes dämonenverseuchte Christentum entstanden ist, für das die Dialoge die Grundlage bilden, und weil schließlich auch die Ausgestaltung des Fegefeuers erst damals erfolgte, obwohl Gregor als einer der Väter der Fegefeuervorstellung gilt.

Das Biographisch-Bibliographische Kirchenlexikon erspart seinen Leser in seinem Benedikt-Artikel von Friedrich Wilhelm Bautz [1990, mit Nachträgen bis 2009] jeden Zweifel, den Clark und die anderen gesehen und mit guten Argumenten belegt haben – erschreckendes Beispiel für die ‘Offenheit’ in zentralen mediävistischen Fragen! Immerhin hat zwei Jahre nach mir Fried in seiner Philippika gegen meine These und gegen mich (als den Urheber der „Karlslüge”) eingeräumt, dass es Parallelen zu der „in die Irre führende, unzulässige Illusion” der „‚Karlslüge‘” gibt:

„Als Beispiele erinnere ich an die unlösbaren Schwierigkeiten mit dem Leben des hl. Benedikt, wobei die Meinungen der Historiker zwischen den Extremen ‚pure Erfindung‘ und ‚sichere Quelle‘ schwanken” [Fried 1996, 312, Fn. 50].

In Schleier der Erinnerung hat Fried die Thematik neuerlich aufgegriffen und sie auf seine spezifische Weise behandelt. Er stellt Clarks Thesen vor, gibt aber dessen Kritikern recht, um sich gleich darauf daran zu erfreuen, wie ungreifbar dieser Benedikt ist, worauf er ein Fazit zieht, das eher paradox wirkt:

„Wie nämlich eine ideale Mönchs- und Abtsgestalt entstand, welche symbolische Bedeutung ihr zu ihrer Zeit in ihrer Umwelt zukam, wie sie dann literarisch von Fremden aufgenommen wurde und dabei historisch zu wirken begann, indem ihre Fiktionalität nicht mehr erkannt und für Wirklichkeit gehalten wurde, und wie diese irreale Realität endlich an ihren Ursprungsort zurückkehrte, um dort verspätet ins Leben zu treten” [Fried 2004, 374 f.].

Diese dunkle, auch aus ihrem Zusammenhang heraus kaum verständliche Passage hält immerhin sämtliche Interpretationsmöglichkeiten offen. Deutlicher gesagt: Benedikt ist [für mich; HI] eine Erfindung des Dialoge-Schreibers, der nicht Ende des 7. Jh., sondern nach hier vertretener Meinung im 12. Jh. geschrieben hat. So bleibt die Klostergründung von 529 auf dem Monte Cassino Fiktion. Erhard Kästner hat schon vor Jahrzehnten darauf hingewiesen, dass dieses Gründungsjahr nur eine symbolische Jahreszahl sein kann, die dazu gedient hat, den Untergang antiker, heidnischer Bildung mit dem Erblühen christlicher Denkungsart nahtlos in eins zu setzen. Der Kulturfahrplan bestätigt dies für das Jahr 529, ohne es zu bemerken:

„Kaiser Justinian läßt Redner- u. Philosophenschulen in Athen schließen. Äußerliches Ende der direkten Tradition d. klass. griech. Philosophie.

Benedikt von Nursia grdt. d. Kloster Monte Cassino (Mittelitalien), den Ursprung d. europ. Mönchswesens.” [Stein, 344]

Fiktion ist der Tod Benedikts (547), Fiktion die baldige Klosterzerstörung durch die Langobarden (577), Fiktion das anschließende ‘Stadtexil’ der überlebenden Mönche im Lateran. Ebenso Fiktion ist die neuerliche Blütezeit von 717 bis 883, beendet durch die Brandschatzung der Sarazenen. Über den eigentlichen Beginn des Klosterlebens wagt nicht einmal die offizielle Web-site der Abtei Montecassino eine klare Aussage, sondern belässt es bei „Mitte des 10. Jh.” [abtei]. (Die offensichtlich unzuverlässige Abtsliste [wiki] springt 948 vom angeblichen Exilkloster in Capua nach Montecassino.)

Gegner des erfundenen Mittelalters müssten hier versuchen, mit Gegenbeweisen für einen blühenden Benediktinerorden ab 529 vorzutreten. Doch Legler, der kritische Benediktiner wie Hallinger zitiert, aber nicht an Benedikt rüttelt, kann dem Orden trotzdem kein gutes Zeugnis ausstellen:

„Die von den zuständigen Forschern dieser Materie formulierte Erkenntnis, daß es in der Zeit von 600 bis zum Jahre 816 kein echtes Benediktinertum und schon gar keinen Benediktinerorden gegeben hat, dürfte wenig ermutigend sein für alle jene, die an die Existenz früher Vorläufer der klaustralen Anlage glauben wollten und eine in der Zeit gewachsene direkte Ableitung dieser bezwingenden monastischen Bauform von spätantiker Architektur postuliert haben” [L. 1989, 151].

„Ein Blick auf die Geschichte des Benediktinertums führte aber zu der überraschenden Einsicht, daß es abgesehen von der kurzen Zeit auf dem Monte Cassino vor dem Jahre 816 überhaupt kein reines Benediktinertum, also kein zur Entwicklung der klaustralen Anlage befähigtes Mönchtum, gegeben hatte. Also hat man, verleitet durch die voreilige Frühdatierung, vor den ersten Jahrzehnten des 9. Jh. etwas gesucht, was es nicht gegeben hat und vermutlich nicht geben konnte” [ebd., 178].

Alle Annahmen beruhen „auf der stillschweigenden Voraussetzung, in den Jahrhunderten zwischen Benedikt von Nursia und Benedikt von Aniane habe es ein Mönchtum gegeben, das ganz in der Tradition des abendländischen Mönchsvaters stand, so dachte und so lebte wie Benedikt von Nursia und sein Konvent in Monte Cassino im 6. Jh. Aber eben diese Prämisse entbehrt jeder Grundlage” [ebd., 145].

Hier wird ein Junktim sichtbar, die

„von niemandem ernsthaft in Zweifel gezogene, stillschweigend akzeptierte Einsicht, daß der Kreuzgang als Bautypus ausschließlich im Bereich des benediktinischen Mönchtums entstanden war” [ebd., 212].

Weil dieser Orden aufs engste mit dem um einen Kreuzgang als zentralem Gliederungselement des Klosters verbunden ist, gilt:

„Die Verflechtung von Lebens- und Kunstform ist solchermaßen Eins, daß uns dies erlaubte, von der realhistorischen Situation des Benediktinertums aus auf die Nichtexistenz der klaustralen Anlage vor dem 9. Jh. zu schließen. Der Vorgang ist aber reziprok” [L. 1989, 195].

So ist festzuhalten, dass es bis ca. 800 weder eine ordenstypische Klosteranlage rings um einen Kreuzgang gibt, noch einen Orden, der solch eine Anlage hätte entwickeln können. So fehlt nur noch ein Blick auf die Regula Benedicti (RB), auf das Jahrtausendwerk eines vermeintlichen Benedikts aus Nursia. Ist hier etwas über die Architektur, gar über den Kreuzgang enthalten?

„Daß die RB keinerlei Angaben über die Klosterarchitektur macht und bestenfalls ein loses Bauprogramm beinhaltet, ist spätestens seit Dehlinger [1936] eine viel bemerkte Tatsache” [L. 1989, 151].

Der ‘Erfinder’ Benedikts, der bislang namenlose Schreiber der Dialoge, befasst sich wenig mit Architektur, benennt er doch an Gebäuden nur Oratorium, Speisesaal und Gästeunterkunft, als der hl. Benedikt den Bauplan von Kloster Terracina zeichnet [Dialoge II,22,1], wie er auch die RB nur in einem einzigen Satz erwähnt: „Er schrieb eine Regel für Mönche” [ebd., II,36,1]. Für Legler [1989, 141] bleibt unter Rückgriff auf Hallinger OSB die

„Erkenntnis, daß Gregor sich auffällig wenig um die RB kümmert, …, daß Gregor selbst im zweiten Buch seiner Dialoge mit der RB sich weder beschäftigt, noch kaum je ernstlich von ihr Notiz nimmt”.

Erklärt wird das damit, dass die Zeitspanne vom 6. Jh. bis gegen 800 als „Mischregelepoche” gilt [ebd.; auch L. 1989, 137], in der niemand in der Kategorie einer einzigen Regel dachte, sondern in der jeweiligen Mönchsregel, deren uns bekannteste die des hl. Columban ist. Doch es bleibt das völlige Auseinanderfallen der klösterlichen Ziele bei Iren und Benediktinern: hier Arbeit und Sesshaftigkeit, dort Askese und vagierende Mission. Insofern lässt sich für diese „reichlich 200 Jahre” von der „Nichtexistenz des reinen Benediktinertums” sprechen [L. 1989, 139].

Wann dürfen wir dann die Benediktiner als Orden mit eigener Regel erwarten? Für Legler ist die Antwort klar: Erst das Auftreten des zweiten Benedikts, jenes von Aniane, bringt uns zum eigentlichen Benediktinerorden. Damit diese Neuerung oder Erneuerung überhaupt stattfinden kann, braucht es freilich wenigstens ein Kloster:

„Nirgends im christlichen Abendland existierte ein Kloster, in dem die benediktinische Tradition in ihrer ursprünglichen Reinheit wie in den Tagen des hl. Benedikts weitergelebt hätte” [Semmler 1963, 67, laut L. 1989, 145].

„Die innere Geschichte des Benediktinertums hellt schlaglichtartig auf, daß es bis 816 weder einen im eigentlichen Sinn des Wortes verstandenen Benediktinerorden gab, noch ein im Geiste Benedikt von Nursias gelebtes Benediktinertum, von zugestandenen Einzelfällen, wie z.B. Aniane, abgesehen” [L. 1989, 138; Hvhg. HI].

So kann der Sohn eines westgotischen Grafen Kriegsdienste unter Pippin d. J. und Karl d. Gr. leisten und später auf Grundbesitz seines Vaters sein eigenes Kloster Aniane gründen, dem er nicht mehr als getaufter Witiza, sondern als Abt Benedikt (von Aniane) vorsteht. Er berät Ludwig den Frommen, damals noch Unterkönig von Aquitanien, und Karl d. Gr. und wird nach dessen Tod unter Ludwig Reichsabt sowie Abt von Inden, dem Kloster im heutigen Aachener Stadtteil Kornelimünster. Bereits 816 verfügt wegen ihm die Aachener Synode, dass nur noch eine Regel im Reich gelten solle, die Regula Benedicti. Dieser Durchbruch wird als „anianische Zäsur”, als „die zweite Geburtsstunde des Benediktinerordens” bezeichnet [L. 1989, 148], ja sogar als erste, verlegen doch „manche Forscher [...] die Geburtsstunde des Benediktinertums auf dieses Jahr 816″ [L. 1995, 9]. Hier muss allerdings daran erinnert werden, dass bereits 802 unterm großen Karl „bereits einmal die Benediktregel zum alleinigen Lebensgesetz des fränkischen Mönchtums erklärt wurde” [Schieffer, 97; dito Braunfels, 73]. Insofern scheint hier eine schöne Doppelung von Nursia und Aniane zur Bekräftigung des Benediktinertums vorzuliegen.

Das Kloster in Aniane hatte „als eines der größten im Frankenreich bald schon 300 Mönche und eine beispielhafte Ausstrahlung” [Heiligenlexikon]. Und wir würden den Orden nunmehr wirklich aufblühen sehen – jedoch: „Nach dem Tode (821) des Motors und Mentors der Reform scheint deren Erfolgswelle wieder sehr schnell verebbt zu sein [L. 1989, 199].

„Die Reform blieb nicht ohne Widerstand, der sich nach Benedikts Tod noch verstärkte. Während sich in seiner Heimat in Südfrankreich eine begrenzte Verehrung entwickelte, geriet seine Grabstätte in Aachen in Vergessenheit. Sie wurde bis heute nicht gefunden” [aniane].

„Der Fortgang der historischen Entwicklung [...] waren [sic] der Stabilisierung der Ergebnisse der anianischen Reform nicht hold. Es dauerte fast ein Jahrhundert, bis sich über ein persönlich von Benedikt von Aniane reformiertes Kloster im Jura [Baume-les-Messieurs] – 910 mit der Gründung von Cluny – das reformierte Benediktinertum endgültig im Abendland durchsetzte” [L. 1995, 9].

Demnach können die Benediktiner auch in den 90 Jahren zwischen Benedikts Tod und Clunys Gründung ihre Ordensbewegung nicht ausweiten. Wo künden Klosterüberreste aus dieser Zeit von einer Expansion?

Da will ein weiterer Blick auf die Regula geworfen sein. Eigentlich war sie nun Reichsrecht und für alle Klöster zwingend. Ursprünglich war sie und  der jeweilige Abt die Instanz für die Mönche. Doch in den großen Klöstern übernahm die Consuetudo, besser gesagt übernahmen die Consuetudines, also die Gebräuche, die Rolle des Abtes [L. 1989, 152]. Hier wurde auch das Zusammenspiel zwischen RB und der klösterlichen Architektur geregelt. Frühestes Beispiel dafür sind die Consuetudines Farvenes, also jene des Klosters Farfa von ca. 1042 [ebd., 152]. Auch daraus ist weder für eine frühe Durchsetzung des St. Galler Idealplans noch für die frühe Einführung des Kreuzgangs etwas zu gewinnen. So wundert Leglers einschlägige Anmerkung nicht:

„Die sofortige Durchsetzung auch der architektonischen Vorstellungen von Benedikt von Aniane war nach dessen Tod schwerer Behinderung ausgesetzt” [L. 1989, 200].

Legler hat eine Zeitlang die Hypothese vertreten, dass Benedikt von Aniane selbst der Urheber des St. Galler Plans gewesen sei. Aber auch ohne sie gilt: Wenn sein oder der Plan für 90 Jahre ein unbeachteter Entwurf bleibt, muss diese allzu lange Zeitdauer abgeschwächt werden:

Keine hundert Jahre sind seit dem Tode Benedikts von Aniane und der Gründung des ersten von einer Reihe von Reformzentren vergangen. Zwischen 909 und 940 vollzog sich die erste Welle dieser zweiten großen Reform des Benediktinertums: Cluny 909, Brogne 920, Gorze 933, Fleury und Glastonbury 940″ [ebd.; Hvhg. HI].

Es sollte also „die Bedeutung der anianischen Reformation praktisch erst im 10. Jahrhundert voll zum Tragen kommen” [L. 1989, 53] – und Cluny ist als eigentlicher „regelrechter Nachfolger der anianischen Vorstellungen” zu verstehen [L. 1989, 200]. Wenn Clunys Abt Odo eine Occupatio verfasst, dann dürften seine Vorstellungen nicht allzusehr von denen Benedikts von Aniane abgewichen sein, sind doch „die engen geistigen Beziehungen zwischen Anianischer Reform und Altcluny schon von Albers [1905] aufgezeigt worden” [ebd., 164]. Hier wird endlich Wollasch [1996] verständlich, der Cluny und seiner Reformbewegung ein ganzes Buch widmet, ohne angeben zu können, worin diese Reform – außer juristischen Regelungen – bestanden hat.

Zusammenfassung und Ausblick

Somit haben wir bei den Benediktinern eine ähnliche Entwicklung wie bei ihrer Architektur: Ausgehend von einem fiktiven Begründer im 6. Jh. kann sich der Orden nicht nur nicht entfalten, sondern blüht allenfalls im Verborgenen. Dieser Zustand hält über 200 Jahre, bis 802 (Karl d. Gr.) respektive 816 an, als Kaiser Ludwig der Fromme einen zweiten Gründer zum Reichsabt erhebt und dessen Bemühungen um eine einzige Klosterregel durchsetzt (Synoden von Aachen). Zwanzig Jahre nach diesem scheinbar zukunftsweisenden „Fanal” erstirbt dieser Impetus für weitere 90 Jahre, bis er nach 910  plötzlich in praktisch unveränderter Form zu wirken beginnt und nun in Gestalt der kluniazensischen Reformbewegung das Abendland erfasst.

Dieses Geschehen bleibt mit seinem scheinbar jähen Aufflackern, mit seinen Strohfeuern von 529, 802 und 816 unverständlich. Unter der Prämisse einer Phantomzeit im frühen Mittelalter ergibt sich zwanglos, dass die angebliche Gründung durch Benedikt v. N. und die neuerliche Gründung unter Benedikt v. A. Verdopplung und Verdreifachung der kluniazensischen Klosterbewegung sind. Damit verlagert sich das Entstehen des Benediktinerordens von Italien ins Frankreich des 10. Jh.

Fleury bzw. St-Benoît-sur-Loire

Das ist bereits durch den Mythos geleistet worden, der davon spricht, dass die sterblichen Überreste des hl. Benedikts 673 durch den hl. Aigulf aus dem verwüsteten Montecassino in eines der ältesten Benediktinerklöster Galliens, Fleury verbracht worden sein sollen. (Die Reliquien der nur aus den gregorianischen Dialogen bekannten Zwillingsschwester von Benedikt, Scholastika, wurden ebenfalls durch Aigulf nach Le Mans und Juvigny überführt.) Freilich lagen auch auf dem Monte Cassino die sterblichen Überreste der beiden heiligen Geschwister, wie das Bombardement im Zweiten Weltkrieg aufdeckte. Einen deutlichen Hinweis gibt obendrein der Name Aigulf des Reliquienüberträgers; denn so heißt auch der Vater Benedikts von Aniane [bautz].

Fleury ist schließlich in St-Benoît-sur-Loire umgetauft worden. 1067 ließ sein Abt Wilhelm dem hl. Benedikt v. N. zuliebe die Krypta für die Reliquien, den romanischen Doppelchor, Querschiff und den Portalturm bauen (geweiht 1108; das Langschiff entstand erst gegen 1150 [Toman, 129; wiki  Fleury]. Der Reliquienschrein des Heiligen ist verschwunden.

Cluny

Cluny sollte die Reform kraftvoll vorantreiben. Herzog Wilhelm von Aquitanien stiftete am 11. 9. 910 das Kloster – eine mit Sicherheit falsche Urkundenangabe, weil Datum und Wochentag nicht zusammenpassen [Wollasch, 19]. Insofern ist das Gründungsjahr 910 durchaus ungesichert. Der Herzog schloss jede weltliche Gewalt (Exemtion) und jede geistliche Gewalt über das Kloster respektive seine inneren Angelegenheiten aus (Immunität), gestattete den Mönchen freie Abtswahl und unterstellte das Kloster direkt dem Papst. Wirtschaftliche Nutzung war nicht vorgesehen. So wurde aus der unbedeutenden, archäologisch kaum nachgewiesenen Ansiedlung Cluny I [arge] ein Kloster mit 400 Mönchen, dem in der höchsten Blüte 20.000 Mönche und 1.200 Klöster unterstanden. Seine im 10. und 11. Jh. überraschend lang regierenden Äbte – wurde die Zeit zwischen Gründung und Maiolus gestreckt? – waren u.a. auch Berater der ottonischen Könige.

910- 927 Berno

927- 942 Odo

942- 964 Aymardus

964- 994 Maiolus, Begründer von Kirche II;

994-1049 Odilo: gestaltet Kloster II von Holz- in Steinbau um;

1049-1109 Hugo I., der ab 1088 die dritte Kirche errichten lässt.

Abt Maiolus soll die Bauphase II von Kloster und Kirche eingeleitet haben [Wollasch, 75]. Klar tradiert ist nur die Weihe der Klosterkirche II im Jahre 981, damals aber noch ohne die Mittelschiffswölbung, die dem Bau gerne von Anfang zugeschrieben wird.

Am bemerkenswertesten aus unserer Sicht ist der heilig gesprochene Odilo. Er erhielt (neuerlich oder als erster?) die päpstliche Freistellung vom Diözesanbischof, vermehrte die Zahl der von Cluny geleiteten Klöster von 35 auf über 70 und ließ den hölzernen Klosterkomplex in Stein neu aufführen Er beriet Kaiserwitwe Adelheid, deren Vita er schrieb, und Otto III., unterstützte die Kaiser Heinrich II., Konrad II. sowie Heinrich III. und hielt Kontakt mit den Königen von Frankreich, Ungarn, Navarra und León.

Cluny selbst hielt sich nicht an Benedikts „ora et labora”, verzichtete es doch seit seiner Gründung auf wirtschaftliche Nutzung, pflegte exzessiv Gebet und Liturgie und ließ Handarbeit von Laienbrüdern (Konversen) verrichten. Für seine Priorate und Abteien galt die sog. Reform von Aniane.

Cluny hat aber noch einen Vorläufer von kurzer Dauer, das bereits genannte Kloster Baume-les-Messieurs im französischen Jura [wiki]:

„In Baume-les-Messieurs liegt die Benediktinerabtei Saint-Pierre, die 909 gegründet wurde. Sie ersetzte das Kloster Baume-les-Moines, das im 6. Jahrhundert vom irischen Mönch Kolumban von Luxeuil gegründet worden war. Nachdem das Kloster von den Sarazenen und den Normannen verwüstet worden war, wurde es von Abbé Bernon wieder aufgebaut. Er verließ Baume-les-Messieurs 910 und gründete die Abtei von Cluny”.

Hier tritt zusammen, was zusammengehört: Ein Kloster von Kolumban (540-615), der von 590 bis 610 die Franken missioniert und zahlreiche Klöster gemäß seiner irischen Klosterregel gegründet hat, wird von Benedikt von Aniane nach seiner Regel reformiert. Nach den obligaten Zerstörungen durch Sarazenen und Normannen muss es 612||909 neu gegründet werden. Sein Gründerabt wechselt ein Jahr später ins neugegründete Cluny, das sich nach Benedikts Regel richtet. Streichen wir die Phantomzeit samt Benedikt von Aniane, dann wird aus einem irischen Kloster nach nur kurzer Dauer im 7.||10. Jh. ein Benediktinerkloster.

„Weder der früheste noch der dem Hl. Petrus geweihte Kirchenbau Bernons, der das Kloster zur ersten Blüte führte, sind bekannt. Das erhaltene 70 m lange Gotteshaus ist aus einer Epoche nach Bernon” [Aubert, 524].

Archäologische Funde aus den letzten Jahren sind nicht eruierbar. Und das karolingische Kreuz des Klosters [Schulze-Dörrlamm] ist wegen seines tassilonischen Tierstils nicht im 8. Jh., sondern um 1000 anzusiedeln [vgl. Illig/Anwander, 560]. Insofern bleibt für die Ordens- und die Architekturgeschichte ein ursprünglich irisches Kloster, das nach kurzer Zeit als benediktinisches Kloster weitergeführt wird.

Spätestens ab Odilos Abtszeit werden Cluny und der Benediktinerorden von meinen Überlegungen nicht mehr berührt.

Weiterungen

Die Datierung des St. Galler Klosterplanes

Die traditionelle Entstehungszeit des St. Galler Riesenpergaments (beachtliche 112 x 77,5 cm) kann nicht gelten, da sie die Vorläufer zu weit in die Vergangenheit zurückdrängt und keine direkten Nachfolger zu erkennen sind. Deshalb muss eine Alternativdatierung gesucht werden. Dabei gibt uns mangels Besserem die paläographische Bestimmung des rückseitigen Textes (Martins-Vita) die Datierung auf vor 1200. Doch wie viele Jahre davor?

- Die eingezeichneten Türme verweisen auf eine Zeit nach 980,

- Alle drei eingezeichneten Kreuzgänge sind mit einer Mischung aus Arkadenstellungen und Wandkompartimenten wiedergegeben, also noch nicht mit einer durchgehenden Arkadenabfolge [L. 1989, 235]. Das bringt sie zu den Anfängen der gebauten Kreuzgänge.

- Im Hauptkreuzgang ist auf der Kirchenseite links und rechts eine Linie eingezeichnet, die Legler als Holzbank deutet. Eine mobile Bank auf nur einer Kreuzgangsseite verweist den Plan in die Anfänge des Kreuzgangs.

- Einstimmigkeit herrscht darüber, dass der Westchor des Alten Doms zu Köln sehr starke Ähnlichkeiten mit dem auf dem Plan hat. Freilich ist die Datierung dieses direkten Vorgängerbaus des gotischen Doms höchst umstritten: Sie reicht von 800 über 875 und 960 bis ans Ende des 10. Jh. Die karolingischen Ursprünge sind den Schriftquellen (und dem Sensationismus eines Sven Schüttes) geschuldet [vgl. Illig 2007], während der Architekturhistoriker Binding für Mitte des 10. Jh. plädiert hat.

Hugo Simon kann in Kombination von Baubefund und Analyse einer Dom-Abbildung im Hillinus-Codex diesen auf 1007/08 datieren und die Frage aufwerfen, ob nicht der Westchor wie auch die Seitenschiffe unter Erzbischof Heribert (999-1021) gebaut worden sind [Simon]. Das würde das gesuchte Zeitfenster auf die Jahre zwischen 999 und 1007 einengen.

- Als Argument ausgedient hat der sog. Kreuzgangsrest von St. Pantaleon in Köln, der bei 965 gesehen worden ist. Die

„Folge von Kleinarkaden auf typisch mittelalterlichen Miniaturstützen über einer hochgezogene Sockelbank, z.B. St. Pantaleon, erfolgte aber erst relativ spät, wahrscheinlich nicht vor dem 10. Jh.” [L. 1989, 246].

Da Legler heute in ihm die Reste des Kapitelhauses sieht, darf die skizzierte Entwicklung noch später, erst nach 1000 eingesetzt haben.

- Der Plan greift nichts von dem auf, was in einem – herkömmlich datierten – Aachen gerade erst fertiggestellt worden wäre: herrscherliches Westwerk, Westfassade, Atrium, lange überdachte Prozessionswege [L. 1989, 160], obwohl Benedikt v. A. Reichsreform dank Karl d. Gr. und/oder Ludwig dem Frommen durchgeführt worden sein soll. So ließe sich schließen, dass bei Planerstellung Aachen noch nicht gebaut war.

Bei Würdigung aller Punkte kommt für den Entwurf des Klosterplans nur die Zeit dicht bei 1000 in Frage. Auch in diesem Fall wäre er – aufbauend auf den uns kaum bekannten hölzernen Frühformen – nach wie vor ein genialer Wurf für die Gesamtkonzeption eines Klosters, der leider nie realisiert worden ist. Insofern behielte Legler recht mit seiner Einschätzung eines „Urknalls” anstelle einer durch v. Schlosser vertretenen „mehrhundertjährigen konstanten Entwicklung dieses klaustralen Schemas” [L. 1989, 123] – allerdings fast 200 Jahre später als bislang gedacht. Als Auftraggeber käme, wenn es bei der Entstehung auf der Reichenau bleibt, der dortige Abt Witigowo (ab 985) in Frage, der so baufreudig war, dass er wegen seiner Geldausgaben 997 zurücktreten musste (wohl „vom Bauwurmb befallen” wie Barockäbte [Hierl-Deronco, 11]). Sein zeitgenössischer Biograph Purchart bezeichnete ihn als „rechte Hand” Kaiser Ottos III.

Allerdings: Nachdem alle Forscher von einer Kopie ausgehen, ist zu fragen, ob zwischen Entwurf der Planung und der vorliegenden ausgearbeiteten Kopie nicht deutlich mehr als die bislang veranschlagten zehn Jahre liegen. Bei der Kopie geht man davon aus, dass der Kernbereich mit Kirche, Kreuzgang und Klausurgebäuden als erstes entstanden ist und dann erst durch Annähen weiterer Pergamente auf die erhaltene Größe gebracht worden ist.

Die Bezeichnung „Benediktiner”

Bislang schien klar, dass der älteste Orden Europas genauso wie Dominikaner oder Franziskaner nach ihrem Ordensgründer benannt wurden, zumal schon Benedikt von Aniane sich auf den ersten von Nursia bezogen zu haben schien. Wenn sich beide als fiktive Gestalten herausstellen, dann fehlt nicht der Ordensgründer als solcher – der ist in Cluny zu suchen und kann Abt Berno oder auch Abt Odo gewesen sein -, sondern der Namensgeber. Allerdings liegt im Falle von Benedictus ein sprechender Name vor, wie Gregors Dialoge [II:1; vgl. ettal] gleich eingangs hervorheben: „Der Gnade und dem Namen nach war ein Gesegneter.” Also der Gesegnete, der Gebenedeite, der  Gepriesene (vgl. auch S. 155). Das Wort kommt aber auch mehrfach in der Liturgie vor, etwa am Ende des Sanctus:Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn” (Benedictus qui venit in nomine Domini).

Weiter ist das Benedictus ein Lobgesang, der im Stundengebet in den Laudes der Benediktiner feierlich gesungen wird. Er leitet sich aus dem Lukasevangelium her [Lk 1,68-79]. „Als Höhepunkt der Laudes bildet das Benedictus das liturgische ‚Gegenstück‘ zum Magnificat der Vesper” und beginnt mit: Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels! [wiki]

Insofern ließen sich gute Gründe dafür finden, warum der Orden eine Regula Benedicti erhielt. Im Übrigen bleibt er auch bei seiner Gründung im 10. Jh. der älteste Mönchsorden des Abendlandes. Allerdings widersprechen dem in gewisser Weise die Dialoge, benennen sie doch bereits vor Gründung von Montecassino einen Abt Adeodatus [II,1,5] und Benedikts Eintritt ins Kloster Vicovaro, dessen Mönche ihn wegen seiner Strenge alsbald vergiften wollten [II:3,3]. So geht der Dialoge-Verfasser bereits von einem blühenden Mönchs- und Klosterleben aus.

Geschichte des Benediktinerordens

Seit 60 Jahren haben die benediktischen Gelehrten kritisch das Entstehen ihres Ordens hinterfragt. Dabei sind die ersten drei Stätten der Ordensbildung: Subiaco, Vicovaro und Montecassino in Frage gestellt worden. Hinfällig wird die symbolträchtige Klostergründung von 529, das Stadtexil in Rom, die neuerliche Blüte von 717 bis 883 samt neuerlicher Zerstörung, 883. Insofern begann benediktinisches Leben in Italien erst Mitte des 10. Jh.

Gleichfalls entfällt die sog. „Mischregelperiode” zwischen ca. 600 und 800, die angesichts konträrer Zielsetzungen schwer vorstellbar wäre. Vielmehr gab es bis 614 eine kurze Zeit der irischen Mission ohne Benediktiner, gefolgt vom kluniazensischen Aufschwung. Da die Iren auch später noch auf dem Kontinent aktiv waren, mag es seltsame Mischregeln gegeben haben, so sie nicht im Nachhinein erfunden worden sind.

Clunys Gründung muss nicht 910 oder 911 erfolgt sein. Der Tod seines Gründers, Wilhelm I. von Aquitanien, genannt der Fromme, wird bei 918 gesehen. Wenn wir bei ihm bleiben, sind auch die Jahre bis 918 möglich, während der erste Aufschwung unter Abt Odo bis 942 stattgefunden haben mag. Spätesten ab Odilo bleibt es bei der bekannten Geschichte des Klosters.

Der Rückbezug auf die Regeln Benedikts von Ariane und Benedikts von Nursia wirkt wie der Gewinn ehrwürdiger Tradition gegenüber allen Konkurrenten, etwa den bald danach auftretenden Augustinerchorherren, die aber erst im späteren 11. Jh. ihre einheitliche Regel bekamen. Auch das dem hl. Benedikt von Nursia zugeteilte Sterbedatum gehört zu dieser Traditionsgewinnung, ist doch der 21. 3. als Tagundnachtgleiche Dreh- und Angelpunkt  für Kalender- wie für die kirchliche Osterrechnung. Das angebliche Stammkloster auf dem Monte Cassino bildet sich erst ab 950 und scheint wenig erfolgreich zu sein, wenn man den erst viel später einsetzenden Kreuzgangsbau zum Maßstab wählt.

Das korrespondiert mit der kirchlichen Situation in Mittel- und Oberitalien. Abgesehen von Rom selbst, das romanische Kirchenbauten besitzt, die zum Teil als karolingische ausgewiesen werden [Illig 1996b], setzt hier der Großkirchenbau erst mit dem Jahr 1063 ein, als der Dom zu Pisa begonnen wird, während die heutige Markuskirche in Venedig im Bau ist. Dieser ‘Startpunkt’ liegt deutlich hinter denen von Frankreich und Deutschland, der hier schon knapp vor 1000 anzusetzen ist und wegen Karolingisierungen bislang noch viel früher gesucht worden ist.

Bayrischer Ausklang

Die Überlieferung kennt zahlreiche Benediktiner- und auch Mischregelklöster in Altbayern, die uns frühe Klosterbauten, insbesondere Kreuzgänge hinterlassen haben könnten. Nachdem Anwander und ich [2002] eine bayernweite Untersuchung vorgelegt haben, lässt sich über den archäologischen Befund auf diesem Gebiet befinden. Urkundliche Nennungen und Extrapolationen:

508 Scheyern (plausibler 1076/77) 753 Wessobrunn
600 Weltenburg (irisch) 760 Ilmmünster
730 Freising, zwei Klöster vor ~ 762 Schäftlarn
731 Niederaltaich 763 Scharnitz
739 Benediktbeuern 764 Ottobeuren
739 Regensburg, St. Emmeram 766 Metten
740 Chiemseekloster 772 Schlehdorf
741 Niederalteich 779 Schliersee, vor ~
746 Tegernsee (alternativ 765) 780 Münsterschwarzach
748 Isen, vor ~ 782 Chiemseekloster
749 Otting (Waging) 788 Moosburg, vor ~
750 Thierhaupten 788 Münchsmünster, vor ~
750 Staffelsee 788 Pfaffenmünster, vor ~

Die Liste fürs 8. Jh. ist selbst vom Umfang her wenig wert, da die meisten Gründungen auf schwankendem Boden und in vager Zeit errichtet worden zu sein scheinen [Spindler, 204-226; Illig/Anwander, passim; Wikipedia-Einträge].

Nach der Agilolfingerzeit und dem großen Klostergründer Tassilo III. geht es nicht mehr voran, sondern bergab. „Aufs Ganze gesehen ist im karolingischen neunten Jahrhundert eine absteigende Linie in der monastischen Entwicklung feststellbar” [Spindler, 464]. Gab es unter Ludwig dem Frommen noch 15 Reichsabteien, gibt es um 900 nur noch etwa sechs solche Klöster; „im Laufe des zehnten und elften Jahrhunderts kamen noch einige hinzu” [ebd., 465].

Anwander und ich haben für die Zeit bis 911 gezeigt, dass es keine Klosterüberreste gibt, schon gar keinen Kreuzgang – mit Ausnahme von Frauen- und Herrenchiemsee. Allenfalls dort schienen Klostergebäude samt Kreuzgang schon im späten 8. Jh. nachweisbar. Aber schon vor uns hat Legler an dessen Ausgrabungen und Nachprüfungen fundamentale Kritik geübt:

Bei der von Miloj‡i… auf Frauenchiemsee ergrabenen Anlage fehlt „für eine komplette geschlossene Vierflügelanlage im 8. Jh. jedoch [...] jegliche Spur” [L. 1989, 406]; Dannheimers 40 Jahre spätere Interpretation [2005] ohne weitere Grabung hat keine bessere Basis [Illig 2008, 76]; zudem wäre nördlich der Alpen der Kreuzgang ‘im Prinzip’ südlich der Kirche zu erwarten [zu den Ausnahmen L. 2007, 43].

Auch für Kloster Herrenchiemsee des 8. Jh. vermisst Legler den entsprechenden Nachweis für einen Kreuzgang, hatte es doch selbst für den Ausgräber Dannheimer

„ganz den Anschein von baulich miteinander verbundenen langgestreckten Einzelbauten, die um einen mehr oder weniger rechteckigen Hof angeordnet worden waren [L. 1989, 407].

18 Jahre später hat Legler sein Urteil noch einmal bestätigt [L. 2007, 24]. Damit ist klargestellt, dass auch auf den Chiemseeinseln keine Kreuzgänge vor 1000 entstanden sind [Illig 2008, 116 ff.].

Literatur

Abtei = http://www.officine.it/montecassino/main_d.htm

aniane = http://www.orden-online.de/wissen/b/benedikt-von-aniane/

arge = http://www.arge-projekte.at/proj5.html

Aubert, Marcel (²1973): Romanische Kathedralen und Klöster in Frankreich; Wiesbaden

Bautz = Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon online. Artikel von Friedrich Wilhelm Bautz über den hl. Benedikt

http://www.bautz.de/bbkl/b/benedikt_v_n.shtml

Berschin = http://www.uni-heidelberg.de/presse/news05/2510mitt.html

Braunfels, Wolfgang (131994): Karl der Große; Reinbek (11972)

Clark, Francis (1987): The Pseudo-Gregorian dialogues, 2 Bde. (Studies in the history of Christian thought 37-38); Leiden

Dannheimer, Hermann et al. (2005): Frauenwörth. Archäologische Bausteine zur Geschichte des Klosters auf der Fraueninsel im Chiemsee; München

ettal = http://www.kloster-ettal.de/vita_benedicti/vorwort.htm [Enthält das 2. Buch von Gregors Dialogen und Literaturhinweise auf den Streit um die Urheberschaft dieses Buches]

Fried, Johannes (1996): Wissenschaft und Phantasie. Das Beispiel der Geschichte; in Historische Zeitschrift, Band 263, 291-316

- (2004): Der Schleier der Erinnerung. Grundzüge einer historischen Memorik; München

Heiligenlexikon: Benedikt von Aniane unter

http://www.heiligenlexikon.de/BiographienB/Benedikt_von_Aniane_Witiza.htm

Hierl-Deronco, Norbert (2001): Es ist eine Lust zu bauen. Von Bauherren, Bauleuten und vom Bauen im Barock in Kurbayern-Franken-Rheinland; Krailling

Hoffmann, Volker (1995): Der St. Galler Klosterplan – einmal anders gesehen; in Zeitensprünge 7 (2) 168-180 (Erstpublikation 1989)

Illig, Heribert (1993): Das Ende des Hl. Benedikt? Der andere ‘Vater des Abendlandes’ wird auch fiktiv; in Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart 5 (2) 23-28

- (1994): Doppelter Gregor – fiktiver Benedikt. Pseudo-Papst erfindet Fegefeuer und einen Vater des Abendlandes; in Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart 6 (2) 20-39

- (1996a): Das erfundene Mittelalter; Düsseldorf (dann München, dann Berlin)

- (1996b): Roms ‘frühmittelalterliche’ Kirchen und Mosaike. Eine Verschiebung und  ihre Begründung; in Zeitensprünge 8 (3) 302-326

- (1997): ‘Karolingische’ Torhallen und das Christentum. Rings um Lorsch und Frauenchiemsee; in Zeitensprünge 9 (2) 239-259

- (2007): St. Pantaleon – vier Rekorde fürs Guinness. Sven Schütte als karolingischer Lückenbüßer; in Zeitensprünge 19 (2) 341-368

- (2008): Die Chiemseeklöster. Neue Sicht auf alte Kunst; Gräfelfing

Illig, Heribert / Anwander, Gerhard (2002): Bayern in der Phantomzeit; Gräfelfing

Jacobsen, Werner (2004): Die Anfänge des abendländischen Kreuzgangs; in Klein, 37-56 [Vortrag von 1999]

Klein, Peter (2004): Der mittelalterliche Kreuzgang. The medieval Cloister – Le cloître au Moyen Age. Architektur, Funktion und Programm; Regensburg (Texte des internationalen Symposium vom 11.-13. Juni 1999 in Tübingen)

Legler, Rolf (1984): Der Kreuzgang. Ein Bautypus des Mittelalters (Dissertation); unpubliziert

- (1989): Der Kreuzgang. Ein Bautypus des Mittelalters; Frankfurt u. a.

- (1995): Kreuzgänge. Orte der Meditation; Köln

- (2004): Der abendländische Kreuzgang – Erfindung oder Tradition? in Klein, 66-89

- (2007): Mittelalterliche Kreuzgänge in Europa. Imhof-Kulturgeschichte; Petersberg

Plan1 = http://karolingischeklosterstadt.com/6.html

Plan2 = http://www.stgallplan.org/de/manuscript_verso.html

Schieffer, Rudolf (1992): Die Karolinger; Stuttgart u. a.

Schlosser, Julius von (1889): Abendländische Klosteranlagen des frühen Mittelalters; Wien

Schmitz, Susanne (1999): Der St. Gallener Klosterplan; Saarbrücken

http://www.recenseo.de/druck.php?idx=97&instidx=&navx=Inhalt

Schulze-Dörrlamm, Mechthild (1998): Das karolingische Kreuz von Baume-les-Messieurs, Dép. Jura, mit Tierornamenten im frühen Tassilokelchstil; in Archäologisches Korrespondenzblatt Jg. 28, 131-150.

Semmler, Josef (1963): Die Beschlüsse des Aachener Konzils im Jahre 816; in Zs. f. Kirchengeschichte. Bde I/II, 15-82

Simon, Hugo (2001): Architekturdarstellungen in der ottonischen Buchmalerei. Der Alte Kölner Dom im Hillinus-Codex; in Stefanie Lieb (Hg.): Stil und Form (Festschrift Binding), Darmstadt, 32-45

http://www.ceec.uni-koeln.de/projekte/CEEC/texts/Simon01.htm

Spindler, Max (Hg., 1981): Handbuch der bayerischen Geschichte. Band I; München

Stein, Werner (1987): Der große Kulturfahrplan; München · Berlin

Tamerl, Alfred (2003): Antikes und Karolingisches in Tirol; in Zeitensprünge 15 (1), 105-136

tournus = http://www.tournugeois.fr/ot/fr/decouvrir-patrimoine.html

uni = http://www.uni-heidelberg.de/presse/news05/2510mitt.html

weltschätze = http://www.schaetze-der-welt.de/denkmal.php?id=96

wiki = Wikipedia-Einträge

Wollasch, Joachim (1996): Cluny – „Licht der Welt”. Aufstieg und Niedergang der klösterlichen Gemeinschaft; Zürich

Anfügung vom 6. 9. 2010:

Johannes Fried, der noch 2004 die Existenz des hl. Benedikts für zweifelhaft erachtet hat, hat sich spätestens am 15. 4. 2010 [Die Zeit] meiner Meinung von 1994 angeschlossen: „Benedikt gab es nicht.“ Seitdem ist auch Wikipedia dieser Meinung. Die Priorität beansprucht freilich Fried – doch zu Unrecht.

Ein Kommentar zu “Fehlende Kreuzgänge und Benediktiner – Entwicklung von Bautyp und Orden”

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16. November 2009                     Kategorie(n): Artikel aus den ZS, Fantomzeit, Zeitensprünge

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Höhen und Tiefen der Archäoastronomie – Maya-Kalender und Astrolabien

von Heribert Illig (aus Zeitensprünge 1/2004)

Eine Revolution im Maya-Kalender

Wie mir dankenswerterweise Karl-Heinz Lewin, Haar, mitteilte, gibt es erstaunliche Neuigkeiten beim für seine Genauigkeit gerühmten Kalender der Maya. Andreas Fuls [2004, passim] hat Forschungen, die er zusammen mit Brian Wells in den letzten Jahren betrieben hat, in Spektrum der Wissenschaft vorgestellt.

Seit 1927 ist man davon ausgegangen, dass der Startpunkt der ‘Langen Zählung’ des Maya-Kalenders auf dem 8. 9. -3114 gelegen hat – so die Synchronisation mit dem christlichen Kalender. Sie ist aus verschiedenen Komponenten ermittelt worden: aus Sonnenjahren, synodischen Umlaufzeiten der Venus, einschlägigen Korrekturwerten, überlieferten Finsternissen und Frühlingspunktangaben. Gerade wegen der verschiedenen astronomischen Werte wollte keine einheitliche Linie gelingen, so etwa wenn Nancy Owen eine Synchronisation anhand einer Serie von Sonnenfinsternissen versuchte, aber nicht den notwendigen Neumond, sondern den Vollmond traf. Mittlerweile gibt es sechs Korrelationen zur christlichen Zeitrechnung, die auf schriftlichen Quellen (leider vorwiegend spanischen) und mindestens 18 weitere mit astronomischer Begründung.

Nun haben Fuls und Wells das getan, was man eigentlich schon längst als erledigt wähnte: Sie verglichen Rückrechnungen mit Maya-Aufzeichnungen (Dresdner Codex) und mit entsprechenden Stelen-Inschriften, wobei sowohl die Sonnenfinsternisse wie die Monddaten berücksichtigt werden. Damit sind wesentlich präzisere Abgleiche möglich. Erstmals kann man von einer wirklichen archäoastronomischen Prüfung sprechen.

Bei vier Voraussetzungen – Venus erscheint als Morgenstern, es ist Neumond, die Sonne geht durch den Mondknoten und es ist Frühlingsanfang – ergaben sich vier mögliche Konstellationen zwischen 3688 und 3408, dazu noch -2906. Die Forscher entschieden sich aus dem einfachen Grund für die späteste Jahresangabe, weil sie das Ende der klassischen Mayakultur um 208 Jahre von ca. 850 ins 11. Jh. verschiebt. Diese Jahrhunderte waren bislang in der schon gegen 850 aufgegebenen Mittelprovinz [Disselhoff 116] dunkel: ohne Bauten, ohne Lebenszeichen, die südlichen Maya-Städte aufgegeben und dafür solche im Norden gegründet. Eine absolut rätselhafte Umbruchszeit, für die bislang viele Erklärungen gegeben worden sind: von ausgelaugten Böden  über mangelnde Regenmengen, zusammengebrochene Kanalsysteme oder Revolten gegen die Priesterkaste bis hin zum Lebensraumwechsel als Tribut an ein übersteigertes Kalenderwesens. Sie werden nun allesamt Makulatur.

Ein solche Umgruppierung kann eigentlich nur funktionieren, wenn es keine tradierten Datierungen für diese postklassischen Zeiten gibt. Tatsächlich ist das letzte Datum gemäß langer Zählung im bisherigen Jahr 909 (jetzt 1117 n. Chr.) in Stein gehauen worden [Schele/Freidel 655; Disselhoff 125]. Außerdem gilt die Blütezeit der Mittelprovinz explizit als “Zeitalter der langen Rechnung” [Disselhoff 123]. Danach sind offensichtlich – Fuls behandelt diese Problematik ganz ungenügend – nur noch Datierungen verwendet worden, die sich viel rascher wiederholten. (Der Maya-Kalender kennt das gemeinsame Vielfache von 260 und 365 Tagen (Tzolkin und Haab) als Periode von 52 respektive 104 Jahren. In späterer Zeit gab es auch die Katun-Periode von 8.000 Tagen, die nach jeweils 256 ¼ Jahren zu gleichen Tagesbezeichnungen führte).

Gleichwohl gibt es auch später noch ‘lange’ Daten. In dem Kultzentrum Chichén Itzá ist mehr als ein Jahrhundert, 867 bis 998, mit Kalenderdaten belegt, die in der Wells-Fuls-Korrelation der Zeit 1075–1206 entsprechen. Die Verschiebung bestätigt sich dadurch, dass in Chichén Itza toltekische Einflüsse nachzuweisen sind, obwohl das Toltekenreich erst zwischen 1000 und 1200 geblüht haben soll. Aber die nach 900 niedergeschriebenen Daten müssen modifiziert werden. Deshalb postulieren Wells und Fuls eine Kalenderreform, für die einige, wenn auch nicht sonderlich harte Argumente genannt werden [Fuls 54 f.].

Es geht uns im Moment aber nicht um die Rätsel der Maya-Datierungen, sondern um den formalen Lösungsansatz: Die Zeitachse wird um 208 Jahre gekürzt, eine Phantomzeit von 208 Jahren aus der Geschichte gestrichen und eine Kalenderreform postuliert und niemand heult auf!

Man kann sich nur wundern: Genau diese wesentlichen Elemente sind für die Phantomzeit in der Alten Welt genannt worden: Es sind sogar drei Kalenderreformen in Byzanz, bei den westlichen Christen und bei den Juden nachgewiesen – doch da hat dieselbe Redaktion nur Spott und Hohn übrig gehabt. Ihr Mitglied Christoph Pöppe bezeichnete diese These als “Unfug”, über den er “nie ernsthaft” nachgedacht habe [10/2003]. Jetzt, von Archäoastronomen vorgetragen, wird der Ansatz von Spektrum der Wissenschaft mit Freude präsentiert. Die Haltung ist insofern verständlich, als bei den Mayas dank unseres Nichtwissen keine Geschichte zu Fabelgeschichten herabgestuft werden muss, weil kein berühmter Mensch zum Phantom wird.

Still sind die C14-Spezialisten, wird doch nun auch in Zentralamerika demonstriert, dass sie ihre Messungen brav nach der geglaubten Zeitskala  kalibriert und deshalb die überflüssige Zeit nicht bemerkt haben. Das ist ein weiterer, substanzieller Nachweis ihrer angemaßten Wichtigkeit, die in Wirklichkeit allenfalls eine dienende Funktion beanspruchen könnte. Still sind bislang auch andere Archäoastronomen, denn ihnen ist demonstriert worden, dass sie ihre Synchronisationen in den letzten 75 Jahren nicht hinreichend präzise untermauert haben.

Bislang stand der Maya-Kalender in keinem Zusammenhang mit der Phantomzeitthese, gab es doch keine geschichtlichen Abgleichsmöglichkeiten zwischen Alter und Neuer Welt vor 1492. Nunmehr liegt ein ernsthafter Versuch vor, anhand rückrechenbarer Himmelsereignisse die tatsächliche Verbindung zur christlichen Zeitrechnung zu schlagen. Dabei ist aber die Altweltchronologie mitsamt der Phantomzeit als Stütze benutzt worden. Wird die hiesige Phantomzeit von der Zeitachse gestrichen, hat dies nunmehr Auswirkungen auf die transatlantische Kalkulationen. Es wäre zwar verführerisch, das oben genannte Datum -3408 festzuhalten, weil es 294 Jahre vor -3114 liegt und damit bis auf drei Jahre die östlich des Atlantik präferierte Zeitspanne bestätigen würde. Doch die Rechnung geht anders (vgl. Graphik):

Maya-Kalender

Das Datum 3114 v. Chr. wird durch 2908 v. Chr. ersetzt. Ab da läuft die Chronologie der Mayas, in Stein festgehalten auf Stelen und Bauwerken, wobei erwähnt sein will, dass derartige Daten erst seit dem -4./3. Jh. aufgezeichnet worden sind. Doch es wird nicht die gesamte Zeit der Mayas um diese 208 Jahre verjüngt. Denn alle Daten nach 1116 n. Chr. bleiben unverändert. Tatsächlich verjüngt sich das letzte auf Stelen genannte Datum der langen Zählung (908 n. Chr.) um 208 Jahre, wird also zu 1116 n. Chr. Dieses Jahr ist noch nicht sicher, weil niemand weiß, ob nicht unmittelbar nach 908 oder doch erst einige Jahre später diese Datierungsweise aufgegeben und durch eine wesentlich kürzer zurückreichende Darstellung ersetzt worden ist. Aber wir bleiben zunächst bei der Identität 908 = 1116.

Während die zur Rechnung benutzte Zeitskala mit ihren rückgerechneten Sonnenfinsternissen und anderen Himmelsereignissen gültig bleibt, müsste aber nun noch die Phantomzeit zwischen 614 und 911 n. Chr., also die Identität der beiden Jahre berücksichtigt werden. Damit würde sich das Startjahr der Maya-Rechnung rein zahlenmäßig von 2908 v. Chr. auf 3205 v. Chr. verschieben, sofern wir die leeren Jahre ersatzlos streichen. Allerdings hat es sich zumindest für die Zeit ab der relativ gut belegten Antike, also ab dem archaischen Griechenland als sinnvoller erwiesen, die Leerjahre als Jahreszahlen ohne geschichtlichen Inhalt zu belassen.

Postskriptum: Thomas Frenz hat bei seinem Plädoyer für Apokalypsen und gegen die Phantomzeit (s. S. 93 ff.) auch auf den Maya-Kalender verwiesen, obwohl er eigentlich nicht unter die von ihm vorgestellten “mittelalterlichen Berechnungen” fällt. Er war ihm in dem Zusammenhang mit apokalyptischen Vorstellung wichtig, weil die Mayas in zyklischen Weltuntergängen dachten. Ihre fünfte Welt sollte gemäß Frenz [117] im Jahr 2007 oder 2008 untergehen. Die Rechnungen von Fuls zeigen, dass derartige Kalkulationen, wie noch 2003 von Frenz vorgetragen, schnell veralten können. So erledigt sich die Angst vor dem allerdings sehr dezent geschürten Weltuntergang: Auch bei 2007/8 müssen bei jetzigem Stand 208 Jahre hinzugerechnet werden, so dass die derzeit Lebenden beim erwarteten Kataklysmus weitgehend unbeeinträchtigt bleiben sollten.

Islamische und christliche Astrolabien

Bei der Suche nach islamischen Hinweise auf die Phantomzeit begegnete mir eine Textstelle, die eine Sensation hätte sein können. Sie steht in einem großformatigen Werk Francesco Gabrielis über islamische Einflüsse in Europa:

“Das flache Astrolab ist das wichtigste Instrument der älteren Astronomie. Die Muslime vervollkommneten es, auch wenn es offensichtlich – zumindest theoretisch – schon früher bekannt war (Beispiele haben sich aber nicht erhalten). Die Bezeichnungen Asturlab bzw. Usturlab sind vom griechischen astrolábos bzw. astrolábon órganon abgeleitet. Bei dem von Ptolemaeus in seinem Almagest unter diesem Namen erwähnten und  beschriebenen Instrument handelt es sich jedenfalls nicht um ein flaches Astrolab, sondern um eine Armillarsphäre. Das flache Astrolab gründet auf der Theorie der stereographischen Projektion, die sich bis auf den Griechen Hipparch (um 150 v. Chr.) zurückführen läßt. Das älteste bisher bekannte datierte stammt von 927/28. Eines der ältesten Beispiele scheint das aus dem Museum für Geschichte der Naturwissenschaften in Florenz zu sein – falls es wirklich im 11. Jahrhundert angefertigt wurde. Es ist freilich in einem Behälter aufbewahrt, der eine lateinische Inschrift trägt, nach der »es aus Spanien gebracht und angefertigt wurde, als die Frühjahrstagundnachtgleiche auf den 15. März fiel, d.h. im Jahre 1252«. Es besteht ein offensichtlicher Widerspruch zwischen dieser Jahreszahl und den astronomischen Angaben auf dem Instrument, das heißt der ekliptikalen Länge der Sterne. Der Stern Regulus steht hier bei 15° im Tierkreiszeichen Löwe, heute würde er bei 30° stehen. Wegen der Präzession (Vorrückung der Tagundnachtgleichen), welche die Längenwerte alle 72 Jahre um etwa einen Grad verschiebt, kommt ein Zeitpunkt vor mehr als 1000 Jahren in Frage (die Araber rechneten allerdings mit 1° in 66 Jahren, das ergäbe Ptolemaeus = 138 n. Chr. + 825 Jahre = 963, also grob annähernd die Mitte des 10. Jahrhunderts).” [Gabrieli 162]

Wir erfahren hier von einem ungelösten Rätsel. Der Stern Regulus (α leo) ist eine markante Himmelserscheinung direkt auf der Ekliptik, so dass bei seiner Positionsbeschreibung keine Höhenangabe nötig ist und damit Beobachtungsfehler vermieden werden. Für Regulus gibt es nun drei Werte: 2,5° zu Zeiten von Ptolemaios, zumindest für ‘seine’ Zeit um 150 n. Chr. – dann 15° zu Zeiten der Astrolaberstellung – und ca. 30° in der Gegenwart. Daraus lässt sich Folgendes errechnen:

1) Wir nehmen die Vermutung auf, dass der Hersteller sich an die Tafeln des Ptolemäus gehalten hat. Wenn diese 138 n. Chr. entstanden oder auf dieses Jahr hin berechnet worden sind, hätte das Vorrücken von Regulus für das Astrolab berechnet werden können. Die Araber gingen wie Ptolemäus davon aus, dass die Sterne der Ekliptik wegen der Präzession binnen 66 Jahren um 1° vorrücken, und auch von seinem Wert 2,5° für Regulus. Dann erhalten wir

(15° – 2,5°) x 66 [Jahre] + 138 = 963 n. Chr.

So steht es – siehe oben – bei Gabrieli, der jedoch die Diskrepanz zur Schatullenbeschriftung nicht erklären kann. Addieren wir aber die 297 Jahre Phantomzeit hinzu, so ergibt 963 + 297 = 1260 [n. Chr.].

Das ist die einzige mögliche Rechnung, die Geräteangabe und Begleittext zusammenbringt, denn ihr Ergebnis liegt dicht bei der Vorgabe von 1253 n. Chr. Weil sie bislang nie angestellt worden ist, ließ sich mit der Geräteangabe wenig anfangen. So wäre immerhin klargestellt, dass es sich keineswegs um eines der ältesten Instrumente handelt, sondern um eines aus dem 13. Jh.

Astrolab
So genanntes Karolingisches Astrolab (Vorderseite), datiert auf 980,
möglicherweise auch Fälschung [Stautz 1999, 68]

Doch was wie der lang gesuchte, positive Beweis für die Phantomzeitthese aussieht, ist beliebig relativierbar: Wir führen zunächst zwei weitere Kalkulationen durch:

2) Von der Gegenwart zurückgerechnet – Gabrielis Buch wurde 1982 erstmals publiziert – ergeben sich aus 30° – 15° = 15° x 72 [Jahre] = 1080 [Jahre]. Wir haben für die Retrokalkulation mit 72 Jahren jene Zeit eingesetzt, die tatsächlich verstreicht, bis die Präzession um ein Grad vorgerückt ist. Die 1080 von 1982 in Abzug gebracht, ergibt sich das Herstellungsjahr 902. So wäre das Astrolab 350 Jahre älter, als auf der Schatulle angegeben. Bei Abzug der Phantomzeit ergäbe sich statt 902 das Jahr 605 n. Chr.

3) Die Angabe der Frühlingstagundnachtgleiche für den 15. März lässt ebenfalls eine Kalkulation zu. Da der Fehler des Julianischen Kalenders binnen 128 Jahren zu einem zusätzlichen Tag aufläuft, haben wir eine Abdrift von 6 x 128 = 768 Jahren. Herkömmlich wird das Konzil von Nicäa (325) als Bezugspunkt verstanden, so dass sich 768 + 325 = 1093 n. Chr. ergäbe. Nach der Phantomzeitthese liegt der Bezugspunkt bei Cäsars Kalenderreform (-45), also 370 Jahre früher; doch da 297 Jahre in Abzug kommen, ergäbe sich ein Wert im selben Jahrhundert:

(768 – 45) + 297 = 1020 n. Chr.

Nach diesen Abschätzungen wäre das Astrolab 230 bzw. 159 Jahre älter als angegeben. So lassen sich bei diesem Gerät drei Altersbestimmungen durchführen, bei der nur eine zum Ziel führt.

Der Astrolabienkenner und -bauer Martin Brunold hat mir dankenswerterweise die Reguluswerte (α Leo) von 21 arabischen Astrolabien übermittelt, so dass wir eine breitere Prüfbasis bekommen:

Nr. Bezeichng. α Leo Datierg. ab Pt/+PhZ re 2000
1 Al-Khatif 13-14 9. Jh. 876/1173 812/515
2 Bastulus 13-14 927/8 876/1173 812/515
3 Djafar 15 950 c. 975/1272 920
4 Al-Isfahani 18 984 1173 1136
5 Al-Khujandi 15 985 975/1272 920
6 “Karolingisch” 14 990 909/1206 848/551
7 “Silvester” 15 990 975/1272 920
8 Al-Mustim 15 10./11. 975/1272 920
9 Toledo 18 1029 1173 1136
10 Al-Sahli 20 1067 1305 1280
11 Al-Sahli II 18 1068 1173 1136
12 Al-Isfahani 18 1119 1173 1136
13 Al-Isfahani II 18 1152 1173 1136
14 Abu Bekr 19 1208 1239 1208
15 Mondmech. 18 1223 1173 1136
16 Foutouh 21 1224 1371 1352
17 Sultan Moosa 22 1227 1437 1424
18 Al-Karim 20 1235 1305 1280
19 Adler Chicago 20 1250 c. 1305 1280
20 Spanien 22 14. Jh. 1437 1424
21 Fusoris 21 1400 c. 1371 1352

Die Reihung ergibt sich aus den gefundenen Datierungen, die in der vierten Spalte vermerkt sind. Davor steht jeweils der Gradwert für Regulus, danach die Rechnung ab Ptolemäus mit seinem zu kleinen Wert von 66 Jahren/Grad für die Präzession. Für die vermeintlich ältesten Instrumente ist auch die Jahreszahl angegeben, die sich bei Akzeptanz der Phantomzeit ergibt. Bei den Instrumenten ab Nr. 9 macht das keinen Sinn mehr, weil sie signifikant zu spät liegen würden. Bei ihnen ist die Phantomzeit auf jeden Fall einkalkuliert, so wie bei dem Instrument aus Florenz errechnet.

Eine erste, wichtige Prüfung zielt darauf ab, dass die ‘Hoch’-Rechnungen ab Ptolemäus und die Rückrechnungen von heute verglichen werden, also die Werte der 5. und 6. Spalte. Hier zeigt sich eine befriedigende Übereinstimmung bis zum Jahr 1000. Davor liegen die Werte schon 55 und mehr Jahre auseinander, wir nähern uns dem Unterschied von 1°, sprich den 72 Jahren/ Grad. In drei Fällen führt die Retrokalkulation in die Phantomzeit, weshalb auch das zugehörige Realjahr angegeben wird.

Viel gravierender sind die Diskrepanzen zwischen Gerätedatierung und Alterskalkulationen. Nehmen wir mit Nr. 2, Bastulus, das älteste datierte Astrolab (auf 927/28) [Borst 24], für das die ‘Hoch’-Rechnung’ (876) und die Rückrechnung (812) viel zu alte Werte ergeben. Sonst ergeben die Kalkulationen deutlich jüngere Werte als die Datierungen. Das gilt insbesondere für Nr. 17, Sultan Moosa, mit Differenzen von 230 Jahren und für Nr. 10, Al-Sahli, mit 220 Jahren. Eine befriedigende Übereinstimmung ergibt sich nur bei den Nrn. 3, 5, 7, 8 (ohnehin vage datiert), 12, 13, 14 und 21.

Nun ist ein Astrolab ein in Metall gefertigtes Präzisionsinstrument, das eine ganze Reihe von Gravuren und metallenen Zeigern enthält, die Rückschlüsse auf die Fertigungszeit ermöglichen müssten. Anzuführen sind auf jeden Fall folgende Möglichkeiten, die wir der Reihe nach betrachten:

a) ekliptiknahe Sterne wie Regulus

b) Ekliptikschiefe,

c) Äquinoktien [ebd., 17, 94],

d) Perihel (ebd. nicht weiter vertieft).

a) Sternpositionen

Dies haben wir am Beispiel Regulus bereits behandelt. Die generelle Diskussion zeigt laut Stautz [1997, 16-28], dass Sternpositionen allenfalls mit großen Schwierigkeiten zur Datierung der Instrumente herangezogen werden können. Sie werden nur zur Bestätigung vorgegebener Datierungen benutzt. Generell sind Astrolabien zu klein für präzise Angaben, und die Sternpositionen sind nicht mit Zahlenwerten, sondern mit Nomogrammen festgehalten, die erst entschlüsselt werden müssen. Wegen der verzerrenden Projektion der Himmelskugel auf die Äquatorebene wirken sich Ablesefehler bei Sternen nahe dem ekliptikalen Pol stärker aus. Wegen der möglichen Ablesefehler dürfen nur ekliptiknahe Sterne zur Bestätigung einer Datierung eines Astrolabs herangezogen werden [ebd., 27].

Im Falle des oben besprochenen Gerätes müssten sämtliche ekliptiknahe Sterne auf das Herstellungsdatum verweisen, doch werden darüber keine weitere Angaben gemacht. Man muss aber davon ausgehen, dass sie widersprüchlich ausfallen, sonst hätte sie Gabrieli wohl beigefügt. Derartige Widersprüche sind fast der Regelfall.

Das lässt sich exemplarisch mit dem so genannten “karolingischen” Instrument zeigen. Es ist ein Rätsel für sich, dem Brunold [116-121] ein eigenes Kapitel gewidmet hat. Denn die 20 durch Metallzeiger fixierten Sternpositionen liegen so weit wie nur möglich auseinander: Rückrechnungen führen je nach Stern zum Himmel von 110, 790, 980, aber auch von 1660 n. Chr. Diese riesige Fehlerspannbreite kann allenfalls so interpretiert werden, dass die Sternzeiger erst später zu den richtigen Positionen gebogen werden sollten. Die Bezeichnung des Entdeckers Marcel Destombes als “karolingisches Astrolabium” (erst 1962 ediert) ist hinfällig, denn ein solches ist bislang unbekannt. Die Mehrzahl der Spezialisten hat sich auf Ende 10. Jh. und auf katalanischen Ursprung geeinigt [Stautz 1999, 66, 73]. Brunold lässt weiterhin die Möglichkeit einer Fälschung offen, weil andere

“astronomische Gravuren erstaunlich exakt [sind], zu exakt für ein Instrument der lateinisch-europäischen Pionierzeit” [Brunold 121].

b) Schiefe der Ekliptik

Die Schiefe der Ekliptik ändert sich in Abhängigkeit der Zeit, doch bewegt sich die Veränderung in winzigen Dimensionen. Zwischen 2. und konvent. 15. Jh. ging der Winkel ε von 23:51,20° auf 23:30,17° zurück. Dafür gilt lapidar:

“Die Ablese- und Konstruktionsfehler sind zu groß, als daß sich aus den Instrumenten relevante Aussagen über die zu grunde liegende Ekliptikschiefe ablesen ließen” [Stautz 1997, 31].

Auch eine Überprüfung anhand eingravierter Ortsbreiten “kann die Berechnung nicht zu genauen Werten für ε führen” [ebd.]. Hinzu kommt, dass offenbar die Verfertiger der Astrolabien nicht immer mit dem aktuellen Wert der Ekliptikschiefe gerechnet haben. So wurde von westislamischen Konstrukteuren die Stunden des längsten Tages mit einem ε von 23:33° gerechnet, obwohl der zu ihrer Zeit aktuelle Wert 23:51° betrug [ebd., 55 f.].

c) Äquinoktien

Viele Astrolabien tragen auf ihrer Rückseite die Darstellung einer Kalenderskala, also einen Jahreskreis in einem Ekliptikkreis. Der Laie könnte hier annehmen, dass die Gravur des Frühlingsäquinoktiums in dieser Skala viele Unsicherheiten beheben könnte. Stautz schildert die Probleme – Ablesefehler, das Rückführen des Datums durch die eingeschobenen Schalttage u. a. – und zitiert H. Michel: “Das Datum des Frühlingspunktes erlaubt keineswegs die Festlegung des Konstruktionsjahres” [Stautz, 1997, 35; Übers. H.I.]. Stautz fasst seine Untersuchungen so zusammen:

“Nur durch die Betrachtung der Lage des Frühlingsäquinoktium in der Kalenderskala kann eine Datierung eines Instruments nicht vorgenommen werden.” [Stautz, 17]

Hier muss ein weiteres Scheitern der Archäoastronomie hingenommen werden [vgl. Illig 2003]: Sie ist leider nicht in der Lage, das Alter der Astrolabien hinreichend zu bestimmen, obwohl die Voraussetzungen günstig schienen. Immerhin gehören die Astrolabien zu den ausgeklügelsten Mechanismen und repräsentieren praktisch den ‘Computer’ vor dem Computer. Möglicherweise – doch dies nur als Mutmaßung – ist gerade das Mitführen der Phantomzeit im Kalender eine Ursache für die zum Teil unerklärlichen Widersprüche.

Zur Geschichte

Der planisphärische “Sterngreifer”, also das Astrolab, unterscheidet sich von der Armillarsphäre dadurch, dass seiner Konstruktion eine Projektion vom Südpol her auf eine Fläche zugrunde liegt, die mannigfaltige Berechnungen voraussetzt und dementsprechend schwierig ist. Dafür lassen sich mit ihm zahlreiche Beobachtungen anstellen, die hier nicht aufgelistet werden können [vgl. Saunders 10-27].

Das flache Astrolabium scheint etwa um 400 in Alexandria bekannt und gegen 530 den Byzantinern vertraut gewesen zu sein, denn wir kennen aus dieser Zeit eine Gebrauchsanweisung von Johannes Philoponos [Borst 19] .

(Weil ich daraus Ptolemaios’ Behauptung, mit einem Astrolab gearbeitet zu haben, als falsch hervorhob [Illig 1999, 147], hat Krojer [157-162] ein Kapitel chen lang einen ‘Schleiertanz’ aufgeführt. Er verwies darauf, dass laut van der Waerden Ptolemaois eine Armillarsphäre benutzt habe, die jedoch ebenfalls Astrolab genannt worden sei. Nach dieser von Krojer ins Spiel gebracht Unschärfe führt er alles mögliche gegen mich an, zum Schluss allen Ernstes Borst selbst, der immer von einem flachen Astrolab gesprochen hat. Doch auch er war sich nicht schlüssig, von welchem Instrument Ptolemaios überhaupt gesprochen habe:

“Auch moderne Forscher könnten dann leichter angeben, welches Gerät Ptolemaios in der Hand oder im Sinn hatte.

Daß er selbst das planisphärische Astrolab erfand, wird seit tausend Jahren immer wieder behauptet. Es wird aber immer unwahrscheinlicher, je gründlicher die Forschung neben seinen überlieferten Aussagen deren Textgeschichte bedenkt” [Borst 17 f.].

Es steht also für Borst fest, dass Ptolemaios kein flaches Astrolab gekannt hat und – analaog zu meinem Gewährsmann R.R. Newton – auch dort gerechnet habe, “wo er beteuerte, er habe genau beobachtet” [Borst 18]. Nichts anderes habe ich vertreten. Es hätte genügt, darauf hinzuweisen, dass für Borst erst Autoren des 10. Jhs. den größten Astronomen des Altertums mit dem Astrolab in Verbindung gebracht haben dürften, obwohl er zugleich von älteren islamischen Bemerkungen spricht [Borst 17, Fn. 18]. Wenn Dritte es für nützlich erachten, auch Armillarsphären als Astrolab zu bezeichnen, mögen sie ihr Verwirrspiel genießen, aber nicht ihre Mitwelt behelligen.)

Zurück zu Byzanz. Neben der Baubeschreibung aus dem 6. Jh. fehlen die Geräte; das älteste bis heute erhaltene Astrolab aus Konstantinopel wurde erst 1062 gebaut [Borst 20]. Deswegen weist Borst [22] auch Lynn White jr. zurück:

“Aus der Luft gegriffen ist die Vermutung [...], daß sich der Gebrauch antiker Astrolabien im westlichen Frühmittelalter ohne Unterbrechung erhalten habe.”

Das hätte Karl den Großen als ebenso großen Astronomen nicht hindern müssen, das Gerät nach Aachen zu bringen. Doch:

“Man ignorierte es sogar am Hof Karls des Großen, der doch sonst Konstantinopel und Bagdad nicht aus den Augen verlor” [Borst 22].

Das Ignorieren lässt sich natürlich ganz anders motivieren. Hätte ein Karl – ganz abgesehen von der Phantomzeit – überhaupt ein Astrolab bekommen können? Das älteste datierte arabische Astrolab ist unsere Nr. 2, Nastulus Bastulus, dessen astronomische Angaben jedoch die Datierung auf 927/28 nicht bestätigen. Erst ab 950 häufen sich Exemplare aus dem persischen, syrischen und ägyptischen Raum [Borst 24]. Nach Spanien kam das Wissen um dieses Instrument etwa 960 [ebd., 25], wie uns Gebrauchsanweisungen bestäti gen. Insgesamt sind etwa 700 islamische Astrolabien erhalten [Stautz 1999, 11]. Selbstverständlich kennt die arabische Tradition viel ältere eigene Wurzeln, nämlich aus dem 8. Jh. [ebd., 14]. Sie ist insbesondere durch Ibn al-Nadim mit seinem Werk Al-Fihrist vertreten, der auch Nastulus Bastulus als zeitgenössischen Instrumentenbauer nennt, der jedoch für diese Zeit mit zu alten Sternwerten gearbeitet hat (s.o.). Die ältesten Astrolabien (konvent. ab 770) werden an Hand von datierten Beschreibungen und über Genealogien von Instrumentenbauern datiert [Stautz 1997 81; 1999, 14, 65].

In Spanien, genauer in Katalonien, wurden ab 975 Instrumente anders beschriftet: in Latein, mit dem Sonnenkalender und dem Tierkreis, aufgeteilt in zwölf Häuser zu 30°. Die christliche Traditionslinie ist offenkundig sehr schwierig darzustellen. Zwischen dem 10. Jh. und etwa 1450 bleibt alles im Ungefähren: Nur vier von etwa 130 Astrolabien sind datiert, nur wenige weitere Stücke tragen eine Inschrift [Stautz 1999, 65].

Arno Borst [46, 55, 69] hat gleichwohl eine Linie entwickelt: Gerbert, also der spätere Papst Silvester II., begegnet 967 in Katalonien dem Astrolab; die zugehörige Theorie wird um 980 bekannt. Nach 989 setzt im Abendland praktisches Hantieren ein. 995 verfasst Konstantin von Fleury das erste lateinische Lehrbuch, gefolgt um 1000 von dem Reichenauer Fragment. Auf lothringische Schriften folgt Hermann der Lahme um 1050. Spätere Geräte wirken oft so, als ob sie von arabischen Vorbilder, aber ohne großes Verständnis kopiert worden seien. Die Kontinuität der Theorie reißt ab:

“Erst 200 Jahre nach Hermannus Contractus’ Arbeit über das Astrolab scheint eine neue Arbeit, diesmal von Helmold von Hildesheim, über das Astrolab erschienen zu sein” [Stautz 1999, 89],

die sich gleichwohl an die viel ältere Arbeit von der Reichenau anlehnt. Hier werden sich weitere Forschungen lohnen.

Fazit

Die zahlreichen Beobachtungen der Mayas, in der Mehrzahl in den harten Stein ihrer Stelen gemeißelt, haben eine wesentlich höhere Qualität als die eher zufälligen Beobachtungen im antiken und spätantiken Abendland. Deshalb brachten Wells und Fuls einen rechnerischen Abgleich der zahllosen Maya-Daten mit der christlichen Zeitrechung zu Stande. Ob es dereinst einem Archäoastronom gelingen wird, den antiken Himmel überm Abendland mit dem heutigen stringent zu verbinden, steht noch in den Sternen. Obwohl hier seit über hundert Jahren der archäoastronomische Abgleich versucht wird, erwiesen sich die erhaltenen (und immer fälschungsbedrohten) Daten als zu widersprüchlich.

Literatur

Beaufort, Jan (2003): Die Fälschung des Almagest und ihre Verdrängung durch Krojer; in: ZS 15 (1) 508-515

Borst, Arno (1989): Astrolab und Klosterreform an der Jahrtausendwende; Heidelberg

Brunold, Martin (2001): Der Messing-Himmel. Eine Anleitung zum Astrolabium; Abtwil

Disselhoff, Hans Dietrich (1967): Geschichte der altamerikanischen Kulturen; München · Wien

Frenz, Thomas (2003): Wann geht die Welt unter? Mittelalterliche Berechnungen des Termins von Weltende und Weltgericht; in: Gaisbauer, Gustav (Hg.): Weltendämmerungen. Endzeitvisionen und Apokalypsevorstellungen in der Literatur. Fünfter Kongress der Phantasie (2000 in Passau); Passau, 113-122

Fuls, Andreas (2004): Das Rätsel des Mayakalenders; in: Spektrum der Wissenschaft, 1/2004, 52-59

Gabrieli, Francesco (1997): Mohammed in Europa. 1300 Geschichte, Kunst, Kultur; Augsburg (ital. 1982)

Illig, Heribert (2003): “Das Scheitern der Archäoastronomie. Rückweisung der bislang gewichtigsten Kritik an der Phantomzeitthese”; in: ZS 15 (3) 478-507

- (1999): Wer hat an der Uhr gedreht?; München

Krojer, Franz (2003): Die Präzision der Präzession; München

Pöppe, Christoph (2003): “Absurdes” [Krojer-Rezension]; in: Spektrum der Wissenschaft, Heft 10, 96

Saunders, Harold N. (1984): All the astrolabes; Oxford/England

Schele, Linda / Friedel, David (1995): Die unbekannte Welt der Maya; Augsburg (11990)

Stautz, Burkhard (1997): Untersuchungen von mathematisch-astronomischen Darstellungen auf mittelalterlichen Astrolabien islamischer und europäischer Herkunft; Bassum (Dissertation)

- (1999): Die Astrolabiensammlungen des Deutschen Museums und des Bayerischen Nationalmuseums; München

4 Kommentare zu “Höhen und Tiefen der Archäoastronomie – Maya-Kalender und Astrolabien”
3
ao sagt:
21. November 2009 um 10:22

Das Thema um das angebliche Ende des Maya-Kalenders ist derzeit durch den Roland Emmerich Film “2012″ in aller Munde. Zu bedenken ist, dass erstens der Kalender nicht endet, sondern nur einen neuen Zyklus beginnt und zweitens, entsprechend den Nachforschungen von Andreas Fuls und Brian Wells (2004), die Korrelation auf der das Datum 21.12.2012 basiert, falsch bzw. höchst unwahrscheinlich ist.

[...] Heribert Illig: Höhen und Tiefen der Archäoastronomie. Maya-Kalender und Astrolabien [...]

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2. August 2009                     Kategorie(n): Artikel aus den ZS, Sonstiges, Zeitensprünge

eingestellt von: ao

C14-Crashkurs

Warum wir mit C14-Methode und Dendrochronologie nicht absolutdatieren können

von Christian Blöss und Hans-Ulrich Niemitz (aus Zeitensprünge 2/2003)

1. Einleitung

Mit diesem Artikel möchten wir die Kritik der Radiokarbonmethode wiederbeleben, denn noch immer werden chronologische Aussagen mit Radiokarbondaten begründet. Erneut arbeiten wir die Probleme sowohl der Radiokarbonmethode als auch der Dendrochronologie heraus und zeigen auf, wie gering der Spielraum für Datierungen mit Hilfe dieser beiden Methoden tatsächlich ist – ein Crash-Kursus in Sachen »C14-Crash«. Seitenangaben wie [177/164] verweisen auf die beiden Auflagen unseres Buches [11997/22000].

Zuerst betrachten wir das Wesen und die Aufgabe der Dendrochronologie. Dass sie ihre Baumringfolgen in sicherer Weise nur mit Hilfe anderer Datierungsmethoden verlängern kann, ist eine ganz entscheidende Randbedingung ihrer Arbeit. Diese Hilfe hat sich die Dendrochronologie insbesondere von der Radiokarbonmethode (im folgenden als C14-Methode bezeichnet) geholt (Bild 1). Kommt die C14-Methode ihrerseits ohne weitere Hilfe zu naturwissenschaftlich begründeten Datierungen? Nein, auch die C14-Methode ist auf andere Datierungsmethoden angewiesen, um selbst datieren zu können. Diese Hilfe erhoffte sie sich ausgerechnet von der Dendrochronologie (Bild 2, für eine graphische Veranschaulichung dieser zirkulären Beziehung siehe [162/150]).

Wie wurde dieses Patt überwunden? Um der Dendrochronologie trotz eigener Unzulänglichkeit mit Vordatierungen in den Sattel helfen zu können, bediente sich die C14-Methode weitgehender geschichtlicher Annahmen, die physikalisch betrachtet von Beginn an sehr gewagt waren und schon nach kurzer Zeit als empirisch hinfällig hätten erkannt werden müssen.

Gleichwohl werden diese Annahmen bis heute aufrechterhalten. Das bedeutet, dass die C14-Methode und die Dendrochronologie nicht als naturwissenschaftliche Datierungsmethode angesprochen werden können. Sie bieten weder einzeln noch zusammen eine ausreichende Basis für Schlussfolgerungen, die die Absolutchronologie betreffen.

Bild 1: Mit Daten aus der Geschichte und von der C14-Methode heraus aus dem ›dendrochronologischen Dilemma‹

Das Dilemma der Dendrochronologie besteht darin, beim Ausbau ihrer Chronologie nicht von selbst erkennen zu können, wo sich dieser über trügerische Zufallslagen vollzieht. Deshalb hat sie die Holzproben für den Aufbau ihres Referenzmusters grundsätzlich vordatiert, und zwar in unterschiedlicher Weise für unterschiedliche Zeiträume: Der ›historische‹ Teil des Referenzmusters beruht auf Daten aus der Geschichte der Neuzeit, des Mittelalters und des Altertums, während der ältere ›vorhistorische‹ Teil des Referenzmusters auf C14-Datierungen beruht.

Bild 2: Mit dendrochronologischen Daten heraus aus dem Unwissen über die C14·Konzentration der Atmosphäre

Das entsprechende Dilemma der C14-Methode besteht darin, über die Geschichte der C14-Konzentration der Atmosphäre bereits umfassend informiert sein zu müssen, noch ehe das erste C14-Datum abgegeben werden kann. Diese Geschichte lässt sie sich von der Dendrochronologie entschlüsseln, der sie doch zuvor chronologische Hilfestellung geleistet hat. Diese wechselseitige Unterstützung ist unbeanstandet geblieben, weil daran geglaubt wird, dass die Geschichte der C14-Konzentration der Atmosphäre nahezu bekannt weil nahezu konstant ist.

2. Die Dendrochronologie

2.1 Das Wesen und die Aufgabe der Dendrochronologie

Wissenschaftler wollen das Alter einer Holzprobe durch Mustervergleich bestimmen: Dazu synchronisieren sie das Baumringdickenmuster ihrer noch undatierten Holzprobe mit einem datierten Baumringdickenmuster nach bestimmten Vergleichskriterien. In diesem Vorgang – Synchronisation von Mustern nach bestimmten Vergleichskriterien – liegt das Wesen und die Aufgabe der Dendrochronologie begründet. Doch woher stammt das Datum des Referenzmusters?

Zu dem Datum des Referenzmuster gelangen die Dendrochronologen auf folgendem Weg: Sie versuchen, das Referenzmuster durch fortgesetzte Synchronisation vieler Baumringdickenfolgen bzw. Holzproben auszubauen. Dadurch wird der Zeitraum, der von dem Muster repräsentiert wird, immer weiter ausgedehnt: Er entspricht der Anzahl der im Gesamtmuster aufeinander folgenden Baumringe.

Stammen nun die jüngsten Baumringe aus einer gegenwärtig gewonnenen Holzprobe, dann bestimmt sich das Alter jedes Baumrings des Referenzmusters durch einfaches Abzählen. Dadurch ergibt sich auch das Alter einer jeden Holzprobe, die an diesem Referenzmuster synchronisiert werden konnte.

2.2 Das Problem der Dendrochronologie …

Die Dendrochronologie würde ein längeres Referenzmuster nur dann aus sich heraus gewinnen können, wenn die Synchronisation der Holzproben untereinander eindeutig ist, d.h. wenn sich die Baumringdickenfolgen »von selbst« an den altersmäßig richtigen Ort im Gesamtmuster einordnen würden.

Grundsätzlich lässt sich aber jede Holzprobe mit einem entsprechend langen Referenzmuster wiederkehrend, also an unterschiedlich alten Lagen, synchronisieren. Von all diesen Lagen kann höchstens eine die richtige Lage sein, alle anderen müssen als irreführende ›Zufallslagen‹ gewertet werden. So mussten immer wieder Synchronlagen, die bereits als gültig ausgegeben worden waren, revidiert und durch Auseinanderreißen und ›Neurastung‹ – meistens um etliche Jahrzehnte [75/75] – geheilt werden.

Es existiert also folgende Notlage: Eine Holzprobe muss auf wenige Jahrhunderte, wenn nicht sogar Jahrzehnte genau vordatiert werden, um sie verlässlich mit einem Referenzmuster synchronisieren zu können. Ohne diese Vordatierung könnte man ›Zufallslagen‹ von der richtigen Lage bzw. Datierung nicht unterscheiden.

Schaut man sich an, über welchen Zeitraum sich die Referenzmuster heute erstrecken – ca. 10.000 Jahre -, dann gibt es konservativ gerechnet jeweils einige Dutzend Zufallslagen pro Holzprobe, wobei natürlich zu berücksichti gen ist, dass eine stratigraphische Vergesellschaftung bzw. Korrelation die Anzahl potentieller Zufallslagen einschränkt.

2.3 … und das daraus erwachsende Dilemma

Die Dendrochronologie ist mit der Aufgabe, eine umfassende Baumringfolge allein durch Mustervergleich aufzubauen, also überfordert. Dieser Umstand spitzt sich immer wieder in demselben, allein aus sich heraus nicht überwindbaren Dilemma zu: Gehören Holzproben, die anscheinend am Ende der bereits bestehenden Baumringfolge synchronisieren und diese damit in die Vergangenheit bzw. in die Gegenwart ausbauen würden, wirklich hierher oder handelt es sich dabei nur um eine Zufallslage, weil die Holzprobe tatsächlich zu einer noch jüngeren oder einer noch älteren Lage gehört?

Selbst wenn alle anderen Lagen innerhalb des bestehenden Musters ausgeschlossen werden können, so blieben die älteren bzw. jüngeren Lagen stets unüberprüfbar. Es gibt also eine ständig schwelende Gefahr, sich beim Ausbau der Baumringfolge, dem so genannten ›Master‹, zu irren (Bild 3). Weil jeder einmal gemachte Fehler die Baumringfolge von nun an in die Irre führen würde, geht der Griff wo immer es geht zur rettenden Vordatierung.

Bild 3: Das ›Dendroochronologische Dilemma‹

Anfangs hat man die Baumringfolge 1 und kann die Baumringfolge 2 auf der rechten Seite von 1 synchronisieren (die aufgetragenen Baumringdicken sind rein schematisch zu verstehen.):

Sollte man jedoch noch eine Folge 3 finden, die an der Stelle ›besser‹ synchronisieren würde (unten), dann gehört die (oben) als 2 platzierte Baumringfolge womöglich an die Stelle 2′ (unten). Diese Möglichkeit ist nie auszuschließen und als ›Dendrochronologisches Dilemma‹ bekannt.

2.4 Hat die Dendrochronologie den erforderlichen Preis für ihr Entkommen aus dem Dilemma entrichtet?

Um ihrem Dilemma zu entkommen, hat die Dendrochronologie die Holzproben für den Aufbau ihres Referenzmusters grundsätzlich vordatiert, und zwar in unterschiedlicher Weise für unterschiedliche Zeiträume:

Fall A: Der jüngere ›historische‹ Teil des Referenzmusters – ca. 500 v. Chr. bis heute nach konventioneller Datierung – beruht auf Daten aus der Geschichte der Neuzeit, des Mittelalters und des Altertums [Niemitz 1995].

Fall B: Der ältere ›vorhistorische‹ Teil des Referenzmusters – vom ältesten Datum bis ca. 500 v. Chr. – beruht auf C14-Datierungen.

Für den historischen Teil hat die Dendrochronologie also auf die herrschende Chronologie der Geschichte gesetzt (Fall A). Dafür hätte sie folgenden Preis zu zahlen: Weder darf sie als unabhängige Datenlieferantin für diese Chronologie auftreten, oder sich sogar als ›Kontrollinstanz‹ aufspielen, noch darf sie stillschweigend hinnehmen, als eine solche Datenlieferantin oder ›Kontrollinstanz‹ herangezogen zu werden.

Denselben Preis muss sie selbstverständlich auch für ihr Verhältnis zur C14-Methode bezahlen, von der sie C14-Daten für den vorhistorischen Teil bezogen hat. Insbesondere müsste sie im Auge behalten, wie sie umgekehrt von der C14-Methode als Datenlieferantin in Anspruch genommen wird, denn bekanntermaßen benutzt die C14-Methode primär Baumringchronologien, um C14-Messungen an einer historischen Probe in ein ›C14-Alter‹ umwandeln zu können.

Diese Aufmerksamkeit als Preis für die Überwindung ihres Dilemmas ist nicht aufgebracht worden, so dass sich ein Methodenwirrwarr herausbilden konnte. An der Schnittstelle zwischen C14-Methode und Dendrochronologie wird mit zweierlei Maß gemessen:

›C14-Alter‹, die der Vordatierung von Baumringproben dienen sollen, werden ohne Umrechnung als ›annähernd richtige‹ Absolutalter benutzt (Dendrochronologie als Nutznießerin von C14-Daten).

›C14-Alter‹, die allgemeinen Datierungen dienen sollen, werden über Baumringchronologien in ›exakte‹ Absolutalter umgerechnet (C14-Methode als Nutznießerin von Dendrodaten).

Die faktische Gleichsetzung von ›C14-Alter‹ und Absolutalter hat sehr wahrscheinlich zu einer falschen Länge des Postglazials geführt (bzw. diese Vorstellung unzulässig erhärtet), weil – wie wir zeigen werden – bereits kleine Änderungen in den Naturabläufen drastisch verjüngte bzw. vergreiste ›C14-Alter‹ ergeben. Dendrochronologen, die nicht wahrhaben wollten, dass sie ihrem Dilemma nicht ohne weiteres entkommen können, müssen nunmehr einen noch viel höheren Preis entrichten: Das Zugeständnis, dass ihre Baumringchronologien von A bis Z falsch aufgebaut sind.

3. Die C14-Methode

3.1 Das Wesen und die Aufgabe der C14-Methode

Wissenschaftler wollen das Alter einer organischen Probe aus der Kenntnis zweier ›Geschichten‹ bestimmen:

aus der Geschichte der C14-Konzentration1 in der Probe und
aus der Geschichte der C14-Konzentration in der Atmosphäre.

Das Alter der organischen Probe wird durch denjenigen Zeitpunkt in der Vergangenheit bestimmt, an dem sich die Geschichte der C14-Konzentration der historischen Probe von der Geschichte der C14-Konzentration der Atmosphäre entkoppelt hat, also als die Probe mit ihrem Stoffwechsel aufhörte (Bild 4). Um beide Geschichten – und damit auch den für die Datierung entscheidenden gemeinsamen Schnittpunkt – rekonstruieren zu können, müssen alle Gesetze und Einflüsse, die diese Geschichten determinieren, bekannt sein.

Grundsätzlich sind sowohl für die Probe als auch für die Atmosphäre vier verschiedene derartige Einflüsse zu berücksichtigen:

  1. Produktion von C14
  2. Vernichtung von C14 (= ›radioaktiver Zerfall‹)
  3. Zuwanderung über die Systemgrenze
  4. Abwanderung über die Systemgrenze

Die Geschichte der C14-Konzentration in der Probe ließe sich genau dann mit Hilfe des ›Zerfallsgesetzes‹ zurückrechnen, wenn diese ausschließlich durch radioaktiven Zerfall (Einfluss 2) bestimmt ist, wenn also mögliche andere, und dann unkalkulierbare Einflüsse wie beispielsweise ›in situ‹-Produktion (Einfluss 1) oder Kontamination (Einfluss 3) ausgeschlossen werden können.

Die Geschichte der C14-Konzentration in der Atmosphäre unterliegt dagegen grundsätzlich allen vier genannten Einflüssen: dem radioaktiven Zerfall von Kohlenstoff C14, seiner Produktion aus Stickstoff N14, der Zuwanderung aus und der Abwanderung der Kohlenstoffisotope C12 und C14 in angrenzende ›Kohlenstoffreservoire‹. Diese Reservoire werden ganz wesentlich durch die Ozeane gebildet, die Kohlendioxid CO2 speichern. Sie weisen dabei grundsätzlich eine niedrigere C14-Konzentration als die Atmosphäre selbst auf, weil nur in ihr das C14 nachproduziert wird und andere Reservoire ohne Zufuhr an atmosphärischem C14 verarmen würden. Deshalb ist der Fall einer Zuwanderung von C14 in die Atmosphäre aus ihrer Umgebung grundsätzlich auszuschließen (extraterrestrische Zufuhr ausgeschlossen) und wir können die möglichen Ursachen für Anreicherung oder Verarmung in ihr auf die drei Einflüsse Zerfall, Produktion und Abwanderung eingrenzen.

Um also das Alter der Probe aus dem Schnittpunkt der Geschichten für die Probe und für die Atmosphäre bestimmen zu können, müssen die genannten Einflussfaktoren sowohl für die Probe als auch für die Atmosphäre über die gesamte Lagerungszeit der Probe lückenlos bekannt sein – eine gewaltige Bringschuld für die neue Datierungsmethode. Mit welchen Erkenntnissen und Annahmen zu diesen Einflussfaktoren startete man in die Ära der C14-Datierung, um sich dieser Bringschuld in zureichender Weise zu entledigen?

Bild 4: So wird datiert

Nach dem Stoffwechselende der organischen Probe wird sich die C14-Konzentration in der Probe anders entwickeln als die C14-Konzentration in der Atmosphäre. Die C14-Konzentration in der Probe sollte vor allem durch den radioaktiven Zerfall bestimmt sein, während die C14-Konzentration in der Atmosphäre weiterhin den verschiedensten Einflüssen unterliegt. Erst wenn beide Geschichten komplett rekonstruiert sind, kennt man auch den Zeitpunkt des Stoffwechselendes der Probe. Grundsätzlich gibt es vier Einflußmöglichkeiten, die die Entwicklung bzw. die Geschichte der C14-Konzentration in einem offenen System bestimmen:

  1. Produktion
  2. Vernichtung (›radioaktiver Zerfall‹)
  3. Zuwanderung über die Systemgrenze
  4. Abwanderung über die Systemgrenze

Während man für die Probe hoffen darf, dass es ein abgeschlossenes System bildet und damit die Punkte 1, 3 und 4 irrelevant sind (d.h. nur radioaktiver Zerfall des C14 in der Probe relevant ist), muss für die Atmosphäre grundsätzlich der vollständige Ursachenkatalog untersucht werden.

3.2 Mit welchen Erkenntnissen und Annahmen startete man in die Ära der C14-Datierung?

Für die Begründung der C14-Datierungsmethode verwies W.F. Libby auf bestimmte Verhältnisse, die in der Atmosphäre geherrscht haben müssten:

  • Produktion und Zerfall von C14 in der Atmosphäre hätten sich die Waage gehalten.
  • Zu- und Abwanderung von C14 bzw. C12 hätten keinen Effekt auf die C14-Konzentration der Atmosphäre gehabt.

Diese beiden Vermutungen leitete er aus seiner »Curve of Knowns« ab. Dafür trug er die gemessene C14-Konzentration verschiedener historischer Proben mit jeweils dem Datum ein, das ihnen die Historiker zuerkannt hatten. Gemeinsam schienen sie eine Kurve zu bilden, die gleichbedeutend mit einer zeitlich konstanten C14-Konzentration der Atmosphäre war (Bild 5 oben). Es wurde nicht erkannt, wie deutlich selbst in diesen selektiv vorgestellten Messwerten Anzeichen für starke Veränderungen enthalten waren (Bild 5 unten).

Bild 5: Die »Curve of Knowns« von 1949

Nie wieder in der Ära der C14-Datierung sollten Wissenschaftler zu einer so suggestiven Übereinstimmung zwischen gemessenen und erwarteten Werten vorstoßen können, wie zu Beginn ihrer Arbeit: Je genauer nämlich die C14-Werte historisch datierter Proben auf der eingezeichneten Sollkurve liegen würden (Bild oben, Original gespiegelt), desto berechtigter wäre die Annahme, dass alle Proben ihren Stoffwechsel mit derselben C14-Aktivität beendet hatten und dass damit immer dieselbe C14-Konzentration in der Atmosphäre geherrscht haben muss. Die Präsentation dieser Messergebnisse bedarf einer Interpretation (siehe Bild unten).

Im unteren Bild sind beim Zeitpunkt 0 die gemessenen Aktivitäten der Proben als “Endpunkte” der vermuteten Geschichte ihrer C14-Konzentration während der Lagerzeit aufgetragen. Diese Geschichten werden als Abklingvorgang derjenigen C14-Aktivität, wie sie zu Lebzeiten jeweils geherrscht hatte, infolge des radioaktiven Zerfalls verstanden. Wenn die historischen Daten stimmen, die den Proben zugeordnet sind, dann ließe sich die Geschichte der C14-Konzentration der Atmosphäre ansatzweise rekonstruieren: Jeder Schnittpunkt zwischen einer Abklingkurve und der senkrechten Linie des zugeordneten historischen Datums entspricht der C14-Konzentration der Atmosphäre zu diesem Zeitpunkt.

Hätte Libby die historischen Daten wirklich ausgewertet, anstatt sie lediglich als Stütze seiner zentralen Armahme zu präsentieren, dann wäre ihm sicherlich aufgefallen, dass die C14-Produktion (nicht C14-Konzentration!) beispielsweise in der Zeit zwischen den Proben ›Ptolemy‹ und ›Tayinat‹ (fallender Kurvenabsclmitt) auf die Hälfte des angenommenen stationären Wertes gesunken gewesen sein müsste. So etwas kann sicherlich nicht als Schwankung interpretiert werden. Tatsächlich stören nebensächlich erscheinende Abweichungen das Bild stationärer Verhältnisse empfindlich. Ab einem bestimmten Gefälle (Bild 7) muß sogar von einer Diffusion ausgegangen werden, wodurch das ganze Modell endgültig hinfällig wird.

Libby leitete aus seiner idealisierten »Curve of Knowns« ein sehr einfaches Modell für die Geschichte der C14-Konzentration der Atmosphäre ab, mit der er sich seiner Bringschuld mit einem Schlag entledigt zu haben glaubte: In der Atmosphäre wird C14 mit konstanter Rate (nämlich aus Stickstoff N14 durch die kosmische Strahlung) erzeugt. Gleichzeitig zerfällt das in der Atmosphäre vorhandene C14 mit einer bestimmten Rate. Sofern die C14-Konzentration der Atmosphäre von Zu- oder Abwanderung unbeeinflusst bleibt, wird sich zwangsläufig früher oder später ein Zustand einstellen, in dem sich Produktion und Zerfall die Waage halten und ab dem die C14-Konzentration der Atmosphäre als konstant betrachtet werden darf – so wie es die »Curve of Knowns« für die ganze historische Zeit signalisierte.

Wenn man bedenkt, wie viele Einflüsse grundsätzlich zu berücksichtigen sind, dann hätten derart außergewöhnliche Randbedingungen als großartiges Geschenk betrachtet werden dürfen. Wenn jetzt auch noch für historische Proben vorausgesetzt werden durfte, dass sie während ihrer Lagerzeit grundsätzlich keinen unerwünschten Einflüssen ausgesetzt sind, dann konnte man auch die zweite der beiden Geschichten, der zeitliche Verlauf der C14-Konzentration in einer jeden Probe, als bekannt voraussetzen bzw. diese Geschichte über das radioaktive Zerfallsgesetz zurückrechnen.

Wenn das alles so stimmte, dann war jede organische Probe wirklich denkbar einfach und ohne weitere Voraussetzungen und Annahmen datierbar: Ihr Alter bestimmte sich aus dem Schnittpunkt der C14-Zerfallskurve für die Probe mit dem zeitlich konstanten Konzentrationsverlauf für die Atmosphäre (Bild 6), was sich genau so auch über das Zerfallsgesetz ausrechnen ließ. Voller Hoffnung machte man sich daran, der Vor- und Frühgeschichte der Menschheit ein neues, endgültiges chronologisches Gerüst zu verschaffen.

Bild 6: Wunderbare ideale C14-Methode

Wenn die C14-Konzentration der Atmosphäre konstant gewesen ist (also ›immer wie heute‹) und wenn die Geschichte der C14-Konzentration der Probe über das Zerfallsgesetz retrokalkulierbar ist (im Idealfall keine sonstigen Einflüsse während der Lagerzeit oder während der Probennahme und -auswertung), dann (und nur dann) hat man gute Karten und kann historische Proben ohne jedes weitere Wissen absolutdatieren!

In diesem speziellen Fall kann die Zeit, die seit dem Stoffwechselende der Probe bis heute verstrichen ist, über das Zerfallsgesetz berechnet werden. In die entsprechende Formel für die Zeitberechnung gehen dann nur

  1. die gemessene Restaktivität der Probe,
  2. die gemessene aktuelle Aktivität der Atmosphäre und
  3. die Halbwertszeit für das radioaktive C14 ein.

Die Anbindung des Modells an die Geschichte der C14-Konzentration in der Atmosphäre ist dadurch natürlich nicht verloren gegangen: Sie beruht auf der Voraussetzung, dass die aktuell gemessene C14-Konzentration auch zu jedem Zeitpunkt in der Vergangenheit geherrscht hat.

3.3 Die Wissenschaftler werden von der Realität eingeholt …

Alle anfangs gemachten Annahmen über die C14-Geschichte organischer Proben im allgemeinen und die C14-Geschichte der Atmosphäre im besonderen stellten sich rasch als falsch heraus. Seit mehr als 50 Jahren gehen die Anstrengungen und Bemühungen der Wissenschaftler dahin, zu zeigen, dass sie alle nur ein bisschen falsch sind und dass man die Methode deswegen aufrechterhalten dürfe. Wir zeigen, dass sie so falsch sind, dass man die C14-Methode als selbständige Hilfswissenschaft der Geschichte aufgeben muss.

So lernte man binnen weniger Jahre viele verschiedenartige Einflüsse auf die C14-Konzentration der Probe kennen, die teils zu deren Lebzeiten (›Isotopenfraktionierung‹, ›Reservoireffekte‹), teils während der Lagerzeit (›Kontamination‹) und teils während der Probenaufbereitung und -messung im Labor wirken. Die Auswirkung dieser verschiedenartigen Einflüsse kann die Größenordnung des eigentlich zu untersuchenden Effektes erreichen, nämlich die Änderung der C14-Konzentration durch radioaktiven Zerfall während der Lagerzeit. Vor Proben, für die solche Einflüsse nicht ausgeschlossen werden können, muss die C14-Methode ihre Waffen strecken, denn diese Einflüsse lassen sich nur bestimmen oder eingrenzen, wenn man das wahre Alter der Probe kennt. Hinsichtlich der Proben scheitert die C14-Methode also immer dort, wo sie das bereits kennen müsste, was zu bestimmen ihre eigentliche Aufgabe ist. Gleichwohl muss dieses Problem nicht unüberwindlich sein, denn unter der Vielzahl zur Verfügung stehender Proben könnte man sich auf die Auswertung ›guter‹ Proben beschränken, die also unter nachweisbar günstigen Umständen überdauert haben. Die Atmosphäre konnte man sich dagegen nicht aussuchen.

Das Modell eines stationären Gleichgewichts von Produktion und Zerfall für die Atmosphäre sollte sich nicht bewähren, denn 10 Jahre nach Einführung der C14-Methode wurde aus Messungen an Baumringen eines sehr alt gewordenen Baumes erkannt, dass sich die C14-Konzentration in der Atmosphäre über die Zeit geändert haben musste. Statt als allererstes die ohnehin äußerst rigide Annahme auf den Prüfstand zu stellen, dass Zu- und Abwanderung keinerlei Einfluss auf die C14-Konzentration hätten (siehe oben Annahme 2), erwog man lediglich Schwankungen der Produktionsrate für C14: Diese würden für ein Ungleichgewicht von Produktion und Zerfall sorgen und dadurch auch Schwankungen der C14-Konzentration in der Atmosphäre nach sich ziehen.

Die Produktionsrate für C14 hängt unter anderem von der Intensität der kosmischen Strahlung und von der Stärke des irdischen Magnetfeldes ab. Eine Änderung dieser Einflussgrößen konnte man sich nur als sehr begrenzt vorstellen. Folglich könnten die grundsätzlich stationären Verhältnisse auch nur mit kleinen Schwankungen überzogen werden. Aus diesem Grund hielt man an der Vorstellung fest, mit den ›C14-Jahren‹, die aus den Konzentrationswerten errechnet werden, das wahre Alter bereits annähernd zu kennen.

Hätte man die gemessenen Schwankungen quantitativ ausgewertet, wäre man in tiefe Zweifel an den Grundlagen der C14-Methode gestürzt worden, denn der ursprünglich als Nebeneffekt abgetane Einfluss auf die C14-Konzentration der Atmosphäre übertraf den eigentlichen Effekt, den radioaktiven  Zerfall, um ein Vielfaches. Doch in der Ära der C14-Datierung geschah von Seiten der dazu berufenen Wissenschaftler nichts.

3.4 … und lassen sich von ihr überrollen …

Für die historische organische Probe darf zunächst erwartet werden, dass mit ihrem Tod (= Stoffwechselende) der stoffliche Austausch mit der Umgebung dauerhaft zum Erliegen kommt und dass sich deswegen die C14-Konzentration innerhalb der Probe als geschlossenem System nur noch durch radioaktiven Zerfall verringert.

Die Atmosphäre dagegen muss immer als offenes System betrachtet werden. Tatsächlich wandert ja auch der Großteil des in der Atmosphäre produzierten C14 in die Ozeane ab. Diese gewaltigen Austauschvorgänge brauchen sich nur geringfügig zu ändern, um sich ganz drastisch auf die C14-Konzentration der Atmosphäre auszuwirken. Für ein offenes System wie der irdischen Atmosphäre ist immer mit Änderungen der Austauschvorgänge statt mit gleichbleibenden Verhältnissen an seinen Grenzen zu rechnen. Gleichwohl haben die Wissenschaftler für die C14-Methode unbeirrt in Anspruch genommen, dass die C14-Konzentration der Atmosphäre keinen Einflüssen unterliegt, die über die Systemgrenzen wirken.

Diese Stationaritätsannahme hätte nur aufrechterhalten werden dürfen, wenn der Nachweis gelungen wäre, dass Zu- und Abwanderung über die Systemgrenzen einen deutlich geringeren Beitrag zur Veränderung der C14-Konzentration in der Atmosphäre leisten als die quasi-stationären Erscheinungen Produktion und Zerfall. Zu welchen Ergebnissen für das Ausmaß der Zu- und Abwanderungsraten wäre man gekommen, hätte man sich dieser entscheidenden Frage gestellt?

3.5 … anstatt sie zu akzeptieren

Soweit man in Anspruch nahm, die Geschichte der atmosphärischen C14-Konzentration – vor allem durch Baumringfolgen – rekonstruiert zu haben, sah man sich mit folgendem Befund konfrontiert:

  • In dieser Geschichte kommen immer wieder Abschnitte vor, in denen die C14-Konzentration der Atmosphäre viel größer war als ihre Abnahme durch radioaktiven Zerfall stark überkompensiert wurde (Bild 7, Fälle A und C, ›Anreicherung‹)
  • In dieser Geschichte kommen immer wieder auch Abschnitte vor, in denen die C14-Konzentration der Atmosphäre deutlich stärker abgenommen hatte, als durch radioaktiven Zerfall allein möglich gewesen wäre (Bild 7, Fall B, ›Verarmung‹).

Dieser Befund hätte die Alarmglocken schrillen lassen müssen: Insbesondere die starke Abnahme (Fall B) kann nicht mehr durch radioaktiven Zerfall allein, sondern nur noch durch massive Abwanderung von C14 in angrenzende Reservoire (Ozeane) erklärt werden (bzw. massive Wanderung von C12 in die umgekehrte Richtung). Diese Evidenz hätte die bisherige Erklärung, der Effekt sei allein auf eine Verminderung der Produktion von C14 zurückzuführen, als Trugschluss offenbaren müssen.

1978 wurde erneut exemplarisch eine 250 Jahresringe umfassende Probe von einem einzelnen Baum C14-datiert, um mit seinerzeit modernster Messtechnik endlich einmal das wahre Ausmaß der Abweichungen der C14-Konzentration in der Atmosphäre von dem konstanten Idealmaß zu erfassen. Diese Ergebnisse hätten C14- und Dendro-Wissenschaftler endgültig wachrütteln müssen: Die C14-Konzentration in der Atmosphäre änderte sich durch Zu- und durch Abwanderung bis zu 40 mal stärker als durch den radioaktiven Zerfall [328-332/360-364].

Angesichts solcher Verhältnisse hätte es sich von selbst verboten, weiterhin mit der Annahme quasi-stationärer C14-Verhältnisse in der Atmosphäre zu arbeiten. Doch leider hätte es auch bedeutet, der habhaft geglaubten Geschichte der C14-Konzentration der Atmosphäre endgültig verlustig zu gehen, die einem durch die Annahme stationärer Verhältnisse bisher wie von selbst zugewachsen war. Das mag der Grund gewesen sein, weshalb die Wissenschaftler vor solchen Überlegungen quantitativer Art zurückschreckten.

Bild 7: Mit »Cosmic Schwung« – aber blind

Das folgende Bild (Original gespiegelt) zeigt eine ›Kalibrierkurve‹ aus dem Jahr 1970, Sie drückt das Ziel aus, wenigstens den langfristigen Trend der C14-Konzentration der Atmosphäre als konstant entziffern zu dürfen. Die Darstellung ist dafür gedacht, jedem ›C14-Alter”‹einer Probe ihr ›wahres‹ Alter zuordnen zu können — zuweilen auch mehrere Daten zuordnen zu müssen wegen der Mehrdeutigkeit der Kurve (wie hier beispielsweise bei etwa 300 ›C14—Jahren‹) Diese Kurve verschleiert aber die physikalische Bedeutung der einzelnen Kurvenabsclmitte. Deshalb haben wir mit dem unteren Bild eine Übersetzung der Messergebnisse vorgenommen.

Die Graphik übersetzt drei ausgewählte Abschnitte der ›Kalibrierkurve‹ in die Geschichte der C14-Konzentration der Atmosphäre (zur Problematik A der Verwendung von ›Kalibrierkurven‹ siehe Anhang II):

  • ›Anreicherung‹: In den Abschnitten A und C steigt die Konzentration deutlich an. Dies könnte allein durch eine gestiegene C14-Produktion hervorgerufen werden.
  • ›Verarmung‹: Im Abschnitt B sinkt die Konzentration deutlich ab. Um die Atmosphäre so stark an C14 verarmen zu lassen, muß mehr geschehen, als dass die Produktion von C14 auf Null zurückgeht. Es müssen Diffiisionsvorgänge ablaufen, bei denen die Ozeane mehr C14 als sonst aufnehmen. Das bedeutet aber, dass die C14-Geschichte der Atmosphäre generell von Diffusion bestimmt oder sogar dominiert wird. Mit der Stationaritätsannahme werden Ditfusionsvorgänge ungerechtfertigterweise ausgeblendet.
  • ›Grenzfall‹: Hinzugenommen haben wir den Abschnitt B’, in welchem die Konzentration genau mit der C14-Halbwertszeit abnimmt. So ein Vorgang wäre nur dann zu beobachten, wenn im Grenzfall weder Produktion noch Diffusion von C14 stattfinden oder diese sich aufheben.

3.6 C14-Konzentration der Atmosphäre – eine weiterhin unbekannte Geschichte

Dieser Befund instationärer C14-Verhältnisse hat dramatische Konsequenzen für die Methode der C14-Datierung – speziell natürlich auch für die Vordatierung von Baumproben. Unter diesen Umständen darf die C14-Konzentration einer Probe nicht mehr direkt – dem bisherigen Missbrauch entsprechend – in ein ›annähernd richtiges‹ Absolutdatum umgerechnet werden. Denn die Grenze für die zu erwartende ›Ungenauigkeit‹ liegt keineswegs bei den 10 %, die die neuesten Kalibrierkurven2 ausweisen. Diese Grenze kann, wie wir gleich sehen werden, ohne weiteres um einen Faktor 10 größer sein. Dann haben wir es nicht mehr mit ›Ungenauigkeiten‹ zu tun, sondern bereits mit einen grundlegenden Irrtum. Um die dramatischen Konsequenzen für die C14-Datierung zu erfassen, müssen wir die möglichen Szenarien für die Geschichte der C14-Konzentration der Atmosphäre als offenem System erfassen und verstehen.

Es gibt grundsätzlich nur zwei Szenarien, die dabei zu berücksichtigen sind: Entweder die in Frage kommenden drei Ursachen für die Änderung der C14-Konzentration wirken so zusammen, dass die Atmosphäre an C14 verarmt, oder sie wirken so zusammen, dass die Atmosphäre sich mit C14 anreichert:

  • ›C14-Verarmung‹: Die C14-Konzentration der Atmosphäre sinkt permanent, wenn die Abnahme durch Zerfall und Wanderung dauerhaft größer ist als die Zunahme durch C14-Produktion.
  • ›C14-Anreicherung‹: Die C14-Konzentration der Atmosphäre steigt permanent, wenn die Zunahme durch C14-Produktion dauerhaft größer ist als die Abnahme durch Zerfall und Wanderung.

Auf die Frage, ob und in welchem zeitlichen Abstand sich diese beiden Phasen eventuell abwechseln, gehen wir in Kapitel 3.8 ein. Die Zunahme durch C14-Produktion und die Abnahme durch Zerfall und Wanderung sind im Prinzip nur dann gleich, wenn eines der beiden Szenarien in das andere übergeht. Ein solcher Übergangsmoment hat mit der Annahme dauerhafter stationärer Verhältnissen natürlich nichts zu tun.

In Bild 8 sind die beiden Szenarien in jeweils drei unterschiedlich starken Ausprägungen einschließlich des Übergangszustandes schematisch dargestellt. Das C14-Alter einer Probe wird demnach essentiell davon bestimmt, welches der beiden Szenarien für die C14-Konzentration in der Atmosphäre in welchem Ausmaß tatsächlich vorgeherrscht hat:

  • Konsequenzen für die konventionelle Datierung bei ›C14-Verarmung‹: Je mehr die Abnahme überwogen hat (Kurven 4, 5 und 6 in Bild 8), desto geringer wird das errechnete ›C14-Alter‹ und täuscht dadurch ein zu niedriges Alter vor.
  • Konsequenzen für die konventionelle Datierung bei ›C14-Anreicherung‹: Je mehr die Zunahme überwogen hat (Kurven 1, 2 und 3 in Bild 8), desto ›greisenhafter‹ wird das errechnete ›C14-Alter‹ und täuscht dadurch ein zu hohes Alter vor.

Je nach Szenario liegt das ›C14-Alter‹ der Probe in diesem schematischen Beispiel um einen Faktor von ungefähr 2 zu hoch bzw. zu niedrig. Das bedeutet, dass die ›C14-Uhr‹ doppelt so schnell bzw. halb so schnell läuft wie unsere Alltagsuhr. Wer wollte es wagen, angesichts einer solchen Bandbreite das so genannte ›C14-Alter‹ weiterhin als Quasi-Absolutalter anzusprechen?

Wir zeigen jetzt, dass – nach dem Schema »kleine Ursache, große Wirkung« – bereits eine kleine Änderung in den Randbedingungen die Geschwindigkeit der ›C14-Uhr‹ so stark verändert, dass unsere C14-bestimmte Chronologie revolutioniert würde.

Bild 8: Mögliche Geschichten der C14-Konzentration der Atmosphäre

Für die Altersbestimmung der Probe mit der C14-Methode ist es nicht nur von entscheidender Bedeutung, dass sich die C14-Konzentration in der Probe während der Lagerzeit nur durch radioaktiven Zerfall geändert hat. Auch die Geschichte der C14-Konzentration der Atmosphäre muss lückenlos bekannt sein, um aus dem Schnittpunkt dieser beiden Geschichten das Alter der Probe zu bestimmen (Bild 4).

Das schematische Bild 8 zeigt, wie trügerisch das ›C14-Alter‹ im Hinblick auf das wahre Alter der Probe wird, wenn sich die C14-Konzentration in der Atmosphäre mit einem bestimmten Trend ändert. Reichert sich die Atmosphäre mit C14 an (1-3), dann täuscht das ›C14-Alter‹ ein zu hohes Alter vor, verarmt die Atmosphäre dagegen an C14 (4-6), dann täuscht das ›C14-Alter‹ ein zu niedriges Alter vor. Diese Bandbreite an Möglichkeiten muss solange in Rechnung gestellt werden, wie die wahre C14-Geschichte der Atmosphäre unbekannt ist. Sie unter der Annahme zu rekonstruieren, es habe weitgehend stationäre Verhältnisse geherrscht, ist voreilig gewesen  und kann unsere Vorstellungen über die zeitliche Dauer des Postglazials völlig in die Irre geleitet haben.

3.7 Die Geschwindigkeit der C14-Uhr ist nicht an unsere Alltags-Uhr gekoppelt

Welche quantitativen Verhältnisse liegen vor, wenn die C14-Uhr beispielsweise nur doppelt so schnell liefe wie bisher angenommen? Eine schneller laufende C14-Uhr bedeutet, dass sich Zunahme und Abnahme nicht die Waage halten, sondern die Zunahme dauerhaft um ein gewisses Maß überwiegt. Um die C14-Uhr über beispielsweise 1.000 Kalenderjahre um den Faktor 2 schneller laufen zu lassen als unsere Alltags-Uhr, müsste sich die Atmosphäre in diesem Zeitraum um 12 % mit C14 anreichern – Jahrhundert für Jahrhundert also um gut 1 %.

Einen solchen Anreicherungseffekt könnte man nur entdecken, wenn aus diesem Zeitraum entsprechend sicher datierte historische Proben zur Verfügung stehen. Mit den Baumringchronologien kann ein solcher Effekt nicht mehr entdeckt werden, weil die Holzproben mit C14 vordatiert wurden in dem Glauben, dass C14- und Alltags-Uhr annähernd gleich schnell laufen. Das bedeutet aber auch, dass die Baumringchronologien ganz erheblich zu lang oder zu kurz sein können. Mit anderen Worten, über die Länge der geschichtlichen und vorgeschichtlichen Zeit können sie uns nichts aussagen. Im Anhang beleuchten wir diejenige Vorgehensweise bei der Erstellung von Baumringchronologien, durch die sich dieser Fehler einschleichen musste.

Die Rekonstruktion der Geschichte der C14-Konzentration in der Atmosphäre im allgemeinen und der Nachweis jenes Anreicherungseffektes im besonderen ist problematisch genug. Dasselbe für die Ozeane vorzunehmen sogar unmöglich: So entspricht der Anreicherung der Atmosphäre um 12 % über die besagten 1000 Kalenderjahre die ›Verarmung‹ der Ozeane um ca. 2 ‰ (i.W.: zwei Promille) seines Bestandes an C14 [380, 348].

3.8 Mögliche Tendenzen für die C14-Konzentration der Atmosphäre im Holozän

Auch aus konventioneller Sicht hätte insbesondere die C14-Geschichte des Spätglazials daraufhin geprüft werden müssen, ob sie als eine Phase der C14-Verarmung oder als eine Phase der C14-Anreicherung der Atmosphäre interpretiert werden muss. Als eine Möglichkeit beschreiben wir die Abfolge einer ›C14-Verarmung‹ im Spätglazial und einer ›C14-Anreicherung‹ im Postglazial bzw. Holozän:

  • ›C14-Verarmung‹ im Spätglazial: Massives Abschmelzen ›fossilen‹ und damit C14-freien Gletscherwassers hätte dazu führen können, dass die Atmosphäre an C14 verarmt, weil ihr C14 vermehrt in die geschmolzenen C14-armen Wässer diffundieren müsste. Das entspräche dem Szenario 1 für das Spätglazial – die ›C14-Verarmung‹. Bei den damit einhergehenden  Änderungen in den Ozeanströmungen wäre zu prüfen, ob verstärkt ›fossiles‹ Tiefenwasser an die Oberfläche kommen würde, die diesen Effekt noch verstärken würden.
  • ›C14-Anreicherung‹ im Postglazial bzw. Holozän: In dem darauf folgenden Holozän hätte es zu einer entsprechenden Erholung des C14-Haushalts der Atmosphäre kommen müssen, weil die Rate der C14-Abwanderung in die Ozeane langsam wieder auf ein früheres Maß gesunken und die C14-Konzentration der Atmosphäre damit wieder gestiegen wäre. Das entspräche dem Szenario 2 für das Holozän – die ›C14-Anreicherung‹.

Nicht einmal ansatzweise ist etwas derartiges in der C14-Kalibrierkurve zu erkennen, die ja die Geschichte der C14-Konzentration der Atmosphäre – wenn auch in verschlüsselter Form – widerspiegelt: Die Kurve geht mit einer Tendenz, die quasi-stationäre Verhältnisse bedeutet, ›stur‹ durch diese Phase des Umbruchs hindurch. Diskussionen darüber ersticken im Keim, weil das chronologische Gerüst des Holozäns als zu gut bestätigt gilt [382, 347].

In einem früheren Artikel für ›Zeitensprünge‹ [1998/4] haben wir ein alternatives Szenario entworfen, wie der Ungleichgewichtszustand, dessen Rückbildung sich für das Holozän abzeichnet, auch durch den Einschlag eines Himmelskörpers in einen der Ozeane hervorgerufen worden sein könnte. Denn auch dadurch werden die Ozeanströmungen gestört, so dass an die Oberfläche geratenes ›fossiles‹ Tiefenwasser über längere Zeit das C14 in erhöhtem Maße absorbiert, so dass die Atmosphäre zeitweise an C14 verarmen muss, um sich danach wieder einem früheren Zustand anzunähern.

4. Zusammenfassung

Es ist möglich, dass ein C14-Ungleichgewicht in der Atmosphäre den bisher geglaubten Radiokarbonkalender um einen ganz erheblichen Faktor staucht oder streckt. Dabei geht es nicht um 10 %, wie bisher ›rekonstruiert‹, sondern um eine Größenordnung mehr. Mit dieser Möglichkeit bewegen wir uns in dem Rahmen, den die kritische Chronologie auf unterschiedlichen Ebenen als realistisch für das Holozän erkannt hat. Es geht mindestens um eine Halbierung wenn nicht sogar um eine Drittelung oder Viertelung des bisher für richtig erachteten zeitlichen Rahmens von 10.000 Jahren.

Dass sich dies in den Baumringchronologien nicht widerspiegelt, hat einen so einfachen wie auch ärgerlichen Grund: Welche Annahmen auch immer über die Geschichte der C14-Konzentration getroffen werden, genau diese Geschichte wird von denjenigen Baumringchronologien rekapituliert, die unter Rückgriff auf entsprechende C14-Vordatierungen erstellt worden sind. Man erkennt also:

Jede der beiden Datierungsmethoden hat einen auch sich selbst nicht  behebbaren Defekt: Chronologische Aussagen werden nur durch chronologische Hilfestellung von außen möglich.

Die gegenseitige chronologische Hilfestellung stellt einen Zirkelschluss dar, der sämtlich dendro- und radiochronologischen Aussagen entwertet.

Was die Chronologie des Holozäns angeht, wären damit alle Historiker wieder an die ›Zeichenbretter‹ zurückverwiesen – dort, wo sich die ›Chronologiekritiker‹ seit Jahrzehnten um eine saubere Chronologie des Holozäns bemühen.

Anhang I: Wie sich die Dendrochronologie unbesehen ins Abseits synchronisiert hat

In »C14-Crash« haben wir Messergebnisse an einem neuseeländischen Kauri-Baum als eines von mehreren Beispielen für eine mögliche C14-Anreicherung der Atmosphäre angeführt. C14-Anreicherung bedeutet, dass konventionell C14-datierte Proben tatsächlich viel jünger sind. Hier zeigen wir an einem Beispiel C14-datierter Baumproben, wie – entgegen jeder Evidenz – unbeirrt an unzutreffenden Vorstellungen festgehalten wird und wie dadurch systematische Fehler in eine Baumringchronologie eingehen müssen [Kaiser 1993].

Das Bild 9 zeigt im rechten Diagramm C14-Daten einer ca. 375 Kalenderjahre umfassenden Baumringchronologie, die aus 6 archäologisch zusammengehörigen Föhren erstellt wurde. Im linken Diagramm sind C14-Daten einer weiteren Baumringchronologie eingetragen, die aus 4 archäologisch zusammengehörigen Föhren erstellt wurde und ca. 670 Kalenderjahre umfasst. Die Jahresmarken für den Wert 11.300 C14-Jahre sind in beiden Diagrammen als horizontale Linien hervorgehoben und durch eine Hilfslinie miteinander verbunden worden. Dadurch unterstellen wir im folgenden, dass gleiche C14-Aktivität auch gleiches Absolutalter bedeutet, was auch als ›Simultanitätsprinzip‹ bezeichnet wird. Es stellt eine starke Annahme dar, denn es schließt insbesondere Kontaminationen und lokale Unterschiede in der C14-Aktivität der Atmosphäre aus.

Bild 9: Zwei schwimmende Baumringchronologien

Im rechten Diagramm [Kaiser 1993, 37] sind Messdaten einer ca. 375 Kalenderjahre umfassenden, aus 6 archäologisch zusammengehörigen Föhren bestehenden Baumringchronologie als ›C14-Jahre‹ aufgeführt. Im linken Diagramm [Kaiser 1993, 36] sind die ›C14-Jahre‹ einer weiteren Baumringchronologie eingetragen, die aus 4 archäologisch zusammengehörigen Föhren erstellt wurde und ca. 670 Kalenderjahre umfasst.

Das Beispiel zeigt, wie missverständlich die Verwendung von C14-Jahren‹ werden kann, denn die beiden Ausgleichsgeraden zeigen an, dass jeweils über 50% mehr ›C14-Jahre‹ als Kalenderjahre verstrichen sind. Hätte dieser Trend über die gesamte Lagerzeit der Föhren angehalten, dann betrüge ihr wahres Alter nur 2/3 des radiometrischen Alters. Und alle radiometrisch jüngeren Baumproben wären auch nur über einen 2/3 so langen Zeitraum zu verteilen gewesen. In den Bildem 8 und 9 offenbart sich das ganze Ausmaß der Tragödie, falls nach der Faustformel »1 C14-Jahr = 1 Kalenderjahr vordatiert worden ist.

In die Graphik wurden nicht die gemessenen C14-Konzentrationswerte eingetragen, sondern das jeweilige so genannte ›C14-Jahr‹, dasjenige ›Alter‹ also, welches sich unter Annahme stationärer Verhältnisse aus der C14-Konzentration errechnet. Diese ›Altersangaben‹ verwirren mehr, als dass sie nützen, denn es ist evident, dass die C14-Konzentration nicht konstant gewesen ist: Für die rechte Baumringchronologie kann beispielsweise abgelesen werden, dass auf messtechnisch erfasste 250 Kalenderjahre der Baumringchronologie eben nicht 250 ›C14-Jahre‹ kommen, sondern rund 50% mehr. Das ergibt sich insbesondere, wenn man die Ausgleichsgerade zu Rate zieht, die von uns nach Augenschein zugefügt wurde. Für die linke Chronologie kann eine ganz ähnliche Betrachtung angestellt werden, wobei hier deutlich weniger Messwerte vorliegen und deshalb die Lage der Ausgleichsgeraden weniger evident ist.

Wegen der radiometrischen Überlappung der beiden Baumringchronologien – es gibt einen Bereich, in dem bei beiden Chronologien jeweils die gleiche C14-Konzentration gemessen wird – können die beiden Ausgleichsgeraden übereinander gelegt werden (Bild 10). Dadurch kommt es zu einer Überlappung in den Baumringen von knapp 200 Kalenderjahren. Nun wäre es methodisch angemessen zu prüfen, ob die beiden Chronologien in dieser Konstellation in einer bestimmten Verzahnung auch nach dendrochronologischen Vergleichskriterien synchron laufen.

Bild 10: Methodisch korrekte radiometrische Synchronisierung

Eine radiometxische Synchronisiertmg der beiden Baumringchronologien aus Bild 9 ist angezeigt, weil sie a) einen vergleichbaren Trend im Verlauf der C14-Konzentration ausweisen und weil sie sich b) radiometrisch überschneiden. Die Synchronisierung geschieht durch Übereinanderlegen von Ausgleichsgeraden mit C14-Skalen, was in diesem Fall zu einer ›physischen‹ Überlappung der beiden Baurnringchronologien in einem Bereich von ca. 200 Kalenderjahren führt. Im Rahmen der Unsicherheit dieser radiometrischen Synchronisierung wäre jetzt nach einer ›Verzahnung‹ zu suchen, bei der die beiden Chronologien auch nach dendrochronologischen Vergleichskriterien synchron laufen. Welche dendrochronologische Katastrophe sich vollzieht, wenn der ausgewiesene Trend der Daten einfach negiert wird, zeigt Bild 11.

Der Autor der Veröffentlichung, der wir diese beiden Chronologien entnommen haben, hat sich von der Stationaritätsannahme nicht lösen können und deshalb die Graphiken mit 45°-Geraden versehen. Damit ging er von der Annahme »Ein C14-Jahr gleich ein Kalenderjahr« aus. Doch in beiden Bildern ist es sehr unwahrscheinlich, dass ausgerechnet die 45°-Gerade die Tendenz der Messwerte richtig wieder gibt. Es besteht also eine erhöhte Gefahr, dass die beiden Chronologien falsch verzahnt werden, wenn man die entsprechende radiometrische Synchronisierung vornimmt (Bild 11). Und so wird sich zwangsläufig das einschleichen, was man am meisten verhindern möchte: eine trügerische ›Zufallslage‹, die dann die ganze Baumringchronologie verdirbt.

Jede dendrochronologische Verzahnung, die die tatsächlichen Trends ignoriert und stattdessen an der radiometrischen Synchronisierung mittels der 45°-Steigung festhält, wird diese trügerischen Zufallslagen erzeugen. Daran kann auch das Argument nichts ändern, unabhängig voneinander erstellte Baumringchronologien würden an bestimmten Stellen nach dendrochronologischen Gesichtspunkten signifikant korrelieren und diese somit nach immanenten Kriterien bestätigen. Solange beide Chronologien auf derselben C14-Konstruktionsvorschrift basieren, werden solche Korrelationen zwangsläufig auftreten, ohne in irgendeiner Weise beweisen zu können, dass die Chronologien stimmen. Alle längeren Baumringchronologien beruhen auf herkömmlichen C14-Vordatierungen, die die Hinweise auf instationäre Trends in den C14-Daten ignoriert haben.

Wir weisen daraufhin, dass dermaßen verzerrende Anpassungen der Kurven – nämlich an sich viel steilerer Kurven an die 45°-Steigung – automatisch zu den vielbeschworenen ›wiggles‹ führen, die Phasen der C14-Verarmung der Atmosphäre [104, 102] vortäuschen oder auch künstliche ›C14-Plateaus‹ erzeugen, wie sie vornehmlich im spätglazialen Teil der Baumringchronologien gesehen werden.

Bild 11: Methodisch unzureichende radiometrische Synchronisierung

Nötigt man den C14-Daten eine 45°-Gerade auf, dann kommt es zu einer gänzlich anderen radiometrischen Synchronisierung und damit auch zu einer gänzlich anderen dendrochronologischen Überlappung, die hier statt ca. 200 Kalenderjahren nur ca. 50 Kalenderjahre beträgt (was in diesem Fall die Synchronisierung nach dendrochronologischen Vergleichskriterien ohnehin problematisch machen würde). Zwingt man den Teilchronologien generell falsche radiometrische Synchronisierimgen auf, dann landet man am Ende bei einer Chronologie, die nur eines verlässlich wiedergibt: Dasjenige Vorurteil über die Geschichte der C14-Konzentration der Atmosphäre, mit dem man an die Lösung der Aufgabe herangetreten ist.

Anhang II: Zur Problematik der Verwendung von ›Kalibrierkurven‹

In diesem Artikel haben wir versucht, C14-Daten stets im Rahmen einer ›Geschichte‹ der C14-Konzentration darzustellen, um die physikalischen Ursachen interpretieren zu können, die diese Geschichte prägen. Dieser Zugang ist erschwert oder sogar versperrt, wenn C14-Daten als konventionelle ›Kalibrierkurve‹ aufbereitet werden.

Die aktuell gemessenen C14-Daten einer historischen Probe dürfen als Endpunkte einer Exponentialkurve betrachtet werden, die durch den radioaktiven Zerfall in der Probe entsteht, wenn sie keinerlei Stoffwechsel mehr erfährt. Für die C14-Geschichte der Atmosphäre, die aus solchen C14-Daten konstruiert wird, gibt es keine entsprechenden Vorgaben. Sie muss vollständig rekonstruiert werden. Wir haben gezeigt, dass die Geschichte der atmosphärischen C14-Konzentration nicht nur von Produktion und Zerfall des C14 geprägt ist, sondern vor allem von Diffusionen. Wenn diese Diffusion über historische Zeit in eine Richtung überwogen haben sollte, dann ist die Geschwindigkeit der ›C14-Uhr‹ von der unserer Alltags-Uhr entkoppelt: Die Angabe von C14-Jahren anstatt der ursprünglichen C14-Konzentration wird entsprechend missverständlich.

Um eine Geschichte der C14-Konzentration aufzustellen, stehen keine Messergebnisse zur Verfügung, die in der Vergangenheit gewonnen worden sind. Die C14-Geschichte insbesondere der Atmosphäre muss deshalb grundsätzlich aus heutigen Messungen an historischen Proben bekannten Alters rekonstruiert werden. Aus jeder ›Restaktivität‹ kann dann diejenige C14-Konzentration zurückgerechnet werden, die zum Zeitpunkt des Stoffwechselendes dieser Probe in der Atmosphäre geherrscht hatte. Mit ausreichend vielen solcher datierten Proben kann dann der zeitliche Verlauf der C14-Konzentration in der Atmosphäre rekonstruiert werden (Bild 4). Die entsprechende Graphik erlaubt dann auch die Betrachtung physikalischer Ursachen, die den zeitlichen Verlauf bestimmen; sie erlaubt es aber nicht, die C14-Messung an einer historischen Probe unmittelbar in ein Absolutdatum zu überführen. Dazu müsste man auch die Probengeschichte, die Zerfallskurve also, in die Graphik legen, um aus dem Schnittpunkt der beiden Geschichten das Alter der Probe zu bestimmen. Diese Vorgehensweise ist sehr unpraktisch. Deshalb müssen die C14-Daten der Atmosphäre anders aufbereitet werden, um eine praktikable ›Kalibrierkurve‹ zu erhalten.

Am einfachsten ist es, die ursprünglich gemessenen C14-Konzentrationen der historischen Proben über ihr jeweils bekanntes Alter aufzutragen, so wie es anfangs auch Libby mit seiner ›Curve of Knowns‹ (Bild 5) praktiziert hatte. Jeder Messwert an einer aktuellen Probe kann dann direkt in ein Absolutdatum überführt werden (Bild 12 oben). C14-Labore veröffentlichen in der Regel aber keine Konzentrationswerte, sondern ›C14-Jahre‹. Deshalb beruhen konventionelle Kalibrierkurven auch nicht auf der C14-Konzentration, sondern auf ›C14-Jahren‹ (Bild 12 unten). Der zusätzliche Aufwand, die miteinander zu vergleichenden Messwerte noch einmal in ›C14-Jahre‹ umzurechnen, ist nur gerechtfertigt, wenn diese dem tatsächlichen Alter jeweils annähernd entsprechen würden, die C14-Verhältnisse der Atmosphäre mithin ausreichend stationär gewesen sind. Doch genau das steht schwer in Zweifel. Deshalb tragen Kalibrierkurven, die auf ›C14-Jahren‹ basieren, leider dazu bei, das Missverständnis über die Funktionsweise der ›C14-Uhr‹ aufrechtzuerhalten.

Bild 12: Kalibrierkurven

Die obere Graphik beruht auf gemessenen C14-Konzentrationswerten historischer Proben, die untere hingegen auf ›C14-Jahren‹, in die die C14-Konzentrationswerte zuvor umgerechnet worden sein müssen. Kalibrierkurven beruhen auf der unteren Darstellungsweise, weil man glaubt, mit ›C14-Jahren‹ bereits annähernd das wahre Alter der Probe zu kennen.

Literatur

Blöss, Christian / Niemitz, Hans-Ulrich (1998): »’Postglaziale’ Gletschervorstöße. Kritik der Altersbestimmungsmethoden für das Quartär III«; in ZS 10 (4) 568-585

- (22000): C14-Crash. Das Ende der Illusion, mit Radiokarbonmethode und Dendrochronologie datieren zu können; Berlin (11997, Gräfelfing)

Kaiser, Klaus, Felix (1993): Beiträge zur Klimageschichte vom späten Hochglazial bis ins frühe Holozän, rekonstruiert mit Jahrringen und Molluskenschalen aus verschiedenen Vereisungsgebieten; Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft; Birmensdorf

Niemitz, Hans-Urich (1995): »Die ‘magic dates’ und ‘secret procedures’ der Dendrochronologie«; in ZS 7 (3) 291-314


1 Hier und im Folgenden umschreiben wir das an sich relevante Verhältnis von C14- und C12-Konzentration der Einfachheit halber mit ›C14-Konzentration‹.

2 Download unter http://depts.washington.edu/qil/

4 Kommentare zu “C14-Crashkurs”

[...] Chr. Blöss / H.-U. Niemitz: C14-Crashkurs. Warum wir mit C14-Methode und Dendrochronologie nicht ab… [...]

[...] Neu-Veröffentlichung des C14-Crashkurs dient der Vorbereitung dieser Bemerkungen, damit nicht immer wieder die Grundlagen der Kritik der [...]

[...] kennen das zur Genüge. “C14-Jahre” entsprechen nicht den wirklichen Jahren (Blöss/Niemitz), Dendrochronologen haben ihre frühmittelalterlichen Baumreihen auseinander gerissen (Otte) und [...]

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2. August 2008                     Kategorie(n): Artikel aus den ZS, Fantomzeit, Zeitensprünge

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Löschung der frühmittelalterlichen Regenten Spaniens

Die überzähligen Winths, Alfonsos und Abd-er-Rahmans bei Westgoten, Asturiern und Muslimen

von Gunnar Heinsohn (aus Zeitensprünge 01/2005)

„Keine andere vergleichbare Epoche der Geschichte Spaniens ist so reich an radikalen Umwälzungen und so arm an guten Quellen wie die zwei Jahrhunderte vom Ausgang der Regierung des Westgotenkönigs Wamba (672-680) bis zu den Kriegen Alfons’ III. [des Großen] von Asturien-León (866-910)“ [Prelog 1980, S. III].

I. Die Vernichtung des iberischen Reiches der Westgoten durch ihre muslimischen und asturischen Erben und das Fehlen von drei Jahrhunderten in Toledo

Das eigentliche Spaniertum – unterschieden von Römertum, Westgotentum und Arabertum – sei in Asturien entstanden. Dieser Urgrund aller spanischen Dynastien habe nur 11 Jahre nach einem arabischen Eroberungszug gegen das Reich des Westgoten und nur acht Jahre nach dem Tod ihres letzten Königs, Agila II. (711–714), seine ungemein vitale Existenz begonnen.

Von Anfang an bewährt durch einen Sieg unter einem frommen Pelay[g]o gegen muslimische Reiter bei Covadonga im Jahre 722, sei Asturien zwar immer bedrängt, 920 in Valdejunquera (Navarra) durch Halbmondkrieger auch blutig besiegt, den Emiren und Kalifen aber niemals wirklich untertänig geworden. Während die Westgoten spurlos abgetreten seien, habe ihre asturische Provinz sich im letzten Moment losreißen und dann als eigenes Königreich unbeirrt standhalten können.

Die Westgoten (eigentlich Wisigothen bzw. Gute Goten von gothisch ueso = gut) wie auch die Ostgoten (eigentlich Ostrogoten bzw. Glänzende Goten von Lateingothisch austro = strahlend) finden bis zur Mitte des 6. Jhs. ihre Geschichtsschreibung im Werke De origine actibusque Getarum, das Jordanes im Jahre 551 vorgelegt haben soll. Es ist einer Auffindung durch den Augsburger Konrad von Peutinger (1465–1547) zu verdanken. Jordanes soll die nicht wieder aufgefundene Gotengeschichte des Cassiodor (490–580) zusammengefasst haben. Die byzantinischen Berichte von Belisars Geheimschreiber Prokop über die Kriege gegen die Goten – De bello gothico – führen ein wenig weiter bis zum Jahr 555. Die Chronik des westgotischen Johannes von Biclaro (540–614/21; Bischof von Gerona) deckt noch die Jahre 567 –590 ab [Campos 1960]. Sie ist allerdings nicht erhalten, sondern liegt nur in einer Bearbeitung vor, die auf das Jahr 602 datiert wird [Bronisch 1998, 47].

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Westgotenreich (gut 700.000 km2) mit Südfrankreich und iberischer Halbinsel – unter Einschluss von Asturien (Oviedo) und León – bis zum Sieg der Chlodwig-Franken bei Poitiers im Jahre 507 [Claude 1970, 147] .
Auf einen Rekkeswinth (653–672) bezogene Votivkrone (Gold und Edelsteine) aus dem Schatz von Guarrazar [Christ et al. 1988, 76]

Herkömmliche westgotische Königsliste für die iberische Halbinsel (Toledo) nach Sieg der Franken unter Chlodwig bei Poitiers im Jahre 507 über die Westgoten, die nach dem Tod ihres Königs Alarich II. nicht wieder in Frankreich herrschen und ihre Hauptstadt von Toulouse im Jahre 534 – mit Zwischenstationen in Barcelona, Sevilla und Merida – nach Toledo verlegen [Claude 1970]:
Alarich II (484–507): Letzter Gotenkönig von Spanien und Südfrankreich mit Hauptstadt Toulouse

Gesalich (507–511) Sisebut (612–621) Zwangstaufe der Juden
[gegen Kaiser Heraklius, Feldherr Suinthila]
Amalarich (511–531)
Theudis (531–548) Rekkared II. (621)
Theudigisel (548–549) Suinthila (621–631, Feldherr Sisebuts]
Agila I. (549–555) Sisenand (631–636)
Athanagild (555–567) Chintila (636–639)
Liuwa (567–572) Tulga (639–642)
Leowigild (568–586)
[bis hier arianisch]
Chindaswinth (642–653)
Rekkeswinth (653–672)
Rekkared I. (586–601)
[wird katholisch]
Wamba (672–680)
Erwig (680–687)
Liuva II. (601–603) Egika (687–702)
Witterich (603–610) Wittiza (702–710)
Gundemar (610–612)
[610 gegen Kaiser Heraklius]
Roderich (710–711) mit Metropolit Sindered
Agila II. (711–714)

Glaubensfreiheit für Juden seit muslimischer Eroberung von 711
Abd-er-Rahman I. (766–788) Emir v. Cordoba.

Die Geburt des Westgoten Isidor – mit Brüdern als Bischöfen in Astiga und Sevilla, wo er die Nachfolge antritt – wird meist um 560 angesetzt. Er legt seine Historia de regibus Gothorum, Vandalorum et Sueborum zu Beginn des 7. Jhs. vor (irgendwann zwischen 612 und 621). 70 der 92 Kapitel handeln von Goten. Seine Etymologiae widmet er König Sisebut, dessen Herrschaftsbeginn auf 612 datiert wird. Isidors Geschichte der Goten, die er aus demselben Stamme entstehen sieht wie die Skythen, soll in „weiten Teilen“ die verlorene Arbeit Historiola de iis temporibus Gothorum in Hispaniis acta sunt des Maximus von Zaragoza wiedergeben [Bronisch 1998, 50].Was zeitgenössische Quellen anbetrifft, versinken Isidors Westgoten nach Gundemar, Sisebut und seinem Feldherrn Siunthila in einem unheimlichen Nachrichtenloch: Externe „Kontakte sind nur zu Beginn des 7. Jh.s nachweisbar. [...] Außerspanische Quellen beschäftigen sich kaum mit dem Westgotenreich, das aus dem Gesichtskreis der Franken und Oströmer verschwindet“ [Claude 1970, 75].Kaiser Heraklius, dessen Regierungszeit um 610 einsetze, kämpfe in eben diesem Jahr gegen Gundemar und danach auch gegen Sisebut bzw. dessen Oberkommandeur Suinthila. Wenigstens am Rande erwähnt sei hier Patrick Armory’s These [1997], dass es im ethnischen Sinne ein Volk der Goten zumindest in Italien (Ostrogoten) niemals gegeben habe, „Gotisch“ (Wulfilabibel von 369) sei die Liturgiesprache der arianischen Kirche gewesen, der Germanen und Römer angehörten. Die in Quellen durchaus nachweisbare Kennzeichnung „Goten“ sei ein politisches Konstrukt Theoderichs des Großen gewesen. Da auch Armory die politischen und militärischen Taten der als Goten bezeichneten Leute nicht bestreitet, mag der ethnogenetische Fachstreit hier außen vor bleiben. Unstrittig ist allerdings, dass es auch auf der iberischen Halbinsel schon im 6. Jh. kein Gotisch mehr gibt. Für die reinen Sprachforscher ist es deshalb ganz selbstverständlich, dass dann – mit Ausnahme der Krim – auch die Goten verschwunden sind, also nicht gut zu begreifen ist, dass sie noch 711 gegen Muslime Schlachten verlieren können: „Die gotische Sprache ist im 6. Jahrhundert mit den Goten untergegangen“ [mediaevistik.de 2005].Die archäologischen Funde für Spaniens Westgoten liegen in Nekropolen durchaus reichhaltig vor – vor allem in Duratón 50 km nordöstlich von Segovia mit 660 Gräbern [Molinero Pérez 1948]. Aber auch bei ihnen kommt man nur bis in das 6. Jh. Das gilt auch für die beiden dort gefundenen Münzen von Anastasius (491–518) und Theoderich (511–526) [Scheibler 1993].Vielversprechender wirkt der 1853 geborgene Schatz von Guarrazar (7 km südöstlich von Toledo). Zu ihm gehören neun Kronen. Für eine davon hat man als Anhänger gestaltete Buchstaben so rekonstruiert, dass sie sich auf Rekkeswinth beziehen lassen, der in die Zeit 653 bis 672 gesetzt wird. Bei leicht variierter Rekonstruktion – und rekonstruieren muss man in jedem Fall – könnte die Inschrift aber auch zu Rekkared I. (586–601) passen, der sich als erster westgotischer König vom Arianismus abwendet und 587 katholisch wird. Unstrittig ist der Namensfund Suinthila in Guarrazar, der unter dem 612 König werdenden Sisebut als Feldherr dient.Vermutet wird, dass der Schatz nach Invasion der Muslime vergraben worden ist. Bei einer Streichung von drei Jahrhunderten [Illig 1991 ff.], die – wie unten zu zeigen – die arabische Eroberung in das 10. Jh. bringt, wäre in der Tat ein Suinthila aus dem 7.||10.Jh. ein arabisch unterworfener Führer bei den Westgoten gewesen. Wenn die Westgoten im 6. Jh. durch zeitgenössische Berichte und archäologische Funde und im frühen 7. Jh. immerhin durch interne und externe zeitgenössische Berichte belegt sind, so bleibt für das übrige 7. Jh. und den Beginn des 8. Jhs., als die Mauren Herren geworden sein sollen, eine schwer begreifbare Lücke. Zwar wird eine Inflation von fünfzehn Toledo-Konzilen (4. bis 18.) zwischen 633 und 702 angesetzt. Gebäude in der Stadt, die für illustre Zusammenkünfte angeblich zahlloser Bischöfe und Äbte Iberiens hätten herausgeputzt werden können, haben die Archäologen allerdings niemals gefunden.

„Die meisten Bauten der Westgotenzeit sind verschwunden. In keiner der großen Städte des Reiches ist ein Kult- oder Profanbau erhalten“ [Claude 1970, 116].

Überdies kann kaum ein moderner Historiker seine Empörung darüber zügeln, dass die westgotischen Codices und Konzilsprotokolle des 7./8. Jhs. nichts gemein haben mit der herkömmlichen Abfassung solcher Dokumente.

„Die Sprache der westgotischen Gesetze und Konzilsakten verwilderte im 7. Jh. An die Stelle einer fast klassischen Klarheit, die noch in den Gesetzen des Codex revisus [Ende 6. Jh.] häufig ist, tritt eine rhetorisch aufgeputzte Ausdrucksweise. Hinter den moralisierenden Betrachtungen des Gesetzgebers trifft oftmals der juristische Kern zurück“ [Claude 1970, 119].

Bei Schreibtischproduktionen frömmelnder Kleriker vom Schlage des uns gleich interessierenden Pelayo aus Asturien steht solches Schwadronieren und Fabulieren gerade zu erwarten. Als letztes unverdächtig wirkendes Toledo-Konzil gilt das dritte von 589, auf dem die Westgoten den Übertritt ihres Königs Rekkared zum Katholizismus von 587 nachvollziehen.

Immerhin werden außerhalb der Städte vier 20-25 m lange Kirchen in die fragliche Zeit datiert [Grundrisse bei Christe 1988 119; Illig 1995, 38]. San Juan de Baños de Cerreto (Provinz Palencia) sei aufgrund einer Inschrift unter Rekkeswinth 661 begonnen worden, so dass der berühmte Konvertit Rekkared ohne irgendeine Kirche oder auch nur Inschrift bliebe. San Pedro de la Nave bei Zamora sei 691 unter Egika oder bereits unter Wamba begonnen worden. Die beiden nun haben Namen und Datum, mithin ihre bloß papierene Existenz aus der Historia Wambae regis [Levison 1976]. Diese wird einem Julian zugeschrieben, der zwischen 680 und 690 als Metropolit von Toledo gewirkt haben soll. Mit ihm werde „zweifellos der Höhepunkt der westgotischen Historiographie“ erreicht [Bronisch 1998, 57]. Allerdings trägt er auf den ersten Blick einen nicht gut begreifbaren Makel. Obwohl die Westgoten noch quicklebendig seien und noch niemand von einem islamischen Feind und einer von ihm bedrohten spanischen Nation etwas wisse, spricht Julian nicht etwa von Westgoten, sondern von Spaniern und Galliern. Und einen Aufstand seiner gallischen Untertanen schlage Wamba merkwürdigerweise in Südfrankreich nieder, das sein Vorgänger Alarich II. schon im Jahre 507 in seiner Poitiers-Niederlage an die Franken verloren hat.

Julians weit in die Jahrhunderte vorgreifenden Vision des Spaniertums provoziert keineswegs Zweifel an der Echtheit der Überlieferung. Im Gegenteil, gerade diese enorme Hellsichtigkeit beweise Julians Ausnahmegenie. Er habe „Reichsbewußtsein“ formuliert, als niemand sonst daran auch nur denken konnte. Nicht minder begabt erscheint er, weil er sich den Niederungen eines Lokalkolorits verweigert und stattdessen „vor allem mit Details aus Sauls Krieg gegen die Ammoniter“ arbeitet, wie Suzanne Teillet [1984] herausgefunden hat. Durch Einschaltung seines überlebensgroßen Helden in die hebräische Bibel wird „Wamba als altestamentlicher König des Volkes Gottes dargestellt“ [Bronisch 1998, 58]. Da Jordanes, Isidor und Kollegen so hoch nicht aufgestiegen sind, müssen sie sich im Urteil heutiger Historiker mit Rängen unterhalb Julians zufrieden geben. Ganz ohne das Bemühen eines wundersamen Genies lässt sich Julians Spaniertum einordnen, wenn seine Schrift frühestens in das 11. Jh. datiert wird, in dem erste Siege über Muslime gelingen, wie etwa 1087 ihre Vertreibung aus Toledo. Gerade die großzügige Verwendung von Bibelpassagen verweist auf eine souverän am Schreibtisch gebastelte Wamba-Fiktion.

Damit bleiben als westgotischer archäologischer Befund Santa Comba de Bande und Santa Maria de Quintanilla de las Viñas. Sie werden keinem bestimmten Herrscher zugeschrieben, aber wiederum aufgrund einer uns noch interessierenden Alfonso-Chronik vage auf 700 gesetzt. Die Datierungen für alle vier Kirchen haben immer verblüfft, weil mit ihnen die Gründungszeit des westgotischen Katholizismus im späten 6. Jh. ohne Sakralbau bliebe. Ebenso hat erstaunt, dass der typische Hufeisenbogen – besonders markant in San Pedro de la Nave – auf der iberischen Halbinsel selbst bereits aus spätrömischer Zeit stammt, etwa in Beja sowie auf Grabsteinen in den Museen von León und Zamora [Claude 1970, 117]. In spätantiken Kirchen Nordafrikas erscheint der Hufeisenbogen ebenfalls schon im 5. Jh. Warum er im westgotischen Spanien erst an der Wende zum 8. Jh. auftauchen soll, ist niemals verstanden worden. Im 6. Jh. also würden die Kirchen chronologischen und bauhistorischen Sinn machen. Es versteht sich, dass sie auch Bauten des 10./11. Jh. ähneln, wenn einmal 300 Jahre aus der Chronologie entfallen [Illig 1995; 1999, 106 f.]. Auch mit dem Hufeisenbogen geht es ja im 12. Jh. in Moscheen, Synagogen und Kirchen ungebrochen weiter.

Nun gut, mag man einwenden, wenn also die westgotischen Artefakte weg sind, dann haben eben die Mauren Toledo et al. so entschieden ausgeräumt und überbaut, dass nur ihre Gebäude, wenn auch erst aus der Zeit zwischen 720 und 900 greifbar sind. Doch auch hier werden die Chronologen bitter enttäuscht. Einziges Relikt aus islamischer Zeit ist innerhalb Toledos eine Moschee von 999, die im Jahre 1187 zur Spitalskirche Ermita del Christo de la Luz gewandelt wird. Ebenfalls in das 10. Jh. wird die Puerta Antigua de Bisagra als Teil der islamischen Stadtmauer Toledos datiert. Von der Archäologie her hätte die islamische Eroberung von Westgotenreich und Toledo also nicht im 8., sondern erst im 10. Jh. begonnen.

Die zeitgenössischen Quellen und die Architektur der vier Kirchenfunde verweisen das Ende des Westgotenreiches ein Jahrhundert zurück an den Beginn des 7. Jhs. Die späten Moscheefunde in Toledo wiederum verweisen die Ausbreitung des Islam in das 10. Jh. Es fehlen mithin volle drei Jahrhunderte in der kombinierten Geschichte von Westgoten und Mauren.

In all dieser Not wird – wenigstens bis zum Jahre 641 – auch einem Text Vertrauen geschenkt, der seit 1598 als Fredegar-Chronik geführt wird. Parallelen aus anderen Quellen liegen in ihr aber nur bis zum Jahre 613 vor, so dass den Isidoraussagen Stichhaltiges nicht hinzugefügt werden kann. Die Herstellungszeit des Werkes liegt in tiefem Dunkel. Zwar wird sie gerne auf 650/60 gelegt, aber auch ein Renaissanceentwurf aus dem 16. Jh. wird für möglich gehalten [Pichard 1966, 161]. Illig [1998, 142] hat die Fredegarkompilation anhand vergleichbarer und relativ sicher datierbarer anderer Texte nebst ihrer spezifischen Inhalte kurz vor 1150 platziert.

II. Kann Asturien-León die Jahrhunderte füllen, die für Westgoten und islamische Eroberer fehlen?

Sicher ist niemand glücklich über die Quellenlücke für Toledo, räumen Historiker ein, aber all das werde doch kompensiert durch die famosen und bis ins 7. Jh. zurückreichenden Chroniken der Könige von Asturien und León. Die Geburt dieses Königreiches erfolge mit dem Jahre 717 ja auch nur knapp nach der islamischen Eroberung, die um 711 stattgefunden haben soll. Die meisten Herrscher von Asturien-León aus den Jahren 717 bis 913 werden in den aktuelleren Werken als nicht quellenmäßig belegbar heruntergespielt oder bleiben schlicht unbehandelt. An den drei überlebensgroßen Alfonsos aber wird eisern, ja verzweifelt festgehalten. Verzweifelt, weil man die Beweisführung für das Nichtvorhandensein der bis 1980 für zeitgenössisch gehaltenen Alfonso III.-Chronik durch Jan Prelog akzeptiert hat, damit aber nicht leben kann, wenn man Jahrhunderte illustrieren muss. In dieser Depression aber gibt es aufschlussreiche Mentalitätsunterschiede. Der führende deutsche Gelehrte Ludwig Vones paraphrasiert Prelogs Revolution lediglich als Nachweis einer „komplizierten Überlieferungslage“ [Vones 1993, 35], mit der er dann aber zumindest für die drei Alfonsos einfach weiter macht. Der erste Name der angelsächsischen Literatur hingegen, Peter Linehan [1993, 76], bescheinigt Prelog „den besten Zugang“ zum Problem:

„Tatsache bleibt, daß unser gesamtes Wissen über die Jahre direkt nach 711 aus Texten stammt, die aus den späten 800er Jahren datieren und daß unsere frühesten Handschriften dieser Texte noch einmal hundert Jahre später geschrieben wurden. Tatsächlich datieren die frühesten vorhandenen Manuskripte der gelehrten Version der Chronik [...] sogar erst aus dem 16. Jahrhundert“ [Linehan 1993, 76 f.; Übers. hier und im Weiteren G.H.].

Doch lassen wir Prelog selbst zu Worte kommen. Er beginnt mit der Widerlegung des Werkes von Spaniens bedeutendstem Historiker nach 1945, Claudio Sánchez-Albornoz (1913–1984). Der hatte in Origines de la nacion espanola [1972 ff.] für alle Welt glaubhaft gemacht, dass bereits Alfonso der Keusche (791–824) eine Chronik geschrieben und natürlich auch existiert habe. Von solcher Überlieferung bleibt nichts:

„Es hat kein misterioso cronicón del siglo VIII, keine verlorene Chronik aus der Zeit Alfons’ II. als Hauptquelle Alfons’ III. gegeben. [...] Im Gegenteil, es hat sich herausgestellt, dass wir nicht einmal den Text von Alfons III. eigenem Werk besitzen. Dieses ist verloren und für uns nur auf dem Weg über eine nach dem Tod des Verfassers entstandene Neufassung zu erschließen, welche ebenfalls nicht erhalten [ist].“ [Prelog 1980, CLXXXVI]

An eine verlorene Überarbeitung in den Jahren 910–914 eines verlorenen Textes, der 877–881 geschrieben worden sein soll, glaubt Prelog nun genau so entschlossen wie alle anderen. Der Grund dafür ist verständlich. Es ist der horror vacui, das Entsetzen vor Hunderten von leeren Jahren, an deren Existenz geradezu mit Inbrunst geglaubt wird. Prelog klammert sich an ein Alfonso-Opus, weil dieser „erste historiographische Versuch auf christlichem Boden seit dem Ausgang der Westgotenherrschaft“ in der „asturischen Historiographie eine zentrale Stellung einnimmt“ [Prelog 1980, CLXXVII]. Irgendeinen Zweifel an der frühmittelalterlichen Geschichte Asturiens mit all ihren Königen als solcher verspürt eben auch ein Prelog niemals. Er ist beileibe kein Adam Naruszewicz (1733–1796), der schon im späten 18. Jh. die zwölf frühmittelalterlichen Könige Polens ersatzlos streicht [Heinsohn 2003a]. Auch dieser kühne Bischof von Riga hat allerdings die betreffenden Jahrhunderte als solche nicht bestritten. Deshalb musste er den Polen ein dunkles Zeitalter hinterlassen. Gleichwohl zog er es vor, sich eher mit dieser Leere abzufinden, als sein Gewerbe durch Vortäuschungen ins Zwielicht zu rücken. Dieser Tugend folgt später Simon Dubnow, als er dagegen wettert, die sich in der Mittelaltergeschichte „auftuenden Abgründe gleichsam mit einem Papiergerüst überdecken“ zu wollen [Dubnow 1926a, 561].


Königsliste für Asturien und León
Lesart des 17./18. Jhs. Moderne Lesart
[etwa Moréri 1717, III, 327] [Vones 1993, Zeittafel].

Pelage-Pelayo (717–736) noch geführt (quellenlos)
Favilla (736–738) quellenlos entfallen
Alfonso I. (738–757) noch geführt (quellenlos)
Froila/Fruela (757–766) quellenlos entfallen
Aurelio (766–775) quellenlos entfallen
Silo Sarazin [Regent] (775–783) quellenlos entfallen
Mauregat (783–789) quellenlos entfallen
B[V]ermond/Bermudo I (789–791) quellenlos entfallen
Alfonso II., der Keusche (791–824) noch geführt (quellenlos)
Ramiro I. (824–850) quellenlos entfallen
Orduno/ Ordoño (850–862) quellenlos entfallen
Alfonso III., d. Große (862–910) noch geführt (quellenlos)
García (910–913) García I. (910–914)

Orduno/Ordoño [Ramiro II.] (913–923)
[erstmals Titel „König von León“]
Ordoño II. (914–924)
Froila/Fruela, der Lepröse (923–924) Fruela II. (924–925)
Alfonso IV., der Mönch (924–931) Alfonso Froilaz (925–926)
Ramiro III. (931–950) Alfonso IV., d. Mönch (926–931)
Orduno/ Ordoño III. (950–955) Ramiro II. (931–951)
Orduno/ Ordoño IV., d. Böse (955–956) Ordoño III. (951–955)
Sancho I., der Dicke (956–967) Sancho I., der Dicke (955–958 und 960–965)
Ordoño IV., d. Böse (958–960)
Ramiro IV. (967–982) Ramiro III. (965–985)
B[V]ermond/Bermudo II. (982–1000) B[V]ermudo II. (985–999)
Alfonso V. (1000–1029) Alfonso V., d. Edle (999–1028)
Fernando (1029–1037), tötet seinen
Vetter Bermudo III. im Jahre 1029
B[V]ermudo III. (1028–1035)
getötet von Fernando 1035
1037 Vereinigung von León und Kastilien
Fernando I. (Bermudotöter) der Große von León und Kastilien (1037–1065)

Nun ist eine „zentrale Stellung“ Groß-Alfonsos nach dem Verlust Keusch-Alfonsos unbestreitbar. Eine Historiographie allerdings, die diesen Namen verdient, ist davon nicht betroffen. Das ahnt der Brite Linehan viel mutiger als seine deutschen Kollegen:

„Gemeinsam mit allen anderen historischen Materialien für die Zeit bis 984 gelangte im 12. Jahrhundert der Text der Chronik von Alfonso III. in die Hand von Bischof Pelayo von Oviedo. Pelayo war ein Gigant unter den Fälschern zu einer Zeit, in der er dafür scharfe Konkurrenz und jede denkbare Möglichkeit hatte. ‚Er hat immer, immer und immer gefälscht‘, wenn es nach Sánchez-Albornoz geht. [...] Für den Augenblick reicht die Feststellung, daß Bischof Pelayos skrupelloser Einsatz für die Interessen der Kirche von Oviedo ernste Probleme für alle Historiker irgendeines Zeitraums vor seinem Abtritt von der Szene im Jahre 1129/30 aufwirft. [...] Haben die Tintenfinger Pelayos von Oviedo für alle Zeiten verdunkelt, was auch immer die alfonsinische Chronik an authentischem Material über Spaniens Geschichte nach 711 [und bis 1130; G.H.] enthalten haben mag?“ [Linehan 1993, 78, 79, 81].

Eine angebliche Chronik aus dem 9. Jh., die zu 100 % verloren ging, aber im 10. Jh. eine Überarbeitung erfahren haben soll, von der es ebenfalls keinen einzigen Schnipsel gibt, sei bis zum 12. Jh. nur in Abschriften weitergereicht worden, von denen jede einzelne wiederum spurlos vernichtet worden sei. Eine jedoch sei wenigstens dem Bischof Pelayo in die Hände gefallen. Der habe sie umgehend durch eine Fälschung ersetzt und die an ihn gelangte Kopie restlos beseitigt. Pelayos gewiefte Fälschung habe dann bis zum 16. Jh. irgendwo unerkannt gelegen, sei dann jedoch einmal kopiert worden. Anschließend sei die Originalfälschung vernichtet worden, während sich ihre Kopie – Gott sei Dank – bis heute erhalten hat. Auf dieser Fiktion aus der Renaissance beruht Spaniens frühmittelalterliche Geschichte.

Man kann Linehans „für alle Zeiten verdunkelt“ leichthin zustimmen, ohne allerdings seiner Verzweiflung anheim zu fallen, wenn man die betroffenen Jahrhunderte einfach streicht. Verdunkeln kann man nur real verlaufene Geschichtszeit. Wer die Jahrhunderte nicht etwa als schwer durchdringlich auffasst, sondern als fiktiv erkennt, bekommt mit den aberwitzigen Chronikspielchen für einen Groß-Alfonso lediglich einen zusätzlichen Beweis für die Nichtexistenz von 300 Jahren in die Hand.

Dass Bischof Pelayo im 12. Jh. die Interessen seines Machtbereichs Oviedo in die Königslisten zur Auffüllung des 8. und 9. Jhs. einfließen lässt, ist offensichtlich. An den Beginn einen Mann mit seinem eigenen Namen Pelago zu stellen, verrät schon Chuzpah. Zugleich lässt er sich in seiner religiösen Programmatik von niemandem übertreffen. Denn in dieser schweren Anfangsstunde Spaniens habe kein Geringerer als „Christus den Pelagius zur Macht eines Königs erhoben“ [Bronisch 1998, 114]. Da übertrifft der Mann aus Oviedo noch den Krakauer Bischof Vincentius Kadlubek (1150–1223), der die meisten der von Naruszewicz getilgten fiktiven Frühkönige Polens geschöpft und dabei zu Ehren seines Landesherren Leszek gleich vier weitere Leszeks in die fiktive Zeit gesetzt hatte [Heinsohn 2003a].

Bei seinen westgotischen Königen bemüht sich Pelayo durchaus um Anlehnung an reale Figuren. Suinthila als letzter realer Feldherr und Fürst der Westgoten vom Beginn des 7. Jhs. erlebt bei ihm eine Wiederverwendung als Sindered, letzter Fürst Toledos bei einer arabischen Eroberung von 711. Diesmal führt natürlich kein Feldherr die Westgoten, sondern der oberste Bischof. Auch in weiteren Gotennamen Pelayos mögen sich reale Figuren aus der Zeit nach der realen muslimischen Eroberung im 10. Jh. verstecken. Die arbeitet ja nicht nur mit militärischen Siegen, sondern – womöglich noch schneller – mit Konversionen. Die muslimischen Truppen in Spanien bestehen nur zu einem kleinen Teil aus Arabern. Mehrheitlich sind sie Berber von der Gegenküste an der Gibraltarmeerenge. Auch westgotische Edle sind zum Islam konvertiert und haben sich so erheblichen Feudalbesitz erhalten können. Namen solcher Geschlechter dürfte Pelayo gekannt und für seine fiktiven Chronologien verwendet haben. Aus realen Personen und Pelayos fiktiven Figuren lassen sich folgende Gleichsetzungen vornehmen (Fiktives kursiv):

Rekkared (586–601) = Rekkeswinth (653–672)
Suinthila, Feldherr Sisebuts = fiktiver Sindered flieht = Abd-er-Rahman „III.“
von Toledo im Jahre 612; 712 vor Muslimen erobert 932 Toledo
selbst Koenig von 621–631. aus Toledo

1087 wird Toledo von den Mauren zurückerobert und fungiert dann bis 1561 als Hauptstadt Kastiliens. Erst Philipp II. (1555–1598) verlegt die Residenz nach Madrid. Die Zeit muslimischer Vormacht auf der iberischen Halbinsel ist insofern mit den eineinhalb Jahrhunderten zwischen 932 und 1087 einigermaßen präzise umrissen. Dabei darf das Jahr 932 nicht dogmatisch gehandhabt werden. Es kann auch 940 oder 950 gewesen sein. Bei den arabischen Überlieferungen, wie gleich in Erinnerung zu rufen ist, handelt es sich ja ebenfalls um Texte, die im Nachhinein verfertigt wurden.

Da bis in das 20. Jh. hinein die alten Königszählungen nicht nur gelten, sondern auch auswendig gelernt werden, hat man heute damit zu leben, dass der erste nicht bezweifelte Alfonso bis auf weiteres als Alfonso IV. in den Büchern steht. Den „Ersten“ (I.), den „Keuschen“ (II.) und den „Großen“ (III.) kann nur noch behaupten, wer die Ergebnisse der quellenkritischen Forschung nicht ernst nimmt oder gleich ganz in den Wind schlägt. Zusätzlich haben die modernen Historiker aus rein innerchronologischen Gründen zur Abdeckung des Jahres 925/26 noch einen „Alfonso Froilaz“ ohne Ordnungszahl in ihre Königsliste bugsiert, so dass insgesamt vier Alfonsos vor Alfonso IV. als erstem unstrittigen König Alfonso stehen. Immerhin geht es damit den Spaniern noch besser als den Schweden, deren erster realer König Karl als VII. gezählt wird, da mittlerweile sechs Karle als fiktiv erkannt und ausgemustert wurden [Anwander/Illig 2004].

Am schwersten fällt den Asturiern der Verzicht auf Groß-Alfonso, der fast ein halbes Jahrhundert triumphiert und dabei die Größe von Asturien-León verdoppelt haben soll. Zweimal siege er in Schlachten von Zamora, erst 868, am strahlendsten dann aber im Jahre 904 gegen einen Abd er-Rahman. Trost spenden kann da immerhin die echte Schlacht von Zamora aus dem Jahre 934. Auch hier geht es gegen einen Abd er-Rahman, der als „III.“ geführt wird nach einem „II.“ der „Zamoraschlacht“ von 904. Ramiro II. soll dabei nicht schlechter gesiegt haben als der zur Legende gewordene Groß-Alfonso. Leichter fällt dagegen der Verzicht auf Mauregat. Ein realer König war er zwar nicht. Aber kein Geringerer als Molière hat ihn 1661 in seinem Dom Garcie de Navarre unsterblich gemacht.

Wie aber steht es mit den Bauten Asturiens, an erster Stelle mit der Kathedrale San Salvador in Oviedo? Sie

„wurde im romanischen Baustil im Jahre 802 begonnen. Im 12. Jahrhundert wurde ein erster Ausbau begonnen, und im 16. Jahrhundert vollendete man den Sakralbau.“ [spain 2005]

So oder so ähnlich liest man es in den Beschreibungen des fulminanten Gebäudekomplexes. Was man von ihm finden kann, stammt frühestens aus dem 12. Jh. Aber woher rührt der empirisch nicht nachweisbare Baubeginn von 802? Aus dem so genannten Testament, das Keusch-Alfonso 812 verfasst haben soll. Schon zu Beginn des 20. Jhs. ist dieser Text als nicht-authentisch erkannt worden [Barrau-Dihigo 1919, 48 f., 59 ff.]. Weil man Handfestes nun aber nicht hat, wird er dennoch weiter mitgeschleppt. Dieser Text

„gilt als Stiftungsurkunde der Kathedrale San Salvador in Oviedo, die mit einer Grundausstattung an Kreuzen, Kelchen, Altarschmuck, liturgischen Büchern, mit Geistlichen und Unfreien und nicht zuletzt mit Gebäuden versehen wird“ [Bronisch 1998, 113].

Wer konnte Interesse haben an einem solchen Beleg für eine königliche Schenkung schon lange vor seiner Zeit? Der „Tintenfinger“? Gewiss, und der hat noch mehr geleistet. Der „von Bischof Pelayo überlieferte Text der Inschriften in der Salvatorkathedrale von Oviedo“ [Bronisch 1998, 123] gilt nämlich als weiterer Beweis für die nicht auffindbaren Mauern von 802, auf denen die Inschriften lesbar gewesen sein sollen. Der fromme Hirte Pelayo hat sich im 12. Jh. Keusch-Alfonsos Schenkungs-Urkunde selbst zum Geschenk gemacht und – wohl wissend, dass Handarbeit am meisten Freude bereitet – die Gabe ganz persönlich daheim verfertigt. Ein solcher Fälschungsakt ist menschlich und lässt sich gut verstehen. Allerdings darf man an ihn keine Architekturdaten hängen. Und eben das ist für alle Bauten Asturiens geschehen, die heute dem 9. und frühen 10. Jh. zugeordnet werden. Rein baugeschichtlich gehören sie in das 11. und 12. Jh. [im Detail bereits Illig 1995; 1999, 107 ff.]. Asturien-León hat mithin weder Texte noch Bauten aus dem 8. und 9. Jh. Was bei den Westgoten fehlt, kann aus dem Nordwesten der iberischen Halbinsel nicht ausgeglichen werden.

III. Können Spaniens Muslime die Jahrhunderte beleben, die bei Westgoten und Asturien-León tot bleiben?

Araber sollen unter einem sarazenischen Feldherrn Tariq ibn Zyad aus Tanger das heutige Gibraltar (= Berg Tariqs) im Jahre 711 von einem Roderich erobert haben. Mit dessen Tod in der Schlacht am Flüsschen Guadalete (südlich von Arcos de la Frontera) sei auch das Schicksal Toledos besiegelt gewesen. Seine Bevölkerung sei geflohen. Der nach dem gefallenen König mächtigste Mann, der Metropolit Sindered, sei nach Rom entkommen.

Bis 755 sei die gesamte iberische Halbinsel mit Ausnahme von Asturien-León im Nordwesten muslimisch geworden. Die Krieger unter dem Halbmond hätten kurzzeitig sogar in Südwestfrankreich das einstmals westgotische Septimanien in Besitz genommen (zwischen Rhônemündung und Pyrenäen). 732 allerdings hätte Karl Martell ein arabisches Heer in der Provence bei Poitiers und Tours gestoppt. Ganz wie der Franke Chlodwig durch einen Sieg bei Poitiers im Jahre 507 die Westgoten für immer auf Spanien beschränkt habe, sei einem anderen Franken bei derselben Stadt dasselbe Kunststück mit den Muslimen gelungen.

Die muslimischen Siege auf der iberischen Halbinsel seien von permanenten inneren Streitigkeiten begleitet gewesen. Deshalb hätten sie erst um die Mitte des 8. Jh. durch den Ausnahmefürsten Abd-er-Rahman ihre glänzende politische Ausmünzung gefunden. Er werde 731 in Damaskus geboren, entkomme im Jahre 755 auf wunderbare Weise als einziger dem abbassidischen Blutbad an den Umaiyaden und gelange nach Al-Andalus. Dort besiege und einige er mit seinen Truppen aus Syrern und Berbern die zerstrittenen arabischen Statthalter und wirke von 756–788 als erster seines Herrschernamens als Emir von Cordoba.

Die arabische Eroberung von Andalusien und dann fast des ganzen heutigen Spanien und Portugal (ohne Asturien, León und den Pyrenäensüdraum) wird von den Historikern immer wieder gerne ausgemalt. Dennoch sind sie aus einem bedenkenswerten Grund bei ihren Schilderungen nicht wirklich glücklich. Es gibt nämlich nur einen einzigen Text über die großartigen Ereignisse der Eroberung. Diese Chronik aus der Hand von Mozarabern (unter dem Islam lebenden Christen), die Crónica mozárabe de 754 [López Pereira 1980] sei „mit an Sicherheit grenzender Gewißheit 754 in Toledo“ verfasst worden [Linehan 1993, 73]. Die Sicherheit liegt nur deshalb nicht bei vollen hundert Prozent, weil die erste vorzeigbare Fassung des Textes von 754 aus dem „zehnten Jahrhundert“ stammt [Linehan 1993, 74]. Zu hundert Prozent sicher ist man nur, dass vom Original absolut nichts erhalten ist. Das ist schon beklagenswert genug. Unfasslich ist überdies, dass auch von sämtlichen Abschriften aus bald 200 Jahren nicht ein einziger Schnipsel überdauert hat. Gott sei dank habe sich wenigstens die Kopie aus dem 10. Jh. nie wieder verflüchtigt.

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Moderne Vorstellung über die Ausdehnung von Abd-er-Rahmans Emirat von Córdoba nach 760 mit „frei“ gebliebenem Asturien-León [Jackson 1972, 18]

Heutige Vorstellungen über die Herrscher der Umaiyaden in Córdoba aus Kompilationen seit dem 10./11. Jh.
[Vones 1993, Zeittafel; für 711-766 Sumner 1986]


Abd-er-Rahman I. (766–788); siegt über Córdoba; Gewaltige Roncesvalles-Schlacht in Navarra mit Schwächung von Großkarl (Roland, 788); Eroberer der iberischen Halbinsel, gewinnt aber nicht Asturien. Als Tyrann gefürchtet. Stärkster Herrscher in Europa.Hisam I. (788–796)a-Hakam I. (796–822)Abd-er-Rahman II. (822–852); siegt über zerstrittene muslimische Lokalherren und schafft von Cordoba her zentralisierten Einheitsstaat, verliert gegen Asturien bei Zamora. Glänzendster Herrscher in Europa.Muhammad I. (852–886)Abdallah (888–912)Abd-er-Rahman III. (912–961); siegt über zerstrittene muslimische Lokalherren und Christen im Norden. Er schafft 929 das Kalifat Cordoba, gewinnt aber nicht Asturien; gewaltige Valdejunquera-Schlacht in Navarra mit Schwächung von Asturien-León/Navarra 920, als Carolus Simplex Kaiser ist und in Marca Hispanica (Katalonien) Münzen schlägt. Erobert die iberische Halbinsel, verliert aber gegen Asturien bei Zamora. Stärkste Armee und Flotte in ganz Europa.1031 Ende des 929 einsetzenden goldenen Jahrhunderts der iberischen Umaiyaden durch Zerfall des Kalifats in 23 zerstrittene muslimische Lokalherrschaften (Taifas).


Am empörendsten jedoch sei, daß Ignacio Olagüe [1969; dazu schon Topper 1998] die Crónica wegen Inhalt und Erstellungsdatum frühestens im 10. Jh. „als Beleg der Ereignisse in den Jahren 711-715 für vollkommen wertlos hält” [Linehan 1993, 74]. So sei es nach Olagüe unmöglich gewesen, die für Tariq ibn Zyad überlieferten 25.000 Mann auf den ebenfalls überlieferten vier Schiffen über die Meerenge von Gibraltar zu setzen. Das hätte 70 Tage gedauert, so dass die Westgoten in Ruhe eine Bootsladung nach der anderen hätten ersäufen können. Auch bestreitet Olagüe den religiösen Charakter der großen Moschee von Córdoba. Ihr Wald aus Bogengängen biete keinen einsehbaren Zentralplatz für Priester oder Imam und müsse deshalb vom Arianismus der Westgoten inspiriert sein [vgl. Topper 473]. Dabei findet er sogar vereinzelt Zustimmung [Pym 2003].Olagüe hat versucht, sich auf das Fehlen von Quellen aus dem 8. Jh. und auch auf das immer wieder beklagte Ausbleiben archäologischer Funde bei gleichzeitiger Unstrittigkeit von iberischem Islam in späterer Zeit einen Reim zu machen. Er behauptet deshalb, dass es niemals eine arabische Invasion der Halbinsel gegeben habe. Die ersten Muslime seien nichts anderes als spätantike christliche Konvertiten zum Islam gewesen, die arabische und berberische Muslime dann offen empfangen hätten. Für diese Annahme wird er schwer gescholten, weil man seine „Methodologie als fehlerhaft entwertet“ habe [Linehan 1993, 74]. Dennoch will man nicht zur Tagesordnung übergehen. Jeder neue Autor fühlt sich bemüßigt, Olagüe von neuem in die Schranken zu weisen. Die Situation steht auch deshalb bei einer Art Patt, weil Olagüe an die Existenz der Periode 711–912, in der seine Gegner die muslimischen Vorstöße ansiedeln, nicht weniger entschlossen glaubt als sie. Er pocht auf die zeitliche Fehlpassung und die Unsinnigkeit der „Quellen“. Seine Gegner bestehen darauf, dass über zwei Jahrhunderte hinweg, die schließlich auch Olagüe einräume, doch nicht einfach gar nichts geschehen sein könne. Überdies sei der Islam des 10.–15. Jh. in seiner Sozialstruktur stammesmäßig arabisch, also nicht von hispano-römischen Substraten herleitbar [Guichard 1974]. Dennoch bleibt Olagüe nicht wirkungslos. Spätere Autoren überbieten sich, die Armee der muslimischen Eindringlinge kleinzuschreiben. Abgesehen von Berbern sei „ihre Zahl vernachlässigbar“ [Jackson 1972, 11] bzw. wären „die Invasoren zahlenmäßig relativ schwach“ gewesen [Linehan 1993, 73]. Es sei

„extrem zweifelhaft, daß [selbst] bei der Eroberung Nordafrikas auch nur ein einziger Araber beteiligt war. Entsprechend wurde die Eroberung Spaniens ausschließlich von Berbertruppen unter syrischen und eigenen Kommandeuren besorgt“ [Roth 1994, 44 f.].

Was aber sagen zeitgenössische arabische Quellen aus al-Andalus selbst über die Eroberung? Nichts, da weder aus dem 8. noch aus dem 9. Jh. irgendetwas Schriftliches existiert. Es gibt wiederum nur spätere Chroniken zweifelhafter Überlieferungsgeschichte. Die ältesten „Kompilationen“ gehen „im großen und ganzen auf das 10. und das frühe 11. Jahrhundert zurück“ [Münzel 1994, 3]. Das erste und allerälteste Werk ist

„unter dem Kurztitel ‚Ahbar magmuca‘ (Gesammelte Nachrichten) bekannt; es handelt sich um eine anonyme Sammlung, die Nachrichten von der muslimischen Eroberung bis zur Regierungszeit Abd ar-Rahmans III. (912-961) enthält. [...] Emilio Lafuente y Alcántara edierte und übersetzte das Werk 1867 nach der einzigen bekannten Handschrift in Paris“ [Münzel 1994, 3, 16].

Einer der Kompilatoren habe nach Einschätzung von Sánchez-Albornoz sowohl den ersten Teil (711–741) als auch den letzten Teil (912–961) geschrieben. Niemand weiß, wie er im späten 10. Jh. über das frühe 8. etwas wissen konnte. Der Inhalt dieser einzigen Handschrift sei „als Ganzes [...] im ersten Drittel des 11. Jahrhunderts“ fertig gewesen [Münzel 1994, 19].

Ob der Text tatsächlich bereits gegen 1030 oder noch später verfertigt wurde, mag hier dahin gestellt bleiben. Sicher ist nur, dass der nach allgemeinem Konsens älteste verfügbare arabische Text überhaupt nicht als zeitgenössische Quelle für die Zeit von 711 bis mindestens 1000 gewertet werden kann. Ältere Vorlagen und mündliche Überlieferungen werden zwar angenommen. Dieser Schatz aus bald 300 Jahren sei jedoch bis auf den letzten Buchstaben verloren gegangen.

Das oben wiedergegebene chronologische Destillat aus diesen späten Texten verdeutlicht sehr schnell, dass alle drei Abd-er-Rahmans nicht nur denselben Namen tragen, sondern auch dasselbe tun. Alle drei müssen gegen rivalisierende islamische Kleinherrscher antreten. Alle siegen dabei und alle schaffen dann einen mächtigen Einheitsstaat. Alle drei können Asturien in ihr Reich nicht einschließen. „II.“ und „III.“ verlieren eine Schlacht gegen Asturien-León bei Zamora. „I.“ und „III.“ feiern große Siege gegen Christen in Navarra (Roncesvalles und Valdequera). Offensichtlich ist Material über den realen Abd-er-Rahman aus dem 10. Jh. für die leeren Jahrhunderte mehrfach wiederverwendet worden:

„Abd ar Rahman III. hat sich also nicht der Reconquista erwehrt und eine Gegenreconquista eingeleitet, sondern die erste arabische Offensive überhaupt gegen die spanischen Christen vorgetragen“ [Illig 1995, 54] .

Wie für Toledo bereits erwähnt, mangelt es generell an islamischen Bauten aus dem 8. und 9. Jh. Längst ist ausführlich gezeigt worden, dass die gerade mal elf [Collins 1998] noch in diese Zeit datierten Beispiele ins 10. oder 11. Jh. gehören und die „300.000“ [Lombard 1992, 150] Einwohner für ein Córdoba im 9. Jh. selbst die Tintenfinger eines Pelayo von Oviedo weiß aussehen lassen [Illig 1999, 103 ff.]. Damit fehlen auf der gesamten iberischen Halbinsel neben westgotischen und asturischen auch arabische Quellen direkt aus dem 7. bis 10. Jh. Zu Beginn des 7. Jhs. gibt es die letzten und zu Beginn des 10. die daran sich anschließenden Stimmen und Artefakte. Dazwischen ist nichts.

IV. Können jüdische Quellen die Jahrhunderte füllen, die bei Westgoten, Arabern und Asturiern fehlen?

Juden bilden das exemplarische Schriftvolk auf der iberischen Halbinsel in Antike und Mittelalter. Dass in Spanien ihre frühmittelalterlichen Texte fehlen, obwohl sie dort nach den westgotischen Bedrückungen seit 711 Glaubensfreiheit genießen sollen, ist früh aufgefallen:

„Ein historiographisches Problem für sich bildet das arabische Spanien. Über die Lage der Juden zur Zeit der Eroberung des Landes durch dieAraber sowie in den folgenden anderthalb Jahrhunderten des Kalifats von Cordoba ist weder von den jüdischen noch von den arabischen Chronisten Genaueres zu erfahren, so daß in der Kette der Entwicklung eine unausfüllbare Lücke klafft. So scheint denn das uns in der ersten Hälfte des X. Jahrhunderts, in der Zeit des Kalifen Abdurrahman III. und des Chasdai ibn Schaprut [seines jüdischen Wesirs], auf der Pyrenäischen Halbinsel entgegentretende große jüdische Kulturzentrum gleichsam aus dem Nichts hervorgesprossen zu sein. Im XI. Jahrhundert setzt bereits die arabisch-jüdische Renaissance ein“ [Dubnow 1926 b, 471].

Gibt es neue Funde seit der Verblüffung des Altmeisters der jüdischen Geschichtsschreibung? Hans-Georg von Mutius [1990] hat sich noch einmal an die Arbeit gemacht und vor allem auf „Risponsas“ konzentriert, die als gelehrte Anwendung der alten Talmud-Vorschriften auf die jeweilige Zeit gewissermaßen das tägliche juristische Brot des Judentums darstellen. Etwa 50 Rechtsentscheide hat er [ebd., Vorwort] sich vorgenommen:

„Mit diesem Werk lege ich die bisher wohl ältesten Zeugnisse spanisch-jüdischer Rechtsgelehrsamkeit in deutscher Übersetzung vor.“

Und dennoch gibt es die allerfrühesten Entscheidungen eines Mose Ben Henoch erst „seit Mitte des 10. Jahrhunderts“ bzw. „etliche Jahre vor dem Tode des Kalifen, der 961 verstarb“ [Mutius 1990, IV/V]. Es wiederholt sich die Situation von Sizilien [Heinsohn 2003b]:

„Goitein’s Studien [1967–1993] der Dokumente aus der Kairo Geniza haben unsere Kenntnis des mittelalterlichen Mittelmeergebietes gewiß unermeßlich erweitert. Allerdings – und bedauerlicherweise – enthalten diese Dokumente keine Informationen zum Süditalienhandel vor dem 11. Jahrhundert“ [Kreutz 1991, 184, Anm. 53].

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Ausdehnung der zerstrittenen muslimischen Teilherrschaften (Taifas) nach 1031 und vor 1087 mit der Reconquista von Toledo [Guichard 2000, 258]

V. Kein frühmittelalterliches Spanien und ein Gedankenexperiment

Frühmittelalterliche Evidenz für Spanien bzw. die iberische Halbinsel mit einer Lücke von drei Jahrhunderten

1087 Muslime verlieren Toledo
Zeitgenössische Gräber, Texte, Bauten, Artefakte und Münzen für Muslime und Asturien-León sind rar, werden aber ergänzt durch bisher fälschlich ins frühe 7. bis frühe 10. Jh. datierten Stücke. Jüdische Quellen fließen reichlich.
932 Eroberung von Toledo durch Abd-er-Rahman „III.“ als erste reale muslimische Eroberung weiter Teile Iberiens

Zeitgenössische Texte, Bauten, Artefakte und Münzen fehlen weitgehend für Islam und Asturien-León und gänzlich für Juden. Keinerlei Gräber. Die raren bisher ins 8./9. Jh. datierten Stücke passen problemlos ins 10./11. Jh., das durch diese Ergänzungen Glaubwürdigkeit gewinnt.
717 Angebliche Begründung von Asturien-León
711 Angebliche islamische Niederwerfung der Westgoten

Zeitgenössische Texte, Bauten, Artefakte und Münzen fehlen fast gänzlich für Westgoten und völlig für Juden. Keinerlei Gräber. Die raren bisher in diese Zeit datierten Stücke passen problemlos in das 6. Jh., das durch sie viel glaubwürdiger wird.
612/21 Westgoten verschwinden in Nachrichtenloch

Zeitgenössische Gräber, Texte, Artefakte und Münzen sind vorhanden.
507 Westgoten durch Franken auf Spanien zurückgeworfen

Kann man darauf rechnen, dass die akademische Mediävistik die Grundregeln der Historiographie auch auf das Frühmittelalter anwendet, also schweigt, wo schriftliche Zeugnisse und andere Artefakte fehlen? Sicher nicht. Aber ihren jungen Scholaren kann man ein Gedankenexperiment vorschlagen: Versucht einmal zu ermitteln, was an unstrittig echtem Material übrig bleibt, wenn die ganze Geschichte noch einmal neu, aber mit 300 Jahren weniger geschrieben werden muss. Bleibt dann irgend etwas übrig, was nicht zwanglos in der Zeit vor 614 oder nach 910 untergebracht werden kann, mag der Streit in aller Heftigkeit entbrennen.

Literatur

Amory, P. (1997), People and Identity in Ostrogothic Italy, 489–554, Cambridge Studies in Medieval Life and Thought. Fourth Series 33, Cambridge
Anwander, G., Illig, H. (2004), “Schwedens ausgemusterte Karle, Polens noch früherer Königsverlust”, in Zeitensprünge, Bd. XVI, Nr. 2, S. 350-357
Ashtor, E. (1973), The Jews of Moslem Spain, Philadelphia
Barrau-Dihigo, L. (1919), “Études sur les Actes des rois asturiennes (718-910)”, in Revue Hispanique, Bd. 46, S. 1-192
Bronisch, A. P. (1998), Reconquista und Heiliger Krieg: Die Deutung des Krieges im christlichen Spanien von den Westgoten bis ins frühe 12. Jahrhundert, Münster
Campos, J., Hg. (1960), Juan de Biclaro, obispo de Gerona. Su vida y su obra, Madrid
Christe, Y. et al. (1988), Handbuch der Formen- und Stilkunde: Mittelalter (1982), Wiesbaden
Claude, D. (1970), Geschichte der Westgoten, Stuttgart
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Ein Kommentar zu “Löschung der frühmittelalterlichen Regenten Spaniens”
1
Wilhelm hilgarth | Michelvainfilm sagt:
29. August 2011 um 02:02

[...] Fantomzeit – Dunkelheit oder Leere im frühen Mittelalter … [...]

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2. Februar 2008                     Kategorie(n): Artikel aus den ZS, Fantomzeit, Frühmittelalter, Zeitensprünge

eingestellt von: ao

Danzig und die rätselhafte frühmittelalterliche Chronologielücke des Weichseldeltas

von Gunnar Heinsohn (aus Zeitensprünge 3/2001)

I. Welthistorische Bedeutung der Weichselmündung

Was die Schelde- und später die Rheinmündung für den Überseeverkehr Westeuropas war und ungebrochen ist, das war – ohne es heute noch zu sein – die Weichselmündung für Osteuropa. Um 1650 ist der Weichselmündungshafen Danzig mit ca. 77.000 Menschen (Schätzungen reichen bis 100.000) – vor Wien, Augsburg, Köln und Hamburg – die volkreichste Stadt mit einer deutschen Einwohnerschaft. So ist es kein Zufall, dass St. Marien – eine der dreizehn gotischen Kirchen Danzigs – im 15. Jh. zur weltweit größten Hallenkathedrale aus Backstein ausgebaut wird (105,5 m lang und im Querschiff 60 m breit). In ihr finden 25.000 Personen Platz.

Die Weichselmetropole gelangt zu dieser Vorrangstellung als Haupthafen des polnisch-litauischen Imperiums, dem die Hansestadt von 1454 bis 1772/93 aus eigenem Willen politisch angehört und für das es bis zu 80 Prozent des Außenhandels abwickelt. Ihre Glanzzeit beginnt im Jahre 1453 mit dem Fall Konstantinopels an die Türken. Er führt zur Sperrung des Bosporus und bringt einen Bedeutungsverlust der Schwarzmeerhäfen. Getreide aus den südöstlichen Kornkammern Europas wird nun noch mehr als zuvor weichselabwärts transportiert und muss qua Stapelprivileg (ius emporium) vor dem Export nach Skandinavien, England und die Niederlande durch die Danziger Speicher. Mit einem maximalen Umschlag von 116.000 Last (über 230.000 Tonnen) im Jahre 1618 wird die Stadt zum wichtigsten europäischen Umschlagsplatz für Brotgetreide. Sie blüht dabei so mächtig auf, dass sie den Polenkönig Stephan Batory (1575-1586), der ihre Privilegien einschränken will, in einem wechselvollen Krieg (April bis Dezember 1577) zur Einhaltung des status quo zwingen kann. Zwischen 1626 und 1629 wird selbst Nordeuropas gefürchtetster Herrscher, Gustav Adolf II. von Schweden (1611-1632), nicht minder erfolgreich abgewehrt.

Danzig
Die Weichselmündung zur Mitte des 16. Jhs. mit den zu Polen gehörenden deutschsprachigen Hansestädten Thorn, Elbing und Danzig [aus Sebastian Münster, Cosmographia Universalis, Basel 1544; nach Siegler 1991, 98 f.]

Mit Elbing und – in Grenzen auch noch – Thorn leistet Danzig im 16. Jh. für den Osten, was Antwerpen (mit 125.000 Einwohnern um 1550), Brügge und Gent (zur Zeit Karls V. mit womöglich 170.000 Einwohnern neben Paris Europas größte Stadt) im Westen erbringen. Nach dem Massenmord – „Spaanse Furie“ – an 7.000 Bürgern Antwerpens unter Herzog Alba im Jahre 1576 und der anschließenden Emigration der aktivsten Kräfte Flanderns in die nördlichen Niederlande sinkt der Scheldehafen bis auf 37.000 Einwohner im Jahre 1790 ab. Gent und Brügge (der größte Hafen des Mittelalters) verwundern übrigens dadurch, dass sie bereits im 7. Jh. erwähnt werden, aber erst ab dem späten 10. Jh. mit ihrer urbanen Blüte beginnen.

Im 17. Jh. wird das protestantische Amsterdam (105.000 Einwohner um 1680) sehr viel reicher als Danzig. Gleichwohl bleibt der Weichselhafen die privilegierteste und zugleich steuerstärkste Stadt des sich von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer erstreckenden Großreiches: „Diamant in der [polnischen] Krone“ und „Venedig des Nordens“, heißt sie bei den Zeitgenossen. Schon im 18. Jh. jedoch rutscht Danzig – mit nur noch 46.000 Einwohnern gegen 1750 – international in die Zweitrangigkeit ab. Russisches und nordamerikanisches Getreide verdrängt das polnische von den westlichen Märkten. Ab Mai 1793 ist Danzig nur noch eine von vielen Hafenstädten des preußischen Königreiches, dessen Truppen eine mehrmonatige Belagerung zum Erfolge führen können.

II. Archäologie der Weichselmündung

Der deutsche Forschungsstand bis 1945

Es sind aber nicht so sehr landwirtschaftliche Produkte, sondern ganz eindeutig Erzeugnisse der Bernsteingewinnung, die seit dem Altertum von Fernhändlern aus dem Gebiet der Weichselmündung geholt werden und dabei bis nach Griechenland und – später – auch nach Rom gelangen. Auch heute ist das polnische Gdansk der weltweit wichtigste Produzent von Bernsteinschmuck. Nicht zuletzt aus diesem Grunde lassen sich lange vor dem Aufstieg der slawischen Stadt Gyddanyzc [dazu Heinsohn 2001] gegen 960 – und ihrer endgültigen Eroberung durch den Deutschen Ritterorden im Jahre 1308 – für das Danziger Gebiet archäologische Funde nachweisen. Bereits seit der Jüngeren Bronzezeit, die für diese Region auf -1000 angesetzt wird, hat die Weichsel als Verbindung von der Ostsee über Krakau nach Ungarn gedient. Es ist dieselbe Route, die ab dem 13. Jh. als via regia bezeichnet wird. Zusätzlich verläuft über Land von Danzig über Schlesien (Glatz), Linz und Hallstatt ein etruskischer Handelsweg, dessen nördlicher Teil im 12. Jh. via mercatorum heißt. Auch die Landroute von Stettin an der pommerschen Küste über Stolp und Köslin bis hinauf nach Ostpreußen kreuzt die Weichselmündung bei Danzig.

Danzig
Die Weichselmündung mit wichtigen, noch in deutscher Zeit untersuchten Ausgrabungsplätzen [Geisler 1918, 15]

Zwei chronologische Rätsel gibt die archäologische Sequenz der Weichselmündung auf, für die eine Lösung auch nach viele Jahrzehnte währenden Debatten nicht gefunden werden konnte:

(i) Das erste Rätsel resultiert aus der herrschenden Datierung der frühmykenischen Schachtgräber in die Zeit von -1580 bis -1480. In diesen Grablegen ist Bernstein gefunden worden, dessen Herkunft in die Weichselmündung verlegt wird. Dortselbst jedoch beginnt die allerfrüheste Besiedlung mit steinzeitlichen Pfahlbauten erst gegen -1130. Überdies ist für diese frühe Zeit ein Bernsteinexport archäologisch noch nicht belegbar. Erst seit der Hallstattzeit Danzigs (ab -7. Jh.) liegen Funde vor, die auf Fernverbindungen verweisen. Die stratigraphisch und technologisch begründete Annahme, dass die frühmykenischen Schachtgräber nicht in das -16./-15. Jh., sondern in das -8./7. Jh. gehören [Heinsohn/Illig 1999, 244 ff., 350 ff.], erfährt durch den archäologischen Befund aus der Weichselmündung also eine weitere Bestätigung. Das Problem einer anscheinend viel zu späten Entwicklung der Bernsteinverarbeitung in der Weichselmündung hat eine berühmte Parallele in der angeblich viel zu späten Entwicklung der Kobaltgewinnung im erzgebirgischen Schneeberg Auch dort gibt es erst nach -1000 eine Siedlungsgeschichte, aber das Kobalt der Gegend wird angeblich bereits im -3. Jtsd. in Mesopotamien und dann im -2. Jtsd. auch in den frühmykenischen Gräbern sowie in Ägypten verwendet. All diese Mysterien ließen sich durch die stratigraphisch begründete Herunterdatierung der entsprechenden Kulturstufen aufklären [ebd., 276 ff.].

(ii) Nicht weniger verblüffend als die fehlende Synchronisierung zwischen der Bernsteinherkunft (-1. Jtsd.) und der Bernsteinankunft (bereits -2. Jtsd.) verblüffen zwei je etwa 150 Jahre währende Siedlungslücken im frühen Mittelalter des Weichseldeltas:

„So ist für fast ganz Westpreußen eine lange Zeit ohne Spuren des Daseins seiner Bewohner verlaufen, und auch für St. Albrecht [Vorort Danzigs] ist für die Zeit von der letzen oströmischen Münze (610-641) bis zur ersten kufischen (zirka 800) nichts auf uns gekommen, was von der Bevölkerung jener Zeiten spräche. Selbst die Latrinen fehlen. Etwas weiter zurück [750] reichen in Oliva gefundene kufische Münzen, noch etwas weiter, bis 724, solche, die etwa 30 km östlich von Danzig bei Steegen auf der Binnennehrung bereits 1722 aus dem Meeressande ausgegraben wurden“ [Simson 1913, I, 9].

Die kufischen Münzen können über die mysteriöse Lücke von gut 150 bis 200 Jahren kaum hinwegtrösten, da sie ohne jeden Siedlungs-, Gräber- oder auch nur Latrinenkontext bleiben. Es gibt keinerlei Spuren von denen, die diese Münzen zwischen 724 und 800 gebracht oder von denen, die sie angenommen haben könnten. Es ist nämlich „sehr fraglich, ob es eine solche [Danziger Siedlung] vor der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts gegeben hat“ [Simson I, 10].
Noch erstaunlicher wirkt, dass kufische Münzen nach einer zweiten Lücke von weiteren eineinhalb Jahrhunderten (800 bis 960 oder später) noch einmal auftauchen. Diese nach 960 datierten kufischen Münzen haben nun nicht nur einen Siedlungskontext, sondern sie liegen auch mit ottonischen, englischen, böhmischen, ungarischen, flandrischen, norwegischen und dänischen Münzen zusammen. Deren Datierung erfolgt unabhängig von den Volatilitäten der islamischen Münzchronologie [Simson I, 15]. Beispielsweise gibt es eine Münze der angelsächsischen Königs Ethelred (978-1016). Während also sämtliche Münzen aus den Danzig näher benachbarten Gebieten frühestens in das 10. Jh. datiert werden können, sollen allein die fernen kufischen aus früherer Zeit stammen. Persische Münzen hingegen gibt es erst ab dem 11. Jh. (als Gesamtüberblick zum Münzbefund vgl. Zbierski [1978, 208]). Aufschlussreich sind auch die oströmischen Funde. Sie hören mit byzantinischen Münzen im frühen 7. Jh. auf und setzen nach einer Lücke von über drei Jahrhunderten mit byzantinischem Seidenbrokat [Zbierski 1978, 208] im frühen 11. Jh. wieder ein.

Es ist übrigens auch erst die Zeit nach 960, für die es arabische Berichte über Danzig gibt, so dass auch von daher ein Fragezeichen hinter die drei monetären chronologischen Ausreißer gesetzt werden muss. Ibrahim ibn Jakub, ein spanisch-jüdischer Reisender, kommt im Jahre 973 an den Hof Ottos des Großen (936-73). Er liefert eine arabischsprachige Beschreibung über die slawischen Gebiete einschließlich derjenigen der Weichselgegend. Für diese erwähnt er eine wohlgestaltete Stadt am Meere ohne König: „Die Lage der Stadt passt in jeder Hinsicht trefflich für Danzig“ [Simson 1913, I, 11]. Wir werden auf den archäologischen Befund für diese früheste urbs im nächsten (III.) Kapitel zurückkommen.

Im Jahre 997 schließlich erfolgt der Danzigbesuch des – aus Gnesen kommenden – Prager Missionsbischofs Adalbert (der „Heilige Aldalbert“), der anschließend bei der vergeblichen Pruzzenbekehrung umkommt. Die lateinische Lebensbeschreibung Adalberts durch den römischen Abt Canaparius nennt die „urbem Gyddanycz“ [Simson 1918, III, 1] als letzten sicheren Ort des frommen Mannes.

Die Unruhe über die fehlenden gut dreihundert Jahre zwischen dem 7. und 10. Jh. haben die deutschen Danzigforscher selbstredend immer verspürt. Ein letzter Versuch, sie mit harter Evidenz zu schließen, stützt sich auf in beträchtlicher Zahl ausgegrabene Bootsreste. Auch diese Funde sind in den notorischen Slawen-Germanen-Streit einbezogen worden. Wenn sie nicht ohnehin von Wikingern gebracht worden sind – für einige Funde ist das durch Beigaben unstrittig –, so sollen diese wenigstens die Herstellungstechnik an Slawen vermittelt haben, die dann eigene Boote produziert hätten. Es sieht in jedem Fall so aus, als ob einige der Boote noch in die früheste

„Zeit slawischer Oberherrschaft gehören sollten (erster Beginn im 7. Jahrhundert n. Chr. Geb.)“ [Lienau 1934, 46].

Da die Bootsfunde zahlreich sind, ist die Verführung groß, sie über den Zeitraum der leeren Jahrhunderte zu verteilen. Will man sie zwischen das 7. und 10. Jh. platzieren, landet man allerdings in einer Zeit, für die eine germanische Siedlung der Weichselmündung niemand mehr behauptet. Die Situation ist bis heute ohne Lösung geblieben, denn Boote mit eindeutiger Wikingerherkunft (aus Frauenburg und Baumgarth) können erst ab der Zeit „um 900 n. Chr. Geb.“ [Lienau 1934, 47] datiert werden. Es ist ja bereits an anderer Stelle beobachtet wurden, dass harte Wikingerfunde vor 911 kaum zu verifizieren sind [Illig 1999, 98]. Die Chronologielücke Danzigs zwischen dem 7. und 10. Jh. kann mithin auch durch Boote nicht geschlossen werden.

Für die momentan auf 800, 750 und 724 datierten kufischen Münzen wird von niemandem ein Bauten- und/oder Gräberkontext auch nur behauptet. Sie sind bisher über Interpretation von Beschriftung und Aussehen datiert worden und für eine neuerliche Analyse einstweilen beiseite zu stellen. Die polnischen Ausgräber haben für das 8. Jh., in das sie momentan gesetzt werden, nichts gefunden (siehe nächstes Kapitel). Die Bootsfunde erlauben zwar einen ersten Beginn dieser maritimen Technik noch im 7. Jh., aber ihre wikingische Blüte beginnt erst nach einer langen Lücke im frühen 10. Jh. bzw. nach 900. Bei Betrachtung der harten Bauten- und Gräberevidenz ergibt sich mithin für die deutschen Forschungen bis in die 1930er Jahre eine Danziger Siedlungslücke von 641-960. Das Jahr 641 ergibt sich dabei aus dem konventionellen Todesjahr Heraklius I. (610-641), dem in Danzig gefundene Münzen zugewiesen werden konnten. Selbstverständlich können die Münzen auch aus dem Beginn seiner Regierungszeit stammen. Das Datum 960 wiederum für das Aufblühen der slawischen Siedlung urbanen Charakters ist tentativ gewonnen, weil Ibn Jakub sie bereits im Jahre 973 als imponierende Siedlung beschreibt. Hier ist ein Herangehen näher an das Jahr 900 selbstredend ebenso möglich wie bei Heraklius’ Münzen an das Jahr 600.

Danzig
Fundgebiete für Boote in der Weichselmündung [Lienau 1934, 41]

Archäologische Abfolge des Weichseldeltas mit Fokus auf Danzig von der Spätbronzezeit bis zum 10. Jh. (deutsche Forschungen)
[Simson 1913, I; Bertram/LaBaume/Klöppel 1924; Keyser1972]

ab 10. Jh.
Slawensiedlung
Von neuem kufische Münzen neben ottonischen, englischen, dänischen etc. Jetzt Baureste, Gräber und seitdem nie mehr unterbrochene Siedlung. 973 von Ibn Jakub erwähnt und 997 vom Hl. Adalbert besucht. Neukontakt mit Byzanz (Seidenbrokat)

Rätselhafte Fundlücke ohne Siedlungsrest, ohne Gräber und ohne Bernstein vom frühen 7. bis zum 10. Jh.
Kufische Münzen ohne stratigraphische Verankerung und ohne irgendeinen Zusammenhang mit Siedlungsresten oder Gräbern werden auf 800, 750 (Oliva) und 723 (Meeresgrund) datiert.

bis frühes 7. Jh.
Spätantike
Byzantinische Münzen von Theodosius II. (408-456) bis Heraklius I. (610-641). Abwandernde Goten werden durch neue Ethnie (Slawen) ersetzt.

+100 bis +600
Gotenzeit
Dichte Besiedlung von Goten und Gepiden. „Gohtiscandza“ aus Jordanes (+550)

ab Zeitenwende
Römischer Einfluss
Münzen von Germanicus (14-19) bis Probus (276-282). Ausbau der Bernsteinstraße (Moorbrücken). Aus Skandinavien kommende Goten ergänzen Ostgermanen.

ab -200
La Tène-Eisenzeit
Eisenverhüttung in Oliva. Brandgrubengräber, Schilde, Schwerter, Bronzeschmuck

ab -300
Hellenismus
Nachprägung einer Alexandermünze

ab -600
Hallstatt-Zeit
Steinkistengräber und Gesichtsurnen in mehr als 20 Fundstellen

ab -1000/900
Jüngere Bronzezeit
Frühgermanische Gräberfelder in Oliva, Brentau, Schönwärtling als Beginn einer 1500jährigen german. Siedlung bis ca. +600

ab -1130
Jüngere Steinzeit
Pfahlbauten im Weichseldelta

Bernstein von der Weichselmündung in frühmykenischen Schachtgräbern (1580–1480) ohne entsprechende Siedlungsreste in der Weichselmündung selbst

III. Stratigraphie Danzigs im frühen Mittelalter:
Die polnischen Grabungen

Die vorstehende archäologische Abfolge ist nicht an ein und derselben Stratigraphie gewonnen, sondern aus vielen verschiedenen Fundorten in und um Danzig rekonstruiert worden. Erst in polnischer Zeit sind im Bereich der heutigen Rechtstadt (Rathaus und Neptunbrunnen) und vorher schon der Altstadt systematische Ausgrabungen vorgenommen worden: „Während die deutsche Forschung die ihr erwünschte Aufklärung über die Verhältnisse in Danzig vor der Einwanderung der Deutschen nur durch wiederholte sorgfältige Deutung der schriftlichen Überlieferung, dagegen nicht durch Ausgrabungen gewinnen konnte, vermochte die polnische Forschung diese in großem Umfange durchzuführen. Die Zerstörung vieler Teile der sog. Altstadt [...] ermöglichte es ihr, [...] den Boden aufzudecken und die Spuren der pomoranischen Burg und der ihr zugehörigen Siedlungen aufzusuchen“ [Keyser 1963, 316].

Die polnischen Ausgräber haben direkt auf die mysteriösen Siedlungslücken im frühen Mittelalter gezielt. Sie wollten dabei nicht nur die leeren drei Jahrhunderte vom 7. bis zum 10. Jh. füllen, sondern auch die Identität der Neusiedler ermitteln, die nach Abzug von Goten und Gepiden im späten 6. und frühen 7. Jh. das Danziger Gebiet übernommen haben. Waren es Balten – vor allem Pruzzen, die Namensgeber Preußens – oder Slawen?

„Die Regierung stellte erhebliche Mittel für die kostspieligen Grabungen bereit; es geschah dies deshalb, weil nachgewiesen werden sollte, dass von Anfang an die engsten Beziehungen zwischen Danzig und dem polnischen Staat bestanden hätten“ [Keyser 1963, 317].

Die politischen Motive waren gewiss vorhanden. Sie sind nach dem Sturz des marxistisch-leninistischen Regimes auch unumwunden eingeräumt worden. Kein Geringerer als der Direktor des Danziger archäologischen Museums, Henryk Paner [1997], hat bereits vor einem halben Jahrzehnt der wissenschaftlichen Redlichkeit eine Lanze gebrochen. Vor allem bei den rechtstädtischen Ausgrabungen waren jedoch schon sehr früh Wissenschaftler und nicht so sehr Ideologen am Werke. Unter ihnen ragt Andrej Zbierski heraus. Er hat für seine Ermittlung der Stratigraphie Danzigs auch den Respekt der vertriebenen deutschen Gelehrten gewonnen:

„Zbierski hat [...] einen umfassenden Überblick über die gesamten Ergebnisse der von ihm und anderen vor 1962 unternommenen Ausgrabungen geboten [Zbierski 1964, eine Art Frühfassung von Zbierski 1978, G.H.]. Jeder, der sich über die Frühgeschichte Danzigs unterrichten will, muß künftig dieses dankenswerte Werk benutzen“ [Keyser 1967, 688 f.].

Zbierski hat vor allem im östlichen Teil der Langgasse am und unter dem Rathaus sowie an der heutigen Lage des Neptunbrunnens vor dem Artushof gearbeitet. Etwas weniger intensiv sind die Untersuchungen bei der Nikolaikirche (Dominikanerkloster) ausgefallen. Aufgedeckt wurden bei diesen Grabungen Teile

„einer relativ starken Kulturschicht aus der 2. Hälfte des 9. oder dem Anfang des 10. Jahrhunderts. [...] Aber auch diese Siedlung scheint noch nicht die älteste gewesen zu sein, konnte man doch im Erdwall Teile einer noch älteren Besiedlung, die auf das 7. Jahrhundert zu datieren seien, finden. Die Siedlung des 9./10. Jahrhunderts wurde dann abgelöst durch eine spätere des 10.-12. Jahrhunderts, deren Überreste u.a. eine fortgeschrittene Handwerkskunst zeigen, da die ausgegrabenen Scherben einer nur mit der Töpferscheibe gefertigten Keramik angehören. Auf jeden Fall war sie befestigt durch eine starke Umwallung in der damals im slawischen Raum typischen Holz-Erde-Konstruktion, stellte möglicherweise, da keine Spuren von Tierdung gefunden wurden, eine Siedlung des Hafen-Handelstyps dar in der Nähe des alten Laufs der Mottlau und dürfte dann über einen Markt verfügt haben. Ihre räumliche Ausdehnung und Einwohnerzahl wird auf höchstens drei ha mit maximal 2000 Bewohnern geschätzt“ [Lingenberg 1982, 268; Fettkursivdruck hier und im Weiteren G.H.].

Die polnischen Ausgrabungen haben zum ersten Mal für Danzig eine frühmittelalterliche Stratigraphie erbracht. Die Lücke von 300 Jahren war damit jedoch nicht – wie allenthalben erhofft – gefüllt, sondern im Gegenteil erhärtet worden. Für die Zeit nach dem frühen 7. Jh. gibt es weder etwas von Pruzzen noch von Slawen. Da ist einfach nichts, und das gilt auch für Münzen aus Kufa. Die Datierung der obersten Schicht als erster urbaner Stufe Danzigs in das späte 10. Jh. ergab sich aus den historischen Quellen (Canaparius, Ibn Jakub) wie auch daraus, dass daran anschließend die Siedlungsgeschichte bis heute komplett ist. Die Datierung der darunter liegenden Schicht in das 10. Jh. ist zwingend, wenn man den Anschluss an das späte 10. Jh. bzw. an das Jahr 960 der oberen Schicht nicht verlieren will.

Die Aussage „aus der 2. Hälfte des 9. oder dem Anfang des 10. Jahrhunderts“ in der Lingenbergschen Zusammenfassung der polnischen Forschungen für die Schicht direkt unter der ersten urbanen slawischen Schicht ist vorsichtig und nachvollziehbar gehalten. Man hätte sehr gerne bereits etwas im 9. Jh., um die 300-Jahreslücke wenigstens etwas verkürzen zu können. Man hat für die Zeit vor 960 aber nicht genug, um gleich 110 Jahre bis zurück auf 850 bestücken zu können. Gleichwohl wird aus dem 9. „oder“ 10. Jahrhundert bei anderen deutschen Autoren ein „9. bis 10. Jh. n. Chr.“ [etwa Siegler 1991].

Danzig
Die Danziger Rechtstadt um 1360 [Keyser 1972, Beilage]. Die stratigraphisch orientierten polnischen Ausgrabungen erfolgten bei St. Nikolai (Dominikanerkloster bzw. Nr. 4) vor 1962 und noch einmal 2000 bis 2001 sowie – vor 1962 – zwischen Rathaus und Artushof an der Langgasse (zwischen Nr. 1 und Nr. 6). X = Beobachtungsstandort des Autors

Stratigraphie Danzigs im frühen Mittelalter (Langgasse – Rathaus und Neptunsbrunnen gemäß Zbierski [1978, 80 ff.]
Ab 1222 erstes erhaltenes Privileg für lübische Kaufleute; 1308 Eroberung Danzigs durch den Deutschen Ritterorden; dann ethnisch deutsch bis 1945

Erste urbane slawische Siedlung ab 960
(siehe vorstehenden Rekonstruktionsversuch)
10.-13. Jh.

Zweites Slawisches Dorf („IX.-X. Jh.“) frühes 10. Jh.

Rätselhafte Lücke vom 7. bis 10. / “IX.-X.“ Jh.

Erstes slawisches Dorf mit „Burgenkeramik“ 7. Jh.

Abzug der germanischen Siedler im 5./6. Jh. (am Ort dieser Stratigraphie aber nicht präsent)

Die meisten Autoren präsentieren den realen Befund eines möglichen „oder“ als ein eindeutiges „und“. In den polnischen Arbeiten wird das fast durchweg als „IX-X. Jh.“ für das zweite slawische Dorf geschrieben [so auch Zbierski 1978, passim]. Danzig war dann eben

„bereits in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts ein bekanntes Zentrum der Hochsee- und Binnenschiffahrt, von Fisch- und Bernsteinverarbeitung“ [Babnis et al. 1997, 19].

Auf diese Bernsteinaussage wird im nächsten (IV.) Kapitel zurückzukommen sein.

Danzig
Rekonstruktionsversuch für die erste urbane slawische Siedlungsstufe Danzigs aus dem späten 10. Jh. bzw ab 960 [Zeichnung von K. Nowalinska nach A. Zbierski aus Cieslak/Biernat 1995, 18].

Bei solchen Präsentationen des Grabungsbefundes ist keineswegs Fälschungsabsicht im Spiel. Die Gelehrten spüren wohl eher ein geradezu körperliches Bedürfnis nach chronologischer Kontinuität, und ihren Lesers geht es ja nicht anders. Gleichwohl wird mit der Aussage „IX.-X. Jh.“ eine für über 100 Jahre ausreichende Fundmenge für das zweite slawische Dorf direkt unterhalb der Frühstufe der slawischen Burg suggeriert. Haben die Ausgräber aber wirklich so viel?

Die Antwort fällt eindeutig negativ aus. Der Ausgräber hat nämlich die Zeit von 850 bis 960 nicht aus der Masse seiner Funde begründet. Nicht diese erzwingen den Eintrag von 110 Jahren in die Chronologie. Er versucht eine derartige Argumentation nicht einmal ansatzweise. Vielmehr zitiert er – und das auch nur in einer Fußnote – den DDR-Archäologen Joachim Herrmann. Der hatte dem polnischen Kollegen mündlich und persönlich mitgeteilt, dass die Keramik des zweiten slawischen Dorfes der Keramik bei Schiffsfunden ähnelt [Lienau 1934] und ins „IX.-X. Jh.“ datiert werden könne [Zbierski 1978, 80, FN 20]. Schon diese Aussage verbietet es keineswegs, die real gefundene Keramik an das Ende dieses Zeitraumes, also in das 10. Jh. – sagen wir zwischen 920 und 960 – zu datieren. Und irgendeine Fundmenge, die mehr Jahre erfordern würde, ist ja nicht aufgefunden worden. Entscheidender aber ist, dass die deutschen Ausgräber der Zwischenkriegszeit [Bertram et al. 1924] die besagte Keramik keineswegs in das „IX.-X.“, sondern in das „XI-XIII.“ Jh. datiert haben [Zbierski 1978, 80, FN 20]. Das ist nun von einem 9. Jh. sehr weit weg und wird uns im übernächsten (VI.) Kapitel über das Danziger Umland noch interessieren müssen.

Die Stratigraphie Danzigs im frühen Mittelalter unter dem Zentrum der Langgasse hört nun aber nicht beim frühen 10. („IX.-X.“) Jh. auf, sondern geht dann chronologisch rückwärts nach einen fundlosen Zeit von 300 Jahren direkt in das 7. Jh. des ersten slawischen Dorfes über. Die Reste dieses frühen slawischen Dorfes haben sich im Material für den Erdwall der späteren Siedlung gefunden. Sie bestätigen einmal mehr die so schmerzlich empfundene Chronologielücke von 300 Jahren. Aber diese Reste stehen rein technologisch auch für den unmittelbaren historischen Übergang vom 7. in das 10. Jh., weil es sich bei diesen Relikten um die sogenannte Burgenkeramik handelt. Die bereits beschriebene Tendenz [Zeller 1996], ein und dieselbe Keramik der Slawenburgen einmal in das 9./10. und ein andermal in das 6./7. Jh. zu datieren, zeigt ja das Ringen der Ausgräber mit einem Grabungsbefund, den sie über einen extremen Zeitraum strecken müssen, für den sie nichts können, sondern der ihnen von der Chronologie vorgegeben ist.

Danzig
Wohnhaus aus dem bulgarischen Krivina mit einer typisch spätantiken Tiefparterreanlage des 7. Jhs., aber mit einer Datierung in das 10. Jh. [Herrmann 1986b, 45].

Die Ausgrabungen bei Sankt Nikolai (Kirche des abgerissenen Dominikanerklosters) haben die frühmittelalterliche Chronologielücke Danzigs bestätigt. In den Arbeiten vor 1962 fand man kontextfremde Keramik aus dem 5. zusammen mit solcher aus dem 10. Jh., während für die Zeit dazwischen nichts vorzuweisen war [Zbierski 1978, 94]. Bei St. Nikolai sind die Grabungen im Jahre 2000 wieder aufgenommen worden und der Bericht über die erste Saison liegt vor. Man hatte erst einmal nur bis in das 11. Jh. zurückgegraben [Golembnik 2001]. Die bei Abfassung des Manuskripts noch andauernde zweite Saison ist auch in der Hoffnung begonnen worden, endlich etwas für die dunklen Jahrhunderte zu finden. Man weiß mittlerweile, dass man damit gescheitert ist. Vor dem 10. Jh. war nichts vorhanden. Es bleibt bei der Danziger Lücke zwischen byzantinischer Spätantike des 6./7. Jh. – mit slawischer Burgenkeramik hier und dort – und dem 10. Jh. mit seiner unbestrittenen slawischen Besiedlung.

Der Danziger Nikolaibefund erinnert frappant an die Musterstratigraphie eines anderen, aber weit entfernten slawischen Territoriums. Es geht um die bulgarische Siedlung Krivina [dazu bereits Weissgerber 2001, 92 f.]. Sie wird in typischer Manier der Chronologienöte als altbulgarische Siedlung des „7. bis 10. Jh.“ [Herrmann 1986b, 45] bezeichnet. In der über Münzen datierten Ortsstufe aus dem 10. Jh. verblüfft

„das Fortleben antiker Bautraditionen. Im Untergeschoß lagen Küche, Wirtschafts- und Wohnraum, oben Wohnraum und Speicher. [...] Die Siedlung war in den Ruinen des antiken Kastells Iatrus angelegt worden“ [Herrmann 1986b, 45].

Byzantinische Münzen aus dem 10. Jh. haben – wenn man so will – das Obergeschoss der Häuser in das 10. Jh. verbracht, während das Tiefparterre durch die Basis des spätantiken Kastells aus dem 7. Jh. 300 Jahre früher datiert werden musste bzw. auf rätselhafte Weise eine angeblich drei Jahrhunderte verschüttete Bautradition von neuem aufgegriffen hat. Auch die landwirtschaftlichen eisernen Geräte aus Krivinas 10. Jh. wurden auf „antiker Grundlage“, also nach 300 Jahre älteren Modellen entwickelt [Herrmann 1986a, 31, Abb. 17], ohne dass irgendwelche Zwischenstufen ermittelt werden konnten.

IV. „Leitfossil“ Bernstein und die chronologische Lücke

Die polnischen Ausgräber haben sich über die fehlenden Funde für 300 Danziger Jahre ebenso wenig beruhigen können wie ihre deutschen Vorgänger. Sie haben deshalb an einem Leitgut geprüft, ob nicht wenigstens mit diesem die drei Jahrhunderte irgendwie gefüllt werden können. Sie haben also noch einmal alle Bernsteinfunde gesichtet. Aber auch für dieses wichtigste Haupthandelsgut des slawischen Danzig musste eingeräumt werden, dass es vom „7. Jh. bis zum 10. Jh.“ schlichtweg fehlt [Luka 1978, 56].

Niemand kann für diese verblüffende Unterbrechung der Bernsteinbearbeitung auch nur die Andeutung einer Erklärung geben. Sie wird sehr schön deutlich im Bernsteinchronologiesaal im 1. Stock des archäologischen Museums zu Danzig (Muzeum Archeologiczne w Gdansku). Nach einer Vitrine mit aufwendigen Bernsteinrundperlen – und raffinierten Metallfibeln – aus der Zeit von 375 bis 570 folgt im Fach für die Zeit von 570 bis 980 lediglich eine Kollektion unbearbeiteter Brocken nebst zwei Rundperlen, wobei diese Bernsteinfunde aus Zoppot durchaus an das Ende der 410-jährigen Zeitspanne, also in das 10. Jh. gehören können. Sie werden ja ungemein vage in das „VIII./IX.-X. Jh.“ platziert. In der Vitrine für die Zeit von 980-1300 sind dann wieder Bernsteinbearbeitungen in vielen Formen, Größenordnungen und Bearbeitungstechniken zu bewundern.

Der Saal mit den Vitrinen der generellen Technologieentwicklung liegt im 2. Stock des Danziger archäologischen Museums und deckt die Zeit vom 6. bis zum 13. Jh. ab. Es beginnt in der ersten Vitrine mit prächtigen Waffen und Gerätschaften aus Bronze und Eisen des „VI.-VII. Jh.“ Im mittleren Fach der zweiten Vitrine geht es von byzantinischen Münzen des „VI.-VII. Jh.“ dann aber direkt und unvermittelt über auf Funde des „X. Jh.“. Das frühe Mittelalter ist so vollkommen abwesend, dass man ihm gar nicht erst ein eigenes Vitrinenfach gewidmet hat. Die Werkzeuge und Waffen aus Bronze und Eisen in der nächsten Vitrine für die Zeit ab dem frühen 11. Jh. sehen dann erstaunlicherweise wieder ganz ähnlich aus wie die aus dem 6./7. Jh., so dass von der Technologieevolution her alles für einen Übergang aus dem 7. direkt in das 11. Jh. spricht.

Danziger Archäologen haben übrigens auch im Sudan gegraben. Im Eingangsbereich des archäologischen Museums (Hochparterre) ist ein besonderer Saal den dabei gemachten Funden gewidmet. Man hat sich vor allem auf die Chronologie des nubischen Frühchristentums konzentriert. Exemplarisch werden Funde aus der Stadt Faras gezeigt. Diese weisen allerdings eine schmerzliche und bisher nicht erklärte Lücke auf. Nach Friesen und Öllampen, die in das „VI.-VIII. Jh.“ datiert werden, reißt eine Lücke von 300 Jahren auf. Erst im „XI./XII. Jh.“ geht es dann mit Wandmalereien und Öllampen weiter. Auch in der libanesischen Musterstratigraphie Byblos [Heinsohn 1998] sowie in der Synagogenchronologie Israels/Palästinas ist ja für dieselbe Periode eine fundleere Zeit zu beklagen [Heinsohn 1999; 2000]. Die Annahme englischer Forscher, dass die Fundarmut des frühmittelalterlichen Europa durch Einschläge von Meteoritenschwärmen herbeigeführt worden sei, der komplette frühmittelalterliche Zeitraum der herrschenden Lehre mit Funden beispielsweise aus dem Nahen Osten jedoch problemlos gefüllt und somit bewiesen werden könne, bestätigt sich für das – von Danzigern ergrabene – Nubien bisher nicht.

V. Liefern Dörfer aus dem Umfeld Danzigs Funde für die drei Jahrhunderte, die in der Stadt selbst leer bleiben?

Spricht man mit den jungen Spezialisten vor Ort, hört man sehr schnell, dass nicht nur in, sondern auch um Danzig herum archäologische Funde, die zweifelsfrei zwischen die Spätantike des frühen 7. Jh. und das frühe 10. Jh. datiert werden können, schwer nachweisbar sind. Was bisher für diese Zeit in die Bücher geschrieben worden ist, sei veralteten Methoden geschuldet. Das müsse auf den Prüfstand und neu zugeordnet werden. Ungeachtet dieser Warnungen soll hier referiert werden, was man aus dem Danziger Umland einmal in die fragliche Zeit datiert hat. Schließlich stehen diese Befunde auf Papier, mit dem bedeutungsvoll gegen die Chronologiekritiker gewedelt werden dürfte – zumindest von Leuten, die sich nicht vor Ort kundig machen.

Von allen Plätzen aus Danzigs Umland mit einer momentanen Datierung in die dunklen Jahrhunderte ist ein mit Palisaden befestigter Hügel bei Zoppot der am besten rekonstruierte. Ein Modell wird im archäologischen Museum gezeigt. Die Datierung lautet auf „VIII.-IX. Jh. (?)“ [Luka 1978, 43]. Mit dem Fragezeichen wird selbst für diese Siedlung eingeräumt, dass die Datierung unsicher ist. Das liegt auch daran, dass ganz ähnliche Hügelumwallungen – etwa in Podjazdy – in das „XI.-XIII. Jh.“ datiert werden [Tuszynska 1997, 13]. Für Zoppot selbst wiederum bliebe unerfindlich, warum der ideal gelegene Hügel gerade ab dem 10. Jh., als die Weichselmündung um das nun urbane Danzig aufblüht, nicht mehr genutzt worden sein soll.

Es werden aber weitere befestigte Plätze momentan noch in die dunkle Zeit datiert. Aufgrund von Keramikfunden, die durch die ursprünglichen deutschen Ausgräber in das 11.-13. Jh., durch den DDR-Archäologen Herrmann dann jedoch ins „IX.-X. Jh.“ datiert wurden, werden folgende Hügelplätze stereotyp in das „IX.-X. Jh.“ datiert: Gruczno, Janiszewy, Krepa Kaszubska, Lubiszewo, Luzino, Orunia, Otomin, Podzamcze und Skarszewy. Für all diese Orte gilt, dass sie selbst bei der momentanen Datierung in das 9. oder das 10. Jh. gehören können. Mit dem zweiten Datum landen sie in einem unbestrittenen Chronologiebereich. Einen wirklich harten Beweis für das 9. Jh. hingegen liefern sie gerade nicht.

Für die Hügelbefestigung in Bedargowo wird nicht „IX.-X.“, sondern „VIII./IX.-1. Hälfte X. Jh.“ angegeben [Luka 1978, 40]. Die bewusste Vagheit dieser Aussage soll kenntlich machen, dass man unsicher darüber ist, ob hier wirklich mehr gesagt werden kann als das übliche „IX.-X. Jh.“ der DDR-Archäologie (also das 11.-13. Jh. der deutschen Ausgräber aus der Zwischenkriegszeit).

Schließlich werden unbefestigte Ortschaften angeführt, die jetzt noch in die dunklen Jahrhunderte platziert werden [Luka 1978, 40-43]:

Ciechocino („VIII.-XII. Jh.“) Gniew („VIII.-IX. Jh.“)
Juszkowo („VIII.-X. Jh.“) Kopalino („VIII.-IX. Jh.“),
Legowo („VIII.-XI. Jh.“), Malary („VIII.-XI. Jh.“),
Oliwa („VII.-IX. Jh.“), Pieleszewo („VIII.-IX. Jh.“),
Skowawarcz („VIII.-XII. Jh.“), Stary Wiec („VIII.-XII. Jh.“),
Swiety Wojciech („VIII.-X. Jh.“), Zabornia („VIII.-X. Jh.“).

Für sämtliche Orte gilt, dass in ihnen nur Oberflächenuntersuchungen vorgenommen wurden. Dass Siedlungsschichten für 200-500 Jahre auch stratigraphisch eingelöst werden können, behauptet also niemand. Als besonders rätselhaft gilt, dass die Mehrheit dieser Dörfer gerade dann verschwinden soll, als die Städte der Weichselmündung im 11./12.-14. Jh. mächtig aufblühen und mit landwirtschaftlichen Produkten versorgt werden müssen. Es entstehen ja nicht plötzlich andere Dörfer, aus denen die hungrigen Städter versorgt werden können.

An sechzehn Plätzen des Danziger Umlandes sind immerhin Sondagen vorgenommen worden, also mehr als das bloße Oberflächenbesammeln oder eine hastige Rettungsaktion vor dem Bulldozzer. Und von diesen sechzehn Untersuchungen einer etwas größeren Genauigkeit werden lediglich drei unzweideutig in die dunkle Zeit gesetzt. Angaben der Art „IX.-X. Jh.“ bleiben dabei außer Betracht, da sie sich ja auch für das herrschende Verständnis auf das 10. Jh. beziehen können und von den früheren Danziger Ausgräbern sogar als 11.-13. Jh. geführt wurden.

Zu den drei verbleibenden Sondagen gehört die bereits erwähnte Hügelumwallung bei Zoppot. Mit seiner Fragezeichendatierung „VIII.-IX. Jh. (?)“ [Luka 1978, 43] ist der Ort auch bisher schon so schwimmend eingeordnet, dass niemand eine Beweisführung auf ihn stützen möchte. Für Pelplin-Maciejewo wird das „VII.-VIII. Jh.“ [ebd., 42] genannt. Dabei ist das frühe 7. Jh. der byzantinischen Zeit unstrittig und liegt vor der von Illig vorgeschlagenen Chronologiekürzung. Dass die Funde dann so massiv wären, dass sie auch ein „VIII. Jh.“ noch benötigen, wird nicht zu belegen versucht.

Am Ende bleibt lediglich die Sondage von Sobieczyce, das ins „VIII.-X. Jh.“ [Luka 1978, 43] verbracht wird. Auch diese Aussage fällt vage aus. Dass die Funde zahlreich genug wären, um mehr als das 10. Jh. zu benötigen, wird nicht gesagt. Überdies stellt sich für dieses Dorf wieder die Frage, warum es im 11. Jh. nicht mehr existent sein soll, als der Bedarf der Städte anzuziehen beginnt. Die Datierung „VIII.-X. Jh.“ enthält das stereotype „IX-X.“ der DDR-Keramikdatierer, mit dem das 11.-13. Jh. der früheren Ausgräber ersetzt wurde. Es ist aber die ursprüngliche Zeitangabe des 11.-13. Jh., mit der man sich die wenigsten Widersprüche einhandelt. Sie macht Sinn, weil sie zum Aufstreben der Städte passt, das genau in diesen Zeitraum gehört.

Wer eine Beweisführung für die Existenz der in Frage gestellten drei Jahrhunderte auf das Danziger Umland stützen will, stößt schon jetzt auf deutliche Zweifel der Forscher vor Ort. Vor allem jedoch kann er ohne positiven stratigraphischen Befund aus dem Umland den unstrittigen stratigraphischen Lückenbefund in Danzig selbst nicht aushebeln. Wer dennoch mit dem Umland arbeiten will, wird Waffengleichheit akzeptieren müssen. Die Ausgräber hätten also zu prüfen, ob sie alle ergrabenen Siedlungsschichten auch dann noch bequem unterbringen können, wenn sie mit einer Chronologie auskommen müssen, die dreihundert Jahre kürzer ist. Man würde ihnen zwischen 300 und 1200 nicht 900, sondern nur noch 600 Jahre zur Verfügung stellen. Erst wenn in diese 600 Jahre nicht hereinpasst, was man für den Zeitraum zwischen dem konventionellen Jahr 300 und dem konventionellen Jahr 1200 ergraben hat, kommen die Chronologiekürzer in Schwierigkeiten. Und diese Funde müssen wirklich ergraben werden. Sie können nicht durch moderne astronomische Berechnungen oder Schätzungen über denkbare vergangene Himmelsereignisse ersetzt werden.

VI. Fazit

Es sieht aus dem Blickwinkel der deutschen und mehr noch der stratigraphisch orientierten polnischen Forschungsarbeit für das frühslawische Danzig so aus, als ob drei frühmittelalterliche Jahrhunderte zwischen dem 7. und 10. Jh. nicht existiert haben. Wie für den gesamtslawischen Raum Texte aus dieser Zeit gänzlich fehlen [Heinsohn/Sidorczak 2001], so sind jetzt für die zentrale Siedlung an der Ostssee selbst Materialien dauerhafterer Art unauffindbar geblieben. Der Versuch, diese Chronologielücke mit Funden aus umliegenden Dörfern zu schließen, erscheint verständlich, scheitert aber am Fehlen stratigraphisch untermauerter Sequenzen. Die Aufforderungen der jüngeren polnischen Fachleute vor Ort, die Datierungen aus der Nachkriegszeit mit Vorsicht zu behandeln, weisen in dieselbe Richtung. Sicher ist man sich dort nur für die Zeit bis zum Ende der Spätantike und dann wieder ab dem 10. Jh., während alles andere auf den Prüfstand gehöre. Von daher kann mit dem harten stratigraphischen Befund des Weichseldeltas der Illigsche Vorschlag einer Kürzung des frühen Mittelalters um drei Jahrhunderte [Illig 1998; 1999] nicht abgewiesen werden.

P.S. Für Beschaffung und Auswertung der polnischsprachigen Literatur sowie den Zugang zu Museen und Ausgrabungsplätzen danke ich Joanna-Maria Sidorczak.

Literatur

Babnis, M., Kuklinski, J., Nowak, Z., Sawicki, J.K. (1997), Dyament w kronie / The Diamond in the Crown / Der Diamant in der Krone, Gdansk & Gdynia
Bertram, H., LaBaume, W., Klöppel, O., Hg. (1924), Das Weichsel-Nogat-Delta: Beiträge zur Geschichte seiner landschaftlichen Entwicklung, vorgeschichtlichen Besiedlung und bäuerlichen Haus- und Hafenanlagen, Danzig
Cieslak, E., Hg., (1978), Historia Gdanska: Tom I do roku 1454, Gdansk
Cieslak, E., Biernat, C. (1995), History of Gdansk, Gdansk
Geisler, W. (1918), Danzig, ein siedlungsgeographischer Versuch, Halle a.d. Saale
Golembnik, A., Hg. (2001), Badania archeologiczne terenu przyszlego centrum Dominikanskiego w Gdansku. Sezon 2000, Warszawa
Heinsohn, G. (1998), „Byblos von +637 bis 1098 oder: Warum so spät zum Kreuzzug?“, in ZS, Nr. 1, S. 113-116
Heinsohn, G. (1999), „Frühes Mittelalter und das jüdische Leben in Palästina: Ist die von den Kreuzfahrern 1099 zerstörte Synagogenkultur archäologisch wirklich unauffindbar?“, in ZS, Nr. 3, S. 356-388
Heinsohn, G. (2000), „Jerusalems frühmittelalterliche Synagogenabfolge“, in ZS, Nr. 1, S. 53-58
Heinsohn, G. (2001), „Gibt es wirklich keinen Zusammenhang zwischen dem Ortsnamen Gothiscandza des Jordanes aus dem 6. Jh. und Danzigs Namen Gyddanyzc aus dem 10. Jh.?“, in Vorbereitung
Heinsohn, G., Illig, H. (19993), Wann lebten die Pharaonen? Archäologische und technologische Grundlagen für eine Neuschreibung der Geschichte Ägyptens und der übrigen Welt (19901), Gräfelfing
Heinsohn, G., Sidorczak, J.-M. (2001), „Gibt es Slawen betreffende Schriftquellen aus dem frühen Mittelalter?“, in ZS, Nr. 2, S. 200-212
Herrmann, J. (1986a), „Die Slawen der Völkerwanderungszeit“, in J. Herrmann, Hg., Welt der Slawen: Geschichte, Gesellschaft, Kultur, München
Herrmann, J. (1986b), „Wegbereiter einer neuen Welt – die Welt der Staaten und Völker des europäischen Mittelalters“, in J. Herrmann, Hg., Welt der Slawen: Geschichte, Gesellschaft, Kultur, München
Illig, H. (1998), Das erfundene Mittelalter (19921), München-Düsseldorf
Illig, H. (1999), Wer hat an der Uhr gedreht? Wie 300 Jahre Geschichte erfunden wurden, München
Keyser, E. (19282), Danzigs Geschichte, Reprint o.J. bei Danziger Verlagsgesellschaft Paul Rosenberg, Hamburg
Keyser, E. (1963), „Die polnischen Ausgrabungen in Alt-Danzig“, in Zeitschrift für Ostforschung, Bd. 12, S. 315-339
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3 Kommentare zu “Danzig und die rätselhafte frühmittelalterliche Chronologielücke des Weichseldeltas”
1
haj sagt:
8. Februar 2008 um 18:40

Danzig im Mittelalter

Die Stratigrafie scheint untrügliche Ergebnisse zu liefern: Das Spätere liegt über dem Früheren, das Jüngere über dem Älteren. In Heinsohns Darstellung scheint es zu genügen, 300 Jahre wie ein „Geschwür“ aus der Zeitleiste herauszuoperieren, um die Chronologie zu reparieren.

Ganz so einfach ist es jedoch nicht. Andere Betrachtungsweisen liefern gänzlich andere Ergebnisse. Dies sei am Beispiel Danzigs demonstriert:

Wer diesen unkaschierten Plan aus dem „Atlas historyczny Polski“ von 1977 unbefangen betrachtet, wird feststellen, dass dies einer der spektakulärsten ist, der überhaupt denkbar ist.

Dargestellt ist ohne Zweifel ein männliches Genital mit der Altstadt (rot) als Hoden, der Rechtstadt (braun) als Glied, der Alten Vorstadt (lila) als Eichel und der Kreuzritterburg (blau) als Schambehaarung.

Es scheint mir undenkbar, dass Christen mit der Bibel in der Hand einen solchen Plan aushecken, denn der Brief an die Römer verbietet es (Kap. 1, 22ff.).

Es scheint mir auch undenkbar, dass Kreuzritter die Mythologie längst vergangener Zeiten im Nahen Osten aufgeschnappt und „heimlich“ – gegen eigene Überzeugungen – in Europa verbreitet haben könnten.

Doch es bedarf m. E. keiner allzu großen Phantasie, um den mythologischen Hintergrund dieses Plans zu erkennen: es kann sich nur um das verlorene Glied des zerstückelten Osiris handeln. Der Plan ist die vergrößerte Hieroglyphe D53 der Gardinerliste.

Um dies aber denkbar zu machen, muss die im 4. Jahrhundert angeblich versiegte Kenntnis der Hieroglyphen in der Stadtgründungszeit akzeptiert werden.

Natürlich ließen sich weitere Beispiele liefern.

2
haj sagt:
4. März 2008 um 21:54

Der Plan von Danzig ist natürlich um 90° nach rechts zu drehen oder von links zu betrachten.

[...] Gunnar Heinsohn: Danzig und die rätselhafte frühmittel­- alter­liche Chronologielücke des Weichseldeltas [...]

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12. Januar 2008                     Kategorie(n): Artikel aus den ZS, Fantomzeit, Frühmittelalter, Zeitensprünge

eingestellt von: ao

Sizilien und seine frühmittelalterliche Fundlücke

von Gunnar Heinsohn (Zeitensprünge 03/2003)

„Sizilien ist die geschichtlich reichste Insel des an
Geschichte überreichen Mittelmeerraumes” [Rill 2000, 50].

I. Wo sind die Quellen für Sizilien zwischen dem 7. und 10. Jahrhundert

Aus der Sichtung vor allem arabisch verfasster Schriftstücke und Sagas, deren greifbare Fassungen frühestens aus dem 10. Jh., zumeist jedoch aus noch späterer Zeit stammen, ist nach freimütig eingeräumtem „mühseligem Vergleich“ [Rill 2000, 22] eine Chronologie der schier endlosen islamischen Invasionen Siziliens im 7., 8. 9. und 10. Jh. konstruiert worden. Für Details zog man auch christliche Texte heran. Sie stammen vom Neapolitaner Johannes Diaconus, von Beda Venerabilis sowie aus der Päpstechronik Liber Pontificalis. Diese Päpstereihung [LP 1955] hat als ersten nachweisbaren Autor den für 1133 bezeugten Pandulfus und dann noch einmal den 1178 verstorbenen Boso [Rosenberg 1896], ist also keine Quelle aus dem hier interessierenden Zeitraum des 7. – 9. Jhs. Beda Venerabilis wird zwar auf 672–735 datiert, der mit seinem Namen verbundene Text kann von seinen Inhalten her jedoch frühestens aus dem 11. Jahrhundert stammen [Illig 1999, 122-127] und bietet für die zu untersuchenden Jahrhunderte ebenfalls keine direkten Auskünfte.

Von Johannes Diaconus „weiß“ man lediglich, dass er irgendwann im 10. Jh. stirbt. Von wann die frühest greifbaren und momentan mit ihm verbundenen Handschriften – vor allem Gesta Episcorum Neapolinatorum [MGH SSrL] – datieren, konnte der Autor aus der ihm vorliegenden Literatur nicht entnehmen. Hier steht eine kritische Sichtung des Schreibmaterials und der Überlieferungsgeschichte noch aus. In jedem Falle fällt auch der Mann aus Neapel als Zeitgenosse für irgend etwas im 7. bis 9. Jh. aus.

Unter allen Sizilienforschern ist unstrittig, dass vom 7. bis zum frühen 10. Jh. Originaldokumente im eigentlichen Sinne – Briefe, ökonomische Kontrakte, Gutachten (arabische Fatwas, jüdische Risponsas), Protokolle von Gerichtsprozessen, Testamente, Herrscherurkunden, Gesetzessammlungen, beschriebene Grabsteine, sonstige Steininschriften, Bildwerke aller Art etc. – niemals gefunden worden sind.

Karte von Sizilien
Karte Siziliens und Süditaliens mit dem frühen, momentan ab dem 7. Jh. datierten, Invasionsbereich islamischer Angreifer (Rill 2000, 73), die archäologisch aber erst im 10. Jh. greifbar werden.

II. Zwölf frühmittelalterliche arabische Invasionen Siziliens?

Keine arabische Eroberung scheint zäher zu verlaufen als diejenige Siziliens. Ein Vierteljahrtausend von 651 bis 902 umreißt das Minimum, 297 Jahre von 651 bis 948 eines der denkbaren Maxima. Die Zeit der Angriffe wird unterteilt in unbekannt viele Plünderungszüge, zehn Hauptinvasion, die Zentralinvasion von 827 bis 902 sowie die zweitmalige Erhebung Palermos zur arabischen Hauptstadt im Jahre 948 in der Schlussinvasion von 911–965.

Chronologie der zehn arabischen Hauptinvasionen Siziliens vor 827
[Ahmad 1975, 1-29; Rill 2000, 9-64]

651 1. Hauptinvasion unter Moawiya ibn Hudayg
669 2. Hauptinvasion unter Abdallah ibn Qays
700 3. Hauptinvasion unter Musa Ibn Nusair scheitert in Pantellaria
703 4. Hauptinvasion unter Ata Ibn Rafi
720 5. Hauptinvasion endet 727 durch Waffenstillstand in Syrakus
727-
739
erfolgen „fast jedes Jahr“ [Rill 200, 23] kleinere, also wohl zwölf arabische Nebeninvasionen Siziliens
740 6. Hauptinvasion unter Habib Ibn Aki Ubaydah bis Syrakus
753 7. Hauptinvasion durch Muslime; danach 50 rätselhafte Ruhejahre
805 8. Hauptinvasion unter Ibrahim al-Aghlab mit Waffenstillstand in Syrakus
812 9. Hauptinvasion unter Abdullah Ben Ibrahim endet in Lampedusa. Selbst Karl der Große schickt ein Expeditionsheer zum Schutz der Insel
819 10. Hauptinvasion unter Abd-Allah ben al-Aghlab scheitert 822.

Die Mediävistik räumt zu den ersten zehn Hauptinvasionen ein, „daß all diese Streitereien zwar irgendwie die Eroberung Siziliens zum Ziel hatten“ [Rill 2000, 26], aber aus bisher nicht verstandenen Gründen durchweg gescheitert sind. Erst ab dem Jahre 827 sei eine wirkliche Eroberung gelungen. Stadt für Stadt sei die Insel an die Araber gefallen. Als hätten diese die Aufgabe gehabt, so viel Zeit wie möglich zu überbrücken, brauchen sie ein Dreivierteljahrhundert, um das gewiss schwierige, aber doch relativ kleine Gelände unter ihre Kontrolle zu bringen.

Chronologie der arabisch-aghlabidischen Zentralinvasion (Nr. 11)
Siziliens von 827 bis 902 [Ahmad 1975, 1-29; Rill 2000, 9-64]

827 Am 17. Juni landen 70-100 Schiffe mit 700 Reitern und 10.000 Fußsoldaten bei Mazara del Vallo unter Asad Ibn Al-Furat
830 Asbagh bringt weitere 300 Schiffe und 20-30.000 Mann
831 Palermo wird erobert und erstmals arabische Hauptstadt
837 Enna wird besetzt
843 Messina wird erobert
848 Ragusa fällt
878 Syrakus ergibt sich
902 erste arabische Eroberung Taorminas und Vollendung der Aghlabidenherrschaft über Sizilien. Die Stadt wird verbrannt, seine Bewohner werden massakriert. Auch die Befestigungen der Umgebung werden geschliffen.

Und doch ist auch 902 die arabische Eroberung der Insel nicht vorüber. Den Aghlabiden folgen die Fatimiden. Bereits im Jahre 911 sollen sie vergeblich gegen die Christen Taorminas gezogen sein, das wundersamerweise wieder in vollem Festungsglanze steht. Dann soll es im Jahre 916 mit dem Angriff auf Palermo zum Höhepunkt des muslimischen Bruderkampfes gekommen sein. Am 12. März 917 kapituliert die Stadt, ihre Mauern werden geschleift. Auch in Süditalien werden die früheren arabischen Eroberungen noch einmal ausgeführt – so im bereits 840 von den Aghlabiden genommenen Tarent:

„Im Jahre 929 eroberten die Fatimiden Tarent erneut“ [Rill 2000, 56].

Chronologie der fatimidisch-kalbitischen Schlußinvasion Siziliens (Nr. 12)
von 911 bis 948 [Ahmad 1975, 1-29; Rill 2000, 9-64]

911 Vergeblicher Fatimiden-Angriff auf Taormina
916 Zweite arabische Belagerung und Einnahme (917) Palermos
937 bis 941 innerarabischer Aufstand von Agrigent bis Palermo
941 Einnahme Agrigents
948 Unter Fatimidenstatthalter Al-Hassan wird Palermo zum zweiten Mal arabische Hauptstadt Siziliens.
962 Zweite arabische Eroberung Taorminas und entscheidender Sieg bei Rometta im Jahre 964, wo die unter Manuel Phokas, Neffe von Kaiser Nikephoros Phokas, mit einer Armee von 40.000 eingreifenden Byzantiner 10.000 Mann verlieren.
965 fällt Rometta (südwestlich von Messina) selbst und wird ausgemordet bzw. versklavt. Ganz Sizilien untersteht den Fatmiden bzw. ihren Statthaltern, den Kalbiten.

1060 beginnt die – mit der Einnahme Notos – 1091 abgeschlossene Eroberung Siziliens durch die Normannen (Haus Guiscard aus Hauteville).

1194 Der Staufer Heinrich VI. entwindet Sizilien den Normannen. Deren letzter Herrscher, der Kind-König Wilhelm III., wird als Verwandter der Frau des Kaisers zwar nicht getötet, sondern nur kastriert und geblendet. Heinrich selbst stirbt drei Jahre später an Malaria und kann den aussichtsreichen Kreuzzug von Messina und Syrakus aus gegen den Eroberer Jerusalems (1187) Saladin (1171–1193) nicht mehr antreten.

Wie zuvor die Aghlabiden ab 831 von Palermo her, so müssen nun die Fatimiden bzw. die Kalbiten als ihre Statthalter ab 948 wiederum von Palermo her Sizilien Stück um Stück von den Christen bzw. Byzantinern erobern, die doch schon seit 902 total und endgültig von der Insel vertrieben sein sollen. 962 erobern die Kalbiten im Osten der Insel einmal mehr Taormina, dessen Einwohner massakriert oder versklavt werden. Merkwürdigerweise bekommt diese Stadt erst jetzt mit „Al-Muizziyah“ einen arabischen Namen [Rill 2000, 61]. 965 besiegelt der Fall Romettas das Schicksal der Insel. Schon 1060 erfolgt der erste Normannenangriff auf Messina, und 1091 ist die normannische Eroberung der Insel abgeschlossen. Als wirklich unbestrittene arabische Herrschaftszeit über die ganze Insel bleiben gerade 95 Jahre, 145 Jahre seit dem „zweiten“ Eroberungsbeginn bei 916. Gewöhnlich wird die Fatimidenzeit zwischen 948 (Palermo zum zweiten mal arabische Hauptstadt) und 1061 angesetzt.

III. Die unauffindbaren Spuren für ein frühmittelalterliches Sizilien des 8. und 9. Jahrhunderts

Wenn auch genuine Quellen oder sonstige Fundstücke aus dem frühmittelalterlichen Sizilien unter arabischer Herrschaft fehlen, so gibt es gleichwohl einen Bericht über den märchenhaften Reichtum dieser Provinz des Islam. So überliefert Theodosios, der ins 9. Jh. datiert wird, dessen Schriften aber vor dem 10. Jh. nicht greifbar sind, für das Palermo von „878“:

„Eine sehr berühmte und volkreiche Stadt, die eine riesige Bevölkerung von Einheimischen und Ausländern hat. Es scheint, als ob die ganze Rasse der Sarazenen in ihr zusammengeströmt wäre“ [Rill 2000, 79].

Der arabische Reisende und Geograph Ibn Hawqal (Haukal) berichtet für 972, dass er nirgendwo in der islamischen Welt eine größere Moschee gesehen habe. Gami soll sie geheißen und 7.000 Gläubigen Platz geboten haben. Weitere 300 Moscheen hätten den religiöse Anliegen gedient. Da Hawqal lediglich Berichte von Masalik ul-Mamalik (951) und Alu Zaid ul-Balkhi (921) redigiert und erweitert hat, wird seine Aussage gerne mit der des Theodosios zusammengezogen. Man braucht ja auch bereits für 870 ein mächtiges Palermo der Aghlabiden, damit der gewaltige Bruderkampf mit den später kommenden Kalbiten nicht vollkommen unglaubwürdig wirkt. Gelegentlich wird sogar – gewiß nur ein Flüchtigkeitsfehler, aber ein bezeichnender – Ibn Hawqals Palermoreise nicht auf 972, sondern auf „872–3“ gelegt [Ahmad 1975, 39]. Weit über 100.000 Einwohner werden denn auch für gerne für das 9./10. Jh. behauptet:

„‘Groß-Palermo’ kam also bereits in die Nähe der omayadischen Kalifenstadt Cordoba (200 000 – 300 000 Menschen) und rangierte weit vor dem zeitgenössischen Rom (35 000), Paris (ca. 50 000) oder gar Neapel (ca. 25 000) und London (12 000, als die Normannen Wilhelms des Eroberers nach England kamen)“ [Rill 2000, 80].

Ungeachtet des Stolzes der Sizilien-Mediävistik mit ihren herrlichen Städten bereits im 9. Jh. leidet sie kaum anders als die spanische. Wie die legendäre Weltstadt Cordoba des 8. und 9. Jhs. ohne Funde geblieben ist, so hat auch Palermo und mit ihm ganz Sizilien für diesen Zeitraum nicht einen einzigen arabischen Ziegel oder gar Krummdolch vorzuweisen. Die Gelehrten ächzen unter der Fundlosigkeit der glänzenden Metropole. Für die angeblich weltgrößte Moschee hat man sich deshalb folgende Lösung einfallen lassen:

„Da hatten die Moslems, wie häufig, eine christliche Basilika usurpiert und umgestaltet, die unter den Normannen dann erneut zur christlichen Kultstätte wurde“ [Rill 2000, 79].

Das ist geschickt formuliert, denn es wird ausdrücklich nicht gesagt, welche Basilika zu Palermo denn da in Frage käme. Die lokalen Reiseführer weisen unbekümmert auf die Kathedrale selbst, die als einziger Bau die entsprechenden Maße aufweist. Auch Bücher für die Touristen argumentieren so. Bernd Rill aber kann das nicht, weil der Bau untersucht worden ist. Die Reste der frühen Basilika von 605 sind in der Krypta der Kathedrale durchaus gefunden worden. Für die arabische Zeit aber gibt es nicht einmal eine Scherbe.

Bauabfolge der Kathedrale von Palermo


Normannenbau mit Funden ab dem 11. Jahrhundert
Riesenmoschee mit 7.000 Plätzen
ohne Funde
ab Mitte 9. Jahrhundert
Fundamente der frühen Basilika
unter der Krypta mit Funden
ca. 604

Rill weiß das natürlich alles und wird an anderer Stelle seines umfassenden Buches denn auch wieder ganz eindeutig:

„Andere Zeugnisse islamischer Kultur sind noch weniger auf uns gekommen als die der Lyrik [des Ibn Hamidis aus dem 11./12. Jh.]. Wenn man den späteren normannischen Baustil als eine Kombination von byzantinischen und arabischen Elementen bezeichnen kann, dann geht aus dieser Betrachtung nichts spezifisch Moslemisch-Sizilianisches hervor, das nachweisbar wäre“ [Rill 2000, 105].

Soweit war man für die Leere des 9. Jhs. auch schon 25 Jahre früher. Ein zusätzliches Vierteljahrhundert der Grabungen und Forschungen ist mithin ohne jedes Ergebnis geblieben:

„Von der religiösen Architektur der Araber [des 9. Jhs.] hat nichts überdauert. Die weltliche Architektur ist ebenfalls fast ganz verschwunden“ [Ahmed 1975, 97].

Aber es fehlen ja nicht nur die arabischen Relikte. Auch für die Christen vom 7. bis zum frühen 10. Jh., die doch immer klare Bevölkerungsmehrheit geblieben sei sollen, ist noch nichts gefunden worden. Wofür die Araber ein Dutzend Großinvasionen und noch einmal so viele Raubzüge gegen die Insel unternommen haben und was die Byzantiner mit mächtigen Armeen da eigentlich für verteidigenswert hielten, bleibt vom archäologischen Befund her rätselhaft.

IV. Unstrittige Spuren des fatimidischen Sizilien aus dem 10. und 11. Jahrhundert

Wenn die Aghlabiden des 9. und frühen 10. Jhs. lediglich in die Vergangenheit projizierte chronologische Wiedergänger der fatimidischen Kalbiten gewesen sind, dann kann ihre totale Fundlosigkeit – wie auch die für ihre christlichen Gegner – nicht überraschen. Die Fatimidenherrschaft hingegen sollte Funde haben. Auch die fallen nicht großartig aus. Aber die fatimidischen Moscheereste beim Fundament von San Giovanni degli Eremiti zu Palermo sowie die Favara (ein ehemaliger Brunnenhof) in derselben Stadt sind unstrittig [Amari 1933-39, III, 848 f.]. Palermos arabische Altstadt Khalisha (La Kalsa) ist nicht gut genug untersucht, um dort fatimidische Reste angeben zu können. Wirklich in Zweifel stehen sie deshalb aber nicht. Auch „die Kathedrale von Catania erhebt sich auf den Fundamenten einer Moschee der Fatimidenzeit“ [Rill 2000, 105 f.].

Unter den Kleinfunden ragen die fatimidischen Glas-Jetons heraus, um deren numismatische Bedeutung gestritten wird [Balog 1975]. Auch juristische Gutachten (Fatwas), echte Dokumente also, liegen frühestens fatimidisch wahrscheinlich ab dem 10. und sicher ab dem 11. Jh. vor [Tangheroni 1997, 14].

Insgesamt ist die fatimidisch-kalbitische Zeit eher eine der arabischen Oberherrschaft denn der demographischen Dominanz gewesen. Wo die Ortsnamen etymologisch analysiert worden sind, bestätigt sich das. Für das nördliche und östliche Drittel der Insel hat man unter 1.257 untersuchten Namen lediglich 236 arabisch beeinflusste ermitteln können [Rill 2000, 87]. Gleichwohl, wer in Catania und Palermo baut und arabische Ortsnamen sogar bei dessen diagonal-südöstlichem Gegenpol Noto vorweisen kann, hat Macht auf der ganzen Insel. Und doch müssen sich die Kalbiten noch bis 1042 der Angriffe aus Byzanz erwehren, das seine Ansprüche auf Sizilien niemals aufgibt.

Bei der arabischen Menschenzahl ist auch im Auge zu behalten, dass die nachfolgenden normannischen und deutsch-staufischen Herrschaften über Sizilien (1061–1266) ebenfalls Perioden extrem kleiner Oberschichten gewesen sind. Das gilt auch für die Zeit Karls von Anjou (1266–1285), dem in vier Wochen ab dem Ostermontag 1282 (30. März; „Sizilianische Vesper“) das gesamte Franzosentum der Insel weggemordet wird (bis 20.000 Opfer). Von daher muss die Minderheitenlage der Muslime keineswegs ungewöhnlich anmuten.

Die schönsten arabisch inspirierten Gebäude Siziliens wie die – für Wilhelm I. (1154–1166) und II. (1166–1189) erbauten – Lustschlösser La Zisa und La Cuba, die etwas früheren Wäschereibassins in Cefalù, der Palast und die Bäder in Maredolce stammen bekanntlich alle aus der Normannenzeit. Bei Beschreibung dieser Bauten stößt den Mediävisten einmal mehr unangenehm auf, dass die frühmittelalterliche Araberzeit vor den Fatimiden keinerlei Steinernes hinterlassen hat. Der darob möglicherweise kritisch fragende Leser wird nunmehr durchaus humorig beruhigt:

„Man verschmerzt es angesichts solcher Bauwerke etwas leichter, daß Palermo keine Architektur aus islamischer Zeit hinterlassen hat. Die Künstler, hauptsächlich unter Roger II. [1128 (Herzog), 1130 (König) –1154], haben sozusagen genug Islamisches hinterlassen“ [Rill 2000, 212].

Auch Abbildungen von Schiffen der – angeblich seit 651 heransegelnden – arabischen Eroberer liegen frühestens fatimidenzeitlich vor. Das älteste momentan bekannte Stück wird an den Beginn des 11. Jhs. datiert, wobei eine Entwicklung dorthin bereits während des 10. Jhs. aber nicht in Abrede steht.

Schiff
Früheste arabische Bootsdarstellungen vom Beginn des 11. Jahrhunderts. Keramikschüssel aus dem Museo Nazionale di San Matteo di Pisa (Tangheroni 1996, Abb. 4)

Die Befunde für Sizilien schlagen auch zurück auf das italienische Festland, wo ja Pisa und Amalfi bereits im 9. Jh. Seemächte mit Interessen an Sizilien gewesen sein sollen, aber Mühe haben, dazu passende archäologische Beweise beizubringen. So kann nicht verwundern, dass sich erst unter den Fatimiden zu Beginn des 11. Jhs. Belege für Niederlassungen pisanischer Kaufleute in Sizilien finden [Rill 2000, 82].

Amalfi ist dem Autor von einem Bremer Kollegen – mit langjährigen Bindungen an das heutige Urlaubsparadies – schon vor Jahren als Beweis für die Realität der drei dunklen Jahrhunderte präsentiert worden. Schon 812 soll – auf Befehl eines Byzanz-Kaisers Michael I. (811 –813) – eine amalfitanische Flotte Sizilien gegen Muslime (9. Hauptinvasion) geschützt haben. Der Ort, dessen Seerecht im gesamten italienischen Mittelmeerraum respektiert wurde, findet als eigenständige

„Stadt erstmals im Jahre 596 durch Papst Gregor den Großen [590 –604] Erwähnung. [...] Dann findet man für 200 Jahre keine weitere Erwähnung“ [Kreutz 1991, 80].

Für mehr als hundert zusätzliche Jahre liegt aus der Stadt selbst immer noch rein gar nichts vor:

„Für das Amalfi des 9. und 10. Jahrhunderts lassen sich lediglich Hypothesen bilden, die auf kleinsten Fetzen von Evidenz und beiläufigen Erwähnungen basieren“ [Kreutz 1991, 93].

Diese Erwähnungen liegen in Berichten vor, die zwar ins 9. Jh. datiert werden, deren reale Abfassungen aber aus späterer Zeit stammen. Ab der zweiten Hälfte des 10. Jhs. endlich findet man unstrittig „Akte nach Akte über Eigentumskäufe von Amalfitanern“ [Kreutz 1991, 88; gesammelt in CDC 1873-93]. Das von Otto II. im Jahre 982 eroberte Amalfi ist selbstredend real. Die von Siziliens Normannenkönig Roger II. eingenommene Stadt ist im Eroberungsjahr 1131 von der zuverlässigen Evidenz her also kein halbes Jahrtausend alt, sondern lediglich 250 Jahre. Dabei soll ein solches „lediglich“ nicht unterschätzt werden – man denke nur an die Massivität von Geschichte zwischen 1500 und 1750 oder 1750 bis 2000. Da in Amalfi selbst Funde für die Zeit zwischen 600 und 900 absolut fehlen, setzt sich jeder Text, der die Stadt als Machtfaktor erwähnt, und vor 900 geschrieben sein soll, chronologischen Zweifeln aus.

Nun gibt es die mächtige Klosteranlage San Vincenzo al Volturno in der Region Molise auf halbem Wege in den Bergen zwischen Rom und Neapel, der man für das 8./9. Jh. archäologische Funde entschlossen zuweist [Hodges/ Mitchell 1985]. Die Ausgräber wissen, dass die für die Versorgung des Klosters wichtige Ortschaft San Vincenzo erst im 11. Jh. entsteht. Die klostereigene Geschichtskonstruktion, das Chronicon Vulturnense, stammt gar erst aus dem 12. Jh. Aufgrund der dieses Chronicon durchziehenden Schreibtisch-Chronologie für die Lombarden sowie eines im Kloster aufgefundenen Wandporträts des Epiphanaeus, der demnach 824 –842 Abt in San Vincenzo gewesen sei, datieren die Ausgräber die Blütezeit des frommen Zentrums zwischen 785 und 850. Man ist nicht nur sehr stolz auf die „Akkuratesse“ [CAW 2003, 2] dieser Datierung, sondern auch auf das Porträt, das in der ansonsten bilderlosen Zeit weltweit als Sensation gilt – wegen seines Datums, nicht wegen seines Aussehens, da entsprechende Darstellungen im 11. und 12. Jh. keineswegs selten sind.

V. Siziliens Juden und das frühe Mittelalter

Keine Gruppe des frühmittelalterlichen Sizilien ist genauer untersucht worden als die jüdische Minderheit [Goitein 1967-1993; Gil 1983; Ben Sasson 1991; Simonsohn 1997; Martino 2002], und keine Gruppe auf der Insel war schreibfreudiger als die jüdische. Überdies liegen mit den etwa 250.000 Schriftstücken und Fragmenten, die zwischen 1000 und 1250 in der 1896 aufgefundenen Geniza der Ben Esra Synagoge zu Fostat (Alt-Kairo) abgelagert wurden, die größten Schätze an Originaldokumenten des frühen Mittelalters überhaupt vor. Selbst die Geschichte der Fatimiden bliebe ohne sie relativ karg [Walker 2002]. Allerdings geben die etwa 15.000 historisch besonders einschlägigen Quellenfunde aus der Geniza für die Zeit vor dem 11. Jh. direkt nichts her zu Verbindungen zwischen dem Islam und den von ihm angeblich seit 651 angegriffenen Gebieten Siziliens und Süditaliens. Das ist durchaus merkwürdig, weil die Synagoge seit 882 stehen soll, von Beginn an im judenfreundlichen Milieu der Fatimiden steht und deshalb eigentlich auch ab 882 Dokumente haben sollte. Dem jedoch ist nicht so. Gleichwohl, die Hilfe der jüdischen Gemeinde bei der Verteidigung des fatimidischen Messina gegen die Normannen im Jahre 1061 ist aus Fostat – durch den Brief eines tunesischen Juden [Goitein 1967] – belegt. Eine jüngere Lesart der Genizaquellen will den ersten normannischen Angriff auf Messina sogar auf 1157 vorziehen [Gil 1995, 120 ff.].

Ein Brief Gregors des Großen an einen sizilischen Kleriker namens Cipriano erwähnt Messinas Juden erstmals im Jahre 594. Im Jahre 604 fordert derselbe Papst den Bischof von Palermo auf, die jüdische Gemeinde für ihre zwecks Kirchenbau enteignete Synagoge zu entschädigen. Das berühmte „weiteres hört man über Siziliens Juden bis zum 11. Jahrhundert nicht“ aus der zwölfbändigen Jewish Encyclopedia [1901-1906; Eintrag Sicily] bleibt auch im 21. Jh. gültig. Ab 1020 sind dann für Sizilien jüdisch-arabische Gerichtsakten belegt [Golb 1973]. Insgesamt haben die Genizadokumente das sizilische Judentum des 11. Jhs. viel quellenreicher gemacht. Die enge, aber auch weit geschnittene „Farkha“ [Goitein 1983, 180] gilt als besonders beliebtes Kleidungsstück.

„Der Import von Olivenöl aus Tunesien und Sizilien bzw. über Sizilien nach Ägypten, seine Preise sowie die durch Natur, Krieg und übereifrige Regierungen bedingten Schwierigkeiten bilden einen Hauptteil der Wirtschaftskorrespondenz im elften Jahrhundert“ [Goitein 1983, 252].

Für die Zeit davor jedoch hat auch die Geniza nichts hinzufügen können. Die Genizafunde erzwingen von ihren Auswertern eine strenge Disziplin, erlauben – anders als die beliebten Chroniken und Reiseberichte – keinerlei Ausflüge in Jahrhunderte, für die sie nun einmal keinerlei Originalmaterial zu bieten haben. In der Geniza gibt es zwar mehr als irgendwo sonst an echtem Stoff über Kontakte zwischen der islamischen Welt und Sizilien/Süditalien, aber der führt eben nicht vor das 11. Jh. Diese Beschränkung in der Geschichtsschreibung dann auch durchzuhalten, fällt keineswegs leicht, weil es mit Ibn Chordadbeh immerhin einen arabischen Reiseautor bzw. Geographen gibt, von dem man zwar kaum etwa weiß, der gleichwohl gerne „um 900“, „um 880“ oder auch „um 850“ datiert wird und sich momentan für sein ganzes Leben zwischen 820 und 912 platziert findet. Reale Exemplare seines Buches der Wege und Länder stammen aus späterer Zeit, ohne dass die genau bekannt wäre.

Da Ibn Chordadbeh mit seiner vagen Datierung ins späte 9. Jh. für eben diese Periode die einzigen Aussagen zum mediterranen Seehandel überhaupt liefert und dabei fast ausschließlich von hebräischen Händlern handelt, trennt man sich nur schwer von ihm:

„Diese Wanderhändler [„Radniten“] sprechen Arabisch, Persisch, Römisch [= Griechisch], Französisch, Spanisch und Slawisch. Sie reisen von Ost nach West und von West nach Ost – über Land ebenso wie über das Meer. Aus dem Westen bringen sie Eunuchen, Sklavinnen, Knaben, Seide, Felle, Pelzwerk und Schwerter. Vom Land der Franken fahren sie über das Mittelmeer nach Ägypten, landen zu Farama, packen ihre Waren auf Saumtiere und ziehen dann zu Lande nach Kolzoum [Suez]; dort gehen sie wieder in See nach Djedda, dem Hafen für Mekka und dehnen ihre Reisen bis Indien und China aus“ [Tangheroni 1996, 47].

Chronologisch wirkt der Text nicht allein deshalb fragwürdig, weil er in einer Leere von über dreihundert Jahren einsam steht. Merkwürdiger mutet an, dass ein solcher jüdischer Handel bis nach Indien von niemandem bestritten wird und mit erstklassigen Originalbriefen etwa des Abraham Ben Yiju aus der Kairoer Geniza formidabel belegt ist [Goitein 1987, 449 ff.]. Allerdings findet dieser Handel im 12. Jh. und nicht im 9. Jh. statt [s.a. Goitein 1973; 2001, 416 ff.]. Es spricht wenig dagegen, ihn bereits im 11. Jh. beginnen zu lassen und über diesen Weg auch ein annäherndes Datum für Ibn Chordadbeh zu gewinnen, aber noch weiter zurück kommt man nun einmal nicht.

Andere Historiker nehmen das peinigende quellenmäßige Hängenbleiben im 11. Jh. fast mit Triumph zur Kenntnis. Für die frühere Zeit bleiben eben doch Berichte aus zweiter und dritter Hand entscheidend. Die imponierenden und gewiss unvergleichlichen jüdischen Quellen hülfen ja nun ebenfalls dort nicht weiter, wo man nun wirklich dringend und so ungemein lange schon komplette Jahrhunderte der christlichen Chronologie endlich füllen müsse. So resümiert etwa Barbara M. Kreutz, die für Süditalien die Standardarbeit zum frühen Mittelalter vorgelegt hat:

„Goitein’s Studien der Dokumente aus der Kairo Geniza haben unsere Kenntnis des mittelalterlichen Mittelmeergebietes gewiß unermeßlich erweitert. Allerdings – und bedauerlicherweise – enthalten diese Dokumente keine Informationen zum Süditalienhandel vor dem 11. Jahrhundert“ [Kreutz 1991, 184, Anm. 53].

Dass auch niemand sonst Originaldokumente für die Zeit vom 7. bis zur der Mitte des 10. Jhs. vorzeigen kann, wird nicht einen Augenblick zum Anlass für das Nachdenken über die Konsistenz der Chronologie selbst. Wenn für die frühmittelalterliche Zeit sogar jüdische Quellen fehlen, die ansonsten am allerreichsten fließen und sowohl vorher und nachher gegenüber der Seltenheit christlicher Quellen den entscheidenden Ausgleich bieten, dann stehen wir vor einem massiven Enigma. Darüber sollte ein Mediävist ins Sinnieren kommen können. Aber eben das passiert nicht oder wird zumindest nicht publik gemacht. Einmal mehr ist die von außen vorgegebene Chronologie absolut heilig, während die Quellenlage, auf welche die Historiker eigentlich pochen müssten, nachrangig gemacht wird.

VI. Syrakus und seine repetitiven Kaiserstadt-Karrieren im byzantinischen Reich des frühen Mittelalters

In der dunklen Epoche des 7., 8. und 9. Jhs. überrascht Siziliens Langzeitmetropole Syrakus, die erst unter den Arabern durch Palermo ersetzt wird, durch wiederholte Auftritte als Hauptstadt des Römisch-byzantischen Kaiserreiches. Archäologische Überreste in der ungemein intensiv ergrabenen Stadt haben sich für diese Periode nicht gefunden. Im Eingangsbreich der Galleria Regionale di Palazzo Bellomo werden zwar ein paar Säulchenreste für das 8. und 9. Jh. reserviert, aber es wird ausdrücklich betont, dass es sich dabei um bloße Zuschreibungen handele. Die Stücke sind von gleich daneben gezeigten des 10. und 11. Jhs. nämlich ununterscheidbar. An das 7. Jh., in dem Syrakus kaiserliche Metropole des oströmischen Reiches gewesen sein soll, werden Funde nicht einmal attribuiert. Hier gilt für die Stadt, die insgesamt ja bis 831 die erste Siziliens gewesen sein soll, absolute Fehlanzeige. Archäologische Schichten für alle drei frühmittelalterlichen Jahrhunderte werden ohnehin von niemandem behauptet.

Syrakus als viermalige Kaiserstadt des frühen Mittelalters
[Ahmad 1975, 1-29; Rill 2000, 9-64]

663-668 Syrakus erstmals Reichshauptstadt unter Constanz II.
715 Syrakus unter einem Tiberios gegen einen dritten Leo zum zweiten Mal Reichshauptstadt
781/82 Syrakus wird von Elpidius, einem reichen Kaufmann, zum dritten Mal zur Reichshauptstadt gemacht. Die Araber erkennen ihn an und nehmen ihn nach einer Niederlage gegen die Byzantiner auf.
825 Eufemius (auch Euthymius), ein reicher Kaufmann aus Syrakus, bietet den Arabern die Gefolgschaft Siziliens, wenn sie ihn im Gegenzug als Kaiser anerkennen.

Bei den letzten beiden Kaisergeschichten von 781 und 825 sieht es schon auf den ersten Blick nach der beliebten Mehrfachverwendung ein und desselben Stoffes zur Füllung des 8. und 9. Jhs. aus. Da muss nicht einmal Fälschungsabsicht im Spiel gewesen sein. Nachdem die vorgegebenen Jahrhunderte einmal geglaubt waren, sind eben in verschiedenen Überlieferungen vorliegende Varianten derselben Story chronologisch hintereinander geschaltet worden.

Die ersten beiden Kaisertümer dürften tödliche Rivalitäten gegen oder auch in Konstantinopel reflektieren, die typischerweise – wenn nicht zum Tod – so doch mindestens zur Flucht der Putschisten geführt hat. Noch im Juni 1185 versucht ja der Normanne Wilhelm II. eine Eroberung Konstantinopels von Sizilien her und wird allein deshalb nicht Kaiser, weil sich seine Armee vor den Toren der Stadt geschlagen geben muss. Da gibt es also echten historischen Stoff für Projektionen in die Vergangenheit.

VII. Schlussfolgerung

Warum gibt es nicht längst eine Widerlegung der nunmehr ein Dutzend Jahre alte These von 300 frühmittelalterlichen Phantomjahren [Illig 1998; 1999] von der geschichtsreichsten Insel der Welt, also von Sizilien her? Weil dieses nicht einfach fallen könnte! Denn auch dort wird dieselbe archäologische Leere angetroffen wie in der übrigen Welt. Die für die nackten Jahrhunderte in Einsatz gebrachten Erzählungen und Sagen stellen zum Teil Mehrfachverwendungen realer historischer Stoffe aus der Zeit nach dem 9. oder vor dem 7. Jh. dar. Ein positiver Beweis für die drei Jahrhunderte auf der Basis Siziliens hat bisher mit nicht überwindbaren Schwierigkeiten zu kämpfen.

Literatur

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4 Kommentare zu “Sizilien und seine frühmittelalterliche Fundlücke”
1
ao sagt:
12. Januar 2008 um 20:24

Ach hätten Traudl Bünger und Roger Willemsen doch nur ein bisschen besser für ihre “Weltgeschichte der Lüge” recherchiert … dann wäre aus Heribert nicht Herbert geworden, der Doktor der Germanistik wäre nicht durchgerutscht und vielleicht hätte man nun nicht gerade Sizilien als Gegenbeispiel zur Fantomzeitthese gewählt …

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neukum sagt:
26. Januar 2008 um 11:30

Die Chronologie der arabischen Eroberung Siziliens ist ein guter Beleg für die (297 Jahre)Fantomzeithypothese. Dies gilt auch für die Historie der “arabischen” Eroberung der iberischen Halbinsel, die m.E. eine mit im wesentlichen mauretanisch-berberischer Hilfe unternommene Invasion u. Erhebung der seit Rekkared unterdrückten u. vertriebenen arianisch gebliebenen Goten war. Der Norden u. Osten der Halbinsel blieb unerobert, weil Sweben u. autochthone Kantabrer/Basken eben gerade keine Arianer waren u. deshalb sich dieser Invasion nicht anschlossen.

[...] Gunnar Heinsohn: Sizilien und seine frühmittelalterliche Fundlücke [...]

[...] frühmittelalterliche Fundarmut Gunnar Heinsohn so nachdrücklich in Erinnerung gebracht hat (Sizilien und seine frühmittelalterliche Fundlücke). Pausenlos wurde Korsika von den Sarazenen angegriffen, jahrhundertelang gegen sie verteidigt. [...]

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31. August 2007                     Kategorie(n): Artikel aus den ZS, Fantomzeit, Zeitensprünge

eingestellt von: admin

St. Pantaleon – vier Rekorde fürs Guinness. Sven Schütte als karolingischer Lückenbüßer

Eine Kritik durch Heribert Illig  (aus Zeitensprünge 2/2007)

Vorspiel

St. Pantaleon gehört zu den 29 romanischen Kirchen Kölns, die von dem zuständigen Förderverein betreut werden. Sie bekam nun ein eigenes Buch aus der Reihe Colonia romanica zugeeignet, dem wir uns im Weiteren zuwenden wollen. Das zugehörige Klostergebäude wurde von der Forschergruppe nicht behandelt, aber Fried Mühlberg bemerkt als einstiger Kölner Stadtkonservator in seinem Eröffnungsbeitrag:

„Überkommen ist eine sechsachsige Bogenstellung aus vier Kalksteinsäulen mit attischen Basen und Pilzkapitellen aus Tuffstein und zwei angeschnittenen Pfeilern auf einer Brüstung sowie von einem Mittelpfeiler zwischen engen Durchlässen. Die Arkatur gibt einen Abschnitt der Westwand des östlichen Kreuzgangflügels wieder mit zweifachem Durchgang in den Kreuzganghof. Ein Relikt aus dem mittleren 10. Jahrhundert, bietet sie [sic] das älteste repräsentative Zeugnis abendländischer Klosterarchitektur“ [Mühlberg 15; Hvhg. H.I.].

Die Klostergründung, übrigens die erste in Köln und somit „merkwürdig spät“ aus Sicht von Mühlberg [13], fand 964 unter Erzbischof Bruno statt, der schon eineinhalb Jahre später starb (953–965). In seinem Testament hat er für die Vollendung der Klostergebäude noch einen Geldbetrag angesetzt; sie waren also keineswegs fertig gestellt. Die Fertigstellung von Kirche und Kloster bleibt umstritten, aber immerhin ist klar geworden, dass wir mit gutem Gewissen dieses „älteste repräsentative Zeugnis abendländischen Klosterarchitektur“ nicht vor 964 ansetzen können.

Nun gibt es genaue Zahlen darüber, wie viele Klosterbauten des Frankenreiches in alten Schriftstücken benannt worden sind:

Zwischen 476 und 855 exakt 1.254 Klöster, davon
zwischen 768 und 855 immerhin 417 Klöster [A. Mann lt. Illig 1996, 205, 208].

Da sind also in Mitteleuropa über eintausendzweihundert Klöster spurlos verschwunden, obwohl die vielfältige Klosterlandschaft bereits 802 eine reichsweite Festlegung auf die Benediktregel notwendig gemacht haben soll [Schieffer 97]. Und doch hätte nur eine winzige Anzahl spärliche Spuren hinterlassen – etwa zwei dem 8. Jh. zugeschriebene Kapitelle in der Tegernseer Klosterkirche, die nach 1040 eingemauert worden sein dürften [Illig/Anwander 289].

Aber erst deutlich nach dem berühmten Sieg über die Ungarn, 955, gibt es im deutsch werdenden Reich einen vorzeigbaren, einen repräsentativen Klosterrest!

Das ist die für Karl und Konsorten vernichtende Bestandsaufnahme der Architekturhistoriker. 1994 gab ich meinem Karlsbuch den Untertitel Bauten, Funde und Schriften im Widerstreit. Damals ist das bis heute heftig bestrittene Dilemma ans Licht gezerrt worden; es wird sich weder dadurch beheben lassen, möglichst schnell Kunstwerke zu karolingisieren, noch dadurch, verstärkt die Richtigkeit schriftlicher Überlieferung, insbesondere der astronomischen Zeugnisse zu bestätigen, wie das nach Ulrich Voigt nun Ronald Starke im Berliner Geschichtssalon getan hat. Es wird sich kein Ausweg aus diesem Dilemma zeigen, wenn einmal mehr nur die Schriften beschworen, Bauten und Bodenfunde jedoch ignoriert und keine übergreifenden Lösungen gesucht werden.

Zwiespalt

Seit Jahrzehnten wird darum gestritten, wann in Köln Bau VII des Doms und Bau I von St. Pantaleon errichtet worden sind: in karolingischer oder ottonischer Zeit! Mittlerweile ist St. Pantaleon, das unter den Kölner Kirchen als Grablege von Kaiserin Theophanu herausragt, neuerlich geprüft worden: nicht mit weiteren Ausgrabungen, sondern mit Sichtung älterer Grabungen, Vermessung aller Steine und Studium der Unterlagen aller einschlägigen archäologischen Untersuchungen. Der Mühe unterzogen haben sich Marianne Gechter, Dorothea Hochkirchen und der uns gut bekannte Sven Schütte (s. Abgesang), die zusammen mit Studenten bis zu sechs Jahre Forschung aufgewendet haben [vgl. Ilig 2006, 159]. Die Ergebnisse sind bereits im November 2005 bei einem Kolloquium vorgestellt worden [ebd.]. Die Drucklegung der Beiträge dauerte jedoch nicht, wie angekündigt bis April 2006, sondern bis Mai 2007, so dass erst jetzt die Sichtungsergebnisse gewürdigt werden können.

Vorab hören wir zunächst eine überparteiliche Stimme, die von Dagmar v. Schönfeld de Reyes, 1999 in ihrer Dissertation [=SdR 179]:

„Aufgrund von Grabungen und Bauuntersuchungen [...; sind] nach jüngstem Forschungsstand verschiedene Bauperioden zu unterscheiden. In der Differenzierung der Bauphasen wird hier der überzeugenderen Darstellung [von H. Fußbroich 1980, 1983, 1984; ...] gefolgt und die weitgehend isoliert stehende Gegenauffassung des Ausgräbers [F. Mühlberg 1960, 1982, 1989, 1993; Ersatz von Literaturnummern durch Publikationsjahreszahlen durch H.I.] lediglich angemerkt. Der Forschungsstreit um die Datierung der verschiedenen Bauphasen hält an.“

Für die Westbau-Spezialistin waren folgende Kirchenbauphasen sichtbar:

  • Von dem für 866 erwähnten Bau „nichts erhalten“ [SdR 179];
  • Erste durch Befunde belegte Bauphase (Bau I) wird auf eine Kirchweih von 980 bezogen, ihre Anfänge bei 964 gesehen (s.o.);
  • Bau II ebenfalls ottonisch, doch mangels Schriftnennung nicht genau datierbar; derzeit zwischen 984 und 1002 gesehen [SdR 181].

Neuerliche Parteinahme im Datierungsstreit

Im Hauptbeitrag des aktuell erschienenen Buches stellt Schütte [= S.] eine Bauphasenabfolge vor, die die bisherigen zwei Phasen mehr als vervierfacht. Er selbst verwendet dabei – vielleicht in Unkenntnis von Schönfelds Arbeit – unbeirrbar weiter den Begriff „Westwerk“:

Phase
0: Römisch: Römische Bebauung ab 1. Jh. [S. 83];
1: Römisch: „domus ecclesiae“. Bau ab ca. 250 [S. 89], Bestand circa 250 bis 350 [S. 89, 95];
2: Römisch: Ecclesia, ca. 370 [S. 92], „circa 250/60 bis mindestens Ende 7. Jahrhundert“ [S. 95]; recte: 350/60 !; tatsächlich bis ins 9. Jh. [lt. S. 99];
3: Merowingisch: Umbauten und Erweiterungen: Chor, Anbauten „um 700 bis in die erste Hälfte des 8. Jahrhunderts“ [S. 95];
4: Karolingisch: Erster Westbau (A) und Kirchenerweiterung nach Westen; 9. Jh. [S. 97], dann auch Erneuerung der noch aus Phase 2 stammenden Schiffswände [S. 100]. Ornamentsteine 1. Hälfte des 9. Jh., als Spolien eingemauert im ottonischen Westbau [S. 99];
5: Karolingisch: Kirchenerweiterung im Westen ebenfalls 9. Jh., passend zu einer Urkundennennung für 866 [S. 105];
6: Ottonisch: Umbau und zweiter Westbau (B) „966“ begonnen (gemäß Quellen für Erzbischof Bruno) [S. 111];
7: Ottonisch: Umbau des Westbaus von B zu C noch im 10. Jh. [S. 115];
8: Romanisch: Baumaßnahmen bis Ende des 12. Jh. [S. 130];
9: Romanisch: 13. Jh. [S. 134].

Römische Vorstufen (Phasen 0 und 1)

Bei der Vorstellung im November 2005 war für Schütte zentral:

„Der im Abendland einzigartige Nachweis lückenloser kirchlicher Nutzung eines Gebäudes glückte jetzt in sechsjähriger interdisziplinärer Forschung und verblüffte am Wochenende rund 50 Fachleute aus ganz Europa“ [Kölnische Rundschau vom 22.11.05; vgl. Illig 2006, 159].

Was ist hier Schütte gelungen? Nun, die Bestätigung der Meinung Fremersdorfs von 1950 bzw. 1956. Seit langem sind römische Fundamentreste unter St. Pantaleon bekannt. Fast ebenso lang ist gesehen worden, dass

„die heutige, stark von der vorgeschriebenen Ostung abweichende Orientierung (31°) der Kirche deckungsgleich mit dem Raster der römischen Bebauung ist. Da man jedoch die Baugeschichte der Kirche von der römischen Bebauung entkoppelte, wurde diesem Umstand nur geringe Bedeutung beigemessen. Ganz anders urteilte darüber der Archäologe Fritz Fremersdorf. Er äußerte als erster bereits sehr früh den Verdacht eines kontinuierlichen christlichen Kultes an dieser Stelle“ [S. 81].

So wurde lang ignorierter Sachverstand nach 50 Jahren doch noch in sein Recht gesetzt. Zwar sah ein Kenner wie Eugen Ewig den Sachverhalt 1954 ähnlich wie Fremersdorf [S. 82; Gechter 34 f.], doch Hugo Borger schüttete 1979 alte Einsicht so gut zu [S. 82], dass sie 1999 auch v. Schönfeld de Reyes nicht mehr bemerkt worden ist. Freilich ist die Nutzung eines Privathauses als „domus ecclesiae“ nicht direkt gelungen, sondern daraus abgeleitet worden, dass alle späteren Bauphasen die ‘verquere’ Ostung beibehalten haben, so mehrfach Schütte [82, 86 f.]. Der Schluss auf eine kirchenähnliche Nutzung erscheint richtig, wird aber überdehnt, wenn man sie dem römischen Haus sofort ab Erbauung unterstellt, wie es Schütte [87] tut. Aber so gewinnt er bis zu 100 Jahre spätantiker Nutzung als Kirchengebäude hinzu und dazu gegen viele andere Kirchen den ersten Guinnessbuchrekord:

„im Abendland einzigartige[r] Nachweis lückenloser kirchlicher Nutzung“ [vgl. Illig 2006, 159].

Kaum aber hat er die einstigen Meinungen von Fremersdorf oder Ewig wieder ins Recht gesetzt, übergeht er sie rücksichtslos, indem er eine nicht nachvollziehbare Trennung zwischen Bearbeitern, Ausgräbern und sonstigen Kunsthistoriker durchführt. Dadurch gewinnt Schütte [89] für sich eine weitere Priorität:

„Im Gegensatz zu allen bisherigen Bearbeitern sehe ich hier den Ausgangspunkt der Baugeschichte von St. Pantaleon, der prägend bis heute für die Architektur ist.“

Von wirklichem Interesse ist natürlich der Umstand, dass die starke Abweichung von der Ostrichtung vom römischen Straßenraster samt Bebauung herrührt, dem doch gemeinhin eine strikte Ausrichtung nach den vier Himmelsrichtungen nachgesagt wird. Der bekannteste Fall einer derartigen römischen Abweichung bildet das Gelände unterm Aachener Dom, der im Gegensatz zur älteren römischen Bebauung um rund 40° gedreht und sauber geostet ist [vgl. Plan bei Illig 1996, 221]. Dies erschwert die ansonsten gegebene Denkmöglichkeit römischen Ursprungs für dieses Acht- und Sechzehneck zusätzlich.

Spätantike Kirche (Phase 2)

Ab ca. 360 entsteht dann eine recht große, 31 x 15 m messende Saalkirche mit Rechteckchor, „soweit der Bau zu erschließen ist“, hat er doch „nur schwache Spuren hinterlassen“ [S. 91]. Trotzdem kann man laut Schütte „hier erstmals, also spätestens im 3. Viertel des 4. Jahrhunderts, gesichert von einem Kirchenbau in diesem Sinn sprechen“ [S. 92]. Der Bau war auf jeden Fall gut aufgeführt, müssen doch Teile des Schiffs „noch in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts aufrecht gestanden haben“ [S. 93]. Ob dies nicht sogar bis in die zweite Hälfte des 10. Jh. gegolten hat, will unten geprüft werden.

Merowingisch – Karolingisch – Ottonisch ? (Phase 3 bis 5)

Wir kommen nun in die seit mehr als 50 Jahren umstrittene Zeitzone: Ist St. Pantaleons Phase 4 karolingisch oder ottonisch. Westbauspezialistin v. Schönfeld hat noch 1999 [180] Bau I (Schüttes Phase 4) unmissverständlich als ottonisch eingestuft:

„Von einem 866 in den Schriftquellen erwähnten Bau, der vermutlich bischöfliche Eigenkirche war, nichts erhalten [...], Lokalisierung daher unmöglich. Eine erste, durch Befunde belegte Bauphase (=Bau I) wird auf eine quellenurkundlich überlieferte 980 geweihte Kirche bezogen“.

Sie bezweifelt also keineswegs die Urkunde von 866, findet aber wie Fußbroich kein Mauerwerk, das dem 9. Jh. zugerechnet werden könnte. Ganz anders Schütte, der gleich drei Bauphasen aus merowingischer und karolingischer Zeit vorweist. Er sieht (Phase 3) im frühen 8. Jh. einen Rechteckchor über einer Winkelgangkrypta entstehen, begleitet von zwei Annexen im Norden und Süden, woraus sich eine seltsam kurze Kirche ergibt. Beweis ist ihm ein zeitgenössischer Sarkophag mit merowingischen Scheibenfibeln, für den der vorhandene spätantike Estrich durchbrochen worden ist. Fußbroich hielt alle Bauteile für ottonisch – doch seine Einschätzung scheitert an diesem Befund [S. 95, 91].

Aus meiner Sicht muss nichts scheitern, da es einfach um mehr als nur zwei Bauphasen geht: Der fragliche Estrich (Plan-Nr. 901) ist keineswegs als Teil einer ottonischen Kirche zu sehen, sondern als Teil der spätantiken Kirche ab 360 (Fußbroichs Einschätzung stammt von 1983). Die Scheibenfibeln werden wie der Sarkophag „vermutlich“ der Zeit von 750 bis 800 zugeordnet, also der frühen Karolingerzeit [S. 96].

Doch eine karolingische Bestattung im linksrheinischen, längst christianisierten Köln dürfte keine derartigen Beigaben mehr enthalten. Ich sehe deshalb hier merowingische Bestattungen aus der Zeit vor 614, für die der spätantike Kirchenboden durchbrochen worden ist.

Zweites Argument von Schütte ist eine sehr schlecht erkennbare und ebenso schlecht dokumentierbare Winkelgangkrypta als Vorgängerin einer ottonischen Umgangskrypta [S. 94]. Fußbroich hat sie übergangen. Dafür zeigt v. Schönfeld de Reyes das ganze Pro und Contra der Diskussion um diese Winkelgangkrypta auf und kann sie ihrem ottonischen Bau zuordnen [SdR 180]. Obendrein konzediert selbst Schütte ein paar Seiten weiter, dass die alte Winkelgangkrypta erst in ottonischer Zeit zur Umgangskrypta umgebaut worden ist [S. 110], womit dieses sein zweites Argument entfällt.

Nachdem das antike Kirchenschiff für Schütte bis ins 9. Jh. hinein stand [S. 97], bleibt es für Phase 3 bei einem merowingischen Umbau im Chorbereich. Aus meiner Sicht bleibt dieser Umbau merowingisch, wenn auch vor 614, doch ihre Datierung durch Schütte ist ohnehin nicht jahrzehntgenau.

Der erste Westbau (Bau I / Phase 4)

Für eine umfangreiche Erweiterung werden dem spätantiken Kirchenschiff im Westen zwei Mauerzungen angebaut, an die sich der erste Westbau anschließt. In diesen Mauerverlängerungen sind Gerüsthölzer im Mauerwerk erhalten blieben.

„Dies bot die Möglichkeit einer Datierung mit AMS (einer 14C-Analyse). Die beiden untersuchten Hölzer erbrachten eine Datierung ins 9. Jahrhundert. Leider ist diese Zeit eine Plateauphase innerhalb der 14C-Kurve, so dass erst die Auswertung aller Gerüstholzbefunde eine präzisere Einordnung ermöglichen wird“ [S. 97].

In zugehörigen Fußnoten wird bedauert, dass die Datierungen innerhalb des 9. Jh. noch nicht präzisierbar seien, zumal auch ein „aussagekräftiges wiggle-matching“ noch nicht durchgeführt werden konnte. Deshalb behält Schütte [S. 101] die exakte naturwissenschaftliche Datierung „der zukünftigen monographischen Vorlage der Befunde” vor – Aufschub auf eine sehr lange Bank, wenn wir uns daran erinnern, dass Schütte bereit vor 7 (sieben) Jahren die weiterhin ausstehende Monographie über den Aachener Thron versprochen hat, in der ebenfalls die naturwissenschaftliche Datierung ihren Nachweis finden sollte.

Wie dem auch sei: Schütte sieht Übereinstimmung bei C14, bei von ihm ungenannten Befunden, bei der Keramik und bei bautechnischen Merkmalen, die allesamt für das 9. Jh. sprechen, womit der Streit ottonisch (Fußbroich) oder karolingisch (Mühlberg) zugunsten der Karolinger entschieden sei [S. 97]. Wir lassen diesen Befund einen Moment so stehen, bevor Schütte selbst bei Phase 6 ein wichtiges Gegenargument liefern wird.

Dafür sei an das große Kolloquium von 1984 erinnert: Es ging um den Kölner Dombau VII. Günther Binding plädierte zunächst für die Zeit von Erzbischof Bruno und damit für die Bauanfänge von St. Pantaleon I, das damals bereits auf 966–980 datiert wurde. Im Verlauf der Diskussion ließ sich Binding durch Urkundenhinweise von Rudolf Schieffer beeindrucken – der auch jetzt ein Kapitel für das Pantaleon-Buch beigesteuert hat – und akzeptierte eine vorbrunonische Bauzeit, die folglich vor 953 geendet hätte [Wolf 1996; vgl. Illig 2002, 147 f.]. Wenn Pantaleon I karolingisch wäre, müsste auch Dombau VII in die Zeit um 800 verbracht werden. Die Weichen dafür sind gestellt (s.u. sowie [H. 157]) Schütte braucht auch deshalb eine karolingische Kirche, weil er Aufstellungsplatz für seine „karolingischen“ Plastiken reklamiert [S. 98] – ein Scheinargument, wie sich unten zeigen wird. Zudem erhielt die karolingische Kirche in Schüttes Rekonstruktion ein von ihm sog. Westwerk, das dem von Corvey ausgesprochen nachempfunden ist, obwohl dieses doch noch später angesetzt wird als jenes. Das war einfach, da sich der Mittelturm (samt zweier Treppentürme) ‘zwingend’ um ein Detail ergänzen ließ:

„Im Westen schloss sich vermutlich ein kleiner rechteckiger Vorbau in der Mitte der Fassade ähnlich wie in Corvey an. Die Modellrekonstruktion zeigt entsprechend karolingische Formen“, nicht mehr ottonische wie noch bei Arnold Wolff [S. 98; Hvhg. H.I.].

In den heute stehenden, unstrittig nachkarolingisch umgestalteten Westbau sind „karolingische“ Quader eingefügt, deren Ornamente ursprünglich zu einer friesartigen Dekoration gehört haben könnten. Schütte ‘türkt’ dafür eine Datierungsbestätigung:

„Die Ornamente selbst sind durch gute Parallelen in Italien und nördlich der Alpen, sowohl in Reliefs als auch auf Wandmalerei, recht gut in die erste Hälfte des 9. Jahrhunderts zu setzen.“ [S. 99]

„Gute Parallelen in Italien: s. Il Futuro dei Langobardi. L’Italia e la costruzione dell’Europa di Carlo Magno. Ausst. Kat. 2000, S. 264, Cat. 159 mit Abb.“ [zu S. 99 gehörige Fn. 13 auf S. 101].

Wir schlagen in diesem Ausstellungskatalog von Brescia nach, dessen – von Schütte falsch geschriebener – Titel wunderbar doppeldeutig ist: Italien und die Konstruktion des Europa von Karl d. Gr. und finden tatsächlich ein vergleichbares Ornament mit Rautenmuster, das der Kirche Santa Maria a Gazzo Veronese entstammt. Allerdings wird es gleich zweimal [Bertelli/Brogiolo 264, 268], auf „metà dell’VIII secolo“ datiert und in dieser Zeitposition zusätzlich durch zwei Vergleichsstücke gestützt – also auf ungefähr 750 und damit präzis 100 Jahre älter, als Schütte fälschenderweise vorgibt, weil er es dringend im 9. Jh. braucht. Ein lachhaftes Argument, weil niemand besser als Schütte weiß, dass ‘sein’ Karl die Langobarden 774 so unterworfen hätte, dass danach keine langobardische Kunst mehr verzeichnet wird. Dieses Volk kann ihm beim besten Willen keinen Stein aus der Mitte des 9. Jh. liefern.

Wer vorgefundene Daten einfach manipuliert, schreckt auch vor anderen Widersprüchen nicht zurück. So befindet Schütte zu diesen Ornamentsteinen, dass sie „ohne jeden Zweifel dort sekundär angebracht worden“ sind [S. 99; Hvhg. H.I.], um dann in der zugehörigen Fußnote 10 mitzuteilen, dass sehr wohl Zweifel geäußert worden sind: „Brigitte Kaelble vertritt in diesem Band eine gegenteilige Meinung, die ich nicht teile“ [S. 101]. So einfach ist das: Wenn Schütte nicht zweifelt, dann gibt es überhaupt keinen Zweifel! Kaelbles Meinung ist allerdings für Schütte schwer goutierbar, verweist sie doch die ornamentierten Quader jener Werkstatt zu, „deren Tätigkeit gegen Ende des 10. Jahrhunderts am Westwerk ihren Abschluss fand“ [Kaelble 208], zumal eines der Ornamente noch gar nicht abschließend bearbeitet worden ist [ebd.]! So muss Schütte mit Einschätzungen leben, die er unbedingt bannen wollte: Die tatsächlich gut vergleichbaren Ornamentsteine werden um 750, um 850 wie auch um 980 eingeordnet, als langobardisch, karolingisch oder ottonisch! Auf solchen Scheinfüßchen ruht die Karolingisierung des ersten Westbaus von St. Pantaleon …

Die Erweiterung der Kirche im Westen, Phase 5

Einer Phase 5 werden von Schütte Bauteile westlich des Westbaus zugeordnet. Sie ist allerdings nur eine Pseudophase, weil sie „nicht unbedingt chronologisch begründet ist“ [S. 102] und steht somit im Widerspruch zu allen anderen Phasen. Offensichtlich sollte die Merowinger-/Karolingerzeit gleich drei Phasen erhalten, um sie eindrucksvoller zu belegen. Insofern ist diese Phase 5 ein Teil von Schüttes Phase 4; es wird sich abzeichnen, dass zumindest Teile zu Phase 3 gehören.

Seit den 50er Jahren kennt man westlich des Westbaus einen Zentralbau, dessen Grundriss in Form eines Kreuzkonchenoktogons laut Mühlberg „ spätantiken Baptisterien glich“ [S. 103]. Gleichwohl ist der ungefähr 12 m in Länge und Breite messende Bau von Fußbroich als ottonisches Mausoleum für Erzbischof Bruno gesehen worden. Dem widerspricht Schütte [S. 105] zu Recht. Warum aber wäre dieser Bau wie die gesamte Pseudophase 5 karolingisch?

In ottonischer Zeit angelegte Gräber oberhalb seiner Fundamente schließen bereits Fußbroichs ottonischen Bau aus. In den entscheidenden Schichten wurde fast ausschließlich „karolingische“ Keramik gefunden: Waren mit Rollstempelverzierung „sowie frühe Badorfer Amphoren mit Bandauflagen machen dies genauso deutlich wie ein Glasfragment, das noch in merowingischer Tradition steht“ [S. 105].

Wir erinnern uns, dass Badorfer Keramik keineswegs automatisch für Karolingerzeit spricht, sondern nur dank entsprechender Fundgruppierung [Niemitz]. Und die zum Vergleich herangezogenen norditalienischen Baptisterien aus Novara, Como und Lomello sind spätantik [S. 105], auf jeden Fall nicht karolingisch, wie Schütte extra in einer Fußnote klarstellt:

„Fried Mühlberg hingegen erkannte, dass sämtliche Parallelen des Bauwerks Baptisterien waren, die auch noch zeitlich früher anzusetzen waren“ [S. 108].

Lomello wird ins 7. Jh. datiert, Novara ins 5. Jh., Como ins 4./5. Jh., das vergleichbare Kreuzkonchenoktogon von Albenga ebenfalls ins 5. Jh., das ganz ähnlich geformte Baptisterium der Arianer zu Ravenna auf Ende 5./Anfang 6. Jh. – da liegt der Schluss nahe, dass in Köln ein Baptisterium des 6. oder gar des 5. Jh. gefunden worden sein könnte (dieser Schluss ist nicht aufregend, weil für Kölns Alten Dom gleichfalls ein Baptisterium des 6. Jh. nachgewiesen ist [wikipedia]). Nachdem St. Pantaleon ab 360 als Kirchenbau besteht und dann 340 Jahre lang – trotz rasch fortschreitender Christianisierung – ohne Ausbau oder Umbau geblieben sein soll, ließe sich mit Fug und Recht auf einen ergänzenden Merowingerbau schließen, zumal die Mauern zwischen Kirche und Baptisterium erhofft, nicht nachgewiesen sind (s.u.). Das dort gefundene Glasfragment in merowingischer Tradition (s.o.) kann diese Umdatierung nur stützen. So hätten wir hier eine dritte Möglichkeit: nach Fußbroichs und v. Schönfelds ottonischem Zentralbau aus der Zeit nach 965 [SdR 101] und Schüttes karolingischem Baptisterium aus dem 9. Jh. jetzt ein merowingisches Baptisterium vor 614!

Schüttes Pläne zeigen das Baptisterium eingebunden in vier lange Mauern, die er als Fundamente zweier Atrien östlich und westlich des Baptisteriums interpretiert, ganz im Westen mit einem Stirnbau abgeschlossen. So schön die Pläne sind, so zeigen ihre feinen Strichelungen, dass die Verbindungsmauern zwischen Westbau und Baptisterium reine Mutmaßung sind und dass westlich des Baptisteriums nur zwei kurze Mauern die Richtung weisen. Von dem vermuteten und bereits eingezeichneten Torbau fehlt noch jede Spur [S. 105, 108]. Gleichwohl konnte Schütte [S. 68 f.] der Versuchung nicht widerstehen, diesen über 60 m langen Trakt genauso einzufärben wie die nachgewiesenen Bauteile der Kirche und ihm damit voreilig Realität zu verleihen.

Trotz zweifelhafter Datierung und viel Phantasie auf Papier weiß Schütte über sein karolingisches St. Pantaleon zu berichten:

„Dieser Bau ist keineswegs bescheiden, sondern stellt ein bedeutendes Bauensemble der Karolingerzeit dar, das in Köln, soweit wir bisher wissen, nur vom Dom übertroffen wurde“ [S. 105 f.].

Die zugehörige, nach „Karolingerzeit“ gesetzte Fußnote 8 ist in seiner Formulierung höchst elegant und ähnlich einzuschätzen wie etwa der Begriff ‚Nullwachstum‘:

„Der archäologische Forschungsstand in Köln für die Karolingerzeit ist derzeit noch defizitär“ [S. 108].

Genau so ist es, trotz der Riesengrabung am Heumarkt, trotz der Ausgrabung am Quartermarkt und trotz der laufenden U-Bahn-Ausschachtungen in der Altstadt! „Noch defizitär“ – was für ein Euphemismus.

Ohne ein karolingisches St. Pantaleon wäre das frühmittelalterliche Köln geradezu hochdefizitär. Gleichwohl kommt es Schütte gar nicht in den Sinn, Kölns dark age im frühen Mittelalter bestätigen. Er sieht dagegen zwei kleinere dark ages: das erste in der Völkerwanderungszeit; der Begriff

„lässt sich sehr gut auch für die [knapp fünf; S. 107] Jahrzehnte nach dem Wikingereinfall 881 in Köln verwenden. Besonders irreguläre Bestattungen im Stadtgebiet und ausgedehnte Schichten von Humus deuten auf einen Bevölkerungsrückgang und sehr schwierige Zeiten hin“ [S. 108].

Westbau II (Phase 6)

Weil die schriftlichen Quellen zwischen 866 und 955 für St. Pantaleon schweigen, ist glücklicherweise niemand auf die Idee gekommen, den zweiten Westbau auch noch den Karolingern zuzuschlagen. Er war erheblich breiter und tiefer als der frühere; außerdem wurde er 9,20 m weiter westlich errichtet. Deshalb musste er mit dem bisherigen, laut Schütte karolingischen, doch eigentlich spätantikem Langhaus verbunden werden:

„Man errichtete die Längsschiffwände im Stil der Karolingerzeit und führte sie nach Westen im Bereich des ehemaligen Westwerks A weiter, wobei man sowohl die äußere, als auch die innere Gliederung mit Doppellisenen unverändert übernahm. Das spricht dafür, dass man sich der Tradition des Ortes bewusst war“ [S. 111; Hvhg. H.I.].

Dieser unterstellte Traditionsgeist führte sogar dazu, dass für den neuen Chorraum „die Lisenengliederung der Innenwände“ übernommen worden ist [S. 110]. Dabei tritt dieses architektonische Gliederungselement – schwach hervortretende Wandverstärkungen respektive schmale, der Wand ohne Basis und Kapitell vorgelagerte Pfeiler – nach Wikipedia-Meinung erst am ersten Speyrer Bau auf, also ab 1030 [wikipedia – Lisene]. Das ist veraltete Ansicht, treten sie doch tatsächlich etwas früher auf, beispielsweise auch an dem nach 965 begonnenen, aber längst zerstörten Westbau von St. Patrokli in Soest [SdR 101]. Da aber von karolingischen Lisenen noch nirgends die Rede war, fährt Schütte mit ihnen den zweiten Guinnessbuchrekord ein. Er selbst zögert mit der Verkündung dieses Rekordes, weil er genau weiß, dass sein Wandschmuck eher 150 als 100 Jahre zu früh kommt. In seiner Not nennt er zwei Mailänder Vergleichskirchen, doch beide mit spätantikem Ursprung [S. 100, 102].

Stoßen wir dank Schütte obendrein auf den frühesten Bau Deutschlands, der bewusst in einem älteren Stil ausgeführt worden wäre? Hätte die Ottonik den karolingischen Rinascita-Gedanken unverändert weitergetragen? Der Gedanke erscheint abwegig, wenn man an Glastonbury und seine Architekturfälschungen des 12./13. Jh. denkt [Illig 2006], denn sie wurden aus einer ganz anderen Geisteshaltung heraus viel später produziert. Aber wir kennen bereits zwei, drei französische Beispiele für Karolingerkopien in späterer Zeit [Illig 1996, 301], doch sie sind demselben Denkfehler geschuldet, den Schütte hier begeht. Es gibt dafür also keinen weiteren Guinnessbuchrekord.

Nachdem also die Lisenen-Gestaltung eindeutig nachkarolingisch ist, halten wir uns besser an die Vertreter der ottonisch orientierten Vor-Schütte- Zeit. D. v. Schönfeld bezieht das Testament von Bruno (964) und das urkundliche Weihedatum 980 auf den ersten Westbau, wobei sie betont, dass im Langschiff (heute im Dachraum) die

„noch sichtbaren Außenwände durch etwa 1,50 m breite, gestufte Lisenen gegliedert [sind]. An Innenwänden schmalere, nicht gestufte Lisenen durch einfache Blendbögen verbunden“ [SdR 180].

Das ist Schüttes karolingische Phase 4. In der nachfolgenden Phase 6 stimmt v. Schönfeld mit Schütte überein:

„Im Westen angefügte, den Saal um 9,22 m verlängernde Seitenwände weisen breitere Fundamentierung auf [...]; ihre aufgehenden Teile zeigen innen und außen dieselbe Gliederung wie ältere Saalwände [...] Aufgehendes der Apsis zeigt innen in Mauerwerk eingebundene Wandpfeiler, außen Reste einer zweizonigen Pilaster-Lisenen-Gliederung“ [SdR 181].

Gerade, weil die Phasen 4 und 6 in der Gestaltung so ähnlich sind, konnte v. Schönfeld für zwei ottonische Bauwerke in rascher Folge plädieren, obwohl sie durch die Urkunden nur ungenügend gestützt wird. Zwar hat sie für Bau I das Weihedatum 980, doch der zweite Bau bleibt ohne urkundliche Nennung, was allerdings auch bei anderen, größeren Kirchenbauten des Mittelalters zutrifft [Illig 1996, 289 f.]. Seit Fußbroich wird angenommen, dass die Schenkung der Albinus-Reliquien durch Kaiserin Theophanu, die für 984 angenommen wird, „erneut Bauaktivitäten ausgelöst hat“ [SdR 101].

„Aufgrund dieser Anhaltspunkte wird eine Entstehung von Bau II nach 984 erwogen und seine Fertigstellung um die Jahrtausendwende vermutet“ [SdR 102].

In der Literatur werden dazu die Vollendungsdaten 996 oder 1002 genannt [ebd.]. Notabene: Es versteht sich,

„daß der hier diskutierte zweite Westbau von St. Pantaleon in Köln in der Forschungsliteratur einstimmig als ‚Reduktion‘ des Corveyer Bauprogrammes beurteilt wird. Dabei wird neben weiteren Aspekten besonders der ‚Verzicht‘ auf ein gewölbtes, stützendurchstelltes Erdgeschoss hervorgehoben“ [SdR 104].

Gerhard Anwander [2007] hat im letzten Heft klargestellt, dass all diese Reduktionen, Amputationen, Degenerationen sich erledigen, wenn das „karolingische Westwerk“ aus der Kunstgeschichte verschwindet.

Änderung der Bauweise

Unser Interesse gilt seit Aachen dem bei mittelalterlichen Bauten verwendeten Mörtel. Das Lapidarium von St. Pantaleon bewahrt Reste eines Mosaik-Fußbodens, der mit zum Teil antiken Steinen in opus sectile-Technik ausgeführt worden ist und Reparaturen zeigt. Weil sie „im Gegensatz zum älteren, grauen Verlegemörtel mit rotem Ziegelsplittmörtel ausgeführt sind“, geben sie für Schütte einen deutlichen Hinweis auf eine „karolingische” Reparaturphase [S. 100]. Wir wissen, dass in Aachens Pfalzkapelle derselbe Mörtel gefunden worden ist, ebenso beim Bau VII des Kölner Doms [vgl. Illig 2002]. Gerade dort zeigte es sich, dass alle noch erhaltenen Mauern anfangs in grauem Kalkmörtel und erst dann in Ziegelsplittmörtel hochgezogen worden sind, wobei der rote Mörtel nicht in gleicher Höhe bei allen Mauern einsetzt [Illig 2002, 148]. Je nach Datierungsvorgabe kann also der rote Mörtel Signalgeber für Karolinger oder Ottonen sein.

Bei dem Mosaik-Boden konnte Schütte nicht davon ausgehen, dass ihn noch die Römer repariert hätten. Er hätte den roten Mörtel gerne als „karolingisch“ eingestuft, aber kennt die Grenzen des Mörtels:

„Mit Ziegelsplittmörtel allein lässt sich indes keine Datierung begründen, da dieser selbst noch in salischer Zeit vorkommt, doch ist im hiesigen Kontext diese Mörtelart wohl auf die Karolingerzeit beschränkt, wo er [recte: sie] sehr punktuell neben anderen (ziegelsplittfreien Mörteln) Verwendung fand” [S. 102].

Nachdem ich das Aachener Oktogon der Salierzeit zugewiesen habe [Illig 1996, 298], braucht es nicht zu verwundern, dass dort roter Mörtel gefunden worden ist. Warum die Karolinger die beste Mörtelart nur punktuell verwendet hätten, erklärt sich u.a. daraus, dass Bauten aus ganz unterschiedlichen Zeiten den Karolingern zugeschrieben worden sind.

Als die Langschiffwände für den neuen, in jedem Fall ottonischen Westbau B verlängert wurden, hat man zwar – sicher aus Ehrfurcht, nicht aus Einfallslosigkeit! – im karolingischen Stil weitergebaut, aber drei Änderungen vorgenommen. Zunächst wurde ein anderer Mörtel benutzt – doch Schütte [111] verrät nicht, von wo nach wo gewechselt worden ist. Zweitens wurden andere Steinformate verwendet, mit denen „deutlich exakter“ als mit den karolingischen gearbeitet wurde [S. 111]. Dies ist einer der wenigen Hinweise darauf, dass die karolingische Kunst der ottonischen unterlegen gewesen sein könnte. Ansonsten legt Schütte stets Wert darauf, dass die Karolinger obsie gen. So mag der neue Westbau viel größer ausgefallen sein, doch der ältere „war allerdings deutlich feiner gegliedert“ [S. 114]. Auch die noch anzusprechenden karolingischen Plastikreste standen qualitativ weit über den ottonischen…

Drittens kam nun eine abweichende Gerüsttechnik zum Einsatz. Während die älteren Mauer regelmäßige Reihen von Gerüstlöchern für Rundhölzer von ca. 10 cm Stärke aufweisen, benötigt die spätere Phase keine Gerüstlöcher mehr [S. 113 f.], weshalb es für sie mangels abgesägter Gerüstreste auch keine C14-Datierungen mehr gibt. Nachdem die Lisenen-Gliederung am Speyrer Dom im Zusammenhang mit dem Einsatz oberitalienischer Handwerker (Comasken) gesehen wird, ließe sich daran denken, dass ihr Auftreten bereits vor 1000 erfolgt ist [vgl. Illig 1996, 455].

Folgephasen

Ein letzte Diskrepanz ergibt sich dadurch, dass Schütte noch einen Umbau des zweiten zum dritten Westbau beschreibt, der noch innerhalb des 10. Jh. stattgefunden haben soll, wobei der Westbau außen mit Lisenen, Pilastern und Bogenfriesen gegliedert wird. Schütte sieht eine Umgestaltung des Westbaus zu einem Memorialbau der Kaiserin, der noch vor ihrem Tod (991) abgeschlossen worden sein soll [S. 115 f., 127 f.]. D. v. Schönfeld nennt diesen Umbau nicht; bei ihr müsste er im 11. Jh. erfolgt sein, doch wirkt Schüttes Nachweis – verschiedene separate Eingriffe – ohnehin nicht zwingend. Bereits im 12. Jh. sei dann dieses einmalige Beispiel eines überhöhten Kaiser(innen)grabs vom Kirchenschiff abgetrennt worden, so dass der Memorialbau nicht mehr zu erkennen war. Obendrein wurde die Grablege der Theophanu versetzt [S. 128 f.]. Die Zeit der Ottonen war längst vorüber.

Einigkeit besteht darin, dass das Kirchenschiff nach 1000 weiterhin in der von Schütte als karolingisch, von den Kennern als ottonisch gesehenen Wandgliederung besteht. Erst im 12. Jh. werden Seitenschiffe angebaut und Verbindungsarkaden zum Mittelschiff gebrochen. Außerdem werden Kreuzgang und Konventgebäude neu errichtet; nur „das älteste repräsentative Zeugnis abendländischer Klosterarchitektur“ mit seinen sechs ottonischen Bögen bleibt erhalten [S. 130 f.]. Damals wird der Kreuzgang mit „antikem ‚Wasserleitungsmarmor‘“ gepflastert [S. 133]. Schütte meint hier wohl Kalksinter aus den römischen Wasserleitungen, die nach ihrem Verfall demontiert und wiederverwendet worden sind. Dieser Kalksinter ist in vielen Kirchen Kölns benutzt, aber auch exportiert worden. Wir sind ihm in St. Georg zu Köln begegnet, wo er in einer hochromanischen Kirche dafür zeugt, dass Fomenkos Ideen unvereinbar sind mit den materiellen Befunden [vgl. Illig 1997; 2007].

„Ottonische“ Bauplastik

Wir haben gehört, dass laut Schütte noch im 10. Jh., noch vor Theophanus Tod der Westbau neuerlich umgeformt worden sei. Die untypisch große Vorhalle des Westbaus wurde im 18. Jh. abgebrochen; deshalb muss sie mühsam aus Skulpturenresten, Bildvorlagen und archäologischen Indizien rekonstruiert werden. Vorgelegt wird von Schütte [S. 118] eine Fassadenrekonstruktion, die im ersten Geschoss zu Seiten des Portals zwei Nischen, im zweiten Geschoss drei und im dritten Geschoss vier Nischen zeigt.

Nun gibt es zwölf Figurenfragmente, die Rudolf Wesenberg bereits 1955 dieser Westfassade zugewiesen hat. Schütte publiziert sie nach seiner Aussage erstmals vollständig. Sie waren etwa lebensgroß, ca. 170 bis 180 cm hoch und 60 bis 65 cm breit – noch größer war die sitzende Majestas Domini mit ca. 2,20 m [S. 123]. Erhalten sind drei bärtige Männerköpfe, 36 bis 43 cm hoch, ein großes Fragment einer barfüßigen Gewandfigur, drei Flügelfragmente, Hände, Füße und Gewandreste.

1977 machte Matthias Untermann einen Rekonstruktionsvorschlag, der nun von Schütte gründlich überarbeitet worden ist, wobei er als erster ein bislang verborgenes Programm erkennt:

„Das Programm ist als monumentale Zurschaustellung ostentativer Jenseitsvorsorge zu sehen. Fünf Heilige leisten bei Christus [der von drei Engeln umgeben wird; H.I.] Fürbitte für das Kaiserhaus. Direkt dahinter liegt im Inneren die Grabstätte der Theophanu (gestorben 991). Der Umbau des Westwerks zu Bau V [recte: VII; H.I.] kann nur als späte ottonische Propaganda gesehen werden“ [S. 127].

Übergehen wir die rustikale Interpretation christlicher Sichtweise, sondern hören wir die Zusammenfassung Schüttes [126 f.; Hvhg. H.I.]:

„Das Programm von fünf fürbittenden Heiligen unter einer von Engeln umrahmten Majestas ist ohne direktes Vorbild und blieb ohne unmittelbare Nachfolge. Die Figuren von St. Pantaleon bilden den frühesten erhaltenen Monumentalskulpturenzyklus in Europa nach der Antike.“

Der erste Satz klingt genau so wie eine Würdigung der Aachener Pfalzkapelle: meisterlich, aber ohne Vorläufer und ohne direkte Nachfolger – also extrem unwahrscheinlich. Doch mit dem zweiten Satz reklamiert Schütte seinen dritten Guinnessbuchrekord. Deshalb wollen wir seine Datierung der Skulpturen auf das späte 10. Jh. überprüfen.

Soweit das erkennbar ist, klammert sich Schütte für die Bauplastik an seine Datierung des Umbaus zum dritten Westbau, den er vor dem Tod der Theophanu abgeschlossen sieht. Diese für Bauplastik revolutionäre Datierung will nun unterfüttert werden. Logischerweise müsste, wer von einem Monu mentalskulpturzyklus spricht, Vergleiche mit anderen derartigen Zyklen anstellen. Doch die damit befassten Kunstkenner denken – mangels Vergleichbarem – seit langem anders. Hermann Fillitz zog Vergleiche mit der so genannten „Magdeburger Gruppe“ von Elfenbeinen, die um 970/80 in Mailand entstanden waren [S. 125]. Schütte sähe gerne Parallelen auch zu anderen Elfenbeinen. Günther Binding und Matthias Untermann assoziierten statt dessen antike Skulpturen, was aber verworfen wurde [ebd.]. Auch die Gruppe der hölzernen Großkreuze, voran das ähnlich datierte Kölner Gerokreuz, wird nicht weiter beachtet [S. 125 f.]. Schließlich zieht Schütte [127] doch noch einen arg humpelnden Vergleich mit anderen, ähnlich großen Plastiken: „Vorstufen mögen im Baldachin des Ziboriums von S. Ambrogio in Mailand zu sehen sein.“ Hier wird ein heikler Zeuge aufgerufen, denn die Stuck-, keineswegs Steinarbeiten werden – passend für Schütte – dem Ende des 10. Jh. zugeschrieben, doch von anderen genauso dem 12. Jh. [z.B. Baumgart 35; im Internet finden sich darüber Streitigkeiten]. Im Bemühen um seine Guinnessbuchrekorde gerät Schütte mit möglicherweise zu jungem Stuck auf schwankenden Boden, statt seine Thesen zu fundieren.

So bleibt es bei seiner Datierung für diesen Umbau, als ob es zwingend wäre, dass seine Nischen schon damals für diese Skulpturen entworfen worden wären. Was spräche gegen eine Aufstellung im 12. Jh.? Schütte stellt diese Frage nicht.

Ottonische Plastik

So empfiehlt es sich, beim ‘Begründer’ der ottonischen Kunst nachzufragen, bei Hans Jantzen. Der schrieb 1947 als erster einen Band über Ottonische Kunst, der 1959 in rowohlts deutscher enzyklopädie erschienen ist. In ihm beschränkt er diese vorromanische Kunst nicht auf die Zeit der Ottonen:

„Die große Zäsur in der deutschen Kunstgeschichte des 11. Jahrhunderts liegt nicht zwischen dem Ottonischen und ‹Salischen›, sondern fällt in die Zeit Heinrichs IV. Sie schneidet mitten durch das ‹Salische› hindurch [Jantzen 58].

Vielmehr sieht er die Grenze beim Beginn des Investiturstreits, bei 1070, wo in den romanischen Ländern die premier art roman endigt [ebd. 59]. (Warum für Deutschland eine irreführende kaiserliche Benennung erfunden werden musste, obwohl die Epoche nicht mit den Ottonen endet, bleibt dunkel.) Doch obwohl Jantzens Blick fast 50 Jahre über das Ende der sächsischen Kaiser hinausreicht, kommt ihm keine Monumentalplastik zu Gesicht, nur Architektur, Malerei und Kleinplastik. Ihn nimmt das nicht wunder:

„In der Tat kennen wir keine karolingische Monumentalskulptur, nicht etwa, weil die Denkmäler verlorengegangen wären, sondern weil die abendländische Frühzeit in der Eroberung der menschlichen Figur nicht von großfigurigen Bildwerken, sondern von Malerei, Elfenbeinschnitzereien und Goldschmiedekunst ihren Ausgang nahm. Das Gebiet großfiguriger Bildnerei ist den germanischen Völkern von den Ursprüngen her fremd. [...] Auch die ottonische Skulptur kann diese Herkunft von der Kleinkunst nicht verleugnen, obwohl bereits bedeutende Ansätze zur großen Bildwerkkunst sich abzeichnen“ [Jantzen 115].

Nun könnte ein Jantzen, der die karolingischen Schriften nicht ernst nimmt, auch sonst hoffnungslos veraltet sein. Aber wenn ich einen jüngeren Band zur Hand nehme – Romanik von Rolf Toman [1996] – , dann finde ich zwar viel Plastik quer durch Europa, aber keine einzige nennenswerte Bauplastik vor 1070. Der Reigen an Steinplastik wird eröffnet – „nach Jahrhunderten plastischer Abstinenz“ [Brandt 304] – mit ganz primitiven Kapitellen an der ‘Krypta’ von St-Benigne in Dijon (ab 1000) und dem Türsturzrelief von St-Genies-des-Fontaines, einem Relief mit unbeholfenen ‘Birnenköpfen’, das dank der Inschrift auf 1019/20 datiert wird [ebd. 258; vgl. Illig 1996, 199]. Auch die Arbeiten von Tournus, zwischen 1025 und 1050 angesetzt [ebd. 258], sind nur unbeholfene Reliefs. Die ersten einigermaßen plastischen, doch arg plumpen Konsolfiguren zeigen sich am Giebel von San Martin in Frómista (Provinz Palenzia, 1066–1100) [ebd. 257]. Sauber, vollrund gearbeitete Köpfe wie die von St. Pantaleon werden durchgehend ins 12. Jh. datiert. Eine Ausnahme mögen die berühmten Kapitelle von Cluny bilden [Zarnecki Abb. 82], die auf 1095 und damit vielleicht zu früh datiert werden, aber keineswegs monumentale Züge tragen.

Monumentalskulptur tritt auch erst jetzt auf: in den ersten Tympana über Hauptportalen wie dem von Saint-Sernin in Toulouse (vor 1118) [ebd., 259], als noch sehr steife Pfeilerreliefs im Kreuzgang zu Moissac (1100) [ebd., 262], als Nischenfiguren ähnlich jenen von St. Pantaleon etwa in Notre-Dame-la-Grande zu Poitiers um die Mitte des 12. Jh. [ebd., 269]. In Deutschland hinkt die Bauplastik ohnehin hinterher.

„Zwar fehlte die Bauplastik an den ottonischen Bauwerken nicht völlig, doch sie beschränkte sich im großen ganzen meist auf ornamentierte, nicht figürliche Kapitelle“ [Zarnecki 54].

Die Kreuzabnahme an den Externsteinen dürfte bei uns das älteste Monumentalrelief sein; es zeigt auch bärtige Männerköpfe [ebd. 313] und wird dem ersten Viertel des 12. Jh. zugerechnet.

Da der Griff zu anderen Standardwerken nichts anderes zutage fördert, lässt sich festhalten: Wer einen qualitätvollen Monumentalskulpturenzyklus mit lebensgroßen Steinfiguren für die Zeit von 1060–1090 präsentieren könnte, der würde zu Recht die Welt erstaunen, aber vielleicht Furore machen. Wer einen solchen für die Zeit von 960–990 vorstellt, macht sich nur lächerlich. Zumal, wenn er wie Schütte kein einziges steinernes Vergleichsobjekt heranzieht, sondern das Schnitzen kleiner Elfenbeinplatten oder von Stuck für adäquat hält. Hier hat sich Sven Schütte besonders gründlich ins Abseits gestellt.

Ein polemisches Wort noch zum Gerokreuz, das Schütte [S. 126] nicht heranziehen wollte. In dieser Zeitschrift wird laufend das hartnäckige Bemühen protokolliert, hölzerne Großkreuze bis in karolingische Zeiten zurückzudatieren [etwa Illig 2005]. Gegenwärtig geschieht dies, indem bislang zweifelsfrei der Romanik zugerechnete Kruzifixe mit Hilfe von nicht nachprüfbaren C14-Messungen veraltet werden. Ausgelöst wurde diese Modeerscheinung durch knappe Hinweise in frühen Schriften auf derartige Großskulpturen. Doch statt zu konstatieren, dass ein Fälscher des 12. Jh. eben große Skulptur wie selbstverständlich vor Augen hatte und sie anachronistischerweise in die Karolingerzeit projizierte, werden mit einer Beharrlichkeit, die jeder besseren Sache wert wäre, Groß- wie Kleinkreuze veraltet – bei letzteren ist Christian Beutler [1991] mit einer Umdatierung von ca. 1200 ins 6. Jh. seit langem unbestrittener Spitzenreiter. Bei den Großkreuzen liegt die Crux daran, dass im Kölner Dom das so genannte Gerokreuz hängt, das ‘zwangsläufig’ zu Lebzeiten von Bischof Gero (969–976) entstanden sein muss. Durch diese von mir unterstellte Fehlzuschreibung gilt es als „der älteste Monumentalkruzifix des Abendlandes“ – und keiner begreift, warum die ottonischen Holzbildhauer zwar mit den Elfenbeinschnitzern gleichauf waren, während die Steinmetze ‘nebenan’ noch drei bis vier Generationen benötigten, um derartige Figuren formen zu können. Für Großkreuze muss dringend eine stringente Reihung ohne C14-Daten erstellt werden. (Elfenbeinarbeiten können bei der Gelegenheit gleich mitgeprüft werden, stellt doch Dorothea Hochkirchen in anderem Zusammenhang Vergleiche mit dem Elfenbeinschmuck des Lorscher Evangeliars an: Er wird um 810 datiert [H. 153], während wir von Gert Zeising [1999] den Nachweis zumindest für die Bildmalereien haben: nach dem Gero-Codex von ca. 970!)

„Karolingische“ Bauplastik

Citius, altius, fortius – dieses olympische Motto lässt auch Bauarchäologen nicht kalt. Und so übertrifft Schütte sich selbst, indem er und Hochkirchen zwei Fragmente von Bauskulpturen mit dem Anspruch vorstellen: „Sie sind momentan die ersten steinernen Monumentalskulpturen der Karolingerzeit, die wir kennen“ [S. 98].

Es handelt sich um das Flügelbruchstück von einem „Engel in Unterlebensgröße“ – (als könnte dies einer von uns beurteilen) – und um das Frag ment eines gerippten Drachenleibes mit Flügelansatz. Beide Stücke sind um die 25 cm groß [H. 149]. Warum gehören diese beiden Flügelreste aus dem Lapidarium nicht zu den pseudo-ottonischen Fragmenten, die auf der Westempore der Kirche ausgestellt werden? Die Antwort kommt gewissermaßen vom Steinmetz: Diese beiden Skulpturenreste sind mit einem so genannten Zahneisen bearbeitet worden, das eine gezähnte Schneide besaß.

„Die Abdrücke der einzelnen Zähne sind heute noch deutlich an denjenigen Stellen des Reliefs zu erkennen, die nicht durch zusätzliche Arbeitsgänge geglättet wurden“ [H. 149].

Der Vorteil dieses Werkzeugs liegt darin, dass gleichzeitig überschüssiges Steinmaterial beseitigt und eine diffizile Form ausmodelliert werden kann. Die Zähne verhindern, dass unerwünscht große Steinstücke abplatzen [H. 157]. Weil das Zahneisen zeitweilig in Vergessenheit geraten sein soll, wird seine Verwendung als Datierungshinweis gewertet.

„Das mit einer gezähnten Schneide versehene Zahneisen bildet von der Römerzeit bis zur Karolingerzeit das für Bildhauer- und diffizile Steinmetzarbeiten bevorzugte – weil ideale – Werkzeug. Die Steinbearbeitung mit gezähnten Werkzeugen ist typisch für die römische, merowingische und die frühere karolingische Zeit. In spätkarolingischer, ottonischer und salischer Zeit ist dieses Werkzeug im deutschsprachigen Raum an sicher datierten Bauten bislang nicht nachgewiesen. Im 9. Jahrhundert wird die Zahnfläche und das Zahneisen am häufigsten an Bauwerken der 1. Hälfte des 9. Jahrhunderts eingesetzt. Hiebspuren gezähnter Werkzeuge kommen [in] nachkarolingischer Zeit erstmals wieder in der frühen Stauferzeit, etwa ab 1130 vor, z.B. an den Ostteilen des Wormser Domes“ [H. 151; ähnlich 161]. „In Köln setzte der Gebrauch gezähnter Werkzeuge nach karolingischer Zeit erst wieder um 1260 massiv ein, z.B. an der aus Kalkstein hergestellten Piscina im Ostchor des Domes“ [H. 157].

Das wirkt wie ein präziser, harter Befund. Doch wie soll man sich das vorstellen? Wieso legt eine ganze Handwerkszunft ihr ideales Werkzeug entschlossen zur Seite, um es nach 300, in Köln nach rund 430 Jahren wieder in die Hand zu nehmen? Weigerten sich die Schmiede, einen derart effizienten Meißel weiterhin herzustellen, durften Leistungsnormen nicht mehr überboten werden, gab es neue Arbeitsschutzvorschriften oder ein persönliches Kapitular von Karl d. Gr.? Bislang war derart irrationales Handeln meisterlicher Handwerker nur aus dem Alten Ägypten bekannt. Nachdem es dort massiv auf die Chronologie durchschlug, gilt es auch im Mittelalter, sie neuerlich zu prüfen.

(En passant: Wenn Hochkirchen [H. 161] das Zahneisen allemal bis 850 in Verwendung bleiben lässt, dann bleibt ihr – in so genannter spätkarolingischer Zeit – außer Corvey praktisch kein Bau zur Untersuchung – doch gerade der dürfte nicht karolingisch sein.)

Nahe liegender Schluss wäre: Das Zahneisen ist zusammen mit der spätrömischen Baukunst ausgestorben und wurde erst wieder nach 1100 erfunden. Dann müssten die Karolinger ihr Idealwerkzeug, das sogar die dark ages der Völkerwanderungszeit überlebt hat, nicht mitten in der Arbeit weglegen, und die Flügelfragmente wären nicht karolingisch, sondern romanisch. Erlaubt ihre Qualität eine solche Datierung?

„In ihrer einzigartigen künstlerischen und handwerklichen Qualität übertreffen die karolingischen Skulpturen bei weitem ihre ebenfalls singulären spätottonischen Nachfolgereliefs, die bisher als die älteste steinerne Monumentalplastik des Abendlandes galten“ [H. 156].

Vergleiche mit anderen Karolingerplastiken sind mangels Masse leider nicht möglich. Gleichwohl wäre wieder einmal bewiesen, dass die Karolingerzeit in künstlerischer Hinsicht ein Nonplusultra darstellte, von dem es nur bergab gehen konnte. Ein simpler Gedanke wie der, dass die Qualität von Steinmetzarbeiten von der Vorromanik über Frühromanik und Hochromanik ansteigt, um sich dann in Manierismen zu verlieren, verblasst vor der Übermächtigkeit des Karolingischen.

Für Schüttes pseudo-ottonischen Skulpturen als älteste des Abendlandes lässt sich nur bedauernd sagen: Wie gewonnen, so zerronnen. Aber besser wenige Stunden lang Spitzenreiter bei Guinness als nie. Zusätzlich geht der vierte Guinnessbuchrekord an die beiden „karolingischen“ Flügelfragmente.

Doch es geht munter weiter. Wie dem Buch auf S. 7 vorangestellt, erreichte dank der langen Druckverzögerung bereits der nächste Titelträger das Ziel und das hier besprochene Buch: In der Kathedrale von Lichfield kamen drei Fragmente zu Tage, die einen 65 cm hohen Engel zeigen, wohl einen Verkündigungsengel, dem (noch) die Maria fehlt. Er wird dem späten 8. Jh. zugeordnet und wurde nach den Wikingerangriffen von 873/74 rituell bestattet – so der Archäologe Warwick Rodwell [H. 156]. Deshalb lautet der aktuelle Bucheintrag für Engel und Drache:

„Sie gehören zu den bislang ältesten bekannten monumentalen Steinskulpturen, die seit der römischen Antike im mittelalterlichen Abendland geschaffen wurden“ [H. 157].

Eines scheint sicher: Demnächst wird es in der Kategorie „älteste Plastik des Mittelalters“ neue Titelaspiranten geben.

In Köln aber bahnen sich weitere mächtige Umwälzungen, also Revolutionen an. Dorothea Hochkirchen prüft Meißelspuren am Alten Dom von Köln. Da sie auch an seinen Überresten – es gibt dank der stark erhöhten Grundflä che des gotischen Doms und dank der Hanglage noch meterhohe Mauerreste – Zahneisenspuren gefunden hat, scheint der Jahrzehnte lange Datierungsstreit entschieden: Dieser Bau ist keineswegs ottonisch, er ist auch nicht karolingisch aus der Zeit um 850/70, wie es Georg Hauser und Werner Jacobsen 1991 vertreten haben, sondern soll nun eine Frühestdatierung erhalten [H. 157]. Hochkirchen bringt das in ihrer Fußnote 11 noch ganz vorsichtig – „deuten auf eine Bauzeit des Alten Domes um ca. 800 hin“ –, weil ihre einschlägige Untersuchung der Steinbearbeitung karolingischer Bauten des 9. Jh. noch nicht abgeschlossen ist [Fnr. 7, S. 157], doch in ihrem Text steht bereits klar und ohne Zweifel: Reste „des um 800 errichteten Alten Doms“ [H. 152].

Wenn die Ergebnisse ohnehin feststehen, braucht es keine langen Begründungen mehr. Wir kennen das bereits von Schütte, der pünktlich zum Jahr 2000 und zur Aachener Ausstellung Krönungen den Ottothron in einen Karlsthron rückverwandelte, obwohl die versprochene Begründung bis heute aussteht.

Wir haben bis dahin wohl noch lange Zeit, uns die Konsequenzen zu überlegen, die sich aus der Zahneisenbenutzung an Sockelsteinen des Kölner Dombaus VII ergäben. Gab es noch einen zahneisengerechten Bau vor dem gotischen Bau (ab 1248), denn römisch kann er nicht sein? Wäre er also tatsächlich karolingisch – oder ist das Zahneisen gar nicht zeitweise ausgestorben, sondern wurde nur von den Handwerkern gebraucht, die es als ideal einschätzten? Das wäre der zweite Schluss, wenn der naheliegende von S. 363 nicht zutrifft. Für St. Pantaleon werden wir bald beobachten können, wie begeistert die Kollegen des ‘Veraltungstriumvirats’dessen Umstürze begrüßen oder ablehnen werden. Noch ist alles offen.

Abgesang

Sven Schütte kämpft seit 1999 so engagiert wie kein anderer Wissenschaftler gegen das erfundene Mittelalter. Dass er dabei gelegentlich weit übers Ziel hinausschießt, wird ihm von seinen Kollegen wohl vergeben, geht es doch um eine Angelegenheit von europäischem Rang. Und jede Kampfpartei benötigt einen bad guy, von dem sich der weiße Ritter vorteilhaft abheben kann. Diese Rolle spielt er so gut, dass man sie als ihm eigenen Charakterzug sehen könnte. Schon seine erste Äußerung in einem Leserbrief an die F.AZ. [1999] war typisch, wie sich zeigen sollte: „Heribert Illig geht sogar so weit, Ergebnisse von Forschern ins Gegenteil zu verkehren“ [ebd.]. Es ging dabei um die Untersuchung an den Mosaiken der Aachener Pfalzkapelle durch Ulrike Wehling. Meine Antwort ergab sich zwingend: Schütte

„nennt dabei eine stärkere [zeitliche] Eingrenzung, als sie Wehling irgendwo vornimmt. So hat er nicht nur Wehlings persönliche Einschät zung falsch wiedergegeben, sondern vor allem meine Ausführungen in ihr Gegenteil verkehrt. Er praktiziert genau das, was er mir unredlicherweise vorgeworfen hat. Aber Projektion ist der Wissenschaft kein unbekanntes Phänomen“ [Illig 1999, 395 f.].

Der am Kölner Institut für Ur- und Frühgeschichte lehrende Archäologe ist ein getreuer Paladin des großen Karl; deshalb warf er sich in die Bresche, als ich am 12. 4. 2000 in ‘seinem’ Köln über den heilig gesprochenen Karl als den Vierten der Hl. Drei Könige Kölns sprach. Nach dem Vortrag riss er die Diskussion an sich, indem er allen Zuhörern ein alten Buches unter die Nase hielt, um zu demonstrieren, dass ich mich bei dessen Zitation beim Erscheinungsdatum um ein Jahr vertan hätte – bei 22 Seiten Literaturverzeichnis ein zwingender Nachweis für meine mangelnde Sorgfalt. In diesem Stil ging es weiter – immer wohlwollend geduldet von Moderator Dr. Johannes Lehmann. Sein stärkstes Argument war schließlich: Ich würde seine Forschungen zum Aachener Thron nicht zur Kenntnis nehmen. Ich antwortete wahrheitsgemäß, dass ich – mangels Namensnennung – gar nicht wüsste, wer vor mir da so lebhaft agiert, dass ich aber auch keine aktuelle Arbeit zu diesem Thema kennen würde. „Sie erscheint in wenigen Wochen!“ so sein gnadenloser Bescheid. Es ist anzumerken, dass zwei Monate später nur 10 Seiten im Katalog Krönungen veröffentlicht wurden, die für den gleichen Zeitpunkt angekündigte Monographie zum einstigen Otto- und jetzigen Karlsthron aber seit nunmehr 7 (sieben) Jahre in Verzug ist [Vergeblich in den Zeitensprüngen angemahnt 2001, 115, 266, 519; 2004, 91; 2005, 120 f.; 2006, 159]. Offenbar sträubt sich die Feder zu sehr bei dem Gedanken, dass dieser Thron nicht nur vom großen Karl besessen wurde, sondern aus Stein vom Grab Christi bestehen könnte.

Die Leser der Zeitensprünge wurden über ihn immer auf dem Laufenden gehalten; so brauche ich nur daran zu erinnern, wie Schütte 2001 die Gewinnung der Throndaten beschrieben hat:

„Zur Sicherheit waren an dieser Untersuchung mehrere Analytiker, Dendrochronologen (die das Alter nach Jahresringen bestimmen – die Red.) und Radiokohlenstoff-Forscher beteiligt, Statistiker rüttelten die Kurven – und siehe da: Der große Karl darf wieder Platz nehmen.“ [Schütte 2001; vgl. Illig 2001, 520].

So kommt die Wahrheit durch Rütteln und Schütteln ans Licht. Zu Köln im April 2000 konnte sich Schütte gar nicht beruhigen. Dass es damals nicht mit rechten Dingen zuging, wurde durch den Reporter des Kölner Stadtanzeigers manifest. Er begrüßte mich vor der Veranstaltung und entschuldigte sich beim Veranstalter, dass es seiner Zeitung leider nicht möglich gewesen sei, meinen Vortrag auch nur mit den allerdürrsten Hinweisen anzukündigen. So waren nur etwa 40 bis 50 Personen erschienen. Der Reporter lauschte dem Vortrag, dann den sinnlosen Fragen des Moderators, der vier Mal mit immer anderen Worten von mir wissen wollte, was die Allgemeinheit von meiner Forschung hätte, dann Schüttes anonymen Auftritt in der Zuhörerschaft – und schrieb nichts darüber bzw. der Stadtanzeiger veröffentlichte nichts. Der um die große Öffentlichkeit seines zweifelhaften Erfolgs als Störenfried gebrachte Schütte tat nun das, was ein Wissenschaftler nicht tut: Er schrieb selbst einen Bericht und ließ ihn vom stärksten Hetzer gegen die Phantomzeitthese, von Tilman Chladek, ins Internet stellen. Und dort beweist der Bericht Tag für Tag, dass Schütte kein seriöser Wissenschaftler ist.

Der nächste Aufprall passierte, als Schütte meine Argumentation zur Aachener Kuppel als zu gut empfand. Die massive Hausteinkuppel wurde ihm zum Ärgernis, worauf er 2004 schwadronierte:

„Niemand weiß, ob die Kuppel tatsächlich massiv ist, weil bislang keiner ins Innere des Steins geschaut hat. Darum kann sie sehr wohl nach byzantinischer Art, nämlich hohl gewölbt sein“ [Schütte laut Bernsdorff 89; Illigs Contra 2004, 90 f.].

Dies muss, von einem Mann, der wegen seinen Forschungen im Aachener Dom quasi zu Hause ist, als bewusste Irreführung gewertet werden. Denn seit 2002 die Kuppeluntersuchung von G. Patitz und B. Illich mit indirektem Radar veröffentlicht worden ist, weiß jeder, der es wissen will, wo welcher Quader verlegt worden ist. (Nur deshalb konnte Prof. Volker Hoffmann darüber im Detail sprechen [vgl. Illig/Niemitz 2004]).

Und nun also der gerade verzweifelt-freche Versuch, St. Pantaleon gleich mit zwei karolingischen Bauphasen aufzurüsten, samt karolingischen Bauplastiken, die einsam im luftleeren Raum platziert werden und deshalb ein ottonisches Verbindungsglied hin zu der allein passenden Romanik benötigen. (Natürlich alles mit der von ihm eingeforderten Sorgfalt: Zweimal muss ich hier bei wichtigen Zitationen korrigieren – „recte“ auf den S. 344 und 357, dann hier auf S. 350 oder bei der Fehlbenennung einer phasenentscheidenden Mauer als 723 anstatt 732 [S. 91]).

Versuchen wir ein Fazit: Sven Schütte ist ein schonungslos harter Kämpfer, wenn es um ‘seinen’ Karl geht, der ihn auch seit Jahren nährt. Das ist sein gutes Recht. Leider hält er in diesem öffentlichen Kampf so gut wie alles erlaubt (für sich): Er treibt seine eigene Argumentation bis ins Sinnlose (Stichwort: verlangte Kenntnis unveröffentlichter Berichte), er verleumdet Kontrahenten (sie hätten eine Argumentation verdreht), er fälscht unterstützende Datierungen (Stichwort Ornamentquader), er ignoriert wissenschaftliche Untersuchungen (Stichwort: Aachener Kuppel), er untermauert kühne Behauptungen nicht mit einer ordentlichen Argumentation (Stichwort Monographie für Aachens Thron), er vervollständigt allzu leicht Grabungsbefunde zu kompletten Plänen (Stichwort St. Pantaleon) und beweist völlige Ignoranz bei der bauplastischen Entwicklung des Abendlandes. Außerdem schludert er auch bei einer Druckverzögerung von mehr als einem Jahr.

Nachdem er zusammen mit Dorothea Hochkirchen den Alten Dom von Köln (so schon bei seinem Auftritt 2000) für karolingisch hält, muss damit gerechnet werden, dass er weiter Architektur und Plastik in das dark age der Karolingerzeit schaufelt. Immerhin demonstriert er mit seiner völlig unwissenschaftlichen Haltung, dass er die Fundsituation dieser Epoche für ebenso unbefriedigend hält wie wir. Defizitär eben – hochdefizitär.

Literatur

Anwander, Gerhard (2007): Wo ein Wille ist, ist auch ein Westwerk! Ein Kernbauwerk der Karolingerzeit erweist sich als Hirngespinst; in Zeitensprünge 19 (1) 185-212
Baumgart, Fritz (91988): Oberitalien. DuMont Kunst-Reiseführer; Köln
Bernsdorff, Jan (2004): „Die verschwundenen Jahrhunderte“; in P.M. Perspektive 1/2004, 86-89
Bertelli, Carlo / Brogiolo, Gian Piero (2000): Il futuro dei Longobardi. L’Italia e la costruzione dell’Europa di Carlo Magno. Ausstellungskatalog für Brescia; Mailand
Beutler, Christian (1991): Der älteste Kruzifixus. Der entschlafene Christus; Frankfurt am Main
Brandt, Michael (1993): Bernward von Hildesheim und das Zeitalter der Ottonen. Katalog der Ausstellung Hildesheim 1993. 2 Bände; Mainz
Chladek, Tilman = home.snafu.de/tilmann.chladek/Seiten/Brief_Schuette.html [Bei Google-Eingabe “Sven Schütte” an erster Stelle – zumindest noch am 29. 7.]
CR = Colonia Romanica. Jahrbuch des Fördervereins Romanische Kirchen Köln e.V. Bd. XXI, 2006 (erschienen Juni 2007): Neue Forschungen zur Geschichte, Baugeschichte und Ausstattung von St. Pantaleon in Köln. Hg. Margrit Jüsten-Hedtrich; Köln
Fußbroich, Helmut (1983): Die Ausgrabungen in St. Pantaleon zu Köln. (Kölner Forschungen, Bd. 2); Mainz
H = Hochkirchen, Dorothea (2006): Zwei Skulpturenfragmente der karolingischen Kirche von St. Pantaleon; in CR, 149-158
Illig, Heribert (1996): Flechtwerk und Ketzertum. Langobardische Notizen II; in Zeitensprünge 8 (4) 448-477
- (1997): Einrede des Herausgebers; in Zeitensprünge 9 (2) 305 (s. 2007)
- (1999): Sperrfeuer vor Paderborn. Methodische Korrektheit und emotionale Begleiterscheinungen; in Zeitensprünge 11 (3) 389-402
- (2001): Vom Rütteln (an) der Wahrheit. Zur weiteren Diskussion der Phantomzeitthese; in Zeitensprünge 13 (3) 513-523
- (2002): Mörtel mit Zuschlag. Ein Diskussionsbeitrag zu Ingelheim und Aachen; in Zeitensprünge 14 (1) 145-149
- (2004): Die Debatte der Schweigsamen. Zum „Schwachsinn“ des frühen Mittelalters; in Zeitensprünge 85-101
- (2005): Alte Kreuze, alte Throne und Byzanz. Bestätigungen in der Mittelalterdebatte; in Zeitensprünge 17 (1) 111-124
- (2006): Konzertierte Fälschungen. Glastonbury, Wells und Saint-Denis; in Zeitensprünge 18 (3) 692-712
- (2007): Erweiterung von (1997) fürs Internet; aktualisiert unter www.fantomzeit.de
Illig, Heribert / Anwander, Gerhard (2002): Bayern und die Phantomzeit. 2 Bände; Gräfelfing
Illig, Heribert / Niemitz, Hans-Ulrich (2004): Aachen: alt, ganz alt oder noch älter? Eine Neueinschätzung durch Volker Hoffmann; in Zeitensprünge 16 (2) 272-278 Jantzen, Hans (31963): Ottonische Kunst; Reinbek (11947)
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Mühlberg, Fried (2006): St. Pantaleon in Köln vom 9. bis 13. Jahrhundert; in CR, 11-20
Niemitz, Hans-Ulrich (1994): Die Dauerkrise frühmittelalterlicher Keramikforschung; in Vorzeit-Frühzeit-Gegenwart 6 (2) 40-59
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2 Kommentare zu “St. Pantaleon – vier Rekorde fürs Guinness. Sven Schütte als karolingischer Lückenbüßer”

[...] H. Illig: St. Pantaleon – vier Rekorde fürs Guinness. Sven Schütte als karolingischer Lückenbüßer [...]

[...] der selbst dem wissenschaftlichen Ruf der Stadt Köln zu schaden droht – erinnert sei an seine willkürlichen Veralterungen bei St. Pantaleon, bei Synagoge und Mikwe. Aktuell wird ihm [...]

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3. Mai 2007                     Kategorie(n): Artikel aus den ZS, Fantomzeit, Frühmittelalter, Zeitensprünge

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Arno Borst, 8.5.1925 – 24.4.2007

von Heribert Illig

Fraglos ist mit Arno Borst ein Ausnahme-Gelehrter verstorben, darin durchaus mit dem jüngst verstorbenen Carl-Friedrich von Weizsäcker zu vergleichen. Während dieser Philosophie, Friedensforschung und Physik verband, beschäftigte Borst nicht nur die Mediävistik in ihrer ganzen Bandbreite über 1.000 Jahre, sondern genauso die Antike, die Linguistik oder Kalenderwesen und Komputistik.

Ihm gelang es, auch breitere Leserkreise für sein Forschungsgebiet anzusprechen, indem er Querschnitte durch das Mittelalter legte: 1973 mit „Lebensformen im Mittelalter“, 1988 mit „Barbaren, Ketzer und Artisten“, das heuer noch eine preisgünstige Neuauflage unter dem Titel „Die Welt des Mittelalters“ erlebt hat.

Am liebsten suchte er die Kontinuität. In seiner Doktorarbeit von 1953, die immer noch im Buchhandel erhältlich ist, ging er nicht nur den Katharern nach, sondern der Ketzergeschichte von der Antike bis weit ins Mittelalter. Als er nach Konstanz berufen wurde beschäftigte ihn das Mönchswesen am Bodensee und besonders auf der Reichenau. Dann wieder ging er der Rezeptionsgeschichte des Buches der Naturgeschichte von Plinius nach.

Doch spätestens seit 1988 legte er den Schwerpunkt auf das Kalenderwesen, auf die Osterrechnung, auf die Komputistik. Es gelang ihm, nach fast dreißig Jahren den selbstgesteckten Rahmen auszufüllen, indem er letztes Jahr die monumentale, dreibändige Ausgabe der „Schriften zur Komputistik im Frankenreich von 721 bis 818“ abschließen konnte. Doch ist er hier bislang eher Spezialist für ein mühseliges Fachgebiet geblieben, dem die Kollegen nur wenig abgewinnen konnten.

Aus Sicht der Fantomzeitthese sind aber gerade diese seine Arbeiten von höchstem Interesse. Es ist deshalb vielleicht kein Zufall, dass am 30.3., also kurz vor seinem Tod, eine längere Analyse abgeschlossen wurde. Sie ist mittlerweile in den „Zeitensprüngen“ erschienen und wird hier wiedergegeben.

Karolingische Komputistik?

Zu Beda und Borst, Bischoff, Theophanes und Isidor

Abstract: Nachdem Arno Borst 21 karolingische Schriften zur Komputistik ediert und kommentiert hat, wird ein Vorschlag zu ihrer Umdatierung gemacht. Zugleich ergeben sich Datierungen für Isidor v. Sevilla, Beda Venerabilis und Theophanes Confessor. Das hier ausgebreitete Material enthält Argumente gegen Bernhard Bischoffs Paläographie, Ulrich Voigt (Chaos der Ostertafeln) und Andreas Birken (Anno Domini-Rechnung in Byzanz), dazu etliche Bestätigungen in der Kalenderdebatte. Schließlich ergibt sich auch Korrekturbedarf bei Wer hat an der Uhr gedreht?

1. Borsts komputistischer Zyklus

In den letzten zehn Jahren hat Arno Borst eine ganz erstaunliche Serie produziert. Was er 1990 als Computus. Zeit und Zahl in der Geschichte Europas in einem schlanken Bändchen skizziert hatte, hat sich – stets konkreter werdend – zu enormen Bänden ausgeformt: 1998 die karolingische Kalenderreform mit 921 Seiten, 2001 der karolingische Reichskalender und seine Überlieferung bis ins 12. Jahrhundert mit 823 Seiten, 2004 der Streit um den karolingischen Kalender, 228 Seiten, und nun Schriften zur Komputistik im Frankenreich von 721 bis 818, drei enorme Bände mit insgesamt 1.697 Seiten [diese hier lediglich mit B. und Seitenzahl zitiert]. Es geht durchweg um frühmittelalterliche Zeitkunde, um Komputistik, einen Begriff, den Borst mählich präzisiert, bis er zu einer umfangreichen Definition findet [B. 34 f.]. Das Wissen der damaligen Gelehrten
„stellte Mensch und Welt in die Zyklen von Tag und Nacht, des Mond- und Sonnenlaufs, des Großen Jahres (aus der Multiplikation des Sonnen- mit dem Mondzyklus) sowie der gesamten Weltzeit bis zu Jüngstem Tag und Ewigkeit. Sie vereinte Welt- und Zeitordnung, Zeitdeutung, Zeitgliederung und Zeitberechnung, mit Ethik, dem Nutzen der Zeit, mit Gottesdienst, Liturgie und Theologie; kurzum: sie verschmolz Kosmologie, Anthropologie und Religion“,
wie Johannes Fried [2006] in einer Laudatio auf Borsts Edition zusammenfasst. Nunmehr ist auch das eigentliche Mittelstück seiner Arbeit präsent:
„die Untersuchung der komputistischen Lehrbücher im fränkischen Reich und ihrer Abwägung zwischen der zu gewinnenden und der zu verlierenden Zeit. Jetzt wird diese Lücke geschlossen und die komputistische Zeitgliederung als Zentrum dargestellt, von dem die kurzfristige kalendarische Zeitnutzung abhing und die langfristige historische Zeitdeutung ausging“ [B. XII].
Borst hat damit ein Thema aufgearbeitet, das ihn allemal seit 1964 beschäftigte. Er legte schon vor den letzten zehn besonders fruchtbaren Jahren ein zugehöriges Werk vor, „eine Skizze mittelalterlicher Meinungen über Natur und Zahl“ [B. 1994, VIII]: Das Buch der Naturgeschichte. Plinius und seine Leser im Zeitalter des Pergaments, 443 Seiten. Im dortigen Vorwort gesteht Borst, welches Hindernis er überwinden musste, um diese Sisyphusarbeit zu leisten, deren weitere Teile er damals bereits vorbereitete. Aber:
„Der Kreis schließt sich trotzdem nicht. Denn vor dreißig Jahren sträubte ich mich gegen das Ergebnis, zu dem jetzt das Studium der Handschriften führt: Die Erforschung der Natur begann im lateinischen Europa nicht um 1120 an den Hochschulen Frankreichs, sondern um 780 am fränkischen Königshof; ihr erster Anstoß kam nicht vom Staunen über die Vernunft im Kosmos, sondern vom Zwang zur Regelung der Feiertage und Arbeitszeiten; ihre frühesten Lehrmeister hießen nicht Platon und Aristoteles, sondern Plinius und Beda“ [B. 1994, VIII].
Wie damals berichtet [Illig 1997], rieb sich Borst fortwährend an Ivan Illich, der drei Jahre zuvor klargestellt hatte, dass die moderne wissenschaftliche Literatur ihren Ausgang ab 1120 genommen hatte: Im Weinberg des Textes. Als das Schriftbild der Moderne entstand. Illich richtete sein Augenmerk auf den Moment,
„als – nach Jahrhunderten des christlichen Lesens – die Buchseite sich verwandelt; aus der Partitur für fromme Murmler wurde der optisch planmäßige gebaute Text für logisch Denkende“ [Illich 8].
Weil Borst am Lorscher Reichskalender diese Wandlung schon für 789 konstatierte, dekretierte er nach 30 Jahren des Zögerns, schon die karolingischen Wissenschaftler hätten diesen entscheidenden Schritt hin zur Wissenschaft, besser gesagt zur Hochscholastik getan [vgl. Illig 1997, 335 ff.; 1998]. Nun war für Illich wie für Borst klar, dass nach dieser frühen Hochblüte unter dem großen Karl lange keine weiteren Texte bekannt sind, die den neuen Impuls von 789 weitergetragen hätten. Aus Borsts Sicht hat es keine spätkarolingische Komputistik von größerer Relevanz gegeben, sondern nur Ermattung spätestens ab 850 [B. 1990, 41 f.]. Es wirkt aber nicht überzeugend, wenn man einerseits die fränkischen Kalenderkünste nach 820 schwinden sieht, jedoch einem ca. 860 datierten Codex entnimmt: Seine Existenz „beweist immerhin, daß die karolingische Komputistik noch lange nach ihrem Erlahmen in Oberitalien gelehrte Studien hervorrief“ [B. 234].

Auch in seinem neuesten Buch hat Borst darauf verzichtet, dieses Vakuum zu motivieren, verhält sich also wie die Ägyptologen, die sich zufrieden zurücklehnen, wenn sie zu irgend einem Entwicklungsschritt im Land am Nil sagen können: „bekannt schon seit der 1. Dynastie“. Würden sie die Entwicklung weiterverfolgen, müssten sie betroffen feststellen, dass dieser Schritt wieder restlos vergessen werden konnte, was zu immer wieder gleichem meisterlichen Beherrschen und gleichem Vergessen geführt hätte [vgl. Heinsohn/Illig 48-56]. Somit konnte Borst den für uns wesentlichen Punkt in den letzten zehn Jahren nicht erhellen. Es wird auch nicht möglich sein.

Nunmehr lässt Borst in seinem neuen Buch [B. 77] das neue Denken schon vor 789 virulent werden: die Ostertafeln ab 721 mit ihrer Fülle von Zahlen waren zunehmend auf Schriftlichkeit angewiesen. Unbelastet von der nachfolgenden Lücke hat Borst nun 20 kalendarische Schriften ediert, die er in 135 erhaltenen Handschriften und 2 Druckausgaben verschollener Codices ganz oder teilweise aufgespürt hat, weitere Zeugnisse hier nicht gerechnet – eine editorische Leistung sondergleichen, weil allein die abschließende Drucklegung verschiedene Schrifttypen in mehreren Größen und viele Sonderzeichen verlangte, um sämtliche Varianten und Konkordanzen sauber darzustellen, kann sich doch ein Text durchaus in 54 oder auch 81 Codices und damit möglichen Varianten finden [z.B. B. 537, 664]. Dazu die heikle Frage der Fehlerbereinigung durch den Editor. So im Fall des Kölner Lehrbuchs von 805:

„Auch die sprachlichen Unebenheiten, die dem Kopisten unterliefen, können so nicht stehenbleiben; wenigstens jene Korrekturen sind nachzuholen, die der Autor selbst zwar versäumte, aber vermutlich ausgeführt hätte“ [B. 890: Hvhg. hier und im Weiteren von HI].
Und Borst sieht ein interessantes Detail: Die fränkischen Frühschriften zwischen ca. 720/780 blieben fast durchwegs nur in einer Handschrift erhalten, die so vorläufig notiert war, dass eine buchstabengetreue Wiedergabe sowohl für den heutigen wie schon für den karolingischen Leser unverständlich blieb. Dagegen sind die späteren Schriften in zum Teil sehr vielen Codices überliefert und sprachlich regelrecht normiert [B. 178].

2. Umdatierungen

Borst kann nicht verständlich machen, dass fränkische Gelehrte ihrem ersten Kaiser zuliebe einen intellektuellen Höhenflug starteten, den sie bald nach 820 vollständig abbrechen, um 10 Generationen später gegen 1120 denselben Höhenflug neuerlich zu starten. Deshalb wird hier – mit Berücksichtigung der Phantomzeitthese – versucht, die vorhandenen Manuskripte neu zu datieren.

2a) Abbo von Fleury

Borst selbst lenkt unser Interesse auf Abbo von Fleury (um 943–1004), neben Gerbert von Aurillac alias Papst Silvester II. (um 950–1003) das zweite mathematisch-astronomische Genie, das einen „Markstein in der Komputistik, den größten nach Beda und vor Bacon“ gesetzt hat [B. 1998, 326]. In Fleury, dem zweiten Begräbnisort des hl. Benedikts, dem heutigen St-Benoīt-sur-Loire, gab es eine seltsam verzögerte Entwicklung.

„Ein westfränkischer Schwerpunkt der Komputistik bildete sich schon seit der Mitte des 9. Jahrhundert in der Abtei Fleury aus. Doch ließ die nächste energische Zusammenfassung, die dann tatsächlich von Fleury ausging, noch fast zweihundert Jahre auf sich warten und war das Werk eines einzelnen Gelehrten, des Abtes Abbo von Fleury. In seinem ‚Computus vulgaris‘ (Abbo Comp.) verarbeitete er seit den 980er Jahren noch viele einzelne Anregungen aus karolingischen Schriften, vor allem aus der Salzburger Enzyklopädie [anno 818; HI]. Aber im ganzen löste er die Komputistik aus den literarischen Traditionen des Frühmittelalters und den politischen Innovationen der Karolingerzeit und richtete sie auf hochmittelalterliche Naturbeobachtung und Nationalkultur aus“ [B. 1377].

Schon hier drängt sich eine alternative Sicht auf: Wurde ab ca. 980 jener Weg beschritten, der dann ab ca. 1120 zu einer ganz neuen Art wissenschaftlicher Literatur bzw. zur Hochscholastik führte? Dann ginge es gar nicht um den großen Sprung von 789 bis 1120, sondern um einen kleineren von 789 bis 980. Nachdem ein Kalender noch keinen gut gegliederten Text darstellt, ist diese neue Variante im Auge zu behalten. Die Entwicklung zwischen 980 und 1120 entspräche auf jeden Fall einem ganz anderen, ebenso von innovativer Pragmatik bestimmten Aufschwung: der Gewölbeentwicklung zwischen 980 und 1120 – vom kleinsten Gewölbe bis zur Vierung des Speyrer Doms [Illig 1996, 216 ff.].

Während der vollständigen Gewölbeevolution muss der komputistische Impuls „fast 200 Jahre“, genauer 160 bis 180 Jahre brachliegen. An anderer Stelle vermerkt Borst, dass ein Codex aus London („Lq“)

„um 830 geschrieben [wurde], eher in Lothringen als in Fleury; doch nahm Abbo von Fleury im Jahr 985 den Codex vielleicht nach England mit“ [B. 242].

Antiquarische Vorlieben mögen gut sein; aber nimmt ein progressiver Komputist ein über 150 Jahre altes Manuskript mit auf die Reise? Sicher nur dann, wenn es noch Aktualität und Relevanz besitzt. Hier geht es aber um einen Auszug aus der Aachener Enzyklopädie von 809, Alter 176 Jahre.

Abbo hat eine weitere Liebe zum Alten: Um die nach Beda neu zutage tretende Wahrheit weiterzugeben,
„entwarf Abbo einen immerwährenden Kalender, kunstvolle Tabellen mit Zahlen und Lettern, nach Art karolingischer Figurengedichte, aber viel zu umfangreich, um auswendig gelernt zu werden“ [B. 1990, 47].

Wir sehen hier den Gleichklang etwa mit Hrabanus Maurus (~780–856), der letztes Jahr wegen seines 1150. Todestages und wegen seiner Figurengedichte gefeiert worden ist [vgl. Illig 2006a, 146].

Setzen wir probehalber Abbos scheinbar weit entfernte Vorläufer tatsächlich dicht vor ihn. Abbo arbeitete ab 978 an seinem Computus vulgaris, der ihn bis zu seiner Ermordung beschäftigt hat. Bei seinem Aufbruch zum Kloster Ramsey, samt jenem alten Manuskript, war er noch mitten im kraftvollen Schaffen; drei Jahre später, ab 988, dem Jahr seiner Abtsweihe, blieb ihm nur wenig Zeit für die Wissenschaften.

Weil die Salzburger Enzyklopädie von 818 keine Wirkung mehr in den sog. karolingischen Zeiten gezeigt hat, also auch keine Folgen zu berücksichtigen sind (obwohl sie bis ins 12. Jh. kopiert worden ist), verrücken wir die entsprechenden Enzyklopädien von Aachen (809) und Salzburg (818) versuchsweise um 170 Jahre auf 979 und 988. Dann wären sie der letzte Ausläufer des frühmittelalterlichen Denkens, während Abbo bereits das Tor zur „hochmittelalterliche[n] Naturbeobachtung und Nationalkultur“ [s.o.] aufstößt.

Das komputistische Wissen des Abendlandes rührte nicht aus Himmelsbeobachtungen her, sonst wäre das Abdriften des Frühlingspunktes bereits vor 1000 bemerkt worden. Es wurde formuliert, als in Córdoba 961 Arib ben Sad al-Katib bereits den Himmel beobachtete und das Vorrücken der Tagundnachtgleiche auf den 16.3. im Kalender vermerkte. (Aribs Wert ist für uns nicht trennscharf, entspricht er doch dem aufgelaufenen Fehler seit Cäsar ohne Phantomzeit, doch genauso dem Fehler seit Nicäa mit Phantomzeit – in beiden Fällen vom 21.3. als Ausgangspunkt gerechnet). Abbo bemerkt erst Jahrzehnte später, um 1000, das einschlägige Datum sei nun der 18.3., doch das ist noch keine präzise Beobachtung [vgl. Illig 1999, 53 ff.]. Gegen 1074 schrieb Bernold dann zum 16. März: Equinoctium modernorum und zum 16.12.: Solsticium hiemale modernorum [B. 1998, 216].

Verständlich wird so der Umstand, dass noch um 1040 auf der Reichenau unter Abt Bern karolingische Handschriften gewälzt werden mussten, um mit dem Computus Augiensis ein neues Handbuch der Zeitrechnung zu verfassen [B. 1995, 215]. Wenn hier ein konservativer Wind wehte, dann brauchte es nicht zu verwundern, wenn auf die Libri computi von 809→979 zurückgegriffen wurde. Hermann der Lahme (1013–1054) sollte gerade in dieser Abtei für frischen Wind in der Komputistik sorgen.

Die vor 809 entstandenen 14 „karolingischen Schriften“, die von Borst ab 721 datiert werden, müssen nicht 88 Jahre abdecken, wenn wir erfahren, dass gerade ihr ältester Vertreter, das aquitanische Vorwort zur Ostertafel von 721 einzig und allein in einer spanischen Handschrift von 1056 vorliegt. Sie enthält als „gegenwärtiges Jahr“ das 722. nach Christi Geburt [B. 331]. Diese Datierung müsste Borst stören, denn die Verbreitung dieser Datierungsweise soll erst Beda Venerabilis mit seinem Hauptwerk von 725 befördert haben – doch stört er sich nicht daran. Eine derart unbedeutende Schrift wäre sicher nicht 335 Jahre später kopiert worden; dieser Abstand darf viel geringer ange nommen werden. Es scheint also möglich, diese kleineren Schriften zur Gänze zwischen 929 und 979 unterzubringen – das sind etwa 50 gegenüber 88 bisherigen Jahren.

2b) Beda Venerabilis

An der Reihenfolge dieser Frühschriften muss nichts geändert werden, denn bis 792 kennen sie Bedas Werke nicht [B. 463] – und zwischen 792 und 818 sind diese noch umstritten. Die Aachener Enzyklopädie von 809 bringt Bedas De natura rerum. So errang Bedas Naturbuch mitsamt dem Namen seines Autors „im fränkischen Kontinent Heimatrecht“ [B. 1064]. Die Salzburger Enzyklopädie (818) nennt Bedas Namen, wenn sie seine Naturgeschichte lückenlos wiedergibt; außerdem bringt sie eine anonym gehaltene Blütenlese aus Bedas De Temporum ratione.

„Dieses klare Bekenntnis zu Beda besiegelte seinen wissenschaftsgeschichtlichen Triumph. Den Bearbeitern wird nicht entgangen sein, daß sie damit der gesamten fränkischen Komputistik zwischen 721 und 809, auch dem Einspruch ihres Erzbischofs um 802, die Kanonisierung Bedas als Endziel unterstellten“ [B. 1372].

So hätte sich in der herrschenden Lehre Beda mühsam binnen 93 Jahren durchgesetzt. Das wirkt für ein derart epochales Werk fast irreal. Wenn wir der Durchsetzung Bedas jene 26 Jahre einräumen wollen, die sich aus der Tabelle ergeben (792–818), dann errechnet sich aus

703 →940 De temporibus,
703 →~940 De natura rerum,
725 →962 De Temporum ratione.

(Die Umrechnung schließt die Option ein, noch weitere zehn Jahre vorzurücken.) Das korrespondiert mit dem Umstand, dass um 993 das Interesse für Bedas Schriften neu aufflammte, übersetzte doch der Klosterlehrer Ęlfric Grammaticus, der bedeutendste altenglische Prosaschriftsteller, knappe Auszüge seiner drei Bücher ins Angelsächsische [B. 1995, 214]. Das muss im Abstand von 30 Jahren weniger verwundern als nach fast 270 Jahren, steht dann aber für Erstentdeckung, nicht für ein erneutes Aufflammen.

Die Tabelle auf S. 158 zeigt für den Abstand zwischen Schöpfung und Christi Geburt anfangs 11 Mal das Rechnungsergebnis von Eusebius/Hieronymus (nur beim Langobardischen Zwiegespräch vermutet Borst Bezug auf eine byzantinische Rechnung). Erst die karolingischen Enzyklopädien entscheiden sich für Bedas Kurzansatz. Hätte sich dieser bedanisch-karolingische Impuls durchgesetzt – wozu er in herrschender Chronologie genügend Zeit gehabt hätte –, dann hätte sich das weitere Mittelalter überhaupt nicht mehr mit Weltjahren herumgeschlagen. Nur bei Streichung der Phantomjahre verlieren die sog. karolingischen Enzyklopädien mitsamt Bedas Jahreszählung jede Wirkmächtigkeit, werden sie doch kurz nach Abfassung vom Millenniumswechsel ‘weggespült’. Egal, ob nun die Menschen vor dem Jahr 1000 zitterten oder nicht – ihren Einfluss entfaltete die falsche oder richtige Rechnung allein aus dem Umstand: 1.000 Jahre nach Christi Geburt.

So ist Beweismaterial genug bereitgestellt, um die sog. frühkarolingischen Schriften zur Komputistik – wie zunächst nur vorgeschlagen – tatsächlich aus dem 8. ins 10. Jh. zu übertragen.

3. Schöpfungsären

Diese Umdatierung wirft auch neues Licht auf die verschiedenen Schöpfungsrechnungen (AM = annus mundi). Christentum wie Judentum haben verschiedene Rückrechnungen auf den Schöpfungsbeginn angestellt, wobei es auch darum ging, vorwitzig die Gesamtdauer der Schöpfung rechnerisch zu antizipieren. Nach dem bekannten Bibelwort: Vor Gott sind 1.000 Jahre wie ein Tag, wurden aus 7 Schöpfungstagen 7 Weltjahre, also 7.000 Jahre gewonnen; Gottes Menschwerdung wurde analog zur Erschaffung des Menschen am 6. Tag im 6. Jtsd. gesehen, wobei der genaue Tag mehrfach festgelegt wurde. Unklar blieb, wie das Ruhen Gottes am 7. Tag einzustufen war: Jüngstes Gericht nach 6.000 Jahren, oder ab da das tausendjährige Reich des Antichristen oder 1.000 Jahre Reich Christi mit einem irdischen Statthalter. Verschiedene Rechner legten Christi Geburt in verschiedene Jahre (Umrechnungsschwankungen bis zu 1 Jahr vernachlässigt):

Jahr Urheber Christi Geburt im Schöpfungsjahr AM
203 Julius Africanus 5500
303 Eusebius (auch Hieronymus) 5199/5200
412? byzantinisch (Panodoros) 5493
691? byzantinisch 5509
725 Beda 3953
1150? jüdisch 3761
1650 James Ussher 4004

Die jüdische Ära ist erst unter Maimonides kanonisiert worden, also nach 1150 (bis dahin gab es konkurrierende Ansätze, die bis um 5 Jahre abwichen [Illig 1999, 131]). Africanus beließ dem Diesseits eine Restdauer von lediglich 297 Jahren. Eusebius verlängerte für seine Zeit auf 497 Jahre, woran sich noch die Krönung Karls d. Gr. taggenau hielt. Diese Sicht zieht sich durchs ganze Mittelalter, bis hin zu Hartmann Schedel, 1493. Er rechnet von der Erschaffung Adams bis zu Christi Geburt „vm.cxcix. iar“, al